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Full text of "Monatsschrift des Wissenschaftlichen Vereins in Zürich"

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'^. /^ St. 



VeröfiFentlichungen 

des 



Wissenschaftlichen Vereins 



Zfirich. 



Erster Band. 

Monatsschrift. Erster Jahrg^ang. 






ZÜRICH, 

Verlag von Meyer & Zeller. 

1856. 



Monatsschrift 

WI SSEMSCHAFTLI CHBN VEREINS 

in 

ZÜRICH. 

Herausgegeben von dem RedactionsauBSchuss desselben : 

Feeoinand Hitzig, Eduard Osesbrüggen , Heinrich Frey, 
^-^ Adolf Schmidt, Eduard Bobrik. 

(Hauptred.: Adolf Schmidt.) 

sssäs^«2s&i I? «sl ^ isi <& ^ sr <s » 

1856. 



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züracH, 

Verlag von Meyek & Zellek. 

1856. 



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WISSINSGHAFTLICHEN VEREINS 



ZÜRICH. 

Henmsgegeben von dem Itedactionsaussclmss dcss.^lbeii : 

Ferdinand Hitzig, Eddard Osenbrüggen, Heinrich Frey, 
Adolf Schmidt, Eduard Bobrik. 

(Hauptred.: Xuoj.v ScHMiDr.i 



(Erstes ifft. 



mim: 

V,.,:, ,,. V . N M, , , . 

1856. 



freiH riir den JAhrg;nng 4 'JThlr. = 14 Fr. 



Der Hauptbestandtlieil dieser Zeitschrift ist selbstständigen, von den Ver- 
fassern unterzeichneten Aufsätzen aus allen Zweigen der "Wissenschaft gewidmet, 
mit dem Zweck : die Ergebnisse gründlicher Forschung in möglichst anziehender 
und anregender Foim darzulegen und dergestal^ wie eine unmittelbare Förde- 
rung der Wissenschaften, so namentlich auch eine Vermittlung derselben unter 
sich anzustreben. Grössere Recensionen sollen nur in selteneren Fällen Platz 
finden, kurze Notizen aber und gelegentliche Urtheile über neue Erscheinungen, 
sowe Berichte und Anfragen in dem Anhang mitgetheilt werden. 

Iirlialt öc? borlitgtitbrn: |)eftcs, 

Forwort des liedactionsansschussen ....... 1 

Aushildung der konfessionellen Verhältnisse in Zürich nach Ztcinff/i's Tode 

und Einfl.uss derselben auf das Staatsleben. Von J. J. Hottinoer 5 

Der Centralpunkt des Verbrechens. Von Ed. Osesbbüoge» ... 24 

Diagnose des gegenioäHigen Zeitalters. Von A». Schmidt. Erster Artikel. 42 

Zum Evangelium der Beliräer. Von Fritzsciik ..... 56 



Die nächstfolgenden Hefte werden Beiträge enthalten von Hitzio, Fre\, 
Lebert, Raabe, Bobrik, Fkitzsche, Schmidt, Städeler und Anderen. 



Zusendungen an die Redaction werden portofrei oder auf dem Wege des 
Buchhandels erbeten. 



(icgeittoärtiije pitglükr bts äätis-scHsc^aftlix^en iötrciiTs : 

J. J. Hottinoek, Präsident. Alex. Schweizer, Vicepräsident. Dernbübo, Sekretär. 

Bobrik. Clavshis. Escher v. d. Listh. H. Frey. Fritzsche. Heer. Hitzig. 

Lebert. Movssos. Nägeli. Osenbrügoen. Raabe. Ad. Schmidt. H. Scetweizer. 

G. Semper. Städeler. F. Vischer. G. v. Wtss. 



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'b 




VORWORT. 

In keiner Epoche .sprudelten die Quellen des Wissens mit .so reger 
Lebendigkeit und so gewaltiger Fülle, wie in der Gegenwart. Be- 
gleitet von der eifrigsten Theilnalnne der Völker wie der Einzelnen, 
genährt und gedrängt durch die immer höher ansteigende allgemeine 
Geistesbildung, haben sie sich zu einem Strome von wunderbarer Mäch- 
tigkeit vereinigt und einen fast' unübersehbaren üppigen Anfwuchs der 
wissenschaftlichen Literatur wahrend der letzten Jahrzehnte empor- 
getrieben. 

Wohl dürfte es auf den ersten Anblick misslich erscheinen, 
gerade iu dem jetzigen Zeitpunkte einer überreichen periodischen Li- 
teratur der Wissenschaften, dem Heere von Zeitschriften, Journalen, 
Revuen oder wie sonst die Ritter und Reisigen heissen mögen, einen 
neuen Gefährten beizugesellen. Ja , man könnte unser Unternehmen 
für um so bedenklicher erachten, als es nicht ein einzelnes Fach ist, 
dem wir unsere Monatsschrift widmen wollen, sondern die Gcsammt- 
heit der Wissenschaften, all" jeuer zahlreichen, anscheinend so grund- 
verschiedenen und noch fort und fort sich vermehrenden Discipliuen, 
wie sie der Entwickelungsgaiig des menschlichen Geistes im Laufe der 
Zeiten hat entstehen und sich sondern lassen. 

Und dennoch gerade in diesem allgemeinen Charakter imsers 
Unternehmens liegt — wie wir glauben — seine Rogttfertigung. 

Vergleichen wir unser gegenwärtiges wissenschaftliches Besitz- 
thum mit demjenigen älterer, längst vergangener Tage — wie 
überaus reich stehen wir da, wie dürftig und arm unsere Vorfahren! 
Und was ist nun die Folge ? Während in alter Zelt der kleine Stoff 



mit Leiclitigkeit bewältigt \md übersehen werden konnte, und demnach 
den Geistern vergönnt war, in dem ^'er.ständniss der liarmonischen 
Vereinigung aller einzelnen Disciplinen zur Gesannntwissenschaft den 
höchsten und edelsten Genuss zu .suchen und zu finden — wie ganz 
anders, wie unerquicklich und chaotisch ist in dieser Beziehung die 
Lage der Gegenwart ! Umfluthet vuu den unendlichen Schätzen der 
Wissenschaft, gleicht sie dem überreichen Besitzer, der die wuchernde 
Fülle seiner Habe nicht mehr zu überschauen vermag und der daher 
auf den Genuss des Ganzen verzichten muss, um sich die P^reude am 
Einzelnen zu bewahren. Füllt doch schon das Studium eines beson- 
dern Zweiges — wer möchte es läugncn — ein ganzes Leben, und 
war' es das längste und thätigste, zur Genüge aus! Indem es aber 
dergestalt die ganze geistige Energie für sich allein in Anspruch 
nimmt — was ist natürlicher, als dass wir mehr und mehr dahin ge- 
langen müssen , uns zwar in den einzelnen Gemächern des Gesammt- 
baues immer wohnlicher einzurichten, zugleich aber auch in ungeselliger 
Häuslichkeit uns immer fremdartiger, ja feindlicher von einander ab- 
zuschliessen ? 

Bekennen wir es ofl'en: durch die Hingabe an das Einzelne ward 
der Sinn für das Ganze abgestumpft. Die Einsicht in die harmo- 
nische Gliederung der Gesammtwissenschaft , in das ineinandergreifende 
Gefüge der Theile , in die Wechselbeziehungen der verschiedenen 
Fächer, ist gegenwärtig eine geringere, als sie es in alten, oft mit- 
leidig belächelten Zeiten wai-. Kein Wunder, wenn dieser Thatsache 
gegenüber sich dann auch neuerdings mehr und mehr das Bedürfniss 
fühlbar macht, den verlorenen Faden des Zusammenhanges wieder 
aufzufinden, festzuhalten und möglichst fortzuspinnen ! Und erklärt sich 
nicht eben aus diesem neuerwachenden Drange der ausserordent- 
liche Beifall, der dahin zielenden Versuchen, von befähigter Hand 
unternommen, in jüngster Vergangenheit zu Theil ward? Erklärt sich 
nicht gerade hieraus namentlich jener Zauber, den das Bestreben eines 
grossen gefeierten Forschers , die im Einzelnen rastlos erweiterten 
Naturkenntnisse zu einem lebendigen Gesammtbilde zu verweben, 
auf den edleren Bestandtheil der Mitwelt und zumal der deutschen 
Nation ausgeübt hat V Und in dieser Richtung nun auch unsererseits 
zu wirken soweit es das bedingte Maass der Kräfte gestattet, die 



mannigfaltigen Beziehungen der verschiedenen Zweige des Wissens zu 
einander und zu dem üesanimtleben der Erkeiintniss aus dem Schatten 
wieder an das Licht hervortreten zu lassen — das vorzüglich war der 
Wunsch und die Absicht, die den Entschluss zur Herausgabe dieser 
periodischen Blätter gezeitigt hat und wodurch wir glauben, ihr Er- 
scheinen verantworten zu können. 

Es liegt uns fern , die grossen und zahlreichen Schw-ierigkeiten 
zu unterschätzen, die sich einem derartigen Unternehmen entgegen- 
stellen. So sehr wir jedoch unsererseits gesonnen sind, nicht davor 
zurückzuschrecken : so zuversichtlich erwarten wir auch auf der andern 
Seite, dass der Leser unserm Versuche, zumal in seinen notliwendig 
schwankenden Anfängen, eine wohlwollende Nachsicht werde ange- 
deihen lassen. 

Allerdings erheben wir mit der obigen Darlegung unserer Ab- 
sichten eine gesteigerte Anforderung an die Mitarbeiter der Monats- 
schrift. Nicht mehr genügen wird es, die Ergebnisse der Forschungen 
einfach mitzutheilen; auch die Form wird grosser nachhaltiger Sorg- 
falt bedürfen. Nur mittelst einer durchsichtig klaren, möglichst ge- 
meinfasslichen Behandlung kann es gelingen, einen gemischten wissen- 
schaftlichen Lesei'kreis zu erwerben. Glückt es aber, die vorgesteckten 
Zielpunkte annähernd zu erreichen : dann wagen wir sogar auf einen 
noch ausgedehnteren Kreis zu rechnen , auf denjenigen der Gebildeten 
überhaupt. 

Wir berühren hiermit die Frage von der Popularisirung der 
Wissenschaften. Nichts wahrlich liegt uns ferner, als jener matten imd 
schwächlichen Oberflächlichkeit das Wort reden zu wollen, die gegen- 
wärtig unter dem lockenden Namen volksthümlicher Darstellung so 
zahllose literarische Erzeugnisse aus dem Boden liervorwuehern lässt. 
Dem Studium selbst bringen diese keinen Gewinn; dein Ernste der 
Wissenschaft treten .sie oft als Entweihungen entgegen; ün- grösstrs 
Verdienst dürfte darin bestehen, dass sich schon mancher grüudliclie 
Forscher, um ihnen entgegenzuwirken, zu geschmackvollerer Behand- 
lung, zu vollendeteren Formen und zur Nacheiferung dem hierin voran- 
schreitenden Ausland gegenüber bewogen fand, fnd nicht jene, nur 
diese Art der Popularisirung ist es, die auch wir erstreben. Tief er- 
gründen und das Ergründete verständlich und anregend darlegen: das 



_ 4 — 

sei unsere Losung — um dem Ernste der Wissenschaft, soweit unsere 
Stimme reicht, immer ;iusgcdehnteren Eingang und Anhang zu ver- 
si'luitif'en. 

Möge es uns dergestalt gelingen, auch für diejenigen Zweige der 
Wissenschaft, welche nicht muuittelbar praktisch in die Lebensthätig- 
keit der vielgeschiiftigcn Gegenwart eingreifen, welche nicht die ma- 
teriellen Interessen unserer Zeitgenossen zu fördern geeignet sind und 
darum zur Stellung von Stiefkindern herabzusinken drohen — möge 
es uns gelingen, auch für sie Avieder Theilnahnie und Liebe zu er- 
wecken! Denn jede Wissenschaft ist gross in sich selbst, und — mehr 
als die Materie gilt der Geist. 

ZÜRICH, den 30. Dezember 1855. 

Der Ke(la(*tioiisaiis.scIuis.s. 



AUSBILDUNG DER KONFESSIONELLEN VERHÄLTNISSE IN ZÜIilCH 

NACH 

ZWINGLI'S TODE 

UND 

KINFLUSS DERSELBEN AUF DAS STAATSLEBEN. 

Von J. J. UOTTINGER. 

Katholizismus und Protestantismus in ihren Prinzipien. 

Die Kirche, wie sie vor der Reformation bestand, hatte einen 
eben so unabhängigen und ausgedehnten als mit der Staatswohlfaln*t 
eng verbundenen Wirkungskreis. Sie war ein die ganze Christenheit 
umfassender, künstlich gegliederter, anch in seiner iuissem Erscheinung 
überschaubarer Organismus, geleitet durch eine fortwährend sich selbst 
ergänzende , bevorrechtete , den Laien unverantwortliche Aristokratie, 
die Priesterschaft , von der allein oder hauptsächlich die Kirchenlehre 
und die Kirchenverfassung , die Volkserziehung und die AYohlthätig- 
keitsanstalten ausgingen. Die einzelnen Staaten standen als Abthei- 
lungen der Christenheit nicht neben dem allgemeinen .Organismus, son- 
dern in demselben. Allerdings blieb ihnen die Pflege der matei-iellen 
Interessen, insoweit dieselben nicht mit denjenigen der Kirche in Kon- 
flikt kamen; die Feststellung und Erhaltung der Rechtsformen, die 
Sorge für innere und für äussere Sicherheit überlassen, ja die Kirche 
selbst forderte ihren Schutz gegen allfällige Angriffe und bedurfte des- 
selben, indem sie weder über eine AVaffenmacht gebieten konnte, noch 
ein Strafrecht über die Laien bcsass; allein sie forderte dieses nicht 
als eine Leistung des freien Willens der Regierungen, sondern als 
eine Pflicht derselben gegen Gott, in dessen Namen sie handle, wäh- 
rend sie unstreitig zugab, dass auch die Regenten ihre ^Licht von 
Gott erhalten hätten, aber unter Vermittlung der Kirche, welche des- 
nahen die kii-chliche Weihe ihnen crtheilen oder versagen , ja auch 
durch Kirchenbann sie ihnen entziehen könne. Allerdings war der 
Gedanke eines die ganze Christenheit umfassenden religiösen Verbandes 



ein grossartiger, und der Grund der i^usartung der Kirche lag keines- 
wegs in der Idee an sich, wolil aber in der Foi-m, unter welcher 
dieselbe nach dem römischen Systeme sich darstellte , und von dieser 
Form nur, nicht aber von der allgemeinen christlichen Kirche selbst 
hatten Regierung und Volk des Kantons Zürich bei Annahme der 
Reformation sich losgesagt. Indem sie aber damit zugleich die auf 
eine bestrittene Tradition begi-ündete Autorität der römischen Kurie 
ver\varfen und die ehizige Grundlage christlichen Glaubens und Thuns 
im Evangelium suchten , gedachten sie auch die Fonn , welche an die 
vStelle der aufgegebenen treten sollte, zunächt in diesem zu finden. 

Allein eine solche in irdischem Organismus sichtbar sich dar- 
stellende Form hatte Christus selbst seiner Kirche absichtlich gar nicht 
gegeben, keineswegs weil nicht auch er das Bedürfnis« einer Form 
für jede zu gemeinsamen Zwecken sich vereinigende Gesellschaft an- 
erkannte, sondern weil diese Formen je nach der Eigcnthümlichkeit 
von Zeit und Ort verschieden sein müssen , während die wahre Ein- 
heit im Geiste, im Wesen liegt, ja weil der Geist, in eine und die- 
selbe Form gepresst, diesem Drucke erliegt, während gerade der 
grössten Mannigfaltigkeit der Formen auch das reichste geistige Leben 
entspriesst. Darum auch beschränkte sich, was er in formeller Be- 
ziehung verordnetei^ lun seine Jünger auch in sichtbarem Bruderver- 
bande vereinigt zu halten, auf die einfache, aber tiefe Symbolik, wie 
sie in Taufe und Abendmahl sich ausspricht und mit sichererm Erfolg, 
als bei einer gerade durch ihren Organismus allem Wechsel und irdi- 
schen Irrthum unterworfenen Gesellschaft, suchte er das wahre Ver- 
ständniss seines innersten Wesens unmittelbar in den Individuen. Ihren 
imsterblichen Geist wollte er stärken und heiligen durch die dem 
Evangelium entströmende Kraft seines eignen, während er es ihnen 
überliess , die auch für einen irdischen Bmiderverband nöthigen Formen 
je nach Bedürfniss selbst zu finden. Aus. diesem Grunde hat auch 
der Protestantismus, mit Beseitigung besonderer Vorrechte einer dem 
Staate imverantwortlichen Priesterklasse, den Priesterberuf jedes ein- 
zelnen Christen, sobald er aus innerer Weihe zu Tage tritt, anerkannt. 

So standen denn römischer Katholizismus und Protestantismus, 
von verschiedenen Prinzipien ausgehend, neben einander: der Katholi- 
zismus, die Kirche Christi, auf die Tradition sich stützend, in irdi- 
schem Organismus , mit Einheit sowohl der Form wie des Wesens 
findend ; — der Protestantismus , dieselbe nur in der geistigen Einheit 
und unmittelbaren Verbindung der Individuen mit dem göttlichen 
Haupte suchend, mit der Berechtigiuig derselben zur eignen Wahl oder 
Gestaltung auch manigfaltiger Formen ihres irdischen Bruderverbandes. 



Begründang der ztircheriscben Landeskirche. 

Gehen wir min nach dieser iiothwendigen F'eststelhing des Stand- 
punktes für unser Urtheil im Allgemeinen auf die konfessionellen Zu- 
stände des Kantons Zürich im Besondern über. Als von diesem eine 
Reformation nothwendig gefunden und beschlossen wurde, erhob die 
bestehende Kirche Protestation gegen dieselbe. Hätte damals schon 
in Zürich die, vorzüglich in Nordamerika zur Geltung gelangte, .An- 
sicht gewaltet, dass der Staat in Religions- und kirchliche Ange- 
legenheiten sich nicht einzumischen habe, so würde vermuthlich ein 
Theil der Bewohner des Kantons, durch die bischöflichen und später 
auch päpstlichen Erlasse geschreckt, bei der römisch-katholischen 
Kirche geblieben sein , ein andrer hätte sich vielleicht um Zwingli , 
oder auch andere Führer gesammelt, die dann gewissermassen im 
Lichte blosser Sektenstifter erschienen wären, die schlechtesten aber 
wahrscheinlich von aller Religion sich losgesagt. Allein das gesammtc 
zürcherische Volk, welches den unabhängigen Kanton, den selbst- 
ständigen Staat bildete, wollte ein christliches bleiben, an dem Grund- 
gedanken der allgemeinen Kirche festhalten*) und nur von der Form, 
welche das Papstthum derselben gegeben hatte, sich lossagen, und so 
gestaltete es sich für gemeinsame Religionsübung aus eigener \ oll- 
macht, so weit diese und seine Gränzen reichten, zu einer christlichen 
Landeskirche, wodurch dann seine Reformation neben derjenigen an- 
derer Staaten und auch der katholisch gebliebenen AVeit gegenüber 
erst den nöthigen Halt und die nöthige Würde empfing. Ganz na- 
türlich wurde es nun die Pflicht und Aufgabe der in seinem Auftrage 
handelnden Regierung mit Unterstützung Zwingli's und derjenigen 
feiner Aratsgenossen , welche dazu die nöthige Befähigung besassen, 
für diese Landeskirche auch diejenige Form zu finden , welche für 
den Nationalcharakter und die religiösen Bedürfnisse des zürcherischen 
Volkes die zweckmässigste war. Diese Aufgabe indessen hatte ihre 
eigenthümliche, bald, und mit der Folge der Zeiten wiederholt zu 
Tage tretende Schwierigkeit. Die Gefahr konnte von zwei Seiten 
konmien , von Seite der einzelnen Individuen wie von der Staatsbe- 
hörde selbst. Von dem Augenblicke an, wo nämlich die heiligen 
Schriften als die höchste Autorität in Religionssachen anerkannt wur- 
den, konnte auch dem einzelnen Laien nicht mehr, wie dieses in der 
römischen Kirche geschah, die Prüfung und die eigene Deutung der- 
selben entzogen bleiben. Hier aber lag in der Dunkelheit einzelner 

*) Siehe liierüher die Erklärungen der sämmtlichen Gemeinden des Kantons vom Jahr 
1624, bei fUstU, Beitr. 3. Kirchengesehichte III. 106 ff. Sieblieben dabei auch nach dam 
unglücklichen Ausgang des Kappelerkrieges. Hotlinger : Gesch. d. schw. Kirchtutrennung 
II. 441. 



— 8 — 

Bücher, in der nicht immer übereinstimmenden Darstelhmg derselben 
Vorfälle- oder Aeusserungen' durch ihre Verfasser, in der Eigenthüm- 
lichkeit der morgenländischen Schrift- und Bildersprache, im Ab- 
weichenden oder Schwankenden der Uebersetzungen die Möglichkeit, 
dass selbst fromme und wissenschaftlich gebildete Männer in ihrer Auf- 
fassung einzelner Stellen völlig verschiedener Ansicht sein konnten, 
wie hinwieder dass Andere in schwärmerischer Verblendung oder für 
persönliche Zwecke aus dem Zusammenhang gerissene Schriftworte zur 
Begründung gefährlicher Lehren mit dem Beifall einer noch ungebil- 
deten und aufgereizten Menge missbrauchten. 

Der erstere dieser Fälle trat in der Spaltung zwischen Luther 
und Zwingli wegen der Abendmahlslehre, der zweite in den Aus- 
schweifungen der Wiedertäufer zu Tage. x\ber auch in entgegenge- 
setzter Richtung, von Seite der Staatsgewalt, Hess sich eine Gefähr- 
dung der Reformation und der neuen Landeskirche gedenken, wenn 
nämlich die Regenten, zufrieden allerdings, das drückende, ja in meh- 
reren Beziehungen untergeordnete Verhältniss, in welchem sie bisher 
zur römisch-katholischen Kirche gestanden hatten, gelöst zu sehen^ 
es vergassen, dass diese Lösung nur unter der Bedingung zu Stande 
gekommen war, dass sie selbst von wahrhaft christlichem Geiste er- 
füllt, den zum kirchlichen Amte berufenen Predigern des Evangeliums 
jederzeit die volle Freiheit des auf dieses sich stützenden AVortes ge- 
statten und dass sie nie ihre Stellung als nunmehrige Aufsichtsbehörde 
der Laudeskirche bei vielleicht eintretender eigner Gleichgültigkeit 
gegen das Christenthum eher zur Schwächung als zur Kräftigung der 
Volksreligion missbrauchen. Das sicherste Schatzmittel gegen alle 
diese Gefahren lag neben der nun unentbehrlich gewordenen Verstan- 
des- wie Gemüthsbildung des Volkes, bei welcher das Christenthum 
erst in seinem wohlthätigen Einfluss auch auf das gesellschaftliche und 
Staatsleben anerkannt werden konnte, in der Einsicht, der Wissen- 
schaftlichkeit, dem Charakter und der von glaubensloser Lauheit wie 
vor denkscheuer Engherzigkeit gleich fernen, fortwährend auf's Prak- 
tische gerichteten Berufsthätigkeit der Geistlichen. In diesem Sinne 
hatte auch Zwingli seine Aufgabe gefasst, Bullinger von ihm dieselbe 
aufgenommen. Die Geschichte muss nun zeigen , wie, bald mit glück- 
licherem , bald mit weniger glücklichem Erfolg für Staat und Volk, 
in Bezug auf das Hekenntniss , den Unterricht, den Kultus und die 
Kirchenverfassung dieselbe auch durchzuführen versucht ward. 

Das Bekenntniss. 

Um dem römischen Katholizismus gegenüber einen festern Stand- 
pvmkt und für die eigenen Religiousverhältnisse, insofei'u auch diese 



— 9 — 

nacli der damaligen Zeitlage bei politischen Verhandlungen in Frage 
fallen mnssten, staatsrechtliche Anerkennung zu gewinnen, wurde als 
Ilauptbedürfniss für die ziirciicrsche Landeskirche eine öffentliche Er- 
klärung über Glauben und Lehre derselben betrachtet. Es liegt in 
der Natur der Sache, dass ein solches Bekenntniss bei einsichtsvollen 
Freunden der Religion nm so leichtern Eingang und auch bei unbe- 
fangenen f>taatsniännern um so gerechtere Würdigung finden musste, je 
klarer und einfacher dasselbe war, je mehr es sich auf das Wesent- 
liche, ohne welches ein positives Christenthum nicht gedacht werden 
kann , beschränkte , je freiem Spielraum es hingegen allem bloss For- 
mellen Hess, Allem, was weniger in einverstandener Handlungsweise 
als nur im vieldeutigen Buchstaben seinen Ausdruck findet und daher 
ohne Nachtheil füs das Staatswohl oder die Sittlichkeit der Gesell- 
schaft ganz ruhig dem Gewissen jedes Einzelnen überlassen werden kann. 

Unter allen Reformatoren hat Zwingli dieser freiem Ansicht am 
nächsten gestanden; deim als im Jahr 1530 in Folge einer kaiser- 
lichen Aufforderung beim Reichstage von den protestantischen deutschen 
Fürsten und Reichsständeu das durch Melanehthon abgefasste soge- 
nannte Augsburgische Glaubensbekenntniss übergeben ward, sandte 
Zwingli an den Kaiser ebenfalls eine ausführliche Darstellung seines 
Glaubens und seiner Lehre ein, jedoch mit dem ausdrücklichen Bei- 
fügen, dass er dieses allein und nur in seinem Namen thue, indem 
er seinem Volke nicht voi-greifen wolle. Nach des Reformators Tode 
wurde aber dieses Glaubensbekenntniss von seineu Amtsgenossen und 
besonders von Bullinger gewissermassen als dessen Vermächtniss be- 
trachtet und spätere Verhandlungen, durch welche auch ein von der 
Landeskirche selbst ausgehendes Bekenntniss erzielt werden sollte , immer 
um Grunde gelegt. 

Dieses geschah auch , als auf Betreiben des Rathes und der Theo- 
logen von Strassburg, welche ihre bisher bestandenen freundschaft- 
lichen Verhältnisse zu den reformirten Schweizern aufrecht zu halten 
imd zugleich mit ihren lutherischen Glaubensbrüdem im Reiche im 
Frieden zu leben wünschten, im Jahr 1536 der Versuch der Abfassung 
eines öffentlichen Bekenntnisses der gesanimten eidgenössischen refor- 
mirten Stände gemacht ward, in der bestimmten Absicht, rücksichtlich 
derjenigen Glaubenspunkte, die zwischen Luther und Zwingli unaus- 
geglichen geblieben waren, dem erstem, so weit es ohne die eigene 
Ueberzeugung preiszugeben möglich war, sich anzunähern. In einer 
Versammlung der Abgeordneten der Städte Zürich , Bern , Basel , 
Schaö'hausen , St. Gallen, Biel und Mühlhausen zu Basel, welcher 
auch diejenigen Strassburgs noch beiwohnten, wurde durch eine Kom- 



— 10 — 

mission, deren Jritgliecler auch Bullinger luul L:< Jiidä waren, ein 
solches Bekenntniss entworfen, angenommen und auch vun den .sänimt- 
Hchen anwesenden geistlichen und weltlichen Abgeordneten unter- 
schrieben. Es ist dasselbe unter dem Namen der „ersten helvetischen 
Konfession" bekannt, ward auch später in deutscher und latei- 
nischer Si^rache gedruckt , jedoch weder im Aiiftrage noch unter offi- 
zieller Bestätigung irgend einer Regierungsbeliörde. So grosse Mühe 
sich aber auch die daran arbeitenden Theologen gegeben hatten , nur 
beim Wesentlichen zu bleiben, kurz und einfach zu sein und schwie- 
rige Streitfragen, soweit es immer anging, fern zu halten, so hatten 
dennoch die Strassburgischen Gelehrten , Buzer besonders , um Luthers 
Forderungen zu geniigen, einige Ausdrücke einzuflechten gewusst, zu 
welchen die Zürcher Theologen ihrer von Zwingli's klarer Anschauungs- 
weise abfülu-enden Dunkelheit und Zweideutigkeit wegen, höchst un- 
gern ihre Zustimmung gaben. Ausdrücklich verlangten daher Bul- 
linger und Leo Judli, dass zur Beruhigung der Gewissen noch fol- 
gender Zusatz aufgenommen werde : „Durch diese Artikel wollen M'ir 
keineswegs allen Kirchen eine einzige Glaubensregel vorschi-eiben, 
denn wir anerkennen keine andre als die heilige Schrift. AVer mit 
dieser übereinstimmt, mit dem sind auch wir einverstanden, obgleich 
er andre, von unserer Konfession abweichende Kedensarten gebrauchte; 
denn auf die Sache selbst und die Wahrheit , nicht auf die Worte 
soll man sehen. Wir stellen jedem frei , sich derjenigen Redensarten 
zu bedienen, welche er für seine Kirche am passendsten glatibt, und 
werden uns auch selbst der nämlichen Freiheit bedienen, gegen Ver- 
drehung des wahren Sinnes dieser Konfession aber ims zu vertliei- 
digen -wissen." 

So wurde auch von Zwingli's unmittelbaren Nachfolgern an den- 
jenigen Grundsätzen festgehalten , mit welchen das tiefste religiöse 
Gefühl und der frömmste Glaube sehr wohl, zugleich aber allein auch 
die acht reformatorische Thätigkeit der Vernunft und Freiheit der 
Forschung bestehen kann, und dieses wiederholte sich, als Luther 
auch durch die erwähnten Friedensversuche der Schweizer unbefriedigt, 
sich auf's neue zu steigernder Heftigkeit, ja zu Schmähungen verleiten 
liess, die wir hier lieber unberührt lassen, noch entschiedener im 
Jahr 1545 durch eine von Bullinger abgefasste Erklärung, welche 
unter Billigung auch der Bernischen Gelehrten und des dortigen Käthes 
erschienen ist. *j Noch ausdrücklicher als bisher wird liier die Glau- 



*) Unter der Aufschrift : „Wiilirliafte BekenntniBs der Diener der Kirche zu Ziiricli , 
Nvtis sie aus Gottes Wort mit der aUgemeinen christl. Kirche glauben und lehren , insbesondere 
Aber von dem Naclitniahl des Herrn u. s. w." 



— 11 — 

heiistVeiluMt der Iinlividueu geschützt und das Recht der eigenen Prü- 
fung auf dem allgemeinen Ghiubensgrundc der heiligen Schrift für die- 
selben in Anspruch genommen: „Wir haben — hcisst es in dem Eingange 
— auch Zwingli und Oekolampadius nicht weiter geglaubt als wir es in 
der Bibel gefunden ; denn wir sie immer als Menschen erkennt haben und 
noch erkennen, die fehlen und irren mögen. Wer uns aus der heil. 
Schrift eines Bessern belehren kann, dem wollen wir gerne folgen." 

Während indessen Männer, die auch über Religionsverhältnissc 
frei und unbefangen zu denken inid zwischen Wesen und Form zu 
unterscheiden vermochten , einer solchen Sprache sich freuten, sah Lu- 
ther bei der Kraft und dem Starrsinn, womit er an seiner Schrift- 
auslegung als der einzig richtigen festhielt, in so schwankenden Aeiis- 
serungen nur neuen Yerrath an der AA'ahrheit, und auch Kahiii, der, 
seit einigen Jahren mit wachsendem Einflüsse in Genf wieder lehrend, 
auch für die reformirte Kirche mehr in romanisch - katholischem als in 
acht protestantischem Sinne Einheit nicht bloss im Wesen , sondern 
zugleich in der Form erzwingen wollte, nannte in einem Schreiben an 
Melanchthon die Erklärung der Züricher mager und kindisch. 

Mittlerweile war durch Kaiser Karls Sieg bei Mühlberg die prote- 
stantische Macht Deutschlands gebrochen worden, Vereinigung und Ein- 
tracht der reformirten Schweizerstände um so dringender. Ihr natürliches 
Panier Avar dem römischen Glaubenszwang gegenüber die Glaubensfrei- 
heit; denn dem persönlichen Papstthum, das mit allen Vortheilen einer 
tausendjährigen Organisation und gestützt auf die jetzt eben sich stolz er- 
hebenden Jesuiten, mit neuen Kräften auf dem Kampfplatze erschien, 
konnte ein blosses Pajistthum des Buchstabens doch unmöglich gewachsen 
sein. NichtsdestoAveniger erblickte Kalvin fortwährend in der auch die 
dunkelsten Fragen umfassenden Einheit der Lehre ein Hauptbedürfniss 
der Reformirten , und um für eine solche wenigstens die schweizerischen 
Landeskirchen zu gewinnen, kam er im Mai 1549, von Farel begleitet, 
persönlich nach Zürich. Nach mehrtägigem Gespräche der beidersei- 
tigen Theologen, dem auch Abgeordnete der zürcherischen Regierung 
beiwohnten, wurde ein sogenanntes „gemeinsames Einverständniss"*) 
rücksichtlich der Abendmahlslehre von sämmtlichen Anwesenden unter- 
zeichnet, kurz und gedrängt, aber in geschraubten und künstlichen Aus- 
drücken, in denen allein die in der Hauptsache dennoch abweichenden 
Ansichten sich scheinbar wenigstens soweit nähern konnten , dass beide 
Theile annehmen durften , bei der Zustimmung dennoch ihrer Ueber- 
zeugung getreu geblieben zu sein. Dieses theologisch - dialektische 
Uebungsstück — mehr kann es für unsere Zeiten wohl kaum noch 

*) Consensio mutua in re sacramentaria ministrorum Tignrina; ccilesite et D- Job. Calvini. 



- 12 - 

sein — wurde hier mit Beifall , dort mit heftigen Anfechtungen auf- 
genommen; allein die Theologen der übrigen Schweizerstädte, mit 
Ausnahme derjenigen von Schaff"hausen und ßiel, fanden den Versuch, 
ohne übrigens eine Missbilligung desselben auszusprechen, überflüssig 
und was bisher zu möglichster Vereinigung in der Bekenntnisssachc 
geleistet worden , für die vaterländischen Bedürfnisse genügend. 

Bei dieser Lage der Dinge konnte die Fortbildung der schwei- 
zerischen Landeskirchen in dogmatischer Beziehung eine freiere bleiben 
als in Deutschland imter der Herrschaft der augsburgischen Konfession 
und bei dem stürmischen Eifer, womit Luthers Nachfolger, noch über 
ihn hinausgehend, Alle die sich ihren Formeln nicht unterwerfen 
wollten , verdanunten. Um so mehr drangen hingegen in Zwingli's 
Geiste Bullinger und seine Amtsgenossen in Zürich auf das den wahren 
Glauben erst offenbarende Thun und wiesen im sittlich thätigen Leben 
die Hauptaufgabe eines christlichen Volkes nach, eine Lehrweise, vor- 
züglich passend für ein republikanisches Land , wo bei dem grösseren 
Spielraum , den die Verfassung der Freiheit des Willens der Indivi- 
duen lässt, die eigene Leitung and Bändigung desselben durch reli- 
giöse Grundsätze um so imerlässliclier wird. Geläugnet kann indessen 
nicht werden, dass seit Bullinger Kalvins nähere und persönliche Be- 
kanntschaft gemacht liatte , ein Einfluss desselben auf seine theologische 
Anschauungsweise immer sichtbarer hervortrat, dass die Tiefe der 
Spekulation desselben, der Zauber seiner Dialektik ihn gewissermassen 
überwältigte, so dass er am Ende selbst auf Kosten der Milde seines 
Charakters und seines früher unbefangenem und praktischem Urtheils 
gegen den gewaltsam durchgreifenden Genfer in einzelnen Fällen, dem 
Handel mit Servet z. B., in einer Weise sich nachgiebig erzeigte, die 
mit den Begriffen unserer Zeit und w^ohl auch dem wahren Geiste des 
Christenthums schwer zu vereinigen ist. 

Die wissenschaftliche Annäherung der Zürcher und Genfer Theo- 
logen wurde vollends noch durch Peter Marlyr vennittelt , der im 
Jahr 1556 als Lehrer der Theologie an des verstorbenen Pellikans 
Stelle nach Zürich berufen, Bullingers treuester Freund und vielfach 
sein Rathgeber ward und wie seiner gründlichen Gelehrsamkeit, so auch 
seines Charakters wegen dessen volles Vertrauen verdiente. Durch 
diese Verhältnisse wurde nun auch der wichtigste und entscheidende 
Versuch dev nothwendigen Entwerfung einer von sämmtlichen refor- 
mirten Schweizerkirchen anzunehmenden Bekenntnissschrift, der gleich- 
zeitig dann auch noch die bereits dem Wesen, Avenn auch nicht der 
Form nach bundesverwandten Genfer beipflichten konnten , angebahnt 
und möglich gemacht. Das diesfällige Aktenstück , bald auch w-eit 



— 13 — 

über die Schweiz liinausgreifend , kam 1566, zwei Jahre nacli Kalvins 
Tode, zu Stande. An seiner Entstehung hatte indessen die Politik 
cbensovielen Antheil als die Iieniühungen der Tiieologen. *) 

Es hatte nämlich 156J. Maximilian II. den deutschen Kaiserthron 
bestiegen, ein Fürst, von dessen vorurtheilloser und milder Gesinnung 
sich vieles auch für Herstellung des Religionsfriedens hoffen Hess. 
In der That sollton aucli bei einem 1566 nach Augsburg ausge- 
schriebenen Keichstage die lieligionsverhältnisse der Katholiken und 
Protestanten zur Sprache kommen und über die gegenseitigen Befug- 
nisse derselben, sowie über ihre Stellung im Reiche entschieden wer- 
den. Aber nicht nur der begreifliche Widerstand der römischen Kurie 
und der katholischen Geistlichkeit, sondern auch der blinde Hass und 
Eifer Liitherischer Theologen, stellten dem wohlmeinenden Vorhaben 
mannigfache Schwierigkeiten entgegen. Unter diesen Umständen strebte 
der Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz, welcher damals als der 
entschiedenste Anhänger des reformirteu Lehrbegriffes und die kräf- 
tigste Stütze desselben in Deutschland betrachtet und daher auch von 
den Lutheranern vorzüglich angefochten wurde , die bereits begoimene 
und fortschreitende Annäherung zwischen den Züricher inid Genfer 
Theologen auch zum formellen Abschlüsse zu bringen, dieselbe dann 
durch ein von beiden Theilen angenommenes und öffentlich bekannt 
gemachtes Glaubensbekenntniss beurkunden zu lassen, indem er bei 
der Masse beipflichtender Unterschriften, auf die zu rechnen war, 
durch Uebergabe desselben beim Reichstage von diesem um so eher 
Schutz und staatsrechtliche Anerkennung auch seiner Glaubensgeuossen- 
schaft erwartete. Er wandte sich mit dem Ansuchen um Abfassung 
des Entwurfes einer solchen Konfession au BuUinger, mit welchem er 
in vertrautem Briefwechsel stand, und dieser, der sich während der 
ernsten Zeit der 156-4 zu Zürich herrschenden Pestepedemie mit einer 
solchen Arbeit wirklich beschäftigt hatte, übersandte ihm dieselbe 
zur Prüfung. Sie gefiel dem Kurfürsten so wohl, dass er für die 
allgemeine Annahme dieser Konfession von Seite derjenigen, die sich 
zum reformirten Lehrbegriffe bekannten, nun alle möglichen Schritte 
that. Die Lage der Dinge war damals von der Art, dass auch die 
schweizerischen reformirten Regierungen aus politischen Gründen jeder 
engern formellen Vereinigung ihrer Theologen sich nur freuen konnten, 
und so wurde denn, da auch Kalvins Nachfolger in Genf, Beza, 
seine Zustimmung ertheilt hatte, das BuUingersche Glaubensbekennt- 



*) Ausfilkrlicher und grliudlich haben diesen Gegenstand bebandelt : Heinr. Etcher 
in Ersch und Grubers Enzyklopädie, Art. „Helvet. Konfession", und O. F. Friltche: „Con- 
fessio helvetica posterior." 1839. 



— 14 — 

niss im März 1566 von den ^'ol•stche^u der Kirchen zu Zürich, Bern, 
SchafFhausen , St. Gallen, Graubiindten , Biel , Mühlhausen unterzeichnet. 
In der zürcherschen Beipflichtung war auch diejenige der reformirten 
Prediger in Glarus, Appenzell, Thurgau und Rheiuthal inbegriffen. 
Die Geistlichen in Neueiibui'g hatte man aus Berücksichtigung der 
Verhältnisse zu ihrem katholischen Landesherrn , dem Herzog von 
Longueville, zur Unterzeichnung nicht eingeladen; dieselbe erfolgte 
aber doch zwei Jahre später. Nur in Basel wurde der Tochtermann 
Bullingers, Gwalther, der die Sache persönlich zu empfehlen dahin 
gereist war, wie der Ausdruck im dortigen Protokoll lautete: r^^hge- 
fertigt", weil man erst vor drei Jahren die Basler Konfession neu 
aufgelegt und die Geistlichen diese unterschrieben hätten. Doch findet 
sich einer spätem Ausgabe des Glaubensbekenntnisses vom Jahr 1644 
die Zustimmung auch jener Kirche beigefügt. 

Obschon nun diese zweite an die Stelle jener bereits el-wähnten 
ersten getretene und fortan imter diesem Namen verstandene Helvetische 
Konfession schon ihrer grossem Weitläufigkeit wegen eher ein Rück- 
schritt als ein Fortschritt genannt werden könnte, so ist dennoch ihre 
Entstehung durch die geschilderten damaligen Zeitverhältnisse gerecht- 
fertigt. Darauf deutet auch die Vorrede der gedruckten Konfession 
selbst, in welcher ausdrücklich gesagt ist: „Man habe dem Beispiel 
anderer Länder folgen müssen , auch dieselbe entworfen in der Absicht, 
Verläumdungen zu widerlegen und die Uebereiustimmung der refoi-- 
mirten Eidgenossen zu beweisen. Den gottseligen Alten sei es aller- 
dings genug gewesen, wenn in Rücksicht der Hauptartikel der Lehre 
Uebereiustimmung geherrscht habe, und auch jetzt noch sei man immer 
bereit, besserer Belehrung aus dem göttlichen Worte zu weichen." 

Eine zwingende Gewalt wurde dessnalien schon damals diesem 
Glaubensbekenntnisse in Zürich nicht beigelegt, wenn es auch anderswo 
geschah, sowie es auch nirgends die bekräftigende Unterschrift einer 
schweizerischen Regierung erhielt. Als Vereinigungspunkt aber und 
gemeinsame Anleitung für die reformirten Prediger und als Akten- 
stück, das mit der nämlichen Berechtigung den Tridentinischen Kon- 
zilienschlüssen, wie der Augsburgischen Konfession an die Seite ge- 
stellt werden konnte , auch als ein für die zweite Hälfte des Jahr- 
Imnderts wenigstens erprobtes Mittel noch immer vorkommenden Strei- 
tigkeiten und Spaltungen zwischen den reformirten Religionslehrern 
selbst abzuhelfen, erhielt diese Konfession, besonders da ihr zahlreiche 
Kirchen auch in Schottland, England, Frankreich und Ungarn bei- 
traten , allerdings ihren Werth und hat überdiess auch den andern 
gegenüber ihre wissenschaftliche Bedeutung. 



— 15 — 

Der Unterricht. 

Der Thätigkcit für Entwerfung einer Konfession nius-ite diejenige 
für Hebung de.-> L iiterrielits zur Seite gehen. Die religöse Erziehung 
hat zwar ihre lliuiptwurzel im Beispiel, und für die Jugend, für das 
Volk pasät daher v'urzüglieh Erzählung, die im Thun und den Schick- 
salen der Völker und Ihrer geistigen Eührer die Folgen des Guten 
und Bösen zeigt, und kräftiger als an blosser Kanzeldogmatik rankt 
sich am eigenen Beispiel gewissenhafter Lehrer und frommer Eltern 
der kindliche Glaube empor. Christus selbst steht göttlich da und 
wird ewig in seiner Kirche leben durch das , was er gethan hat. 
Seine Lehre war einfach und in seinen Gleichnissen wies er stets auf 
das Beispiel hin. Ganz richtig hatte dieses auch Zwingli erkannt. 
Seine l'redigteu waren reich an Beispielen, die er der biblischen Ge- 
schichte, aber unbedenklich bisweilen auch der allgemeinen, vorzüg- 
lich häufig aber dem täglichen Leben enthob. Dadurch erhielten die- 
selben denn auch die Anschaulichkeit und Anwendbarkelt, welche die 
Zuhörer aller Stände zu fesseln und seinen Religionsunterricht so frucht- 
bar zu machen im Stande war. Auch BuUinger folgte ihm auf diesem 
Wege, und man weiss, dass er einem vornehmen Fremden, der ihm 
nicht verhehlte, dass er bei seiner gelehrten Bildung einen mehr aufs 
Wissenschaftliche eingehenden Vortrag von ihm erwartet hätte, auf 
die Menge seiner auch ungelehrten Zuhörer verwies, denen er nur 
durch eine aus ihrer eigenen Lebensauschauung gegritfenen Lehre ver- 
ständlich werden könne. Dasselbe Verfahren hatten indessen schon 
seit der Verbreitung des Christenthums auch die würdigsten und ein- 
sichtsvollsten katholischen Geistlichen ehigeschlagen , und insofern kann 
die Aufgabe der Keligionslehrer beider Konfessionen eine gemeinsame 
genannt werden. Allein bei der Weise, ^vie die Reformation zu 
Stande kam, bei der Anerkennung der heiligen Schrift als der wahren 
und Hauptgrundlage alles religiösen Unterrichts , bei der Ermächtigung, 
ja der Verpflichtung des Laien , in dieser auch selbst zu forschen, ge- 
.staltete sieh die Aufgabe, für den protestantischen Religionsunterricht 
das zweckniässigste System zu finden, umfassender und schwieriger; 
denn während das auf die Tradition sich stützende Wort des katho- 
lischen Priester.^ glaubensvoll als der Ausspruch der unfehlbaren Kirche 
selbst hingenommen wurde , nahm der Protestantismus weit stärker 
auch die eigene Geistesthätigkeit des Hörers in Anspruch , der dem 
Lehrer nur soweit zu folgen sich verpflichtet glauben durfte, als er 
dessen Lehre mit den Worten der heiligen Schrift übereinstimmend 
fand. Der Unten-icht ging auf diese Weise mehr auf das Verstandes- 



— 16 — 

gebiet hinüber, und wie daher für den Religionslehrer ein selbst- 
ständiges, jede Prüfung bestehendes Wissen erforderlich wurde, wäre 
es auch nur gewesen, um den Schutt allen wegzuräumen, den Eng- 
herzigkeit, Unwissenheit, Pharisäismus und Priesterherrschaft seit Jahr- 
hunderten im kirchlichen Leben aufgehäuft hatten, so hinwieder für 
den Schüler wenigstens diejenige allgemeine Verstandesbildung, die 
zwischen dem wissenschaftlich hinlänglich begründeten luid klar Dar- 
gestellten und seinem Gegentheil zu unterscheiden vermag. 

Aus diesen Gründen wurde ^•on Zwingli und dann auch von 
seinen unmittelbaren Nachfolgern mit kräftiger Unterstützung der Re- 
gierung das Wesentliche vor allem aus für die erforderliche wissen- 
schaftliche Bildung der Geistlichen selbst geleistet, und zwar, da es 
für sie uu erlässlich war, die heil. Schrift in den Ursprachen ver- 
stehen zu lernen, zunächst für die Sprachwissenschaft. In Kollin, 
Pellikan, Wiesendanger wurden auch tüchtig gebildete Lehrer gefun- 
den und durch diese in Verbindung mit Andern, ihren Nachfolgern, 
die zürchersche Philologenschide begründet, deren Ruf sich bis auf 
unsere Zeiten erhalten hat. Vor allem aus sollte diese Sprachwissen- 
schaft dazu dienen, die heil. Schrift durch Uebersetzung in die Sprache 
des Volkes diesem zugänglich zu machen, ein Unternehmen, das schon 
von Zwingli begonnen, durch die gemeinsame Thätigkeit der erwähnten 
Lehrer und den Beistand Leo Judä's vorzüglich zu Stande kam. Es 
wurde nicht ohne Grund in jenen ersten Zeiten angenommen , dass 
diejenigen Stellen der heil. Schrift, des Evangeliums besonders, durch 
welche die Handlungsweise des Christen bestimmt und vorgezeichnet 
werde, an und für sich klar seien und desshalb die Ausmittlung ihres 
richtigen Wortsinnes genüge, während auf die Behandlung dunkler 
Fragen im Volksunterricht nur mit Vorsicht und nicht ohne begrün- 
dete Veranlassung einzugehen sei, ja dass dieselbe am zweckmässigsten 
nur zwischen den Gelehrten und in lateinischer Sprache stattfinde. 
Dahin hatte schon der Blick auf die traurigen Folgen der Spaltung 
in der Abendmahlslehre geführt. Als aber, wie bei Besprechung der 
Bekenntnissscliriften gezeigt wurde , Kalvins Einfluss auch in Zürich 
allmählig spürbar ward, und der scharfsinnig und philosophisch ge- 
bildete Pater Martyr als Lehrer der Theologie auftrat, erhielt auch 
das theologische Studium statt der bisherigen exegetischen immer mehr 
eine dogmatische Richtung. Die praktischen Wahrheiten traten den 
spekulativen Glaubensfragen gegenüber in den Hintergrund. Die Wir- 
kung zeigte sich bald auch im Volksunterricht , und an den schwer 
begreiflichen , durch ungeschickte Geistliche zugleich oft noch in der 
verworrensten Weise vorgetragenen Lehren von gänzlicher Frucht- 



L 



~ 17 — 

losigkcit der Werke, von vorherbestimmter ^^eligkcit oder \'erdamm- 
niss, von (.Tnadenwold. zerarbeitete sich, wahrhaftig nieht zum Besten 
des sittlichen und auch des Staatsleltens, der einfache Vollvsverstand. 
Unter solchen Umständen konnte freilich eine wenig über die Anlei- 
tung zum Lesen und Schreiben hinausgehende, ja in einem bedeuten- 
den Theile des Landes nicht einmal so weit führende Vcrstandes- 
bildnng auch nicht länger genügen. Glaubenssätze, die von dem ge- 
schichtlich und philosophisch gehörig N'orberciteten in ihrer Entstehung 
und logischen Konsequenz wenigstens begriffen werden konnten, wenn 
er ihnen auch nicht unbedingt beizupflichten vermochte, Hessen den 
Ungebildeten kalt, blieben ein todtes Wort für ihn, oder gaben schwär- 
merischen Naturen Gelegenheit, die unsinnigsten Folgerungen an solche 
Lehren zu knüpfen. 

Allein während unstreitig für die Schulverbesserung in der Haupt- 
stadt vieles gethan, das höhere und niedere Schulwesen gesondert, 
das Unterrichtssystem erweitert, die Besoldungen verbessert, in Er- 
manglung einheimischer auch fremde Lehrer angestellt, tüchtige Jüng- 
linge durch Stipendien ermuntert, zu Reisen im Auslande oder den 
Studien auf fremden Hochschulen unterstützt nnd in dem sogenannten, 
erst in Kappcl errichteten, dann nach Zürich verlegten Alumnate eine 
besondere Bildungsanstalt für künftige TJieologeu eröffnet wurde, blieb 
das Loos der Landschaft , welcher doch dasselbe Recht an die durch 
die Reformation errungenen geistigen Güter zukam, ein weit weniger 
günstiges, ja sie hatte durch Aufliebung der in den verschiedenen 
Landesbezirken bestandenen Klöster und geistlichen Stiftungen, i)i 
denen, so schlecht im Allgemeinen ihre Unterrichtsanstalten gewesen 
waren , doch auch dem Landmann der Zugang zu einer etwas höher 
reichenden wissenschafftlichen Bildung offen stand, an früher besessenen 
Vortheilen eher eingebüsst. Ohne dass es ihnen freilich verwehrt ge- 
wesen Aväre, hinderten schon die bedeutenden Kosten die Landleute, 
ihre Söhne den langen Gang durch die städtischen Unterrichtsaustal- 
ten verfolgen zu lassen, sodass denn nach und nach die Bürger der 
Hauptstadt die gelehrte Bildung und den Eintritt in den geistlichen 
Stand, ja auch die Tlieilnahme an den aus den Klostergütern gestif- 
teten Staatsstipendien als ein ausschliessliches Vorrecht der Ihrigen 
zu betrachten begannen, und zwar kein geringes, da nicht nur die 
Pfründen im eigenen Kanton, sondern auch noch die zahlreichen im 
reformirten Thurgau, Rheinthal, Toggenburg, ja theilweise selbst im 
Glarner- und Appenzelleiiande in der Regel von Zürich aus besetzt 
wurden. Dadurch bildete sich dann auch allmählig eine neue, weni- 
ger durch Verdienst oder Wissen als durch Geburt zum Religions- 

Wisstuschaftliche Mimatssclniff. ') 



— 18 — 

Unterricht privilegirte und eine zur Unterwerfung des eignen Urtheils 
unter den vorgeschriebenen Katechismusglauben gezwungene Klasse, ein 
Verhältniss, dass dem Geiste des Protestantismus, ja des Christen- 
thmns selbst, wie es von seinem Stifter ausging, entschieden zuwi- 
der war. 

Ganz konnte allei'dings auch auf der Landschaft schon wegen 
des eingeführten Katechismus und der Pflicht ihn auswendig zu lei-nen, 
wenigstens der L,eseunterricht nicht unberücksichtigt bleiben ; allein 
noch während der grössern Hälfte des Reformationsjahrhunderts wur- 
den die ÖchuUchrer wie früher lediglich von den Gemeinden, hin und 
wieder auch nur von wohlhabenden Eltern ange.stellt und besoldet, 
auch von Staatswegen für Bildung derselben durchaus nichts geleistet, 
sodass dann auch ein offenes Geständniss der Regierung selbst vom 
Jahr 1580 über die Folgen dieses Systemes vorliegt. „Nachdem 
wir" — heisst es in demselben — „samnit unseru Gelehrten die 
Versehung der Landschulen in Bedenken genommen, haben wir ge- 
funden, dass an etlichen Orten nicht mit bester Ordnung gehandelt 
wird, indem durch die fremden unbekannten Schulmeister, so zu Zei- 
ten von den biederen Gemeinden ohne fleissige A^'orbetrachtung ange- 
nommen worden, allerlei L^nrahts unter den einfältigen Landleuttn 
gesäet wird, weil viele fremde Vaganten und Strölchlinge herumlau- 
fen, die sich raehrentbeils für Studenten, Schreiber und Schulmeister 
ausgeben und ihre Dienste anerbieten , dann aber ihre Inihümer zum 
Theil mit fremden Büchlein, die sie durch die Kinder den Alten zu- 
schleppen, zum Theil bei den Gastmahlen und den Lichtstubeten bei 
den Einfältigen ausgiessen, daraus dann viel Zerrüttung, Trennung 
und Aergeraiss erfolget, mit denen man nachher zu thun hat". Unter 
diesen Umständen konnte allerdings, wenn man dem Uebel nicht tiefer 
zur Wurzel greifen wollte, die von der Regierung angeordnete Unter- 
ordnung der Schullehrer unter die wissenschaftliche Leitung der Geist- 
lichen und in Rücksicht auf ihr Betragen unter die Beaufsichtigung 
dieser und der Gemeindeältesten wenigstens als ein zeitweises Pallia- 
tivmittel betrachtet werden. 

Der Kultas. 

Noch schlagender aber als im Unterrichtswesen offenbarten sich 
die Folgen der Reformation in der völligen Umgestaltung des Kultus. 
Es erhielt derselbe einen dem bisher üblichen geradehin entgegenge- 
setzten Charakter, und zwar in Zürich und Genf noch entschiedener 
als bei den Lutheranern. Dem Irrthum, der von ausschliesslicher 
Einwirkung auf das Gefühl eine in fruchtbarem und lebendigem Glau- 



— 19 — 

ben sich befestigende Kirche erwartete, trat derjenige gegenüber, der 
von ansschliessliclier Einwirkung auf das Denkvermögen dieselben Er- 
wartungen nährte. Weil die katholische Kirche es nicht wagen durfte, 
ihre Glaubenslehre der freien Prüfung auch der Laien hinzustellen, 
war sie genöthigt, dieselbe in ein symbolisches Gewand zu verhüllen, 
wobei ihr die Kunst imstreitig wesentliche Dienste leisten, und von 
reinen Händen geübt, auch manche Rcligionswahrheit der nicht unbe- 
deutenden Volksklasse näher bringen konnte, welcher zum scharfen 
logischen Denken die ursprüngliche Anlage oder die Vorbildung , ja 
meist auch die Zeit gebrach. Allein wenn auch, und namentlich in 
der Periode unmittelbar vor der Reformation die religiöse Kunst sich 
zu unsterblichen Meisterwerken erhoben hatte und die Symbolik der 
katholischen Kirche unter der Leitung ungefälscht frommer und ver- 
ständiger Priester dem Kultus eingreifende Momente darbot, so wurde 
dennoch bei der allgemeinen Ausartung der Kirche uud der überwie- 
genden Masse unwürdiger Geistlicher ein so schamloser Missbrauch 
mit dem, was heilig sein sollte, getrieben, dass die Reaktion unmög- 
lich ausbleiben konnte. Es war nur der natüi'liclie Verlauf der mensch- 
lichen Dinge , wenn man nun von einem Extreme zum andern über- 
ging. In Zürich, wo früher zwischen den zwei ersten geistlichen 
Stiftungen eine Art Wetteifer in Ausschmückung der Kirchen und 
Veranstaltung kirchlicher Feierlichkeiten, die zahlreiche Menschen- 
schaai'en herbeiführten , geherrscht hatte , nahm mit dem Fortgange 
der Zeiten , unter der erlahmenden Pflege der Chorherren und den 
Zuthaten einfältiger Mönche dieser Kultus allmählig einen spielenden 
Charakter mit Beimischung sogar wahrhaft lästerlicher Uebungen au. 
Von einem reinigenden Einschreiten eines auch hier erwachenden 
Kunstsinns ist nichts bekannt. Unter solchen Umständen mussten die 
Vorte der Reformatoren, ja auch die heftigsten Ausdrücke, mit denen 
die Häupter der Bilderstürmer unter Anrufung der Prophetendrohungen 
im alten Testamente gegen den sogenannten Götzendienst donnerten, 
Wiederhall in den Herzen vieler Zuhörer finden. Es bildete sich eine 
öffentliche Meinung', die mit Misstrauen gegen alles dasjenige auf der 
Hut war, das über die einfachen Worte der heiligen Schriften hinaus- 
ging, uud mit der Masse des wirklich Anstössigen und Schlechten 
wurde auch Unschuldiges, ja entschieden Zweckmässiges beseitigt. Vor 
allem aus- wurde es nun diu'ch Entfernung der fremden Sprachen vom 
Gottesdienst den Geistlichen erschwert, nach bisheriger Uebung in 
gedankenloser Weise selbst Unverstandenes oder dem Volke Unver- 
ständliches vorzutragen, durch Entkleidung der Kirchen von allem die 
Einbildungskraft beschäftigenden oder vom Hören des Wortes ablen- 



-— 20 — 

kenden Schmuck, ja selbst durch geschmacklosen Einbau in die Chöre, 
oder völliges Verschliessen und Bestimmung derselben zu profanen 
Zwecken die Aufmerksamkeit um so eher der Predigt und dem vor- 
gesprochenen Gebete zugewendet, welche nach den Prinzipien des 
Protestantismus unstreitig auch die Hauj^tgrundlage des Gottesdienstes 
bilden mussten. Auch bei der Mittheilung der Sakramente wurde von 
dem bloss Symbolischen noch weniger als bei den Lutheranern beibe- 
halten, beim heiligen Abendmahl hauptsächlich dessen Bedeutung er- 
klärt und an die Verpflichtungen erinnert, die an den Genuss des- 
selben sich knüpfen, seine Feier aber auf die Hauptfeste beschränkt 
und selbst die Altäre in einfache Tische zur Aufnahme des Brotes 
und Weines verwandelt. Durch diese Veränderungen erhielt der re- 
formirte Kultus einen Charakter der nüchtenien Ueberlegung und Be- 
sonnenheit, der zu dem Ernste und der Einfachheit des republikani- 
schen Lebens nicht übel passte, der aber von dem Prediger selbst 
um so gründlicheres Wissen und nebst dem Talente zur Mittheilung 
und Anwendung desselben eine Begeisterung forderte , die ihrer Kraft 
und Reinheit wegen auch bei der grossen Zahl der weniger gebildeten 
Hörer dennoch den nöthigen Anklang fand. Aber wo diese ihrer 
Natur nach ziemlich seltenen Eigenschaften und Talente gebrachen, 
da gerieth der Gottesdienst in Gefahr, zur blossen mechanischen 
Uebungssache auszuarten, welche das Gefühl eben so kalt Hess, als 
den Denker ohne Befriedigung. 

Dass diese Gefahr indessen erst in späterer Zeit und allmälig 
sich bemerkbar machte, war dem überwältigend reichen Stoffe zuzu- 
schreiben, welcher in der aufgeregten Periode unmittelbar nach der 
Reformation auch dem geistig weniger hochstehenden Prediger sich 
darbot. Die Rechtfertigung der Lossagung von der Herrschaft und 
den Missbräuchen des Papstthums, die nothwendige Beantwortung der 
Angriffe der Katholischen, die in der Abendmahlslehre bereits auch 
in's Volksleben eingedrungene Polemik unter den Protestanten selbst, 
wobei der Vortheil der Klarheit und Natürlichkeit auf Seite der Zwlng- 
lianer war, die mit Anrufung der heil. Schrift noch allgemein ver- 
bundene Uebung der Prediger, auch Staatsangelegenheiten nach bib- 
lischen Vorgängen zu würdigen und zu beurtheilen, das Interesse end- 
lich, das bei einem bedeutenden Theile des Volkes für die ihm bis- 
her noch so wenig bekannte biblische Geschichte selbst geweckt ward, 
kamen den Rednei-n zu Hülfe. Ihre Kirchen füllten sich mit auf- 
merksamen und das Angehörte auch später noch lebhaft besprechenden 
Zuhörern, die Zahl der Predigten musste vermehrt werden und die 
Abschaffung der symbolischen Zuthaten des katholischen Kultus wurde 



— 21 — 

unter diesen Umständen nur wenig vermisst. Ja, als in blindem Eifer 
auch die Orgeln ans den Kirchen weggebracht, hier und da sogar 
zerschlagen wurden, verschwanden .selbst Musik und Gesang förmlich 
vom Gottesdienst. Es darf aber wohl nicht bloss als Zeichen des 
Wiedererwachens einer gesundern Anschauungsweise der Dinge, son- 
dern vielleicht zugleich der Ermüdung betrachtet werden, welche die 
ausschliessende Appellation an das Denkvermögen herbeiführte, inso- 
fern der dazu geeignete Lehrer nicht vorhanden war, wenn schon 
achtundzwanzig Jahre nach Zwingli's Tode zuerst in Winterthur und 
Stein und vierzig Jahre später auch in Zürich der Kirchengesang ein- 
geführt wurde, später dann hier und da selbst eine neue Orgel ent- 
stand , auch immer allgemeiner der hohe Werth der religiösen Musik 
wieder anerkannt ward, welche gerade dem tiefsten Gefühle, für dessen 
Aeusserung die Buchstabensprache nicht hinreicht, ihren ergreifenden 
Ausdruck leiht; überhaupt aber, in freilich gemessenen Schranken und 
unter Wachsamkeit gegen jede vom Ernsten und Würdevollen ablen- 
kende Ausartung, auch religiösem Kunstsinn und den Bedürfnissen 
wie der Macht frommer Gefühle von der Kirche die gebührende Rech- 
nung getragen ward. 

Die RircheaverfassuDg. 

Von bedeutendem Einfluss auf das Staats- und allgemeine Wohl 
war dann ferner die Kirchcuverfassung. Der protestantische Begriflf 
von der wahren und allgemeinen Kirche steht im innigsten Zusammen- 
hang mit der Lehre Christi von der Ueberwindung des Todes und der 
persönlichen Fortdauer des Geistes. Ganz folgerecht ergiebt sich aus 
dieser Lehre der Unterschied zwischen dem ewigen innern Leben des 
in freiem Selbstbewusstsein waltenden unsterblichen Geistes imd dem 
Leben und Wirken desselben nach Aussen hin, beschränkt und be- 
ringt durch seine zeitweise Verbindung mit dem Körper, .sowie durch 
den Einfluss und die Gesetze der physischen Natur. Für jenes innere 
Leben aber das geistige Auge seiner Jünger zu öflfnen, war Christus 
gekommen ; und in diesem eben besteht auch das von ihm verkündigte 
Gottcsreich, welches nicht von dieser Welt ist. Was sind nun aber 
diesem Gottesreiche, der emzig unfehlbaren, auf Felsen gegründeten 
Kirche gegenüber irdische Organismen, eine menschliche Regierung, 
materielles Bcsitzthum und staatlicher Schutz angesprochener Rechte? — 
Zufälligkeiten! an die Natur, die Irrthümer und die Gebrechen unsers 
körperlichen Daseins geknüpft, die mit demselben entstehen , wechseln 
und sterben. Ein weit stärkeres Band jener Kirche ist dasjenige, 
welches die Glieder derselben mit ihrem nur dem körperlichen Auge 



— 22 — 

nicht, wohl aber dem geistigen stets sichtbaren Haupte verbindet, und 
diese Verbindung , in Gott ihre Stütze nur suchend , steht hoch über 
jeder wandelbaren irdischen, hoch daher auch über dem Staate, weder 
seines Schutzes bedürfend, noch seiner Macht imd seinen Gesetzen 
erreichbar. Wenn indessen unstreitig Christus selbst seinen Jüngern 
empfohlen hat, auch für die Dauer ihres irdischen Daseins in äusserer 
brüderlicher Gemeinschaft zu leben, und auch hier sein Bild und seine 
Worte lebendig zu erhalten, so kann allerdings auch in dieser irdi- 
schen Kirchengemeinschaft von Einheit im Geiste mit ihrem göttlichen 
Haupte und Meister die Rede sein; aber die Organisation, die Ver- 
fassung, deren dann dieselbe, wie jede andere menschliche Anstalt, 
bedarf, wird auch der bereits bezeichneten Unvollkommenheit aller 
menschlichen Einrichtungen ausgesetzt bleiben, und ob der durch Chri- 
stus seinen Jüngern verheissene heilige Geist in ihr ebenfalls walte, 
wird nur aus den Früchten derselben erkennbar, zu den edelsten 
aber dieser Früchte ein sittliches und wohlgeordnetes Staatsleben zu 
zählen sein. 

Von diesem Standpunkt ausgehend unterschieden denn auch Zwingli 
und seine Nachfolger zwischen der rein geistigen, in Glauben und 
Liebe hinreichend verbundenen und nur durch die innere Weihe ihrer 
Glieder sich offenbarenden Kirche und einem zeitweisen, in seinem 
materiellen Organismus überschaubaren und wie jede menschliche Ge- 
meinschaft auch menschlicher Ordnung bedürfenden Kirchenverband. 
Für die erstere war nichts als Freiheit des Glaubens und des an- 
regenden, vom Geiste zum Geiste sich fortpflanzenden Wortes von- 
nöthen; der Organismus des Letztem hingegen, den der aus eigener 
Ueberzeuguug zum Christenthum sich bekennende Staat selbst als Be- 
dürfniss anerkannte, konnte eben desswegen auch unbedenklich von 
der christlichen Staatsgewalt und nicht mehr einer nun überflüssig ge- 
wordenen Kirchengewalt ausgehen. Damit war für Zürich der imnatürliche, 
nur endlose Konflikte weckende Dualismus einer neben einander beste- 
henden Staatsgewalt, die dieser Welt angehörte und angehören musste, 
und einer Kirchengewalt, die nicht von dieser Welt sein wollte, be- 
seitigt. Die geistige und allgemeine Kirche Christi, keiner irdischen 
Macht bedürfend und keine fürchtend, stand über dem Staat, der 
organisirte äussere Kirchenverband, die Landeskirche, stand im Staate. 

Und so war es denn auch in Zürich der christliche Staat selbst 
und die in seinem Namen und Auftrag handelnde Regierung, von 
welcher, mit Berathung freilich und auf das Gutachten der Geist- 
lichen als der dazu unterrichteten und berufenen Ausleger der heil. 
Schriften , die Verfassung der Landeskirche ausging. Die Geistlichen 



— 23 — 

selbst wurden desnahen unter der ihrem Gewissen allein überlassenen 
obersten Verantwortlichkeit gegen Christus als das Haupt der allge- 
meinen und eAvigen Kirche, deren innere Weihe sie mitbringen sollen, 
für die zeitweise Uebuug auch ihres ii'dischen Berufes als Staatsbeamte 
betrachtet, von der Regierung gewählt oder ihre nach den bestehenden 
Rechtsverhältnissen durch die Gemeinden oder andere Stellen gtroffene 
Wahl von derselben bestätigt. Ebenso erhielten sie ihre Besoldung 
vom Staate, unter dessen Oberaufsicht und nach dessen Anleitung 
auch die der Landeskirche zugehörenden Stiftungsgüter verwaltet wur- 
den. So wurde es gleichmässig Bedürfhiss des Staates und desswegen 
auch Pflicht der Regierung, für christlichen Religionsunterricht und 
Kultus , sowie für die dazu nöthigen Hülfsmittel zu sorgen , wälu-end 
es hingegen allerdings den Geistlichen überlassen bleiben rausste , den- 
selben Inhalt und Charakter zu geben. Ueberall begegnen wir in der 
zürcherischen Kirchenverfassung einer gemeinsamen, sich gegenseitig 
überwachenden und unterstützenden Wirksamkeit der Staatsbehörden 
imd der Geistlichkeit, und wenn in der Synode, der aus sämmtlichen 
Geistlichen in Anwesenheit einer Regierungsabordnung gebildeten Ober- 
behörde für Erhaltung der Einheit der Lehre und Wachsamkeit über 
treue Fühnmg des Lehramts, in den „Stillständen", und den Armen- 
pflegen der Geistlichkeit der Vortheil des freien, auf das Evangelium 
sich stützenden Wortes, der kräftigen Anregung durch dasselbe, der 
Abfassung und Einreichung von Gutachten, Vorschlägen, auch soge- 
nannten „Bedenken" gesichert war, so musste hingegen dem Staate 
die nothwendige Prüfung, Ueberwachung , Bestätigung oder Zurück- 
weisung vorbehalten bleiben. Je vollständiger imd schärfer, je einver- 
standener zugleich nun aber Regierung und Geistlichkeit ihre Aufgabe 
zu fassen vermochten, desto erfreulichere Früchte dieser Harmonie 
traten im kirchlichen und Staatsleben zu Tage. Wie dieses in ein- 
zelnen Perioden besser, in andern durch Verschuldung von dieser oder 
jener Seite weniger gelang, hat die Geschichte zu zeigen. Im All- 
gemeinen hat sich diese Kirchenverfassung als zAveckmässig erprobt 
und daher auch in ihren Grundlagen bis auf unsere Zeiten erhalten.*) 

*) Eine weitere AusfUlinin? des hier behandeUeu Gegenstandes wird die vom Verfasser 
übernommene Fortsetzung d. ^Geschichte des Freistaates Zürich von Vr. BluntsehW enthalten. 



24 



DER CENTRALPUMT DES VERBRECHENS. 

Von EDUARD OSEXBRCGGEN. 



In der Vorrede zum deutschen Wörterbuch hat Jacob Grimm einen 
schwerwiegenden Tadel über die gegenwärtige deutsche Rechtssprache 
und die deutschen Reclitsgelehrten ausgesprochen. Er nennt diese 
Reclitssprache „ungesund und saftlos, mit römischer Terminologie hart 
überladen." Es will mir zwar scheinen, als ob das Deutsch Scwignys, 
Puditas und anderer Juristen, die man Romanisten zu nennen pflegt, 
mehr für das neunzehnte Jahrhundert passe , als das manierii'te Ur- 
deutsch einiger Grimmianer, aber es lässt sich der Tadel des Mei- 
sters durchaus nicht als unbegründet abweisen. Um so erfreulicher 
ist es daher , dass in dem gegenwärtigen Geschlecht deutscher Juri- 
sten das Streben, ihre Wissenschaft als deutsche Rechtswissenschaft zu 
behandeln und zu fördern , immer klarer und bestimmter hervortritt 
und das ist nicht am wenigsten der Fall bei denen, die sich das 
römische Recht zum vornehmlichen Studienfach gewählt haben. Eine 
Folge dieses Strebens kann nicht sein, dass man die römische Ter- 
minologie ganz verbanne, denn das wäre ohne eine Beseitigung des 
römischen Rechts nicht möglich; aber eine Folge davon ist und wird 
sein, dass man die deutsche Rechtssprache nicht weiter mit römischer 
Terminologie überlade, dass also die Muttersprache zu ihrem Rechte 
komme. Es ist bereits nicht ohne Nachfolge geblieben, dass 8avigny seine 
kristallhellen Gedanken in einfacher deutscher Sprache ausgedrückt hat. 

Der deutsche Crimiualist ist weniger an die römische Termino- 
logie gebunden als der Civilist, denn für das deutsche Strafrecht der 
Gegenwart hat das römische Recht eine weit geringere Bedeutung als 
für das bürgerliche Recht. Ohne daher die Thatsache der Geltung 
des römischen Rechts in der Entwicklung des deutschen Strafrechts 
vom Mittelalter her zu verkennen und ohne das römische Recht für 
die Zukunft ignoriren zu wollen, fühlt sich der Forscher und Förderer 
des deutschen Strafrechts mehr auf deutschem Boden stehend. Daraus 
ergiebt sich für ihn die Pflicht, in der Behandlung seines Gegen- 
standes den Geist und die Gesetze der deutschen Sprache genau zu 
erkennen und demgemäss das Gewicht der Worte zu prüfen und die 
Wortforschung, die keine Wortspielerei ist, nicht aus dem Auge zu 



- 25 — 

las.ien. Die Forderung ist natürlich und einfach, ihre Krfülhmg stöss-t 
freilich auf bedeutende Schwierigkeiten. Seit Jahrhunderten haben die 
Juristen den Sprachgebrauch in den römischen Kecht.sf|uclleu mit grosser 
Sorgfalt crforsclit und eine Belehrung darüber ist aus lexikalischen und 
anderen Werken in den meisten Fällen leicht zu erlangen , während eine 
solche Hülfe hinsichtlich der in lebendigem Flusse befindlichen deut- 
schen Sprache sehr oft mangelt. Wenn es mit der Ermittelung des Buch- 
stabensinnes gethan wäre, so würden wir unsere Sprachforscher nicht 
vergebens um Auskunft angehen, aber der Begriff vieler Rechtswörter 
geht weit über den Buchstabensinn hinaus. Ich erinnere nur an Mord 
und Raub. Dennoch ist zuerst der Buchstabensinu zu ermitteln und 
es stellt sich dann die weitere Frage , ob im Gebrauche einem Worte 
sich von x\ussen neue Merkmale angesetzt haben oder sonst in dem 
Verhältnisse von Begriff und Wort ein Wandel eingetreten ist. Die 
grösste Schwierigkeit entsteht aber dann, M-enn vei'wandte Ausdrücke, 
von denen denn doch jeder seinen eigenen Werth hat, in der Weise 
einander ablösen und substituirt werden , dass sich gar kein fester 
Sprachgebrauch nachweisen lässt. So ist es mit den Ausdrücken Vor- 
satz, Absicht und Zweck und der Uebelstand ist um so grösser, je 
wichtiger die Begriflfe, zu deren Bezeichnung diese Worte dienen 
sollen, im Strafrecht sind. Wegen des Schwankens in ihrem Ge- 
brauche sieht sich jeder criminalistischc Schriftsteller, der sich ihrer 
bedienen muss , veranlasst , im Voraus zu erklären , in welchem Sinne 
er sie auflasse und der Leser muss, um den Deductionen folgen zu 
können, sich hier mit diesem, dort mit jenem individuellen Sprach- 
gebrauche bekannt machen. Da die Wissenschaft nicht über dieses 
unsichere Schwanken hinausgekommen ist, so sind es auch die Straf- 
gesetzbücher nicht. 

Es ist zwar behauptet worden, „die Wissenschaft habe erst die 
Geltung der Worte für den wissenschaftlichen Sprachgebrauch zu be- 
stimmen." Das ist aber nur halbwahr; jedenfalls führt diese Behaup- 
tung als Norm genommen leicht zum argen Missbraiich der Sprache. 
Die Fortscliritte in den einzelnen Wissenschaftskreisen rufen eine Be- 
reicherung der Sprache hervor, denn neue Begriftc müssen in der 
Sprache einen Ausdruck finden ; wenn aber jeder Forscher in der 
Wissenschaft mit individueller Willkühr sich seine Sprache der Wissen- 
schaft zurechtbildet, so ergibt das eine neue Auflage der Geschichte 
vom babylonischen Thurmbau, bei welchem die Folge der Sprach- 
willkühr Verwirrung war. Es ist daher gewiss sehr zu wünschen, 
dass es den deutschen Wissenschaftsmännern gefallen möge, die Gesetze 
der deutschen Sprache beim Gebrauche derselben mehr als es bei 



— 26 — 

manchen der Fall ist, zu beachten und dass sie nicht ohne Noth den 
gemeinen Gebrauch der gebildeten Sprache verlassen. 

Beginnen wir mit dem Ziveck. Wenn auch nicht die Wurzel, 
so ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes nachgewiesen*). Zweck 
ist der kopflose kurze (viereckige) Nagel zum Einschlagen und dieser 
Sinn ist erhalten in dem noch allgemein gebräuchlichen Schusterzivecl: 
In der plattdeutschen Sprache meiner Heimath (Holstein) wird Zweck 
(Zwick) sehr gewöhnlich gebraucht für einen hölzernen Nagel, der 
die Mitte hält zwischen Stift und Pflock. Spezieller ist Zweck der 
Nagel (clavus) in der Schiessscheibe, der als Zielpunkt dient. All- 
gemein bekannt ist diese letztere Bedeutung noch gegenwärtig in der 
deutschen Schweiz , indem sowohl der hölzerne Nagel in der Mitte 
der belehmten Scheibe, nach welcher mit Bolzen geschossen wird, als 
auch das Weisse in der Mitte der bemalten Scheibe Ziveck genannt 
wird. In ähnlicher Weise gebraucht Hcdler in seinem Gedicht „die 
Alpen", da wo er die ländlichen Spiele beschreibt,**) Ztveck für das 
Ziel beim Kegelschieben: 

„Dort eilt eiii schnelles Blcy in das entfernte Weisse, 
Das blitzt, und Luft und Ziel im gleichen Jetzt durchbohrt; 
Hier rollt ein runder Ball in dem bestimmten Gleisse, 
Nach dem erwählten Zweck mit langen Sätzen fort." 

Aus der sinnlichen und anschaulichen Bedeutung des Wortes 
Ztveck = Zielpunkt beim Schiessen entstand in einfacher Weise dessen 
Uebertragung auf alles das, was erzielt wird, wozu dann das Con-elat 
Mittel ist. Mittel ist jener sinnlichen Bedeutung von Zweck gegen- 
über das Schiessen; bei der Uebertragung alles da.sjenige, was auf 
den Zweck hin angewandt wird. Der erreichte Zweck wird oft wie- 
der als Mittel zu einem weitern Zweck gebraucht und so lösen sich 
beim Handeln der Menschen Mittel imd Zweck ab bis zum letzten 
Zwecke hin, dem Endzivecke. 

Der Buchstabensinn von Vorsatz scheint leicht ermittelt werden 
zu können. Vorsatz bedeutet das was vor - gesetzt ist oder wird 
und zwar im Innern des Menschen ; er ist eine Concretion des Willens. 
Es kann nun zwar vor zeitlich und örtlich genommen werden , allein 
diese verschiedenen Beziehungen treff'en bei dem Vorsatze als einem 
innern Vorgange zusammen oder vielmehr die zeitliche ist wirklich, die 
örtliche nur figürlich und diese fällt auf jene zurück. Wer sich eine 



*) Graff, althoclid. Sprachschatz V. S. 731, Diutiska III. 187; Schmeller , bayrisches 
Wörterbuch IV. S. 301 und besonders Jl'eigand, Wörterbuch der deutschen Synonymen 
Nr. 2325. vergl. Nr. 1337 , 1338. 

**) Die Anführung bei f\'i'iijand ist nicht ^enaii. 



i 



— 27 — 

Handlung vorsetzt, der setzt sie in seinem Innern, bevor sie wirk- 
lich ist,*) d. h. bevor der darauf gerichtete Wille geäussert ist. Diese 
Bedeutung des Vorsatzes und die sich ergebende Relation von Vor- 
satz und Handlung, wie sie dem Buchstaben des Wortes entspricht, 
so stellt sie auch den Vorsatz an seine Stelle als einen nothwendigen 
Bestandtheil in der Gliederung des Herganges, der aus dem Heran- 
und Herausgehen der Subjectivität au und in die Objectivität entsteht. 
Synonym sind Entschluss und Beschhtss ,**) nur enthalten sie ein an- 
deres Bild. Wer sich eine Handlung voi'gesetzt hat, hat auch zur 
Handlung sich entschlossen, d. h. er ist aus der Unbestimmtheit weg 
oder heraus zu einer Bestimmtheit im Innern gekommen; er hat auch 
zu handeln beschlossen, d. h. der Schluss des Erwägens und Bera- 
thens ist da und damit tritt an die Stelle der Unbestimmtheit die 
Bestimmtheit im Innern. 

Auf den Zweck richtet der Schütze sein Augenmerk und auf ihn 
hat er es abgesehen , in so fern ihn sein Bolzen oder seine Kugel 
treffen soll. Das Substantiv Absicht ist erst in der zweiten Hälfte 
des 17. (nach Weigandj oder in der zweiten Hälfte des 18. Jahr- 
hunderts (nach Grimm) aufgekommen für das Infinitiv -Substantiv Ab- 
sehen. Es ist „die abreichende Richtung der Augen, und daun des 
Geistes , worauf f) 

Um den Zweck zu treffen, auf den er es abgesehen hat, muss 
der Schütze schiessen, also handeln. Wenn er das Gewehr anlegt, 
um zu schiessen , hat er sich schon vorgesetzt zu handeln. Das Han- 
deln ist das Mittel, jj) um den Zweck zu treffen (erreichen), es be- 
findet sich in der Mitte zwischen der Absicht imd deren Zielpunkte, 
um diese beiden Punkte mit einander in Verbindung zu setzen. 

Auge xuid Hand des Schützen sind geleitet vom Willen ; die Ab- 
sicht und der Vorsatz sind Concretionen seines Willens. Der Zweck 
iBt ausser ihm ; er setzt aber sein Inneres in Beziehung auf diesen 
Punkt der Aeusserlichkeit ; mit dem Auge schaut er auf diesen Punkt, 
mittelst der Hand, dem Werkzeug der Werkzeuge, wie Aristoteles 
sie nennt, führt er den Vorsatz aus und sind Auge und Hand sicher 
und fest und ist das Gewehr, welches der Hand als Werkzeug dient, 
gehörig zugerichtet, so trifft er den Zielpunkt, erreicht den Zweck. 
Er findet darin eine Befriedigung , sei es , dass seine Schützenehi-e 



*) Berner, Imputatiouslehro S. 180. 
*») WHgand a. a. Nr. 586, 587. 

t) Weigand a. a. O. Nr. 2325. Schmitlhenner's kurzes deutsches Wörterbuch, umge- 
arbeitet von Weigand (3. Aufl.) Grimm, deutsches Wörterbuch, 
tt) Weigand a. a. O. Nr. 1337. 



— 28 — - 

in dem Meisterschusse neu hervortritt , sei es , dass ein Preis ihn be- 
lohnt. Während diese Befriedigung hier das Letzte ist, der End- 
zivecJc, existirt sie bloss vorgestent als Erstes in dem ganzen Her- 
gange, als Beweggrund oder Motiv; sie führt den Schützen zur Ab- 
sicht und zum Vorsatz und Handeln. 

Die Motive des Handelns concentriren sich in dem Begehren. 
Wer etwas begehrt ^ hat nicht, was er gern hätte, er leidet einen 
Mangel , es ist also in ihm ein unangenehmes Gefühl ; wenn ihm ge- 
worden ist, was er begehrte, ist er befiiedigt. Diese Befriedigung 
ist der innere Vorgang, auf den das Begehren gerichtet war. Men- 
schen- und Vaterlandsliebe, Eigennutz, Hass und Rache, wie andere 
Motive zum Handeln, so mannigfach sie auch sind, sie stellen den 
Menschen auf den Boden des Begehrens, Das Handeln aber, welches 
er wählt, um aus dem Begehren heraus zur Befriedigxmg zu gelangen, 
Avelches also das Mittel zum Zweck (Endzweck) sein soll , wurzelt in 
dem Willen. So gehören denn Vorsatz, Absicht und Motiv (Zweck) 
verschiedenen Gebieten an, jene dem des Willens, dieses dem des 
Begehrens. 

Wenn wir nun die im Vorhergehenden eingeführten Begriffe be- 
nutzen wollen, um uns die Genesis des Verbrechens klar zu machen, 
so scheint es angemessen , zunächst noch das Bild vom Schützen , als 
einen bekannten Ausgangspunkt, festzidialten, zu welchem die Be- 
griffe Zweck und Absicht direct und indirect hinführen. 

Um sich zu bereichern, beabsichtigt A. den Zielpunkt in der Scheibe 
zu treffen und setzt sich daher vor zu schiessen. 

Um sich zu bereichern, beabsichtigt A. einen Menschen zu tödten 
und setzt sich daher vor zu schicssen. 

Die Vergleichung dieser beiden Fälle zeigt: 

1. Das Motiv ist gleich. 

2. Vorsatz und Handlung sind gleich. 

3. Die Absicht ist verschieden. Sie ist in dem zweiten Fall 
rechtswidrig; das ist ihr Prädicat , denn das Strafgesetz verbietet, wie 
das Sittengesetz , die Tödtung eines Menschen. Die Absicht ist es 
also, welche diesen zweiten Fall in den Bereich des Strafrechts bringt, 
aber durch die Absicht erhalten auch die übrigen Momente des Ganzen 
eine andere Färbung, der Vorsatz wie das Handeln und auch das 
Motiv. Ich darf mir vorsetzen zu schiessen, ich darf schiessen, ich 
darf suchen mich zu bereichern ; der Vorsatz und die entsprechende 
Handlung und das Motiv sind an sich dem Strafrecht gleichgil- 
tig, durch die Absicht erhalten sie eine Beziehung zum Verbrechen, 
nur charakterisiren sie nicht das Verbrechen im Gegensatz zu dem 



— 29 — 

ausser dem Strafreclitsgebiete liegenden Tlnni. l)k Ab.iicht ist der 
accentuirte Ton in dem ganzen llhytlimm. 

Sobald der Absicld das Prädicat lecldsicidrig gegeben wird, be- 
deutet dies immer, dass sie auf die Verletzung eines Rechts gerichtet 
und dass, sobald sie verwirklicht ist, eine Rechtsverletzung vorliegt. 
Der Gegenstand der Rechtsverletzung ist aber das Recht und zwar 
ein bestimmtes Recht. Der Schütze hat es beim Scheibenschiessen 
nicht auf eine Scheibe überhaupt, sondern auf die Scheibe abgesehen; 
diese ist sein Angriffsobject. So hat auch jedes Verbrechen , dessen 
Centralpunkt die rechtswidrige Absicht ist, ein Anc/riffnobject (Zweck 
im alten Sinne = Zielpunkt) und dieses ist ein bestimmtes Recht. 
Die Erkenntniss desselben ermöglicht eine prinzipielle Behandlung der 
einzelnen Verbrechen und eine systematische Einordnung derselben. 
Das Angrifisobject beim Ehehruch ist die Ehe d. h. die Ehe als ob- 
jectives Verhältniss , welches seinen Platz hat in der Sphäre des 
Rechts, wie der Sittlichkeit. Dass durch den Ehebruch der Frau der 
Mann gekränkt wird in seinem Recht und er also als Gegenstand der 
in dem A'erbrechen enthaltenen Rechtsverletzung erscheint, ist nur 
secundär und wenn bei dem römischen adulterium das Recht des 
Ehemannes an sich als das Angritlsobject genommen wurde, so ist 
das ein Beweis, dass die Römer, wie sie sich nicht erhoben hatten 
zur Anerkennung der sittlichen Würde der Ehe, derselben auch in 
der Rechtsphäre nicht den gebührenden Werth zugestanden. Bei der 
Bigamie ist die Ehe als objectives Verhältniss gleichfalls das AngriflFs- 
object, aber in einer andern Beziehung. Das Angriffsobject bei der 
Ehrverletzung ist die Ehre. Jeder einzelne Mensch, insofern er ein 
Recht auf Ehre hat, kann Gegenstand des ehrenkränkenden Handelns 
werden, aber in dem Träger des Rechts haben wir nur einen Reprä- 
sentanten der Idee des Rechts. Wer daher den A. injuriiren will, 
^er den B. iiijuriirt, der ist der Ehrverletzung schuldig (\. 18 §. 3 
D. de injuriis). 

Bei dem Ehebruch und der Ehrverletzung ist das rechtliche Ob- 
ject in dem Namen ausgedrückt, bei den meisten Verbrechen ist das 
nicht der Fall und dasselbe daher oft schwerer zu erkennen. Manche 
nach anderen Merkmalen unterscheidbare Verbrechen haben als ge- 
meinsames rechtliches Object die publica fides, öffentliche Treue und 
Glauben (Betrug, Fälschung, Meineid etc.); bei manchen ist recht- 
liches Object das Vermögensrecht (Diebstahl, Unterschlagung etc.). 
Die in der Mensehentödtung liegende Rechtsverletzung kann nur in 
die Erscheinung treten an einem bestimmten lebenden Menschen , aber 
der rechtliche Gegenstand dieses Verbrechens ist das Menscheuleben 



— 30 — 

überhaupt, als welches unter den Schutz und Zwang des Strafrechts 
gestellt ist. 

Auf die folgenreiche Unterscheidung des Objects des Verbrechens 
selbst und des Gegenstandes der Aeusserung des verbrecherischen 
Handelns hat Köstlin wiederholt hingewiesen*); am schärfsten und be- 
stimmtesten hat John es hervorgehoben, dass jedes Verbrechen den 
Angriff eines bestimmten Rechts enthalte.**) Durch diese Erkenntniss 
wird zugleich die Annahme von s. g. formalen Verbrechen beseitigt, fj 

Die allgemeinen Lehren des Strafrechts haben die Feuerprobe zu 
bestehen in der Anwendung auf die einzelnen Verbrechen. Unter- 
.suchen wir daher, ob die obige in den Grundzügen dargestellte Lehre 
sich in dieser Weise bewähre. An einem anderen Orte soll dieses 
vollständiger geschehen, hier muss das Eingehen in einige Verbrechens- 
kreise genügen, wobei es mir zweckmässig erscheint, gerade solche 
Verbrechen auszuwählen, bei denen das mit der Absicht correspon- 
dirende rechtliche Object ein verschiedenes ist. 
I. Bei der Kindesaussetzimg ist 

1. der Vorsatz: das Kind auszusetzen (wegzulegen). Das Aus- 
setzen ist die Handlung, durch welche die Absicht verwirklicht wer- 
den soll. An sich ist es eine dem Strafrecht gleichgültige Handlung, 
wenn eine Mutter ihr Kind weglegt oder etwa in einem Korbe im 
Garten aussetzt. Geschieht dies so , dass dadurch das Kind gefährdet 
wird, so wird damit noch nicht das Verbrechen der Kindesaussetzung 
existent, sondern es kann dieses lediglich auf Fahrlässigkeit beruhen. 
Allein durch die Beschaffenheit des Kindes und durch die Absicht, 
welche die Mutter beim Aussetzen hegt, gestaltet sich das Mittel zur 
Verwirklichung der Absicht, die Handlung, in der Regel zu einer 
gefährlichen und diesen gewöhnlichen Fall hat die peinliche Gerichts- 
ordnung Carl V. im Art. 132 vor Augen, während neue Strafgesetze 
auch eine für das Kind ungefährliche Aussetzung oder eine solche, 
„dass eine Gefahr für das Leben des Ausgesetzten von dem Thäter 
nicht befürchtet werden konnte* oder „wo gar keine Gefahr zu be- 
fürchten war", sobald die sonstigen Merkmale des Verbrechens da 
sind, mit Strafe, wenn auch einer geringeren, bedrohen. (Str. G. B. 
für Sachsen 163 [131], Grh. Hessen 287, Braunschweig 156, Han- 
nover 240.) 

2. Die Absicht ist in der P. G. 0. eben so kurz als richtig be- 



*) Neue Revision S. 357, 437; System des deutsclien Strafrechts I. S. 547, Aiim. 2; 
vergl. auch Hye, das österr. Strafgesetz I. S. 6Gß. 

**) GoUdammei's Archiv des preuss. Strafrechts III. 504, 510, 513. 

t) Köstlin, Revision S. 437 System I. S. 251. John im Archiv des Crim. 1854. S. 85 fif. 
und in Goltda)iimer's Archiv III. 510. 



— 31 - 

zeichnet: „umb dass sie des abkumm" d. h. sich auf die Dauer des 
Kindes zu entledigen. Diese Absicht ist rechtswidrig, weil die Mutter 
die natürliche Pflicht hat, für das Kind zu sorgen. Diese Pflicht ist 
das rechtliche Ohject bei diesem Verbrechen. Hatte die Mutter die 
Absicht durch die Handlung des Aussetzens das Kind zu tödten, so 
kommt dadurch ihr Verbrechen in die Kategorie der Tödtungen ; die 
Handlung ist dann eine von den verschiedenen Mitteln der Tödtung, 
In einigen Strafgesetzbüchern ist diess ausdrücklich hervorgehoben (Sach- 
sen 163 [131], Hannover 239, Preusseu 183, Thurgau 133, 134); 
dagegen Oesterreich 149: „um dasselbe der Gefahr des Todes aus- 
zusetzen oder auch nur , um seine Rettung dem Zufalle zu überlassen." 
S. auch Graubünden 112. 

3. Das Motiv (Endzweck) kann verschieden sein. Für den straf- 
rechtlichen Begrift' dieses Verbrechens kommt es immittelbar darauf 
nicht an (Oesterreich : „was immer für eine Ursache ihn dazu bewogen 
habe"). Bleiben wir bei dem Rechte der P. G. 0. stehen , nach 
welchem nur die Mutter des Kindes das Subject ist, so will diese 
Mutter entweder eine Sorge oder Last loswerden oder der Schande 
der imehelichen Geburt entgehen, oder beide Motive trefifen zusammen. 
Aus demselben Grunde, aus welchem die Kindestödtimg im Strafrecht 
eine besondere Behandlung erhalten hat, ist auch die Aussetzimg des 
unehelichen neugebornen Kindes durch die Mutter in einigen Strafge- 
setzbüchern besonders hervorgehoben und mit gelinderer Strafe be- 
droht (Grossh. Hessen 290, Baden 265, Thurgau 134, Graiibünden 
112). Darin wird dem Motive eine Bedeutung beigelegt, aber den 
Begriflf des Verbrechens ändert das nicht. 
II. Bei der Bigamie ist 

1. der Voi'satz : eine (zw'eite, dritte etc.) Ehe einzugehen. 

2. Absicht: die auf dem Prinzip der Monogamie ruhende Ehe zu 
verletzen. Das geschieht durch Eingehung einer neuen Ehe, während 
für den Thäter eine frühere noch rechtsgiltig besteht, unter Voraus- 
setzung des Wissens von dem rechtlichen Fortbestande dieser früheren 
Ehe. Das rechtliche Object dieses Verbrechens ist wie das des Ehe- 
bruchs das sittliche Recht der Ehe , aber in Beziehung auf das ge- 
nannte Prinzip. Wo Polygamie gestattet ist, kann natürlich nicht von 
einem Verbrechen mehrfacher Ehe die Rede sein, wohl aber von Ehe- 
bruch. Obgleich die Bigamie ein dem Ehebruch nahe verwandtes 
Verbrechen ist, insofern beide das sittliche Recht der Ehe verletzen, 
so ist es doch nicht zu billigen , wenn ihre Verschiedenheit dadurch 
verwischt wird, dass man beide unter die Rubrik „Verletzungen der 
ehelichen Treue* stellt (Sachsen, Thüi-ingen, Hannover, vergleiche 



— 32 — 

Bayern 297 , 401). Für den Ehebruch lässt sich eine solche Rubri- 
cirung einigermassen rechtfertigen, da die Ehe beide Ehegatten zur 
Treue verpflichtet und eben darin das sittliche Recht der Ehe hervor- 
tritt, allein jene Treue ist doch nur von dem wirklichen rechtlichen 
Object abgeleitet. Bei der Bigamie führt aber dieselbe Rubrik weiter 
ab von ihrem angegebenen Object oder verschleiert dasselbe bis zur 
Unkenntlichkeit. Gar nicht besser sind die Rubriken anderer Gesetz- 
bücher : „von Angriffen auf die Sittlichkeit" fWürtemberg) , »Vor- 
brechen wider die Sitten* (Braunschweig) , „Verbrechen und Vergehen 
gegen die Sittlichkeit" (Preusseu , Luzern , Graubünden) , denn es sind 
unter diese Rubriken gestellt: die Nothzucht, Verführung zur Unzucht, 
Blutschande, Doppelehe, Ehebruch, Kuppelei , widernatürliche Unzucht 
und in Preusseu sogar der Fall des Verkaufens unzüchtiger Schriften, 
Abbildungen oder Darstellungen. Das rechtliche Object, die Sittlich- 
keit, ist aber in diesem letzteren Falle, wie bei der Verführung zur 
Unzucht , Kuppelei etc. sehr verschieden von dem sittlichen Recht der 
Monogamie. Es bildet dort die Sittlichkeit den Gegensatz zur ge- 
schlechtlichen Unzucht, daher denn auch einige Gesetzbücher (Zürich, 
Thurgau), freilich eben so unrichtig, dieselben Verbrechen und Ver- 
gehen insgesammt als Unzuchtsverbrechen rubriciren. 

3. In der Befriedigung der Geschlechtslust wird in der Regel 
das Motiv zu finden sein , niclit selten will aber der Thäter auch an- 
dere Vortheile durch die zweite Ehe erlangen. 
III. Betruc/. 

1. Vorsatz: falsche Thatsachen vorzubringen, oder wahre zu ent- 
stellen oder zu unterdrücken (Preusseu 241). Die diesem Vorsatze 
entsprechende Handlung ist noch nicht Verbrechen , denn auch der 
Lügner handelt so. 

2. Absicht: in Andern einen Irrthum zu erregen, Andere zu täu- 
sclien. Mehrere Gesetzbücher stellen ausdrücklich der Erregung eines 
Irrthums den Fall gleich, wo Jemand den schon vorhandenen Irrthum 
eines Andern unterhält und benutzt (Oesterreich 197, Braunschweig 
224, Zürich 239, Luzern 254, Thüringen 236). Um die rechts- 
widrige Absicht bei diesem Verbrechen vollständig auszudrücken . 
muss aber noch hinzugefügt werden : „um demselben einen "N'ennö- 
gensnachtheil zuzufügen" (Thüringen). Gewöhnlich wird der Thäter 
nicht bloss die Absicht haben, durch die Täuschung den Andern in 
einen Verraögensnachtheil zu bringen, sondern auch sich einen Ver- 
mögensvortheil zu verschaffen, allein die rechtswidrige Absicht ist auch 
ohne diese Richtung vorhanden (Thüringen, Sachsen). Das rechtliche 
Object des Betruges ist: öffentliche Treue und Glauben. Diese ist 



— ;53 — 

eine Grundfeste des Verkehrs der Menschen , wo rechtliche Verhält- 
nisse derselben nnter einander bestehen oder begründet werden. Wer 
einen Andern täuscht, um ihn dadurch in einen A'oi-mügcnsnachtheil zu 
bringen, der vernichtet seinerseits die öflfentliche Treue und Glauben, 
die er doch von Andern gegen sich irn Veikehr gewahrt wissen will. 
i). Das Motiv des Betrügers wird fast in allen Fällen Eigennutz 
sein, möglich ist es jedoch, dass ihn die Lust am .Schaden des An- 
dern bestimmte. (Oesterreich). 
l\. JJiebstcM. 

1 . Die Römer bezeichnen das Handebi des Diebes am häufigsten 
mit contrectare und coutrectatio. Contrectare ist ein verstärktes trac- 
tare imd die Verstärkung, welche die Sylbe con bringt, lässt sich 
wohl am besten dui-ch ^für sich mit Ausschliessung Anderer" ange- 
ben, so dass coutrectatio dem deutschen „Ansichnehmen" entspricht. 
Das deutsche Wort entwoaktt ( = wegwenden) bedeutet dagegen un- 
mittelbar das Entfernen einer Sache aus dem Vermögen eines Andern, 
woran sich dann begrifflich das Sichzuwenden anschliesst. Der pleo- 
nastische Diehstald*) hat in seinem Buchstabengehalt keine Hindeutung 
auf das Handeln , sondern urgirt das Heimliehe. 

Aus der Bezeichnung des Handelns mit contrectare und entwendeu 
ergiebt sich als Vorsatz: eine fremde (bewegliche) Sache an sich zu 
nehmen. Darin liegt an sich noch keine Rechtswidrigkeit und jenes 
Handeln macht noch Niemand zum Diebe; die coutrectatio rei aliena; 
kann vollkommen rechtmässig sein. Aber das Handeln bekommt eine 
andere Färbung durch die 

2. Absicht: sich die Sache zuzueignen (animus rem sibi liabendi) 
mit dem Bewusstsein, dass sie eine fremde ist. Dadurch wird aber 
das Verbrechen des Diebstahls noch nicht existent, denn der Confrec- 
♦ant kann ein Recht haben, mit oder ohne Einwilligung des bisher 
Berechtigten sich die Sache zu eigen zu machen. Rechtswidrig ist 
jene Absicht nur dann, wenn durch ihre Ausführung das Recht eines 
Andern geschädigt würde (coutrectatio fraudulosaj. Dieses Recht (Ver- 
mögensrecht) des Eigenthümers, sowie unter Umständen des Commo- 
datars und anderer Besitzer der Sache (1. 14 D. de furtis) ist das 
rechtliche Obj'ect oder Angriffsobject bei dem Verbrechen des Dieb- 
stahls. Es wird dann nicht geschädigt , wenn der Träger des Rechts 
auf dasselbe zu Gunsten des Contrectanten verzichtet. Gellii N. A. 
XL, 18: „Verba sunt Sabini — : Qui alienam rem attrectavit, quum 
id se invito domino facere judicare deberet, furti tenetur." Gaius HL, 195 etc. 

*j Grimm, aeutsclic Reclitsaltertliilmer S. C35 (Ausgabe von lS28'i. IVeigand, Svnon. 
Xr 533. 

Wisaeiistlififtnclie Moiiatssclirltt. Q 



— 34 — 

Eine Yergleicliuiig der Definitionen des furtum bei den römischen 
Juristen zeigt uns aber ferner, dass einige derselben die Absicht des 
Diebes glaubten erweitern zu müssen. Der kurzen Fassung „contrec- 
tatio rei fraudulosa" entspricht die Definition des Paulus S. R. II., 
31 , 1 : ^Fur est, qui dolo male rem alienam contrectat." Dagegen 
ist in der aus Paulus lib. XXXIX. ad Edictum entnommenen 1. 1 
§. 3 D. de furtis hinzugefügt „lucri faciendi gratia". Es lässt sich 
vermuthen, dass dieser Zusatz, der sich weder in jener Definition 
des Paulus findet, noch in der sonst buchstäblich mit der 1. 1 D. cit. 
übereinstimmenden Institutionenstelle, §. 1 I. de oblig. qute ex delicto, 
nicht vom Paulus herrühre; den Grund des Zusatzes erfahren wir 
aber aus 1. 41 §. 1 D. ad leg. Aquil. : ^Interdum evenire Pomponius 
eleganter ait, ut quis tabulas delendo furti non teneatur, sed tantum 
damni injuria;, utputa si non animo furti faciendi, sed tantimi damni 
dandi delevit, nam furti non tenebitur, cum facto enim etiam animum 
furis furtum exigit." Aehnlich sprechen sich andere Pandektenstellen 
aus. Hatte also der eine fremde Sache Contrectirende nicht die Ab- 
sicht gehabt, sich die Sache zuzueignen und sein Vermögen dadurch 
zu vergrössern, sondern die Sache sogleich zu vernichten und hatte 
er dieses bewerkstelligt, so dass das Contrectiren und das Vernichten 
zu einem Act zusammenflössen, so konnte nicht die Diebstahlsklage 
gegen ihn gebraucht werden, sondern die Klage wegen widerrechtlich 
zugefügten Schadens. Anders in dem Falle der 1. 2 D. de pi'ivatis 
delictis: „Qui hominem surripuit et occidit, quia surripuit, furti, quia 
occidit , Aquilia tenetur , neque altera harum actionum alteram 
consumit." Mit jener Entscheidung des Pomponius steht nicht in 
Widerspruch, dass, wenn der eine fremde Sache Contrectirende nicht 
sein Vermögen dabei vergrössern wollte, sondern die Absicht hatte, 
die Sache sogleich oder bald zu verschenken und diess ausführte, 
er der Diebstahlsklage verfiel, 1. 54 §. 1 D. de furtis: „Species enim 
lucri est, ex alieno largiri et beneficii debitorem sibi acquirere. Unde 
et is furti tenetur, qui ideo rem amovet, ut eam alii donet." Hier 
ist der dehnbare Begriff des lucrum möglichst weit ausgedehnt, der 
tiefere juristische Grund der Entscheidung ist aber nur angedeutet. 
Die für den Begriff des Diebstahls wesentliche Zueignungsabsicht wird 
dadurch nicht afficirt, dass der Entwender schon bei der Entwendung 
sich vorgenommen hat, die Sache später oder sogleich zu verschenken, 
denn um diess zu können, muss er sich zuvor die SacJie zueignen.-) 

Wir sehen aus dem Vorhergehenden, wie die Römer dazu kamen, 
nach der causa faciendi zu fragen und einen animus lucri faciendi in 

*) Sarignij 4f System des heutigen Römischen Rechts IV. S. -1, 24. 



II 



— 35 — 

den Begriff des furtum zu neliineii , den sie, weil er die Grenze des 
furtum gegenüber den Fällen der lex Aquilia (damnum injuria datum) 
markirte, auch animus furti faciendi, furandi nannten. An diese rö- 
mische Auflassung haben sich von den deutschen Strafgcsctzbüchcm 
am nächsten angeschlossen: Sachsen 272 (223), Baden 376, Thur- 
gau 215, Thüringen 213, Braunschweig 213. Auch Oesteneich 171 
hat „um seines Vortheiles willen." Dagegen haben die Absicld nur 
auf die rechtswidrige Zueignung gestellt: Baiern 209, Zürich 211, Lu- 
zern 232, Graubünden 155, AVürttemberg 316, Hannover 279, Grh. 
Hessen 354, Preussen 215. Ich halte das Letztere für richtig, aus 
folgenden Gründen. 

Wir sehen aus den Verhandlungen und ständischen Berathungen 
über Art. 223 des sächsischen Str. -G. -B. von 1838, dass derselbe 
Grnnd, der römische Juristen bestimmte, entscheidend war für die 
Aufnahme der "Worte in die liealdefinition des Diebstahls, welche den 
unrechtmässigen Gewinn urgiren. Es sollte dadurch für die Praxis 
das Auseinanderhalten der Art. 223 und Art. 288 -Beschädisuno- 
fremden Eigeuthums" gesichert werden. Jene Worte sollten dem Irr- 
thum vorbeugen, der bei der Beliandlung einzelner Fälle eintreten 
Tcann , sie gehören aber nicht zum Begriff des Diebstahls. Der Dieb- 
stahl wie die Beschädigung fremden Eigenthums haben ein und das- 
selbe rechtliche Object, das Recht des Eigenthümers oder dessen, der 
sonst ein selbstständiges Recht an der Sache hat, der Angriff die Ver- 
letzung) und die darauf gerichtete Absicht sind aber in den beiden 
Fällen verschieden und dadurch sind sie begrifflich getrennt. In dem 
einen Falle ist es die Absicht der rechtswidrigen Zueignung, in dem 
andern der Zerstörung oder Beschädigung fremden Eigenthums. Das 
von Morstadt zu Feuerbach §. 319 angeregte Beispiel ist instructiv. 
Wenn Jemand den in einem fremden Wohnzimmer hängenden fremden 
Spiegel ergreift und aus dem Fenster wirft, so ist er eben so wenig 
Dieb, als wenn er den an der Wand hängenden Spiegel, ohne ihn 
abzunehmen, zerschlägt; Dieb ist er nur dann, wenn er den fremden 
Spiegel, ohne dass er ein Recht dazu hat, nicht bloss an sich nimmt, 
sondern dieses thut mit der Zueignungsabsicht. Ob er nachher viel- 
leicht den Spiegel vernichtet oder verschenkt, das berührt den fer- 
tigen Begriff des Diebstahls nicht. 

Der Zusammenhang der s. g. gewinnsüchtigen Absicht, die richtig 
gefasst in das Gebiet der Motive gehört, mit der Zueiguungsabsicht 
beim Diebstahl ist nicht schwer zu erkennen. Der körperliclie Ge- 
genstand des Stehlens wird allgemein als eine fremde bewegliche Sache 
bezeichnet und der Jurist denkt sich diese Sache sogleich als ein 



— 36 — 

Vermögensobjekt. Gegenstand des Vermögens ist aber nur was einen 
Geldeswerth hat. Daher verlangt das englische Kecht beim Dieb- 
stahl, dass die Sache „of some value" sei*) und ist in dem neuen 
Str. -G. -B. für Sachsen Art. 272 gesagt: ^eine fremde bewegliche 
Sache, die einen Schätzungswerth hat." Dieser letztere Zusatz soll zu- 
nächst die Entwendung werthloser Gegenstände, von Avelcher Art. 3.30 
handelt, vom Diebstahl trennen, hat aber eine weitergehende Bedeu- 
tung. Wer ein fremdes bewegliches Vermögens object wider den Wil- 
len des Elgenthümers oder Besitzei'S sich zu eigen macht, der gewinnt 
dadurch am eigenen Vermögen, während der Bestuhlene ärmer wird. 
Auf diese Weise schliesst das rem sibi habere das lucrum facere in 
sich und folglich gehört die s. g. gewinnsüchtige Absicht nicht neben 
der Zueignungsabsicht als gesondertes Merkmal zum Begriff des Dieb- 
stahls. Das neue sächsische Str. -G. -B. hatte um so weniger nöthig, 
die Hervorhebung des unrechtmässigen Gewinnes aus dem früheren 
Str.-G.-B. hinüberzunehmen und neben der Zueignungsabsicht festzu- 
halten, da es in der angegebenen Weise den Gegenstand des Dieb- 
stahls als Vermögcnsobject genau und richtig bezeichnet. 

In der Praxis kommen oft Fälle vor, in denen bei einigem 
Schein dafür es dennoch sehr bestritten ist, ob ein Diebstahl vorliege. 
Dahin gehört der Fall, wenn ein Knecht wider den Willen der 
Dienstherrschaft aus deren Vorrath Korn, Futter u. dergl. nimmt, um 
es dem ihm anvertrauten Vieh zu verfüttern. Daran reihen sich ähn- 
liche Fälle, in denen das Genommene (Entwendete) zum Nutzen des 
Verletzten verwendet wird. Das neue sächsische Str. - G. - B. hat im 
Art. 330 eine Bestimmung für solche Fälle, aber nicht in dem Ab- 
schnitte vom Diebstahl, sondern in einem ergänzenden Capitel „von 
anderen Beeinträchtigungen fremden Eigenthums" und als Strafe soll für 
solche Fälle, auf Antrag des Verletzten, nur Verweis oder Geldbusse 
bis zu zehn Thalern eintreten. Diese mildere Beurtheilung wird ein 
Hinblick auf die auch in der neueren Praxis häufig aufgetretenen Fälle 
der Ai-t zweckmässig erscheinen lassen, der entscheidende Punkt ist 
jedoch darin zu sehen , dass der Begriff des Diebstahls in solchen 
Fällen nicht existent geworden ist, indem die Absicht der Zueignung 
der fremden Sache fehlte. Aber auch derjenige ist nach deutschem 
Recht noch nicht Dieb, welcher eine fremde Sache an sich nimmt, 
wider den Willen des Elgenthümers , um sie im eigenen Nutzen zu 
gebrauchen, sobald es gewiss ist, dass er nicht die Absicht hat , sich 
dieselbe zuzueignen, sondern die Substanz der Sache dem Eigenthümer 
zu lassen. (Sachsen 330 [287], Thüringen 280, Braunschw. 239.) 

*) Millermaier , die Strafgesetzgebung iu ihrer Fortbildung. II. 3-1. 



— 37 — 

Auch die Grenzregulining von Diebstahl und strafbarer Selbst- 
hiHfe ist nicht schwierig, wenn man sich an die auf der Willcnsseite 
des Diebstahls als entscheidend hervortretende Zueignungsabsicht hält. 
Wer seinem wirklichen oder vermeintlichen Schuldner ein (bewegliches) 
Vermögensobject wider dessen Willen wegnimmt, um dieses Objeet 
sich zu eigen und dadurch für die Schuld sich bezahlt zu machen, 
der begeht einen Diebstahl und seine etwaige irrige Vorstellung hin- 
sichtlich des Rechts zu einem solchen Verfahren schliesst den Begriff 
des Diebstahls nicht aus, wenn sie auch bei der Strafzumessung in 
Betracht kommt. Wer dagegen jene Handlung vornimmt, nicht um 
die Sache sich zuzueignen, sondern sie zu seiner Sicherung bis zur 
Abzahlung der Schuld zu retiuiren, der ist für Selbsthülfe strafbar. 
3. Das Motiv des Diebes ist immer Eigennutz. 
V. Injurie oder Ehrverletzung. 

1. Der Vorsatz geht auf ein Handeln oder Unterlassen sehr ver- 
schiedener Art. 

2. Die Absicht ist gerichtet auf die Verletzung der Ehre eines 
Andern. Wenn die Römer das Wort, welches allgemein Unrecht und 
Rechtsverletzung bedeutet, iniuria, speziell für die Rechtsverletzung 
dieser Art gebrauchen, so ist hierin wohl eine Beziehung darauf 
zu sehen , dass in der Ehrverletzung eine Verletzung der ganzen Per- 
sönlichkeit des Bürgers zu liegen schien. Es findet sich aber in der 
römischen Sprache zur Bezeichnung der Ehrverletzung ein anderes 
sehr ausdrucksvolles Wort, contionelia , welches die römischen Juristen 
richtig mit conteranere in Verbindung bringen (1. 1 pr. D. de iniuriis, 
pr. J. de iniur.). Contumelia ist die geäusserte Nichtanerkennung der 
existimatio oder bürgerlichen Ehre eines Andern , auf deren Aner- 
kennung er ein Recht hat. Es liegt darin ein herabsetzendes Urtheil, 
eine Herabwürdigung oder Geringschätzung. Von den deutschen Wör- 
tern , die zui" Bezeichnung des aus der lateinischen Sprache in die 
deutsche übergegangenen Wortes Injurie dienen, entspricht der con- 
tumelia am meisten Ehrenschmälerung.*) Durch solche Schmälei'ung 
und Herabsetzung entsteht in dem Herabgesetzten die schmerzliche 
Empfindung in seiner Persönlichkeit nicht nach dem Rechte anerkannt 
zu sein, er ist beleidigt oder, stärker ausgedrückt, geki-änkt.**) 

Wer die Absicht hat, die Ehre eines Andern zu verletzen oder 
zu schmälern, findet leicht llaiidlungsformen (auch Unterlassungen) 
und Worte und Zeichen, deren er sich als Mittel zum Zweck bedienen 



*) Weigand, Syiion. Nr. 1601 veigl. 1058. Schmeller'i bayerisches Wörterbucli lU. 
S. 4ii8. 

*») Weigand, Nr. 343, 1322, 2005. 



— 38 — 

kann. Es giebt in jedem Lande und in jedem Gesellschaftskreise eine 
grosse Anzahl derselben, deren Gebrauch nach allgemeiner Vorstellung 
und gegenseitiger Uebereinstimmung eine Ehrverletzung Jemandes her- 
vorbringt. „Sie sind gültige Münze; braucht man dieselben, so weiss 
Jeder, wofür er sie zu halten hat." *) Man nennt sie objectiv-, besser 
absolut- injuriöse Handlungen. Wer also eine solche Handlung vor- 
liimrat gegen Jemand, von dem sagt die allgemeine Stimme, er habe 
die Ehre des Andern verletzt. Es wäre aber juristisch unrichtig in 
solchem Falle anzunehmen , die Handlung allein mache die Ehrver- 
letzung aus, ohne die Absicht zu verletzen; auch wird nicht die Ab- 
sicht iJräsumirt, sondern sie ist aus den Umständen oder der Sach- 
lage, ex re, bewiesen und es ist weder das Geständniss der Absicht 
nöthig, noch ist die Behauj^tung des Thäters, jene Absicht nicht ge- 
habt zu haben, von Belang. Wer z. B. einen Menschen einen Schurken 
nennt, gegen den liegt der Beweis solcher Absicht in der allgemeinen 
Vorstellungsart, als welche der Thäter theilt. Aber bei jedem Be- 
weise aus der Sachlage, ist auch den Gegenanzeigen Raum zu geben 
(Baden 295) und sind diese stärker oder auch niu- eben stark als die 
Anzeigen für jene Absicht, so fehlt es an dem Beweise des subjec- 
tiven Bestandtheiles der Ehrverletzung. 

Den absolut-injariösen Handlungen und Ausdrücken stehen gegen- 
über die relativ -injuriösen oder zweideutigen. Diese können als Mittel 
zum Zweck der Ehrverletzung dienen, es ist aber mit ihrem Gebrauche 
nicht schon in der Regel die Absicht der Ehrverletzung bewiesen. 
Wer einen Andern schlägt, will ihn möglicher Weise injuriiren, mög- 
licher Weise hat er dabei eine ganz andere und nichts Aveniger als 
rechtswidrige Absicht (1. 13 §. 4 D. locati). Die Absicht kann durch 
Geständniss constatirt werden oder aus den Umständen hervorgehen. 
Wer z. B. einen Andern Schelm nennt, producirt dadurch eine arge 
Ehrverletzung oder einen Scherz, denn Schelm ist sowohl das Syno- 
nimon von Schurke, Betrüger etc., als auch, wie Schalk, bezeichnet 
es den, der geraüthlichen Scherz und List treibt. Wenn in solchen 
Fällen der Beweis der Absicht aus den Umständen in Angriff ge- 
nommen wird, so ist vor Allem das französische „c'est le ton qui 
fait la musique" zu beachten und das Verhältniss der betreifenden 
Personen zu einander in's Auge zu fassen. Manche Handlungen und 
Ausdrücke, die im Allgemeinen als absolut- injuriöse bezeichnet wer- 
den können, werden auf Grundlage eines engern oder speziellen Ver- 
hältnisses zweier Personen zu einander zu zweideutigen oder gar in- 
differenten, woraus man sieht, dass solche Eintheilimgen , wie sie 



*) 0. V. Brunnow in den Dorpater Jurist, Studien (1849) S. 80. 



— 39 — 

FcuL'ibach und Andere machen, wenn sie auch nicht ohne Werth sind, 
doch nicht streng durchgeführt werden können. Das Entscheidende 
bleibt in Zweifelstallcn immer die Absicht, durch welche die Hand- 
lung ihren Charakter erhält (1. 3 §. 1 D. de injuriis : „quam enim 
injuria ex afifectu facientis consistat"). 

Es erhebt sich hier nun auch die Frage , ob die Vurnahme von 
Handlungen und das Aussprechen von Worten, die in der genannten 
Beziehung nicht zweideutig , sondern ganz gleichgültig sind , durch die 
eingestandene Absicht der Ehrverletzung zu Injurien werden ? Diese 
Frage lässt sich ohne ein Eingehen auf den s. g. Versuch mit un- 
tauglichen Mitteln nicht beantworten. 

Der Versuch des Verbrechens enthält ein positives und ein ne- 
gatives Moment: die rechtswidrige Absicht ist objectivirt, aber nicht 
realisii-t. Die Objectivirung der Absicht ist eine Bewegung des Han- 
delns auf der Bahn zwischen der Absicht und ihrem Zielpunkte. Das 
Handeln ist das Mittel (s. oben Seite 27), welches angewendet w^ird, 
um das Ziel zu erreichen und damit die Absicht zu verwirklichen. 
Setze ich mir nun ein Handeln vor, durch welches ich weder das Ziel, 
noch irgend einen Punkt der Bahn erreichen kann, so ist das ge- 
wählte Mittel untauglich , es ist kein Mittel zum Zweck und das Han- 
deln ist nicht objectivirte Absicht, folglich liegt gar kein Versuch des 
Verbrechens vor. Das Handeln befindet sich hier nicht minder ausser- 
halb der Bahn, auf welcher sich der Versuch zu bewegen hat oder 
der Mitte zwischen Absicht und Zielpunkt, als die Vorbereitungen, 
die noch hinter dem Anfangspunkte der Bahn sich gestalten. 

Wenn wir hiernach die gestellte Frage beantworten wollen, so 
ergiebt sich, dass keine Ehrverletzung und auch kein Versuch der- 
selben vorhanden ist. Die Absicht der Ehrvcrletziing ist eingestanden, 
also manifestirt d. h. es ist kundgegeben, dass jene Absicht existirte, 
aber dieser Aufschluss über das Innere hat es nur noch mit dem 
Innern zu thun und das was Ausführung der Absicht sein sollte, ist 
es nicht; es fehlt der reale Zusammenhang zwischen dem Innern imd 
Aeussern, statt dessen sehen wir eine Entzweiung derselben. 

3. Das Motiv des Injurianten reducirt sich immer auf Selbstbe- 
friedigung, ihre besondere Gestalt ist hier aber mannigfach. Sehr ge- 
wöhnlich sind es Bosheit, Zorn, Rache und Uebermuth, die ihn lei- 
teten ; vielleiclit wollte er einen Nebenbuhler in dem Injuriirten 
beseitigen oder einen zudringlichen und unbequemen Besucher von 
seinem Hause entfernen u. s. w. Die Absicht der Ehrverletzung 
gibt dem Verbrechen seinen Charakter, nicht das Motiv des Han- 
delns, aber die Kenntniss des Letztern trägt, wie überhaupt, so 



— 10 — 

auch hier nicht wenig zur Erkenntniss der rechtswidrigen Ab- 
sicht bei. 

VI. Nothzucht. 

1. Die Handlung, daraut' der Vorsatz geht, besteht in dem Er- 
zwingen des Beischlafs und davon hat das Verbrechen den Namen er- 
halten. Der Zwang kann bestehen 

, a) in körperlicher Qcicalt. In der Bezeichnung dieser Gewalt 
stimmen zwar die neuen Gesetzbücher nicht ganz überein , aber die 
Verschiedenheiten sind nicht wesentlich. Die P. G. 0. Art. 119 sagt 
nur „mit Gewalt und wider ihren Willen." Ein ernstliches Wider- 
streben der Angegriffenen wird vorausgesetzt (Sachsen 180); 

b; in Drolnuigen. Diese werden verschieden charakterisirt , als 
„gefährliche Drohung oder Bedrohung" (Oesterreich, Württemberg, 
Braunschweig), als „Drohungen, welche mit dringender gegenwärtiger 
Gefahr für Leib und Leben verbunden sind" (Bayern, Hannover und 
ganz ähnlich Sachsen [1838], Thüringen luul Prcussen), als „gefähr- 
liche, mit der Aussicht unverzüglicher Verwirklichung verbundene 
Drohungen" (Grh. Hessen und ähnlich Baden). Das neue sächsische 
Str. G. B. 180, 181 hat der Unterscheidung von „wörtlicher oder 
thatsächlicher Bedrohung mit schweren , gegen sie selbst (die Frauens- 
person) oder ihre Angehörigen unverzüglich auszuübenden Misshand- 
lungen" und „Drohungen anderer Art" eine Folge gegeben, gegen 
die sich wohl ein Bedenken erheben lässt. 

c) Als Nothzucht nach der P. G. 0. ist es schwerlich anzusehen, 
wenn ein Mann mit einer Frauensperson zwar wider ihren Willen, 
aber nicht nach angewendeter Gewalt den Beischlaf vollzieht, sondern 
nachdem er sie durch Anwendung betäubender Mittel widerstandsun- 
fähig gemacht hat und es Lässt sich sogar bezweifeln, ob nicht die 
P. G. 0., im Anschluss an die frühere germanische Behandlung die- 
ses Verbrechens , in der nur die wirkliche körperliche Gewalt als ent- 
scheidend hervortritt, den Zwang, der in der Drohung liegen kann, 
nach ihrem Wortlaut ausschliesse. Allein, so wie das analoge Heran- 
ziehen der gefährlichen Drohung gerechtfertigt ist, so ist es auch die 
Anreihung des genannten Falles der Betäubung. Das rechtliche Ob- 
ject ist in allen drei Fällen dasselbe und sie kommen auch dann 
überein, dass in ihnen das Handeln als Mittel der Verwirklichung 
derselben rechtswidrigen Absicht dient. Die Gesetzbücher haben 
diesen dritten Fall nicht gleichmässig behandelt, aber es ist aner- 
kannt, dass er jetzt eine grössere Bedeutung hat als früher, weil 
er seit Entdeckung der Wirkungen des Chloroforms und ähnlicher 



— 11 — 

JJctäiibungsinittel häutiger vorkoinint*) und es ist wohl gar kein Grund 
diesen der Nothzucht analogen Fall gelinder zu strafen als die Noth- 
zucht, wie es das neue sächsische Strafgesetzbuch 182 vorschreibt, 
sobald nur mit Grund angenonnnen werden kann aus den Umständen, 
dass die Gemissbrauchte jedenfalls ernstlichen Widerstand geleistet 
haben würde, wenn sie nicht durch die Chlorofonnirung widerstand- 
los gemacht w^ärc. Es darf zwar weder dafür noch dagegen präsumirt 
werden , aber der Beweis aus den Umständen ist liier wohl niclit 
schwieriger, als der Beweis, dass bei der in Anklage gestellten Noth- 
zucht die Gewalt eine unabwendbare gewesen sei. 

2. Die Absicht ist gerichtet auf Vernichtung der weiblichen Ehre. 
Diese ist das rechtliche Object und es müssen daher die beiden Fälle, 
wo die Gewalt geübt wurde gegen ein Weib, das im Besitz der 
weiblichen Ehre ist und ein solches, das dieses Gut nicht mehr hat, 
unterschieden und es kann nur der erstere Fall hieher gerechnet wer- 
den **). So bestimmt die P. G. 0. ^Item so jemandt einer unver- 
Icumbten ehefrawen, witwcn oder jungkfrawen, mit gewalt und wider 
iren M'illen, ir jungkfrewlich oder frewlich ehr neme." Die Straf- 
gesetzbücher haben den gemeinrechtlichen Boden verlassen, indem sie 
als das leidende Subject allgemein „eine Frauensperson" hinstellen 
und nur einige derselben haben der alten Auffassung das Zugeständ- 
niss gemacht, dass sie den gewaltsamen Missbranch einer Hure , wenn 
sie ihn zwar Nothzucht nennen, doch mit einer bedeutend gelindem 
Strafe bedrohen, als die wirkliche Nothzucht (Braunschweig 172, 
Thüringen 291 , Baden 335). Das sächsische Str. G. B. hatte einen 
historischen Grund, sich die Auffassung der P. G. 0. nicht anzu- 
eignen, denn der Sachsenspiegel III., 46 §. 2 (vergleiche Schwaben- 
spiegel 259, Ausg. von Gengier) sagt: „An varendcn wiven unde an 
siner amien mach en man not dun unde sin lif vorw^erken of he se 
ane iren dank beleget." Die übrigen Gesetzbücher hatten wohl nur 
den Grund , dass es bequemer schien , die beiden Fälle in einem Ar- 
tikel beisammen zu haben. Es lässt sich aber mit Recht bezweifeln, 
ob dieser Grund genügte zum Abgehen von der tiefsittlichen Auffas- 
sung der P. G. 0. Wer den Beischlaf erzwingt an seiner „Amie" 
oder an einer Hure, die im Augenblick nicht Lust hat zum Liebes- 
werk, der handelt zwar rechtswidrig, insofern eine solche Person trotz 
ihrer Freigebigkeit und ihrem Feilsein doch noch ein Recht hat über 
ihren Körper zu verfügen, aber unendlich verschieden ist dieses 
Recht von dem rechtlichen Object im Art. 119 der P. G. 0., der 



*) Miitermaier iiu ucucn Archiv des Crim. 1855. S. 203. 
**) Wächter'i Abhandlungen aus dem Strafrechte. I. S. 2-i. 



— 42 — 

weiblichen Ehre. Ein „ehrlich Weib" wird durch einen aufgenöthigten 
Beischlaf sittlich vernichtet un.d die deutsche Sprache bezeichnet da- 
her die weibliche Ehre als das höchste Gut des Weibes. 

Bei einer solchen Verschiedenheit des rechtlichen Objects in den 
beiden Fällen kann die angedeutete Rücksicht auf eine kleine Be- 
quemlichkeit im Gebrauch eines Strafgesetzbuches nicht in die Waag- 
schale fallen. Bemerk enswerth ist auch, dass die Strafgesetzbücher, 
nachdem sie abgegangen sind von der gemeinrechtlichen Grundlage, 
das Verbrechen der Nothzucht sehr verschieden in ihren Systemen 
eingeordnet haben, denn so schlecht auch hie und da die Anordnung 
sein mag, haben doch noch alle Strafgesetzbücher eine Art System 
oder etwas, das einem System ähnlich sieht, nicht für unnöthig ge- 
halten , obgleich in neuerer Zeit nicht selten behauptet worden ist, 
dass es ein Vorzug eines Strafgesetzbuches sei, kein System zu haben. 

3. Das Motiv dieses Verbrechens ist immer Befriedigung der 
Geschlechtslust. 



DIAGNOSE 

DES 

GEGENWÄRTIGEN ZEITALTERS*). 

Von ADOLF SCHMIDT. 

(Erster Artikel.) 

1. Aufgabe und Auf blick. 

Unsere Vorfahren beschrieben die Thaten und Schicksale der 
Völker in harmlosester Weise, indem sie die überlieferten Ereignisse, 
wirkliche oder eingebildete, ohne Kritik kunst- und geistlos aneinander 
reiheten. Es war ebenso unmöglich, bei diesen chronistischen An- 
fängen der Geschichtschreibung stehen zu bleiben, wie wenn man im 
Gebiet der bildenden Kunst nicht über die rohesten Anfänge der 
Linienzeichnung hätte hinausgehen wollen. Denn die fortschreitende 



*) Ich glaube jnicli davor wahren zu müssen, als handle es sich hier um einen eigen- 
mächtigen und improvisirtcn Gedankenbau. Der gegenwärtige Aufsatz ist seinem Eiuzelbe- 
stande nach langsam im Laufe Ton sechzehn Jahren aus oft sehr mikroskopischen Beobach- 
tungen überlieferter und erlebter Thatsachen erwachsen und hat während dieses Zeitraumes, 
je nach dem Fortgange der Untersuchung, wiederholte durchgreifende Umgestaltungen nach 
Form und Inhalt erfahren. Die Geschichtsforschung in der Anwendung, wie sie hier er- 
scheint, ist eine erst im Keime befindliche Disciplin, nicht sowohl philosophischen als natur- 
wissenschaftlichen Charakters, eine werdende Physiologie der Geschichte oder der Menschheit. 



— 43 — 

Entwicklung jedes Vermögens, in Völkern wie in Einzelnen, vermehrt 
naturgemäss die Ansprüclic an dessen Leistungen. So sah denn auch 
die Geschichtswissenschaft mit der Zeit ihre Aufgabe sich ei'weitern. 
Namentlich verlangte man von ihren Vertretern eine gründliche Aus- 
scheidung der unbeglaubigten von den beglaubigten Thatsachen; und 
wer sich dem entzog, fiel am ehesten der Vergessenheit anheim. Die- 
sem Verlangen gesellten sich bald andere. Man begehrte eine künst- 
lerische Gruppirung und Darstellung des Stoffes, und wo dem kein 
Genüge geschah, da M-andte sich die Lesewelt aus Unbehagen ab; 
man beanspruchte eine charaktervolle Gesinnung, wollte an dem Fa- 
den eines sittlichen Urtheils geführt sein, und wer sich aus Furcht 
oder Mangel an Selbstvertrauen, aus Gunst für die Einen oder Un- 
gunst für die Andern dem versagte, der verfiel dem Misstrauen und 
sogar der Verachtung. Endlich aber befriedigten selbst diese For- 
derungen nicht mehr. Der kritisch beglaubigte, künstlerisch ge- 
formte und sittlich bewegte Stoff sollte zugleich auch geistig durch- 
dacht und gesetzmässig aufgefasst sein. Denn aus der Ueberschau- 
lichkeit immer längerer Verläufe ist sich die Menschheit dessen be- 
wusst geworden , dass ihre Thaten und Schicksale die fortschreitende 
Entwicklung eines einigen geistigen Lebens aus dem Quell ureigener 
Triebe bezeichnen, und dass ohne ein Verständniss dieser Triebe und 
Kräfte, ihrer Ziele und Gesetze, jeder Pulsschlag in diesem geistigen 
Leben, das wir Geschichte nennen, nur ein blindes und räthselhaftes 
Ungefähr bleibt. Wer nichts Anderes in der Geschichte anerkennt, 
als eine Reihe von Zufällen, der versündigt sich an dem Begriffe 
Gottes und der Menschheit. Und wer unter den Forschern das Stre- 
ben von sich abweist, jenes Verständniss sich selbst und Anderen zu 
eröffnen: der nimmt entweder wissentlich, sei es aus Dünkel oder 
Leichtsinn, an der Versündigung Theil; oder er huldigt einer bekla- 
genswerthen Verkennung seines Berufes, indem er die ernstesten Pflich- 
ten seiner Aufgabe, die schwierigsten und mühevollsten, diejenigen 
die das äusserste Maass von Geduld im Beobachten der Dinge und 
im Erlauschen ihres Sinnes erfordern , irrigerweise der Schulphilosophie 
und ihren plötzlichen Eingebungen tiberlässt. 

Von den Trieben und Gesetzen der Weltgeschichte sich Rechen- 
schaft zu geben, ist aber schon deshalb für den Menschen und Bür- 
ger ein lohnendes Geschäft, weil es den Geist erhebt, den Charakter 
stärkt, und das Gemüth zum Ebenmaass der Empfindungen zurückführt. 
Denn wohl ist es begreiflich, dass edle und unedle Regungen der 
Leidenschaft und des Zornes sich der Gemüther bemächtigen, wenn 
die Geschichte den Blicken jene traurigen Erscheimmgen vorführt» 



— 44 — 

wo durch Verträge Nationen zerrissen oder ilire Rechte vernichtet 
wurden , wo man mit den freien Einrichtungen der Völker das böse 
Sjjiel künstlicher Entziehung trieb , oder wo die Selbstständigkeit und 
das Wohl der Staaten durch Feigheit, Blödsinn oder Verrath einem 
lauernden Gegner geojsfert ward. Wohl erklärt es sich auch, wenn 
bei gleichzeitigen Ereignissen dieser Art das Gefühl der Schaam und 
des Ekels den Mitlebenden erfasst, in dem Sinne wie einst Leibnitz 
ihm Worte gab, als er das Bekenntniss ablegte: „So oft ich den ge- 
fährlichen Zustand der Dinge um uns her, und dabei unsere Trägheit, 
unsere verkehrten Rathschläge betrachte, so oft schäme ich mich un- 
serer vor den Augen der Nachwelt; es macht Ekel und Ueberdruss, 
an die Geschichte der gegenwärtigen Zeit nur zu denken." Unwürdig 
aber ist es , wenn beim Anblick und unter dem Eindruck geschicht- 
licher Thatsachen Muthlosigkeit , Zagen oder gar Verzweiflung die 
Gemüther beschleicht. Denn die Geschichte ist es ja, die, indem sie 
niederbeugt, auch wieder aufrichtet, welche die Mittel zu jeglicher 
Abhülfe in sich selber trägt, und durch den Wechsel der Zeiten die 
Zeiten richtet. 

Doch nicht insofern erwächst hieraus Hofinung, Trost und Er- 
hebung, als man im jeglichen Rahmen des Wechsels der Personen 
und der Systeme, wie aller Dinge auf Erden, gewiss sein kann. Da.s 
wäre wenigstens kein rechter oder gar ein schlechter Trost, der alles 
von Thron- und Miuisterwechseln , von Sinnesänderungen und Todesfällen 
oder Geburten hofft. Derjenige Wechsel der Zeiten, der Geist und 
Gemüth zur Erhebung sowohl berechtigt wie befähigt, ist allein der 
gesetzmässige Wandel der Geschichte, der sich nicht um Einzelne, 
.sondern nur um das Ganze kümmert, der mit den Tritten erhabener 
Nothwendigkcit einherschreitend , fort und fort das Menschenwerk nie- 
derwirft , das Marionettenspiel der Armen - Sünder - Politik wie die 
Kartenhäuser selbstgefälliger imd vielgeschäftiger Diplomaten, die meist 
sich Giganten dünken und meist nur Pygmäen sind. Die grossen 
Triebkräfte der Geschichte und die Gesetze ihrer bisherigen Offen- 
barung sind die ewigen Wahrzeichen, welche gleich der Magnetnadel 
unabänderlich auf die Ziele hinweisen, denen die Menschheit — der 
die Mittel , aber nicht die Zwecke freigegeben sind — nicht im Ein- 
zelnen, aber im Ganzen unablässig durch alle Jahrhunderte zustrebt. 
Wer sich dieser Triebe und Gesetze, wenn auch nur in annähernder 
Weise bewusst ist, für den kann keine Bedrängniss der Zeiten und 
der Völker, ob sie auch Zorn und Leidenschaft, Schaam und Ekel er- 
zeugen möge , zu einem Anlass des Kleinmuths werden. Denn die Welt- 
geschichte verzweifelt nie ; sie weiss, was sie will und was sie vermag. 



— 45 — 

Aber Eins ist für den, der in geschichtliehen Bedrängnissen des 
Kk'inmuths sich erwehren will, unerUisslich. Er darf nicht bloss als 
Einzelner, nicht bloss als (Jlied eines Staats oder einer Nation, son- 
dern er niuss vor allem als Mensch fühlen und denken, d. h. als 
(ilied der gcsammten Menschheit, die da war, ist und sein wird. 
Denn die Gesetze der Gesciiiclite sind eben die Gesetze der ganzen 
Menschheit, gehen nicht in die Geschicke eines Volkes, einer Gene- 
ration oder gar eines Einzelnen auf. Individuen und Geschlechter, 
Staaten und Nationen können zerstäuben : die Menschheit bleibt. Die 
Hoffnungen des Privatmanns oder des Bürgers , einer Generation oder 
eines Volkes, können daher zu (j1 runde gehen; nur wer sich als Mensch 
fühlt, darf ewig hoflfeu. 

Denn gleich wie die Natur durch gegensätzliche Strebungen an- 
ziehender und abstossender Kräfte sich zur Harmonie des N\'eltalls 
hindurchgerungen hat, das heisst , zur Zusammenstimmung des Mannig- 
faltigen in der Körperwclt : also muss auch für das Menschenge- 
schlecht das Ziel alles gegensätzlichen Kingens, aller geschichtlichen 
Kämpfe, die Herstellung der Gerechtigkeit sein, das heisst, die Zu- 
sammenstimmung des Mannigfaltigen im Bereiche des Geistes, im Le- 
ben der Völker. 

2. Die Triebe und Gesetze der Bewegung. 

Durch alles menschliche Ringen zieht sich ein Widerstreit zweier 
Grundtriebe hindurch — des Herrschtriebes und des Freiheitstriebes, 
die aus einer und derselben Quelle stammen : aus dem Selbstbehanp- 
tungstrieb; er ist im Menschenleben, was die Schwerkraft in der 
Natur. 

Alles was ist will sich lehaupten; um sich aber behaupten zu 
können will es herrschen: Jeder Organismus will in seinem Kreise 
das Ganze werden, Alles an sich ziehen, sich universalisiren. Jeder 
Einzelne und jede Partei, jeder Staat und jedes Volk, jedes Glau- 
bensbekenntniss und jede Staatsgewalt , jede Richtung in Kunst und 
Wissenschaft, folgt bewusst oder unbewusst diesem Universalisirungs- 
oder lli-rr-iclitriehe, trachtet sich zum Mittel- oder Schwerpunkt eines 
immer grösseren Kreises zu erheben , Verwandtes an sicli zu raffen, 
Entgegengesetztes mehr und mehr dem eigenen Einfluss oder W^illen 
zu unterwerfen, und sich wo möglich zur Alleingültigkeit oder zur 
AUeinberechtigLUig emporzuschwingen. So erwächst jegliche Art von 
Selbstsucht im privaten und im öffentlichen Leben: der Ehrgeiz und 
die Habgier, die Anmassung und der Eigennutz, das Autoritäts- und 
Centralisationsgelüste , der Unitarisraus und die Herrschgier im engern 



— 46 — 

Sinne — der Absolutismus oder das Trachten nach Allgewalt. Was 
in der Natur die Attractions- und Centripetalkraft , als WirkurTg der 
allgemeineu Schwere , das ist in der Geschichte die Herrschlust und 
das Streben nach universaler Geltung oder unitarischen Bildungen. 
Und wie der Sieg jener Naturkraft schliesslich das Zusammenfallen 
der gesammten Materie in einen einzigen Schwerpunkt, d. h. die Ver- 
nichtung des Mannigfaltigen, den Tod der Natur herbeiführen miisste: 
so würde die äusserste Consequenz des Herrschtriebes zur Uniformi- 
tät eines Universalstaates, eines Universaldespotismus , eines Univer.sal- 
bekenntnisses führen , und damit gleicherweise die Vernichtung des 
Mannigfaltigen, den Tod des Geistes bezeichnen. 

Allein zu solchem Siege kann es nie kommen. Denn wie jener 
Naturkraft im Weltall sich eine andere entgegenstemmt, die Repul- 
sions- und Centrifugalkraft als umgekehrte Wirkung der Gravitation: 
so setzt sich auch im Leben der Menschen dem Selbstbehauptungs- 
triebe als Herrschtriebe der gleiche Selbstbehauptungstrieb in umge- 
kehrter Kraftäusserung als Imlividucdisirungs- oder Freiheitstrieb ent- 
gegen. Denn alles was ist, eben weil es sich behaupten will, will 
wiederum unbeherrscht, d. h. frei sein: Jegliches trachtet sein eigen 
zu bleiben, das Fremde von sich abzuweisen, sich zu individucäisiren. 
So wird das gegenseitige Anziehen zu einem gegenseitigen Abstossen ; es 
entbrennt der Kampf des Freiheitstriebes mit dem Herrschtriebe, des In- 
dividualismus mit dem Unitarismus oder der Autoritätssucht. Denn jeder 
Einzelne und jede Partei , jede Genossenschaft und jede Gemeinde, 
jeder Staat und jede Nation, jede Richtung in Kunst und Wissen- 
schaft, jeder Glaube und jede Staatsgewalt sucht, dem Andränge frem- 
der Herrschlust gegenüber, sich als eigenthümliches , unabhängiges 
und für sich berechtigtes Dasein geltend zu macheu, will nach allen 
Seiten hin sich abgrenzen , Entgegengesetztes zurückdrängen und mit 
Verwandtem sich nur verbrüdern. So ersteht eine andere, an sich 
edlere Art von Selbstsucht: das Ringen nach Selbstständigkeit im pri- 
vaten wie im öffentlichen, im künstlerischen wie im wissenschaftlichen 
Leben, der Anspruch auf Selbstbestimmung und Selbstregierung im 
religiösen, politischen und socialen Bereiche, die Emancipations- und 
Decentralisationsbestrebungen, der Föderalismus und der Freiheits- 
drang im engem Sinne oder das Trachten Aller — der Bürger und 
der Parteien , der Religionsbekenntnisse und der Völker — nach 
gleicher Berechtigung. Und wie es nun thatsächlich die Selbstbehaup- 
tung der Repulsions- und Centrifugalkraft gewesen ist, die die Natur 
vor der Uuiformität und dem Tode bewahrt, die harmonische Gravi- 
tation der Körperwelt ermöglicht hat: so kann auch nur die Selbst- 



- -17 — 

beliauptiing des Freilieitstiiebcs dem Geiste der Menschheit Leben und 
Mannigfaltigkeit verbürgen , und die brüderliche Vergesellschaftung 
aller Kräfte, die harmonisclie Gravitation der Geisterwelt, die Gerech- 
tigkeit und damit den Frieden im Vülkcrlcbcn ermöglichen. 

Und nur wiederum diese „Selbstbehauptung", nur jene „gleiche 
Berechtigung'^ kann das Ziel des Freiheitstriebes sein, nicht der ab- 
solute Sieg, d. li. die Vernichtung seines Gegensatzes. Denn wie in 
der Natur der Allcinbestand abstossender Kräfte das gänzliche Zer- 
fallen in Atome, das Chaos, also die Sclbstauflösung der Natur be- 
dingen müsste: so würde auch die alleinige Geltung des Individua- 
lismus, die Beseitigung all' und jeder Autorität, nur zum Kriege Aller 
gegen Alle führen, d. i. zur Atomistik der Anarchie, zur chaotischen 
Selbstauflösimg der geistigen Welt. 

Während nun aber im Bereiche der Materie Kämpfe nur Folgen 
instinctiver Kräfte sind, gewinnen sie im Bereiche des Geistes dadurch 
an Bedeutung und Erhabenheit, dass der Instinct zum Bewusstsein sich 
steigert. Der Trieb im jMenschen als blosser Naturdrang kennt zunächst 
nur selbstische Interessen; durch die Rechenschaft, die sich der Geist von 
ihm und seinen Wirkungen auf das Ganze giebt oder zu geben sucht, 
durch das Bewusstsein, wird das Niedere zu einem Höhern, das per- 
sönliche Interesse zugleich zu einem sachlichen Princip. In der Ge- 
schichte tritt diese Umwandlung dadurch ein, dass die gegensätzlichen 
Grundix'ithe. der Menschheit mit den objectiven Strebuugen der Welt- 
alter verwachsen. In der neuern Geschichte verschmelzen sie durch 
die Vermittelung der Reflexion mit dem vorwaltenden Erkennfniss- 
drange ; und demgemäss erscheint in unsern Zeiten dem Herrschtriebe, 
in Uebereinstimnnmg mit dem Eigeninteresse, das Princip der Autori- 
tät — , dem Freiheitstriebe das Princip der Selbstbestimmung als die 
einzige oder die höchste Vernunft. 

Neben den beiden allgemeinen G-'r/mr/trieben ringen sich nämlich, 
wie in dem Einzelnen, so in den Völkern und in der gesammten 
Menschheit, je nach ihrer Entwickelungsstufe , allmählig besondere 
Triebe oder gegenständliche Strebungen hervor, die dem Zeitalter den 
besondern Charakter und daher jenen Grundtrieben gleichsam Stoff 
und Richtung, oder dem Kampf um Herrschaft und Freiheit einen be- 
stimmten Zweck und Inhalt geben. Auf der ersten Stufe, der jugend- 
lichen , entwickelt sich als solcher der Bildungstrieb , vorzugsweise der 
künstlerischen Gestaltung des gesammten Daseins, der Idee des Schö- 
nen zugewandt; auf der zweiten, der männlichen, regt sich der For- 
schung sti'ieb , der auf jeglichem Gebiet des Lebens, des Denkens und 
Wissens, der Religion und der Politik, das absolut Wahre zw ergrün- 



— 48 — 

den trachtet; auf der dritten endlich, der erfahrungsreifen, wird der 
Anwendungstrieb maassgebend, der vor allem der praktischen That, der 
Beförderung des Wohles , der Verwirklichung des Nützlichen , des 
Guten Ksich widmet. 

Im Alterthum, als der ersten Entwickelungsstufe der Menschheit, 
verflochten sich nun die beiden G'rM«r/triebc mit dem Bi/duHc/sdvAnge. 
Währed der Herrschtrieb im Orient, zumal in China, Indien und 
Egypten , einen mechanischen Schematismus als Universaltypus der 
Bildung, der Kunst, des Schönen, auf dem Wege der Autorität her- 
zustellen versuchte: bethätigte der Freiheitstrieb in Grieclienland , dass 
die Verwirklichung des Schonen nur in der Mannigfaltigkeit, die 
höchste Bildung nur durch die Freiheit zu erreichen sei. 

Mit dem Beginn der christlich -germanischen oder der Neuzeit, 
als der zweiten Entwickelungsstufe der Gesannntgeschichte , war es da- 
gegen vorzugsweise der ForscJmngsdira,ng , der die Menschheit beseelte. 
Das Christenthum machte die Verwirklichung der Wahrheit, das Germa- 
nenthum den Aufbau der Wissenschaft zu seiner Aufgabe. Die Ver- 
schraelznng der beiden Grundtriebe mit dem Forschungs- oder Er- 
kenntnissdrange konnte daher nicht ausbleiben. Wiederum wollte der 
Ilerrschtrieb einen universalen einheitlichen Typus der Wahrheit von 
Autor itätswQgen für alle Geister und auf alle Zeiten hinaus feststellen ; 
und wiederum trat Ihm der Freiheitstrieb mit der Losung entgegen, 
dass die höchste Wahrheit vielmehr nur auf dem Wege der Freiheit 
erreichbar sei. 

Denn was die Menschen am meisten einigt , das Vermögen der 
Erkenntniss, ist auch das was sie am meisten trennt. AVeil nämlich 
Jedem dies Vermögen beiwohnt, und weil es jeden sittlich denkenden 
Menschen zur Erkenntniss hindrängt, so glaubt Jeder auch schliess- 
lich im Besitz derselben zu sein. Und so geschieht es, dass, indem 
Alle von einem Gemeinsamen — der Vernunft — ausgehen, dennoch 
jeder unter den Trägern philosophischer und religiöser, politischer 
und socialer Dogmen zu einem versclüedenen Ergebniss gelangt, Jeder 
das ausschliesslich Vernünftige, die absolute Wahrheit in etwas An- 
derem zu erkennen vermeint. Die Menschheit gab sich daher mehr 
und mehr der Ahnung oder der Ueberzeuguug hin: dass sie es auf 
keinem Gebiete bis zur Erkenntniss der unfehlbaren Wahrheit bringen 
könne, sondern überall nur zu einer unbegrenzten Reihe von Erkennt- 
nissformen oder von verhältnissmässigen Wahrheiten; dass das Ver- 
mögen, das Rechte oder das Bessere zu finden, für Niemanden ein 
Privilegium, sondern in allen Stücken Allen gemein sei; und dass 
mithin die absolute Form der Wahrheit die Freiheit sei. Denn nur 



— jy - 

durch sie niid in ihr werde die grösstmögliuhe Suinnie von Erkeiiiit- 
iiissfi)nnen , die hücliste Steigerung der reUitiven Wahrheiten und da- 
mit der menschlichen Erkenntniss überhaupt erreiclibar; ohne die 
Freiheit könne daher die Wahrheit nicht gedeihen; .sie sei die Dy- 
naniis, di(! Voran.ssetzung , das Geföss dci'selbon ; nur in ilir bestehe 
die Wahrlicit. Und so geschah es, dass der Freiheitstrieb in seinein 
Kanii)fe gegen den llerrschtrieb niclit nur von dem Freiheitsirt////y- 
Htss getragen wurde, sondern zugleich auch mehr und mehr von der 
Ueberzeugung : die höchste Freiheit sei die höchste Verniuift. 

Von der inieudlichen Fülle der verschiedenartigsten Erscheinungen 
umflossen, bildet dennoch die Entwickelungslinie jenes Kampfes gleich- 
sam die Pulsader des geschichtlichen Lebens. 

Das Ziel des Herrsehtriebes Ist in Staat inid Kirche, in der Ge- 
sellschaft und im Völkerverkehr: dass der FreiheitsivKAt aller Ele- 
mente auf dem gleichen Gebiete sich nicht welter geltend machen 
könne, als mit der Herrschaft eines einzigen sich verträgt; das Ge- 
setz seiner Bewegung daher In aufsteigender Linie : dass die Berecli- 
tlgung Aller zum Vorrecht Immer Wenigerer, und schliesslich zui' 
Alleinberechtigung eines Einzigen werde. 

Das Ziel des Freiheitstriebes besteht umgekehrt darin: dass der 
Herrschiv'i&h des Einzelnen — sei dies ein Individuum oder eine 
Genossenschaft, ein Staat oder ein Glaubensbekenntniss — sich nicht 
weiter geltend machen könne, als mit der Freiheit aller Uehrigcn — 
Individuen oder Genossenschaften , Staaten oder Religionsbekenntnisse 
— verträglich Ist ; und das Gesetz meiner Bewegung In absteigender 
Linie darin: dass auf jedem Gebiete , religiösem und völkerrechtlichem, 
politischem und socialem , die Berechtigung des Einen zur Berechtigung 
Immer Melircrer, und schliesslich zur Gleichberechtigung Aller fortschreite. 

Die Gleichberechtlginig begründet aber naturgemäss nur das gleiche 
Recht, nicht das Recht In allen Stücken einander gleich zu sein; 
eine Gleichheit, die In physischer und geistiger, In materieller und 
moralischer Beziehung unter Völkern wie unter Einzelnen, unter Re- 
ligionsgescllschaften wie unter Staatsgebilden unmöglich ist. Sie be- 
zeichnet vielmehr nur, indem sie gleiches Recht und gleiche Freiheit 
gewährt, die Ermächtigung und die Befiihigung, einander gleich wer- 
den zu können: dynamischen Charakters überlässt sie es, dem He- 
griflfe der Freiheit gemäss, den Talenten und der Kraftanstrengung, der 
Tüchtigkeit und Thätigkeit jedes Einzelnen — sei dies ein Individuum 
oder eine Genossenschaft, ein Staat oder eine Kirche — , das Maass des 
Möglichen durch die Wirklichkeit, das Recht durch Thaten zu erschöpfen. 

Die Gesetzmässigkeit dieser Bewegungen der Triebe und Prln- 
cipien tritt, wie in dem kleineren Rahmen manches einzelnen normalen 

Wissenschaftliche Jlonatsschiift. ^ 



— 5U — 

Volkslebe;.; so e.nA in grossen Zügen in der Gesairimtentwicklung 
der ci%ilisirten Menschheit zu Tage. Blicken wir — denn die ferne 
Vergangenheit, das classisclie Wcltalter, liegt hier ausserhalb unsers 
Gesichtskreises — auf den Hergang der Dinge in der Neuzeit. 

3. Die zeitliche Gliederung des Frinzipienkampfes im christlich- 
germanischen Weltalter. 

Das sogenannte Mittelalter, das erste Stadium der Neuzeit, be- 
wegte sich in aufsteigender Linie. Es begann mit den breitesten 
Grundlagen der Freiheit und der Gleichberechtigung. Das Germanen- 
thura kannte ursprünglich nur „freie" Leute mit „gleichen" Rechten ; 
und die Anfänge der christlichen Kirche verkündeten die allgemeine 
Brüderlichkeit der Menschen , das allgemeine Priesterthum, und er- 
kannten die mannigfaltigsten Abweichungen in der Glaubenslehre als 
ebenbürtig an, selbst die der Ebioniten, die den Messias „für einen 
Menschen wie alle Anderen" hielten. Allmählig aber gelang es dem 
Herrschtrieb , nach allen Richtungen hin den Kreis der Berechtigungen 
immer enger zu ziehen, bis schliesslich die Berechtigung zum Allein- 
recht, der Kreis zu einem Punkte ward. Nach universalen oder uni- 
tarischen Bildungen strebend , vermochte er durch eine Kette von 
Siegen annähernd sein Ziel zu erreichen. Die christlich germanische 
Welt wurde auf allen Gebieten des Lebens allgemeingültigen einheit- 
lichen Autoritäten unterworfen. Der religiöse Begriff verkörperte sich 
allgemach ausschliesslich im Katholicismus, in der Alleinherrschaft 
Eines Cultus, in der geistlichen Hegemonie des Papstthums, nachdem 
sich dem Entwickelungsgesetz der Herrschaft gemäss zunächst die 
Hierarchie über die Gemeinde, dann der römische Bischof über die 
Hierarchie emporgeschwungen, d. h. die Minderheit über die Gesammt- 
heit, und die Einheit über die Älindcrheit. Der vöJkerrechtliclte Be; 
griff erstarrte ähnlicherweise in der ■weltlichen Suprematie des ger- 
manisch-römischen Kaiserthums, in dem entscheidenden Uebergewicht 
Eines Staatsgebildes; der politische in dem System der Feudalmonarchie, 
nachdem sich der Adel über die Freien und der König über den 
Adel erhoben; der volkswirthschaftliche endlich, oder der sociale, 
verschrumpfte in dem Staats-, dem Leims- und Zunftmonopol. Das 
Mittelalter hatte dergestalt bezweckt, einen Universalcultus, einen Uni- 
versalstaat, eine universale Staats- und Sucialform herzustellen, und 
eben damit die Unfeläbar'keit , die Verwirklichung des absolut Wahren, 
oder — alleinseligmachende Normen in Religion und Völkerrecht, in 
Staat und Gesellschaft angestrebt. 

Ein entsprechender Prozess ging auf den Gebieten der Kunst 
und der Wissenschaft vor sich. Ueberall verschlang die Autorität die 



-- öl - 

freien Regungen , pferchte -ie in die str.vren Schranken einer unwan- 
delbaren Norm, einer alleinseligmac! pnden Methode ein. So kam, 
lim nur Einiges zu berühren, in der i hilosophie der Scholasticismus, 
in der Medizin die Lehre dag Galen, in der dramatischen Poesie das 
biblische Mysterienspiel , dann der Classicismus und die Autorität der 
;mgeblichen aristotelischen Regel von der Einheit in Ort, Zeit und 
Handlung, zur Alleinherrschaft. Die Schlusspunktc aller dieser Ent- 
wickelungon fallen keineswegs zusammen ; ja manche derselben er- 
reichten ihren Höhepunkt erst in einer Zeit, als der allgemeine Prin- 
cipienkampf schon die entgegengesetzte Wendung genommen hatte. 

Die Reaction gegen die Bestrebungen des Mittelalters trat all- 
mählig mit den neueren Jahrhunderten ein. Dem Unitarismus stellte 
sich der Individualismus, dem Herrschtriebe der Freiheitstrieb sieg- 
reich entgegen, und die Bewegung begann nunmehr eine abstei- 
i/e?ide Linie zu beschreiben. Sichtbariich rang sich jene Ueberzeugung 
empor, dass der ^Mensch es bis zur absoluten Wahrheit weder ge- 
bracht habe noch bringen könne, und dass daher unfehlbare allein- 
seligmachende Normen weder auf irgend einem Gebiete möglich , noch 
in den herrschenden Aiitoritäten gegeben seien. Aus diesem Bewusst- 
sein heraus nahm der Geist der neueren Jahrhunderte den Kampf 
gegen das Mittelalter und dessen Schöpfungen auf. Hatte dieses ge- 
lioft't, die Wahrheit auf dem Wege der Autorität den Geistern schen- 
ken zu können , so wollten jene nunmehr sie auf dem Wege der 
Freiheit erarbeiten. 

Wie sich der Kampf im Bereiche des intellectuellon Lebens ent- 
wickelte und fortspann: das zu zeigen kann nicht unsere Aufgabe 
sein. Es genügt daran zu erinnern, wie sich Siege an Siege roiheten, 
ein Feld nach dem andern erobert wurde ; wie auf naturwissenschaft- 
lichem Buden K<)i)ernicus imd Galilei, Kepler und Newton die 
geheiligte Autorität des Aberglaubens, der Stemdeuterei und des 
Wunderthums , der Hexerei und Zauberei erschütterten imd brachen ; 
wie das medicinische Papstthum des Galenus - Avicenna durch Para- 
celsus, Harvey u. A. gestürzt ward; wie die grossen Philosophen 
Baco , Descartes und Spinoza die zwingherrlichen Schranken der Scho- 
lastik mit Riesenkraft zersprengten oder niederrissen , und der geniale 
Shakespeare — der Luther der dramatischen Poesie — die Autorität 
der Mysterien , des Classicismus und der missverstandenen aristote- 
lischen Poetik mit Einem Stosse spielend über den Haufen warf. 
Während dergestalt dem freien Forschen, dem freien Denken und 
Dichten die Bahnen geebnet wurden, gingen zugleich auch die ersten 
Akte des Kampfes auf der entscheidungsreicheren Bühne des prak- 
tischen Lebens vor sich. 



Zuiiächst trat hier der Bruch mid das Ringen nach Freiheit auf 
religiösem Gebiete ein. Das ist das Zeitalter der Reformation (1500 
bis 1648). Die Angriffe waren gerichtet gegen die einheitliche Au- 
torität des Papsithums, gegen den religiösen Monarchismus. Das 
eigentliche Ziel war die allgemeine Glaubensfreiheit , die gegenseitige 
Glaubensduldung und damit der Glaubensfriede. Der wirkliche Er- 
folg bestand aber vorerst nur darin , dass dem Entwicklungsgesetze 
der Freiheit gemäss an die Stelle der Alleinberechtigung Eines Be- 
kenntnisses die Gleichberechtigung einer Mehrzahl von privilegirten 
Bekenntnissen trat. E?; gab nun statt Einer alleinseligmachenden 
Kirche deren zwei, drei, vier und fünf. Neben dem Katholicismus 
herrschten die Confessionen Luther's , Zwingli's , Calvin's und Hein- 
rich's yill. Mit dem West})hälischen Frieden war im Wesentlichen 
die vollständigi' Parität erkämpft. Der religiUse Monarcliismus hatte 
sich in eine Aristokratie von Bekenntnissen zersplittert. Mit diesen 
Vorgängen, mit dieser Zerklüftung der Autorität, war aber die Mög- 
lichkeit gegeben, dass wie das Alleinrecht, so auch das Vorrecht 
durch weiteres Eindringen neuer Glaubensnormen abgeschwächt werde 
und die Parität immer mehrere, endlich alle Bekenntnisse umfasse. 

Von dem religiösen Gebiet sprang der Freiheitskampf alsdann 
auf das internationale über. Damit begann das Zeitalter der Gleich- 
rjririchtspnJitil- (1648 bis 1780). Die Angriffe waren gerichtet gegen 
die Ansprüche einer einheitlichen Autorität im Völkerrecht, gegen 
universalstaatliehe Gelüste, gegen das System der Hegemonie und 
Präponderanz , gegen alle Eroberungs- und Vcrgrösserungsabsichten, 
in Summa gegen die Idee des internationalen Monarchismus. Daher 
zuvor schon — denn jedes Zeitalter enthält, wie die Ergebnisse der 
fi-üheren, so die Keime des folgenden — die Kämpfe gegen das 
habsburgischc Uebergewicht, die Kriege Franz I. von Frankreich gegen 
Kaiser Karl V. ; daher ferner der Andrang Gustav Adolf 's gegen das 
römische Reichsregiment, gegen die Idee des universalen Staates, wie 
er seit Karl dem Grossen her unter dem Banner des Kaiserthuras er- 
strebt wurde; daher endlich die Kriege, Bündnisse und Verträge zur 
Zeit Ludwig's XIV. von Frankreich, Karl's XII. von Schweden, Pe- 
ter's I. von Russland und Friedrich's IL von Preussen. Die Kabi- 
nette, indem sie die Alleingewalt oder die Uebermacht Eines Staates 
zu verhindern trachteten, wurden freilich nur theils von Furcht und 
Eifersucht, theils von Selbstsucht und eigener Herrschlust getrieben. 
Der höchste Zweck des internationalen Ringens war aber durch die 
Idee der allgemeinen Völkerfreiheit, der gegenseitigen Völkcrdiddung 
und damit des Weltfriedens bezeichnet, wie sie schon von Heinrich IV. 
von Frankreich, dann von Saint -Pierre, Rousseau, Bentham und Kant 



— 53 — 

gehegt und aiisgespruchüu wurde. Dur Frfulg bestand daiiu, dass 
dem Gesetz der absteigenden Bewegung entsprechend den universal- 
staatlichen Tendenzen, dem Herrschtricbe des E'mzclftdatcs gogenül>er 
das System des politi.sclieii Glelchgowichtos Anerkennung fand , d. li. 
die Gleichberechtigung einer Mi'hrzald von sogenannten Grossmächten. 
Mit dem Schlüsse des slebcujährigen Krieges gab es deren fünf. Es 
wurde also nicht sowohl die allgemeine Völkerfreiheit errungen, die 
Siihcrung der freien Existenz und Selbstbestimumng jedes, auch des 
kleinsten nationalen Daseins, die Sicherstellung der Kechte aller Völ- 
ker und Staaten vor der Willkür einzelner unter ihnen ; sondern 
vielmehr nur eine privilegirte Fünfstaatenfreiheit. Die Idee des uni- 
versalen Einheitsstaates, der völherrechtliche Monarchismus gestaltete 
sich — der Wandlung auf religiösem Boden entsprechend — zu 
einer Staaten- Aristukratie , deren Glieder nun unter sich durch diplo- 
matische Congresse und Conferenzeu , durch Tractate und Trausactionen 
über die Schicksale, den Bestand und die Rechte aller übrigen eigen- 
mächtig entschieden oder zu entscheiden beflissen waren. Dennoch 
war mit dieser Thatsache der weiteren Entwickelung die Bahn vorge- 
zeichnet. Es war klar, dass in den Kreis dieser Staaten -Aristokratie 
durch geschickte Benutzung der Umstände, durch kühnes und erfolg- 
reiches Auftreten, oder durch eine natürliche Machtentwicklung, im- 
mer neue Emporkömmlinge eindringen kömiten ; es war die Möglich- 
keit gegeben, dass das Vorrecht einiger Staaten sich nach und nach 
zur Parität alier erweitere. Friedrich der Grosse, der soeben erst die 
fünfte Grossmacht begründet , lag kaum im Grabe , als schon eine 
sechste aus ihrer Wiege emporstieg: die Union von Nordamerika. 

Inzwischen begann der Geist der Freiheit, gewaltiger denn je 
zuvor, sich auf dem politischen Gebiete zu regen. Die Literatur der 
Aufklärung hatte vorzugsweise den Drang nach Freiheit des Innern 
Staatslebens erweckt. Die neuen Kämpfe bezeichneten das Zeitalter 
der französischen Revolution (1789 — 1815). Sie waren zunächst ge- 
richtet auf Abwerfuug des Feudalstaats, des ganzen mittelaltrigen 
Staatsorganismus und der aus ihm inzwischen erwachsenen unum- 
schränkten Monarchie. Denn überall in Europa hatte sich im 17. und 
18. Jahrhundert aus dem Feudalismus der monarchische Absolutismus 
herausgebildet ; nur in England war er schon in Folge zweier Revo- 
lutionen im Keime gebrochen und der Herrschaft der Geburts- und 
Grundaristokratie gewichen ; aber in allen fürstlich zugespitzten Staa- 
ten des Continents stand er in voller Blüthe da, unangetastet, sieg- 
reich, im höchsten Aufschwung begriffen. Nicht Ludwig XIV. allein 
durfte, zum Zeichen des vollendeten Absolutismus, sagen: ^der Staat 
bin ich.'' Mit nicht minderem Fug konnte der Kurfürst von Bran- 



denburg, der in allen seinen Provinzen den Einfluss der Stände ver- 
nichtet hatte, der Herzog Karl von Würtemberg nnd die meisten der 
übrigen deutschen und europäischen Fürsten, sowie deren Nachfolger, 
.sich als vollkommene Autokraten bezeichnen. Den Weg des neuen 
Kampfes branclicn wir Jiicht zu verfolgen. Das Ziel , dem er nach- 
rang, war der politische Friede, die Gleichberechtigung aller Staats- 
bürger, die Idee des freien Rechtsstaates, die im Gegensatz zur Uni- 
l'onnität der Autokratie die Fülle des manigfaltigsten Lebens eben 
dadurcli zu erzeugen trachtete, dass sie dem Wetteifer der Kräfte 
nach allen Seiten hin gleichen Raum, gleiches Maass und gleiches 
Recht verhiess. Das schliessliche Resultat aber war, als die Revo- 
lution durch die Restauration beendet wurde, dass in Frankreich 
und einer Reihe anderer Staaten dem Absolutismus gegenüber das 
System des constitutionellen Repräsentativstaates zm- Geltung kam ; 
dass auf politischem Gebiete, wiederum dem Entwickelungsgesetze der 
Freiheit gemäss nnd den stattgefundenen Wandlungen auf religiösem 
und internationalem Boden entsprechend, an die Stelle der uninn^ 
schränkten Einherrschaft die Berechtigung einer arhtohratisdien Mehr- 
heit trat, die frcilicli im Verhältniss zu den durch den liohcn Ccnsus 
Ausgeschlossenen die ungeheure Minderheit bildete. Jcdueh die Macht- 
fülle der Alleinherrschaft war nun einmal hierdurch gebrochen und zer- 
splittert; es niu.?ste einleuchten, dass die Geschichte auf der betre- 
tenen Bahn welter treiben werde, dass zu den bevorrechtigten Klassen 
von Staatsbürgern sich iunner neue grössere Schichten hinzudrängen 
würden , nnd dass jede freiwillige oder abgedrungene Verminderung 
des Census den Charakter der politischen Aristokratie abschv.ächen, 
der allgemeinen Gleichberechtigung näher führen müsse. 

Auch auf socialem Gebiete hatte die Auflvlärung und die Revo- 
lution den Freiheitskampf eingeleitet und zu einer ähnlichen Stufe des 
Erfolges geführt, der vorzugsweise in den Zeiten der Ruhe, die auf 
die langen Erschütterungen der Gesellschaft imd des Verkehrs folgten, 
in dem Zeitalter der Restauration (1815 — 1830), sieh festsetzte und 
ausprägte. Noch im vorigen Jahrhundert war in England Adam Smith, 
in Frankreicli Turgot nnd die Physiokraten oder Oekonoinisten, als 
Vorkämpfer aufgetreten. Der Angriff galt auf materiellem Gebiete 
nicht nur im l>csondern dem durch die Colbert'sche Verwaltung be- 
gründeten und seitdem weithin herrschend gewordenen Merkantilsystem, 
sondern überhaupt der Allciaheräcksichtigung des Staatsinteresses, dem 
System der Regalien, der Monopole und der Prohibition, sowie allen 
dadurch bedingten Beschränkungen des Handelsverkehrs und des Ei- 
genthumserwerbes; auf geistigem war er gleicherweise gerichtet gegen 
die staatliche Bevormundung durch das monarchische Interesse, gegen 



die PulizcilieiTScIiaft, gegen die moiiopolistischcii IJc-^chiäiikungen des 
Gedaukeiiverkclirs diiroli das Proliibitivsystem der Censnr oder des 
Presszwaiige?'. J)ic Idee, die dem Jungen zn (Jnnide lag, war dii- 
LnaLiiiingigkeit, der gesell.sehaftliihcn IJetriebsamkeit von der staat- 
lichen Bevurnumdinig, also die gleiche I^erechtignng aller Interessen 
der Gesellschaft, die volle Eniancipation des Krwerbreelitcs, die all- 
(ffineine freie Conritrrenz anf jeglichem Wege der Kinzelthätigkeit oder 
der Association, mul in jeglichem Bereiche der materiellen Mic der 
geistigen Arbeit, in Ackerbau und Gewerbe, in Handel und Verkelir, 
wie in Knnst und Wissenschaft, in der l'resse un<l in der münd- 
lichen Erörterung. Die Ätortfowirtlisclialt sulltc zur l"'///iswirtschaft 
umgestaltet, durch die vollknnnnene Freiheit der Arbeit und des Ver- 
kehrs, des materiellen und geistigen Eigenthums, eine dauernde AVohl- 
fahrt der Gesellschaft, eine gegenseitige Achtung der Interessen und 
damit der sociale Friede begründet werden. Die stete Zunahme der 
Bevölkerungen und die thcilweise Nahrungslosigkeit , die zahlreichen 
Erfindungen und die dadurch bedingten Vervollkommnungen der Pro- 
duction nnd der Industrie, der allseitige Andrang der Privatinteressen 
imd die steigenden Finanzbedürfnisse des Staatswesens selbst, die zu Ex- 
perimenten und Neuerungen hindrängten, trugen nicht wenig zu den Er- 
folgungen des Freiheitstriebes bei. Wirklicli erlangte man auf verschie- 
denen Punkten den Sturz des socialen Absolutismus, der monopolistisciion 
und prohibitiven Grundsätze; die Fesseln des Staats-, Lehns- und Zunft- 
zwanges wurden sammt dem Merkantil system gesprengt, und die Censur 
>trich mancher Orten ihre Willkürsegel ein. Dennoch kam es schliesslich 
nicht zum Durchbruch der vollen socialen Freiheit; nicht zur Gleichstel- 
lung o/Zfr, sondern nur zur Bevorzugung em?V/er Privatinteressen ; nicht 
/.ur allgemeinen Concurrenz, sondern nur zur Protection einiger Klassen, zur 
1 Begünstigung der Kapitalisten, der Grundeigenthümer und der Fabrik- 
lierren ; nicht zum Freihandel, sondern nur zu Schutzzöllen; nicht zur all- 
gemeinen Pressfreiheit, sondern nur zu einem System der Depression mit 
geldherrischen „Cautionen" und büreaukratischen „Concessioneu- , wo- 
nach das Pressrecht von zutUUigem Reichthum und Avillkürlicher Gunst 
abhängig ward. Hin und wieder fanden Ausnahmen oder Abweichungen 
statt, in einzelnen Punkten, da oder dort, früher oder später. Grundsätz- 
lich aber war in den Zeiten der Restauration die Lage der socialen Frage 
dahin gediehen, dass die Staatswirthschaft, statt zur Volkswirthschaft zu 
werden, vielmehr nur zur (Jeldwirthsdiaft umgewandelt erschien. Dem 
Gesetze der absteigenden Linie entsprechend , war auch in dieser Rich- 
tung das Alleinreclit dem Vorrecht gewiclien . das Monopol dem Pri\ile- 
legium, das Prohibitiv- dem Protectionssystem , die Emheit des Interesses 
einer Melirhcit von Interessen, die AUeiulierrseliaft des Staates einer socio- 



-- 5Ü - 

len ArLstükratic : dei- Herrschaft der Vermögemleu. Dadiireh vviiehs die 
Kluft zwischen Reichthum und Armiith in der Empfindung wie in der 
Wirklichkeit; denn der unbeschränkte Eigenthumserwerb , bisher Allen 
verkürzt, erschien nun als gehässiges Privilegium Weniger, als „Ausbeu- 
tung der Schwachen durch die Starken." üadurcli wurden Gesellschafts- 
lehren möglich, welche, in dem Drange jene Kluft auszugleichen, das 
Kind mit dem Bade ausschütteten und, über das Ziel der socialen Frei- 
heit hinausstrebend, das Wesen derselben verzerrten und zerstörten. Im- 
merhin aber bezeichnete jener l'mschwinig ein nothwendiges und das 
wichtigste Glied der gesellschaftlichen Entwicklung: die Einseitigkeit des 
Staatsinteresses war dem Andrang des privaten erlegen, die Bahn ge- 
brochen. Es kam nur darauf an, dass in den Kreis der bevorzugten Pri- 
vatinteressen immer grössere Kreise Eingang fänden, um auch den socia- 
len Äristokratismus abzuschwächen und schliesslich die Interessen aller 
Gesellschaftsklassen und damit aller Einzelnen zu gleichmässiger Aner- 
kennung zu bringen. 



Zum Evangelium der Hebräer. 

Das kleine Bruchstück dieses wichtigen Evangeliums in der syrischen Theo- 
phanie des Eusebius von Csesarea, s. Ewald .Jahrb. d. bibl. Wiss. 6. S. 40., 
findet sich in dem neuerlich veröffentlichten griechischen Texte (Novae patruni 
biblioth. T. IV. Rom. 184:7. 4. p. 143) nicht, dagegen ist in diesem, p. 155. 
ein Excerpt aus jenem Evangelium enthalten , das hier mitgetheilt werde. Eusebius 
bespricht daselbst die Parabel von den Talenten, Matth. 25, 14. ff. und findet 
schliesslich auch die Drohung Ys. 30 dem Zusammenhange angemessen. Nun 
kommt ihm aber ein Bedenken : „das auf uns gelangte hebräische Evangelium 
(zii eig rf(üg rxuv eßQcäxoTg yaQuxifQOivEiuyytXiov) richtet die Drohung 
nicht gegen den der das Talent verborgen , sondern gegen den der schwelgerisch ge- 
lebt hat {xutCc lOi uaiöri'tg l-^ixaiog, vergl. Matth. 24, 29). Denn es 
nennt drei Knechte, der eine vergeudete die Habe des Herrn mit Dirnen und 
Flötenspielerinnen , der andere , thätig , vervielfältigte den Ertrag , der dritte ver- 
barg das Talent, worauf der eine gelobt, der andere nur getadelt, der dritte 
aber ins Gefängniss geworfen wurde [roiTg yuQ doikovg TTf-Qielxf, TOy /^itr 
y.(xraqayd\ra ti]v 'i'jinii'^iv rot dtanoroc fieia noQVVjy y.ul avXijQidwv, 
TU' de Ti<)'/.?MrcXuoiavTa tjv i^yaoiav, tcv de xuruüQHpcivra zo 
raluiTOV elrarov ftev u.nodex'&ryai , TOi' de /.lefiqO-rrai fiovov, rov 
de avyxleia&r^vai deO^wni^^yai)). "VS'enn hierdurch Eusebius auf die Ver- 
muthung kommt, es möchte bei Matth. die Drohung Vs. 30 nicht auf den 
gehen der das Talent verbarg, sondern (x«t' tTtaVuki^lplv) auf den der 
mit den Trunkenen ass und trank 24 , 29, so ist das zwar eine der vielen exe- 
getischen Abeutheuerlichkeiten des Eusebius, aber wir werden sie ilim für diese 
Mittheilufig gern hingehen lassen.^ ^•'^TTTTTTTI 

/-■■^•#'^i' FRITZSCHE. 



Im Verlage von HUGO SGHEUBE in Gotha sind erschienen und 
durch alle Buchhandhnigcii zu bezielien: 

Bosch, F. B., Vkepräsident des U. tiächs. und Fiirstnith. Schwarz- 
hurcf sehen AppclUttionsgerichts zu Kisenach, Die Honigbiene« 

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gen mit einem Bilderatlas. I'reis einer Abtheihtng 1 Thlr. — 
Fr. 4. Preis des Bildcratlasses 3 Thlr. — Fr. 12. 
Pros-p(-kte dieses Werlces, welches sich, bei wissenscliaftlicher Gründlichkeit 
und voUkduunener Beherrschun"; des Stoffes, durch klare \ind elegante Darstel- 
lung auszeichnen wird, sind in allen Buchhandlungen zu haben. 

Men.schen und Dinge in Russland» Anschauungen und 

Studien, mit einem Titelbilde. Gr. 8. Preis I5/3 Thlr. — 

Fr. G. 70 Ct. 
Ui-r Verfasser, welcher Ifussland durch vieljährigeu Aufenthalt in St. Peters- 
burg sowohl, als in den inneren Provinzen, grihxlUch kennt U7id dasselbe seit 
langer Zeit zum Gegenstande umfassender Studien gemacht hat, giebt in dem 
obigen Werke die Resultate seiner Beobachtungen und Forschungen nach allen 
Kichtitngen und Verhältnissen des russischen Staates und Volkes, ganz beson- 
ders auch rücksichtlich der lätidlivheu Bcvöll;ei'U7ifj und ihrer agrarischen Cultur- 
zuständc, worüber wir noch so wenig eingehende und gewissenhafte Schilderun- 
gen besitzen. Dass er dabei .sich völlig frei hält von jeder leidenschaftlichen 
Auffassung und Darstellung und nnpnneiisch auch dem mannigfachen Guten im 
russischen Volke und Staate bereitwillige Gerechtigkeit widerfahren lässt. wird 
ilem Buche sicher nur zur Empfehlung dienen. 



H. L. ßRÖNNER IN FRANKFURT AM MAIN. 

Krugek, •)., Geschichte der Assyrier und Tränier vom l.^ten bis zum .5ten Jahr- 
hundert vor Christus. Mit vier Tafeln und einer Karte. Gr. )S. Geh. 
Kthlr. 2. — 

BoDKN, A., sur Kenniniss der C'harakterigfik Deutsehlands in seinen jiolitischen, 
kirchlichen, literarischen und Rechtszuständen während der letzten Jahr- 
zehnte. Gr. 8. Geh. Rthlr 2. 

pKi'.iii.icH, K., (Prof. in .\arau). Winfried genannt Bonifacius der Deutschen 
Apostel. Ein Gesang zu dessen eiiniundertjähriger Todesfeier. Im Er- 
trage dem Baseler Mission shause gewidmet. 12. ("ich. 7'/o N'tri". 
Gebunden mit Goldschnitt 15 \gr. 

S1.MK0CK, K. , die deutschen Spriehwiirtcr. 8. Geh. Rthlr. 1. 10 Ngr. 

Oppkl, J. J. , (Lehrer am Gj-mnas. in Frankfurt a. M.) , Leitfaden ßir den 
Unterricht in der Elementar - Mathematik an höheren Lehranstalten. Er- 
ster, geometrischer Theil. 8. Geh. 24 Ngr. 

Tetmuer, C. , das Verhältnisa der heutigen Ütrafgesetzgebuiig zum Christen thiim. 
Geh. 27 Ngr. 

Abhandhingen der Senckenbergisrhen naturforschenden Gesellschaft. Ersten Ban- 
des zweite Lieferung. Mit 6 Tafeln. Geh. Rthlr. 2. 10 Ngr. 



Bei Meyer nod Zeller iu Zürich ist ersdiienen: 

DES GRIECHISCHEN KRIEGSWESENS 
von der ältesten Zeit bis anf Pyrrhos. 

Nach den Quellen dargestellt 

von 

M. fiiistoto 

f'lieiiialigem preussischetn Genieoffizier 

und 

fr. ^5. ^Öt^lg 

ordentlichem Professor der griechischen und römisi inii Liariinin und iS[ir;iehe 

an der Universität Zürich. 

Mit 134 in den Text eingedruckten Holzschnitten und 15 

Ueber.sichtsplänen zu Schlachten und Belagerungen. 

:{'/ Hoffen, ffr. 8°. geh. 2 Thh: 24 Xffi: — ß. 5. 4 kr. — Fr. 10. 75 Ct. 

I>er als gelehrter Philolog und praktischer Schulmann rühmlichst bekannte 
Herr Pruf. Köchly hat sich mit einem vielseitig durchgebildeten Offizier ver- 
einigt, um durch diese .,Geschichte des griechischen Kriegswesens"* eine bisher 
fast ganz vernachlässigte Seite der Alterthumsvvisseuschaft gründlich aufzuklären. 
Aber nicht allein der eigentlich (ielehvte wird in derselben neue und überra- 
schende Aufschlüs.<c finden : das Buch ist ganz be.'*onder8 auch Schulmännern zu 
empfehlen , welche bei der Lcction der Classiker und dem Vortrage der alten 
Geschichte ein wirkliches und lebendiges Sachverständniss , und eben dadurch 
Lust unfl Liebe zur Sache bei ihren Schülern fordern wollen. Die sorgfältig: 
gewählten inid sa\iber ausgeführten Abbildungen machen es auch demjenigen, 
welcher wenig oder Nichts vom Kriegswesen versteht, möglich, sich und seine 
Schüler leicht und richtig zu orientiren. AVir behaupten nicht zu viel, wenn 
wir sagen : das Buch ist ein unentbehrliches Hülfsmittel zum Sachverständniss 
des Herodot, Thucydides, Xenophon und.\rrian, und insofern ein notliwemligcs 
Supplement aller Ausgaben dieser Schulschriftsteller. 



Äi&RIFF AUF DIE KRIil 

und 

der Kampf um Sebastopol. 

V e b c r s i c h 1 1 1 c k dargestellt 

von 

W. Riwtoir. 

(Yoni Hi-e-inn il(~ l"rlil/u<rs bis zum Wiener Traktn». Anlants .•^i-pti-iulwr lil^ 

2. Dezember 1854. 

Preis 8 'Ngr. — Fr. 1. 

Der Krieg von 1805 in Deutschland nnd Italien. Anleitung zu 

kricg-shistorisclien Studien. Mit 30 in den Text gedruckten 
Holzschnitten. Von W. Rüstow. 28 Bog. gr. 8. 



Dnn'k von E. Kiesling in Zürich. 



--»^o-^ 




Monatsschrift 

des 

WISSENSCHAFTLICHE N VEREINS 

in 

ZÜRICH. 

Herausgegeben von dem Redactionsausschuss desselben : 

Ferdinand Hitzig, Eduard Osenbrüggen, Heinrich Frey. 
Adolf Schmidt, Eduard Bobrik. 



(Hauptred.: Adolf Schmidt.) 



Wtnnits '§tfi. 



ZÜRICH, 

Verlag von Meyer & Zeller. 

1856. 




PreiH für den Jahrgnng 4 Thir. = 14 Cr. 



Der Hauptbestandtheil dieser Zeitschrift ist selbstständigen, von deu Ver- 
fassern unterzeichneten Aufsätzen aus allen Zweigen der Wissenschaft gewidmet, 
mit dem Zweck : die Ergebnisse gründlicher Forschung in möglichst anziehender 
und anregender Form darzulegen und dergestalt, -wie eine unmittelbare Förde- 
rung der Wissenschaften, so namentlich auch eine Vermittlung derselben unter 
sich anzustreben. Grössere Recensionen sollen nur in selteneren Fällen Platz 
finden, kurze Notizen aber und gelegentliche Urtheile über neue Erscheinimgen, 
sowie Berichte imd Anfragen in dem Anhang mitgetheUt werden. 

|n^lt öts borliegm&m ^tfies: 

NeuteatamentUche Kritik auf dem Grunde der Erklärung. Von F. Hitzig 57 

Diagnose des gegenwärtigen Zeitalters, Von Ad. Schmidt. Zweiter Artikel 68 

Die Aufgabe der Zoologie. Von H. Frey 87 

Gedanken über die Verbreitung der Seuchen. Von Meyek-ahrens . . 96 

Strafgesetzgebung und Christenthum. Von E. Osenbrügoen . . . 100 



Die nächstfolgenden Hefte werden Beiträge enthalten von Semper, Raabe, 
BoBRiK, Städeler, Schmidt, Fritzsche, Lebert, Frey und Anderen. 



Zusendungen an die Redaction werden portofrei oder auf dem Wege des 
Buchhandels erbeten. 

(Üjegcntoärlige pStglkber bcs Misstttst^aftlit^en ^txm$ : 

J. J. Hottinger, Präsident. Alex. Schweizer, Viceptäsident. Dernbüro, Sekretär. 
BoBRiK. Clausiüs. Escher v. d. Linth. H. Frey. Fritzsche. Heer. Hildebrand. 
Hitzig. Ferd. Keller. Kym. Lebert. Meyer-Ahrens. Moüssoif. Müller. 
Nägeli. Osenbrüggen. Raabe. Schlottmann. Ad. Schmidt. H. Schweizer. 
G. Semper. Städeler. F. Vischer. Volkmar. G. v. Wysb. 



NEÜTESTAMENTLICHE KRITIK 

AUF DEM 

GRUNDE DER ERKLÄRUNG. 

Von FERDINAND HITZIG. 



Von der Wortkritik als der niederu sondert gäng- und gäber 
Sprachgebrauch eine höhere, ■welche mit dem Bestände einer Schi-ift 
im Ganzen, mit ihrer Composition und ihrem ZAvecke sich beschäftigt, 
und die Fragen nach Zeitalter Heimath und Verfasser oder, bekennt 
sie einen solchen, nach der Echtheit beantwortet und, sind Thatsachen 
ausgesagt, sich auch um deren Glaubwürdigkeit annimmt. Die Wort- 
kritik bekümmert sich lediglich um die Frage: was ist vom Schrift- 
steller, sei er wer er wolle, eigenhändig oder mit fremdem Beistand 
wirklich geschrieben worden. Sie sucht durch die ihr zu Gebote 
stehenden Mittel Verderbnisse zu entfernen, beseitigt Fehler Klex 
und unnützen Schnörkel , womit Nachlässigkeit und Unverstand der 
Abschreiber oder auch Absicht im Laufe der Zeiten den Text ver 
unstaltet hat: sie ist in ihi-er Bethätigung wesentlich reinigendes 
Handeln. 

Die Verschiedenheit der Aufgabe hier und dort rechtfertigt jene 
Unterscheidung von zweierlei Kritik; aber die Erweiterung des Ge- 
schäftskreises, die Weitschichtigkeit der Probleme, welche in Angriff 
zu nehmen, führte auch eine Theilung der Arbeit herbei, so dass 
in dem Gebiete des N. T, nicht leicht derselbe Forscher beiden Gat- 
tungen gleichmässige Aufmerksamkeit zuwendet; sie pflegen meistentheils 
an verschiedene, auch verschieden geartete Personen zu fallen. Erfolge 
in der höhern Kritik bedingt xunfassender Blick und Combinations- 
gabe ; erheischt wird Geschick im Vereinigen der besondern Züge zum 
Gesammtbild; und auf das Wort achtet man da weniger, als auf 
den Gedanken und schliesslich auf die Sache. Die Wortkritik hin- 
wiederum geht schon von ganz andern Vorkenntnissen aus, Fertigkeit 
im Lesen mannichfacher Schriftcharaktere und Vertrautheit mit den 
Uebersetzungssprachen ; es gilt auf diesem Felde Scharfsinn im Ein- 
zelnen, Treue im Kleinen, Genauigkeit und einen Fleiss, der nimmer 
ermüdet. Philosophen sind es gewöhnlich nicht, die im Variantenwalde 
lustwandeln, auch nicht Historiker im grossen Styl; aber es wird in 

Wisseuschuftliche Monatssclnifc. 5 



— 58 — 

diesem Revier raelir gründlich und unbefangen gearbeitet, man läuft 
nicht so leicht die Gefahr verfelilter Hypothese , und eher mag die 
Wortkritik der höhern entrathen, als umgekehrt. 

Blicken wir ein wenig rückwärts auf die Geschichte der Kritik, 
so trennten sich in neuerer Zeit die zwei Zweige derselben auch nach 
den Perioden ihrer Blüthe, indem Wortkritik zur liöliern anregte und 
ihr die Wege bereitete, mit ihrem Verwelken aber seither Letztere 
üppig aufschoss und den ganzen Acker des N. T. überwucherte. Her- 
ein in unsere Gegenwart ragt die Wortkritik gleichAvohl noch, um 
von minder umfassenden und nur beiläufigen Leistungen zu schweigen, 
durch einen kräftigen Nachtrieb, die griechisch-lateinische Ausgabe 
LachmäDn'S , neben welcher die verdienstlichen Arbeiten TiSCheödOrfS 
allmählig die Art, wie er vordem sich in den Vordergrund drängte, 
in Vergessenheit bringen. LäChmanil fand jedoch anfangs wenig ge- 
rechte Würdigung und Nachfolger keine ; die Ausleger langten nach 
ihrem alten GriesbäCh zurück; und an der hohem Kritik gieng das 
grosse Werk fast s^jurlos vorüber, nachdem sie das Bewusstsein ihres 
Zusammenhanges mit der AVortkritik verloren hat und sich desselben 
nur noch gelegentlich im Falle des Bedürfnisses erinnert. Mittlerweile 
ist aber im Vergleiche zu der lärmenden Bewegung in den zwei letzten 
Jahrzehnten , nachdem hoch schliesslich um die Echtheit des Evange- 
liums Johannes und die Glaubwürdigkeit der Apostelgeschichte Streit 
entbrannt war, auch in der hohem Kritik einige Stille eingetreten. 
Man zieht sich auf der einen Seite unlustig zurück mit einem : Ich 
habe doch Recht! und dem Wunsche, nicht weiter behelligt zu wer- 
den; gegnerischer Seits weiss man auf dem eingeschlagenen Wege 
keine neuen Hülfsquellen für den Krieg zu entdecken, und vermag 
man den Feind doch nicht weiter zu treiben, als er zurückweichen 
kann. Dieser Augenblick verhältnissmässiger Ruhe lässt vielleicht zum 
Worte kommen, und er werde dai'um benutzt, um ein freimüthiges 
multa me dehortantur a vobis, Quirites! den Kritikern beider 
Lager zuzurufen und zu begründen. 

Die Wortkritik, welcher einst die gelehrtesten und auch die 
frömmsten Theologen ihres Lebens beste Kraft gewidmet haben, findet 
in der öffentlichen Meinung längst nicht mehr diejenige Beachtung, 
welche ihr von Rechts wegen gebührt; und wird ihre Wichtigkeit 
auch mit dem Munde anerkannt, so gibt man doch der Ueberzeugung, 
die sich aufdringt, keine praktische Folge. Die Kritik des Wortes 
verachte, wer das Wort geringschätzt! Aber warum liegt zumal Jenen, 
welche formuliren: die Bibel ist das Wort Gottes, so wenig daran, 
des wirklichen Bibelwortes sich zu versichern? da ein authentischer 



— 59 — 

Text doch nicht überliefert ist, die Varianten vielmehr nach Myriaden 
gezählt werden. Ja den Bemühungen, das unverfälschte Wort zu 
gewinnen, begegnet auf dieser Seite sogar unverholene Abneigung, 
vermuthlich weil Kritik doch immer Nachdenken voraussetzt, weil sie 
Bestand, der Einem lieb geworden, gefährdet, und weil ohnehin die 
niedere eine Schwester hat, die hochfahrende höhere. Allein mit dem 
unechten Worte bekommst du den unechten Sinn, der vielleicht sich 
mit deinem Ideenkreise verschlingt, mit deinem ganzen Denken ver- 
wächst; und wenn du in vermeintlichem Bibelglauben wähnst: Gott 
ist erschienen im Fleisch (1. Tim. 3, 16), so hättest du wohl auch wie 
Jener Jes. 44, 20. Ursache dich zu fragen : Halte ich denn nicht Täu- 
schung in meiner Hand? Doch davon wollte der Unterzeichnete 
eigentlich nicht reden; und auch den Exegeten, welcher falsche Les- 
arten munter wie echte auslegt und als das allein Wahre und Noth- 
wendige vertheidigt, überlassen wir seiner Sorglosigkeit und seinem 
ungesegneten Fleisse. Ich wünsche, die Wortkritik an sich und zu- 
vörderst das gegenseitige Verhältniss zwischen ihr und der sogenannten 
höhern einmal schärfer in das Auge zu fassen. 

Mir scheint, die höhere Kritik blicke schon lange auf ihre geringe 
mikrologische Schwester sehr mit Unrecht vornehm herab und versage 
sich ihren Beistand zum eigenen grossen Schaden. Will man mit 
Sicherheit urtheilen über Echtheit Verfasser Zeitalter eines Buches, 
so sollte man doch das Buch erst selber haben, d. h. seinen gesicherten 
Text: vor allen Dingen das Subjekt für die Prädikate, welche man 
ihm beilegen will. Die meisten und die besten Beweisgründe muss 
man gewöhnlich eben aus dem Buche schöpfen; und liegt nun sein 
Text im Argen, so wird man oft unbrauchbare Waffen schwingen, 
während man die tauglichen unbenutzt liegen lässt in Unwissenheit, 
wie gut sie Einem zu statten kämen. Nur desto mehr ins Gewicht 
fallen wird die Beschaffenheit des Textes, wenn über Abhängigkeit 
eines Schriftstellers von einem andern die Entscheidung schwebt, wie 
bei den drei ersten Evangelien, oder wo sich fragt, ob eine Schrift 
mit einer zweiten denselben Verfasser habe. Vergleichung Punkt für 
Punkt gibt da den Ausschlag; aber wie kann sie genau angestellt 
werden, wenn auch nur in dem einen Buche entstellter Text das Antlitz 
des Autors unkenntlich macht, welches mau mit dem anderweit von 
ihm gewonnenen Bilde zusammenhalten will? Und vollends, wenn 
die Glaubwürdigkeit eines Erzählers in Zweifel gezogen wird. Da 
gälte es doch gewiss, vor allem Andern auszumachen, was er denn 
eigentlich gesagt hat. 

Hier könnte nun Jemand einwenden : der Text in den neutesta- 



— 60 — 

mentliclien Schriften sei in der Regel ein geschlichteter ; die Varianten 
betreffen meist Kleinigkeiten , und tragen für das Ganze nichts aus. 
Diess ist bei manchen Büchern richtig. Z. B. über das Verhältniss 
des ersten Evangelimus zu dem des Lukas wird uns keine Wortkritik 
aufklären; das Ergebniss, der Verfasser des 4, Evangeliums habe die 
Offenbarung nicht geschrieben, stand zu erzielen selbst mit der Elzc- 
virischen Recepta; und am sonstigen Urtheil über die Echtheit des 
Briefes an die Philipper, nach welcher Seite es auch fallen mag, werden 
keine Varianten etwas ändern. Im Evangelium des Marcus dagegen 
ist der Text von Anfang bis Ende bestritten; an einer bewiesenen 
Gestaltung desselben gebricht es bis auf den heutigen Tag, und man 
hat das Buch auch wohl, als ob es ein Auszug aus Matthäus und 
Lukas wäre, verurtheilt, ohne eine Ueberzeugung zu besitzen, dass 
mit dem Texte, wie er endlich sich feststellen wird, jenes Urtheil sich 
aussöhnen lasse. Andere Kritiker haben ex professo die Priorität 
des Marcus verfochten, aber nicht mit bewiesenen Lesarten, die sich 
eigneten, erhärtet; und so konnte der berühmte Tübinger Theologe, 
dessen Entwicklung zum Kritiker eben auch durch Vorannahmen, die 
man nicht alle vorab untersuchen kann, historisch bestimmt ward, bei 
der Gegenansicht verharren und für sie noch Proselyten machen. In 
den Paulinischen Briefen nicht minder schwankt das Textverhältniss ; 
und es wird z. B. mit der Behauptung der Echtheit eines solchen nichts 
letztlich Triftiges gesagt, sintemal mit den vorhandenen Lesarten sich 
statt eines drei und mehr fast gänzlich verschiedene Schriftwerke auf- 
bauen lassen. 

Fragt es sich nun : wie werden wir des ursprünglichen Textes 
habhaft? so ist zum Voraus gewiss: es gibt für die Theologen keinen 
besondern Pfad des Heils ; sie müssen den unabänderlich vorgezeich- 
neten Weg der Philologie gehn, haben zunächst die Zeugnisse aufzu- 
suchen und zu sammeln, sie zu sichten und gegen einander abzuwägen. 
Jedoch die diplomatische Kritik allein, wenn sie auch nach ganz rich- 
tigen Grundsätzen ausgeübt wird, gibt uns den wahren Text nicht in 
die Hand. Gegen diesen Satz wird kein ausdrücklicher Widerspruch 
erhoben, aber mit der That oder vielmehr durch Unterlassen protestirt; 
und es sei darum gestattet, Grund und Belang des Axioms gedrängt 
darzulegen, um auf den Willen hauptsächlich zu wirken, nicht auf die 
Erkenutniss. 

Einmal vermindert sich die Vielheit der Zeugen gewaltig schon 
dadurch, dass die abhängigen mit ihrer Quelle zusammen wie Einer 
zählen, und wiederum solche, die coordinirt, nach Provinzen stimmend 
in höherer Allgemeinheit nur wieder ein Zeugniss einem andern, etwa 



-- 61 — 

dasjenige des Abendlandes einem morgenländischen entgegensetzen. 
B(ii der Zufälligkeit femer, welche- über dem Schicksal der Hand- 
schriften waltete, die einen uns erhielt, andere unterschlug, kann die 
rechte Lesart aus der Einzelstcllc auch überall verschwunden sein; 
denn die authentischen Exemplare sind alle verloren gegangen, jede 
unmittelbare Abschrift gleicherweise ; keine unserer Handschriften reicht 
bis in das 3. Jahrhundert, keine Uebersetzung erweislich in die erste 
Hälfte des zweiten. Und wenn nun auch in Untersuchung der vor- 
handenen Codices das Mögliche geleistet wurde und noch wird, so 
sind dagegen die mittelbaren, aber zum Theil altern Handschriften, 
d. i. die Uebersetzungen, z. B. die alte syrische, auf ihren Text und 
ihren Charakter noch lange nicht scliarf genug angesehn, um in jedem 
Einzelfalle sichern Gebrauch zu gestatten ; geschweige, dass ihre kritische 
Ausbeute für den Grundtext bereits vollständig zu Tage gefördert 
wäre. Im Briefe an die Römer folgte ursprünglich C. 7, 21. unmit- 
telbar hinter V. 18 und lautete: fiQioxM aQa tov v6(.iov ovaxor/ßvvra 
Ti^ vot fiov y.zX ; dieser Text, welchen nur noch die Peschito bietet, 
wurde verwahrlost. 

Weiter kommt die diplomatische Kritik unendlich oft in den Fall, 
nach Massgabe der Beweismittel, die sie in Händen hat, gar nicht 
entscheiden zu können: es sprechen etwa bei zwei Lesarten gleich 
gute Zeugen für jede; vielleicht sind die ägyptischen einig gegen die 
Occidentalen und diese gegen jene, oder auch jede der zwei Lesarten 
hat in beiden Lagern mächtige Freunde. Und es kann sich noch 
schlimmer treffen. Unter dem anerkannten Regimente des Zufalls mag 
auch wohl eine vortreffliche, die wahrscheinlich richtige Lesart in den 
Avenigeren Büchern, in den sonst geringeren, in verhältnissmässig jungen, 
vielleicht nur bei Einem Zeugen sich erhalten haben: die diplomatische 
Kritik hat nach Lage der Akten zu erkennen und verurtheilt, wenn 
auch mit schwerem Herzen, den Gerechten gesetzlich. Nur B, die 
älteste Handschrift , enthält 1. Cor. 8, 6. das richtige Ir^aovg XQiarog, 
dl' ov TU Tcavza ; und die gewöhnliche Lesart dt s hier bei Paulus hat 
den Theologen viel dogmatische Noth verursacht. Rom. 1, 7. 15. 
führen alle Zeugen bis auf Einen iv Piofirj im Text, als wennPco/ualot 
nur die Bewohner der Hauptstadt wären, nicht vielmehr diessmal über- 
haupt die italischen Christen. Nur G. hat das Einschiebsel noch nicht, 
sondern schreibt V. 7 den in sich geschlossenen Text Tcäai zoJg öOlv 
iv dyäTit] ^tis x?j]ToTg ayioig. Ebenso weist einzig J Marc. 10, 9. 
noch xiOQi^Eod^iü auf, die ursprüngliche Lesart, denn das Vorhergehende 
verlangt den Sinn: was Gott zusammengefügt hat, der Mensch (urO-QC'mog) 
d. h. Mann und Weib soll sich nicht trennen. Und im selben Evan- 



— 62 — 

gelium hat C. 7, 4 das richtige xXißaiwv, Töpfe, sich zu einem 
arabischen Uebersetzer geflüchtet ; während nach dem gemeinen Texte 
neben Bechern und Kesseln auch Sophas oder Bettstellen (xlivcöv) 
abgespült werden sollen. Ja , der schlimmste Fall , dessen Möglich- 
keit oben angedeutet worden , trat häufig genug in der That ein : 
dass nemlich aus dem Munde sämmtlicher Zeugen die Wahrheit ge- 
wichen ist. Rom. 12, 11 haben die Morgenländer : ihr sollt dem 
Herrn dienen, rq) xvqUij : was dieses Ortes zu vag und allgemein; 
dafür die Occidentalen : ihr sollt der Zeit dienen, tw xaiQip : 
was im Zusammenhange widersprechend und eine laxe Moral, die 
dem Apostel nicht zuzutrauen. Er mahnte wahrscheinlich : ihr sollt 
dem Amte dienen, T(p xh()q> , sollt eures Amtes warten. Dess- 
gleichen nur wenige Zeilen weiter schreiben die Einen Tcäg XQtlaig, 
die Andern toiq [.ivdaig, Paulus aber schrieb : xaiQ Xt,QCiiS tojv 
ayioiv xoiviovomieg : den Wittwen der Heiligen sollt ihr mit- 
theilen, eigentlich: sollt mit ihnen Gemeinschaft unterhalten (Gal. 6, 6). 

Die diplomatische Kritik für sich allein steht auf gleicher Linie 
mit einer höhern , welche bloss nach äussern Zeugnissen urtheilen 
würde, und ihre Unzulänglichkeit ist, wenn wir die vorstehenden 
Beispiele richtig gewürdigt haben, über Genüge dargethan; allein es 
fragt sich : worauf fussen unsere Entscheidungen ? Allemal urtheilten 
wir auf Grund der Exegese ; und diese innere Kritik, welche in den 
Fällen ersterer Art eine Wahl traf, verwirft in den letztern Eines 
wie das Andere, und wird so schliesslich Conjecturalkritik , die den 
Anspruch erhebt, sich selbst helfen und nicht nur tadeln zu können, 
sondern auch besser machen. Die gelungenen reinen Conjecturen, 
welche am Neuen Testamente bis heute gewagt worden sind, lassen 
sich leicht zählen , und es ist die vermuthende Kritik noch lange 
nicht genugsam in ihrer Unumgänglichkeit anerkannt, noch durchaus 
nicht vollständig in ihre Rechte eingesetzt. Der Mühe lohnt es sich 
schon , den Gründen davon auf die Spur zu gehn und ihnen auf 
den eigenen Grund zu blicken. 

Vor nunmehr dreissig Jahren konnte ein De Wette noch des 
Glaubens leben : „der Fall , wo nur durch Conjectur zu helfen wäre , 
tritt gar nicht ein", und zuletzt blieb er dabei stehen, dass derselbe 
„sehr selten" eintrete. Wir pochen nämlich auf die Thatsache, dass 
bei keinem andern griechischen Autor uns so viele Hülfsmittel für 
Feststelhmg des Textes zur Hand sind ; man getröstet sich der Tau- 
sende von Lesarten, Avie wenn es nicht fehlen könnte, dass je grösser 
ihre Zahl desto gewisser auch die richtige sich darunter befinden 
müsste ; wir stützen uns ordentlich auf den gegenseitigen Widerspruch 



_ 63 — 

wie auf etwas Positives. Hinzu kommt, auch ganz abgesehen von 
dogmatischem Vornrtheil, dass eine oft sc^iwächliche , nicht tiefer ein- 
dringende Exegese, in alte schiefe Geleise eingefahren, die Innern 
Gründe nicht gehörig zur Geltung bringt. Auch mangelt es sehr 
gewöhnlich an hinreichender Sprachkenntniss ; die Kritiker wollen bei 
dem eigenthümlichen Wesen der neutestamentlichen Diktion, welche 
hebräischen Sprachgeist in griechischen Formen ausprägte, ihrer Phi\ 
lologie nicht eben viel zutrauen. Und schliesslich heisst es : vestigia 
terrent. In früherer Zeit, da der urkundlichen Beweismittel noch 
nicht so viel zusammengebracht war, zeigten sich die Kritiker sehr 
rüstig im Vermuthen. Willkührlich und ohne Noth griff man zur 
Sclbsthülfe; und von der reichen Sammlung ausgewählter Conjekturen 
hinter der Knapp'schen Ausgabe, Conjekturen von Bcza und Scdliger, 

Cappellus und Bentley, Michaelis, Griesbach u. s. w. verdienen wirk- 
lich noch keine fünf, dass man sie in den Text hereinnehme. 

Darüber, dass der Conjekturalkritiker, gleichwie er behutsam 
und mit Besonnenheit zu Werke gehn soll , so auch mit dem erfor- 
derlichen Scharfsinn ausgerüstet sein müsse , sind keine Worte zu 
verlieren ; allein er habe auch den Muth seines Verstandes ! Nicht 
als Hemmschuh seiner Thätigkeit, sondern als Form der Bethätigung 
seines Urtheils hat die Besonnenheit Werth ; und wir sollen zur 
wahren Kritik nur ebensoviel Tapferkeit mitbringen, wie unsere Vor- 
fahren so oft zu einer falschen. Etwa zu vermuthen , das mehrfach 
anstössige i(aralalnvg 9-eoOTvyelg Rom. 2 , 30. sey ein altes Glossem 
für öiaßoloug, hierin fänden wir noch keine tadelnswerthe Keckheit. 
Freilich würde dem Kritiker zur Bezeigung seines Muthes die Kraft 
fehlen , wenn er nicht griechisch verstände. Jene Alten verwertheten 
die Sprachkenntniss ihrer Zeit; auch Avir dürfen hinter der tiefern und 
reichern unserer Gegenwart nicht zurückbleiben : der Kritiker des 
Neuen Testaments sollte billig sich des Griechischen besser bemächtigt 
haben , als diess meistentheils der Fall ist. Von einer Art junger 
Wittwen heisst es I.Tim. 5, 13: uf-ia de aQyai /.lavO-ävovac nfQifQ- 
XÖ/.ISVCU rag olxiag — : ständen die Worte bei einem Profanschrift- 
steller , man würde längst dem Particip abgemerkt haben , dass der 
Verfasser ?Mvd-ärocai schrieb : zugleich miissig laufen sie heim- 
lich in den Häusern herum. Und Aväre jemals innere Kritik 
eines Philologen über den Colosserbrief gekommen, so würde in der 
Schilderung eines religiösen Schwindlers C. 2, 18. das vorhandene 
Material zum msprünglichcn za /.lericoQa y-ersfißareKOV = in's Luf- 
tige leer tretend wieder aufgebaut seyn. Jedoch griechische Phi- 
lologie einzig reicht für Kritik und Exegese des Neuen Testaments 



— 64 — 

nicht aus , sintemal hier die Sätze zwar griechisch lauten , aber mehr 
und weuiger hebräisch oder, was fast auf das Gleiche herauskommt, 
syrisch gedacht sind. Die Forscher im Neuen Testamente sollten der 
semitischen Sprachen in einem Grade mächtig sein , wie sie es noch 
niemals gewesen ; eine scharfe griechische Philologie ohne Schranke 
und Correctiv des Hebraismus wirkte zum öftern nur desto verderb- 
licher. Man nehme z. B. die Stelle Marc. 9, 12, wo Christus auf 
den Einwurf, vor der Auferstehung müsse Elias kommen, erwiedert. 
Christus, welcher leiden und sterben zu müssen erwartet C. 10, 33 f.; 
dessen Weissagung durch dieses Leiden ihre nothwendige Erfüllung 
■findet ; welchem Elias schon dagewesen ist (in der Person des Täufers) , 
er kann unmöglich sagen : Elias wird vorher kommen und Alles in 
den rechten Stand setzen ; wenn es mit dem Leiden und Sterben 
wirklich Ernst werden soll, so darf keine anoxataaraaig naVTO)v 
die Möglichkeit desselben vorweg abschneiden. Also steckt in ano- 
xad^iGtavei jedenfalls ein Fehler. Im Hebräischen nun wie im 
Syrischen kann Subjekt mit Particip einen Vordersatz bilden (Ps. 
75, 4. Spr. 22, 25. 29, 9. Assem. B. Or. I, 25 b.); 'Hliag ild-aiv 
TtQWTOV wäre : wenn Elias zuerst kommt, und hebt nun mit 
ycd 'Ttiog der Nachsatz an (vgl. 4, 18) : mit welchem Fug steht 
dann geschrieben ff., so erhellt, dass auf tTjjwtov nur ein sub- 
sumirter Satztheil folgen kann, der Lifinitiv uTCOxad-iatavai , welchen 
der Lateiner in D, der spätere Syrer und der Perser noch gelesen ha- 
ben. Wenn nun der Verfasser unseres Evangeliums nach Matthäus den 
Herrn sagen lässt : ^liklag /.liv BQ%e%aL nQtoxov x«t aTCOxaTaOTirjaei 
Ttavra, so hat er iniläugbar gerade so wie die meisten Abschreiber 
des Marcus dessen hebraisirenden Ausdruck missverstanden ; und diese 
einzige Stelle reicht schon hin, die Originalität des Marcus und die 
Abhängigkeit des Matthäus zu beweisen. 

Eine gehörig ausgerüstete, gewappnete Exegese wird, wo sie am 
Texte anstösst, sich nicht immer begnügen können mit Aenderung 
eines Buchstabens , mit dem Strich eines einzelnen Wortes u. dgl. ; 
vielleicht ist ein ganzer Satz, ein Vers, ein grösserer Abschnitt un- 
gefüg und kann der Unechtheit oder angemassten Platzes überführt 
werden : die niedere Kritik nimmt dergestalt zuletzt solche Verhält- 
nisse an , dass sie in höhere auslauft , und die Unterscheidung selbst 
einer höhern und niedern wird nichtssagend. Dass dem also sey , 
dass in Einem Redestück, vielleicht im Zusammenhange desselben 
Satzes Worte Zweier mit einander verschmolzen sein mögen : diess zu 
merken war bisweilen nahe genug gelegt. Zwar wenn Col. 2 , 6. 7. 
zu lesen steht: wandelt in ihm, gewurzelt und auferbaut' 



— 65 — 

und befestigt! so mag das Urtheil, ob Einer diese Worte ge- 
schrieben habe, dem Geschmacke überlassen sein. Wenn es sich aber 
1 Tim. 4, 3. um Ketzer handelt, welche das Heirathen wehren und 
darauf dringen, dass man' gewisser Speisen sich enthalte: welche 
Logik erlaubt den Auslegern, aus xioXvovxiov yafiilv, aus dem Be- 
griffe verbieten für aTtex^oO-ai den des Gebietens herauszunehmen? 
Es erhellt , dass der Verfasser nur von Solchen sprach , welche Speisen 
verboten ; es gab aber auch noch andere Sektirer , welche wie z. B. 
Marcion auch der Ehe abhold waren, imd so trat xo)?wö)ziov yaf.iüp 
an den Rand und nachgerade in den Text, der in seinem Verfolge 
nur jene Erstem bestreitet. Die Wortkritik hat sich von der Exegese 
losgerissen, und von Beiden die höhere Kritik sich unabhängig er- 
klärt ; während einmüthiges Zusammenwirken aller drei Faktoren längst 
die Integrität auch des diplomatisch festgestellten Textes nicht bloss 
auf Kleinigkeiten in Anspruch genommen haben würde. Von vorne 
lassen sich sehr verschiedene Fälle der Verunstaltung denken , und es 
ist nachzusehn, ob und in welchem Maasse einer oder der andere 
wirklich eintrat. Die schwierigen Worte können z. B. echt sein, nur 
diess nicht an ihrer jetzigen Stelle. Wie schön würde Rom. 2,16 
um dreizehn Verse weiter hinten, und die bekannte crux interpre- 
tum Rom. 9, 5. um eben so viele weiter vorn stehn!*) Die Worte 
geriethen einst beim Abschreiben aus zweiter Columne in die erste , 
beziehungsweise aus erster in die zweite. Ein ander Mal mag es sich 
fragen um ein müssiges Glossem, das nicht sehr schädlich, das aber 
doch die Rundung des Satzes zerstört oder den Zusammenhang sprengt. 
Col. 4, 3. schrieb der Briefsteller : damit uns Gott öffne die 
Thüre des Wortes, zu reden das Geheimniss Christi, wie 
mir ziemt es zu reden. Was hiatev XqiOtov sich eindrängt : öi b 
xcd SsÖFfiai'iva ^avgQaao} avTO, unnützer und schleppender Zusatz, 
lähmt auch den hübschen Rückschlag von Xahaai. Wem das in- 
zwischen nichts verschlüge, den wollen wir weiter an Col. 2, 22. 23. 
adressirt haben. Drittens finden sich mitunter Paralleltexte, bei denen 
die Vorannahme gilt, der eine reflektire sich im andern, und beide 
zugleich seien schwerlich echt. Einem nuQaxaXw de ifiüg, udiXfpoi, 
Rom. 15, 30, steht C. 16, 17. ein zweites gegenüber : jene Paraklese 
sich beziehend auf des Schreibers persönliche Verhältnisse, wogegen 
letztere vor Spaltungen und Aergerniss in der Lehre warnt ; — ist 



*) ,Die er vorherbestimmt, diese hat er auch berufen, und die er berufen, 
„diese hat er auch gerechtfertigt; die er aber gerechtfertigt, diese hat auch ver- 
„herrlicht. der da ist über Alles gepriesener Gott in Ewigkeit." 



— 66 — 

aber diese unecht, dann desto gewissei* Pauliuisch die erstere. Diese 
Stelle gehöi-t gleichzeitig zu einer vierten Classe, den Fällen plan- 
mässiger Glossirung und Ueberarbeitung , wenn die Lektüre das 
Denken der Leser befruchtete, wenn das Bewusstsein eines Einzelnen 
oder einer kirchlichen Partei mit einer Ansicht z. B. in einem Lehr- 
briefe im Widerspruche stand , oder man überhaupt darauf Bedacht 
nahm, demjenigen, was man selber für recht und gut hielt, durch 
Autorität der heiligen Schriftsteller Eingang zu verschaffen. Es hat 
noch Niemand die Stelle Rom. 3, 7. in Betreff des Zusammenhanges 
gerechtfertigt; und 1. Cor. 10, 29. 30. scheint ursprünglich am Rande 
bei V. 27. gestanden zu haben als Bemerkung eines Mannes, der die 
christliche Freiheit weiter ausdehnte, denn der Apostel, und Denselben 
gerne missversteht. Namentlich aber werden solche Acusserungen, 
welche die Achtung der Kirchenvorsteher und Gehorsam gegen ihre 
Anordnungen empfehlen, wie z. B. 1. Cor. 16, 15., oder solche, die 
selbst von der Vermuthung ausgehn, es könnte an der Echtheit des 
Schriftstückes gezweifelt werden (2.Thess. 3, 17 b. 1 Thess. 5, 27.), 
darauf anzusehn sein, ob die darin zu Tage liegende Absichtlichkeit 
sich mit den Verhältnissen der apostolischen Zeit und des Apostels 
selber ausgleichen lasse. 

Vor aller Kritik, nemlich der Innern und höhern, muss die Exegese 
ihre Schuldigkeit gethau haben : hierin stimmen wir mit HengStenberg 
überein. Der Text muss einer strengen philologischen Erörterung seiner 
Aussagen, seines syntaktischen und logischen Zusammenhanges imter- 
zogen werden ; das Ergebniss der Prüfung darf man aber nicht zum vor- 
aus wissen, und man soll auch den Muth haben, aus Vordersätzen den 
Schluss zu ziehn. Der Glaube, welcher das nach menschlicher Ansicht 
Unwahrscheinliche dem "Wahrscheinlichen vorzieht, wird als Gerechtigkeit 
angerechnet; aber die Kritik muss, was ihr als wahrscheinlich übrig bleibt, 
für das Wahre selbst nehmen und vom Unwahrscheinlichen gänzlich ab- 
sehn; sonst kommt sie auf keinen grünen Zweig. Weit mehr, als 
gemeinhin geschieht, wird auf den Charakter der Composition zu achten 
sein; und das Verständniss derselben, die Einsicht, wie alte Schrift- 
steller zu schreiben pflegen, wird uns desto heller aufgehn, wenn wir 
selbst uns bemühen, richtig und sachgemäss zu schreiben, wenn wir 
selber halten auf Echtheit des Ausdruckes. Ein scharfes Augenmerk 
auf die in jeder Schrift vorliegende concrete Allgemeinheit, auf die 
Einrichtung der Theile zum Ganzen, dessen Idee sie beherrscht, und 
mit welcher Harmonie sie in demselben ruhn, wird lehren, dass das 
Losungswort gar manchmal nicht lauten sollte: echt oder imecht, 
sondern echt und unecht neben einander. Wenn die apologetische Kritik 



— 67 — 

gewöhnlich mit der Anerkennung des Wahren im Rückstande bleibt, 
so ist dagegen die fortschreitende häufig über die Wahrheit hinausge- 
gangen, sofern sie die Thatsachen des Parallelismus, des Unzusammcn- 
hangs und des gegenseitigen Widerspruches in einem und demselben 
Schriftstück mibeachtet liess. Das Gesagte findet vorzugsweise bei 
den Paulinischen Briefen seine Anwendung. Wenn in dem an die 
Colosser uns so Vieles als unpaulinisch befremdet, so machen dagegen 
z. B. die Personalnachrichten am Schlüsse grosscntheils den Eindruck 
der Wahrheit und Echtheit, werden durch den an Philemon bestätigt; 
und nebst diesem lassen sie sich mit denjenigen 2. Tim. 4, 10 — 12. 
vortrefflich vereinigen und ausgleichen. Bei diesem Briefe an Ti- 
motheus verhält sich die Sache ähnlich ; auch er ist und in meh- 
rerem Maasse zusammengestückt. Zu Grunde liegen zwei Briefchen 
des Apostels, wie ein solches auch dem Briefe an Titus. Warum 
an sich die Worte Tit. 3, 12. 13. nicht sollten echt sein, lässt sich 
nicht ermessen. Der daselbst ausgedrückte Entschluss in Nikopolis 
zu überwintern , ordnet sich in des Apostels bekannte Geschichte 
genau ein; und Paulus hatte, da seine Thätigkeit weniger eine schrift- 
stellerische war, als sie dem praktischen Leben angehörte, öfter Ver- 
anlassung zu kleinen Billets bezüglich auf persönliche Angelegen- 
heiten, als Müsse zu grossen Lehrepisteln. Dass jene in ihrer Mehr- 
zahl nicht erhalten sind, dass man später die vorfindlichen über- 
arbeitete, um ihnen durch lehrhaften Inhalt Interesse zu verleihen, 
scheint begreiflich. Schon der Umstand, dass den Colosserbrief in 
demjenigen an die Epheser sein Schatten begleitet, lässt Paidinische 
Wesenheit des erstem vermuthen. Ist inzwischen der an die Epheser 
ganz unecht, so desshalb ersterer nicht nothw endig ganz echt; und 
wiederum, ist jener aus einem Gusse, so muss das nicht durchaus bei 
jedem unechten der Fall sein. Kritiker der Zukimft werden kaum 
begreifen können, dass man den 1. Brief an Timotheus für Eine Masse 
ansah, dass man nicht wenigstens zweierlei Stimmen darin zu unter- 
scheiden wusste. Wenn wir indess auf diese Weise den Brief an die 
Epheser imd den 1. an Timotheus als ganz und gar unpaulinisch 
zurücklegen, so stellt sich bei den Briefen an die Thessalonicher das 
Verhältniss wieder anders: wir erkennen echten Grundstoff an beide 
vertheilt. In dem Abschnitte vom Antichrist Thess. 2. ver,spürt der 
Kenner des Alten Testaments den gesättigten Athem der jüdischen 
Gelahrtheit, wie wir solche dem Apostel zusprechen; imd sofcni echt, 
wird der Brief bekanntlich in die Zeit des Claudius gesetzt; da war 
aber der Typus des Antichrist, nemlich der sich selbst vergötternde 
Judenfeind Caligula noch in frischer Erinnerung. Im ersten Briefe 



— 68 — 

seinerseits, finden wir, wer z. B. C. 5, 7. ermahnte: wir wollen 
nicht schlafen, sondern wachen, kann nicht wohl derselbe schon 
V. 10. „ob wir schlafen oder wachen" auf gleiche Linie setzen, und 
die gleichen Ausdrücke in ganz anderem Sinne brauchen. Vielmehr 
ein echt Paulinischer Brief, der sich im Einzelnen herausfinden lässt, 
zieht als fester Bestandtheil sich durch beide Schreiben. 

Mit der Anerkennung widersprechender Thatsachen, mit Auflö- 
sung der gemachten Zusammenhänge und mit dem Wiederaufbau der 
Theile zum ursprünglichen Organismus wird eine neue Periode der 
Kritik anheben. 



DIAGNOSE 

DES 

GEGENWÄRTIGEN ZEITALTERS. 

Von ADOLF SCHMIDT. 

(Zweiter Artikel.) 

4. Der Charakter der Gegenwart. 

Das also war die Lage der Dinge nach dem ersten Viertel des 
19ten Jahrhunderts: auf allen Gebieten, dem religiösen und völker- 
rechtlichen, dem politischen und socialen war der Absolutismus, die 
einheitliche Autorität gebrochen oder gestürzt. In drei bis vier Ab- 
sätzen oder Zeitschichten hatte sich seit dem 16. Jahrhundert der 
Freiheitskampf dergestalt in der Geschichte abgelagert, dass jede 
dieser Zeitschichten das erste Siegesstadium des Freiheitstriebes in je 
einem der Hauptbereiche des menschlichen Ringens bezeichnete. Allein, 
indem der Kampf fast überall es eben nur dahin brachte, dass an 
die Stelle der einheitlichen Autorität die Berechtigung einer aristo- 
kratischen Mehrheit trat , war die Entwicklung eine unvollendete 
geblieben. Um den Sieg zu vervollständigen , erübrigte das zweite 
Stadium oder die Aufgabe : die Berechtigung der Mehrheit nach allen 
Seiten hin zur gleichen Berechtigung Aller zu erweitern , d. h. bis 
zur Gleichstellung aller Bekenntnisse im Kirchenrecht , aller Völker 
im Völkerrecht , aller Staatsbürger im Staatsrecht und aller socialen 
Interessen im Gesellschaftsrecht fortzuführen. 

Und diese Aufgabe zu lösen oder ihrer Lösung näher zu bringen, 
schickte sich nun augenfällig das gegenwärtige Zeitalter an , das mit der 
Julirevolution begonnen hat. Es nahm die Freiheitskämpfe, die unvollen- 



— 69 — 

det gebliebenen Entwickliiugeu auf allen Gebieten zugleich wieder 
auf, versuchte die Arbeit der vorangegangenen Jahrhunderte in Einein 
Gusse fortzusetzen, griff das Werk auf der breitesten Grundlage an. 
Denn durch die Reformation war nun einmal der religiöse , durch das 
Gleichgewichtszeitalter der völkerrechtliche oder nationale, und durch die 
französische Revolution des vorigen Jahrhunderts der politische und so- 
ciale Freiheitsdrang mächtig angeregt worden. War aber erst einmal das 
Innenleben der Menschheit , der Geist der Völker dergestalt nach allen 
Richtungen hin in Fluss gebracht: so konnte er sich nicht mehr mit 
dem Andränge gegen Ein Gebiet des Kampfes begnügen , sondern 
musste gleichzeitig gegen alle Ergebnisse der äussern Geschichte zu 
reagiren , oder aus der glücklichen Reaction gegen das Mittelalter die 
Consequenzen zu ziehen bedacht sein ; in dem klaren oder unklaren 
Gefühle , dass die Freiheiten einander bedingen , und dass daher nur 
die Freiheit aller Gebiete für die des einzelnen die Bürgschaft 
der Dauer giebt. 

Ununterbrochen währte dieser neue Kampf in den letzten fünf- 
undzwanzig Jahren , die nur den Anfang des gegenwärtigen Zeitalters 
bezeichnen. Bald stritt man mit friedlichen Mitteln, bald mit den 
Waffen der Gewalt ; bald war der Freiheitstrieb , bald der Herrschafts- 
trieb der angreifende Theil ; bald bezeichneten die Siege des ersteren , 
bald seine Niederlagen die Wendepunkte des Kampfes. Aber keine 
Niederlage konnte den Freiheitssinn ersticken ; immer imd immer hob 
und reckte er sich wieder empor. Wohl wandelte ihn die Ahnung 
an, dass über der Erreichung seines Zieles nicht Einzelne nur und 
Familien , sondern Generationen, ja selbst Staaten und Völker dahin- 
sterben könnten; doch schien er sich auch dessen bewusst, dass die 
Gedanken der AVeltgeschichte , weil sie durch Weltgesetze bedingt 
werden , ein Gemeingut der Menschheit imd mithin ein Erbe der 
Nationen sind. Dass die Aufgabe für den Geist der europäischen 
Völker nicht an sich unlösbar sei , dass die Menschheit wie über die 
einheitliche Autorität so auch über das blosse Vorrecht einer Mehr- 
heit hinaus könne : das hatte überdiess auf religiösem, politischem 
irad zum grossen Theil auch auf socialem Gebiete längst schon die 
Entwicklung Nordamerika's gezeigt; und dass auf völkerrechtlichem 
die Aristokratie der Grossmächte so wenig wie der glänzendste Auf- 
bau des Universalstaates unerschütterlich dastehe , dass sie so wenig 
wie dieser die Völker und Staaten vor der Willkür Einzelner sicher 
zu stellen oder ihnen dauerndes Heil zu gewähren vermöge : das 
hatte kurz zuvor Napoleon durch ihren Sturz unA durch seine Erhe- 
bung erwiesen. 



— 70 — 

Trotz aller Uebereinstimmung in den Richtungen des Zeitgeistes 
boten jedoch die Verhältnisse des Kampfes je nach der Oertlichkeit 
und der Culturstufe einen höchst ungleichen und mannigfaltigen An- 
blick dar. An dem einen Punkte war man vorausgeeilt , an dem 
andern zurückgeblieben; hier schien das Ziel in nächster Nähe, dort 
in äusserster Ferne zu liegen ; an dem einen Punkte war der Kampf 
so gut wie vollendet, an einem andern noch kaum oder gar nicht 
eröffnet , da in dem zweiten Stadium , hier noch in dem ersten 
begriffen. Auch in diesem mannigfaltigen Nebeneinander der Er- 
scheininigen , in dieser geographischen Ungleichheit der geschicht- 
lichen Entwicklung waltet indess ein Naturgesetz. 

5. Die räumliche Entfaltung der Principien. 

Gleichwie nämlich die Aveltgeschiehtlichen Strebungen sich inner- 
halb der Zeit schichtenweise nach und auf einander ablagern : also 
setzen sie auch innerhalb des Raumes sich über und neben ein- 
ander in Schichten ab. In dieser geographischen Entfaltung der Welt- 
ideen spiegeln sich gewissermassen die Gesetze der geologischen 
Processe wieder. Die Gi-undlage aller derartigen Erscheinungen und 
der grossartigste der historischen Processe ist die Schichtung der Culturen. 

Die Umdrehung der Erde von Westen nach Osten übt auf Alles 
was ihr angehört , auf die festen und flüssigen , auf die elastischen 
und geistigen Elemente , einen mächtigen Einfluss aus , drängt sie mit 
unwiderstehlicher Gewalt In die entgegengesetzte Richtung hin. 
Wie sie das Phänomen der Sonnenbewegung von Ost nach West 
erzeugt , wie sie auf die Gliederung der festen Bestaudtheile der Erd- 
oberfläche in gleicher Richtung eingewirkt, wie sie unablässig das 
flüssige Element des Meeres in der Aequatorial - oder Rotations- 
strömung und das elastische der Atmosphäre in einer beständigen 
Luftströmung von Osten nach Westen treibt : also drängt sie auch 
das geistige Element der Geschichte im Kreislauf um die Erde hin , 
erzeugt das Phänomen der Culturströmung von Osten nach 
Westen. 

Wir wissen nicht mit Bestimmtheit, wie viele Schichtungen die 
Cultur gebraucht hat, um durch den Lauf der Jahrtausende bis zu 
ihrer gegenwärtigen Gestalt und Gliederung zu gelangen ; alle aber , 
die wir kennen , nahmen im Osten ihren Ausgang. Nicht immer 
wurde ein völliger Kreislauf beschrieben. Die sogenannten Störungen , 
die den Lauf der Himmelskörper, den Gang der Luft- und Meeres- 
strömungen mannigfach modificiren , fanden auch in den Culturströ- 
mungen ihr Wiedorspiel. 



— 71 — 

Die erste erkennbare, uiuider geschichtliche als naturgeschiclitliche 
Culturwelle — gleichviel ob sie physisch durch das Menschengeschlecht 
fortgepflanzt wurde, oder autochthonisch und nur von dem gleich- 
artigen Culturhauch getrieben sich entwickelte — ging dem Anschein 
nacli von Mittelasien aus, warf sich im Skythen- und Keltenthum 
über Vorderasien und l^in-opa, erzeugte in Afrika das Negerthum, in 
Amerika die mächtigen indianischen Völker, die in Tenessee und auf 
den Inseln des Nicaraguasees so merkwürdige Spuren ihres Daseins 
zurückliessen , entAvickelte in Mexiko und Peru , wenn auch erst im 
Laufe von Jahrtausenden , jene wunderbare Culturstufe , die mit der 
ostasiatischen die nächste Verwandtschaft offenbarte , und endete eben 
im östlichen Asien, in China und in Indien. Die Hauptreste dieser 
ersten Schichtung, der Masse und der Reinheit nach, sind im innern 
Mittel - imd Südafrika erhalten , weil dieses fortan ausserhalb der all- 
gemeinen Strömiuig liegen blieb und nicht einmal, gleichwie China 
imd Indien , von abgesonderten Kreiseln oder Strudeln der geschicht- 
lichen Bewegung ergriffen wurde. 

Von China und Indien selbst her wälzte sich inzwischen die 
zweite Culturwelle, die antike Bildung darstellend, über Baktrien 
und Medien , Assyrien , Babylonien und Phönizien nach Südeuropa , 
über Aethiopien und Egypten nach Nordafrika , breitete sich zu beiden 
Seiten des Mittelmeeres aus, trieb das Griechen- und das Römerthum 
empor , verdrängte die älteren skythischen und keltischen Elemente , 
brach sich aber im Westen am atlantischen Ocean und verrann der- 
gestalt in Europa. 

Die dritte Culturwelle, bezeichnet in ihren Anfängen durch die 
sogenannte Völkerwanderung, und den Zug der moderneu Bildung 
versinnlichend, erzeugte das Germanenthum, ergoss sich vorzugsweise 
von Osten her über ganz Europa , wo sie das Römerthum erdrückte , 
aber aus ihm Nahrung ziehend in zwei Strömungen — der romani- 
schen und germanischen — aus einander ging , warf sich dann über 
das gesammte Amerika, wo sie die Reste der ersten Welle — das 
Indianerthum — verdrängte , und leckt nunmehr wieder über Cali- . 
fornien hinaus nach den Inseln des stillen Oceans und nach Ostasien 
hinüber, während sie in besonderen Rinnsalen von England her schon 
Australien und Ostindien überzogen , und selbst China bespült hat. Im 
Verhältniss zu dieser grossen germanisch -romanischen Culturstrümung 
in gerader Richtung von Osten nach Westen , waren die Völkerströ- 
mungen der skandinavischen Normannen und der nnihamedanischen 
Araber nur untergeordneter Art, nur den Passatwinden vergleichbar, 
die , von Nordosten und von Südosten her wehend , in den grossen 



— 72 — 

östlichen Luftstrom einmünden ; das normannische Element verschmolz 
mit der germanischen Cultur in befruchtender Weise vornehmlich 
nördlich auf brittischem , das arabische südlich auf spanischem 
Boden. 

Ob von dem Slaventhura, das, von Asien herandrängend, nun 
schon im Herzen Europa's sesshaft ist, und über Deutschland hin 
lüstern nach dem Westen blickt, eine neue Culturschichtung zu er- 
warten sei , dürfen wir , um der Geschichte nicht vorzugreifen , füglich 
dahin gestellt sein lassen. Das aber ist gewiss, dass die Geschichte 
kein unsterbliches Volksthum aufzuweisen hat; dass in dem gebildeten 
germanisch - romanischen Völkerbereiche sich hin und wieder dem 
roheren Slaventhum gegenüber ebenso bange Ahnungen regen , wie 
einst in dem gebildeten aber alternden Römerreiche gegenüber den 
Germanen selbst ; endlich dass auch diese , obwohl sie anfangs und 
lange als Barbaren galten , dennoch schliesslich lebenskräftiger Avie die 
alte Welt und wider Erwarten für Neubildungen empfänglicher sich 
erwiesen. 

Nicht minder mag man der Zukunft die Frage anheimgeben, ob 
in Amerika , wo alle Nationalitätsströmungen vmd Culturwellen sich 
ebenso wunderbar verschlingen wie die Meeresströmungen an seinen 
Küsten, wo in denselben staatlichen Gebilden alle Culturen und Völker, 
Indianer und Neger, Romanen und Germanen, Slaven und Normannen, 
Muhamedaner imd Chinesen zusammenfliessen , der Keim zu einer 
weiteren Schichtung sich angesetzt habe, die, von Amerika ausgehend, 
in westlicher Richtung über Asien und Europa sich zu ergiessen 
bestimmt wäre. Gewiss aber ist , dass , wie die Natur trotz der so- 
genannten Störungen überall in den Bahnlinien der Phänomene die 
Grundrichtung aufrecht erhält, also auch die Cultur in ihrer Gesammt- 
heit trotz aller Kreuz- und Querzüge niemals eine rückläufige Bewe- 
gung von Westen nach Osten mit Erfolg gemacht hat , noch mit 
Erfolg zu machen im Stande ist, und dass daher der Osten schliesslich 
nur von Osten her, Asien nur von Amerika aus durch eine Cultur- 
welle überschüttet werden kann. 

Wir lassen die Zukunft auf sich beruhen ; wir berechnen den 
Zeitpunkt nicht, wo man wird sagen dürfen, dass die Entwicklung 
ihren Höhepunkt erreicht, dass die Culturblüthe den Erdball um- 
zogen habe. Wir fassen die Lage des Schichtungsprocesses allein 
imter dem Bilde auf, das er uns gegenwärtig darbietet : Hingestreckt 
über die Schichten der vorgeschichtlichen und der antiken Cultur 
erblicken wir noch immer die germanische, verschmolzen mit der 
romanischen, versetzt mit der normannischen und der osmanischen, 



— 73 — 

heiTSchend in Eifi-opa und in Ainerilüi, liinüberzüngelnd nach dem öst- 
lichen Asien, aber selbst im Osten Enropa's durch den Wellenschlag 
des Slaventhunis bedroht. 

Auf diesem allgemeinen Hintergrunde, der als ein fester erscheint 
in Wirklichkeit aber ein beweglicher und flüssiger ist, gruppiren sich,J 
den Vurdergrund einnehmend , die besonderen Kampflinien , Lager nnd 
Streitplätze jener Triebe und Pi'incipien, die herrschsüchtigen und die 
freiheitlichen Strebungen der Glaubensmeinungen , der Nationalitäten , 
der politischen Ueberzeugmigen und der gesellschaftliclien Interessen. 

Das allgemeine Gesetz kehrt aber im Besondern wieder. Auch 
die Freiheitsentwicklung geht dem Lichte nach, folgt der allgemeinen 
Gulturstrümung von Ost nach West; dergestalt, dass innerhalb einer 
jeden Culturperiode die Freiheitsentwicklung durchschnittlich in eben 
dem Maasse kräftiger erscheint, je weiter sie westwärts vorrückt, 
und schwächer, je mehr man sich ostwärts zurückwendet. Der Mor- 
gen treibt nur die Keime , der Abend die Blüthen der Freiheit wie 
der Cultur. So bilden Ost und West auch im Besonderen den grossen 
Gegensatz , der die räumliche Gliederung der Principienkämpfe bedingt. 

6. Rundschau des Kampfplatzes. 

Politische Situation. 
Nehmen wir misern Standpunkt im Herzen Europa's und über- 
.schaueu wir von hier aus das geographische Bild, das der Weltkampf 
in der mittleren Zeit zwischen der Juli- und der Februar- 
revolution, zwischen 1830 und 1848, darbot, so erblicken wir 
unsern Erdtheil wie von einer äussern Kinde umgeben. Ln Westen 
lagert sich das freiheitliche Princip in seiner liüchsten Entwicklung, 
die gewaltige Schicht des demokratischen Anierika's. Im Osten das 
herrische Princip in seinen r u h e s t e n Formen , die ebenso gewaltige 
Schicht des despotischen Asiens. Mitten in dieser Umjiülsung liegt 
wie ein aufbrechender Kern das em-opaische Gebiet; hier ist daher 
die grosse natürliche Kampfesbülme der beiderseitigen Principien ; die 
Freiheit und der Absolutismus ringen hier auf Tod mid Leben ; Ame- 
rika und Asien streiten gleichsam um den Besitz Europa's. 

Wiederum aber sehen wir im Bereiche dieses Welttheils selbst den 
vcrhältnissmässig schärfsten Gegensatz der Principien im Westen und 
im Osten hervortreten. Wir gewalu-en eine zweite , innere Rinde , 
dem Wesen der äussern entsprechend, aber mit abgestumpften For- 
mationen. Links lagert sich als westem-opäische Schicht, vertreten 
durch England, Frankreich, die pyrenäische Halbinsel, die Schweiz, 
Belgien und die Niederlande, eine dem freilieitlichon Princip, vor- 
^yisseuscb«ftlicbe Mouataachi-ift. Q 



— 74 - 

zngsweise in der Form des pactirteii Constitiitlonalismii.s , zuge- 
wandte Region. Rechts als osteuropäische Schicht, vertreten durch 
die Türkei und durch RussLand, die absohitistische Region der ge- 
glätteten Autokratie. Zwischen beiden deimt sich als mittlere Schich- 
tung von Norden nach Süden der Gürtel Skandinaviens , der deutschen 
oder deutschgearteten Ländercomplexe und der Mittclmeerstaaten aus. 
Hier musste sich daher der Haupttummelplatz des abgestumpften 
Gegensatzes , der constitutionellen und der autokratischen Grundsätze 
eröffnen ; es mussten West - und Osteuropa nach dem Besitze Mittel- 
europa' s trachten. 

Und wirklich sehen wir in dieser innersten mitteleuropäischen 
Schicht, der als solcher eine entscheidende Bedeutung beiwohnt, den 
Zusamnienstoss der von beiden Seiten herüberwogenden Principien , 
wie am zähesten, so auch am buntesten sicli gestalten. Die Streit- 
linien haben sich gemischt, die beiderseitigen Stellungen sind auf den 
Flügeln durchbrochen : das Geäder der Scliichtung kreuzt sich in den 
hervorspringenden Kanten des Nordens und Südens. Denn auf der 
Nordkante zeigte sich das östliche Schweden -Norwegen dem freiheit- 
lichen Principe ergeben ; das westlichere Dänemark dagegen dem 
absolutistischen, dem es durch deji staatsreclitlichen Verti-ag des 
Königsgesetzes überliefert worden. Auf der Südkante andererseits 
bewegte sich das östlich gelegene Neugriechenland anfangs sogar in 
republikanischen Formen , dann auf Grund eines völkerrechtlichen 
Vertrages vorübergehend in rein n\onarchischen, bis diese wiedemm 
von innen heraus in constitutionelle umgewandelt wurden ; während 
das westlichere Italien nach wie vor aussichtslos dem Vollbesitz des 
Absolutismus verfallen blieb. 

Nur in dem Centrimi der Schicht, in dem innersten Kern der 
ganzen kelchartigen Entfaltung, in Deutschland, wo die eigentliche 
Berührungslinie der entgegenstehenden Principien liegt, während auf 
der andern Seite der Erde zwischen Amerika imd China deren Scheide- 
linie läuft, war die Regel wieder wahrnehmbar. Die Schicht der 
kleineren deutschen Staaten, die sich, an die grossen Westschichten 
anlehnt, zeigte sich dem Freiheitsprinzipe in der wiederum ermässig- 
ten Form des octroyirten Constitutionalismus zugewandt. Oester- 
reich und Preussen, an die grossen Ostschichten gränzend, hingen der 
Autokratie in der entwickelteren Form des absolutistischen Rechts- 
staates an. Nur dass Oesterreich im Selbstgefühl seiner geographisch 
zusammenhängenden Kraftmassen und trotz der ererbten Reichstage in 
Ungarn, die es noch nicht gleichwie Russland die polnischen zu ver- 
nichten Anlass gefunden, diesem System mit voller Entschlossenheit 



— 75 — 

und Sorglüsigkeit sieh liiiigab; wiilireml Preussen, mit .seinen Rhein- 
landcn zugleich die freiheitliche Westscliiclit berührend und dnrcli die 
kleinen coiistitutionollen i^taatsorganisnien in seinem Gebiete au.sser 
Zusammenhang und Fasstmg gebracht, mehr und mehr in unwillkür- 
liche Schwankungen gerieth. Hier schien daher der Ausgangspunkt 
gegeben für einen neuen Prozess in dem Entwicklnngskampfe der 
Gegensätze. Denn immer wird es, avo Schwankungen stattfinden, am 
ehesten auch zu Entscheidungen kommen. 

Ziehen wir nun durch alle diese Schichtungen einen Querschnitt 
von Osten nach Westen : so bezeichnet derselbe eine furtgesetzte 
Emancipationslinie in regelmässigen Al)stufungen von der äussersten 
Knechtschaft bis zur äussersten Freiheit liin. Den rohen Absolutisums 
Asiens sehen wir in Osteuropa zu einem äusserlich abgeschlif^'onen, in 
Ostdeutschland zum rechtlich gegliederten herabgestinmit, in West- 
deutschland tioss er in die bescheidenste Form der Freiheit, in die 
octroyirte über, die sich in Westem'opa zur pactirtcii luul in Anterika 
zur souveränen erweiterte. Gleichmässig verliert sieh auch, je weiler 
man auf dieser Linie fortschreitet, der überirdische Nimbus der irdi- 
schen Gewalt, die im äussersten Osten über die höehsten Wolkcn- 
hühen cm])urragt, als eine unmittelbare Zeugung Gottes sich verkündet. 
Aber allgenuxch streifte der Mensch die Gottheit, oder Gott die 
Menschheit ab. "Wenn in China, in dem „himmlischen Reiclie", der 
Träger der höchsten AVürde noch als ..Sohn des Himmels" er,schien, 
so sank er schon in der Türkei zum „Stellvertreter des Propheten 
Gottes" herab, und erschien in Mitteleuropa nur noch als eine „Gnade 
Gottes", bis er in Westeuropa, in Franlu-eich , zum blossen „Bürger- 
fürsten", und endlich in Amerika zum schlichten „Diener des Volkes" 
ward. Die Zügel der Gewalt, im äussersten Osten aus dem Himmel 
herabhangend, wachsen im äussersten Westen aus der Erde empor, 
sind nicht mehr göttlichen, sondern menschlichen Ursprungs; und nur 
eine Spanne Meeres, der stille Ocean, trennt die äussersten Gegen- 
sätze, den Volksbeamten vom Himmelssohn. 

Dieser Emancipationslinie entspi'echend gliederte sich die Scenerie 
des politischen Kampfes. Während in Amerika die Demokratie, dem 
Absolutismus nicht mehr erreichbar, ungestört die Früchte der Freiheit 
genoss oder zu geniessen begann; und während in Asien die Des- 
potie, vom Liberalismus noch unerreicht, ebenso ungestört im Namen 
Gottes die Menschheit knechtete, erblicken wir Europa in allen seinen 
Theilen auf die mannigfaltigste Weise von dem Widerstreit der beiden 
Principien ergriffen. In der westlichen Hälfte rang der Freiheitstrieb 
in der Gestalt der demokratischen Elemente gegen die herrschende 



- 76 — 

constitiitionelle Aristokratie der Gebiu't und des Vermögens an, sowie 
gegen die Reste des antokratischen Systems; in der östlichen dagegen 
drang er unter der Führung der aristokratischen Elemente selbst auf 
die herrschende Vollgewalt des Absolutismus ein. Dort standen ihm 
reichere Mittel: die Pressfreiheit, das Vereins- und Versannnlungsrecht, 
zu Gebote; hier, bei dem patriarchalischen Einfluss der Censur und 
der Polizei, nur äusserst dürftige: die Freiheit, zwischen den Zeilen 
zu lesen, und das Recht, gemeinsam zu tafeln. Allein der Geist der 
Geschichte, weil ihm Zeit und Raum unterthan sind, zog unsichtbar 
durch die Sperren der Länder und durch die Schaareu der Wächter 
daher; die Propaganda der Freiheit, in diesem Geiste wurzelnd. Mar 
eine rein ideelle. 

Den politischen Freiheitsl)estrebungen standen nach wie vor, aber 
unter ungleichen Verhältnissen, die antokratischen Herrschbestrebungen 
gegenüber. In der Osthälfte Europa's wollten sie gegen den Andrang 
des aristokratischen Bürgerthums , der constitutionellen Gi'undsätze , 
sich in ihrer Machtfülle erhalten ; in der Westhälfte , unter der Gestalt 
der „Reaction", durch künstliche Beseitigung der Errungenschaften 
des Freiheitstriebes die schon verlorene Machtstellung wiedergewiimen , 
inii desto sicherer allüberall den Sieg der Gleichberechtigung zu ver- 
hindern. In Petersbm'g hatte die Propaganda des Absolutismus ihren 
Sitz ; sie operirte äusserst thätig und geschickt. Unter der Firma der 
„heiligen Allianz" hatte sie die östlichen Ländercomplexe Deutsch- 
lands , Oesterreich und Preussen , an das russische System festge- 
schmiedet ; unter der Maske der Freundschaft streckte sie ihre Arme 
nach dem constitutionellen Westen aus, über die deutschen Klein- 
staaten und den staatlosen Bundestag hinweg, bis in das Herz Frank- 
reichs, Spaniens und Portugals hinüber, und suchte, indem sie die 
politische Reaction durch Rath und That unterstützte, auf allen 
Punkten die Rückkehr in den Schooss des alleinseligmachenden Ab- 
solutismus durchzuführen oder anzubahnen. Ungeheuere physische und 
intellectuelle Machtmittel staiiden diesem zur Verfügung : unennessliche 
stehende Heere von Soldaten, Beamten und Priestern. Die gangbarsten 
Mittel, deren sich die Reaction bediente, waren der Scheinconstitutio- 
nalismus, die Corruption und die geheime oder offene Centralisation 
der Verwaltung. Beide endlich verstanden es meisterhaft, die Aus- 
schweifungen des politischen Freiheitstriebes in der Lehre und in der 
Wirklichkeit zu benutzen, um durch die Schreckscheuche der „Anar- 
chie" den Freiheitssinn zu betäuben und zu bewältigen. 



Religiöse Situation. 

Das war die allgemeine iind zugleich die politische Situation. 
Die religiöse bot einen ähnlichen und doch wieder eigenthümliehen 
Anblick dar. Denn die Freiheitsentwicklung auf dem Gebiet der 
Religion geht nicht nur dem Lichte, sondern aucli dem Klima nach. 
Die wärmeren Zonen erziehen mehr die Phantasie, die Sinnlichkeit 
und Abhängkeit — , die kältern den Verstand , die Nüchternheit und 
Unabhängigkeit des Geistes. Daher nimmt in jedem Culturkreise die 
verhältnissmässig freiere Religionsbildung die nördlicheren Breiten- 
grade, die unfreiere die südlicheren ein. Im Osten und Süden Asiens 
herrschen die Autoritäten des Confutse imd Laotse , des Bramaismus 
und Buddliaismus , während im Westen der Islam mit seinen Mischun- 
gen jüdischer und christlicher Bestandtheile, im Norden aber der griechiscb- 
katholische Ritus sich ausbreitet. Der Süden Afrika's ist dem Fetischmus 
unterthan , während der Norden sich dem von Osten her andrängenden 
Islam ergab. In Osteuropa sitzt südwärts wieder der Muhamedanismus, 
nordwärts aber erhebt sich die griechische Kirche Russlands. In Älittel- 
und Westeuropa, sowie in Amerika, herrscht in den südlichen Strichen 
der römisch-katholische Cultus , in den nördlichen der protestantische vor. 

So nehmen wir denn einmal ehie Eutwicklimgslinie wahr, die 
dem allgemeinen Zuge entsprechend, vom äussersten Osten nach dem 
äusserstcn Westen hiustreicht und von den Religionskreisen China's 
imd Indiens her, durch die Schichten des Islam, des griechischen 
und römischen Katholicismus hindiu-ch, bis zum Protestantismus und 
zu den freien Religiousformen Amerika's sich abstuft. Zugleich aber 
wird diese Linie durch eine andere gekreuzt, die vom äussersten 
Süden nach dem äussersten Norden sich erstreckend, die Momente des 
Fetischmus, des Islam, des Katholicismus und des Protestantismus, 
bis zu seinen freien Formen in England und Schottland, schichten- 
weise aneinandeiTeiht. Die religiöse Freiheit wird also intensiver, je 
weiter man von Osten nach Westen imd von Süden nach Norden 
fortschreitet. Daher bringt sie im äussersten Norden mid Westen. 
in Grossbritannien und Nordamerika, die meisten und freiesten Fonnen 
zur Ersclieinung, und steigert sich hier in den Vereinigten Staaten bis 
zum vollendeten Siege der religiösen Gleichberechtigung. Das buddhis- 
tische Asien hatte im Dalai-Lama seinen Papst und das katholische 
Europa im Pap.-.t seinen Dalai-Lama , während das protestantische noch 
immer in den Landesherren seine weltlichen Oberpriester anerkannte ; 
nur in Schottland und im freiesten Theile Amerika's bedurften Himmel 
und Erde keiner sichtbai-en Stellvertretung Gottes mehr und keiner 
weltlichen Monopole geistlicher Gewalt. 



_ 78 — 

Unter solchen Umständen bildete innerhalb de,s germanisch-roma- 
nischen Culturkreises Aviederum Europa den Haiipttummelplatz der 
religiösen Triebe. Im protestantischen Norden war der Freiheitstrieb 
an f den Sturz der Bekenntnissaristokratie, auf Gleichstellung aller Glau- 
bensnormen gerichtet; im katholischen Süden noch gegen die Herr- 
schaft des religiösen Monarchismus. Dieser aber raffte sich zusammen. 
Im Süden trachtete er, gegen den Andi'ang der Aristokratie, gegen 
die [>rivilegirten ketzerischen Bekenntnisse sich in seiner Alleingewalt 
aufrecht zu erhalten , und im Norden schürte er die religiöse Reaction, 
suchte durch sie die Glaubensaristokratie wieder zu vernichten, die 
Alleinberechtigung des Katholicismus und in ihm den Universalcultus 
nenerdings herzustellen. In Rom hatte die katholische Propaganda 
des religiösen Unitarismus ihren Sitz. Wie der politische Absolutismus 
von Petersburg her, so streckte der Papismus von Rom her seine 
Arme über Europa aus, um allüberall die Errungenschaften des reli- 
giösen Freiheitstriebes rückgängig, und liierdurcli desto gewisser den 
Sieg der religiösen Gleichberechtigung unmöglich zu machen. Auch 
ihm standen unermessliche Mittel zu Gebote : die gewaltigen Heer- 
schaaren der Priester, der Jesuiten und Ultramontanen. Durch das 
Netz der Hierai-chie und der Missionen suchte er die Welt zu um- 
spannen, den verlorenen Boden in der Schweiz und in Frankreich, in 
Belgien und den Niederlanden, in Deutscldand und England wieder- 
zugewinnen, und in fremden Welttheilen, selbst in den Vereinigten 
Staaten Nordamerika's , einen neuen zu erobern. 

In Einem Punkte fand der religiöse Freiheitstrieb eine ihm selbst 
verdächtige Stütze an dem Ultramontanismus ; beide begehrten Trennung 
von Kirche und Staat, aber aus entgegengesetzten Beweggründen; der 
eine, weil die Kirchenfreiheit von der Religionsfreiheit, die Selbst- 
regierung von der Selbstbestimmung untrennbar sei; der andere, um 
durch die volle Selbstherrlichkeit seiner Kirche die Ausbreitung ihrer 
Herrschaft zu erleichtern und zu beflügeln. Der Verdacht war be- 
gründet. Denn auch der religiöse Herrschtrieb, gleichwie der poli- 
tische , baute seine Siegeshoffnungen minder auf die eigene Anziehungs- 
kraft als auf die Selbstzerreibung des Gegners; in der Atomistik des 
,.Athcismus" suchte der kircliliche Unitarismus seinen mächtigsten 
Bmidesgenossen ; durch dessen zersetzende Wirkungen , oder durch die 
Furcht vor denselben — darauf rechnete mit Zuversicht die Reaction 
— würden am ehesten die erschöpften Gemüther in den Schooss der 
alleinseligmachenden Kirche zurückgetrieben werden, oder umherirrend in 
den Netzen der Propaganda sich verfangen; in dem Extreme des reli- 
giösen Freiheitstriebes würde der religiöse Freiheitstrieb selber ersterben. 



_ 79 — 

Sociale Situation. 

Die Gliederung des socialen Kampfes entspracli zumeist der 
politischen Situation , der allgemeinen Emancipationsrichtung von Ost 
nach "West. Im äussersten Osten, in Japan und China, herrf^chte das 
System absoluter x^bschliessung gegen den Welrverkchr ; in Russland 
die Grenzsperre und die Handelsbilanz , die sti'engste Anwendung des 
prohibitiven Merkantilsystenis , das in Oesterreich zu einem milderen 
sich abstumpfte, während in Deutschland, in Mittel- und Westeuropa , 
der Schutzzoll vorwaltete, in England aber und in Nordamerika eine 
immer stärkere Hinneigung zum Freihandelssystem sich kundgab. Im 
Osten regte sich daher die sociale Aristokratie der Protectionisten 
gegen das Alleininteresse des Staats ; in Mittel - und "Westeuropa die 
sociale Demokratie der Freihändler gegen die Interessenherrschaft der 
Protectionisten ; während im äusserten Nordwesten , im anglo-germani- 
schen Bereich, die Handelsfreiheit schon im Uebergewicht begriffen 
war und nach und nach eine Reihe glänzender Triiunphe feierte. 

Aehnlich erging es auf dem Gebiete des Ackerbaues und der 
Gewerbe. Im Osten , wo der Monarch noch immer als oberster Eigen- 
thümer des ganzen Landes galt , kolossale Domänen besass , imd nicht 
selten auch die Rolle des obersten Fabrikherrn oder gewerblichen 
Unteniehmers spielte , war der Kampf gegen die absolute Knechtschaft 
der agrarischen und industriellen Interessen gerichtet, gegen Leibeigen- 
schaft , Lehns - und Zunftzwang ; in Mittel - und Westeuropa , wo 
diese Verhältnisse schon mehr oder minder gelöst worden, bekämpfte 
der sociale Freiheitstiieb den Aristokratismus der patrimonialen "Vor- 
rechte , der Fideicommisse und Majorate , forderte unbedingte Theil- 
barkeit und Veräusserlichkeit alles Grundeigenthums , sowie den 
industriellen Privilegien, den Resten des Zunftwesens gegenüber un- 
bedingte Gewerbefreiheit; in Amerika endlich war dieses Ziel schon 
erreicht, Landbau und industrielle Concurrenz vollkommen emancipirt. 

Auf dem Gebiete des geistigen Verkehrs wandte sich der Kampf 
in der Osthälfte Europa's gleicherweise gegen die Herrschaft des 
Prohibitivsystems, gegen die monarchische Censur; in der continen- 
talcn Westhälfte gegen das protectionistische Repressivsystem, gegen 
die plutokratische Herrschaft der Cautionen und die bureaukratische 
der Concessionen ; während in England und Amerika die unbedingte 
Pressfreiheit blühte. Wie also der äusserste Osten die absolute Knech- 
tung der materiellen und geistigen Gesellschaftsinteressen, so stellte 
der äusserste Westen den Höhepunkt der Emancipation, das weiteste 
Maass der socialen Freiheit dar, oder die stärkste z\jierkcunung des 
Grundsatzes : Jedermann ziehe von Natur die bessere Waare der 



— 80 — 

schlechteren vor, sei diese materieller oder geistiger Beschaffenheit; 
in der allgemeinen Concurrenz werde daher von selbst das Bessere in 
Ansehen und Absatz steigen , das Schlechtere fallen ; Täuschung sei 
auf die Dauer unmöglich ; nicht die Gleichberechtigung also im Ver- 
kehr beiderlei Art, sondern gerade umgekehrt nur das Vorrecht oder 
vollends das Alleinrecht könne dem Schlechteren und selbst dem 
Schlechtesten zu Schutz und Vorschub gereichen. 

Diesem Grundsatz gegenüber regte sich abei- im materiellen wie 
geistigen Bereiche mit enieuter Anstrengung der sociale Herrsch trieb. 
Mit grossem Geschick versuchte er, die Uebel, die er grossentheils 
selbst verschuldet, dem Gegner aufzubürden. Die Aufhebung der 
Leibeigenschaft, des Feudal- und Zunftzwanges hatte nämlich aller- 
dings die freie Persönlichkeit hergestellt, aber auch nm- sie; 
jeder Einzelne war ausschliesslich auf sich selbst angewiesen. Kein 
Wimder, wenn diese absolute Isolirung in erster Linie die Verar- 
mung, den Aufwuchs eines ländlichen und industriellen Proletariats, 
dem sich ein literarisches anschloss, vielfach begünstigte und in zwei- 
ter Linie sogar vereinzelte Versuche gewaltsamer Selbsthülfe ei-zeugte. 
Hievon nun entnahm der Absolutismus die Beschuldigung : freie Con- 
currenz sei gleichbedeutend mit Anarchie, und lun demnach den Sieg 
der socialen Gleichberechtigung zu verhindern, hielt er nicht nur im 
Osten das Staats - , Lehns - und Zunftmonopol unnachgiebig fest , son- 
dern suchte auch in Älittel - luid AVcsteuropa die socialen Fortschritte 
wieder rückgängig zu machen. Während daher hier auf der einen 
Seite, den bestehenden Bevorzugungen und Vorrechten gegenüber, die 
social-demokratischen Grundsätze des Freihandels, der Bodentheilbar- 
keit , der unbeschränkten Gewerbe - und Pressfreiheit , nach unbedingter 
Anerkennung i-angen : trachtete auf der andern Seite die sociale Reac- 
tion vielmehr auf allen diesen Gebieten wieder neue Beschränkungen 
zu ersinnen , die Schutzzölle wieder bis zu Verboten zu steigern , die 
Selbstverfügung über das Grundeigenthum wieder auf alle Weise zu 
erschweren, die Innungen möglichst wieder dem Zunftzwange, das 
Repressivsystem der Presse dem Wesen der Censur anzunähern. Zu 
diesen Zwecken wusste man sehr gewandt die Erscheinungen des 
„Communismus" auszubeuten, hoffte den socialen Freiheitstrieb 
durch die Furcht vor seinem eigenen Extreme zu entwaffnen. So 
arbeitete der Absolutismus und die Reaction, bcwiisst oder mibewusst, 
aus Leibeskräften der gesellschaftlichen Wohlfahrt entgegen. 

Denn jene Missstände wurzelten doch keineswegs in einem Zuviel 
der socialen Freiheit, sondern in dem Zuwenig derselben. Concur- 
renz und Anarchie , fern davon einander gleich zu sein , sind vielmehr 



— 81 — 

mit einander unverträglich ; die eine stockt in dem Maasse als die 
andere fliesst; nur innerhalb eines geordneten Organismus und nur 
zwischen geordneten Gesellschaftskörpern findet die allgemeine freie 
Bewegung der Arbeit und der Privatinteressen ihre Stelle ; denn s i e 
vor allem bedarf des Schutzes , der Innern und äussern Sicherheit , 
der staatlichen wie der völkerrechtlichen Autorität. Was die sociale 
Wohlfahrt heischte, war vor Allem', um die schädlichen Wirkungen 
der absoluten Isolirung aufzuheben , die Ergänzung der persönlichen 
Freiheit durch die A s soci a t ionsfreiheit; allein gerade in dieser 
witterte der Polizeistaat die Symptome des Communismus , und . statt 
ihren Geist zu wecken , sie zu fördern , glaubte er vielmehr , sie der 
Gesellschaft vorenthalten zu müssen. Ferner beanspruchte sie die 
fortschreitende Befreiung der Arbeit und der Interessen , d. h. eben 
die Erweiterung der Concurrenz; allein in dieser witterte nun einmal 
der Staat umgekehrt die Symptome der Anarchie, und er wollte die 
Scylla wie die Charybdis vermeiden. Endlich aber bedarf die sociale 
Wohlfahrt auch der völkerrechtlichen Freiheit, ohne die sie sogar in 
letzter Auffassung unerreichbar ist. Denn die Entwicklung jedes 
Gesellschaftskörpers hängt ja von zweien Factoren ab, neben dem 
Innern auch von dem internationalen Verkehr. Ein wahrhaft freier 
Völkerverkehr ist aber nur auf der Grundlage eines freien und glei- 
chen Völkerrechts möglich. Dies führt uns zu dem letzten Gebiete 
über. 

Völkerrechtliche Situation. 
Der Absolutismus auf dem Boden des Völkerrechts, das univer- 
salstaatlicbe Trachten, war oder schien allerdings seit' Napoleons Sturz 
gebrochen. Aber das System der fünf Grossmächte, die nun statt 
seiner walteten und schachbrettartig die Gleichgewichtspolitik hand- 
habten , lastete w'ie ein Alp auf den klemeren , sch'wächeren oder 
zersplitterten Existenzen. Denn es machte die völkerrechtlichen Be- 
stimmungen von der Willkür, der Verträglichkeit und den Transac- 
tionen einer aristokratischen Minderzahl von Staaten abhängig, die 
gleich der politischen, religiösen und socialen Aristokratie auch ihrer- 
seits nur bedacht war , ihre Herrschaft im eigenen Sonderinteressc 
auszubeuten. Die gcsannnte Welt ihren Machtsprüehen zu unterwerfen 
gelang ihr freilich nicht. Der äusserste Osten Asiens entzog sich 
ihren Netzen , und der äusserste Westen , Amerika , warf dieselben 
über Bord. Anders in unsenn Welttheil. Wie ein regelmässiges 
Sternbild lag die Pentarchie über Europa ausgespannt. Im Nordosten 
des Fünfgestirns glänzte der kolossale Weltkörper Russlands , im 
Nordwesten fimkelte England, wähi-end Frankieich den Südwesten, 



— 82 — 

Oesterreich den Südosten überstrahlte. Mitten in dieser Gruppirung 
hatte sich als fünftes Gestirn Preussen erhoben, rings von jenen vier 
überlegenen Massen nmgeben und daher \on allen Vieren in entgegen- 
gesetzter Richtung nach den Gesetzen der Attraction angezogen. Kein 
Wunder, wenn die Bewegung des Mittelkörpers, die internationale 
Politik Preussens, die meisten ^Schwankungen offenbarte. 

Gegen das Regiment dieser völkerrechtlichen Aristokratie richtete 
sich nun der Freiheitstrieb der Völker mid Staaten. Die Nationen 
wollten sieh selbst regieren, nicht bevornimidet, sondern selbsständig, 
imabhängig und gleichberechtigt sein ; alle nationalen Existenzen an 
der Leitung der Weltpolitik , an der Bestimmimg des Völkerrechts 
theilnelnnen. Nur so hoffte man die Gefahren universalstaatlicher 
Gelüste auf immer beseitigen , die allgemeine Völkerfreiheit und damit 
den Weltfrieden herstellen zu können. Hieraus ei'wuchsen die man- 
nigfaltigen nationalen Einheitsbestrebungen. Denn in der Einigung 
suchte man die Stärke, imd in der Stärke die Bürgschaft der Sicher- 
heit und Freiheit. 

■In ihrer räumlichen Gliederung Avaren die Erscheinungen des 
völkerrechtlichen Lebens durch die allgemeinen Cultur- und Völker- 
schichtungen bedingt ; die Nationalitätsbestrebungen hingen auf das 
engste mit dem Racenkampf zusammen , der im Laufe der Jahrhun- 
derte die Grujjpirung und die gegenseitigen Verhältnisse der natio- 
nalen Existenzen bestimmt hatte. 

Der Kampf zwischen der romanische n und g e r m a n i s c h c n 
Nationalität schien nach Westen hin, zwischen Frankreich und Deutsch- 
land, seit dem Jahre 1815 im Wesentlichen ausgefochten zu sein; 
im Süden aber , auf dem Boden Italiens , war er noch völlig unge- 
löst geblieben. Frankreich gegenüber war das Germauenthum das 
gefährdete Element gewesen; Italien gegenüber blieb es das gefähr- 
dende , indem Oesterreich nicht nur die Lombardei unter seiner Herr- 
schaft festhielt, sondern noch weiter hinabzugreifen dem Anschein 
nach Verlangen trug. Im Norden bahnte sich gleicherweise ein 
neuer drohender Zwiespalt zwischen der normannischen und der 
germanischen Nationalität an , weil hier umgekehrt die deutschen 
Lande Schleswig-Holstein dem Naturrecht entgegen durch völkerrecht- 
liche Willkür fremder Botmässigkeit anheimgefallen Avaren. Aber das 
normannische Element erschien dennoch Vielen als das bedrohte, weil, 
wie in Italien zu natnr\vidrigen Ansprüclien, so hier zu naturgemässen 
die physische Ueberlegenheit des Germanenthums hinzutrat. Im Osten 
endlich regten sich die ersten Ahnungen und Anzeichen eines Welt- 
kampfes zwischen Slaven- und Germanenthum. Im Laufe des vorigen 



— 83 — 

Jahrluindeitö hatten .<ich beide Elemente \vecli.<el.'?eitig bedrängt ; Kuss- 
land hatte sich der ehemals deutschen Ostseeproviuzen bemächtigt, 
Deutscliland später eines Theiles von Polen. Im 19. dagegen war 
das germanische Element das ausschlies.slich und entschieden bedrohte ; 
Russland drang immer mächtiger vor , zog die Hauptmasse Polens an 
sich und spann die panslavistischen Tendenzen aus. 

Der Nerv dieser letzteren war freilich keine nationale , sondern 
eine politische Idee: sie wurzelten nicht in der Masse des Slaven- 
thums , da dieses von keiner Seite her in seiner Gcsammtexistenz sich 
gefährdet .sah und also auch nicht das Bedürfniss nationaler Einigung 
verspüren konnte ; sie waren vielmehr nur da.s künstliche Erzeugnis? 
der russischen Kabinetspolitik , die sich ihrer in herrschsüchtiger Ab- 
sicht und nicht ohne Erfolg bediente. Die slavischen Provinzen 
Deutschlands , Posen und Galizieu , schon an sich ein unsicheres 
Bcsitzthum, wurden durch den Panslavismus angelockt und erschienen 
nun vollends als die verwundbarste Stelle , als die Achillesferse am 
gennanischen Gliederbau. Ja selbst ältere ungermanische Bestand- 
theile Oesterreichs , das Czechenthum in Böhmen und das Mag}'aren- 
thum in Ungarn , wurden durch jene Anregungen auch von aussen 
her in Fluss und Gähnuig gebracht. Die Fugen des österreichischen 
Ländercuuiplexes wurden in eben dem Maasse lockerer, als sich in 
ihnen der russische Einfluss fester setzte. AVährend Frankreich aus 
seinen deutscheu Gebieten eine wesentliche Stärkung empfing , erlebte 
Deutschland das Schicksal, dass es diu'ch die Versetzimg mit fremden 
Elementen in seinem Wollen und Vermögen offenbar geschwächt wurde. 

Auf dieser allgemeinen Grundlage kamen die Nationalitätsbestre- 
bungen zur Erscheinung , indem sie überall auftauchten , wo es an 
nationaler Selbsständigkeit oder Einlieit gebracii : vorzugsweise in 
Deutschland, Italien, Polen und Ungarn. Sie alle wollten zu ihrer 
Sicherheit und Freiheit eine Stimme im Rathe der Völker haben , 
nicht länger den fünf Stimmen der Grossmächte , ihren CoUusionen 
oder Convenienzen sich fügen. Insbesondere rang Deutschland nach 
Einheit, um gegen den immer noch zweideutigen französischen 
Romanismus und vor allem gegen den offenbaren Andi-ang des rus- 
sischen Slavismus sich aufrecht erhalten zu können. Italien wollte 
sich zusanuTienfassen , um des österreichischen Andranges sich 
zu erwehren. Polen hatte nicht nur seine völkerrechtliche Selbst- 
ständigkeit, sondern sogar sein völkerrechtliches Dasein durch die 
CoUusionen dreier Grossmächte eingebüsst ; seine Erhebungen verfolg- 
ten daher den Zweck, zunächst auf irgend einem Punkte das völker- 
rechtliche Dasein wiederzugewinnen , in zweiter Linie aber durch 



— 84 — 

Wiedervereinigung seiner getrennten Crliedmaassen , Russland , Oester- 
reich und Preussen gegenüber die völkerrechtliche Unabhängigkeit und 
schliesslich die Gleichberechtigung zu erkämpfen. Aehnlicher Natur war 
das Ringen Ungarns : es rafifte alle seine Kräfte zunächst auf friedlichem 
Wege zusammen, um vorerst Oesterreich gegenüber sich zu einem selbst- 
ständigen staatlichen Dasein zu constituiren. Anderer nationaler Regun- 
gen, wie der Iren im brittischen Reich, der Basken in Spanien, wollen 
wir liier nicht weiter gedenken. Auch die Schweiz, in der sich verschie- 
dene Nationalitäten freiwillig zur Gemeinsamkeit verschwistert hatten , 
sann auf eine festere Bundesorganisatiou, weil die kantonale Lockerheit 
die Gesammtkraft lähmte und den spaltenden Einflüssen des Auslandes 
Millkommene Ritzen und Fugen bot. Das Schicksal Polens war eine 
unaufhörliclic Mahnung an die Völker, sich zu stählen imd auf ihrer 
Hut zu sein ; zugleich aber auch das böse Gewissen , das die aristo- 
ki-atische Gleichgewichtspolitik unwiderstehlich zu immer neuen inter- 
nationalen Gewaltthaten hinzutreiben schien, und damit zur Untei'grabung 
ihrer eigenen Herrschaft, zur Anbahnung einer völkerrechtlichen Re- 
volution. 

Die nationalen Einigungstriebe, Meil sie von den Gliedern ein 
Opfer an Befugnissen im Interesse des Ganzen heischten , erschienen 
als Centralisationsbestrebungen und daher als ein Widerspruch mit 
dem Freiheitstriebe , dem grundsätzlichen Förderer der Selbstregierung 
auch in den kleinsten Kreisen. Allein ist gleich die Centralisation 
niemals Zweck der Freiheit, so dient sie ihr doch bisweilen als 
Mittel: da nämlich, wo dem Ausland gegenüber die volle Selbststän- 
digkeit dem grösseren Kreise noch gebricht und nur durch Selbstbe- 
schränkung de)' kleineren, durch Vereinigung der Kräfte gewonnen 
werden kann. Zersplitterte und niedergehaltene Nationen , sowie lose 
Staatenbünde , durften daher , in voller Uebereinstimmung mit dem 
Begriffe der Freiheit, persönliche und politische Freiheitsopfer der 
Einzelnen und der Theile begehren : denn es galt , nicht eine Herr- 
schaft aufzurichten, sondern die höchste und unentbehrlichste Freiheit 
zu erringen , die Unabhängigkeit des Ganzen , die völkerrechtliche 
Emanoipation. Daher knüpften sich denn auch jederzeit die nationalen 
Einigungsversuche der Völker am leichtesten an die politischen Frei- 
heitsbestrebungen an , weil die Erfolge der eiuen mehr oder minder 
durch die der andern bedingt sind ; denn es ist ein verwandtes Streben, 
wenn die Völker nach \ölkerrechtlicher und die Bürger nach bürger- 
licher Grleichstellung tracliten. 

Den Nationalitätsbestrebungen gegenüber war begreiflicherweise 
die Staatenaristoki'atie ängstlich bedacht, r-ich aufrecht zu erhalten 



— 85 — 

iiiul ili'iiinai'li eitrig beflissen , die Regungen des völkerreehtliehen uder 
nationalen Freilieitstriebes überall zu unterdrücken. Zugleich aber 
regte .sich im Süllen wiederum von Osten her eine gcwissermassen 
reactionäre Tendenz. 

Der völkerrechtliche Absuhitismus, da.s univcrsalstaatliche Gelüste, 
durch liu.ssland vertreten , war nicht nur gegen die nationalen Frei- 
heitstriebe der Völker , sondern auch gegen den Bestand der Füuf- 
staatenherrschaft , und auf die Herstellung eines internationalen Mo- 
narchismus gerichtet. In Asien und au der Donau suchte Russland 
fort und fort , wie seinen Einfluss , so auch seine Herrschaft kunst- 
gerecht auszudehnen ; die Regenten von Oesterreich und Preussen 
betrachtete es schon als seine Satrapen, und durch ihre blinde Hin- 
gebung schien ihm vorläufig im Rathe der Grossmächte , in dem nur 
England die grundsätzliche Linke , Frankreich das wetterwendische 
Centrum bildete, die Majorität gesichert, bis die günstigen Augen- 
blicke da sein würden , um diesen Rath gewaltsam zu sprengen und 
die ganze Gleichgewichtspolitik zu seinen Gunsten über den Haufen 
zu werfen. Daher im Innern des russischen Reiches der Alles ver- 
schlingende militärische Organismus und die maasslose Centralisation , 
die hier eben nur ein Ällttel der Herrschaft sein, dem politischen wie 
dem internationalen Absolutismus dienen sollte. Die äusseren Mittel 
des letzteren waren : der Eroberungskrieg und die Intervention, die 
diplomatische Intrigue und der panslavistische Sirenengesang. 

Daneben blieb ihm , den Unabhängigkeitsbestrebuugen der Völker 
gegenüber, eine Reihe \on Kunstmitteln mit der Staaten aristokratie 
gemein ; namentlich die Begnadigung schwächerer Staaten mit dem 
Isolirungsrecht , mit Neutralitäts - und Integritätspatenten, mit Garan- 
tien und Protectoraten. Das Alles waren nur Danaergeschenke des 
universalstaatlichen Gelüstes und der aristokratischen Furcht. Denn 
ein Staat, der sich isoliren lässt, ist am wenigsten frei; zwar nicht 
von einem Einzigen , aber desto sicherer von einem Jeden abhängig. 
Man muss aber wohl unterscheiden zwischen der activen Neutralität, 
die ein staatliches Gemeinwesen als wohlerwogene Richtschnur seiner 
Politik sich selbst auferlegt , und der passiven , die es aus den Hän- 
den Anderer als angebliches Gut geschenkt erhält. Das Geschenk der 
Integrität, dessen sich die Pforte, das der Neutralität, dessen sich 
die Schweiz und Belgien scheinbar , d. h. in den Zeiten der Ruhe , 
zu erfreuen hatten, ist geeignet, eben weil es Vortheile imd Sicher- 
heit zu bieten scheint, einerseits Theilnahmlosigkeit an den Geschicken 
anderer Völker zu erziehen , andererseits einen unkriegerischen und 
sorglosen Sinn ; aber es wiegt überdiess bloss in Sicherheitsträume ein. 



— 86 — 

ohne wii-klicbe Sicherheit zu gewähren. Denn neutral sein heisst ftlr 
den schwachem Theil nur : Friedf haben , so lange kein Krieg her- 
einbricht; und der Integrität gemessen: ganz bleiben, bis man zer- 
rissen wird. Die Kraft beider Patente erlischt mit dem Augenblicke, 
wo man ihrer bedarf ; und nicht besser verhält es sich mit der Garantie 
und dem Protectorate. Die Schweiz wurde , trotz ihrer Neutralität, 
in die verderblichsten europäischen Kriege verwickelt. Von der Türkei 
sind , trotz ihrer Integintät , auf allen Seiten grosse Stücke abgebröckelt 
worden. Die Republik Krakau hatte alle fünf Grossmächte zu Ga- 
ranten und drei von ihnen zu Protect« «reu: mid dennoch ist sie unter 
den Augen der Einen und unter den Händen der Anderen spurlos 
verschwunden. 

So suchte auf alle Weise die uuiversalstaatliche Herrschgier und 
die aristokratische Eifersucht des Rathes der Grussmächte das Empor- 
kommen eines allgemeinen Rathes der Völker zu hintertreiben, oder 
die Verwirklichung der Völkersolidarität, die kein staatsrechtlicher, 
sondern ein völkerrechtlicher Begritl' ist. Denn es liegt nimmer in 
der Pflicht eines Volkes , sich in die inneren Angelegenheiten anderer 
Völker einzumischen und denen , die sich nicht selber helfen wollen , 
staatsrechtliche Freiheiten zu erkämpfen ; aber es liegt in dem eigen- 
sten Interesse jedes Volkes, für die Sicherheit der anderen nach aussen 
hin, für ihre völkerrechtliche Selbstständigkeit mit einzustehen. Wie man 
übrigens durch jene wohlfeilen und trügerischen Gnadeubezeugungen 
die Völker von einander zu trennen . ihre Interessen zu spalten bedacht 
war: so wusste man sich auch des ..Kosmopolitismus" als einer 
willkommenen Sehreckscheuche zu bedienen , um den völkerreclitlichen 
Freiheitstrieb vor seinem eigenen Extrem , vor der Auflösung in die 
eine imd untheilbare .. Allerweltsrepublik", erzittern zu machen, und 
dergestalt ihn um so sicherer zu übermaunen. 

Das war die Gliederung des Kampfes auf den verschiedenen 
Gebieten des Lebens, soweit sie dem einfachen Gegensatz des Frei- 
heits- luid des Herrschtriebes entspross. Aber es gab noch einen 
dritten Factor, der, weil er äusserlich an jenen, innerlich an diesen 
sich anschloss, thatsächlich ein Zwitter beider war. Diesem Zwitter- 
triebe der geschichtlichen Bewegmig wird unser Schlussartikel gewid- 
met sein. 



87 — 



Die Aufgabe der Zoologie. 

Von II. FUKV. 

I'2s ist Ulli t'igeiithümliehcr Gang gewesen, welchen der Aufbau 
der zoologischen Wissenscliaft im Laute der Zeiten, in der Aufein- 
anderfolge der Jalirhuuderte geuonmien hat. Bietet er auch in manclier 
Hinsicht Aehnliches und Verwandtes mit demjenigen dar, welchen 
die Pflanzenkunde erfuhr, so ist er Avieder unter gewissen Gesichts- 
punkten ein besonderer gewesen. 

Die Pflanzenwelt traf unser Geschlecht in den Anfangen seiner 
C'ultur in voller ungelichteter Massenhaftigkeit als etwas, ich möchte 
sagen, gleich bleibendes, ein für alle Mal gegebenes an. In dem 
Schutze, welchen sie unsern Urahnen verlieh, kam sie fast in eine 
Linie mit dem Boden, seineu Felsen, Höhlen etc. zu stehen. Aller- 
dings musste sie auf der andern Seite als dasjenige , was in 
wärmeren Regionen unmittelbar zur Nahrung dienen konnte , dem 
menschlichen Interesse schon näher treten. 

Anders war es mit dem Thierreiche, namentlich mit seinen 
grössern, entwickelteren Formen, vor allen Dingen den Vögeln und 
Säugern. Sie traten in ihrer beweglichen Lebhaftigkeit an den Men- 
schen unmittelbar viel näher heran , und mochten auch bei niedern 
Cultnrzuständen den Gedanken einer gewissen Verwandtschaft erwecken. 
Ihr Nutzen und ihr Schaden, und wohl dieser in erster Linie, musste 
die Aufmerksamkeit unserer schlecht gewatfneten Urahnen in noch 
erhöhtem Grade auf sie concentriren. 

So baute sich allmählig eine gewisse rohe Kenntniss der höheren 
Thicrformen schon in alten Tagen auf, anfänglich als Mittel, die 
nützlichen zu erkennen und die schädlichen zu vermeiden. Schon in 
jener ältesten rohesten Culturperiode der Jägervölker war eine Art 
zoologischen Wissens , welches sich nach einzelnen Gruppen de 
Thierreichs gewandt hatte , vorhanden. 

Wieder eine andere Kenntniss animaler Organismen, auf die 
Bewohner der Gewässer, vor allen die Fi-sche, gerichtet, musste bei 
Fischerei treibenden Stämmen , bei den Bewohnern der Küsten und 
Inseln sich entwickeln. 

Abennals erweckte die Zähmung und Zucht der liausthiere und 
namentlich der grösste Fortschritt des Culturlebens, der L'ebergang zum 
Ackerbau , Beobachtungen in andern Richtungen. 

Gewiss können wir uns diese Anfange der Thierkenntniss , wie 



sie sich in den grauen Nebel der Vorwelt verlieren, nicht roh, nicht 
unvollkommen genug vorstellen. Aber bei allen Mängeln hatten jene 
primitiven Zustände den grossen Vorzug, das Thier unmittelbar und 
vor Allem in seinen Sitten und Gewohnheiten zu beobachten , denn ja 
gerade diese mussten dem Jäger und Fischer wichtiger als alles 
Uebrige sein , da sie ihm die Erlegung des Thierkörpers ermöglichten. 

Beobachtend und beschreibend schufen in den gebildeten goldenen 
Tagen der antiken Welt griechische Naturforscher später die erste 
wissenschaftliche Thierkunde. In Aristoteles, dem Lehrer des mace- 
donischen Eroberers, — selbst einem der grössten Eroberer des Gei- 
stigen, welchen die Welt sali, — in Aristoteles erreicht die antike 
Zoologie ihre Höhe. Die römische Weltraonarchie brachte in Plinius 
den fleissigen, wenn auch nicht immer kritischen, Corapilator. 

Es ist begreiflich, dass der einmal geweckte wissenschaftliche 
Sinn bald über die nächsten Verwandten des Menschen hinausgegan- 
gen war, dass er auch andere entfernter stehende Thiere in den 
Kreis der Beobachtung gezogen hatte. Immer aber blieb ein grosser 
Theil derselben wenig bemerkt oder unbeachtet. Viele sind ja 
ohnehin von allzu kleinen Dimensionen , als dass sie das unbewaffnete 
Auge zu erkennen vermöchte. Jene Myriaden der Infusorien und 
verwandter Wasserbewohner, welche die Bewunderung der Gebildeten 
in unserer Zeit erweckten , als Ehrenberg in eigenthümlicher Meister- 
schaft ihre Gemälde entrollte, waren der alten Welt völlig unbekannt 
und wurden wohl in der zweiten Hälfte des 17ten Jahrhunderts zum 
ersten Male erblickt. Aber sehen wir auch von diesen Kleinsten ab, 
diejenigen Geschöpfe , welche man gegenwärtig mit dem Namen wir- 
belloser Thiere zusammenfasst , waren in alten Tagen Stiefkinder der 
Naturkunde. 

In dieser noch roheren Form und mit zahllosen Lücken der Beob- 
achtung sammelte sich der zoologische Stoff — und , was wir nicht ver- 
gessen dürfen, sammelte er sich von kleinem, beschränktem Areal 
entnommen. Drang auch mit den Eroberungszügen Alexander's, mit 
der Weltmonarchie der Römer die Wissenschaft vielfach in neue 
Ländermassen ein , so blieb immerhin die frühere Zoologie nicht viel 
mehr als die Kenntniss einiger Lokalfaunen, allerdings weiter, aus- 
gedehnter Landstriche. Grosse, gewaltige geographische Erwerbungen 
mussten in einer späteren Periode stattfinden, um der Thierkunde es zu er- 
möglichen, diesen lokalen Charakter mit dem allgemeinen zu vertauschen. 

Das Heer thierischer Formen ist ein ungeheures. Wer — mochte 
er sich dilettanteuhaft , mochte er sich in tieferer Weise mit dem 
Gegenstand beschäftigen — hätte es nicht oft mit einer gewissen 



— 89 — 

Tro.sflosigki'It pmpfimdeii ! — Wie überall , wo der Mensch .solcher 
Massenhaftigkeit, gegenüber stellt, musste von einer gewissen l^eriode 
an unausbleiblich das Bedürfniss einer Sichtung und Gniijpirung des 
Stoffes erwachen. Ist jenes ja doch auf einen Grundzng des mensch- 
lichen Geistes gegründet, der alle Handlungen unseres Geschlechtes 
durchzieht : überall im Materiellen wie im (ieistigcn Gesetz und 
Ordnung zu erkennen oder herzustellen. 

Heginnt auch jenes Streben des Ordnens — wir möchten sagen , 
vorgreifend dem liedürfniss — schon in früher Zeit mit kleinem Stoffe 
und in roher Form, von einer gewissen An.sammlung der Einzelheiten 
an wird es unausbleiblich und erscheint in ähnlicher Weise auch in 
den andern beschreibenden Naturwissenschaften; bestimmt, die Wis- 
senschaft aus einer Sammlung der Einzelbeobachtungen zur Erkenntniss 
höherer Ordnungen und zum Ahnen der Einheit zu führen. 

Dem achtzehnten Jahrhundert , jener so geisteskrcäftigen und 
humanen, freilich von ausgelebten Formen vielfach beengten Epoche 
war es vorbehalten , auch für das zoologische Material die ersten 
Formen der Eintheilung aufzufinden. 

Indessen war die ordnende Thätigkeit in unserer Disciplin an- 
fänglich weit entfernt, das letzte, höchste Ziel der Classification vor 
Augen zu haben; .sie verfolgte andere, und wir dürfen es, ohne 
ungerecht zu werden, geradezu aussprechen, niedere, mehr auf das 
Praktische gerichtete Zwecke. 

In einer gewiässen Periode befanden sich — sei der Vergleich 
gestattet — die Männer unseres Faches ungefähr in der Lage von 
Personen, denen eine überreiche Büchersammlung zu Theil geworden. 
Erstickt beinahe von der Masse der ungeordneten Haufen, mussten 
.sie gleich dem Bücherbesitzer vor allen Dingen daran denken , die 
Schätze zu ordnen zum übersichtlichen Verzeichnisse. 

Man hat eine gewisse Sorte von Systemen unserer Wissenschaft, 
wie sie ihren Höhepunkt in dem grossen Naturforscher des 18. Jahr- 
hunderts, in Carl von Linne finden, gut und treffend mit .solchen 
Catalogen grosser Bibliotheken verglichen. Einige glücklich verstan- 
dene, leicht zu erfassende Merkmale der Aussenfläche mussten zur 
Gruppirung verwandt werden, imgefahr wie der Titel der Bücher, um 
das Ganze zu ordnen und zu sichten. Dass man solche Systeme 
künstliche nennt, indem derartige Gruppirungen oft gezwungen und 
unnatürlich ausfallen , weiss gewiss ein Theil unserer Leser. 

Doch solches Ordnen sollte nur ein Mittel zum höheren Zwecke 
sein, ungefähr ebenso, wie das Catalogisireu der Bibliothek er.st die 
eigentliche Beuützmig vorbereitet und ermöglicht. 

Es hat allerdings eine Periode gegeben, wo man nahe daran 
war , hier und da diese Wahrheit zu vergessen. In die Fussstapfen 
des Meisters tretend, haben manche der Schüler und Nachfolger des 
grossen sclnvedischen Forschers, geleitet und verlockt von der Freude 
am glücklich hergestellten Cataloge, ihr ganzes Bestreben dahin ge- 
richtet, neue Glieder zwischen die vorhandenen einzuschieben, gleich 
dem Bücherbesitzer, welcher die Bibliothek auszubeuten verzichtet 
hat, und seine ganze Th.-itigkeit darauf verwendet, die Repusi- 

WlssenscliaftUche M^lll;ll^sclll•n"t. 7 



- 90 — 

torien auszufüllen, und in der Rulie eines Bibliophilen sich wohl 
befindet. 

Gewiss lässt sich gegen eine solche Thätigkeit, so nützlich und 
fruchtbringend sie für den Erben immerhin sein mag, vieles einwen- 
den. Eine höhere, wisssenschaftliche kann sie kaum genannt werden. 
Ein Naturforscher der Gegenwart sprach, gerade sie vor Augen habend, 
von „öden Registratoren der Wissenschaft". Dieser Vorwurf hat 
etwas Gegründetes, aber anch etwas Uebertriebenes. 

Gewiss ist es keine Freude für die verwöhnten Kinder der 
Gegenwart, in den Schriften des Fabricius und Anderer arbeiten 
zu müssen ; selbst — gestehen wir es aufrichtig — über die etwas 
trockene Behandlung des Linne haben wir wohl Alle im Stillen ein- 
mal geseufzt, wie vielleicht der angehende Jurist über den Pandecten. 
Eine gewisse Grabeshift weht uns ans diesen Schriften entgegen. 

Indessen Gesetzbücher, und das Linne'sche „ Systema naturse " 
war ein solches , pflegen eben nicht interessant zu sein. Mögen auch 
manche Naturforscher der Linn^'schen Schule in unvollständiger Erfas- 
sung des Meisters unter ausgestopften Vogelbälgen, angespiessten 
Insecten und leeren Muschelschalen sammelnd und ordnend ein ödes 
Stubenleben für das höchste Ziel der Naturforschung genommen haben, 
abgelöst von dem goldenen Baume des Lebens, der Beobachtung, des 
Lebendigen, so ging doch gerade aus der Linnt^'schen Zeit eine Zahl 
von Männern hervor, welche diese beobachtende Seite, diese Stärke 
unserer Wissenschaft in den Tagen des Aristoteles, Avohl erfassten 
und, theils in frommer, kindlicher Weise der Vorfahren, theils in 
jenem kühnen, revolutionären Sinne der zweiten Hälfte des 18. Jahr- 
hunderts, zur Beobachtung, und zu dieser vor allen Dingen, zurück- 
kehrten. Sehen v/ir ab von den Namen so mancher Reisenden, von den 
Schülern Linnes, z. B. einem Forskai, Thunberg imd Sparrniann, 
welche In fernen Ländern ein aufzelirendes, mühevolles und oft ge- 
fährliches Naturforscherleben führten, wie viel Schönes an Beobachtun- 
gen enthalten nicht die Werke Rösel's, Reaumur's auf der einen, 
und Buffon's auf der anderen Seite! Letzterer, als das Ziel weit 
überschreitender Reactionär gegen Linne, kommt freilich dahin, der 
Classification überhaupt den Krieg zu erklären. 

Wiederum können wir, beengt von den Sehranken des kleinen 
Aufsatzes, nur andeuten, wie mit dem Wendepunkt des Jahrhunderts 
in Geurg von Cuvier, dem Aristoteles der Neuzeit, eine andere, 
höhere Seite der Forschung sich anbahnte und zugleich realisirt wurde. 
Ihm, welcher die Vorzüge deutscher und französischer Bildung in sich 
vereinigte, welcher unter Napoleon's angestrebter Universalmonarchie 
eine Stellung fand, so grossartig wie kein Naturforscher vor ihm sie 
besessen hatte; ihm war es vergönnt, der Begründer einer neuen 
Aera in unserer Disciplin zu werden. 

Cuvier i.st der Schöpfer des sogenannten natürlichen Systemes. 

Es ist ziemlich leicht, verständlich zu macheu, was man darunter 
versteht. 

Während Linn^ und seine Nachfolger den einfHcheii Catalug der 
Thierwelt herzustellen strebten, und vor allen Dingen in den wirren 



— 91 — 

Haufen Ordnung und Ucbersicht brachten, ringt das natürliche System 
nach einem anderen höheren Ziele. Nicht mehr die pralttische Brauch- 
barkeit der Einthcilung, die leichte, handliche Benützung des Cata- 
logcs wird als Hauptzweck angestrebt, es gilt vielmehr die Einsicht 
in die Bedeutung der thierischen Formen zu gewinnen; einzusehen, 
nicht mehr allein wie ein Thier äusserlich beschaffen ist, an welchen 
äusserlichen Merkmalen es erkannt werden kann, sondern was es ist, 
welche naturgemässc Stelle es in seiner Totalität in dem Ilecrc thie- 
rischer Formen einnimmt. Denn das natürliche Sy.stem geht darauf aus, 
das Thier zu begreifen, indem es sich bemüht aufzufinden, welche 
Idee der Schöpfung es realisirt , was es bedeutet. 

Ist auch hier, wie sonst im Leben, dafür gesorgt, dass „die Bäume 
nicht in den Himmel wachsen", so hat der Baum unserer Wissenschaft 
seit noch nicht zwei Menschcnaltern immerhin ein kräftiges, bedeu- 
tendes Wachsthum erfahren und verspricht in der Folge in langsamer, 
stetiger Vergrösserung zur stattlichen , ausdauernden Eiche zu werden , 
welche, wenigstens in ihren Wipfeln, hoch den Boden überragt. 

Absichtlich gebrauchten wir so eben das Wort : „in langsamer 
Vergrösserung". Denn das natürliche System lässt sich eben , da es das 
Thier unter den verschiedenartigsten Gesichtspunkten zu betrachten 
hat, da es auf Alles Rücksicht nehmen muss, nur mühsam und .schritt- 
weise der künftigen Vollendung entgegenführen. 

Das künstliche Sy.stem dagegen, indem es die Aussenfläche in 
einigen Merkmalen beobachtete, konnte rasch in den Hauptzügen von 
glücklicher Hand entworfen werden. 

Diese Aussenfläche sinkt vor dem Bestreben, natürliche Einthei- 
luugen zu finden, zu einer gewissen Unbedeutendheit herab, sie wird 
häufig sogar zu etwas Gleichgültigem. Der ganze anatomische Bau. 
die innere Organisation muss die Basis der neuen Einthcilung bilden. 
Nur nach einer gründlichen Kenntniss jener und von ihr auf jedem 
Schritte geleitet, können diese haltbareren Theilungslinien gezogen 
werden. Wir sehen desshalb , dass Cuvier, seine grosse wissenschaft- 
liche That, das natürliche System vorbereitend, erst zum Gründer der 
vergleichenden Anatomie wird, d.h. der Disciplin , welche den 
Bau thierischer Organismen untersucht und an demjenigen der Ver- 
wandten prüft. 

Aber nicht allein auf diesem Wege, wenn er auch, wie wir 
gerne zugeben, der wichtigste von allen ist, baut sich das System 
auf. Nicht bloss die Kenntniss des reifen, fertigen Thieres kann die 
Erreichung des vorgesteckten Zieles ermöglichen. Auch jene Zustände, 
in welchen es in früherer Lebenszeit sich befand, der Bau, den es 
damals besass, müssen erforscht werden, denn es handelt sich ja im 
natürlichen Systeme um das ganze Thier. Sind nun auch diese frü- 
heren Zustände der Unreife bei den höchsten Organismen von kür- 
zerer Dauer, bilden sie nur ein kleines Bruchthcil der Existenz, so 
wird es bei einfachem, oder wie man nicht ganz j)assend sagt, bei 
niederen Thieren vielfach anders; der Zustand der L^nreife füllt den 
grösseren Theil des Lebens aus, die Reife geht mit iiirer kurzen 
Dauer dem Tode vorher. 



— 02 — 

Es ist eine bt'kauiUc Sache, dass clor tliicrisclic Urgaiilsinus , von 
dem Momente seiner ersten Anlage bis zur Periode der Keife, viel- 
fach , sowohl im Ganzen als in seinen Theilen sich ändert. Die 
Natnr erbaut ihn — um uns populär auszudrücken , möchten wir 
beinahe sagen — nicht das erste Mal in jener Form, welche er 
in der Bliithezeit besitzt, etwa nur kleiner, um ihn vielleicht durch 
gleichniässigc Vergrösserung aller Tlieile der späteren grösseren Mas- 
senhaf'tigkcit entgegenzuführen. Im Gegentheile construirt sie ihn 
anfänglich anders, baut ihn durch allmählige Einfügung neuer und 
vorsichtige Wegnahme anderer Theilc zu etwas Anderem um, und 
ändert ihn so mehrfach bis zur vollendeten Form. 

Jene Prozesse des Aufbaues und der Umwandlung des Thierkör- 
per.s , wie sie uns zunächst in ihren stofflichen Resultaten in dem 
inomentanen körperlichen Bau erscheinen, sind Gegenstände einer be- 
sondern neuen wissenschaftlichen Disciplin, der Entwicklungsge- 
schichte geworden, welche spätem Ursprungs als die vergleichende 
Anatomie ist. Ihr Werth für die natürliche Systematik ist ein sehr 
bedeutender. Man darf es geradezu ansprechen, die Entwicklungs- 
geschichte lässt uns den tiefsten Blick in die Bedeutung des thierischen 
Baues werfen, wie sie vielfach auch von practischer Wichtigkeit ist. 

Schon die ersten Arbeiten in dem Gebiete jener zeigten, dass 
dieses Aufbauen und Einreissen des animalen Organismus kein zu- 
fälliges, regelloses ist, dass vielmehr hier bei verwandten Thieren in 
ähnlicher Weise die Vorgänge ablaufen. 

Diese Aehnlichkeit ist gerade in den frühesten Zeiten am stärk- 
sten ausgesprochen und oft zur völligen Uebereinstimminig entwickelt. 
Erst in den späteren Perioden kommen zwischen verwandten Geschöpfen 
grössere spezitische Diflferenzen v'or, wird oft ein Thcil oder mehrere 
Organe, ja selbst die ganze Form bei den Gliedern einer grösseren 
Thiergruppe verschiedener oder auch \öllig anders. Die Thiere einer 
Abtheilung erscheinen daher um so gleichartiger, je jünger, je unent- 
wickelter sie sind, um so unähnlicher, je älter sie geworden. Doch 
linden sich auch hier mancherlei Ausnahmen. 

Es mag einer späteren Physiologie, \ielleicht derjenigen kommen- 
der Jahrhunderte, vorbehalten bleiben, nachzmveisen durch welche 
einfachen Prozesse der vorhandenen und hinzutretenden Massenthelle 
dieses anatomische Grundgesetz, diese Architektonik des Organischen 
hergestellt wird. Gewiss wird eine solche ,.Physiologie der Plastik", 
wie man sie schön genannt hat , erst nach langer Zeit mit einem 
unendlich erweiterten Wissen möglich werden. 

Vorläufig, den Prozess der Realisirung nicht kennend, nehmen 
wir diese Gesetzmässigkeit des Aufbaues als etwas Gegebenes an 
und bedienen uns ihrer vielfach, um thierische Formen im Ganzen, 
wie im Einzelnen — in den Theilen — zu verstehen. 

Zwei Beispiele mögen genügen I Wir treffen bei verwandten 
Geschöpfen im Zustande der Reife an gleichen Stellen gewöhnlich 
sehr ähnliche Theile an; in andern Fällen aber entstehen statt ihi-er 
Gebilde , völlig anders in Form und Struktur. Der Anatom mag sie 
noch so sorgfältig zergliedern, ihr Gefüge noch so eifrig verfolgen, 



— 93 — 

gewiss wird er uiclit selten über ilire aiiatuiniselic Bedeiitiiiig im 
Unklaren bleiben. Gelingt es ihm dagegen, an der Hand der Ent- 
wicklnngsgeschiclite den räthselhaften Theil zu immer früheren Le- 
bcnszuständcn herab zu verfolgen , so wird er ihn anders und dem 
Organe eines verwandten Geschöpfes immer ähnlicher werden sehen , 
bis er zuletzt zur anatomischen Identität mit diesem gelangt. Das 
Verständniss, was der Theil, wird hiermit erlangt sein ; er ist eben nur 
ein längst bekanntes Gebilde verwandter Thiere, hier durch in eigcnthiim- 
licher abweichender Art verlaufende Bildungsvorgänge anders gestaltet. 

Mau kann es darum geradezu aussprechen, an der Hand der Ent- 
wicklungsgeschichte erfahren wir, dass in der Thierwclt gewisse Grund- 
pläne des Aufbaues der Organismen vorkommen, in einer Unzahl 
einzelner Formen auf das Mannigfach^^te realisirt. Alle die einzelneu 
Glieder einer solchen grossen Yerwandtschaftsgruppc, eines Thicr- 
kreises oder Thiertypus, wie die Eachniänner zu sagen pflegen, 
— alle sind Variationen eines und desselben architectonischen Thema's. 

So werden die Resultate der thierischen Anatomie, gewürdigt und 
beleuchtet von der Entwicklungsgeschichte, erst in ihrer sollen wis- 
senschaftlichen Bedeutung heraustreten und sich mit den Ergebnissen 
letzterer Discipliu zur harmonischeu Einheit verbinden. Diese so ge- 
läuterte Zergliederung der Organismen ergibt eine Anatomie in zweiter 
I'otenz, die Gestaltenlehre oder Morphologie. 

Indessen die Entwicklungsgeschichte hat neben dieser i-ein wissen- 
.-chali liehen Bedeutung noch eine andere mehr praktischer Natur für 
das zoologische Studium. 

Wir bemerkten schon früher , dass die embryonalen Zustände bei 
den höheren Geschöpfen rasch verlaufen, indem das Thier den gröss- 
ten Theil seines Lebens im Zustande der Reife zu verbringen pflegt. 
Es ist darum kaum möglich, jene Anfangsperioden des Lebens zu 
verkennen. Anders aber wird es bei vielen niedern animalen Orga- 
nismen. Der Zustand der Unreife nimmt den grössten Theil des 
Lebens in Anspruch. In diesen embryonalen niedern Perioden erfreut 
sich das Thier schon einer Selbsständigkeif , oft sogar einer grossem 
als in späterer Zeit. Höchst verschieden fällt in diesen einzelnen 
Zeiten häufig die Lebensweise aus. So kann es anfanglich einem 
Thiere vorgezeichnet sein , in freier Ortsbewegung schwimmend im 
Wasser, sei es dem ungesalzenen, sei es dem Meere, \ orzukommen , 
während die sjiätere Lebenszeit uns ein Geschöpf zeigt, welches, im 
Innern eines andern Thierleibes ein schmarotzendes, stumpfsinniges, 
unbewegliches Leben führt. Wir begreifen , dass bei solcher Aen- 
derung der Lebensweise auch am Thierkörper für diesen Zweck 
Manches anders werden muss. So bedarf in der frühereu Periode das 
Geschöpf gewisser Schwinunapparate, welche später überflüssig werden 
und zu Grunde gehen. — Frei uniherschwiramcnde Wasserbewohner, 
wenn sie anders nicht zu den einfachsten Geschöpfen gehören, haben 
gewöhnlich Sehwerkzeuge. Einem in den dunkeln Höhlungen eines 
fremden Thierkörpers hausenden Parasiten sind jene Werkzeuge über- 
flüssig. So gehen bei dem Uebergange zur schmarotzenden Existenz 
beiderlei Organe, Öchwimmapparatc und Augen, zu Grunde, als uu- 



— 94 — 

nöthig gewordene Theile. Die von manchen Seiten in unverständiger 
Weise so geschmähte teleologische Betrachtung macht uns in der 
Evolutionslehre Vieles verständlicli. 

Während man allgemein zu glauben geneigt sein dürfte , dass 
die Entwicklung immer von niederen, einfaclien Formen den Organis- 
mus heraufführe zu immer vollendeterer Gestaltung, haben Beobach- 
tungen der neueren Periode gelehrt , dass dieses , wenn auch die 
Regel bildend, doch keineswegs überall vorkommt. Neben jenem auf- 
steigenden Entwicklungsgang haben wir einen absteigenden, neben der 
progressiven eine regressive Metamorphose kennen gelernt. 

Jene manchfachen Umänderungen des thierischen Körpers bei 
einer beträchtlichen Dauer, einer gewissen Permanenz dieser früheren 
Lebensperioden sind nun in unserer AVissenschaft zu Quellen zahl- 
reicher Irrthümer geworden. Man nahm das Geschöpf in seiner frühe- 
ren Lebenszeit für ein besonderes thierisches Wesen, eine eigene Art 
im Sprachgebranch der Zoologie, man stellte dann aus der vollendeten, 
späteren Fonn eine zweite Species auf. Erst die Kenntniss des Ent- 
wicklungsganges schaffte hier Licht. So sind nicht allein zahlreiche 
Arten, welche eine frühere Zeit schuf, als Larven aus dem Systeme 
versch^nmden, es raussten ganze Familien und Ordnungen ausfallen, 
welche unseren Vorfahren für selbsständige Wesen galten , wäh- 
rend sie für uns zu Durchgangsformen anderer Geschöpfe herabge- 
sunken sind. — Es gibt gewisse Gruppen des Thierreiches , so para- 
doxe, Avundei-liche Gestalten beherbergend, dass sie den Systematiker 
von jeher in die grösste Veilegenheit brachten, indem sie zu keiner 
Abtheilung der Thierwelt recht passen wollten und desshalb ihre Stelle 
im zoologischen Register beständig änderten. Auch hier hat die Entwick- 
lungsgeschichte Licht herbeigeführt, indem sie in den frühesten Zeiten 
dieser Thiere einen bekannten anatomischen Grundplan erkennen Hess, 
der später nur in eigenthümlicher Weise umgeändert Avurde und darum 
über die wahre systematische Stellung in Verlegenheit führen musste. 

So hat die Entwicklungsgeschiclite grosse, nachhaltige Revolutionen 
in dem ordnenden Theile unserer Wissenschaft herbeigefühi't, wie sie 
uns — wir wiederholen es nochmals — auf der anderen Seite den 
tiefsten Blick in die Bedeutung thierischer Formen vergönnte. 

Haben wir so allmählich im körperlichen Gefüge das Thier von 
den Anfangen seiner Existenz bis zu den letzten Tagen seines Lebens 
kennen gelernt, so drängt sich endlich die physiologische Seite der 
Forschung naturgemäss in den Vordergrund ; das Bestreben den so 
gewonnenen anatomischen Bau physiologisch zu verwerthen , zu be- 
greifen, was die einzelnen Theile sollen, welche Rolle sie in dem 
Gange der thierischen Maschine erfüllen ; welche Rolle die einzelneu 
Thierformen in dem grossen Haushalte der Natur erfüllen. 

Wir halten die Begründung und Ausführung dieser vergleichen- 
den Physiologie für die Schlussaufgabe der zoologischen Wissen- 
schaft. Kaum aber sind in der Gegenwart mehr als die Anfänge des 
Anfangs vorhanden. Es liegen zur Zeit erst vereinzelte Bausteine zu 
dem künftigen Gebäude in spärlicher Armnth vor. 

Es wird sich in der Folge zunächst darum handeln, die einzelnen 



- 95 — 

Arten, oder bei ihrer Aehnlichkeit wenigstens die einzelnen Gattung 
(Crenera) in dem pliysiologisciien Verhalten ihrer Theile, wie des 
(lanzens zu crfur.schen , also beispielswei.-e ihre l^rnäiirinigöweise, ihren 
StuiVworhscl, ihre Nerven- und Sinncsthätigkeit zu vcrfulgen, die Fort- 
ptlanzungsverhältnisse zu untersuchen. 

Wie die anatomisihe Erkenntuiss der einzelnen Formen zu ver- 
gleichenden Betrachtungen führen , zum Taxiren eines Baues mit einem 
verwandten anderen, wird es auch in diesen physiologischen Studien 
geschehen müssen ; aus den Einzeln-Physiologien wird die vergleichende 
Physiologie sich hervorbilden, welche erst die wahre wissenschaftliche 
Physiologie wird, zu der sich unsere jetzige eben so verhält, wie die 
gewühnliehe descriptive menschliche Anatomie zur Morphologie. 

Allerdings wissen wir, dass wir hiermit einen schlüpfrigen, glatten 
Boden betreten. Sind doch manche tüchtige, achtbare Forscher im phy- 
siologischen Gebiete zu geschworenen Feinden und Verächtern jeder 
anatomischen , morphologischen Ausbildung geworden , blicken sie doch 
mit mitleidigem Hohne in beschränkter Selbstgefälligkeit auf Jeden, wel- 
cher die Berechtigung derartiger Studien festhält, welcher glaubt, das.s 
in der Folge das physiuloglsche Studium über Frösche, Hunde imd Katzen 
hinaus zu gehen habe, dass es nicht das Ziel der physiologischen Wissen- 
schaft sein könne, nur das Thier als Hülfsmittel der menschlichen Physio- 
logie zu betrachten, um endlich den physiologisch erkannten Menschen- 
leib dem l'atholugeu zu präsentiren.*i Weit entfernt, diese Wendung 
zu nehmen, werden konnncnde Zeiten die pliy.-^iolngisch erkannten 
Körper zu einer allgemeinen Physiologie des thierischen Lebens ver- 
knüpfen, und sehen, wie nur ein kleiner Theil jener zahllosen Prozesse, 
welche in dem füllereichen Leben der Thierwelt vorkommen, im mensch- 
lichen Körper und dem der Wirbelthiere überhaupt realisirt sind. 

Diese allgemeine Lcbenslehre, welche in letzter Instanz Prozess 
und Bau zur harmonischen Einheit verknüpfen muss , indem sie die 
JMiysiolugie durch die Morphologie und diese wieder durch jene er- 
klärt, wird nun wiederum das lebende Thier unter allen möglichen 
Gesichtspunkten zu tmtersuchen haben. 

Experimentelle Arbeiten über die einzelnen Organe und Prozesse 
der Spezies werden den Ausgangspunkt bilden müssen, wie die ana- 
tomische Zergliederung für eine frühere Periode. Sitten, Lebensarten, 
räumliche Verbreitung über die Erdoberfläche kommen gleichfalls in 
Betracht. Sind auch gegenwärtig nur halb- oder unverständliche Re- 
sultate in letzteren Gebieten zu erhalten, welche erst vor der Physio- 
logie der Zukunft ihr Verständuiss tinden mögen, — immerhin sind 
diese Richtungen des zoologischen Studiums von grossem Werthe, 
indem auch hier, ähnlich wie in der Medizin, eine stati.stische Methode 
ihre hohe Bedeutung hat, obgleich wir vielleicht den Louis imseres 
Faches noch nicht besitzen. 

Die Verfolgmg der einzelneu Thierformen ül)er die Erdoberfläche, 



*) Da es manchmal gut ist. auf Autoritäten zu verweisen, mochten wir an 
iliii grösstcn Physiologen unseres Jahrhunderts, an Joh. ilUUer erinnern, dessen 
Werk noch zu einer Zeit gekannt sein wird, wo manche Modehelden des Tages 
der Vergessenheit anheim gefallen sein werden. 



— y(i — 

der Nachweis der klimatischen Verhältnisse, der Temperatur, der Ve- 
getationen, der Höhen Verbreitung etc. etc., in welcher die einzelne 
Art und die Gattung zu leben vermag, bildet einen der anziehendsten 
Theile unseres Faches. Lokaltaunen bilden hier die erste Unterlage. 
Es i.st ein bedeutungsvolles Moment, dass gerade auch hier Linn^ in 
seiner Fauna Schwedens als leuchtendes Vorbild voranging. Ver- 
gleichende fannistische Studien werden sich anschliessen. Die Ver- 
breitnngsbezirke der Gruppen werden sich alsdann herausstellen. Auch 
jene mehr iisthetisclic Betrachtung der Natur, welche uns mitten in 
den Spezialstudien fast verloren ging und neuerdings von llumbold 
in strahlender Weise wieder in die Erinnerung der Menschen zurück- 
geführt wurde, — auch sie wird gerade durch diese Richtung der 
Studien wieder emporblühen ; neben dem butanischen Charakter, welcher 
die Landschaft bestimmt, wird der zoologische, welcher sie belebt und 
bevölkert, sich mehr und mehr herausstellen. 

In gewisser Hinsicht möchten wir auch in dieser lllchtuiig des 
paläozoologischcn Studiums gedenken. 

Unstreitig hat die Ermittelung und Untersuchung der Thierreste, 
welche als Zeugnisse vergangener Bolebungsperioden unseres Planeten 
in seinen neptunischen Schichten eingeschlossen sind , zunächst ein 
geographisches Interesse, indem sie den thierischen Catalog ven'oU- 
ständlgt, zahlreiche neue Glieder den gegenwärtig vorhandenen zufügt. 

Andererseits wird sie tief in die Ausarbeitung einer konuneuden 
allgemeinen Ph3^siologie eingreifen. Es wird sich darum handeln, die 
damaligen Lebensbedingungen der thierischen Formen zu ergründen 
und erschliessen, anszumlttcln, unter welchen Verhältnissen die Geschöpfe 
dieser Epochen existirten, warum ganze Gruppen in früheren Schö- 
pfungen fehlten , warum jenes bekannte successive Aufsteigen von 
niederen Gestalten zu höheren durch die Reihenfolge der Schöpfungen 
statt fand und anderes mehr. Nicht minder auftallend und bedeutung.s- 
voU ist das Zugrnndegehen ganzer Abtheilungen in früheren Perioden, 
das Aussterbenwollen mancher Abtheilungen in der jetzigen Welt. Denn 
nicht allein in der Menschheit vergehen die Individuen und Ge- 
schlechter und erlöschen die Nationen ; Im Heere der Thierwelt finden 
wir das Gleiche. 

Gedanken über die Verbreitung der Seuchen. 

Von Dr. MEVKR-AHRENS. 

Es ist eine merkwürdige Erscheinung, dass neuauftretende Seuchen oft län- 
gere Zeit bedürfen , bis sie sich in einem bestimmten Landesbezirk geltend 
/u machen vermögen. Es geht hier im Grossen, wie im Kleinen beim einzelnen 
Individuum. Es ist selten, dass Jemand, der sich der Ansteckung durch 
iigend ein Contagium oder ein Miasma ausgesetzt hat, sogleich an der ent- 
sprechenden Krankheit erkrankt; fast immer vergeht von dem Augenblick an. 
wo die wirkliche Ansteckung statt fand, bis zum Augenblicke, wo die ent- 
sprechende Krankheit in die Erscheinung tritt, eine Zeit, die man das Incuba- 
tionsstadium nennt. Ebenso ist es im Grossen : es ist . wie wenn einzelne 
Provinzen . einzelne Orte auch ein Brütunarsstadium durchmachen müsstt-u . be- 



— 97 — 

vor der Kraiikheitsstoff , sei er nun ein Coiitagium oder ein Miasma, die Körper 
der Bewohner so vorbereitet findet , dass er dir durch ihn in denselben gesetzte 
Disposition zur Erkrankung zur wirkliclien Kranldieit zu entwickeln vermag. Würde 
immer nachgewiesen werden können , dass eine solche Seuche sich längs bestimm- 
ter Verkelirswege verbreite , dass sie — wenn auch während einer Reihe von 
Jahren — in einer bestimmten geographischen Richtung von Ort zu Ort fort- 
krieche, so wäre das Räthsel, warum einzelne Gegenden oft so lange verschont 
bleiben, leichter zu erklären. Für's Erste wäre es dann unzweifelhaft, dass die 
Seuche sich durch ein an Gegenständen haftendes Contagiura verbreite , und 
man niiisste dann annehmen , dass entweder dieses Contagium zufällig erst zu 
der Zeit , wo die Seuche an einem Orte ausbrach , dahin verschleppt worden 
sei, oder dass — da wenigstens heutzutage der Verkehr ein so allgemeiner und 
durchgreifender ist , dass es rein unbegreiflich wäre , warum an so manche Orte 
das Contagium der grossen Seuche , die uns aus Asien gesendet worden ist , noch 
nicht oder erst so spät gebracht worden sein sollte — erst eine gewisse Summe oder 
Dosis von Contagium an einem Orte sich anhäufen müsse, bis es stark genug sei, 
die Vergiftung zu wege zu bringen. Aber die Seuchen , die ich hier zunächst im 
Auge habe, Cholera asiatica und englischer Schweiss, verbreiten sich in der Regel 
und wesentlich nichts weniger als auf die genannte Art, sie kriechen in der Regel 
nicht von Ort zu Ort , sondern befallen häutig fast im selben Momente die von ein- 
ander entferntesten Punkte, indem sie manche dazwischen liegende Punkte, die 
mit den befallenen im regsten Verkehre stehen, überspringen. Manchmal mag 
dieses Ueberspringen darin schien Grund haben, dass die dazwischen liegenden 
Punkte kurz vorher schon durchgeseucht worden waren und nun wenig empfängliche 
Individuen mehr darbieten, oft aber sind es Punkte, die gar nie von der Seuche 
befallen worden waren. Hier können wir uns den Vorgang nur so erklären, dass 
wir annehmen, die Seuche verbreite sich in der Regel und wesentlich durch ein 
sogenanntes Miasma, d. h. es entwickle sich entweder zu gewissen Zeiten in der 
Luft ein Stoff, dessen Einwirkung zwar alle Individuen offenstehen , ausgesetzt 
seien , der aber nur dann erst krankheitmachend wirken könne , wenn ein Indi- 
viduum die hiezu nöthige Disposition oder wenn der Stoff die für ein Individuum 
nöthigc Intensität erreicht habe, und die Differenzen in Bezug auf die Zeit des 
Ausbruches an verschiedenen Orten und bei verschiedenen Individuen hängen 
von der Zeit ab , zu welcher jene Empfänglichkeit und diese Intensität sich 
entwickelt haben , oder aber wir müssen annehmen , es gebe uns Ihrem Wesen, 
d.h. ihrer Combination nach, unbekannte Complexe von kosmischen Einflüssen, 
die , sobald sie in derselben Form hergestellt seien . ihrer Combination entspre- 
chende Krankheitsfornien hervorrufen, und der Ausbruch einer Seuche an einem 
Orte hänge dann von der Zeit der Herstellung der fraglichen Complexe, die 
Zeit des Ausbruches bei den einzelnen Individuen von der relativ grösseren oder 
geringeren Empfängliclikeit derselben ab , oder aber endlich wir könnten auch 
annehmen , dass durch gewisse Complexe kosmischer Influenzen die Bildung so- 
genannter Miasmen bedingt werde, die dann erst die ihnen entsprechende Krank- 
heit erzeugen. Dafür, dass bestimmte Complexe kosmischer Einflüsse die Ver- 
breitung der Seuchen bedingen, sprechen die Thatsachen, dass gewisse seuchen- 
artige Krankheiten , z. B. die Pocken , Masern , der Keuchhusten , die Catarrh- 
formen . ihre besthnmte Jahreszeit haben , in der sie in der Regel aufzutreten 
pflegen. Die Zeit der Entwicklung der in Rede stehenden Complexe kos- 
mischer Influenzen an einem Orte würde natürlich wesentlich durch sein 

Wissenschaftliche Monatsschrift. 7 



— 98 — 

Clima im weitesten Sinne bedingt werden müssen , und das Räthsel des Ver- 
breitungspvinzipes der Seuchen müsste durch Vergleichung der mittleren Climata 
der Orte mit der Zeit, zu welcher eine bestimmte Seuche in denselben auf- 
zutreten pflegt, gelöst werden. So sehr ich nun aber meinerseits überzeugt bin, 
dass in den erwähnten kosmischen Complexen, deren Wesen freilich sehr schwer 
zu erforschen ist, das ganze Geheimniss der Verbreitung der Seuchen im Grossen 
liegt, so kann ich doch keineswegs leugnen, dass es Thatsachen gibt, die eine 
jeweilige Verbreitung der Seuchen von Ort zu Ort, von Lokalität zu Lokalität klar 
beweisen. Die Geschichte der Verbreitung der Cholera weist genug solche That- 
sachen auf. Allein die eine Verbreitungsweise schliesst die andere nicht absolut 
aus. Es ist nämlich sehr leicht zu begreifen, dass wenn einmal in Folge der erwähn- 
ten kosmischen Einflüsse die Epidemie an einem Orte sich zu entwickeln begonnen 
hat, die einzelnen von ihr ergriffenen Individuen dann ein Contagium entwickeln 
können , das je nach der Art der Seuche an diese oder jene Auswurfsstolfe ge- 
bunden , oder auch in der Atmosphäre auflöslich , suspendirbar , flüchtiger oder 
fixer und geeignet sein kann, die J'^pidemie namentlich in einzelnen Lokalitäten 
oder Ortschaften weiter zu verbreiten. Es ist sogar wohl möglich, dass manches 
Individuum, das den kosmischen Einflüssen widerstanden haben würde, diesem 
Contagium nicht mehr zu widerstehen vermag. Icli bin daher der ileinung, 
dass sich beide Momente combiniren, dass letzteres jedoch dem ersteren so 
untergeordnet ist, dass dieses, das kosmische Moment, das leitende, die Epidemie 
im Grossen verbreitende Moment ist, und dass, wo dieses zurücktritt, d. h. wo 
entweder eine Schwächung in der Intensität der Einwirkung der eigenthümlichen 
kosmischen Complexe oder eine gänzliche Umwandlung in denselben eintritt, die 
Epidemie allmälig erlischt, und höchstens noch durch das zweite Moment, das 
Contagium , die Krankheit eine Zeit lang so weit erhalten wird , dass sie noch 
in einzelnen oder vereinzelten Fällen ihr Dasein verräth : — diese Fälle könnte 
man dann sporadische nennen, wenn man gewiss wäre, dass sie eben nur durch 
Contagion erzeugte Fälle wären. Dagegen ist es meiner Ansicht nach nicht 
wissenschaftlich, wenn man alle die weniger zahlreichen Fälle, welche, wenn 
eine Seuche em grosses Land , wie Europa , durchzieht , beim Beginn der Orts- 
epidemien auftreten, sporadische nennt, insofern wenigstens ihre Entstehung 
durch Ansteckung nicht ganz bestimmt nachgewiesen werden kann, da sie durch- 
aus der ganzen grossen Epidemie angehören , nur Bruchtheile derselben sein 
können und wahrscheinlich auch sind. 

Man sollte nun freilich, wenn die Verbreitung der Seuchen im Grossen 
durch kosmische Complexe oder durch sie erzeugte Miasmen angenommen wird, 
glaxiben, dass Orte, die ein ähnliches Clima haben, auch zu gleicher Zeit oder 
rasch nacheinander von solchen Seuchen ergritTen werden sollten. Das ist nun 
aber nicht der Fall. Fünf- bis sechsundzwanzig Jahre sind es nun, seit die 
Cholera in Europa eingedrungen ist ; sie durchseuchte einen grossen Theil der 
die Schweiz umgränzenden Länder, aber die Schweiz diesseits der Alpen 
blieb bis 1854 verschont, und selbst im Jahr 1854 zeigte sie sich meines 
Wissens bloss im Kanton Aargau. Erst im Jahr 1855 gelang es ihr, den Kan" 
ton Genf, den Kanton Basel und die Stadt Zürich und deren Umgebungen zu 
einigen Tributen zu zwingen, während in den übrigen Theilen des Kantons 
Zürich, d. h. in den von der Hauptsadt entfernteren Rayons.*) jiieines 



*) d. li. über 1 Stuuile 



— 99 - 

■Wissen» nur zwei Fälle auftraten , 1 in Meilen und 1 in Wald . aber auch 
jetxt noch schienen in Zürich sich dem tieferen Eingreifen der Seuche Hinder- 
nisse entgegen zu stellen, die für uns freilich in ein mysteriöses Dunkel gehüllt 
sind. Worauf beruht nun diese Resistenzkraft so mancher Orte und Gegenden, die 
man bald für eine wahre Immunität zu halten kühn genug gewesen wäre und woh) 
hie und da war? Ich kann mir nicht denken, dass jene mysteriösen Influenzen, 
welche die Cholera erzevigen , welcher Art sie auch sein mögen , sich durchaus 
nur an denjenigen Orten, in denen die Epidemie ausbrach, entwickelt, nur dort 
existirt liaben ; gewiss entwickelten sie sich auch an anderen Orten ; allein ihrer 
schädlichen Einwirkung stand ein gewisser Grad von Immunität entgegen , die 
theils in der Beschaffenheit der Lokalitäten, theils der Lebensart der Einwohner 
bestanden haben mag. Diese Immunität dauerte aber nur so lange, bis die 
wiederholte Einwirkung der schädlichen Influenzen die Körper der Bewohner 
eines solchen Ortes so vorbereitet hatte, dass auch ihre Ecsistenzkraft zu brechen 
b^ann.*) Doch das sind am Ende alles Hypothesen ; allein es ist doch immer 
gut, sich eine bestimmte Ansicht zu bilden, die ja stets geändert werden kann, 
wenn eine überwiegende Masse sorgfältig gesammelter , gesichteter und mit um- 
sichtiger Kritik gewertheter Thatsaohen dieselben als ganz nngcgriindet erweisi'n 
wird. Es ist daher dringend nöthig, die Verbreitung der Cholera mit der grössten 
Sorgfalt zu stndiren. Das ist nun freilich bald gesagt, schwor aber ist die 
Ausführung. Ich habe bereits eine grosse Menge von Thatsachen über die Ver- 
breitung der Cholera in Europa gesammelt , und werde nicht anstehen , die Re- 
sultate der auf diese Thatsachen gegründeten weiteren Untersuchungen späterhin 
einem grösseren Publikum mitzutheilen , für jetzt aber wage ich es noch nicht, 
aus dem gesammelten Material Schlüsse zu ziehen, da die erzählten Thatsachen 
einander oft so sehr widersprechen, dass es einer sehr einlässlichen Untersuchung 
bedarf, um den Grund der Widersprüche aufzufinden. So wurde im Jahr 1855 in 
Terzo, im Friaul die Cholera durch die Besucher des Kirchweihfestes aus dem 
nahen Cervignano sogleich eingeschleppt , während es lange Zeit bedurfte , bis 
die mit dem Venetianischen in so regem Eisenbahnverkehr stehende Lombardei 
endlich allmälig von der Seuche ergriffen wurde, während ferner Mailand, trotz 
des Znsammenflusses von Flüchtlingen aus allen Gegenden, noch frei war, ob- 
schon in der Provinz Mailand , der Provinz Mantua ^Mantua selbst war auch 
noch frei) , den Provinzen Como , Pavia , Brescia , Lodi , Cremona und Bergamo 
die Seuche bereits verbreitet war; so ferner waren au mehreren Orten die Gar- 
nisonen die ersten Angriffspunkte, während in Venedig die Garnison längere 
Zeit verschont blieb. Aehnlich verhält es sich mit der Immunität gegen die 
(Cholera ; auch in dieser Beziehung dürften einzelne auffallende Thatsachen noch 
nicht zu Schlüssen berechtigen. Eine solche Thatsacln'. die wirklich merkwürdig 
ist, mag hier noch eine Stelle finden. In Finme in Dalmatien wüthete be- 
kanntlich die Cholera Anfangs Juli des vorigen Jahres furchtbar. Am 7. Juli 
waren 200 Häuser gänzlich geschlossen, kein Verkaufsmagazin wurde geöff- 
net, kein Amt, keine Schule besneht, nur in die Kirchen strömten die Gläu- 
bigen. Ueber 5000 Personen waren ausgewandert , die Schwalben und Fliegen 
sogar waren seit dem Ausbruch der Epidemie gänzlich verschwunden und doch 
erkrankte von 1100 Cigarrenarbeiterinnen der k. k. Tabaksfabrik keine einzige, 
ja auch kein Angestellter, kein Beamter der Fabrik erkrankte, wobei freilich 

*) Dass solche ganz unmerkliche Umwandlungen in dtn Körpern möglich sind, beweist 
die Wirkung der Vaccine. 



— 100 — 

bemerkt weiden muss, dass auch kein Geistlicher und kein Arzt in Fiume er- 
griffen ward. 

Strafgesetzgebnng und Christenthnm. 

Auch den Nichtjuristen kann als eine sehr erbauliche Lectüre empfohlen 
werden: „Das Verhältniss der heutigen Strafgesetzgebung zum Christenthum. 
Studien von C. Trümmer (1856)." Nicht bloss die Juristen und Gesetzgeber, 
sondern das Staatsleben und die Wissenschaft überhaupt, — ausser der Theo- 
logie — haben den Felsengrund des „ wahren '' Christenthums verlassen und 
werden dafür von Herrn T. mit Schlangen und Skorpionen gegeisselt. Die Ver- 
nunft des natürlichen, in der Sünde befangenen Menschen, eine Philosophie, 
welche nicht auf der Anerkennung des tiefen, nur durch die Wiedergeburt zur 
Kindschaft Gottes zu hebenden Grundverderbens der menschlichen Natur beruht, 
der Götze des Volksrechtsbev^-usstseins , dieses Phantom, die Chimäre, die Grille 
moderner Utopisten und auf dem Gebiete des Strafrechts speziell das V^erken- 
nen der „clu-istlichen Strafpflicht von Gottes Gnaden" — , das sind Belial, 
Gog und Magog, gegen die der Vemichtungskampf zu führen ist. Vorläufig 
bekämpft der Verfasser mit grosser Entrüstung mehrere deutsche Kriminalisten 
der Gegenwart , als Boten jener Fürsten der Finsterniss , wobei dann eine pia 
fraus unterläuft, — wie es nicht ungewöhnlich ist bei denen, die ganz demüthig 
mit einem kleinen Heiligenschein ihre Hörner bedecken — , indem er aus den 
Schriften der Angegriffenen Sätze aus dem Zusammenhange herausreisst und wie- 
der componirt, wie es ihm eben für seinen Sermon passt. Namen neimt er nicht, 
„weil man hier nichts mit den Personen zu thun hat", aber das kleine Manöver 
ist schon gestattet, dass er einen Professor, der nach üblicher Weise in einer 
Universitätsstadt einen Vortrag vor einem gebildeten Publikum gehalten hat, 
wiederholt einen „Volksredner" nennt. Es haben wohl mehrere der Angegriffe- 
nen geglaubt, im christlichen Sinne zu leben und zu wirken, wenn sie auch 
nicht das exclusive „Wir sind Christen!" für sich in Anspruch nahmen, aber 
vor Herrn T. sind alle in gleicher Verdammniss, die da glauben, die Wissen- 
schaft habe nicht ihre einzige Quelle in der Bibel und sei in diesem Jahrhundert 
fr hritten. — An politischen Herzensergiessungen fehlt es in dem Buche nicht; 

.«5 ..eirten steht, schwärmt der Kreuzritter für das „heilige Russland" und 

alle Reg.^ .sind ausgezogen für den Epilog, in welchem es heisst: Auf der 
einen Seite btJrol ■^n Seuchen imd Fäulniss mancherlei Art, Erdbeben, Theurung, 
Ueberschwemmung°n , Türkenkrieg das \-ielfach gewarnte Menschengeschlecht in 
der alten Welt, auf der andern setzt das Bündniss, welches zum Vernichtungs- 
kampfe gegen die heilige Allianz aus dem sumpfigen Abgrunde von Anarchie 
und Revolution, von Antichrist und Belial heraufgestiegen ist, sein unheimliches 
Streben fort, die übrigen Staaten und Völker durch materiellen Köder über ihre 
ewigen Interessen zu täuschen und somit die Genossen für den Vernichtungskampf 
zu vermehren etc." Allendlich werden alle Irrlehrer heimgeschickt mit dem Fi- 
nale der Strafpredigt : „Wenn der unsaubere Geist die wirre Stätte durchwandelt, 
die Ruhe nicht finden kann, die er sucht, imd in sein Haus zurückkehren will: 
möge er es dann mit Besamen nicht gekehret und geschmücket finden, and nicht 
damit veranlasst werden, noch ärgere Geister zu sich zu nehmen, als er selbst ist." 

E. 0. 



Fr. Böhringer, 
die Kirche Cliristi und ihre Zeugten, 

oder 

dit iirdtcngefchirlitc in f io^ra^hinn. 

Den glücklichen Gedanken, eine Kirchengeschichte in Biographien 
von den ältesten Zeiten an bis auf die Gegenwart zu geben, hat der Verfasser 
edt 1842 in sieben bisher erschienenen Abtheilungen seines Werkes, dem in 
diesem Jahre die achte — die Schlussabtheüung des Mittelalters — folgen wird, 
zur Ausführung gebracht. 

Die Auswahl der Lebensbilder ist eine solche, dass Männer und Frauen, 
Märtyrer, Apologeten, Kirchenväter, Missionäre, Scholastiker, Kirchenfürsten, 
Asceten, Mystiker, Reformatoren darin ihre Stelle finden: es ist keine wesent- 
liche Richtung, keine epochemachende Zeit, keine Spezialkirche von Bedeutung, 
die nicht ihr Kontingent hiezu lieferte, um so „das durch Christus geschichtlich 
gewordene Leben in den verschiedensten Persönlichkeiten und hervorragenden 
Trägern desselben aufs Mannigfachste und Vielseitigste bezeugt und vermittelt 
zur Anschauung zu bringen." 

Die Auswahl ist zugleich eine solche, dass die stetige Entwicklung der 
Kirche darin hervortritt. Es ist daher nicht eine blosse Reihenfolge von Bio- 
graphien gegeben. Zu diesem Behüte „charakterisirt der Verfasser in allgemeinen 
Einleitungen bündig das Leben, -welches die Zeugen desselben darstellen; weiterhin 
zeigt er die Momente und Epochen dieses Lebens in seinem geschichtlichen Verlaufe 
auf und weist die einzelnen Träger desselben in die Stelle ein, die sie darin 
einnehmen; er gibt gehörigen Orts eine allgemeine Charakteristik derjenigen Zeit, 
deren Repräsentanten er vorführt, er leitet von einem Leben zum andern, von 
einer Fpoche zur andern den Leser verständigend über." Wenn somit „dies 
Werk die eigentliche Kirchengeschichte nicht ersetzen will, noch kann, so dient 
es doch dazu , den Gehalt des kirchengeschichtlichen Lebens der unmittelbaren 
Anschauung näher zu bringen, ihn so zu sagen persönlicher zu machen und 
dient in sofern der eigentlichen Kirchengeschichte zur Ergänzung, während es 
anderseits in das Studium derselben einzuführen vorzüglich geeignet ist." 

Der Geist, in dem der Verfasser seine Aufgabe zu lösen versucht hat, ist 
ein umfassender, kern ausschliesslich konfessioneller; er erkennt „eine religiöse 
Entwicklung der Menschheit" an und sieht „in dem Reichthum der christlichen 
Erscheinungen und Persönlichkeiten nur die unendliche Fülle der christlichen 
Religion." 

Die Lebensbilder selbst sind „frisch aus den Quellen bearbeitet, in grosser, 
zweckdienlicher Auswahl und mit möglichster Objektivität dargeboten; wo es 
zu haben war, lässt der Verfasser die Zeugen selbst reden und es ist hievon 
ein reicher, hin und wieder überreicher, kostbarer Schatz im Werk niedergelegt." 

Die Darstellung ist lebendig, der Styl „im Ganzen sehr gut, einfach 
und edel"; so dass man „bei dieser Gründlichkeit der F'orschung, Unbefangen- 
heit der Auffassung, Wärme und Anschaulichkeit der Darstellung, scharf und 
wahr gezeichnete, in individueller Lebendigkeit ausgeprägte Bilder aus dem 
Leben der Kirche gewinnt." 

Es ist so das Werk „angelegentlich, besonders Geistlichen, Kandidaten und 
Studierenden der Theologie zu empfehlen; aber auch von gebildeten Laien kann 
und sollte es gelesen werden." 

Dass es ein umfangreiches ist, war nicht anders möglich, wenn es 
ein irgendwie erschöpfendes sein wollte. „Dieser Umfang sollte aber Niemand 
zurückschrecken; denn einmal hat man dann doch auch in ihm diese ganze 
Reihe christlicher Erscheinungen von Anfang bis zu Ende; sodann hat man sie 
in einer bis in's Detail eingehenden Darstellung, die doch vorzugsweise frucht- 
bar zur Belehrung imd Erbauung ist." 



Im Vorstehenden hat die unterzeichnete Verlagshandlung, um unparteiisch 
zu sein, meist nur die verschiedenen Stimmen der öffentlichen Kritik sprechen 
lassen, die auch nicht unterlassen hat zu bemerken, dass das Werk „mit steigen- 
dem Gelingen" fortgetzt werde. 



Energisch fortgeführt, wie es bisher wurde, gibt es zugleich die Hofifnung, 
in nicht gar zu langer Zeit ein vollendetes Ganze zu werden, während so 
manche andere Werke unvollendet stecken, geblieben sind. 

Die treffliche äussere Ausstattung, die wir dem Werke geben, ist überall 
hervorgehoben worden. 

Die bis jezt erschienenen sieben Abtheilungen enthalten: 

Erster Band: Kirchengeschichte der ersten Jahrhunderte. 

Inhalt. 1. Abtheilung: Ignatius, Polykarpus, Perpetua, Justinus, Clemens 
von Alexandria, Origenes, Irenaeus, Tertullian, Cyprian. 842. 

Thlr. 1. 15 Ngr. — fl. 2. 42 kr. — Fr. 5. 80 Rp. 

2. Abtheilung: Athanasius, Antonius, Basilius, Gregor von Nyssa, Gregor 

von Nazianz. 843. Thlr. 1. 15 Ngr. — fl. 2. 42 kr. — Fr. 5. 80 Rp. 

3. Abtheilung: Ambrosius und Augustinus. 844. Thlr. 2. 20 Ngr. 

fl. 4. 48 kr. — Fr. 10. 30 Rp. 

4. Abtheilung: Chrysostomus , Olympias, Leo, Gregor der Grosse. 

Thlr. 2. 6 Ngr. — fl. 3. 54 kr. — Fr. 8. 40 Rp. 
Erster Band, komplet in vier Abtheilungen. Thlr. 7. 26 Ngr. — fl. 14. 6 kr. 

Fr. 30. 30 Rp. 
Zweiter Band : Kirchengeschichte des Mittelalters. 

Inhalt. Iste Abtheilung: Kolumban, St. Gall, Bonifazius, Ansgar, Anselm 

von Canterbury, Bernhard von Clairvaux, Arnold von Brescia. 849. 

n. Thlr. 3. 3 Ngr. — fl. 5. 24 kr. — Fr. 11. 60 Rp. 

2te Abtheilung: Peter Abälard, Heloise, Innozenz III., Franziskus von 

Assisi, Elisabeth von Thüringen. 853. n. Thlr. 2. 25 Ngr. — fl. 5. 

Fr. 10. 75 Rp. 

3te Abtheilung (unter der Presse und auch unter dem besondern Titel zu 

haben): Die deutschen Mystiker des 14. und 15. Jahrhunderts : 

Job. Tauler, Heinrich Suso, Joh. Rusbrock, Gerhard Groot, Thomas 

von Kempen. 

Die demnächst erscheinende achte Abtheilung wird die Biographien von 

Wikliffe, Huss, Wessel und Savonarola enthalten. 

Es wird jede Abtheilung einzeln gegeben und neu eintretende Abnehmer 
des ganzen Werkes können dasselbe durch jede Buchhandlung nach und nach 
beziehen. 

Zürich, im Februar 1856. 

. Meyer & Zeller. 

In demselben Verlage sind früher erschienen: 

A. £. Fröhliches 



a^aaasj. 



Durch seine Fabeln begründete dieser grosse Dichter seinen Ruf und enthält 
dieser Band mehr als zweihundert noch nie gedruckte Fabeln lyrischen, ele- 
gischen, didaktischen und satyrischen Inhalts, Fabelbilder von allen Seiten des 
Lebens aufgefasst, Bilder des häuslichen und öffentlichen, des politischen, päda- 
gogischen und kirchlichen Lebens, Bilder des Marktes und der Einsamkeit. Sie 
sind alle Doppelbilder des Mikrokosmos und Makrokosmos, der Gemüthswelt 
wie sie sich in der aussermenschlichen Welt spiegelt. Sie flössen aus dem Ver- 
ständniss beider, aus der Selbst- und Naturbetrachtung. Unter diesen befindet 
sich auch ein Fabel-Epos „Der Dachs und der Fuchs", eine launige Dar- 
stellung von manchen Verkehrtheiten in politischen imd pädagogischen Dingen. 
Die Fabeln sind neu und originell: es ist auch nicht eine einer altem oder 
neuern, einer äsopischen oder andern nachgebildet. 

geheftet 1 Rtlilr. — II. 1. 45 kr. — Fr. 3. 60 Cts, 

PRACHTAUSGABE auf ganz feinem Papier gebunden mit Goldschnitt 
S Rthlr. — fl. 3. 30 kr. Fr. 7. SO Cts. 



Druck von E. Kiesling in Zürich. 



S^'^-Hä'— 



--SHsCs-s— 



Monatsschrift 

des 

WISSlNSCHÄFflilOiEI fEHHIHS 

in 

ZÜRICH. 

Herausgegeben von dem Redactionsausschuss desselben : 

Ferdinand Hitzig, Eduard Osenbrügren , Heinrich Frey, 
Adolf Schmidt, Eduard Bobrik. 

(Hauptred.: Adolf Schmidt.) 



23SiS??SS22L l?ÄS2^<SÄS?<B. 



glrittcs icft. 









ZÜRICH, 

Verlag von Meyer & Zellek 

1856. 



SQ' 



-e-C^-e-- 




Preis für den JAhrgnng 4 Thir. = 14 Fr. 



Der Hauptbestandtlieil dieser Zeitschrift ist selbstständigen , von den Ver- 
fassern unterzeiclmeten Aufsätzen aus allen Zweigen der Wissenschaft gewidmet, 
mit dem Zweck : die Ergebnisse gründlicher Forschung in möglichst anziehender 
und anregender Form darzulegen und dergestalt, wie eine unmittelbare Förde- 
rung der Wissenschaften, so namentlich auch eine Vermittlung derselben unter 
sich anzustreben. Grössere Recensionen sollen nur in selteneren Fällen Platz 
finden, kurze Notizen aber und gelegentliche Urtheile über neue Erscheinungen, 
sowie Berichte und Anfragen in dem Anhang mitgetheilt werden. 

|n:ljalt brs feorliegmbeu l^tftes: 

TJeber die formelle Gesetzm'dssigheit des Schmuckes und dessen Bedeutung 

als Kunstsymbol. (Vortrag vor gemischtem Publicum). Von G. Sempee 101 
TJeber die Integration zweier simultan bestehenden linearen Differenzial- 

gleichungen zwischen n Yariabeln. Von Professor Dr. Raabe . . . 130 
lieber die in Island endemische Ilydatidan-Kranhheit. Von Professor Dr. 

Lebert 139 

Der Name Germanen. Von F. Hitzig 142 

Die drei Geheimnisse des Paifes bei Ignatius. Von G. Volkmar . . . 145 

Die deutschen Rechtssjprüchwörter. Von E. Osenbrüggen 147 



Die nächstfolgenden Hefte werden Beiträge enthalten von Städeler, Bobrik, 
Schmidt, Fritzsche, Frey, Visuher, Nägeli und Anderen. 



Zusendungen an die Eedaction werden portofrei oder auf dem Wege des 
Buchhandels erbeten. 



J. J. Hottinger, Präsident. Alex. Schweizer, Vicepiäsident. Dernburg, Sekretär. 
Bobrik. Claüsius. Escher v. d. Linth. H. Frey. Fritzsche. Heer. Hildebrand. 
Hitzig. Ferd. Keller. Kym. Lebert. Meyer-Ochsner. Moüsson. Müller. 
Nägeli. Osenbrüggen. Raabe. Schlottmann. Ad. Schmidt. H. Schweizer. 
G. Semper. Städeler. F. Vischer. Volkmar. G. v. Wyss. 



Druck von E. Kiesling; in Zürich. 



ÜBER DIE FORMELLE GESETZMASSIGKEIT DES SCHMUCKES 

UND DESSEN 

BEDEUTUNG ALS EUNSTSYMBOL. 

Von G. SEMPER. 

Die reiche und präeise Sprache der Hellenen hat dasselbe Wort zur 
Bezeichnung de» Zierrathes , womit Avir uns und die Gegenstände 
unserer Neigung schmücken, und der höchsten Naturgesetzlichkeit und 
Weltordnung. 

Dieser tiefe Doppelsinn des Wortes xoGfios ist gleichsam der 
Schlüssel hellenischer Welt - und Kunstanschauung. Dem Hellenen 
war der Sclimuck in seiner kusmisclien Gesetzliclüieit der Reflex der 
allgemeinen Welturdnung, wie sie uns in der Ersclieiuungswelt den 
Sinnen fasslich entgegentritt, er galt ihm als allgemein verständliches, 
sich seihst erklärendes Symbol der Naturgesetzlichkeit auch in der 
bildenden Kunst , das besonders in der vorzugsweise kosmischen Kun.st, 
der Architectur, überall als wesentliches Element der formellen Aus- 
stattung erscheint. Die Aesthetik der Hellenen, so weit sie das 
Gesetzliche des Formell-Schönen betrifft , fusst auf den einfachen Grund- 
sätzen, die beim Schmücken des Körpers in ursprünglichster Klarheit 
und Fasslichkeit hervortreten. 

Indem ich den Schmuck, in dieser kosmischen Bedeutung auf- 
gefasst, zum Gegenstande des heutigen Vortrags wähle, glaube ich 
vor Allem mich vor dem Anscheine verwaliren zu müssen, den hier 
versannnelten hochgeehrten Damen irgend Winke oder Anweisungen 
über eine Kunst geben zu wollen , in der sie durch die Natur von 
Kindheit an Meisterinnen sind, da ich vielmehr für mich als Archi- 
tecten dasjenige als Norm und Gesetz erkenne, was, nach meiner 
Ueberzeugung , vornehmlich durch den zarteren Sinn des schönen 
Geschlechts aus dem Chaos dessen, was ein noch roher und über 
sein eigenes Streben in Unklarheit begrifiener Bildungstrieb erfand , 
im Laufe der Zeiten zur Kunstform erhoben wurde und sich nach'. 
Prinzipien regelte. 

Zugleich gebe ich den verehrten Versammelten zu bedenken , dass 
ein Künstler zu Ihnen spricht , der in seiner Weise darzustellen 
Wlsaeuschftftliche Monatsschrift. fi 



— 102 — 

vermag , dem aber die Dar.stellungskunst durch die Rede nicht eben 
geläufig ist. 

Wo der Mensch schmückt, hebt er nur mit mehr oder weniger 
bewusstem Thun eine NatnrgesetzHchkeit an dem Gegenstande, den 
er ziert, deutlicher hervor. 

Die ersten Versuche freilich , den natürlichen Wuchs des Men- 
schen durch künstliche Zuthaten zu bereichern, zielen mehr darauf ab , 
zu schrecken als das Wohlgefallen der Erscheinimg zu erhöhen, doch 
selbst in diesem Verleugnen des Nonnalen der Erscheinung liegt ein 
dunkles Ahnen und Anerkennen seiner Gesetzlichkeit. Dazu mischt 
sich frühzeitig eine Tendenzsymbolik, die mit der reinen Kosmetik 
dem Prinzipe nach nichts gemein hat; auch gab das Bestreben, he- 
roische Abhäi'tung gegen körperliche Schmerzen zu zeigen , die Ver- 
anlassung, den Körjjer oder Theile des Körpers durch künstliche 
Mittel mehr zu entstellen iind zu verstümmeln, als zu schmücken. 

So verstecken die Indianer der Prairie bei ihren wilden Kiiegs- 
tänzen ihr Haupt hinter furchterregenden ThieiTnasken , dem Alligator, 
dem Bison, oder dem Bären entnommen. Aehnlichen Maskenschmuck 
findet man bei den Wilden der Südseeinseln. Die Botukuden durch- 
bohren ihre Unterlippen und stecken gi-osse hölzerne Knebel, Knochen, 
Muscheln oder Aehnliches in den Einschnitt , wodurch die Lippe tief 
heruntergezogen und auf schreckbare Weise verlängert wird. Die 
Wilden Neuhollands schneiden sich tiefe Einschnitte in die Haut und 
bedecken den Körper, die Arme und die Beine ohne Rücksicht auf 
Symmetrie und sonstige Regel mit breiten Narben. Das Merkwür- 
digste dabei ist, dass sich Manches von diesen ursprünglichsten und 
rohesten Manifestationen des Verzierungstriebes bei den civilisirtesten 
Völkern durch alle Jahrhunderte hindurch fortgebildet und wenigstens 
in symbolischer Andeutung erhalten hat. 

Se treten die abscheulichen Thiermasken der indianischen Krieger 
bei den Aegyptern in feinerer Ausbildung als hieratisch -mystischer 
Kopfputz des den Gott repräsentirenden Priesters auf. Es wurde die 
Maske ein sehr frühes Siiuibild der Verhüllung, des Geheimnissvollen 
imd zugleich Schreckbaren. Oft bleibt in späterer Kunstfurm von der 
Maske nichts als das Charakteristikum des Thieres übrig; z. B. die 
Stierhörner als Schmuck der Mitra der assyrischen Herrscher, die 
Widderhörner als Kopfputz der ägyptischen Könige, die auch Alexan- 
der, als Sohn des Zeus Amnion, für sich adoptirte. Das furchtbare 
Gorgeion, das die Aegis der unnahbaren Pallas Athene schmückt, 
ist eine Maske. 



— 1U3 — 

Die Gorgonenmaske, al.- zaiihurabvvehrcncles Aranlet, erscheint 
auf sein- vielen noch erlialteneu Halsketten nnd sonstigen Schmuck- 
sachen der Alten ; wobei sie zugleich auf sinnige Weise als Symbol 
der A^erhiillung angCAvendet wird, um irgend einen Uebergang, eine 
technische Vcnnittelung , die sonst ant" künstlerisch bctViedigondc Weise 
schwer zu lösen wäre, gleichsam durch das Maskirou des Yerbindungs- 
punktcs zu bewerkstelligen. Die Maske war schon lange in den 
bildenden Künsten ein bedeutsames Symbol , bevor die dramatische 
Kunst sich desselben bemächtigte. 

Noch jetzt schmückt den Hals der schönen Neapolitanerin dieses 
oder ein verwandtes ebenfolls verhöhnendes, den bösen Blick ab- 
schreckendes Amulet. 

Dergleichen Helfer gegen den Zauber wurden auch überall und 
zu allen Zeiten an Armbändern und Ringen getragen nnd das Alter- 
thum dieser Sitte macht es zweifelhaft, ob der Schmuck die Gelegen- 
heit gab , das schützende Amulet an den Körper zu befestigen , oder 
ob umgekehrt die Fassung und Befestigung des Talismans erst auf 
den ästhetischen Begriff des Kleinods führte. 

Die durchbohrte7i Lippen und schweren Knochengehänge der 
Botokuden können als die ersten Rudimente jener zierlichen und in 
ästhetischer Beziehung so bedeutsamen Ohrgehänge betrachtet werden, 
des Lieblingsschmucks des Altcrthimis, der besonders bei den helle- 
nischen Schönen in hohem Ansehn stand, bis auf den heutigen Tag 
dieses Ansehn behielt, und nur erst ganz neuerdings wohl mit Unrecht 
diu-ch die Mode in Misskredit geratheu ist. 

Die Durchbohrung der Lippen ward noch von den civilisirten 
Asteken und Tulteken Mexiko's und Peru's zur Zeit der spanischen 
Eroberung in wahrscheinlich veredelter Autfassung geübt. Daneben 
war die Durchbohrung der Nasenwand und der Ohrläppchen behufs des 
Aufhängens von Ringen mit schweren lialbmondfönnigeu Ranuneln 
von Gold imd Silber bei ihnen allgemein. 

Auch von den sonst für die edlere Form nicht unempfänglichen 
Arabern und Beduinen berichten die lleiseudeu, dass ihre Schönen 
sich mit dergleichen schwebendem Nasenschmucke behängen, sowie 
denn auch der Gebrauch von gewichtigen Ohrgehängen bei ihnen all- 
gemein ist. 

Bei den Assyrern, Medern und Persern trugen auch die Männer 
schwere und reich mit Edelsteinen besetzte Ohrringe , die uns in 
grosser Mannigfaltigkeit auf den jetzt in Lond.in und Paris befindlichen 
Relieftafeln von Niniveh entgegentreten. 

Ebenso hat die kannibalische Sitte des Bemalens und Tettowirens 



— 104 — 

des Körpers, deren roheste Anfänge v,ir in den Hautbemalungen 
und Fleisclieinkerbungen der Neuholläuder erkennen, nach und nach 
eine civilisirtere Form angenommen und seine Ausläufer bis in die 
neuesten Zeiten und bei den allerkultivirtesten Völkern fortgesetzt. 

Noch bei den hochcivilisirten Aegyptern war es nicht bloss Sitte, 
sich die Augenbrauen und Wimpern mit Antimonium zu schwärzen 
und zu verlängern, die schönen Aegyptierinnen bemalten sich auch, 
gleich den jetzigen orientalischen Damen, Handflächen, Nägel und 
Fusssohlen mit zierlichen Arabesken. 

Die Kelten und Britten, ein keineswegs unkultivirtes Volk, als 
die Römer mit ihm in Berührung traten, waren sehr geschickte Haut- 
färber. Sie bedienten sich zu ihren Malereien vorzüglich des blau- 
färbenden Waids (glastum). Bei gewissen Soireen erschienen die 
keltischen Jungfrauen imd Frauen, nach Plinius ausdrücklicher Mel- 
dung, im Negerkostüm, den ganzen Körper mit Dinte blauschwarz 
bemalt. Man will in den berühmten Blaustrümpfen eine letzte Spur 
und Veredlung dieser altbrittischen Mode wiedererkennen. Zugleich 
waren die Kelten geübte Schönfärber und in Weiterbildung der ur- 
sprünglich auf eigener Haut erprobten Kunst im Musterzeichnen, die 
Erfinder der gewürfelten buntfarbigen Stoße, die noch jetzt das schot- 
tische Nationalgewebe sind. 

Das Tettowiren mag als ein Fortschritt in dieser Kunstrichtimg 
gelten, in welcher unter den lebenden Völkern die Neuseeländer und 
Südseeinsulaner es am weitesten brachten, die ihren Körper nach Unter- 
schied des Standes, des Reichthumes und der persönlichen Auszeich- 
nung mit sehr zierlichen Arabesken mehr oder weniger bedecken. 
Der Geschmack, den sie bei dieser Hautenkaustik entwickeln, indem 
sie die Formen und Richtungen der Muskeln mit Hilfe der Schnörkel 
und Ornamente verfolgen und hervorheben, soll bewundernswerth sein, 
wobei eine Verwandtschaft dieser ornamentalen Formen mit denen auf 
den Geräthen und Monumenten der Assyrer, Aegypter, Hetrusker und 
älteren Griechen im verkennbar hervortritt, so dass es nicht zu paradox 
wäre, den Ursprung gewisser überlieferter Flächen-Ornamente in der 
Tettowirungskunst zu suchen. 

Auch den Hellenen und den ihnen kulturverwandten Völkern 
war die Sitte des Bemalens der Haut und des Tettowirens nicht ganz 
fremd. Nicht zu gedenken jener vom Orient auch über die Griechen 
und Römer verbreiteten Sitte, mit wohlriechenden und balsamischen 
Essenzen jeden Theil des Körpers einzusalben , noch des Gebrauches 
der rothen, weissen und schwarzen Schminke, sowie der Schönheits- 
pflästerchen, bei den putzliebenden Griechinnen (über welche desshalb 



— 105 — 

die witzigsten Schriftsteller jenes Volkes ihren bcissentlen Spott aus- 
gössen) , treten Spuren dieser Sitte boi Festwcihcn und Aufzügen im 
Bemalen des Köi'pers wenigstens als hieratische Ucberlieferung überall 
hervor. Der römische Triumphator bestrich sich nach alt hetruskischer 
Sitte den ganzen Körper mit Mennig , als Repräsentant des kapito- 
linischen Jupiter , dessen thönernes Bild alljähi-lich auf gleiche Weise 
neu bemalt wurde. 

Noch entschiedener blieben die den Hellenen stammverwandten 
Thrakierinnen dem alten Herkommen treu. Die Tettowirung war bei 
ihnen ein Zeichen des vornehmen Standes. Ihre Männer ritzten 
ihnen lange Streifen in die Haut; eine Frau, die nicht dergleichen ein- 
gebrannte Sti'eifen tragen durfte, galt für niedrig und unedel. 

Sicherlich steht die Sitte des Hautbemalens und Tettowirens mit 
dem Prinzip der Polychromie in den Künsten des Alterthimis und 
überhaupt mit den Anfangen der Kunst im innigsten Zusammen- 
hange. 

Die Freude am Zierrath giebt sich auch sehr frühe an dem 
Schmucke kund, womit der Mensch das Hausthier auszeichnet. Auch 
hier mischt sie sich zuerst mit der Tendenzsymbolik und abergläubi- 
schen Vorstellungen. Erst später tritt sie rein hervor und findet ihre 
gesetzliche Basis. Ich würde diese Hindeutung auf den Thierschmuck 
hier unterlassen , wenn nicht eine gewisse Klasse von Zierrathen , die 
ich alsbald näher bezeichnen werde, an dem flüchtigen Rosse und 
den übrigen Last- und Zugthieren, wie sie die Hand des Menschen 
mit flatterndem Bänder - , Feder - und Troddelwcrk ausgestattet , in 
ihrer prinzipiellen Eigenthümlichkeit ganz besonders klar hervorträte. 

Ich bezweckte durch diese vorausgeschickten Andeutungen den 
Nachweis zu geben, dass das im Schmucke sich bethätigende Kunst- 
gefühl zwar frühzeitig rege wird , aber lange Zeit hindurch im Un- 
klaren mit sich selbst bleibt, nicht sogleich rein und ohne Nebenzweck 
kervortritt, und nur seiner mehr oder weniger unbewusst dem allge- 
meinen kosmischen Gesetze gehorcht, welches, wie ich glaube, die 
Griechen zuerst und allein in seiner Allgemeinheit deutlich erkannten 
und künstlerisch zu verwerthen wussten. 

Welches ist mm aber dieses kosmische Gesetz? 

Vielleicht lässt sich demselben dadurch auf die Spur kommen, 
dass wir den Schmuck in bestimmte Categoriecn theilen, und dabei 
die charakteristischen Unterschiede der schmückenden Elemente berück- 
sichtigen. 

Ihrem allgemeinsten Charakter nach lassen sich nun folgende drei 
Klassen von schmückenden Gegenständen unterscheiden : 



— 106 — 

1) Der Behang. 

2) Der King. 

3) Diejenige Clattiiug des Schmucke», für welche ich in Erman- 
gelung einer gegebenen und selbstverständlichen Bezeichnung gcnöthigt 
bin, einen besonderen Xamen zu erfinden; ich will sie Richtungs- 
schmuck nennen , mit dem Vorbehalt einer uähera Erklärung dieses 
Ausdrucks. 

i) Der BEn.vNG. 

Der Behang ist vorzugsweise an diejenige formelle Eigenschalt 
der Erscheinung geknüpft, welche wir Symmetrie nennen, nnd 
zugleich selbst symmeti'isch ; er ziert den Körper, indem er auf dessen 
Beziehung zu dem Allgemeinen hinweist , an welches die Einzeln- 
Erscheiuung gebunden ist, nud mit dieser Hinweisung den Eindruck 
der ruhigen Haltimg, des richtigen Verhaltens der Erscheinung zu 
dem Boden worauf sie steht, hervorruft. Wegen dieser Eigenschaft 
des llinwei^ens auf den Bezug der Einzelnerscheinung zum Allgemeinen 
auf dem sie fusst , lässt sich für diese Gattung des Schmuckes auch 
der Name makrokosraischer Schmuck rechtfertigen. 

Zu dem symmetrischen Schmucke gehören z. B. die Nasen- und 
Ohrgehänge, von denen oben die Rede war, die als freischwebende 
schwere Körper bei jeder Bewegung durch eine Reihe von Schwin- 
gungen hindurch wieder auf den Moment der Ruhe und des Gleich- 
gewichtes vorbereiten, welcher der Bewegung folgen wird. Zugleich 
bewirkt dieser Schmuck im Augenblicke der Ruhe durch den Contrast 
der durch ihn gebildeten Vertikallinie mit den "Wellenlinien der orga- 
nischen Formen, dass letztere in ihier lebensvollen Anmuth wirksamer 
hervorti'eten. So hebt das Ohrgehänge , indem es der Schwerkraft 
folgend eine Verticallinie versinnlicht , die zarte , vorwärts gebogene , 
von der Schwerkraft unabhängige Kurve des Nackens. Das Gleiche 
ersh'ebt der für das Schöne emptangliche Beduine, wenn er den 
stolzen Hals seiner Lieblingsstute mit dem herabhängenden Halbmond 
schmückt , wenn er an das Sattelzeug freihäugendes , mit bimten 
Quasten und metallischem Zierrath beschwertes Riemeuwerk schnallt. 

Der ästhetische Werth des symmetrischen Schmuckes wird diu-ch 
die ethische Rückwirkung bedeutend erhöht , welche er auf das mit 
ihm gezierte Individuum ausübt, indem er letzteres nöthigt, erstens 
seine Haltung im Zustande der Ruhe darnach zu komgiren, zweitens 
in der Bewegung diejenige Mässigung mid Würde zu beobachten, die 
erforderlich ist, damit der Schmuck keine das feinere Gefühl ver- 
letzende, etwa zu rasche oder zu unregelmässige, eckig abgebrochene 
Schwingungen annehme. 



- 107 — 

l)it'.-o Wirkiin«; Ivit der genannte Schmuck selbst auf das edle 
Ross, da» seinen kräftigen Hals stolzer erhobt, wenn es sein ge- 
schmücktes Sattelzeug trägt. 

Aus der Art und Eigeuthüuilichkeit der Bewegungen, die der 
Ohrschmuck einer Dame durchschnittlich annimmt , lässt sich mit 
einiger Sicherheit auf deren "NVesen und Charakter zurückschlicssen. 

Vielleicht ist der Nasenschmuck gleicher Gattung in dieser Be- 
zielumg noch strenger und fesselnder, insofern jede unedle Haltung, 
jede zu rasche , unbedachte Bewegung des Kopfes unfehlbar die 
lächerlichsten I'endelschwingungen hervorrufen imd in Folge dieser 
Wirkung inmitten des Gesichts das ästhetische Gefiilil auf das Em- 
pfindlichste beleidigen muss. Man findet daher diesen Schmuck nur 
bei Völkern , Avelche ihre Weiber in grosser Abhängigkeit und sitt- 
licher Gebundenheit erhalten. 

Ein überzeugendes Beispiel von der ästhetischen Wirkung des 
in Rede stehenden Prinzips ist das künstlerische Wohlgefallen , wel- 
ches wohlgestaltete Wasserträgerinnen erwecken. Sie wurden das 
Vorbild der architectonisch bedeutsamen Kanephoren und Karyatiden. 
Die Erwähnung dieser symmetrischen Gewandstatuen führt uns zu 
dem Faltenwurfe der Gewänder als makrokosmischer Schmuck, dessen 
ästhetische Bedeutung von den Alten klar erkannt wurde, sowie sie 
denn nocli lieutiges Tages bei den Morgenländern volle Gültigkeit 
behielt. Das äussere Erscheinen , ja selbst das sittliche Wesen vieler 
orientalisclicn Stämme wird durch den makrokosmischen Zwang der 
bei ilincn üblichen faltenreichen und langen Gewänder sichtbar 
beeinflusst. 

Wir Europäer haften niemals sehr ausgebildetes Gefühl für diese 
i\rt des Schmucks ; ich darf nur auf die bauschigen Reifröcke , die 
Crinolines und die Falbelkleider hinweisen, die offenbar nicht zum 
makrokosmischen, sondern zum Ringschmuck gehören. Wohin aber 
soll man imsere Fracks rechnen ? Sind sie Richtungsschmuck , oder 
dislocirter Pendelschmuck, oder eine Mischgeburt von beiden? 

Bei den Hellenen und Römern war die Gewandung als makro- 
kosmischer Schmuck sowie in anderer Auffassung nach allen Ab- 
stufungen auf das Edelste imd Feinste künstlerisch durchgebildet und 
nüancirt, von dem faltenreichen Chiton der majestätischen Hera und 
dem steifgetaltelten Peplos der Pallas Athena , bis zur hochgeschürzten 
Artemis Agrotera, 

nudo geivi nodoquc sinus coUrcta fluent'is. 

Mit dem Faltenwürfe und dem übrigen in diese Klasse gehörigen 
Schmucke steht der Uaarputz und die Anordnung des Bartes in 



— 1U8 — 

nächster Beziehung. Das Haupthaar mit dem Bart ist ein natürlicher 
Schmuck, der vermöge seiner Gefügigkeit geeignet ist, sich jeder 
kosmetischen Absicht zu schmiegen. 

Er zeigt sich als makrokosmisclier oder .symmetrischer Schmuck, 
so lange das Charakteristische einer Erscheinung die Ruhe bleibt. 

So bezeichnet der in vertikalen symmetrischen Ringellocken her- 
abhängende assyrische Haarwuchs und Bart die Gravität des orien- 
talischen Herrschers. 

Nach der Strenge des ägyptischen Staatsprinzipes erschien das 
Hanpthaar und der Bart als ein Symbol der Unordnung und Ver- 
worrenheit ; beides wurde glatt abgeschoren , durch symmetrischen 
Kopfaufsatz , oder im Civilstande durch äusserst Conventionellen Pe- 
rückenbau mit verticalen Ringellocken ersetzt. 

Die Hellenen milderten das assyrische Prinzip und bildeten dar- 
raus das ambrosische Haupt des olympischen Zeus. Rhea, die Mutter 
des Zeus imd der Hera, erscheint aber noch auf archaistischen Reliefs 
mit gerade herabhangenden Haartressen und es war hieratisches Gesetz, 
das Heräum bei Argos nur mit geflochtenem Haarputz zu betreten. 
Auch an der Demeter und der Athena sind, besonders im älteren 
Kunststyle , die herabhängenden Haarzöpfe und der symmetrische 
Faltenwurf der Gewänder bezeichnend. 

Dagegen treten Apoll und Artemis mit wallendem , vorne im 
Knoten zusammengebundenem Haupthaar auf, ganz im Einklänge mit 
der Tendenz dieser Gottheiten. 

Ares , der Kampfbereite , hat kurzgelocktes und gesträubtes Haupt- 
haar. Aehnlich trägt sich der rüstige Hermes. So vertraut waren die Grie- 
chen mit der vielseitigen Bedeutsamkeit des natürlichen Kopfschmuckes. 

Die in Rede stehende Gattung des Schmuckes wurde vorhin von 
mir als vorzugsweise symmetrisch bezeichnet; dieses ist sie auch in 
der That, obschon im Faltenwurfe diese Symmetrie mit fortschreitender 
Kunst im freieren Sinne als Massengleichgewicht aufgefasst wird, 
welches auch dadurch nothAvendig wird, weil die Draperie zugleich 
einer andern Kategorie des Schmuckes angehört, von der später die 
Rede sein wird, also zwei Eigenschaften in sich vereinigt. 

Sonst Ist jeder in diese Klasse gehörige Putz streng symmetrisch 
zu nehmen. Ein einzelner Ohrring oder Ohrringe von verschiedener 
Länge und Schwere würden nicht statthaft sein, w^ogegen ein einzelnes 
Armband oder eine Anhäufung von mehreren Armringen an einer 
Seite, während der andere Arm imgeschmückt bleibt, oder eine schräg- 
befestigte Kopfzierde, ein schiefgeschürzter Gürtel das Schönheitsgefühl 
nicht unbedingt verletzen, wohl auch in Fällen angenehm berühren. 



— 109 ~ 

Noch weniger vennisst man die Symmetrie an dem , was ich , in 
Ermangelung eines bessern Ausdrucks dafür, unter Richtungsschmuck 
verstehe. 

2) Der Ringschmuck. 

Er ist prinzipiell vom vorigen darin unterschieden, dass er in 
dirccter und ungetheilter Beziehung zu dem Körper oder Körpertheile 
steht, den er verziert, imd zwar nur, insofern er die Form und die 
Farbe desselben hervorhebt oder die Beziehungen betont, in welchen 
die einzelnen Thcile der Erscheinung zu einander stehen. 

Der Ringschmuck ist vorzugsweise proportionalisch ; er dient 
dazu , das Proportionale des Wuchses hervorzuheben , Mängel desselben 
zu verbessern, unter Umständen durch Uebertreibungen , d. h. durch 
Versündigungen gegen das Gesetz der reinen Proportionalität gewisse 
charakteristische oder zweckeinheitliche Wirkungen der Erscheinung zu 
unterstützen. 

Es zeigt sich als Charakteristikum dieser Zierden , dass sie durch- 
weg entweder peripherische oder peripherisch-radiale Anordnimgen um 
den geschmückten Gegenstand als Kern und Mittelpunkt der Bezie- 
hungen sind. 

Vornehmlich ist aucli hier das Haupt, als derjenige Theil, welcher 
gleichsam den ganzen Menschen sinnbildlich repräsentirt, Gegenstand 
dieser Gattung des Zierraths , die ich im Gegensatz zu der früheren , 
die ich die makrokosmische nannte und wegen der vorhin angedeu- 
teten Eigenschaften , als mikrokosmisch bezeichnen möchte. 

Der einfache Blätterkranz zeigt schon das ganze Gesetz dieser 
Auschmückungswcise , eine peripherische Umzirkelung des 
Hauptes; dabei giebt sich in der Aneinanderreihung der Blätter auf 
eine Schnur bereits das radiale Prinzip zu erkennen, welches in natür- 
licher und daher allgemein verständlicher Weise auf den Beziehungs- 
mittelpimkt hinweist, um Avelchen es sich ordnet. Damit sich die 
Beziehungscinheit klar und verständlich ausspreche, ist eine geregelte 
Anordnung der Theile, eine eurhythmische Reihung derselben erfor- 
derlich. 

Das Gesetz der Eurhythmie tritt demnach sofort als thätiges 
Element der mikrokosmischen Ausschmückung hervor. 

Diess bestätigt sich in dem Gefallen, welches der einfachste 
Naturmensch an dem Perlenzierrathe findet. Die eurhythmische Kranz- 
reihung ist ursprüngliclier als der rein peripherische Ring, der bereits 
als Abstraction, wegen seiner grösseren Einheitlichkeit als goldener 
Reifen in der xogtuvt] und dem cylindrischen noXog erst von den 
Griechen zum Symbole höchster Gewalt und Majestät erhoben wurde. 



— 110 — 

Eine doppelte Bedeutsamkeit erhält der liauptmiizlrkelnde Kranz, 
wenn die Elemente, aus denen er besteht, als aufwärts gerichtet und 
aufrecht stehend erscheinen, seien sie nun Baumblätter, oder Vogel- 
federn, oder sonstige natürliche oder ihnen nachgebildete Kunstgegen- 
stände , die durch ihre aufrechte Stellung zu erkennen geben , dass 
sie das Oberste, das Endende der Gestaltung sind, dass der Theil 
derselben , dem sie zunächst angehören , das Haupt ist. Dieser Art 
sind die Federkronen der mexikanischen Kaziken und in der assyri- 
schen Tiara blickt die Federkrone , als Kern dei-selben , über dem 
Diadem, welches sie umgibt, noch sichtbar hervor. 

Ein barbarischer Ungeschmack gibt sich auf dem ganzen CTcbiete 
der Völkerkunde in den mannigfachen Bestrebungen kund , die Au- 
torität des Hauptes und der Person auf Kosten der Proportionalität 
durch Aufsätze und sonstigen schweren Kopfputz zu heben. Nur die 
Hellenen und ihnen kulturverwandte Völker hielten sich davon ent- 
fernt. Diess allein schon berechtigte sie , sich den Barbaren als 
Nichtbarbaren gegenüberzustellen. 

Auch wir haben noch immer unsere Grenadiermützen und tubu- 
lären Filzhüte, Formen von nie übertroffener Barbarei. 

x\uch der Halsschmuck (Tiei)idegaia, monile) gestaltet sich in 
peripherischer und zugleich radial - eurliythmischer Anordnung. Die 
ursprünglichsten Einlieiten sind liier entweder Federn , wie an dem 
alt-ägyptischen breiten Halskragen, der das Vorbild der Aegis der 
Pallas Athene war, oder häutiger harte, unorganische, regelmässige 
Körper, wie Steine, Zähne, Knochen, Perlen und dem künstlich 
Nachgebildetes, die ursprünglich einfach durchbohrt und auf Fäden 
gereiht, hernach in reichen metallischen Einfassungen in eurhythmischer 
Ordnung aneinandergekettet wurden. 

Ausser dem auch hier thätigen Prinzipe der Hinweisung auf den 
Mittelpunkt der Beziehimgen vermittelst radialer Umzirkelung, wirkt 
der Contrast der geometrisch regelmässigen Zusammenreihung von 
leblosen, zumeist dem Mineralreiche angehörigen Gegenständen zur 
Hervorhebung der schwellenden Formen des lebendigen Organismus. 

Das Farbenspiel des Schmuckes, der metallische Glanz, die 
Strahlenbrechungen auf den geschliffeneu Steinen , ziehen zugleich das 
Auge auf den geschmückten Gegenstand. Die AVirkungen des Far- 
benspieles endlich lassen sich so berechnen , dass die Vorzüge des 
Inkarnates durch Farbenkontrast herausgehoben , oder dessen Mängel 
durch Farbenjuxtaposition und Assimilation korrigirt werden. 

Nützliche, diesen und andere wichtige Punkte der Toilettenkunst be- 
treffende Winke gibtChevreuil in seinem Büchlein über Farbenharmonie. 



— 111 -^ 

Der den Leib umzirkelnde Gürtel , nach dem Zeugnis» der 
Genesis der älteste Putz des Menschengeschlechtes, entspricht der 
Halszierde, indem diese den Uebergang zwischen Schultern und Haupt, 
jener den Ansatz der Beine an den Leib accentuirt und zugleich 
vennittelt. Beide zusanunen verstärken und betonen gleichsam den 
proportionalen Dreiklang der menschlichen Foim. 

Zugleich ist der Gürtel, mit Rückblick auf dessen dienstthucnde 
Bestimmung, das Sinnbild rüstiger Kampfbereitschaft und der Macht. 
So war die purpurne, tief herabhangende, goldbetroddelte Ciovr niQatxi 
nebst der Mitra das imantastbare Attribut des grossen Königes, womit 
sich Alexander, als dessen Besieger und Erbe , in feierlicher Umgür- 
tungsceremunie bekleidete. 

Aplirodite legt den Gürtel der Chariten au , um den Zauber 
ihrer Macht zu sichern. Die hellenischen Schönen erhalten von Dich- 
tem durchweg die Bezeichnung der Schöngegürteten ; Beweise des 
hohen Ansehns, in welchem diese Zierde auch bei den Griechen stand. 

Fast gleiehcu Ansehns genoss der Gürtel in den ritterlichen und 
romantischen Zeiten des Mittelalters. Er bildet noch heutiges Tages 
den wichtigsten Gegenstand der Toilette bei den Völkern des Ostens. 

Es könnte hier noch der Saum des Gewandes genannt werden, 
der bei den Hellenen ein wichtiger Gegenstand des Putzes war. In 
gewissem Sinne ist auch er ein Ringschmuck , der Abscbluss der 
Gestalt nach unten, im Gegensatze zu der krönenden Zierde des 
Hauptes. Der die Verhältnisse verkürzende und entstellende mehrfache 
Falbelbesatz war den Alten unbekannt. 

Die nächstwichtigen Ringzierden dienen zur Ilervorhebmig der 
Verhältnisse und des Incamates der E.xtremitäten der Gestalt, ein 
gleichfalls uralter Zierrath, der sich bei uns nur noch im Bracelet 
erhielt, Mährend im Alterthum die noch jetzt im Oriente herrschende 
Sitte bestand, ausser dem Handgelenke auch den Oberann, den flei- 
schigen Theil des Unterarms und die Fussgelenke mit Ringen zu 
umgeben. 

Die in ästhetischer Beziehung bedeutungsloseste, desshalb auch 
von den Griechen erst mit überhandnehmender asiatischer Sitte zum 
eigentlichen Schmuck erhobene Ringziorde, sind die Fingerringe. Sie 
wurden bei Griechen und Römern vorher kaimi anders denn in ten- 
denzsj-mbolischem Sinne aufgefasst, als Amuletträger , als Standes- 
auszeichuung , als Andenken, als Siegelringe etc. 

Bei dem Ringschmucke im Allgemeinen gilt das Prinzip, das- 
jenige, was stark, schwellend, umfangreich erscheinen soll, mit engem 
Ringwerk zu umschliessen, damit der Zwang, den die goldene Fessel 



— 112 — 

auf den geschmückten Theil auszuüben scheint, zur Verstärkung dieser 
Eigenschaften diene. In seiner gröbsten Auffassung tritt dieses Gesetz 
in den knöchernen Armringen der KafFern hervor, die in der Jugend 
an den Oberarm gelegt werden und mit der Entwicklung der Muskeln 
tief in letztere einschneiden. 

Die ästhetisch gebildeten Völker des Alterthums liebten es, in 
edlerer Auffassung desselben Gesetzes, den Oberarm und den fleischi- 
gen Theil des Unterarms mit schlangenförmigen Spiralen zu umgeben, 
ein Sinnbild, welches ohne physischen Zwang den beabsichtigten Zweck 
erfüllt und zwar in gesteigerter Wirkung. 

Umgekehrt verhält es sich mit dem Schmucke derjenigen Theile, 
die zart, von geringem Umfang, nicht fleischig, sondern elastisch fest 
erscheinen sollen. An ihnen müssen die Fesseln locker, gegliedert 
sein, und ein freies Spiel gewähren. 

Dies Gesetz sehen wir in der That ebenfalls von den hellenischen 
Schönen, sowie noch jetzt von den Hindu-Damen befolgt, die es vor- 
züglich lieben, das Fesselgelenk der Füsse mit lockerem Ringwei'k zu 
umzirkeln. 

Das genannte Prinzip hat auch für den Halsschmuck und den 
Gürtel seine volle Gültigkeit. 

Die Formen des Halses und der Schultern sind ihrem Ausdrucke 
und Charakter nach sehr verschieden, und jedem Nacken steht ein 
besonderer Styl der Halsverzierung in Form, Farbenzusammenstellung 
und besonders in Rücksicht auf Weite und Befestigungsweise besser als 
andere. Ein englischer schlanker Schwanenhals z. B. wird dadurch geho- 
ben, wenn ihn ein enger Ring nach der Mitte seiner Länge umschliesst. 
Denselben Schmuck wird eine Dame von mehr römischer Schönheit für 
sich nicht wählen, wenn nicht die allmächtige Mode dazwischen tritt. 

Der Gürtel muss nach diesem Gesetze stets so geordnet werden, 
dass er gleichsam heruntersinkend, auf den Hüften aufstauchend und 
weit erscheine. Denn so wird die Schlankheit des Wuchses am meisten 
gehoben. Eine Regel, wogegen die Moden unseres Jahrhunderts fort- 
während sündigten , wenn überhaupt von dieser Zierde bei uns noch 
die Rede sein kann. Im Orient hat sich nach alter Tradition das 
bessere Prinzip der Bekleidung auch hierin erhalten. 

Auch auf die Umzirkelung des Hauptes lässt sich dieses Gesetz 
anwenden. Nicht jeder Kranz steht jeder Schönen. Vorzüglich gilt 
es von dem schmiegsamen Haupthaai', das sich auch in peripherischer 
Anordnung auf das manchfachste als schönster Schmuck des Hauptes 
gestalten lässt, und als solcher der rein formellen Schöne, z. B. der 
Aphi'odite von den hellenischen Künstlern attribuirt wurde. 



— 113 — 

3) Der Richtungsschmuck. 

Es bleibt noch übrig, die Gattung des Schmuckes zu besprechen, 
welche die Richtung nnd Bewegung des Leibes hervorzuheben be- 
stimmt ist; ohne Zweifel die geistigere, insofern sie die Annuith in 
der Bewegung, den Charakter und den Ausdruck der Erscheinung 
näher als die vorherbesprochenen berührt. 

Sie unterscheidet sich wesentlich dadurch von den früher ge- 
nannten, dass sie weder nothwendig symmetriscli ist, noch in eurhyth- 
mischer Anordnung einen Theil ringfümiig umfasst, sondern sich durch- 
weg nur auf den Gegensatz des Vorne und Hinten einer Erscheinung 
bezieht, und vorzugsweise für die Profilansicht berechnet ist. Dies ist 
das allgemeine Charakteristikum dieser Gattung, welche sich aber in 
zwei verschiedene Unterarten theilt: nämlich die feste, unbewegliche, 
und die flatternde. 

Die letztere bezeichnet nicht bloss die Richtung, sie hat zugleicli 
die Bestimmung, die Bewegung, den Grad der Geschwindigkeit, mit 
der die Erscheimmg Ihre Richtung verfolgt, zu accentuiren. 

Zur ersten Gattung gehört z. B. jene mit Edelsteinen reich be- 
setzte Zierde vome an der Mitra, das (fükaqov Tiuqag, des persischen 
Herrschers. Desgleichen die Urteusschlange über der Stime der ägypti- 
schen Gottheit. Aehnlicher Schmuck kam im 15. und 16. Jahrhundert 
wieder in Aufnahme und wurde das Lieblingsobjekt der damaligen 
Meister in der Goldschmiedskunst: Caradosso, Benvenuto Cellini und 
anderer. 

Hiezu ist auch die Agraffe, das Heftel, zu rechnen, das die 
Zipfel des Gewandes vor der Brust oder auf der Schulter zusammenhält, 
ein Spnbol hohenpriesterlicher "Würde bei den Asteken und Juden. Die 
Päbste adoptirten es gleichfalls und bestimmten zm- Zierde des Knopfes, 
der das Scapulier zusammenfasst , die grössten und schönsten Juvelen des 
vatikanischen Schatzes, mit deren Fassung sie die ei-sten Künstler be- 
trauten. Die sogenannten Faveurs der Damen des 16. und 17. Jahrhun- 
derts waren ein vorzüglich reich ausgestatteter Schmuck der genannten 
Gattung. Verkümmerungen beider Zierden haben sich bei uns in den 
Nationalkokarden und den Vorsteckenadeln (Brechen) erhalten. 

Vor allem wirksam tritt die Richtung in den kriegerischen Kopf- 
bedeckungen hervor, und zwar scheint ein natürliches Gefühl alle 
Völker hierin auf die nämlichen Formen hingeführt zu haben. Der 
Helmschmuck des Neuseeländers ist mit dem althellenischen fiist iden- 
tisch. Der Kamm des Hahnes und sonstiger kampflustiger Vögel gab 
dabei das Vorbild. 

Bei den Assyriern und Aegyptern war der Helmschmuck {ifaXog) 



— lU — 

unbeweglich starr, sowie auoii der Kopfschmuck ihrer Rosse, die 
phalerae; doch pflegten die Aegypter schon sich und ihre Pferde mit 
einzelnen, einseitig über dem rechten Ohr befestigten Federn zu 
schmücken. Der starre Helmschmuck war auch für den schwer be- 
waftVieten römischen Legionssoldaten bezeichnend. 

Die Hellenen und Hetrusker dagegen hatten lang flatternde, 
nach hinten herabwallende Helmzierden von Hossmähnen. Der flat- 
ternde Helmschmuck ward bekanntlich auch im Mittelalter vornehm- 
liche Zierde des Kriegers ; sie hat sich bis zu uns erhalten , aber die 
flattemden Helmbüsche sind zu wackelnden kurzgeschorenen Haarwür- 
sten verkümmert ; es fehlt durchweg jener Charakter des Yorwärts- 
stürmens, der rüstigen Eile, der sich in den Helmziorden des Alter- 
thums ausspricht. 

Noch weniger Richtung haben unsere modernen Civilhüte, au 
denen man beliebig das Hintere für das Vordere nehmen kann. 

So wie das Gewand in der Ruhe nicht mit Unrecht vorhin eine 
makrokosmische Zierde genannt wurde, ebenso muss es in der Be- 
wegung,, wenn in den Lüften flatternd, offenbar als Richtungszierde 
gelten. Ein unerschöpfliches Mittel, die Richtung und die Bewegung 
einer Gestalt anmuthig zu accentuiren, bieten die flatternden Bänder, 
Schnüre, Troddeln u. dgl. Es gilt auch von ihnen, dass sich zwei Priu- 
zipe des Schmückens in ihnen bewähren, nur dass hier das bewegliche 
Element das andere, das tellurische, überwiegt, und dass, wegen der 
Leichtigkeit der dafür gewählten Stufte, ihre Bewegung von der des 
Lidividuum mehr oder weniger unabhängig ist, durch sie nicht jede 
kurze zufällige Wendung , sondern nur die Körperbewegung in ihrer 
allgemeinen Richtung und Gesetzlichkeit reflektirt wird. 

Diese doppelte Eigenschaft ist maassgebend für die Anwendung 
des genannten Schmuckes. Gar leichtes flatterndes Bänder- und Schleifen- 
werk ziemt sich für jugendliche und weibliche Formen, wogegen dieser 
Schmuck, wenn er die passende Stimmimg erhält, den ernsten Pathos, 
das Gravitätische der Gestalt hervorhebt. Diese Stimmung erreicht 
man durch breites, schweres, betroddeltes Bandwerk und dem Aehnliches. 
So sind die über den Schultern rückwärts herabwallenden Endungen 
des Diadema (die TiaQctyvaS'iöeg), die den Weihekranz zusammenhalten- 
den tteniie , Symbole des Herrscherthums und priesterlicher Weihe. 
Die Verzierungen und Stickereien des Bandschmuckes sind dessen 
beweglichem Charakter entsprechend zu wählen, also der Bewegung 
folgend, sich abrollend. Auch hierin waren die Völker des Alterthmns 
und sind die halbbarbarischen Hindu und sonstigen Morgenländer takt- 
voller als wir. 



^^- 115 — 

Auch in düfso Klasse des .Schmucks geliört das allgetugige Haupt- 
haar; freiflatternd oder vorne in Knoten geschürzt (das Attribut des 
Appollon, der Artemis, des Eros), oder hinten genestelt, ein anmuthi- 
ger Richtungsschmuek der hellenischen, hitrurischou und römischen 
Damen. 

Der Zopf der Chinesen und unserer Vorfahren, sammt dem Ilaar- 
beutel, sind Carrikaturen des Richtungsschnnickes. 

Die drei bezeichneten Prinzipe des Schmückens müssen nun zweck- 
einheitlich an der geschmückten Erscheimmg zusammenwirken, d. h. sie 
müssen in ihrem Gesammteindrucke das Wesen und den Charakter 
derselben vortheilhaft hervorheben und wiederspiegeln; wobei die erste 
Regel ist, dass der Schmuck nicht durch Ueberladung die Aufmerk- 
samkeit zerstreue und von dem geschmückten Gegenstand abziehe, oder 
schlecht gewählt und geordnet, die Hannonie der Erscheinung störe. 

Ein leichtes Mittel, das zweckeinheitliche Zusammengreifen des 
Schmuckes zu befördern, besteht darin, dass eines von den drei Piin- 
zipien die beiden anderen beherrsche. 

Interessant ist die Beobachtung, wie die Charakterverschiedenheiten 
der Völker sich in dem Vorherrschen des einen oder anderen Schmuck- 
prinzipes bei ihnen abspiegeln. 

Das tellurisch gesetzliche Element der ägyptischen Culturform 
spiegelt sich in dem Vorherrschen des symmetrischen Schmuckes; wir 
erkennen analoge Tendenz in dem ägyptischen Baustyle ; der Assyrier 
liebte vornehmlich die Umgürtung und den Ringschmuck; wir erkennen 
darin das feudalistisch dynastische und doch centralisirende Cultur- 
prinzip dieses Volkes wieder, das auch in dem Baustyl der Assyrier, 
Caldäer und Perser seinen analogen. Ausdruck fand. 

Der mit den Fingfedern des Streitadlers berittigte Waldindianer 
Nordamerika's hat besonderen Sinn für das unsymmetiische Prinzip des 
Schmückens, welches Bewegung und Richtimg hervorzuheben sich eignet, 
ganz bezeichnend für das unstete Jägerleben , welches er führt. 

So auch liebt das Volk der Franzosen vor allen den Feder- und 
Bänderschmuck, 

Bei den für das Schöne allseitig empfänglichen Hellenen finden 
wir ein freiestes Zusammengreifen der drei Prinzipe, jedes in seiner 
ihm angemessenen Wirkungssphäre. Nur ihnen gelang die glorreiche 
Vereinigung des Gleichberechtigten in der Zusammenfassung zweck- 
einheitlicher Harmonie. Das Gleiche erreichte die gesammte hellenische 
Tektonik, deren Prinzip ganz identisch mit dem Prinzip der schaffen- 
den Natur ist, nämlich den Begriff jedes Gebildes in seiner Form 
auszusprechen. Sie lässt den leblosen Stoff zu einem kunstvoll 



— 116 — 

gegliederten idealen Organismus zusammentreten, verleiht jedem Gliede 
ein ideales Sein für sich, und lässt es zugleich sich als Organ des 
Ganzen, als fungirend ausspi'echen. Sie umkleidet die nackte Form 
mit einer erklärenden Symbolik, die eben dahin geht, wonach beim 
Schmücken des Köi-pers gezielt wird, nämlich das gesetzliche Eben- 
mass und den Character der Form nach allen Seiten zu betonen , 
dessen Glieder in ihrer Individualität und in ihrer functionellen Be- 
ziehung scharf zu bezeichnen. 

Das griechisclie Wort für Bauen bedeutet daher aucli Schmücken, 
in ganz ähulicliem Dojjpelsinne, Avie der frülier hervorgehobene des 
Wortes xOG(.iog. Das Gehänge , der Kranz , und jener namenlose 
Schmuck, der die Richtung markirt, sind die wichtigsten der Symbole, 
deren sich die hellenische Baukunst bedient, um das Angedeutete zu 
erreichen. Sie haben ihre Analogieen nicht unmittelbar in der Natur, 
sondern fast ausschliesslich im Schnuicke , der den menschlichen Kör- 
per ziert. Bei den meisten deutet schon die technische Benennung, 
die man ihnen gab, darauf hin. 

So sind z. B. die Tropfen am dorischen Gebälke ein Behang, 
der im Contraste zu der schrägen Unterfläclie der Gesimmsplatte steht, 
an dem man in veredelter iiellenischer Durchbildung dasselbe Prinzip 
erkennen muss, welchem gemäss der grobrealistische Chinese sein 
Pagodendach mit schwebenden Berlocks nnd Glocken behängt. 

Die Korona oder Sima des Giebeldaches hat den Namen , die 
Bestimmung und selbst die Ornamentation eines Kranzes oder Diadems 
als Oberstes und Krönendes. Dasselbe Symbol beschliesst auch die 
Einzelnglieder des Baues und erscheint, wenn belastet und gleichsam 
dem Drucke elastisch widerstrebend, als Conflictsymbol (Kyma). 

Die bindenden Symbole, die Spiren, Toren, Tänien, Astragalen, 
sind sämmtlich Ringzierden und als solche im Ornament deutlicli 
bezeichnet, nämlich als glatter Ring, Riemengefleeht, Blattgewinde, 
Perlenschnur , oder als mit Mäander , Labyrinth , oder sonstigem dem 
Webstuhl geläufigen Muster geschmücktes Bandwerk. 

Wie der krönende Kranz das Haupt des Tempels schmückt, so 
umgibt der gegliederte Metopenfries ihn an der Stelle, wo die Domi- 
nante der Proportion abschliesst und mit dem stützenden Säulenban 
in Verbindung tritt, gleichsam das aus Gemmen eurhythmisch zusam- 
mengesetzte breite Monile, die Halszierde des baulichen Organismus. 

Ihm entsprechend trennt ein breites Diazoma den Unterbau vom 
Mittelban, vermittelt den Uebergang des Stützenden zur tragenden 
Basis, dem Gürtel des Menschen vergleichbar imd mit gürtelähnlicher 
ornamentaler Charakteristik. 



— 117 — 



Wer endlich vei-kennt in den Palmetten der Akroterien, die den 
Giebel schmücken , so wie in den kammartig verzierten Firstzicgeln , 
die Analogie mit der die Richtung bezeiclmendeu Ilehnzierdc! 



Es Hesse sich auf das Voi-ausgcscliicktc eine eigene Schönheits- 
theorie begründen , deren kurze und besonders deren kurzweilige 
Entwicklung aber grosse Schwierigkeiten bietet. Jedoch mögen die 
hochverehrten Versammelten mir gestatten, diesen Vortrag mit einigen 
hierauf bezüglichen Andeutungen zu schliessen. 

Wie der kosmische Trieb des Menschen sich zuerst im Schreck- 
baren äussert, ebenso gefiel sich die Natur in ihren frühen Schöpfungen 
in dem Erzeugen des Formlosen, des Ungegliederten, des Gewaltigen. 
Erst in ihrer jüngsten Schöpfung, im Menschen, treten uns die Ei- 
genschaften der formellen Schöne bei reichester Gliedermig in voller 
Geschiedenheit durchaus klar und verständlich entgegen. Die Gestalt 
des wohlgebildeten Menschen erfüllt in hohem Grade die Grundbe- 
dingung des Formell - Schönen , nämlich sich als Einheit in der Man- 
nigfaltigkeit darzustellen. Sie ist zugleich diejenige, in welcher die 
beiden Elemente Einheit und Mannigfaltigkeit in ihren Momenten und 
gegenseitigen Beziehungen am fasslichsten hervorti'eten , Avesshalb icli 
bei dem zunächst folgenden die Menschengestalt als nächstes Object 
stets im Sinne behalten werde. 

Die Aesthetik des Rein -Schönen hat ihre materielle Grundlage 
in der Dynamik und Statik. 

Jede in sich abgeschlossene Form haftet so zu sagen an einem 
Körperlichen, bei dessen Gestaltung und Erhaltung Kräfte thätig sind. 
Nun hat es zwar die Aesthetik nur mit der Form als solcher zu tliun, 
mit dem Stücke Raum, was sich zu einer Form abschliesst, und 
keineswegs mit dem Körperlichen und dem Wesen der Dinge; aber 
in dieser Form soll sich das Wesen desjenigen, dem die Fonn an- 
haftet, abspiegeln, also zunächst auch dasjenige dynamische Gesetz, 
was dem Wesen Existenzfähigkeit verleiht. 

Daher ist der Eindruck, den die Form auf nnsenr Schönheits- 
sinn macht, zunächst begründet auf ein unbewusstes Messen , Abwägen 
und Integriren von Funktionen, die unserer AVissenschaft zu complicirt 
sind, und deren Lösung ihm allein gelingt. Diess stimmt mit einer 
bekannten Aeusserung Leibnitzens über die Musik überein. Da das 
Wohlgefallen an einer Form ziun Theil und zunächst auf dem Con- 
flicte und dem Gleichgewichte von Kräften beruht, welche sich in 

Wissenschaftliche Monatsschrift. 9 



— 118 — 

ihr ausdrückeu , so kommt die Wirksamkeit und gegenseitige Richtung 
dieser Kräfte in der Aesthetik zunächst in Betracht, 

Die am allgemeinsten thätige unter diesen Kräften ist die An- 
ziehungskraft der Massen, für unseren Fall, den Menschen, die Schwer- 
kraft. Ihr normal entgegen wirkt eine andere Kraft, die Lebenskraft, 
nämlich diejenige, die unabhängig vom Willen, das organische Wachs- 
thum der Gestaltung von unten nach oben vertikal aufwärts hervor- 
bringt. Beide Kräfte treten mit einander in Couflict, woraus eine 
Modification in der Form hervorgehen muss, nach welcher das Be- 
stehen derselben möglich wird. 

Eine dritte die Bildung des Menschen bedingende Kj-aft geht von 
dem Funkte aus, welcher der Gegenstand seiner Affecte ist, und auf 
welchen er, als willenbegabtes Wesen, seine Absichten und freien 
Bewegungen richtet. Dieser Punkt kann zwar in jedem Momente 
seine Lage ändern, aber immer wird der wachende und funglrende 
Mensch auf irgend einen Punkt hin gerichtet sei)i. 

Dieser freilich mehr ideellen Willenskraft wirkt eine vierte Kraft 
normal entgegen , so dass ein Conflict eintritt ganz ähnlich demjenigen 
zwischen Schwerkraft und Wachsthumskraft. 

Dieselben Massen und Theile der Gestalt nämlich, die sich als 
schwer bethätigen, indem sie von der Erde angezogen werden, und 
desshalb mit der Wachsthumskraft in Conflict gerathen, wirken nach 
dem Gesetze der Trägheit der Willensrichtmig entgegen, sei es nun, 
dass diese eine Bewegung des Systemes zu beginnen oder aufzuhalten 
beabsichtige. Als Beispiele von Symmetrie, als abhängig vom Träg- 
heitsmomente der Massen und von der Bewegung, dienen die schönen, 
von symmetrischen Gewändei'n umflatterten, Victorien der alten Kunst. 

Diese vier Kräfte kann ich mir als von vier Kraftcentren aus- 
gehend denken, die zwei Paare bilden. Vereinige ich je zwei miter 
ihnen, nämlich diejenigen, die einander normal entgegenwirken, durch 
gerade Linien, so bilden diese beiden Linien zwei Gestaltungsaxen 
der Erscheinung, die, beim Menschen, einander rechtwinklicht durch- 
schneiden. 

Die erste Bedingimg einer existenzfähigen und functionsfähigen 
Gestaltung ist nun, dass in Beziehung auf diese beiden Cardinalaxen 
die Massen, aus denen das System besteht, sich einander das Gleich- 
gewicht halten. Wäre der Mensch, wie der Baum, ohne Richtung, 
und entwickelte er sich nur vertical aufwärts, so würde die Massen- 
vertheilung sich rings um den Stamm so ordnen, dass dem Gleich- 
gewichte genügt sei ; die Ordnung der Glieder der Gestaltung nach 
verticaler Richtung (bei dem Baume die Ansätze der Verzweigungen), 



— 119 — 

würde dabei von dem Gesetze des Gleichgewichtes in so fern unab- 
hängig bleiben, als es für letzteres ganz ohne Einfiuss wäre, ob ein 
bestimmter Ring von sich , in Bezug auf den verticalen Stamm , ein- 
ander das Gleichgewicht haltenden Aesten oben oder unten am Stamme, 
über oder unter anderen , gleichfalls einander die Waage haltenden 
Systemen der Verzweigung hervorwüchsen. 

Fiele ferner beim Menschen die Gestaltungsaxe mit der horizon- 
talen Richtungsaxe zusammen, wie z. B. bei der "Wasserschlange , so 
müssten um diese Linie herum die Momente der Trägheit und des 
Wasserwiderstandes einander so balanciren, dass keine imfreiwillige 
Abweichung von der Richtungsuniformität in Folge ungleichmässiger 
Massenvertheilung in Bezug auf die Horizontalaxe eintrete ; dieses 
Gesetz würde aber wieder die Ordnung der Theile nach dem Sinne 
der Bewegung selbst durchaus nicht berühren, und zwar aus dem- 
selben Grunde, der bereits hervorgehoben Avurde. 

Nun aber participirt der Mensch von beidem; er entwickelt sich 
vertical aufwärts und ist horizontal gerichtet, also ist er in der Glie- 
derung seiner Theile in dem Sinne von Oben nach Unten, so wie in 
dem Sinne von Vorne nach Hinten, von dem Gesetze des strengen 
Gleichgewichtes unabhängig ; nur in dem Sinne von Rechts nach Links, 
oder imigekehrt , zeigt sich die Symmetrie als die nach den 
Gesetzen des Gleichgewichtes geordnete Gleichvertheilung der Viel- 
heiten. Beim Krystallpolycder ist die Symmetrie stereometrisch, beim 
Baume ist sie planimetrisch horizontal, beim Menschen und allem ihm 
hierin nachgebildeten ist sie linearisch horizontal. Die horizontale 
symmetrische Axe durchschneidet die glciclifalls horizontale Richtungs- 
axe, so wie die verticale Lebensaxe rechtwinklieht. Sie ist gleichsam 
die unsichtbare Balancirstange, die der Gestalt statischen Halt gibt. 

So ergeben sicli für den Menschen und für Gebilde der Kunst, 
die hierin nach seinem Vorbilde entstanden sind, z. B. für die meisten 
Monumente der Baukimst, drei Axen der Gestaltung, welche den drei 
Ausdehnungen des Raumes entsprechen. Insofern sich nun, in Be- 
ziehung auf diese drei Schönheitsaxen , die ^Vielheit der Form ein- 
heitlich zu ordnen hat, treten folgende drei räumliche Eigenschaften des 
Schönen hervor: 

1 ) Symmetrie (makrokosmische Einheit). 

2) Proportionalität (mikrokosmische Einheit). 

3) Richtung (Bcwegungscinheit). 

So wenig wie es möglich ist, sich noch eine vierte räumliche Ausdeh- 
nung zu denken , eben so wenig kann man den genannten drei Eigen- 
schaften der formellen Schöne noch eine homogene vierte hinzufügen. 



— 120 — 

Nichts desto weniger gibt es noch einen vierten Mittelpunkt der 
Beziehungen, der aber nicht mit den früher genannten homogen ist. 

Dieses einheitliche Element höherer Ordnung ist der Cardinai- 
punkt der Erscheinung, er liegt in ihr selbst, er ist die Idee, der 
Inbegriff derselben. 

Diejenige Eigenschaft des Schönen, die aus dem sich Ordnen 
aller Theile um diesen idealen Mittelpunkt der Beziehungen herum 
zu einer Einheit höheren Grades hervorgeht, ist die Inhaltsangemes- 
senheit, welche sich bis zum Charakter imd zum Ausdrucke 
steigern kann. Sie lässt das FonneU - Schöne zugleich als gut und 
zweckentsprechend erscheinen. 

Damit sich die Vielheit zu einer Einheit höherer Ordnung ver- 
binde, müssen die verschiedenen Ki-aftcentren , von denen vorhin die 
Rede war, sich in der Erscheinung selbst vorher reflectiren, ihre dem 
Auge wahrnehmbaren Repräsentanten innerhalb letzterer erhalten. Diese 
werden gleichsam die Chorführer unter den vielheitlichen Elementen 
der Gestalt, deren übrige Glieder nur mitklingen. So wird in Bezug 
auf Symmetrie die Repräsentation des Gravitationsmittelpunktes durch 
das Hervorheben eines bestimmten, die Gestaltimgsaxe zunächst um- 
gebenden Complexes von Theilen erreicht, indem sie durch Massen- 
haftigkeit , Relief, Ueberhöhimg , glebelförmigen Aulauf nach der Ver- 
ticalaxe zu , vollere Ausstattmig , oder durch das Zusammenwirken 
mehrerer von diesen Mitteln so vor dem Uebrigen ausgezeichnet 
werden , dass sie das Auge anziehen und einen mit einem Blicke 
übersehbaren Inbegriff der symmetrischen Reihung der Theile gewähren. 

Oft gelingt es in der Baukunst, durch eine geschickte Wahl 
einer solchen symmetrischen Autorität, sich der strengen Symmetrie 
aller Theile überheben zu dürfen. 

Bei der Proportionalität kommt es darauf an, ob sie, wie beim 
Menschen, vertikal, oder, wie bei den niederen Thieren, horizontal ist. 

Ist sie vertikal, so müssen sich innerhalb der Gestalt zwei 
Punkte reflektiren : Das Gravitationscentrum und das ihm entgegen- 
gesetzte Centrum der individuellen Entwicklung. Der Reflex des 
ersteren ist die Basis, das ti'agende Glied, der Reflex des zweiten 
ist die Dominante, das getragene Glied; beide sind verbimden durch 
ein stützendes Glied , von den Eigenschaften beider participirend mid 
die Gegensätze in sich vermittelnd. 

Die Basis entspricht ihrer Bedeutmig durch nüiige Massen , einfache 
Gliederimg, dunkle Farbe, oder auch durch jMultiplicität von säulenarti- 
gen Stützen , diu'ch formelle Evidenz von Tragfestigkeit und Federkraft. 

Die Dominante entspricht der ihrigen dmxh Reichthum der Glie- 



— 121 — 

dening, Schmuck, glänzende und helle Färbung. Sie ist der Masse 
nach das Kleinere, der Bedeutimg nach das Haupt. 

Das Mittelglied zeigt in Haltung und Färbiuig ein mittleres 
Verhältniss zwischen beiden. 

Ganz andere verwickeitere Umstände treten ein, wo die pro^ 
portionale Axe horizontal ist, wie bei den schwimmenden, fliegenden 
und horizontal auf der Erde sich fortbewegenden Thieren. Das wi- 
derstehende Mittel , in welchem sie sich bewegen , tritt dabei in 
Wirksamkeit. Das Richtungscentrum ist mit dem Entwicklungscentiimi 
eins und reflectirt sich im Kopfe; das tellurische Widerstandscentrum 
aber reflectirt sich in der grössten verticalen Durchschnittsebene des 
Leibes, innerhalb welcher der Schwerpunkt des ganzen Systemes liegt. 

Wie der Fischkopf das Zusammenfallen der beiden Hauptaxen, 
der Lebensaxe und Richtnngsaxe , klar und deutlich wiederspiegelt , 
eben so verständlich spricht sich in dem Menschenkopfe die nonnale 
Lage jener beiden Hauptaxen zu einander aus. 

Diese verschiedenen Momente nun treten als Vielheiten höherer 
Ordnung in der Zweckeinheit zusammen, die auf verschiedene Weise 
durch sie reflectirt wird. Sie sind dem höheren mid letzten einheit- 
lichen Elemente gegenüber das höhere differirende Element. 

Die einfachste Combination entsteht , wenn die Centren der Be- 
ziehungen , die beim Menschen alle geschieden sind , sämmtlich in einen 
Pimkt zusammenfallen , wie bei denjenigen Gestaltungen , die aus der 
ungestörten Molekularattraktion der Atome hervorgehen. Füi- sie ist Sym- 
metrie , Proportion imd Richtung gleichbedeutend. Ihre Richtung ist all- 
seitig radial, daher sind sie richtimgslos. Ihr Charakter ist vollkom- 
mene Regelmässigkeit. Alle Iviystallbildungen gehören hierher; bei der 
Kugel wird die Regelmässigkeit zm- voUkonmiensten Gleichförmigkeit. 

Die Pflanzenwelt und die animalische AVclt treten in ihi-eu ersten 
Keimen gleichfalls in Formen auf, welche der Kugel sich amiäheni , 
nämlich als Pflanzenzelle und als Ei, somit bezeichnend, dass in 
ihnen das individuelle Leben noch indifferent ist , noch in keiner 
Beziehimg zum Makrokosmus steht. 

Aus dem indifferenten Kenie entwickelt sich die Pflanze, bei 
deren Gestaltung schon ein grosser Reichthum von Beziehungen her- 
vortritt, obschon ihi- die Spontaneitätsaxe fehlt. Der Stamm bildet, 
indem er eine Menge von Aesten aus sich heraustreibt, für letztere 
ein nächstes Glied der maki-okosmischen Beziehungen; dasselbe gilt 
von den Aesten in Beziehimg auf die Zweige, von diesen in Bezie- 
hung auf die Blätter. Dabei stehen alle diese Theile in dii-ecter 
Beziehimg zu dem Mittelpunkte der Erde. 



— 122 — 

Das Streben nach Massengleichgewicht und Symmetrie imter so 
komplicirten Wechseleinflüssen treibt die formenreiche Natur zu dem 
unendlichen Wechsel von Erscheinungen, welchen die Pflanzenwelt 
darbietet, in welcher sich das symmetrische Gesetz im Durcheinander- 
wirken mit der Proportionalität, durch av eiche es sich gleichsam spi- 
ralisch hindurchwindet, mehr ahnen als erkennen lässt, und wodurch 
ein Theil des romantischen Zaubers bedungen ist, den die vegetabi- 
lischen Formen auf das Kunstgefühl üben. 

Von den thierischen Formen wurde schon vorhin das Nöthigste 
erwähnt; sie sind wesentlich dadurch charakterisirt , dass bei ihnen 
die Spontaneitätsaxe mit der Lebensaxe zusammenfällt. In diesem 
Zusammenfallen symbolisirt sicli deutlich die auf die Erhaltung der 
Existenz alleinig gerichtete Willenskraft der Thiere niederer Ordnung; 
Thiere höherer Organisation bilden ein sehr verwickeltes Mittelglied 
zwischen diesem Schema irad dem Menschen. 

Unter allen Naturformen ist, wie schon bemerkt wurde, die 
menschliche die einzige , an welcher alle drei Beziehungsaxen jJrinzi- 
piell getrennt hervortreten. Es darf nicht erst hervorgehoben werden, 
wie sich die vollständige Unabhängigkeit der Willenskraft von dem 
Tellurischen und dem Erhaltungstriebe beim Menschen in der nor- 
malen Richtung dieser drei Axen auf einander symbolisch ausspricht. 

Die Baukunst weist eine ähnliche Mannigfaltigkeit von Combi- 
nationen auf. 

So bildet an gewissen Bauwerken das makrokosmische Moment 
den Reflector der Zwecklichkeit. Beispiele: die Tumuli , die Pyrami- 
den , das Grabmal Napoleons im Dome der Invaliden ; sie sind all- 
seitig entwickelt, ohne proportionale Gliederung imd gerade dadurch 
als Maler weltbeherrschendcr allberühmter Heroen sehr ausdrucksvoll. 

Bei andern Bauwerken ist das mikrokosmische Moment vorherrschend. 

Dahin gehören die hohen quadratischen Kuppeltempel und noch 
entschiedener die Thürrae, bei denen Symmetrie und Richtung von 
der Proportionalität gleichsam übertönt werden. Sie sind daher als 
Symbole himmelstrebender, das Irdische verachtender, religiöser Ten- 
denz, die doch selbst im Himmel ihre Individualität und ihr eigenes 
Ich beibehalten möchte , bedeutsam. 

Gleicherweise zeigt sich an vielen Werken der technischen Künste 
und der Architektur das Riclitungsmoracnt als das überwiegende. Beispiele : 
das schnellsegelnde Schiff, der befiederte Streitwagen, die Propaganda 
erstrebende Römisch-Katholische Wallfahrtskirche, als Ecclesia militans. 

Aber in dem griechischen Tempel tritt die Zweckeinheit analog 
wie bei dem Menschen zur Erscheinung. Das krönende Giebelfeld ist 



— 123 — 

zugleich die Dominante der Proportionalität, der Inbegriff der Symme- 
trie und der Reflector des ihm opfernd nahenden Festznge«. 

Ich fürchte sehr, dass diese architektunische Theorie des Formell- 
Schönen, die hier nnr in wenigen allgemeinen Zügen angedeutet wer- 
den konnte, der modernen Aesthetik als Irrlehre erscheinen wird. 
Letztere suclit alle Eigenschaften oder Bedingimgen des Rein - Schönen 
in der Form aus letzterer heraus, als nur für sich bestehend und sich 
selbst erklärend, zu entwickeln, sie betrachtet die Form als ein in 
sich völlig abgeschlossenes Stück Raum, und es ist ihr bei dieser 
Abstraction nicht einmal gelungen, den Beweis zu führen, dass eine 
völlig entwickelte Form nicht von oben nach unten, noch von vorn 
nach hinten, sondern nur von rechts nach links symmetrisch sein kö'nne.*) 

Auch über das Gesetz der proportionalen Gliederung lehrt die 
neueste Aesthetik Anderes als was dem Architekten daräber vorschwebt. 
In der Zweitheilung, wonach ein Theil sich zum anderen verhalten 
solle, wie dieser zum Ganzen, in dem sogenannten goldnen Schnitt, 
will Zeising das Geheimniss imd Universalgesetz der Proportionalität 
entdeckt haben, während doch diese Zweitheilung zwar den Conflict 
zwischen den beiden auf der Proportionalitätsaxe einander polarisiren- 
den Kräftten hervorhebt, aber für die Vermittelung beider kein ent- 
sprechendes Symbol hat. 

Auch scheint es mir gesucht, das Ganze zugleich als Theil des 
Ganzen betrachtet wissen zu wollen. Wo die Theile unter sich har- 
moniren , dort ist auch das Ganze harmonisch. 

Strenge genommen liegt in der Zeisingschen Zweitheiluug eine 
latente Dreitheilung und die Anerkennung der allgemeinen Gültig- 
keit der letzteren.!) 

*) Man lese den imklarenParagraphenl64derAesth. Forschungen von Zeising, 
worin letzterer an das ästlietische Gefühl appellirt , die die horizontale Lage der 
symmetrischen Axe verlange, dann aber hinzufügt: „Der Grund hiervon ist un- 
schwer einzusehen: Was einander in der Form dui-chaus gleich ist, erscheint 
auch als quantitativ-gleich; das Quantitativ - Gleiche erscheint aber bei völliger 
Gleichheit der Form auch von gleichem Gewicht, zwei Dinge aber die völlig 
gleiches Gewicht haben, liegen bei gleichen äusserii Umständen auch stets in 
gleicher Höhe, haben also nothwendig eine horizontale Lage." Das Letztere 
kann geradezu als unrichtig verneint werden, der ganze Satz aber passt durch- 
aus nicht in das System des Aesthetilsers , der (§. 96) eine Erscheinung von 
Seiten ihrer Form nur dann als vollkommen erkemit, wenn sich die Form selbst 
in sich als Lidifferenzirung der Einheit und Verschiedenheit darstellt, imd 
(§. 156) erklärt, dass es die Aesthetik nur mit der Anschauung der Dinge, 
nicht mit den Dingen als solchen (also auch nicht mit ihrer Schwere) zu thun habe. 

f) Wenn das Gesetz der Zweitheilung sich irgendwo in der Natur bewährt, 
so ist es bei dem Fischgeschleohte der Fall, bei dem nach dem Gesetze des 



— 124 — 

Am meisten und entschiedensten aber trennt sich meine plastisch- 
architektonische Anschauung des Rein-Schönen in dem Punkte von 
der herkömmlichen , dass ich das Bild der Dinge körperlich oder viel- 



Widerstandes des Medium ein entschiedener Gegensatz des Vorne und Hinten, 
von der grössten vertikalen Durctsclinittsebene getrennt, noth wendig wird. In- 
sofern nun der Mensch als Embryo dem Fische mehr gleicht als irgend einem 
andern Geschöpfe, so mag ihm Ln Nabel eine Reminiscenz seines unentwickelten 
D aseins geblieben sein mid sich auch das niedere Gesetz der Zweitheilung an der so 
reichen und mannigfach gegliederten menschlichen Gestalt bewähren, weim man, 
wie Zeismg will, den Nabel als den Theilungspunkt betrachtet; nichts desto 
weniger gibt sich das höhere Gesetz der Dreitheilung nicht minder imzwei- 
deutig an derselben menschlichen Figui* kund; man darf nur den ersten un- 
tersten Theil, die Basis, wie es am natürlichsten scheint, bis zur Mitte des 
Hüftwirbels, die Dominante dagegen, den Kopf, vom Scheitel bis zum Schulter- 
beinwirbel rechnen, so wird die Entfernung zwischen beiden Grenzen, nämlich die 
Länge vom Schulterbein wirbel bis zum Schenkelbcinwirbel ziemlich die mittlere Pro- 
portionale zwischen den Dimensionen der beiden vorhergenaimten Theile sein. 
Dasselbe Gesetz der Dreitheilmig mit mittlerer Proportionale findet sich sogar in 
den Untereintheilungen des menschlichen Körpers wieder, z. B. verhält sich der 
Oberarm zum Unterarm, wie dieser zur Länge der Hand, von der Handwurzel 
bis zu den Fingerspitzen gerechnet. Das Gleiche an den Beinen, an den Fin- 
gern , selbst am Haupte. 

Die Aegypter theilten, wie eine von Belzoni entdeckte Darstellung einer in 
ein Netz gezeichneten schematischen Figur zu erweisen scheint, ihre stehenden 
Figuren in 19 Theile. Hiervon fielen drei Theile auf den Kopf bis zum Schlüssel- 
bein, und circa 10,4 Theile auf die Beine bis zum Hüftwirbel , so dass für den 
Rumpf die Länge von 5,6 Theilen bleibt; eine Eintheilung, die ziemlich genau 
der proportionalen Dreitheilung entspricht. 

Die Griechen Hessen bei ihren plastischen Meisterwerken weder die Zwei- 
theilung noch die Dreitheilung der menschlichen Figur steif und einseitig her- 
vortreten, sondern sie Hessen, wie es die Natur thut, beide durcheinander spielen 
und sich durch gegenseitige Contraste heben und beleben. 

Die Dreitheilung hat keinen goldenen Schnitt, wonach sich eine bestimmte 
Länge in 3 bestimmte proportionale Theile theilen Hesse, aber diese Unbe- 
stimmtheit und Freiheit, die sie gestattet, macht ihr Gesetz aUgemeiner gültig 
und praktischer. Uebrigens wünsche ich meine mittlere Proportionalität mehr 
virtuell als buchstäblich genommen zu wissen, als müsse nothwendig jede wohl 
proportionirte aufrechtstehende Kunst- oder Naturgestaltung ihrer Längenaxe 
nach streng mathematisch so eingetheilt werden, dass der mittlere Theil die ge- 
naue mittlere Proportionale der beiden unteren und oberen Theile bilden. Es 
gibt sehr viele unä sehr verschiedene Mittel, um diese Proportionalität für das 
Auge befriedigend hervorzurufen; auch ist zu erwähnen, dass meine Theorie 
des Rein-Schönen die plastisch-stereometrischen Erscheinimgen als solche fasst, 
deren Proportion nicht von Linien- noch von Flächenbeziehungen, sondern von 
räumlichen Beziehungen der Glieder zu einander abhängig ist. 

Eben so sind Flächenverhältnisse nicht von den Beziehungen der Höhen 
der Theile, sondern vielmehr von den Beziehungen der Flächen zu einander 
abhängig , die sich zu einem Ganzen gliedern. Nur die Proportionen eines regel- 



— 125 — 

mehr siereometrisch fasse, wälirend letztere sich nur auf die planime- 
trischeu Figuren cinlüsst. tlie mit der Anschauung der Dinge als Bild 
entstehen.*) 

Somit kennt sie nur zwei Scliünheits - Coordinatenaxen, die 
dritte, die Richtungsaxe liiast sie aus. Jenen entsprechen die beiden 
Eigenschaften der Symmetrie nnd Proportionalität, nnd mit diesen 
grup|)irt sie die höhere nicht homogene, den Charakter oder Ausdruck. 
Sie hat nur zwei Chariten und stellt, um die Trias voll zu machen, 
die lluldgöttin seihst als Chorführererin in den Reigen, dem es somit 
an einem Mittelpunkte der Beziehungen fehlt. Ich benutze dieses Bild, 
weil ich allen Ernstes glaube, dass die Chariten, aus denen O.Müller anf- 
fallenderweise drei Mahlzeit.-göttinnen gemacht hat, bei den bauenden 
Minyern , die ihren Cult erfanden , die Symbole jener oft genannten 
drei i'änmlichen Bedingungen des Schönen waren , der Symmetrie, 
Proportionalität und Richtung ; sie umkreisen Im lieblichen Reigen 
Aphrodite, die höchste Potenz des Schönen, und bilden in dieser Ver- 
bindung den geschlossenen Ausdruck, das reitzende Symbol der voll- 
ständigen hellenischen Schönheitstheorie. 

Die Namen der Chariten, Thalia, Euphrosyne, Aglaia sind wohl 
gewiss nicht die ursprünglichen Orchomenlschcn, die, wie Pausanias an- 
zudeuten scheint, verschwiegen v.urden, sondern spätere rein poetische. 
Doch ist es bezeichnend, dass Xenophon in seiner Abhandlung über 
Reitkunst die zierlich geordnete ]\Iähue des Rosses Aglaia nennt, 
welches also mit Plialara , dem gewöhnlichen Ausdrucke für den 
schönen Richtungsschmuck der Pferde, der Bedeutung nach beinahe 
zusammenfällt. Es ist der in der Bewegung glitzernde Putz. Aglaia 
ist ausserdem die Gattin des Hefaistos. Nicht umsonst führen die 



massigen Prismas oder Cylindors, eines devgl. Oblong oder Löclistens einer zwar 
variirten aber der Linie sich annähernden sehr schlanlven Form bin ich berech- 
tigt , nach den Verhältnissen der Höhen seiner Glieder zu beurtheiJen. 

*) So sagt Zeising, Aesth. Forscluuigen §. 156: „Da es die Aestliotik nur 
mit der Anschauung der Dinge, nicht mit den Dingen selbst zu tliun hat, so 
hat sie sich nur auf die planimetrischen Figuren einzulassen und auf diese wird 
daher im Folgenden hauptsächlich Rücksicht genoumien werden." 

"Wollte man auch als richtig gelton lassen, dass die Aesthetik sidi nur mit 
den planimetrischcn Figuren zu befassen habe, so müssen diese doch, wo sie 
aus der Aiischaiunig eines Dinges entstehen, das nicht bloss Fläche ist, sondern 
auch Tiefe hat, in der Vorstellung des Beschauers das Bild eines Stereometri- 
schen erwecken; man muss erkennen, ob man ein Ding von vorne oder von 
der Seite sieht, und das Nichtgesehene aus dem Gesehenen ergänzen. Selbst 
diese planimetrische Auffassungsweise entschuldigt somit nicht die Auslassung einer 
der drei Schönheitsbedingungen, von der im Texte die l!ede ist. 
Wiäsoii'^cIiaflUclic Moiiatsscliiiif. 9 * 



— 126 — 

Chariten , ausser Kränzen von Rosen und Myrten , auch den Würfel 
in den Händen. Nicht umsonst wurden sie von den Orohomenisclien 
Minyern in den Gestalten dreieckiger Steine verehrt. Die Chariten 
waren die Gottheiten, denen Pythagoras opferte, als ihm die Lösung 
seines berühmten geometrischen Problems gelungen war, dessen Bezug 
auf unsern Gegenstand nicht schwer naclizuweisen wäre. 



Ich kann nicht umhin hier noch zidetzt auf ein allgemein gül- 
tiges, höchst wichtiges Stylgesetz in den Künsten aufmerksam zu 
machen, das wiederum im Schmucke in grösster Einfachheit und An- 
schaulichkeit hervortritt. 

Der Schmuck, welcher Art er sein mag (wenn wir nicht den 
einfachen peripherischen Ring davon ausnehmen müssen) , besteht aus 
zwei prinzipiell von einander verschiedenen Elementen : erstens aus 
den Einheiten, die in symmetrischer, eurhythmischer oder direktioneller 
Ordnung das Wesen des Schmuckes bilden, imd zweitens aus dem, 
was diese Einheiten umfasst, verkettet, und an das Geschmückte befestigt. 

Das erstgenannte Element ist in sicli abgeschlossen, getragen, mid 
fungirt nur durch seine Beziehungen zu gleicliartigcn, den Schmuck 
bildenden Theilen, und zu dem geschmückten Gegenstande, es zeigt 
sich kein Conflict von mechanisch strucfiven Kräften in ihm thätig. 

Das zweite Element iststructiv, es fungirt mechanisch, es fasst, 
verkettet, bindet, und zugleich soll es kosmetisch mitwirken. 

Dieser prinzipiellen Verschiedenheit zwischen dem Kleinod und 
der Fassung muss die künstlerische ornamentale Behandlung beider 
nicht bloss entsprechen, sie muss sie auch nachdrücklich accentuiren. 

Das erste Element hat besondern Anspruch auf Autorität, die 
bei Sclnnucksachen durcli Glanz, Farbe, Schönlieit der Form, sowie 
durch Reichthum der bildlichen Ausstattung erlangt wird. 

Der Boden für bildliche Ausstattung ist hier neutral; die Dar- 
stellungen auf den Kleinoden, die das in Rede stehende , nicht mecha- 
nisch fungirende Element bilden, könnten gewählt werden, wie sie 
wollten, wenn nicht das natürliche Verlangen, dass sich die Bedeutung 
und die Beziehung dieser Kleinode, wie sie sich im Schmuck zu einem 
Ganzen zusammenfügen , zu dem Geschmückten auf ilinen aussprechen 
müsse, bei ihrer Wahl bestimmte Schranken stellte. Höchstens dass 
noch das Stoffliche der Einheit, auf der sich die bildliche Darstellung 
entwickeln soll, gewisse stylistische Bedingungen in der Behandlung 
des letztern nöthi" macht. 



— 127 — 

An diesen Kleinoden nnn ist es, wo die charakteristische Orna- 
monlik, die höhere auf das Wesen und die Tendenz des Geschmück- 
ten hindeutende Kujist den Boden und Kahmcn ihres Wirkens findet. 

Ganz anders verliält es sich mit dem zweitgenannten Elemente, 
mit dem structiv-fungirenden. 

Die Ornamentik dieses Elementes soll sich der Bedeutsamkeit der 
erstgenannten in jeder Weise unterordnen, sie hat unmittelbar gar 
nichts mit dem Wesen und der Tendenz des Geschmückten zu schafTen, 
sondern bezieht sich direct nur auf die Einheit, welche sie einfasst, 
mit andern ihrer Art verkettet, und an den geschmückten Gegenstand 
befestigt. Allerdings bringt diese Funktion es mit sich (da der letzte 
Bezug immer das Geschmückte bleibt), dass dieses dienende Element 
des Schmuckes gleichfalls dem Wesen und der Tendenz des Ge- 
schmückten entspreche, allein der erste Eindruck desselben muss 
immer derjenige sein, dass es dient, einfasst, verkettet, bindet. 

Der beste Ausdruck dafür sind aber gewisse der Natur sowie 
der primitiven Industrie entnommene Typen, die durch unmittelbarste 
Ideenverknüpfung in uns die Empfindung oder das Be-nnistseiu er- 
wecken, dass diese verlcnüpfenden, bindenden und zugleich einrahmen- 
den, den Schmuck schmückenden Theile ihren Funktionen in jeder 
Beziehung gewachsen sind. 

Solcher Typen bietet die Natur eine unendliche Fülle dar, die 
in ornamental-stylistischer Uebersetzung in das Stoffliche als passende 
Analoga und Symbole hier am Orte sind; Beispiele: das Netzwerk, 
Avelches die Melone ziert , die klammernden Organe der Rebe , die 
Krallen und Klauen der Thiere, der Rachen einer Bestie, die Schlange 
in ihren Umschlingungen, das Astwerk der Bäume u. dgl. m. 

Nicht minder aber als jene Natursymbole sind in unserem Falle 
die der ursprünglichsten Technik entnommenen Typen bedeutsam. 
Beispiele : die Kränze und gereiheten Blattgewinde, die Bouquets, 
die Schnuren, Stricke, Ketten, Geflechte und Bänder, die früher er- 
wähnten Masken. 

Die Abhängigkeit des structiven Elementes von dem Stofflichen 
und seine funktionelle Bestimmung zeige sich stets in der eurhythmisch 
geregelten Wiederkehr solcher Fonnen, im eigentlichen Ornamente, 
und wo das geistig individuelle Leben innerhalb dieser ornamentalen 
Theile bildlich hervortritt, sei es stets chimärisch aufgefasst. Nm- in 
imaginärer Auffassung kann es neben der tendenziösen höheren Kunst, 
der es als Rahmen dient, ohne störend in letztere einzugreifen, sich 
entAvickeln; nur in dem Grotesken ist eine Vermischmig und Ver- 
mittelung des Ideellen mit dem functionellen Prinzipe ausführbar. 



— 128 — 

Dieses erste nncl wichtigste styllstisfh-ornamentale Prinzip sehen 
wir leider in neuester Zeit nicht überall erkannt und oft missachtet. 
Es tritt ims als allgemein gültig in der Keramik, in den textilen 
Künsten, sowie in der Baukunst entgegen. Ja, es bleibt gültig 
sogar auf dem Gebiete der Musik und der Dichtkunst. Wir sehen 
dieses Gesetz in der antiken Tragödie, soAvle in dem aristophanischen 
Lustspiele. Shakespeare's Genius erkannte dessen volle Bedeutung. 
Sein Sturm gibt ein Muster ornamentaler Behandlung des einfassenden, 
verkettenden und haltenden Beiwerkes im Gegensatze zu der histo- 
rischen des dramatischen Kerns. 

In grosser Klarheit offenbart sich dieses Prinzip wieder am 
griechischen Tempel. Das Giebelfeld, die Metopen, die Friese, die 
Diaphragmen der Säulen sind Ruheplätze der Construetion und daher 
der höheren Tendenzsymbolik gewidmet. Die Cella-Mauern fungirten 
zwar bei den Griechen der That nach , aber nicht der Idee nach , als 
stützende Glieder, und sind daher ebenfalls der hohen Kunst geöffnete 
Felder; überall sonst herrscht das reine Ornament. 

An der hervorgehobenen Deutlichkeit des Unterschiedes zwischen 
den beiden im Schmucke zusammemvirkenden Faktoren und der dar- 
aus resultirenden nothwendigen Verschiedenheit ihrer artistisch-tech- 
nischen Behandlung zeigt sich beispielsweise die hohe Bedeutung, die 
der Schmuck auch in jenem Theile der Kunstlehre einnimmt, die den 
Styl in der Kunst betriift. 

Während nämlich die Begriffe Symmetrie, Proportionalität, Rich- 
tungseinheit, Harmonie sämmtlich kollective Begriffe sind, indem sie 
eine Vielheit als Einheit zusammenfassen , während sie zweitens rein 
formelle sind , das heisst , während sie an den abstract-formellen 
Eigenschaften der bereits fertigen Erscheinungen haften, dagegen aber 
das Geschichtliche der Entstehung der Form, sowie selbst die stoff- 
lichen Unterschiede der materiellen Theile, welche die Form bilden, 
als Fremdartiges aus sich ansschliessen , hat die Styllehre das Ent- 
stehen des Schönen in der Kunst zu ihrem Gegenstande ; sie 
fasst das Schöne als einheitliches Resultat fzu dessen Ent- 
stehung freilich die verschiedensten Factoren zusammenwirken), als 
die Lösung eines artistischen Problems. 

Die Zahl der zusammenwirkenden Factoren bei dem Entstehen 
des Werkes ist unbestimmbar, und es mögen nur einige der wich- 
tigsten dai'unter hier berührt werden : 

Sie lassen sich in zwei abgesonderte Klassen theilen, nämlich 
erstens in solche, die gewissermassen im Werke selbst enthalten und 
gewissen Gesetzen natürlicher und physischer Nothwendigkeit unter- 



— 120 — 

worfcn sind , welche unter allen Umständen und zu allen Zeiten die- 
selben bleiben, zweitens in diejenigen Momente, die von aussen her 
auf das Entstehen eines Kunstgebildes einwirken. 

Zu den ersteren gehört nun namentlich vor allen andern wieder 
der Zweck, dessen künstlerische Behandlung als Aufgabe vorliegt, 
sei er nun ein materieller, oder ein mehr ideeller, welcher letztere 
sich in den meisten , wo nicht in allen Fällen , auf einen in höherem 
Sinne aufgofassten reellen Zweck zurückführen lassen wird. 

Zweitens gehört dahin der Stoff, welcher dem Künstler zu Ge- 
bote steht, um damit den dienstthuenden Gegenstand zu realisiren 
oder nach Umständen nur zur Erscheinung zu bringen. 

Drittens gehören dahin die Mittel zur Bearbeitung des Stoffes, 
die Proccssc, die bei der Behandlung des Stofflichen in Frage kom- 
men und sehr entschieden auf das formelle Hervortreten des letzteren 
in der zwecklieh-künstlerischen Erscheinung einwirken. So z. B. lässt 
sich Metall hämmern, schmieden, schneiden und giessen : in allen 
drei oder vier verschiedenen Behandlungen tritt es prinzipiell anders 
als formenbestimmend auf. 

Mannigfaltiger sind die äusseren Coefficienten der Kunstdarstel- 
Inng. Dahin sind zu reclinen alle räumlichen imd persönlichen Einflüsse 
und Momente der Gestaltung, als da sind: Klima, physiche Beschaf- 
fenheit des Landes, nationale Bildungsrichtuug, historische Erinnerungen 
und Ueberlieferungen , lokale Einflüsse der Umgebung (ob z. B. ein 
Haus im Thale oder auf der Höhe steht, ob es Stadt- oder Land- 
haus ist), Person oder Körperschaft, welche das Werk bestellt; dann, 
unter vielen anderen nicht genannten Einflüssen, besonders die Gele- 
genheit und zufällige Veranlassung des Entstehens. 

Endlieh, als mächtiges äusseres Moment, ist noch d.ie Hand des 
Künstlers , dessen individuelle Persönlichkeit und Stimmung hervorzu- 
heben. 

Indem wir nun das Schöne in der Kunst als ein aus allen diesen 
und noch vielen anderen Momenten Entstehendes, als ein Werdendes 
betrachten, fassen wir die ästhetische Frage von der rein-werkthätigen 
Seite, eine Art der Auffassung, die dem praktischen Künstler am 
meisten nützt und zusagt. Er betrachtet das AYcrk als ein Kesul- 
tirondes und verlangt, dass es Styl habe, welches Wort nichts 
weiter bedeutet, als das zu künstlerischer Bedeutung er- 
liobene Hervortreten des Grund thcma und aller inneren 
und äusseren Coefficienten, die bei der Verkörperung 
desselben in einem Kunstwerke modificirend einwirkten. 

In dieser Definition des Begriffes Styl vereinigen sich die schein- 



— 130 — 

bar heterogensten Unterbegriffe, die man mit diesem Worte zu ver- 
knüpfen pflegt , und deren Grundvervvandtschaft ein sehr richtiges 
Volksgefühl herausfand. 

So sagen Avir gleich richtig : Gothischer Styl, Styl des Zeitalters 
Ludwig XIV, Styl des Raphael, Kii'chenstyl , ländlicher Styl, Holz- 
sty]. Metallstyl, schwerer Styl, hoher Styl, leichter Styl, u. s. w. 

Uebrigens sieht man, wie die ästhetisch -formelle Anschauung 
des Schönen, wenn sie sich auf allgemein gültige Naturgesetze stützt, 
und die artistisch-construirende einander die Hand bieten und in 
höherer Auffassung nothweudig in einer imd derselben Doctrin sich 
vereinigen müssen. 



Ueber die Integration zweier simultan bestehenden linearen 
Differenzialgleichungen zwischen n Variabein. 

Von Professor Dr. RAABE. 



V O R W O R T. 

Lagrange in seinen Lebens und nach ihm Pfaff viel allgemeiner 
in den Berliner Denkschriften zeigten, wie von der Integration einer 
gemeinen linearen Differenzialgleichung erster Ordnimg die Integration 
einer partiellen Differenzialgleichung erster Ordnung abhängig ist ; so 
dass, w^enn jene vollbracht, diese als Specialität unmittelbar erkannt 
wird. Im dritten Bande meiner Differenzial - und Integralrechnung 
ging ich einen Schritt weiter und zeigte, wie mittelst der kleinsten 
Anzahl von Integralgleichungen , so einer gemeinen linearen Differen- 
zialgleichung erster Ordnung mehrerer Variabein zugehören, die eine 
Integralgleichung erster Ordnung (falls eine solche existirt) einer par- 
tiellen Differenzialgleichung zweiter Ordnmig dreier Variabein zu 
gewinnen sei. Hat man nämlich eine partielle Differenzialgleichung 
dreier Variabein, wo z die relative imd x, y die absoluten sind, 
wo ferner p, q, r, s, t nach der allgemein üblichen Bezelchmmgsweise 
die partiellen Differeuzialquotlenten erster und zweiter Ordnung vor- 
stellen , — hat man, sage ich, einen Zusammenhang zwischen z, x 
y, p, q, r, s, t, so gibt es Fälle (nach den vorletzten 17 Nummern 
meiner Ir.), die einer einzigen partiellen Differenzialgleichung erster 
Ordnung unter denselben Variabein, als Integralglelchimg, fähig sind ; 
— deren Angabe aber alsdann auch ebendaselbst gelehrt worden ist. 
In den Fällen der NIchtexistenz einer Integralgleichung ebenerwähnter 



t 



— 131 — 

Alt, leuchtet zwar sufurt die Existenz zweier solcher Integralgleichun- 
gen ein; diese werden aber nur dann herzustellen sein, wenn man 
erst mit der Integration zweier simultan bestehenden gemeinen, linearen 
Difforenzialgleichungen meiirerer Variabein (Ir. Nr. 722 *]j, und zwar 
durt'li die kleinste Anzahl von Integralgleichungen, zu einem definitiven 
Absclilu.^s gekommen sein wird. 

Da liieiin noch nichts oder nur sehr wenig geschehen , so erachte 
ich es an der Zeit, die er.-ten eiideitenden Arbeiten in diese höchst 
schwierige Älaterie nicht länger zurück zu halten, sondern solche 
gegenwärtig mit dem bestimmten Vorsatze zu veröHentlichen , auch die 
Fortsetzung, so weit ich solche fertig habe, wenn gleich noch nicht 
zum erwünschten Abschluss gebracht, gleichwohl zur Benutzung meiner 
mathematischen Kollegen in der nächsten Zukunft folgen zu lassen. 



1. Betreftend die Integration zweier simultan bestehenden, ge- 
meinen , linearen Difterenzialgleiclumgen mehrerer Variabein durch eine 
einzige Gleichung unter diesen Variabein , überzeugt man sich sehr 
bald, dass solches nur dann angeht, wenn jene unter einander völlig 
gleichbedeutend sind , d. h. sich höchstens durch einen gemeinsamen 
Faktor aller Glieder einer besagter simultanen Gleichungen von einander 
unterscheiden. Die Integration einer gemeinen , linearen Difterenzial- 
gleichung ist aber nach dem Vorausgeschickten als ein völlig gelöstes 
Problem gegenwärtig anzusehen ; daher wir auch diesen Gegenstand 
fallen lassen und in der nächsten Nummer sofoi-t zu dem eigentlichen 
Gegenstand der vorliegenden Abhandlung übergehen, zur Untersuchung 
der Integrabilität eines Systems zweier Difi'erenzialgleichungen der 
Form : 

X^'\lx('> + X^'^dx(»> + X^'^dxW 4- . . . . X^"^dx("> = o , 1 

1 (A) 
'X^'^dx^'^ -|- 'X^'^dx^^^ -f- 'X^'^dx^'^ -[- . . . 'X^"W"^= o, ] 

wo : 

x(0 , x(^> , xW , x^'> ...... x^"^ («) 



n Variabein , und wo die Cocfficienten : 

(n) j 

iß) 



x''\ x.''\ x'\ x''' x^"^ 



,^(0 ,^W ,-^W ,^(4)^ ^ ^ ^ ,^(n) 



*] Mit (Ir. Nr. . . .) deute ich immer auf eine bestimmte Nummer meines 
Werkes über Differenzial- und Integralrechnung hin. 



— 132 — 

beliebige Funktionen jener Yariabeln sind, durcli ein System zweier 
endliehen Gleichnngen unter denselben Variabeln. 

Unser erstes Angenmerk wird die Angabe der Bedlngungsglci- 
chungen dieser Integrabilität nnd hierauf, bei deren Stcittliaben , die 
des Verfahrens znr Erzeugung dieser Integralgleichungen sein. 

2. Ucber die Coefficienten in (ß) kann zuerst festgestellt werden, 
dass wenigstens zwei derselben, die mit gleichen, oben in Paren- 
thesen beigesetzten Zeigern versehen sind, von Null verschiedene 
Wei'the haben ; wir erklären hiefür die mit den Zeigern 1 nnd 2 ver- 
sehenen dieser Coefficienten : sonach werden wir im ganzen Verfolge 
dieser Untersuchung die Coefficienten : 

X , X und 'X , 'X 

als von Null verschieden voraussetzen dürfen. Ferner darf festgestellt 
werden , dass das Verhältniss der beiden Coefficienten X und X 
nicht dasselbe wie der homologen 'X und 'X zu einander sei *). 
Endlich darf, drittens, vorausgesetzt werden, dass wenigstens in einer 
der beiden Difiercnzialgleichungen (A) ausser den Coefficienten von 
dx*^'^ und dx*^^^ noch ein anderer dieser Coefficienten, etwa der von 
dx'^"-' , von Null verschieden ist, wo a einen der Werthe von 3 bis 
n hat. 

Mit Zugrundelegung dieser drei Feststellungen untersuchen wir 
die Annahme : es existii-en zwei endliche Gleichungen unter den in 
(«) zusammengestellten Variabein , die den linearen Ditferenzialglei- 
chimgen in (A) als Integralgleichungen genügen. Diese zwei Integral- 
gleichungen Averden nothwendig der Beschaffenheit sein , dass aus 
denselben die Variabein x^'^ und x^^^ als Functionen der übrigen her- 
vorgehen , oder mindestens als solche gedacht Averden können. 

Bedienen Avir uns auch hier der in (Ir., Kapitel X, §. II) ein- 
geführten abkürzenden BezelchnungSAveisen, so bieten die totalen Dif- 
ferenziale von x*^'^ und x'^"-' nach den übrigen Variabein folgende zwei 
Gleichungen dar : 

dx^" z= x''' dx'^' + x<!' dx'^' + x''' dx<">,| 

(1) 
dx<^> = x'^' dx'^> + x<|» dx'^' -j- x'^' dx'">, 



*) Im Falle, wo dieses gleichwohl eintrifft, avo man nämlich X : X = 
'X : 'X hat, vertausche man eine der Variabein xWoderxO, etwa letztere, 
mit einer der übrigen aus (a), etwa mit xW; so kann, mit Beachtung der Mit- 
theilung aus vorangehender Nummer, über k so verfügt Averden, dass die er- 
AA-ähnte Gleichheit der Verhältnisse nicht mehr eintrifft. Wenn nun, nachdem 

(2) Ck') f2) fk) 

solches geschehen, xC^i statt xCO, also X statt X und 'X statt 'X gesetzt 
Avird, so leuclitet sofort die Richtigkeit unserer in Rede slelieiiden Behauiihuig- ein. 



— 133 

wo man also : 



dx"» dx'^' 

, ,„, iiiul x'f' = 

dx"" " elx"" 



hat. Führt man diese Bestimmungen von dx<'^ und dx^^^ in die Glei- 
chimgen (A) ein, so werden diese identisch realisirt, falls die etwa 
noeli explieite vorkonimenden Variabein x« und x^^^ den angenommenen 
zwei Integralgleiehnngen gemäss ersetzt gedacht werden, so dass nun- 
mehr folgende zwei Gleichheiten : 



'X'>'x'%-+'X'"x- = o, j ^'^ 

lur alle ganze Zahlenwerthe von a = 3 bis a = n Bestand haben 

Indem wir die Untersuchungen und Ergebnisse des oben citirten 
Paragraphen X. der Ir. zu Grunde legen, xmd gegenwärtig unser 
Augenmerk vorzüglich auf die Nr. 65G richten, erkennen vvir dass 
beim Bestandhaben dor erstem dieser Gleichheiten in (2) die erste 
der Ditferenzialgleichungen in (A), Mie beim Bestandhaben der zweiten 
Gle.chho.t m (2) die zweite besagter DIftercuzIalgleichungeu durch ein 
bystem zweier endlichen Gleichungen integrirbar sein wird AVir er- 
le.clitern uns daher die vorliegende Untersuchung in hohem Grade 

wenn wir vorerst die Folgerungen einer jeden dieser Gleichheiten (2) 

für sich ziehen, und erst am Schlüsse solche als simultan bestehend 

zur Gewinnung neuer Folgerungen feststellen. 

Führt man, wie im eitirten Werke in der citirten Nummer geschah, 

tolgende symbolische Bezeichnungen ein : 



r(") ,.(ii) 



(a,b) = x;"' -X 



.<^' , . ,,(b) ,„> / (3) 



(a, b, c) = (a, b; x'" - (a, c) x'^' -{- (b, c) X*"', j 
wo (a,b) und (a,b,c) bezüglich alteniirende Functionen der Grössen 
a,b und a,b,c sind; so gelangt man in Folge der erstem Gleich- 
heit (2, w^nn ganz wie in (Ir. Nn G5G; verfahren wird, auf folgende 
neue Gleichheit : 

ll,a.b) + (l,2,b)x-'-(l,2,a)x-'=o, (4) 

wo man 2 < a < b < n -f- 1 hat. 

_ Stellen die Symbole '(a,b), '(a,b,c) analoge Ausdrücke der Coef- 
ficienten, aus der zweiten Differenzialgleichung in (A) gebildet, vor, 
d. Ii. setzt man : 

'(a, b, c; = '(a, h) 'X'''~ '(a, c) 'X''''+ '(b, e) 'X'**, j ^^'^ 

Wissenschaftliche Monatsschrift. jq 



~ 134 — 

so hat man auch folgende analoge Gleichheit zu der in (4) : 

'(1 , a, b) -f '(1 , 2, b) x<f> — 'fl , 2, a) x<»> = o , (4') 

wo ebenfalls 2<^a<^b<^n-|-l ist. 

Verbindet man die Gleichheit in (4) mit der erstem in (2) ganz 
wie in (Ir. Nr. G56) geschah, so gelangt man wie dort auf bestimmte 
Relationen unter den partiellen Differenzialquotienten der relativen 
Variabein x'^'^ und x*^' nach den übrigen Variabein, welche sämmtlich 
den beiden Integralgleichungen angehören, so der ersteren Differen- 
zialgleichung in (A) genügen. Ein ähnliches Bewenden hat es mit 
den Verbindungsergebnissen der Gleichheit in (4') mit der zweiten 
der Gleichheiten in (2), die aber den beiden Integralgleichungen ent- 
sjjrechen , so der zweiten Dififerenzialgleichung in (A) angehören. Damit 
aber die beiden Integralgleichungen in beiden angeführten Fällen 
zusammenfallen , werden die Gleichheiten in (2) , (4) und (4') zu- 
gleich zu bestehen haben. Die nothwendigen Bedingungsgleichungen 
dieser Anforderung, ihre Angabe nämlich, sowie beim Statthaben der- 
selben die Angabe der Mittel , zur Kenntniss der beiden Integral- 
gleichungen der Differenzialgleichungen in (A) zu gelangen , wird im 
Folgenden nach und nach mitgetheilt werden. 

3. Zu dem eben erwähuten Doppelziele gelangen wir am schnell- 
sten , wenn aus den Gleichungen (2) die partiellen Differenzialquo- 
tienten x'a', x*f', wie bei Vertausehung von a mit b auch x'^* und x'*' 
gezogen und dann die Ergebnisse in (4) und (4') eingeführt werden. 
Stellen wir hiezu folgende neue symbolische Bezeichnung fest : 

[a, 'b] = X»"' 'X''^' — X«''^ 'X'"', (5) 

wo a und b aller ganzen Zahlenwerthe fähig, und das Symbol [a,'b] 
ebenfalls eine altcruirende Function von a und b ist, so ziehen wir 
unmittelbar aus (2) folgende : 

xa - ^1^.2]' "" - [1,'2]- ^^'^ 

Diese Bestimmung für x*f', wie die analoge für x'^', in (4) und (4') 
eingeführt , gelangen wir auf folgende , nur die CoefScienten der in (ß) 
zusammengestellten Functionen implicirenden Gleichungen : 
[1, '2] (1, a, b) — [1, 'a] (1, 2, b) + [1, 'b] (1, 2, a) = o , 
[1, '2] '(1, a, b) - [1, 'a] '(1, 2, b) -|- [1, 'b] '(1, 2, a) = o , 
die als Gleichheiten für alle den Ungleichheiten : 

2<a<b<n-f- 1 
entsprechenden ganze Zahlenwerthe von a und b zu bestehen haben 



(7) 



— 135 — 



und die, w,e wir naclnveisen werden, die einzigen, aber auch uner 
lässl.chen Bedingungen sind, damit die vorgelegten simultanen Dif- 
ferenz.algleiclu.ngen in (A) durch ein Systen, zweier endlichen Glei- 
chungen integrirhar erkannt Averden. 

Dass beim Statthaben dieser Bedingungsgleichungen die Differen- 
zialgleichungen in (A) in der That durch zwei Gleichungen integrabel 
sind, kann eigens nachgewiesen werden, und zwar in ganz ähnlicher 
Weise, wie solches in (Ir. Nr. 658, 659) für eine dieser Differenzial- 
gleichungen wirklich geschah. Gestützt aber auf diesen citirten Nach- 
weis, können wir den vorliegenden Fall viel einfacher durch folgendes 
ohne alle Kechnung mitzutheilende Raisonnement auch noch erledigen' 
Erklärt man die erste der Gleichungen in (2) wie die in (4) als 
identisch bestehend, so ist nach dem eben citirten Nachweis die erste 
der Diflcrenzialgleichungen in (A) durch ein System zweier Gleichun- 
gen mtegnrbar, aus welchen durch partielle Differenziationen für x"> 
und x'f (von a = 3 bis a = n) solche Bestimmungen gezogen wer- 
den, dass die vorhin erwähnten Gleichungen in (2) und (4j identisch 
reahsu-t werden. Aus dem gleichen Grunde wird die Unterlegung der 
zweiten Gleichheit in (2) wie jener in (4') das Dasein eines Systems 
zweier Integralgleicluingen für die zweite der Differenzialgleichungen 
m (Aj zur Folge haben, die ebenfalls durch partielles Differenziren 
Bestimmungen ftir x''> und x*;' (von a = 3 bis a = nj darbieten 
welche die hier erwähnten Gleichungen in (2) und (4'j als identische 
herausstellen. Wenn sonach, wie gegenwärtig festgestellt worden, beide 
Gleichungen in (2j , wie die in (4) und (4'), als simultan bestehend er- 
klart, und als solche auch bei identischer Realisirung der Bedingnngs- 
gleiclumgen (7) erkannt werden, falls nämlich x'i' und x'^> (für alle 
Werthe von a = 3 bis a = n) gemäss den Gleichungen in (6) bestimmt 
gedacht sind; -so fliesst sofort aucli die Integrabilität beider Differenzial- 
gleichungen in (A) durch ein einziges System zweier Integralgleichungen, 
mit deren Herstellung wir uns in der nächstfolgenden Nummer befassen. 
4. Statt der Differenzialgleichungen in (A) kann man die ihnen 
volig gleichbedeutenden in (1) „unmehr substituiren , falls in diesen 
Xa und x<r, für alle Werthe von a = 3 bis a = n, den Glei- 
chungen (6) gemäss ersetzt werden; d. h. bei der Annahme eines 
Bestandhabens der Bedingungsgleichungen (7) sind die Gleichungen 
(A) mit folgenden gleichbedeutend : 

^'" = [T72j I f^' '^1 ^-^'^' + [2, '4] dx<^' + . . . [2, 'n] dx-> J 

'^''' = [7t 4] I f^' '^J ^-''' + [1. '^] dx- + . . . [1, 'n] dx- ) . ' ^^^ 



— 136 — 

Erklärt man hier die Variabelu x'*' , x'°' . . . x'"* einstweilen als 
constant, so werden die unmittelbar vorher aufgestellten zwei Difte- 
renzialgleichungen , die in fulgende übergelien : 

dx^" = S^^ dx'^', dx'^'= — P-^ dx<'' , 
[1,'2] [1,'2] 

durch zwei Gleichungen mit zwei willkürlichen Constanten integrirbar 
sein, welche Constanten zwar unabhängig von x'"' , x'^' , x'^' , allein 
die übrigen als constant behandelten Variabein mitführen können. 

Wenn nunmehr in den Ditferenzialgleichungen (8j neben x"', 
x*^* , x'^' auch noch x''" als variabel angenommen wii-d , dabei aber 
die in denselben vorkommenden zwei Variabein x"' und x*"' den un- 
mittelbar vorher gewonnenen zwei Integralgleichungen gemäss ersetzt 
werden; so werden die in denselben vorkommenden Integrationscon- 
stanten , die durcli a mid ß vorgestellt sein mögen , von vorn herein 
von x'*' abhängig anzunehmen sein , wo man zur Bestimmung dieser 
Abhängigkeit auf zwei Difterenzialgleichungeu folgender Formen gefüln-t 
M'erden wird : 

da = Adx'*', Aß — Pk1x>^', 

in denen A und B uaeh dem Ausgangs vorangehender Nunmier gefnln*- 
ten Raisonnement nothwendig von x'^* unabhängig sein werden*). Inte- 
grirt man diese Differcnzialgleichu.ngen in Beziehung auf a, ß und 
x'*' , so stellen sich für u und ß bestimmte Functionen von x'*' her- 
aus, die zwei neue willkürliche Coustanten dieser letztern Integrationen 
mitführen werden. Diese neuen Constanten, die durch a' und ß' 
vorgestellt sein mögen , werden nothwendig independent von den 
Variabein x*'' , x'^' , x'^* , x'*' sein, können aber die noch übrigen, 
bis jetzt constant behandelten Variabein x*'' , x"" , . . . x'"' allerdings 
implicii-en. Führt man die so eben gewonnenen Bestinnnungen für 
a und ß in die zuerst gewonnenen zwei Integralgleichungen unter den 
Variabelu x'" , x'^' , x'^' ein, so repräsentiren sie die vollständigen 
Integralgleichungen der Differenzialglelchungen in (8), falls nur x'", 
X*'', x'^>, x'*' variabel, die übrigen x'^' , x"" . . . x<"> aber als Con- 
stanten behandelt werden, welche letztere desswegen auch in den 
neuen Integrationsconstanten a' und ß' enthalten sein können. 

Aus diesen vollständigen zwei Integralgleichimgen zieht man, 
ähnlich wie im unmittelbar Vorausgeschickten ausfüln-lich angedeutet 



*) Dieses kann bei Unterlegung der BedingungsgleicLung'eu in (7), in denen 
a^3 und b =4 zu setzen ist, wie schon in vorangehender !snmmer bemerkt 
ward, auch direkte nachgewiesen werden. 



— 137 — 

Avorden , zwei neue vollstüudige Iiitegralgleichniigcn derselben DifFe- 
renzialgleicluingcn (8), falls in denselben x'", x'-' , x'^^ , x'*' , x'*' 
variabel angenommen , die iil)rigen aber als Constanten behandelt 
werden. 

Wird in dieser Weise tortgefahren , so gelangt man zuletzt zu 
den zwei vollständigen Integralgleichungen der Differenzialgleichungen 
in (Ü), wo sämmtliehe Grössen x'"' , x"" , x*^' . . . . x'"' variabel sind, 
d. h. man gelangt so successive zu den endlichen zwei Gleichungen, 
die zwei willkürliche Constanten mitführen , welche in Beziehung von 
Geniige thuenden Integralgleichungen zu den vorgelegten DifFcrenzial- 
gleichnngen in (A) stehen. 

Anmerkung. Dieses Endergebniss ist dem ganz analog., wo man nur eine 
lineare Dilferenzialgleichung zwischen n Tariabeln hat, die, 
wenn durch eine einzige Gleichung integrirbar , keine will- 
kürliche Function , sondern lediglich eine willkürliche Con- 
stante mitführt. 

5. Die Bedingnngsgleichnngen in (7) der vorangehenden Unter- 
suchung sind noch unter andere , einfachere Formen zu bringen möglich, 
deren Vorzüge bei der fortzusetzenden Discnssion des in Rede stehenden 
Gegenstandes erst recht einleuchten , mit deren Mittheilung wir gegen- 
wärtig schliessen wollen. 

Wird der alternirende Ausdruck : 

(a, b, cj [a, 'd] — (a, b, d) [a, 'c] + (a, c, d) [a, 'b] 

einstweilen durch A bezeichnet, so gelangt man, wenn jed.n- der 
zweigliedrigen alternirenden x\usdrücke, der Form [a, 'b], der Gleichung 
(5) gemäss ersetzt wird , auf : 

A = I (a, b, c) 'X'" — (a, b, d) 'X'°' -}- (a, c, d) 'X'"[ x'*' 

— 1 (a, b, e) X'"* — (a, b, d) X*'' -}- (a, c, d) x'"^} 'x"". 

Xach der zweiten der Gleiclumgeu in (3), die ein dreigliedriges 
Symbol der Form (a, b, c) definirt, hat man : 

(a, b, c) X*"— (a, b, d) X'"-|- (a, c, d) X'" — (b, c, d) x"" = o; (9) 

daher hat mau auch folgende Bestimmungsgleicliung : 

A=i(a,b,e)'X"^'-(a,b,d)'x'"+(a,e,d)'x''"-(b,c,d)'X*"\lx"'. 

Führen wir das neue viergliedrige Symbol [(a, b, c), 'd] der 
folgenden Begriffsgleichung gemäss ein : 

[(a,b,cVd] = (a,b,c)'X""— (a,b,dj'X'"'+(a,c,d)'X"'— (b,c,d)'X'",(10) 



— 138 — 

wo also dieses neue Symbol eine alternirende Function der vier 
Grössen a , b , c , d ist ; so ergibt sich , beachtend die unmittelbar vorher 
gewonnene Bestimmung für A, folgende identische Gleichung : 

[(a,b, c), 'd] X"" = 

= (a, b, c) [a, 'd] — (a , b, d) [a, c'] -|- (a, c, d) [a, 'b] (11) 

Analog mit diesem Ergebnisse gelangt man sehr bald auch auf 
folgendes : 
Wenn 

['(a,b,c),d]='(a,b,c)X*'"— '(a,b,d)X*°'+'(a,c,d)X''"— '(b,c,d)X^"(10') 

festgestellt wird, wo also auch das viergliedrige Symbol ['(a, b, c), d] 
eine alternirende. Function von a , b , c , d ist : so besteht folgende 
identische Gleichung : 

- ['(a,b,c),d]'x''' = 

= '(a, b, c) [a, 'd] — '(a, b, d) [a, 'c] + '{^, c, d) [a, 'b] , (11') 

welche die angekündigte analoge zu (11) ist. 
Ersetzen Avir nun in (11) und (11') : 

a durch 1 , b durch 2 , c durch a und d durch b , 
so erhalten wir : 

(l,2,aj[l,'b]-(l,2,b)[l,'a]+(l,a,b)[l,'2] = [(l,2,a),'b]X*'; 
'(1, 2, a) [1, 'b] - '(1, 2,b] [1, 'a] + '(1, a, b) [1, '2] = - ['(1, 2, a), b] 'X'*'; 

und weil der Eingangs getroffenen Feststellung zufolge X sowohl 
wie 'X von Null verschieden sind; — so sind die Bediugungsglei- 
chungen in (7) durch folgende zu ersetzen : 

[(l,2,a),'b] = o, ['(l,2,a),b] = o, (7') 

welche die hier am Eingänge angekündigten sind und, gleichwie jene 
in (7), für alle Werthe von a und b, so den Ungleichheiten: 

2<a<b<n-j-l (12) 

genügen , Bestand haben müssen , damit die vorgelegten Differenzial- 
gleichungen in (A) durch ein System zweier Gleichungen integrirbar 
seien. 

Betreffond endlich die Anzahl dieser Bediugungsgleichungen , ent- 
nimmt man sehr leicht aus den Ungleichheiten in (1 2) , weil a und b nur 
ganze Zahlenwerthe vorstellen, dass solche gleich (n — 2) (n — 3) 
sei. 



— 139 — 



Deber die in Island eodemische Hydatidenkrankheit. 

Von Professor Dr. Lebert. 

Man hielt es früher fast für unästhetisch , in andern als streng 
ärztlichen Kreisen von den verschiedenen Krankheiten zu sprechen, 
welche die Eingeweidewürmer liervorznbringen im Stande sind. Und 
wer nun gar das Unglück zn haben glaubte , einen Bandwurm in sich 
zu beherbergen, der theilte es seinem Arzte nur unter dem Siegel 
der Verschwiegenheit mit. Je mehr aber in der Neuzeit die Wissen- 
schaft in's Leben eingreift, desto vollkommener schwinden derartige 
Vorurtheile. Ja, wir können wohl sagen, dass wenige Theile der 
Naturforschuug ein so grosses Interesse selbst für den denkenden 
Laien darzubieten im Stande sind, als die moderne Lehre von den 
Eingeweidewiinnern. Durch sie sind wir einem merkwürdigen Gesetz 
auf die Spur gekommen, vermöge dessen ein Thier eine der Mutter 
unähnliche Brut erzeugt , welche aber einer neuen Generation das 
Leben giebt, die selbst, oder wieder erst in ihrer Nachkommenschaft, 
zu der Gestalt und dem Baue des ersten Thieres zurückkehrt. Dieses 
merkwürdige, von dem dänischen Natiu'forscher Steenstrup formu- 
lirte Gesetz , welches unter dem Namen des Generationswechsels 
bekannt ist und welches durch die trefflichen Untersuchungen von 
S i e b 1 d eine ausgedehnte Anwendung gefunden hat , wird besonders 
bei den Eingeweidewürmern beobachtet. 

Es lässt dasselbe nicht bloss Alles weit hinter sich zurück, was 
uns in der Metamorphose der Insekten seit unserer Kindheit mit Be- 
•wunderung erfüllt liat, sondern wir treffen auch hier auf eigenthüm- 
liche Nothwendigkeiten in der Natur, die in ununterbrochener Reihen- 
folge stets selbst den Tod zur Bedingung erneuten und verjüngten 
Lebens machen. So dient nicht bloss eine geschlechtslose Thierfonn 
dem später zur Geschlechtsreife sich entwickelnden Thiere als Amme, 
als schützende Hülle und Wohnung, sondern der Entwicklungsgang 
wird erst dadurch vervollständigt, dass der Wirth, welcher das un- 
vollkommene Thier beherbergt , das Opfer des mörderischen lustinctes 
eines anderen Thieres wird, in dessen Nahrungskaual nun der dadurch 
freigewordene halbentwickelte Schmarotzer zum ausgebildeten , der 
Fortpflanzung fähigen Thiere sich gestaltet. 

Mit besonderer Vorliebe wenden sich daher auch Reisende und 
in entfernten Ländern lebende Aerzte der Beobahhtung der Parasiten 
des Menschen zu. Sonderber ist, dass wir gerade die interessantesten 
der neuem Entdeckungen auf diesem Gebiete zweien einander ent- 



— 140 — 

gegengesetzten Klimaten verdanken. Wir erfahren nicht bloss durch 
die gründlichen und schönen Untersuchungen von Griesinger und 
B i 1 h a r z , dass in dem heissen Egypten und in dem den wärrasten 
Erdstrichen so nahen Ahyssinien die Eingeweidewürmer so häutig 
sind, dass man dort keinen Sklaven verkauft, ohne ihm sein Band- 
wurmmittel mit auf den Weg zu geben , sondern in einer verhältniss- 
mässig kurzen Zeit haben wir auch eine Reihe interessanter , früher 
unbekannter , nur im Menschen parasitisch lebender Thiere kennen 
gelernt. Wäre man nun geneigt, in der südlichen Lage, in dem 
Missbrauche des rohen Fleisches Gelegenheitsursachen für dieses so 
häufige Vorkommen der Eingeweidewürmer zu suchen , so ergeben 
gerade neuere Forschungen, dass unter ganz andern Bedingungen in 
der Nähe des Nordpols die verderblichste Wurmkrankheit vorkommt, 
welche das IMenschengeschlecht heimsucht. Und ich weiss nicht , ob 
es selbst unter den Thieren eine in dem Maasse verheerende Para- 
sitenseuche gibt. 

Diese Würmer, an welchen Vg der ganzen Bevölkerung Islands 
leidet , gehören zu den sogenannten Blasenwürmern , und bestehen aus 
grossen, halbdurchsichtigen, mit Flüssigkeit gefüllten Blasen, welche 
nahezu den Umfang einer Kirsche oder einer kleinen W^allnuss erreichen, 
und in deren Innerem sich eine Menge kleiner, weisser, sandkorn- 
ähnlichcr Körper befinden , deren jeder einen oder eine gewisse Menge 
kleiner Thierchen enthält, an denen man sehr deutlich unter dem 
Mikroskop einen Kopf mit einem eleganten Hakenkranze und vier 
Saugnäpfen versehen und zwei Glieder mit zahlreich eingestreuten 
Kalkkörperchen unterscheidet. Jede grössere Blase ist die Uniwan- 
delung eines wassersüchtig gewordenen Thierembryo's , und jedes 
Thier ist ein mit ein paar Gliedern versehener Bandwurmkopf, der, 
wenn er in die zu seiner Entwicklung günstigen Bedingungen ver- 
setzt wird und in den Darmkanal eines Thieres gelangt, sich zu 
einer eigeuthümlichen Bandwurmart entwickelt. 

Diese Thiere, welche bei uns in Zürich sehr selten als Parasiten 
des Menschen vorkommen , und die ich in Paris oft in den verschie- 
densten Körpertheilen zu beobachten Gelegenheit hatte, sind in Island 
so häufig, dass nach der Mittheilung von Schleissner, Thors- 
tensen, Eschricht und den hierüber zusammengestellten Notizen 
von Küchemneister im Innern des Landes in jeder Familie zwei bis 
drei Glieder an dieser Krankheit leiden ; Vs ^^^' daselbst vorkommen- 
den Krankheitsfälle gehört diesem Uebel an, und nach T hörst ensen 
soll jeder siebente Mensch daran leiden. Das weibliche Geschlecht 
wird viel mehr als das männliche von dieser Krankheit befallen. Mit 



— 141 — 

dem Alter nimmt die IläuHgkeit zu. Bei den Männern beobachtet 
man sie am häutigsten zwischen dem 30. und 40. Jahre, bei Frauen 
zwisclien dem 40. und 50. Jahre. Bald beobachtet man ganze Ko- 
lonieen dieser Schmarotzer in der Leber , die sie zn grosser Ausdeh- 
nung auftreiben können und in \\elchur sie Eiterbeulen hervoniifen 
können, die nach aussen aufbrechen, so wie auch diese grossen Säcke, 
ohne sich zu entzünden, durch Druck auf die Bauchnrganc Wasser- 
suclit hervorzurufen im Staude sind, oder auch in den Darm durch- 
brechen können, wo alsdann mit den Ausleerungen jene gallertartigen 
Kugeln und Blasen abgehen. Auch in den Nieren entwickeln sie sich 
häutig, und können mit dem Harn nach aussen gelangen. Selbst 
imter der Haut bilden sie grosse Balggeschwiilste, und wenn mau 
bedenkt, dass das einzelne Thier kaum Ve — 'A Millimeter lang und 
breit ist, dass ein jeder sandkornartige Körper 4 — 6 derselben und 
darüber enthalten kann, dass viele der Blasen eine grosse Menge 
solcher Kernchen beherbergen und dass endlich eine jede Geschwulst 
in einer Mutterblase viele Tochterblasen enthalten kann , so wird man 
es kaum für Uebertreibung halten, wenn wir behaupten, dass viele 
dieser Kranken oft Tausende jener lebenden Thiere beherbergen. 

Was hilft es aber, eine solche Scene menschlichen Elends aus 
jenen entfernten Theilen der Erde vor die Blicke unserer Leser zu 
führen, wenn nicht auch hier die Naturforschung sich die schöne 
Aufgabe gestellt hätte, die Uebel, deren innerstes Wesen sie zu er- 
gründen sich bemüht hat, in ihren furchtbaren Folgen zu mindern 
und allmählig zum Verschwinden zu bringen. So hat mau denn über 
die Lokalverhältnisse und die Lebensart der Isländer viele Unter- 
suchungen angestellt; der Boden bietet bekanntlich sehr zahlreiche 
heisse Quellen dar, welche die Menge des lauwarmen Wassers bedeu- 
tend vermehren , und dieses ist für die Entwicklung aller Wurm- 
keime ein geeignetes Medium ; ausserdem ist der Boden sonst sehr 
durchfcuclitet, Wurmkeime aber kommen in sehr grosser Menge auf 
die Erdoberfläche. Einerseits gehen täglich von den Menschen sehr 
viele Blascnwürmer ab, und ein einziger, unter günstigen Verhältnissen 
in den Organismus gebracht , reicht hin , die' ganze durch Sprossen- 
bildung sich mehrende Kolonie zu bilden. Andererseits treiben die Islän- 
der viel Viehzucht, und in wenig Ländern ist die Zahl der Hunde ver- 
hältnissmässig grösser als auf Island. Die Hunde aber nehmen in 
sich die sehr vielen \un den Schlachtbänken kommenden Wurmkeime 
auf, mid aus ihrem Abgang bilden sich dann wieder sehr zaidreiche 
Keime zm- Fortpflanzung der Parasiten, So kommen also aus sehr 
verschiedenen Quellen leicht Wuimkeime der verschiedensten Alt in 



— 142 — 

den menschlichen Organismus, und die Aufgabe der Kunst wäre dem- 
geuiäss eine mehrfache: vor allen Dingen wo möglich die im mensch- 
lichen Organismus hausenden Würmer selbst zu tödten, imd hier 
wären namentlich zwei Methoden zu prüfen ; einerseits das kräftigste 
aller Bandwurmmittel, den aus Abyssinien stammenden Kusso , lange 
Zeit den an der Wurmseuche Leidenden innerlich in massigen oder 
kleinen Gaben zu verordnen , andererseits durch Einreibung mit Queck- 
silbersalbe auf den dem befallenen Theil zunächst gelegenen Gegenden 
der Oberfläche das Tödten der Parasiten zu versuchen, wobei man frei- 
lich die Vorsicht zu beobachten hat, es nicht bis zum Speichelfluss 
kommen zu lassen. Von Seiten der Gesundheitspolizei Aväre dafür zu 
sorgen, dass wo möglich die von Menschen abgehenden Blasenwürmer 
zerstört würden, was auf mannigfache Art zu bewerkstelligen ist, und 
besonders für die durch Wunden und Dui'chbruch nach aussen oft 
massenhaft entleerten Wurmblasen leicht ist. Zu versuchen wäre 
femer, alles Trinkwasser gehörig zu filtrii-en, endlich noch die zahl- 
reichen Hunde vom Bandwurm durch passende Kuren rein zu erhalten. 
Es stammen einige dieser Vorschläge von den ausgezeichneten For- 
schern V. Siebold und Küchenmeister, deren jeder — wiewohl 
in verschiedener Richtung — um diesen Theil der Wissenschaft sich 
hoch verdient gemacht hat. Ich habe aber denselben noch besonders 
das hinzugefügt, was nicht bloss leicht ausführbar ist, sondern 
auch einige Aussicht auf Erfolg darbietet. Und so soll auch diese 
kurze Skizze wieder einmal zeigen , wie wichtig es ist , Wissenschaft 
und Kunst in immer engern Zusammenhang zu bringen und beide so 
viel als irgend möglich für das tägliche Leben zu verwerthen , hier 
aber die grosse menschliche Gesellschaft als eine gleichberechtigte, 
einige Familie anzusehen. 



Der Name Germanen. 

Von FERDINAND HITZIG. 

Die Bedeutung des Namens Germanen hat Holtzmann in seinem 
bekannten Buclie wiederum zur Sprache gebracht und die Frage mit Strabo 
dahin erledigt, Gennani sei das lateinische Appellativ, und als Name den 
Deutschen durch die Römer beigelegt , um sie als echte — Gallier zu bezeichnen. 
Schreiber dieses, -welchen die bezügliche Beweisführung nicht überzeugt hat, 
findet im Rahmen einer Miscelle keinen Raum, den Gegenstand erschöpfend zu 
untersuchen , und bewirbt sich desshalb zunächst dadurch , dass er seine An- 
schauung der Zeugnisse an einem Beispiele darlegt , um das Recht , einen Weg 
zum Ziele weisen zu dürfen , welchen bis jetzt noch Niemand eingeschlagen hat. 



— 143 — 

In der Stelle Tacit. Germ. c. 2*) scheint mir vor allen Dingen deutlich, 
was auch der Sprachgebrauch mit sich bringt, dass der Name Germania, als 
neu und unlängst gegeben, nicht dem Lande der Tungern gilt, indem der Satz 
des Grundes nicht quoniam — tunc Tungri , nunc Germani vocati sint lautet, 
sondern das Verhältniss umkehrt. Die Begründung erstreckt sich bis zum Schluss 
der Stelle; und Tacitus sagt, Germania, Germani, als Name des gesammten 
Landes (C. 1) , der Gesammtnation , sei neuern Ursprungs. Und zwar als solcher 
a victori ob metitin beigelegt. Nämlich als eignend einer ffens , den Tungern, 
fand deren römischer Obsieger Germani vor und trug diesen Namen über — ob 
metum, : nicht gerade , sofern die Furcht die Maasse vergrössert , sondern indem 
sie ihm zuraunte : die besiegten Germanen haben jenseits des Rheines zahlreiche 
Stammverwandte. Die Furcht Hess ihn davon absehn , dass die jenseitigen Yölker 
jedes seinen Germanen beigeordnet und anders benannt, hiemit auch andere 
seien. Sie dachte nicht an die trennenden Unterschiede , sondern nur an das 
Gemeinsame aller dieser Völker ; und es überwog das Bewmsstsein , den Theil 
eines Ganzen besiegt und nunmehr das übrige Ganze gegen sich zu haben. Das 
aber sagt Tacitus nicht, dass als früherer (vielleicht ältester) Name der Tun- 
gern Germani durch die Römer aufgebracht sei ; und der Umstand , dass er 
dagegen die Uebertragung ausdrücklich den Römern beimisst, verleiht hier dem 
Beweisgrunde vom Stillschweigen einiges Gewicht. Selbst in dem Falle jedoch, 
dass als Name jener gens „Germani'^ von den Römern herrühren sollte, ist das 
Wort nicht nothwendig das römische, welches als Adjectiv ohne Substantiv ganz 
ungewissen Sinnes schwanken würde. Während gemeinhin Entgegensetzung der 
Galli und der Germani im Bewusstsein der Schriftsteller haftet, werden weder 
die Tungern noch die Deutschen überhaupt im Sprachgebrauche jemals wie Galli 
germani bezeichnet; der Gallus germanus, nicht Germayius , Seneka's (de 
morte Claudii) gehört vielmehr gen Lugdunum (vgl. Holtzmann S. 49). 

Um so weniger ist diese Benennung eines nichtrömischen Volkes für das 
römische Appellativ zu halten, da dasselbe Wort FtQ/^CCVlUl als ein Yolksname 
schon beim Griechen Herodot (1, 125) vorkommt; und zwar erscheinen auch 
diese Germanier als eine gens einer natio (vgl. über den begrifflichen Unterschied 
Holtzm. S. 43) , als ein Stamm des Perservolkes , das durch seine Sprache , also 
auch nach seiner Abstammung den Deutschen verwandt ist. Mit der Thatsache 
dieser Fe^f^iUViOl allein und unmittelbar beweise ich nicht weiter, sondern 
nehme von ihr , da der Name sich nunmehr , w^ie zuletzt im Westen des Rheines 
so auch östlich vom Tigris vorfindet , erneuten Anlass , mich um seine Bedeutung 
zu erkundigen. 

In der Mischna (Negaim 2, 1.) wird Germani als der Weisse und zwar 
blendend Weisse dem Kuschi d. h. dem Mohren entgegengesetzt. Begreiflich 
gibt ersterem Worte der Hebräer Maimonides eine hebräische Etymologie : 
von gerem = if«oc/(e>« bedeute es: wie ein Knochen so weiss. Allein auch 
das correlate Kuschi, Name eines nicht einmal semitischen Volkes, ist kein 
hebräisches Wort, luid wenn beide Ausdrücke an andern Orten auf die Haut- 
farbe bezogen und von weissen und dunkelfarbigen Juden ausgesagt sind , so 



*J Cetentm Germaniae vocahidum recens et nuper addiium, quoniam qui 
primi Rhenum transgressi Gallos expulerint ac nunc Tungri, tunc Germani 
vocati sint. ita nationis nomen , non gentis , ecaluisse paulatim , ut omnes primum- 
a Victore ob metum, mox etiam a se ipsis invento nomine Germani vocarentur. 



— 144 — 

deutet in dei- Stelle Jalkut fol. 44, Col. 2 : Allenthalben verkauft der Weisse 
(Oermani) den Schwarzen ( Kusch ij , die Sache genugsam an, dass wie Kuschi 
auch Germani eigentlich Volksbezeichnung ist, jenem Gebrauche des Wortes 
gemäss die weisse Race bezeichnet. Der Spruch geht offenbar auf das thatsäch- 
liche Verhältniss zurück , dass überall , wie in Indien und am rothen Meere 
60 auch in Aegypten und Palästina , dunkelfarbige Urbevölkerung von einem 
eingewanderten Volke helleren Colorits unterjocht worden und annoeh untei'drückt 
wurde (S. 1 Mos. 9, 25. 5 Mos. 2, 22; Zeugnisse bei v. Bohlen, das A. Indien 
1 , 47 — 49 , und vgl. Wellsteds Eeisen in Arabien , deutsch herausgegeben von 
Rödiger, II, 201 ff.). 

Wenn nun seinerseits Kuscht ursprünglich der Schwarze bedeutet (s. Zeit- 
schrift der D. morgenländ. Gesellschaft IX , 769 ) , so dürfte leicht auch das 
talmudische Germani zunächst eine Farbe ausgesagt haben, so dass nicht erst 
aus dem Sachverhältnisse, dass die Germanen weiss sind, dieser Gebrauch des 
Wortes sich entwickelte. Da ist nun zuvörderst mit dem persischen germ , 
sanskritischen gharma , dem deutschen loarm nichts anzufangen , obgleich die 
Begriffe Glanz imd Gluth, in der Wirklichkeit oft vereinigt, in mehreren he- 
bräischen Wörtern übereintreffen. Heiss hängt mit weiss ursprünglich so wenig 
zusammen wie calor mit color , und am nächsten liegt die Ableitungssylbe man, 
welche auch sonst im Sanskrit sehr gewöhnlich. Ich knüpfe unser Wort an das 
sanskritische hara , eine Benennung des Civa oder IMahädewa , welcher der einzige 
weisse Gott der Inder , dessen Bildsäulen folgerichtig aus weissem Steine verfertigt 
werden. Indem daneben hari, Name des Gottes Wischnu , noch im Sprach- 
gebrauche gelblich, fahl if. bedeutet, gebe icli auch dem Worte hara (eig. der 
hinwegnimmt u. s. w.) weiter den Begriff des blendend Weissen (eig. oculos 
rajpiens); und wie von käla, schwarz, käliman, die Schwärze, kommt, so 
von hara eine Ableitimg ha r im an, welche zunächst die Weisse bedeuten 
konnte : nach Analogie von Adjektiven wie brahmanja würden die ViOfiariOl 
gut sanski-itisch harimanjäs geheissen haben. Warum wir nicht unmittelbar 
auf hari greifen , erhellt zum Theil aus dem schon Gesagten , und wird noch 
weiter aus dem Folgenden klar hervorgehn. Betreffend den Wechsel von sanskr. 
h und dem g, erinnern wir an hauu, das lateinische ye;;«; an hansa, Gans; 
ha, = ye u. s. w. 

Wenn der Name also die Weissen bedeutet, und wenn iougleich, den An- 
gaben von Tacitus und Herodot zufolge, Germanen, Germanier ein einzel- 
ner Volksstamm hiess, so wird mit Beiziehung der weissen Hautfarbe, welche 
an den nördlichen Völkern , z. B. den Gothen , auffiel und vielfach von Römern 
und Griechen bezeugt ist, nichts ausgerichtet. Auch Hinweisuug etwa auf die 
yJsvxoGVQOl kann nicht viel helfen; und eben so wenig trägt es uns aus, dass 
der russische Edelmann seinen Bauer den Schwarzen nennt, oder dass bei den 
Mongolen der Vornehme weissere Knochen hat. Nämlich der Weisse zwar im 
Talmud, welcher den Mohren verkauft, besagt den Angehörigen des Herrscher- 
volkes , das im selben Lande wohnt mit einem andern , und jene weissen Syrer 
tragen ihren Namen zum unterschiede von rothen oder überhaupt dunkler gefärbten : 
dagegen jene Germanen, die Tungern, wie ohne Zweifel auch der persische Stamm, 
wohnten für sich in einer Gegend zusammen, ohne Untermengung Dunkelfarbiger; 
und die coordinirten Stämme hatten ohne Zweifel ebenfalls eine weisse Hautfarbe. 
Sollen wir eine hellere Weisse annehmen , einen graduellen Unterschied setzen ? 
und wie beweisen wir ihnV Ein Volksstanun ist nicht eine „Kaste" (sanskr. 



— 145 — 

= V a r n a , eig. = Farbe ) ; und sollten die vornehmen Pasargaden dunklerer 
Färbung als die Germanier gewesen sein ? Betreffend die Letztern , so gebricht 
es an Handhaben zu einer schliesslichen Entscheidung; für diejenigen Germanen, 
um welche es uns eigentlich zu thun ist, liegt die Lösung eben in dem l'nistand, 
dass sie zuerst , den Rhein überschreitend , mit den Galliern in Berührung kamen. 
Tacitus sagt nicht, die Tungern hätten sich selber Germanen genannt. Das 
Wort Qertiiaiii ist gallisch : so als die Weissen bezeichneten Gallier die fremd- 
ländischen .A.nköunnlinge. Aber -waren denn die Gallier dunkler gefärbt"? Wenn 
yiuifli^ was itvacpi- i' i! , wenn FahaiUL wahrscheinlich dasselbe Wort ist, 
wie KiXTCd^ so könnten die beiden Xamen mit KuXi'.Tlvci zusammenhängen, 
der Benennung eines indischen Volkes Herod. 3 , 38. vgl. 97. Diese sind 
dunkler Hautfarbe (Herod. c. 101.); und Ka?MTiai kommt also vermuthlich, 
indem die Endung tja auch im Sanskrit Adjective ableitet, von käla, schwarz 
(vgl. das deutsche Kohle, das türkische kara). Dann aber ordnen sich auch 
zu käla die GaUi , Angesichts der Germani , gleichwie in dem Spruche : k ä 1 i m ä 
k ä 1 a k ü t a s j a n ä p a i t i h a r a .? a n g a m ä t (Hitop. IIL 4 , 20.) käla und h a r a 
sich gegenüberstehn. Somit nun aber wären die Gallier im Vergleiche zum 
blendenden Weiss der Germanen allerdings dunkler gefärbt, — nicht nothwendig 
schwarz, eher matter Färbung, farblos, blass. Käla bezeichnet auch als Sub- 
stantiv den Tod , das Erblassen ; q ä r ist im Keupersisclien zugleich sehr zceins 
xmd sehr schwarz, gültig für 9j/.i' und ^j/a;; und imser &/(?ss , identisch mit b lack, 
ist im Englischen erst schwarz geworden. Ihre Einheit haben beide AVörter im 
sanskritischen valaxa, toeiss , woher Ile^MQyoi, und weiter die Candida avis, 
ns/MOyog ; zu diesem Ende aber muss auch valaxa eigentlich überhaupt rfds 
Farblose ausgesagt haben. Dass auch die Kelten eine indo-gernianische Sprache 
redeten, haben wir hier nicht zu erhärten; schon ein Xame wie Gyptis (Justin. 
43, 3.) und dass sie das Wasser tur nannten, reicht zum Beweise hin. Den 
Namen Germaui nun, der sich zu J^f()i.itCl'lOI verhält wie FaXatai zu 
]\a?Mliai , lernten die im Lande stehenden Römer von den Galliern ; und als 
sie noch andere Völker gleicher Farbe, Sprache, Sitte u. s. w. kennen lernten, 
gaben sie ihnen desshalb , nicht ob melum . denselben Namen. Und wie steht 
es mit der Benennung Tungri? Als nachgerade alle Deutschen Germani Messen, 
taugte das Wort auch nicht mehr zur unterscheidenden Bezeichnung eines ein- 
zelnen Stammes ; derselbe legte diesen Namen ab und — nannte sich fiirder Tun- 
gern? Aber nicht sie sind es ja, welche sich vorher Germanen genannt haben : 
welches war denn wohl ihr einheimischer, ursprünglicher Name, den sie geführt 
schon vor ihrer Ueberschreitung des Rheins? Ich denke : eben Tungern. Mit 
dem .\bsterben des fremden Germani kara jener von selbst wieder auf und aui.li 
bei den Römern in Curs, nachdem er die Zwischenzeit über sich ebenso im 
Volke selbst erhalten hatte , wie manche semitische Städtenamen , welche nach 
der griechisch-römischen Periode unter der IlerrscJiaft der Araber wiederum zur 
Geltung gelangt sind. F. H. 



Die drei Geheimnisse des Rufes bei Ignatios. 

Von G. VOLKMAK. 

Der gewöhnliche Text ad Eph. c. 19 nennt „die Jungfrauschaft Maria's , ihre 
Geburt und den Tod des Herrn drei Geheimnisse des Rufes, die in der Stille 



— 146 — 

Gottes erfolgten (tqiu (.iVGTrQia XQavyrig); dem Teufel blieben sie unbekannt, 
sie seien aber offenbar geworden durch den Stern , der alle andern überstrahlte". 
Räthselhaft. Baur (Entst. des Episcop. S. 176 f.) will in jenen drei That- 
sachen gleichsam ,. drei Worte des lauten Geheimnisses " finden , das Gott in 
aller Ruhe veranstaltete (?) , der Teufel aber nicht erkannte. Dem Teufel war 
jedoch der Kreuzestod gar nicht unbekannt, er hat ihn selbst herbeigeführt 
(Luc. 22, 3) und er sah selbst zu (ad Trall. c. 9). Hilgenfeld (Ap. V. 
S. 255 f.) denkt hinzu : der Tod Jesu Christi ,. a 1 s des Sohne? Gottes " ; das 
heisst aber interpoliren , und kann denn [.ivOTiQiu y.Quryi]g (schreienden Rufes) 
so vag gedeutet werden : „ lautes " Geheimniss ? Nun sagt der syrische Text 
(ed. Cureton p. 35) : „dem Fürsten der Welt blieb verborgen die Jungfrauschaft 
Maria's , die Geburt des Herrn und drei Geheimnisse des Rufes, welche in der 
Stille Gottes vollbracht wurden von dem Stern an (anc TOD tföTf OOgJ". Cu- 
reton (p. 286) findet das jedoch kaum verständlich, vielleicht sei an den Lob- 
gesang bei der Geburt des Herrn (Luc. 2, 14) zu denken (dc§U, eiQrvrj, 
svöoxia?), Bunsen will den Text stark ändern, Ritschi (Altk. K. S. 577 f.) 
erinnerte an die Rufe bei der Taufe und bei der Verklärung (Matth. 3, 15; 
17, 7 par.) und schlägt vor zu lesen tu statt tqIu. Hilgenfeld (S. 275 f.) 
sieht hierin das Zugeständniss , dass dieser angeblich erste und echte Ignatius- 
Text unhaltbar sei; er zeige sich hier besonders evident secundär, auf Missver- 
stehen des „allerdings schwierigen" griechischen beruhend; unbegreiflich ist ihm 
auch, wie man „seit" dem Sterne interpretircn könne. Lipsius (Zeitschrift für 
histor. Theol. v. Niedner. 1856. I.) räumt das Recht zu jenem Schluss ein, 
wenn da nur mit Textänderungen zu rathen sei. Doch sei Alles in der Ord- 
nung, wenn man nur ein ausser kanonisch es Evangelium unterstelle, 
welches nach der Erscheinung des Sternes (denn das heisst anö , wie es der 
SjTer verlangt) ausser jenen beiden Rufen noch einen dritten ähnlichen enthalten 
habe. „Man wisse ja so wenig von der altern Evangelienliteratur; es könnte 
also" u. s. f. Wie aber, wenn die ganze Schwierigkeit nur daran läge, dass 
man von unserer Evangelienliteratur gewöhnlich so wenig weiss, dass einmal 
seit Griessbach (oder vielmehr schon von Tertullian und Augustin an) das kür- 
zeste der vorjohanneischen Evangelien für so ganz arm und abhängig erklärt, 
in den Winkel gesetzt und der vulgären Theologie geistig fast abhanden ge- 
kommen ist. Im Evangelium Marci stehen ja offen genug diese drei Geheim- 
nisse des Rufes : 1) bei der Taufe : „Du bist mein Sohn , der Geliebte" ; 2) bei 
der Verklärung: „Dies ist mein Solin, auf ihn höret", und 3) beim Tode er- 
schallt die diesen ganz parallele Stimme : „Dieser war wirklich der Sohn Gottes". 
Diese Erfüllung der beiden andern ist der Ausruf jenes Hauptmannes, der am 
Kreuz (unmittelbar am Kreuze selbst, ohne jüdische Vermittlung) der Vorbote , 

des gläubigen Heidenthums wird , aber nur der Wiederhall von dem geheimniss- j 

vollen Schrei, mit welchem der Herr bei Marcus (14, 37) verscheidet und durch '' 

welchen eben der Hauptmann zu dem Gedanken und Ausruf gebracht wird 
(OTl niT(0 XQa^ag i^invevatv). Die Folgenden haben den Zug nicht mehr 
verstanden und daher beseitigt. Es gehören aber die drei geheimnissvollen Rufe, 
„er ist der Sohn Gottes", die beim Beginn, beim Höhepunkt und am Schlüsse 
der Erscheinung Christi hier erschallen, gerade zur Ausführung des Thema"s. 
welches dies Evangelium sich gesetzt hat (1,1): „Die frohe Botschaft von Jesu 
Christo, dem Sohne Gottes." Ignatius (oder Pseudo - Ignatius , gleichviel) 
will also sagen : dem Fürsten der Sinnenwelt blieb Alles verborgen , wodurch 



— 147 — 

die Göttlichkeit Jesu im Evangelium schon äusserlich bekundet wird : 1) dass 
die Mutter eine Jungfrau ist ( Luc. , Matth.) ; 2) die Art seiner Geburt unter so 
■wundervollen Umständen , dem Lobgesang der Engel , der Anbetung der Hirten 
(Luc.) , dem Sterne , der die Weisen zur Anbetung leitete (Matth.) , und 3) die 
drei heiligen Rufe, welche vom Himmel wie von der Erde her laut seine Gött- 
lichkeit erklären . hier durch Christum selbst , durch seinen geheimnissvollen Ruf 
(xQavyi) veranlasst (Marc). Das böse Prinzip, wie die Sinnenwelt überhaupt, 
ist ja auch so kurzsichtig , um Nichts von dem zu vernehmen , was in der Stille 
Gottes, auf dem Gebiete des Geistes und des geistigen Glaubens wahrlich zu 
sehen und zu hören ist. — Es bedarf hier keinerlei Hypothese. Am Texte des 
Syrers ist nichts zu ändern ; er ist hier zugleich der ursprüngliche , den man 
nur später nicht mehr verstanden und darnach geändert hat. Auch fehlt bei den 
ältesten Benutzern der merk^vürdigen Stelle (Orig. in Luc, „Theoph." in Matth., 
Pseudo-Ign. ad Philipp, c. 8. Vgl. Cureton, p. 158 sq.) der „Tod"*, der nun 
von dem Ueberarbeiter mit hereingezogen wurde. Erst das vierte Jahrhundert 
kennt den depravirten Text dieser altchristlichen Sentenz vom .dummen Teufel". 



Die deatscheo Rechtssprüchwörter. 

Vou E. OSENBRÜGGEN. 

Die Wichtigkeit der deutschen Rechtssprüchwörter für das Studium des 
deutschen Rechts ist ebenso oft anerkannt worden , als die Unvollständigkeit 
und Unzulänglichkeit der alten Sammlung E i s e n h a r t " s. Zwar ist vor Kurzem 
(1854) ein Buch erschienen , das sich als neue Sammlung ankündigt : „Paroemia 
et regulse iuris Romanorum . Germanorum , Francogallorum , Britannorum ; edidit 
Leop. Volckmar''; allein dieses Buch ist ganz unbrauchbar; es ist ohne alles 
Verständniss der Aufgabe unternommen und oluie alle Kritik gearbeitet. Sehr 
passend wäre eine einleitende Vergleichung der römischen regulse iuris und der 
deutschen Rechtssprüchwörter gewesen , aber dazu fühlte der Verfasser sich wohl 
nicht befähigt und wir wollen ihm aus dieser Unterlassuug keinen Vorwurf 
machen; was soll man aber von einem Schriftsteller denken, der unter den 
römischen regulse iuris aufführt : Cogito , ergo sura ; non entis nullse sunt qua- 
litates ; charitas ordinata incipit a se et suis ; camum non venit appellatione 
vini; acetum vini appellatione non venit; non licet corrupta frumenta vendere; 
episcopi circa nepotes et consanguinei cseci dicuntur, etc.?" Dem alten E i s e n- 
hart nachbetend, führt er ferner deutsche Rechtssprüchwörter auf, die nur 
Sprüchwörter sind , aber mit dem Rechte in keinem directen Zusammenhange 
stehen. Wenn man nun aus diesem Opus bloss entnehmen kann , wie die Sache 
nicht anzugreifen sei, so steigert es doch den Wunsch, es möchte bald die 
Aufgabe von befähigter Hand gelöst werden. Es fehlt in Deutschland nicht an 
Männern, die es könnten; vielleicht wäre das Gelingen erleichtert und mehr 
gesichert, wenn mehrere, die von verschiedenen Seiten ihr Studium den deut- 
schen Rechten widmen , sich zu solchem Zwecke vereinigten. Die grösstniögliche 
Vollständigkeit \vürde so erreicht werden , zumal wenn die Collaboratoren in 
verschiedenen Gegenden Deutschlands und der deutschen Schweiz in ihren 
Kreisen auf die wirklich im Volk gangbaren Rechtssprüchwörter vigilirten. — 
Eine Classificirung der Rechtssprüchwörter wäre nöthig. Eine Art derselben 
bilden die populären Rechtssprüchwörter, welche seit lange im Munde des 



— 148 — 

deutschen Volkes gelebt haben und ein gutes Stück seiner Nationahveisheit ent- 
halten , z. B. : „ was man schreibet , das bleibet" ; „ gezwungen Eid ist Gott 
leid" ; „wer will hadern um ein Schwein , der nehm' eine Wurst und lass' es 
sein". (Es ist besser ein magerer Vergleich als ein fetter Prozess). Diese popu- 
lären Reohtsspriichwörter sind oft sehr sinnig, oft sehr derb (z. B. : „wo sich 
der Esel wälzt, muss er Haare lassen", zur Bezeichnung des Gerichtsstandes 
des begangenen Verbrechens); enthalten hausbackene Prosa oder haben einen 
poetischen Anstrich ; geben eine schlagende "Wahrheit oder haben eine gefährliche 
Doppelnatur , z. B. : „Noth hat kein Gebot" ; „ schweigst du still , so ist's dein 
Will'"; „flüchtig Mann, schuldig Mann". Diese letztern, die man zweischneidi- 
gen Schwertern vergleichen kann , verdienen eine besonders sorgfältige Behand- 
lung und müssen in Beziehung gesetzt werden zu der Art und Weise, wie im 
Volksleben die Sprüchwörter überhaupt gebraucht werden. Wird im Norden 
Deutschlands , imd wohl nicht bloss dort , etwas erzählt oder besprochen , so ist 
man sicher, dass einer aus der Gesellschaft die Quintessenz des Ganzen oder 
eine Auffassung der Sache in einem Sprüchwort wiedergibt; dabei ist es aber 
ein eigener Zug, dass aus der reichen Fülle der Sprüchwörter auch die schnur- 
gerade sich entgegenstehenden Dinge mit Sprüchwörtern belegt werden. „Ein 
Mann, ein Wort!" ist das schönste Sprüchwort , aber: „besser geschworen, als 
verloren!" reimt sich sehr gut. Die bedenkliche Moral in: „einmal ist kein- 
mal!" ist ebenso bequem, als der Spruch zungengerecht. — Nicht wenige Sätze , 
die in Deutschland als Reclitssprüchwörter gebraucht werden , finden sich ihrer 
Wahrheit wegen auch in den Rechten anderer Völker, und einige dei'selben sind 
vielleicht erst mit dem römischen Recht in Deutschland eingebürgert , z. B. : 
„ zu viel Recht ist Unrecht ( summum ins sunnna iniuria ) " ; „ selig ist der Be- 
sitzer (beatus possessor)"; „eines Mannes Red' eine halbe (keine) Red', man 
verhör" sie alle beed' (audiatur et altera pars)". Die in diesem letzteren Satze 
ausgesprochene P'orderung ist übrigens so natürlich, dass an eine Entlehnung 
desselben aus dem Lateinischen nicht nothwendig zu denken ist. Mehrere Rath- 
liaussäle haben schon in sehr alter Zeit diesen Fundamentalsatz der Gerechtigkeit 
zur Inschrift erhalten. — Von den Reclitssprüchwörtern im Munde des Volks 
sind zu sondern die Sprüche von tiefer juristischer Bedeutung , welche nicht 
Geiueingut werden konnten , sondern auf den Kreis der Juristen beschränkt 
blieben oder doch nur von diesen ganz verstanden wurden , wie es auch in Rom 
mit vielen regul» iuris der Fall war. Dahin gehört z. B. : „Jahr und Tag ist 
die rechte Gewähr"; „Hand muss Hand wahren", und : „wo ich meinen Glau- 
ben gelassen , da muss ich ihn wieder finden" ; „ ist das Bett beschritten , ist 
das Recht erstritten" ; das in der deutschen Schweiz gebräuchliche : „Weibergut 
kann weder wachsen noch sehwinen (schwinden)"; „der Todte erbet den Leben- 
digen (le mort saisit le vif)", etc. Ganz besonders für die wissenschaftliche 
Behandlung dieser Klasse von Rechtssprüchwörtern würde die freilich schwierige 
Aufgabe entstehen , die Zeit ihrer Entstehung zu ermitteln. Es ist z. B. der 
bekannte Spruch : „Willkühr bricht Stadtrecht, Stadtrecht bricht Landrecht, 
Landrecht bricht gemein Recht," erst in diese Form gekommen, als schon die 
fremden Rechte als subsidiäres Recht aufgenommen waren ; im sächsischen Weich- 
bild , Art. 24: , finden wir eine ganz andere kurze Form : „ wente gelovede 
briet allerhande recht, dar man dat getügen mag". 




/ ^m 



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Buchhandlungen zu beziehen : 

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Blättern, von Fred. Troyon .... I7V2 ^g"^- ^^^'^ 1 '^• 

9. La bataille de Gran9on, 2^|^ Bogen mit 3 Kupfertafeln, von Prof. Frederic 

Du Bois 17 Vs Ngr. oder 1 fl. 

10. Die alten Panner der Schweiz. Urkantone, 1'/, Bogen. 1) Die Panner des Standes 

Uri, mit 1 col. lith. Blatte, v. Hrn. Lusser, Dr. Med. in Altorf; 2) die Panner 
des Standes Schwyz, mit 1 col. lith. Blatte, v. Hrn. Obrist Alois v. Reding 
in Schwyz; 3) die Panner des Standes Unterwaiden nid dem "Wald, mit 1 col. 
lith. Blatte, v. Hrn. Hauptm. v. Deschwanden in Stanz, 17'/2 Ngr. oder 1 fl. 

11. Eidg. Schlachtlieder mit Erläut. v. Prof. Ettmüller, 2 V4 B. 12% Ngr. od. 44 kr. 

12. Notice historique sur quelques monuraens de l'ancien Evechö de Bale, 2'/4 Bog. mit 

2 lith. Blättern, v. Mr. Quiquerez, prefet de Ddlemont, 25 Ngr. od. fl. 1. 24. 

13. Facsimile eines von Niclaus von der Flüe im Jahr 1482 an den Stand Bern gerich- 

teten Schreiben, mit Bemerkungen von Ai'chivar Gerold Meyer von Knonau, 
Vi Bogen mit 1 lithogr. Blatte .... ll'/4 Ngr. oder 40 kr. 

14. Historische Notizen über das Stift und die Kirche zum Grossen Münster in Zürich, 

V. Prof. S. Vögelin, und nachtr. Bemerkungen über die Bauart des Münsters, 
2V4 B. mit 4 Kpft. und 2 lith. Blät., v. F. Keller, 2 Thl. 15 Ngr. od. fl. 4. 12. 



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1. GescLiclitc des Klosters Kappel im Kanton Zürich, 2'|^ Bogen mit 2 Knpfertafeln, 

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2. Die Bracteaten der Schweiz, 11 Bogen mit 3 litliogr. Blättern, von Dr. Heinr. 

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3. Alberti de Bonstetten descriptio Helvetise, 2 Bog. mit Holzscli. 7 Ngr. oder 24 kr. 

4. Die alten "Wandverzierungen in einem ehemaligen Chorherrenhause in Zürich, 

1 Bog. mit 2 lith. Blättern ; Beschreibung der helvetischen Heidengräher und 
Todtenhügel, b^U Bogen mit 5 lith. Bl. v. F. Keller, 1 Thlr. oder 1 fl. 44 kr. 

5. Allgemeine Bemerkungen über die Heidengräber in der Sch-weiz , 5'/4 Bogen mit 

5 lithogr. Blättern, von F. Keller . . . 27 Ngr. oder 1 fl. 32 kr. 

6. Benedictiones ad mensas Ekkehardi IV monachi Sangallensis ; Doctordiplom des 

Magister Felix Hemmerlin von Zürich; Goldschmuck und christliche Symbole, 
gefunden zu Lunnern im Kanton Zürich , 4'/4 Bogen mit 2 lithogr. Blättern, 
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Vierter Band. 

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Fünfter Band. 

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Du Bois 7 Thlr. oder 12 fl. 

Sechster Band. 

1. L'eber Ursprung und Bedeutung der Wappen mit Bezug auf eine alte Wappenrolle 

der zürcherischen Stadtbibliothek, von Dr. Friedrich v. Wyss, 4 '/2 Bogen 
nebst 3 colorirten Tafeln 24 Ngr. oder 1 fl. 24 kr. 

2. Das alte Necrologium von Reichenau , im Facsimile herausgegeben und mit einem 

Commentar versehen, von Dr. Ferd. Keller. I. Abtheilung. 4'/^ Bogen mit 13 
autogr. Blättern 22 Ngr. oder 1 fl. 16 kr. 

3. Die Ortsnamen des Kantons Zürich ; aus den Urkantonen gesammelt mid erläutert 

von Dr. H. Meyer, 14'/j Bogen . . 1 Thlr. 4 Ngr. oder 1 fl. 56 kr. 

4. Beschreibung der Burgen Alt- und Neu-Rapperswil, von Dr. F. Keller, 4 Bogen 

nebst 6 lithogr. Blättern 24 Ngr. oder 1 fl. 24 kr. 

5. Chronik von Rapperswil vom Jahre 1000 bis zum Jahre 1388, herausgegeben von 

Prof. Dr. Ettmüller, 2V4 Bogen .... 6 Ngr. oder 20 kr. 

SiEBEXTEK Band. 

1. Beschreibung eines aus dem 14. Jahrhundert stammenden Brautschmuckkästchens, 

von Prof. Dr. Ettmüller, 2 Bog. mit 5 lith. Blättern, 24 Ngr. oder 1 fl. 24 kr. 

2. Alaraanische Formeln und Briefe aus dem 9. Jahrhundert, von Prof. Dr. Fr. von 

Wyss, 51/4 Bogen mit 1 lithogr. Blatt . . 24 Ngr. oder 1 fl. 24 kr. 

3. Bilder und Schriftzüge in den irischen Mannscripten der Schweiz. Bibliotheken, 

gesammelt und mit Bemerkungen herausgegeben von Dr. Ferd. Keller, 5 
Bogen mit 13 lithogr. Blättern . . 1 Thlr. 25 Ngr. oder 3 fl. 10 kr. 

Achter Band. 
1. Geschichte der Abtei Zürich, von G. v. Wyss, mit Beilagen, 8*/^ Bogen mit 

1 Doppelstahlstich 1 Thlr. 6 Ngr. oder 2 fl. 6 kr. 

2. Fortsetzung, 11 Bogen mit 1 Kupfer . 1 Thlr. 6 Ngr. oder 2 fl. 6 kr. 

3. Fortsetzung i 22 Bogen mit 1 Kupfer, 2 Thlr. 16 Ngr. oder 4 fl. 15 kr, 

Neunter Band, IL Abtheilung. 

(Noch nicht vollständig erschienen.) 

1. Die Schweiz in römischer Zeit, von Th. Mommsen, 24 Ngr. oder 1 fl. 24 kr. 

2. Die Winkelriede von Stans bis auf Arnold Winkelried, den Helden von Sempach, 

nach Urkunden von Dr. v. Liebenau . . 20 Ngr. oder 1 fl. 8 kr 

3. Die keltischen Pfahlbauten in den Schweizerseen, von Dr. Ferd. Keller, 

1 Thlr. 6 Ngr. oder 2 fl. 6 kr. 
Zehnter Band. 

Inscriptiones confoederationis Helvetise latinse, edid. Theodorus Mommsen, 

5 Thlr. 12 Ngr. oder 9 fl. 24 kr. 

Sei Abnahme eines ganzen Bandes, aus mehreren Heften bestehend, unter dem 
Titel: „Mittheilungen der antiquarisehen Gesellschaft in Zürich", findet eine Preis- 
ermäasigtmg statt. 



i 



Monatsschrift 

des 

WISSSNSCHAFTIiIGHEN VEREINS 

in 

ZÜRICH. 

Herausgegeben von dem Redactionsausschuss desselben : 

Ferdinand Hitzig, Eduard Osenbrüggen, Heinrich Frey, 
Adolf Schmidt, Eduard Bohrik. 



(Hauptred.: Adolf Schmidt.) 



©urtes unb fänfics ^eft. 






UCH, 

Verlag von Meyer & Zgller. 

1856. 



K, 



Preis für den JahrgnnK 4 Thir. = 14 Pr. 



Der Hauptbestandtheil dieser Zeitschrift ist selbstständigen, von den Ver- 
fassern unterzeichneten Aufsätzen aus allen Zweigen der "Wissenschaft gewidmet, 
mit dem Zweck : die Ergebnisse gründlicher Forschung in möglichst anziehender 
und anregender Form darzulegen und dergestalt, wie eine unmittelbare Förde- 
rung der Wissenschaften, so namentlich auch eine Vermittlung derselben unter 
sich anzustreben. Grössere Recensionen sollen nur in selteneren Fällen Platz 
finden, kurze Notizen aber und gelegentliche Urtheile über neue Erscheinungen, 
sowie Berichte und Anfragen in dem Anhang mitgetheilt werden. 

Inhalt bts &orlwgmI>eK '§tüts: 

Diagnose des gegenwärtigen Zeitalters. Von Ad. Schmidt (Schlussartikel) 150 
Die Individualität in der Natur, mit vorzüglicher Berücksichtigung des 

Pflanzenreiches. Von Carl Nägeli (Ein Vortrag) 171 

Ueber die Druiden bei Cäsar. Von Ferdinand Hitzig 213 

Beitrag zur Lehre vom Versuch des Verbrechens. Von Ed. Osenbrüggen 217 

Literatur 23C 



Die nächstfolgenden Hefte werden Beiträge enthalten von Städeler, Bobrik , 
Fritzsche, Frey, Vischer, Volkmar, Meyer-Aurens und Anderen. 



Zusendungen an die Redaction werden portofrei oder auf dem Wege des 
Buchhandels erbeten. 



dtgentoärtigc pitglttb« bts gäissmstbaftlitben ^ttmz: 

J.J. HoTTiNGER, Präsident. Alex. Schweizer, Vicepräsident. Dernbdrg, Sekretär. 
Bobrik. Clausius. Escher y. d. Linth. H.Frey. Fritzsche. Heer. Hildebrand. 
Hitzig. Ferd. Keller. Kym. Lebert. Meyer-Ochsner. Mousson. Müller. 
Nägeli. Osenbrüggen. Raabe. Schlottmann. Ad. Schmidt. H. Schweizer. 
G. Semper. Städeler. F. Vischer. Volkmar. G. v. Wyss. 



1 



Druck von E. Riesling in Zürich. 



[) I A G i\ S E 

VF.» 

GEGENWÄRTIGEN ZEITALTERS. 

Von ADOLF SCHMIDT. 

(Schlussartikel.) 

Die Zwittertriebe der Bewegung. 

Wir haben bisher der extremen Freiheitsbestrebiingon nur nU 
Handhaben der Ein?chiichtening gedacht. Treten wir jetzt näher an 
sie heran; denn nnzweifelhaft nelimen .sie eine bedeutungsvolle Stel- 
lung in dem grossen Weltkampfe ein. 

Alle extremen Freiheitsbesti-ebnugen wurzeln auf dem abstracten 
Glciehlu.'itsprinzipe. Ihrer aller Wirkungen tragen Einen Charakter : 
indem sie den Absolutisnuis zu treffen glauben , treffen sie die Frei- 
heit : und indem sie die Freiheit zu begründen gedenken, begründen 
sie den Absolutismus. Demi wie in aufsteigender Linie mit dem 
Extreme der Knechtschaft der L'mschwuni;- zur Freiheit beginnt : so 
ist allemal in absteigender p]nlwicklung das Kxtroni der Freiheit, 
wenn es zur Herrschaft gelangt, entweder bei rasciierem Wechsel die 
provisoriselie Kiiekkehr zu der alten , oder bei ebenmä.'-sigeni Gef;ille 
der definitive Keim zu einer neuen Gewaltherrschaft. Eben desshalb 
war es der Heaetion jederzeit ein so Avillkoumiener Verbündeter, und 
für die Freiheit ein nicht minder gefährlicher Feind als die nackte 
Ifcrrschsuclit selbst; ja ein nuch gefährlicherer, weil es unter dem 
Banner der Freiheit und daher anscheinend für sie ficht. 

Und dennoch sind allen extremen Richtungen im Lager der 
Freiheit, wie die Wirkungen, so auch die hauptsächlichsten Eigen- 
schaften n;it dem Despotismus gemein. Wie dieser nehmen sie die 
Freiheit nur für sich , oder statt der Gleichberechtigung das Allein- 
recht in Anspruch; gleich ihm, uiul im schneidendsten Gegensatze 
zur Idee der Freiheit, trachten sie darnach, die sich selbst bestim- 
mende Mannigfaltigkeit der Entwicklung auf dem Gebiete des Staates, 
der Religion, der Gesellschaft und des Völkerlebens, ein für allemal, 
freilich in ihrem Sinne , zu nixelliren imd zu unifonniren , streben also 
neuerdings nach unitarischen, d. h. absolutistischen Bildungen. So 
wurde denn auch im gegenwärtigen Zeitalter der Freiheitstrieb in 

Wi^^enscliKftlicIie Monatsschrift. ' » 



— 150 — 

seinen Extremen immer wiederum zum Gegensatz seiner selbst, zum 
Herrschtrieh. Einer Diagnose der Geschichte ziemt es nachzuweisen, 
wie diese Umwandlung schrittweise vor sich ging. 

1. Der Anarchismus. 

Auf politischem Gebiete bildet die Anarchie das Extrem des 
Freiheitstriebes. Als örtliche und vorübergehende Erscheinung, als 
Revolution , hatte sie dieselbe Berechtigung wie die vulkanische Kraft, 
die im Weltall nicht nur vernichtend, sondern auch schaffend Avirkt; 
oder wie der Krankheitsprocess , der unter Schmerzen das Uebel 
heilt, aus dem er erwuchs. Aber als System, als Selbstzweck, als 
Permanenz der Revolution, gleicht sie dem Vulkanismus, der in der 
Hypothese von der Weltverbrennung das Ganze zerstört; oder der 
zehrenden Krankheit, die das Leben zum Tode führt. Und eben 
darin lag der Wendepunkt, dass die Anarchie zum Anarchismus, die 
an sich berechtigte Naturerscheinung zum alleinberechtigten Endzweck, 
ihre Kennzeichen zum System mit dem Anspruch auf Alleingültigkeit 
ausgebildet wurden. 

Der Anarchismus verkörpert den politischen Ekel. Alle Contro- 
versen über Regierungsformen und Staatsverfassungen , über Volks- 
vertretung und Gesetzgebung sind ihm gleichgültig; er will nichts 
hören von Monarchie und Republilc, von Aristokratie und Demokratie. 
Uebersättigt von den staatlichen Streitigkeiten, will er ihnen den 
Boden entziehen, den Staat ganz beseitigen. Die Ideen der 
Freiheit und der Herrschaft sind ihm so sehr Eins, dass er eben als 
ein Zwitter beider erscheint, und bald die eine mit der andern über 
Bord wirft, bald im Wollen von der einen ausgehend, im Resultate 
bei der anderen anlangt. So lehrte man denn : die Bedingung der 
staatlichen Freiheit sei die gänzliche Abschaffung des Staates selber. 
Nicht nur diese oder jene Staatsform, sondern jegliche Staatsgewalt, 
jedwede staatliche Autorität müsse auf immer aus dem bürgerlichen 
Leben verbannt werden; denn die wahre „Ordnung sei die Ana i-- 
chie" (l'anarchie c'est Tordre). Es genüge, die Führung gemein- 
samer bürgerlicher Angelegenheiten , wie etwa die Polizei , auf dem 
Wege einfacher Association zu betreiben, oder sie einer Aktiengesell- 
schaft auf dem Wege der Concurrenz zu übertragen ; doch sei Niemand 
gebunden , auch nur hiezu mitzuwirken , da Niemand einen Willen 
ausser sich anzuerkennen habe. So musste selbst der Schattenriss 
eines Gemeinwesens verschwinden ; es konnte nur ganz lose , äusser- 
liche und zufällige Verbindimgen zwischen den einzelnen Individuen 
geben. 



— 151 — 

Das also war die Snmme der Thatsachcn : der Anarchismus 
wollte um der Freiheit willen keine einzige staatliche Autorität dulden ; 
aber, um dies zu können, setzte er sich selbst an die Stelle des 
Staates, maasste sich selbst die Autorität an, und zwang damit der 
Freiheit eben das wiederum auf, wovon er sie erlösen wollte. 

Worin liegt die Erklärung dieses psychologischen Räthsels ? Das 
eigentliche Object des ganzen Ringens im christlich germanischen 
Weltalter war, wie wir sahen, von Anbeginn her die Erkenntniss und 
Verwirklichung der Wahrheit gewesen; wie das Mittelalter um der 
Wahrheit willen, weil sie die Eine sei, nach der Einheit gestrebt 
hatte : so strebten auch die neueren Jahrhunderte um ihretwillen nach 
der Freiheit, weil diese allein die Form der Vfahrheit sei. Da 
begegnete es denn wiederholt den Ringenden , dass sie in der Lei- 
denschaft des Kampfes Form und Object, Gefäss imd Inhalt ver- 
wechselten. Und darin nun bestand auch das Wesen des Anarchismus, 
dass er im Ringen nach der Freiheit, als der Form der Wahrheit, 
unwillkürlich nach der absoluten Wahrheit selber grifl". Hierdurch 
und durch seine dennoch behauptete gegenfiisslerische Stellung zum 
Herrschtriebe waren alle weiteren Vorgänge bedingt. Der Anarchismus 
hielt alle vorhandenen Staatsordnungen für Lüge, Avährend sie berech- 
tigte Stufen im Entwicklungsgänge der Freiheit sind ; und statt daher 
deren Fortbildung im Sinne der letzteren, die gleiche Berechtigung 
aller politischen Willensmeinungen innerhalb des Staates zu erzielen, 
gab er sich dem Wahne hin, man brauche die vermeintliche Lüge 
nur umzukehren, um im Besitze der Wahrheit zu sein. Er stellte 
demnach die Pyramide des gegebenen Staates ohne Weiteres auf die 
Spitze. Kein Wunder, wenn sie zusammenbrach! Denn nun Listete 
freilich nicht mehr der Druck eines Einzelnen oder einer Mehrzahl 
auf Allen, aber dagegen der Druck Aller auf den Einzelnen. .Jeder 
war, nicht von einer organischen Gesammtheit , sondern von allen 
Uebrigen als Einzelnen abhängig, also von dem Zufall oder von dem 
guten AVillen, dem Geschick und der Stärke Anderer. „Damit Alle 
frei seien , solle Keiner herrschen", hiess nichts anderes als : es 
soll Jeder herrschen, soweit er kann. Statt einer Gesellschaft von 
Freien bekam man eine Gesellschaft von lauter Autokraten. Kein 
Einzelner, keine Minderheit war an die Aussprüche der Mehrheit 
gebunden ; denn man erkannte neben dem Einzelwillen keinen Gc- 
sammtwillen und also auch keinen Ausdruck desselben in der Mehi-- 
zahl an. So fielen in der „Anarchie" die gegnerischen Begriffe der 
„Herrschlosigkeit" und der „Allherrschaft", der „Isolirung" und des 
„Krieges Aller gegen Alle" thatsächlich zusammen. 



— 152 — 

War demnach der Keim und Vordersatz des Anarcliismus : die 
Ver-\vechselung der Freiheit mit der absoluten Wahrheit , so stellte 
der Nachsatz, das.s Freiheit gleichbedeutend mit Herrschlosigkeit sei, 
eine weitere Irrung dar. Denn die Freiheit besteht — wie nur in 
der Gemeinschaft und nicht in der Isollnuig — also auch nur mit 
ihrem eigenen Gegensatze und nicht ohne ilm : aber sie will — 
und das ist die äusserste Linie ihrer Bethätigung — diesen Gegen- 
satz aus sich selbst heraus setzen; sie fordert, dass die Herrschaft, 
die Autorität oder das Zwaugsrecht, nur um der Freiheit willen, nur 
durch sie und zu ihrem Schutze da sei. 

Aus jenen beiden Sätzen indessen, einmal anerkannt, musste sich 
mit Nothwendigkeit der Schlusssatz ergeben : dass folglich die Herrsch- 
losigkeit die absolute Wahrheit auf politischem Gebiet verwirkliche. 
Damit war der Trugschluss vollendet. Seine theoretische Consequenz 
musste die Selbstvernichtung alles Lebens sein. Denn bedarf nun 
einmal das Leben der Menschen des Sauerstoffes der Autorität eben- 
sowohl wie des Stickstoffes der Freiheit, so muss es nothwendig 
ersticken , sobald der eine oder der andere Bestandtiieil die Lebens- 
luft ausschliesslich bilden will. Wie aber in der Atmosphäre des 
Erdballs niemals derartige Conil)inationen eintreten und also das 
Menschengeschlecht nicht ersticken kann , wofern es sich nicht über 
die höchsten Regionen der Wolken versteigt oder in die tiefsten 
Schachten der Erde versenkt , — und wie eine gänzliche Zerstäubung 
des Weltalls durch die abstossenden Kräfte der Natur unmöglich ist, 
insofern ihnen Rnt xind fort die anzielienden entgegenwirken : also 
kann auch niemals jene theoretische (."onsequenz zu einer praktischen, 
die anarchische Selbstvernichtung zur Thatsache werden , Aveil in der 
Wirklichkeit ihr miablässig die Attractionskraft des Herrschtriebes 
hindernd entgegentritt. Die praktische Consequenz des Anarchismus 
ist vielmehr die , dass er weder zum Aufgange der Freiheit , noch 
auch zum Untergange des Lebens führt, sondern eben nur die Kry- 
stallisation eines neuen Absolutismus oder die Reaction des alten 
begünstigt. 

Diese Thatsachen hatte schon die französlsclie Revolution des 
vorigen Jahrhunderts in ihrer Höhezeit offenbart. Damit Alle frei 
wären , sollte Niemand über die Anderen herrschen : und die Folge 
war, dass Jeder herrschte so weit er konnte, dass die Herrschlosig- 
keit zur Allherrschaft wurde. Um der Tugend willen wollte man die 
Sünde, im Interesse der guten Bürger die schlimmen vertilgen : und 
die Folge war , dass die Allherrschaft zur Sclireckensherrschaft gedieh, 
deren letzte Consequenz , da Alle Sünder sind , die Vertilgung des 



— 153 — 

ganzen Volkes, ja des gesammten Menschengeschlechts sein musstc. 
Dahin aber konnte e» nicht kommen. Denn statt des Einen sollten 
oder wollten eben Alle herrschen, und die Folge \var, dass der 
Stärkste an Glück und Geschick die Macht an sich riss , dass die 
terroristische AUhcrrschaft zur terroristischen Einherrschaft wurde, dass 
Robespierre so gut wie Ludwig XIV sagen durfte : „der Staat bin 
ich". Robespierre's Herrschaft konnte freilich nicht von langer Dauer 
sein; denn sein Unglück war, dass er, am Ruder des Terrorismus 
stehend , zwar jegliche Gewalt , aber keine Freiheit besass. Und seine 
Schöpfung ? die schliessliche Geburt dieser Zeit ? Allerdings war sie 
eine grossartige , nur hiess sie nicht ,,Freiheit", sondern ,.Napoleon". 

Solchen Erinnerungen standen die letzten Jahrzehnte gegenüber; 
die Reaction hatte nidits vergessen, der Anarchismus nichts gelenit. 

Sein Wesen spiegelte sich in den extremen Freiheitsbestrebungen 
der übrigen Gebiete wieder. In ihnen allen begegnen wir nur seinem 
Ebenbilde. 

2. Der Atheismus. 

Auf religiösem Gebiete wurde durch das Extrem des Freiheits- 
triebes der sogenannte Atheismus zum alleingültigen System erhoben. 

Wie der Anarchismus den jiolitischen, so stellt der Atheismus 
den religiösen Ekel dar. Alle Streitigkeiten über Bekeniibiissformen 
und Glaubensinhalt, über Dogmen und Symbole flössen ihm Wider- 
willen ein ; alle Confessionen erscheinen ihm gleich einföltig und 
überflüssig ; alle Debatten über Kirchenwesen und Kirchenregiment, 
über Trennung von Staat und Kirche , als thöricht und müssig. Ein 
Zwitter des religiösen Freiheits - und des religiösen Herrschtriebes, 
sind ihm Religionsfreiheit und Religionszwang so sehr Eins, dass er 
die eine bietend den anderen bringt. Denn weil ihm alle religiösen 
Kämpfe zuwider sind, will er die Religion selber beseitigen, 
um jenen den Boden zu entziehen. Wie daher der Anarchismus um 
der staatlichen Freiheit willai die Abschaffung des Staates for- 
derte, so lehrte der Atheism\is : Um zur Religionsfreiheit zu ge- 
langen, müsse man die Religion überhaii])t abschaften. 

Die erste Prämisse des Atheismus war wiederum die Idcntifici- 
nmg der religiösen Freiheit mit der religiösen Wahrheit. Die vor- 
handenen Religionen hielt er für Lüge, während sie gerade vom 
Standpunkte der Freiheit aus sämmtlich als berechtigte Erkenntuiss- 
fonnen der Wahrheit gelten inussten ; und statt daher nur die Gleich- 
berechtigung aller Glaiibeusmcinungen , die Freiheit für jede Religion, 
für jegliche Erkenutnissform mit EinschUiss der atheistischen zu 
verlangen , gab er sich dem Wahne hin , man brauche jene vermeint- 



— 154 — 

liehe Lüge nur umziikeliren , um zur absoluten Wahrheit zu gelangen. 
Hiermit \\'ar die zweite Prämisse und der Schluss gegeben, wodurch 
die Religionsfreiheit und die Religions wahrh ei t mit der Reli- 
gions losigkeit identifieirt wurden. 

Als religiöse Denkweise war der Atheismus, gleich dem Pan- 
tliei.snius , wie immerhin man über ilin auch urtlieilen mochte , vor 
dem Forum der Freiheit , unter deren Fahnen er kämpfte , vollkommen 
berechtigt ; aber als System einer jJi'iitendirten absoluten Wahrheit 
musste er in dasselbe freiheitswidrige Uni-echt, in denselben Despo- 
tismus verfallen, wie jedes Bekenntniss, das sich für das alleinselig- 
machende hält: er trachtete zum Uni versa 1 bekenntniss zu werden. 
Wie der Anarchismus sich selbst an die Stelle des Staates, so AvoUte 
der Atheismus sich selbst an die Stelle der Religion setzen, die re- 
ligiöse Denkweise durch Verdrängung jeglichen positiven Glaubens 
nivelliren und uniformiren. So erhob er die Negation auf den Thron 
des Absolutismus und begründete statt der äussersten Freiheit die 
äusserste Zwingherrschaft. Denn die Religion aufheben hiess : sie 
verbieten; und die Religion verbieten hiess: die Religionsfreiheit 
aufhel)en. Gewiss lag im Begriffe der letztern für den Einzelnen die 
Befugniss, wofern er selber es Avolle, sich von einer bestimmten , also 
auch gleichwie Spinoza von jeder Religion loszusagen ; aber ebenso 
auch die andere , sich einer bestimmten Religion nach eigener Wahl 
anzuschliessen. Der Gesammtheit aller Einzelnen jene Lossagung 
octroyiren, hiess also niu' : ein neues Papstthum errichten. 

Auch das hatte sich schon im vorigen Jahrhundert unter den 
Sturmschritten der französischen Revolution als thatsächliches Ergebniss 
offenbart. Durch Decrete und durch Thatsachen wurde die positive 
Religion, das Kirchenthum, abgeschafft, und der siegreich durch- 
brechende Atheismus proclamirte die „Freiheit", aber nicht in der 
Gestalt der Gleichberechtigung, sondern in der der Religionslosigkeit. 
Nicht alle Gemüther jedoch konnten oder wollten hierin die Freiheit 
erkennen : das Gewissen und das Selbstbestimmungsrecht widerstand. 
Da wurde „die Stimme des Irrthums" pi-oscriblrt; Gebete führten 
selbst zur Richtstätte : die Religionslosigkeit wurde zum Terrorismus. 
Denn „endlich einmal" sollte der „Ruf der Wahrheit ertönen") 
endlich einmal im Sinne Ilolbaeh's der „Natur", der „Vernunft" ge- 
opfert werden : der Atheismus, in der Gestalt des Ver nunftcultus, 
wurde zum Papstthum erhoben. Die Sinnlichkeit des positiven Cultus 
Hess sich aber nicht bannen, überrannte die Abstraction : die Vermmft 
wurde Flelscli , verkörperte sich im nackten Weibe zur sichtbaren 
Gottheit, und breitete ihr lüsternes Joch über ganz Frankreich und 



— 155 — 

die deutschen Kheiulande aus. Nie ist die Religion unvernünftiger 
gewesen, als da man die Vernunft vergötterte. Kein Wunder, wenn 
dieses Zerrbild von kürzestem Bestände, nur der tlüehtige Uebergang 
zu einem neuen Absolutismus war! Auf Chaumette folgte Robespierre, 
auf die Autorität Holbach's die Autorität Rousseau'« : die Vernunft 
trat ihr Regiment an das „höchste "Wesen" ab. Und was war das 
schliessliclie Ergebniss ? Nicht die Religionsfreiheit , sondern der 
Triumph der Reaction. Auf Robespierre folgte Napoleon, auf die 
neue Autorität Rousseau's die alte des Papstes : das höchste "Wesen 
wurde im Namen Gottes und Jesu Clu-isti confiscirt. Der Atheismus 
mit seinen monarchischen alleinseligraachendeu Prätensionen hatte sich 
in unwillkürlichen Schöpfungen erschöpft und führte nun, anstatt die 
Freiheit gefördert zu liaben, mittelst dieser Erschöpfung in den Schooss 
des alleinseligmachenden Katholicismus zurück. Dessen war er aber 
in der Folgezeit minder als der Ultramontanismus eingedenk. Sein 
Ziel blieb dasselbe : nicht Religionsfreiheit, sondern Religionslosigkeit. 

3. Der Commuxismus. 

"Was der Anarchismus auf politischem, der Atheismus auf reli- 
giösem Gebiete , das ist auf socialem der C o m m u n i s m u s , der 
Zwitter des socialen Freiheitstriebes. Mit ihm fiel der Socialismus in 
seiucr bisherigen Hauptrichtung, wie sie durch St. Simon, Fourier, Blanc 
u. A. vertreten wurde, als Abart zusammen. Es versteht sich von selbst, 
dass die heute vielfach zur JNIode gewordene Verwechselung des so- 
cialen Freiheitstriebes mit dem Socialismus, oder socialer Ideen mit 
socialistischen , wovon später die Rede sein wird, hier nicht in Be- 
tracht kommen kann. 

Der gemeinsame Kern der neuen Lehren lief darauf hinaus : um 
die Freiheit der socialen Interessen herzustellen, müsse man die Ein- 
zelinteressen selber ganz aufheben. 

"Wie der Atheismus innerhalb des religiösen Gebietes, so war 
auch der Communismus und Socialismus innerhalb der Gesellschaft 
unzweifelhaft ein berechtigtes Element; d. h. : communistische imd 
socialistische Genossenschaften konnten im Staate die gleiche Berech- 
tigung wie jedwede andere Association von Interessen in Anspruch 
nehmen. Allein , so wenig Avie der Atheismus von Freiheits Avegen 
die Befugniss hatte, als absolute Heilswahrhcit das ganze Religions- 
gebiet für sich in Beschlag zu nehmen, die Alleinherrschaft auf 
demselben sich anzumaassen, ebensowenig durfte auch der Communis- 
mus und Socialismus über jene Gleichberechtigung hinaus sich zu 
dem freiheitswidrigen Uebergriflf verleiten lassen, alle selbsständigen 



— 156 — 

Einzeliuteressen überhaupt verdrängen , die Gesellschaft seiner Al- 
leinherrschaft unterwerfen zu wollen. Und doch ist es eben die^or 
despotische Anspruch, der das Wesen der neuen Lehre charakte- 
risirte. 

Die erste Prämisse, die den ( 'iinniuniismus und die llauptrich- 
tung des Socialisnius zu ihrem Uebergriffe verleitete, war gleichwie 
beim Anarchismus und Atheismus die Verwccliselnng der Freiheit mit 
der absolutini AVahrlieit. Im Hingen nach der ersteren streckte man 
plötzlich die Hände nach der letzteren aus. .,Die Wahrheit- — 
verkündeten die „Gleichheitsarbeiter'" — ..ist untheilbar; sie allein 
darf die Vernunft der ^Mensclien leiten."' Und leichten Kaufes glaubte 
man sie erhaschen zu kimnen. Die vorhandenen Abhängigkeitsver- 
hältnisse der socialen Interessen hielt man nändich, weil der Freiheits- 
trieb dagegen anrang , wiederum für Lüge, während es nothwendige 
luid daher berechtigte Momente im Entwicklungsgange des socialen 
Kampfes waren ; und statt daher nur die Gleichberechtigung aller 
Privatinteressen auf jeglichem Wege der Vereinzelung oder der Asso- 
ciation , die allgemeine freie Concurrenz zu erstreben , gab man sich 
dem Wahne hin : man brauche die vern^eintliclie Lüge nur uuizukehrciv 
um die absolute Wahrheit gefunden zu haben. So stellte man wie- 
derum nur die Pyramide auf die Spitze. Das Ergebniss konnte nicht 
zweifelhaft sein : die Abliängigkeit Aller von Einem oder Einigen 
wurde ziu- Abhängigkeit eines Jeden von Allen. Oder mit andern 
Worten : damit alle Kategoriecn von Interessen gleich frei seien, sollte 
keine derselben herrschen; und damit keine die anderen beherrschen 
und unterdrücken könne, sollten eben die Einzelinteressen überhaupt 
ganz abgescIiatFt werden. Damit hatte mau die zweite Prämisse und 
den Schlusssatz gewonnen , -wodur-di das Wesen der Freiheit und die 
absolute Walu'heit auf dem Gebiete der socialen Interessen als gleich- 
bedeutend mit der Interessenlos igkeit galten, d. h. : mit dem Nicht- 
vorhandensein selbstständiger Einzel - oder Sonderinteressen. 

Das Mar die irmerste Genesis des Connmniismus und Sociahsinus, 
wenn dieser auch niemals von dem ursprünglichen Ideenweben, das 
seinen Entstehungsgrund bildete, sich eine klare Rechenscliaft gab. 
Die weiteren Sehhissfolgen spiegelten bich aber immer deutlicher in 
seinem Bcwusstsein wieder. Die nächsten mussten folgerichtig die 
sein, dass die wahre Freiheit oder die absolute Wahrheit auf dem 
Gebiete des Eigentlmms und der concurrirenden Interessen in der 
Eigenthums- und Concurrenz 1 os i gke it bestehe, also in der Auf- 
hebung jeglichen Eigenthums und der Beseitigung jeglicher 
Concurrenz. Jene rorderuns; wurde daher die Loosimg des stren- 



— 157 — 

gen Comniuuisimis, tlicse das Sticliwort Louis Blanc's, der Korn der 
socialistischen Lehre von der „Organisation der Arbeit." 

Für den Zweck gab n^ nur Kin Mittel. Wollte man da.s Eigcn- 
thum und die (.'oncurren/. „vcrsclnviiideii lar^scn", alle .selb-stständigen 
Einzel- und >Sonderinteros.sen aufheben, so mussten diese auf die 
Gesamnitheit , auf das sociale Gemeinwesen übertragen, oder vielmehr 
von diesem verschlungen werden. Damit war das Cabet'sche Princip 
der „Unität'' oder die Forderung gegcl)en : das Gemeinwesen müsse 
fler einzige Unternehmer sein; Ackerbau und Industrie, Handel und 
jeglicher Erwerbszweig zu ausschliesslichen Veranstaltungen des Staa- 
tes werden ; jeder Einzelne nur für diesen arbeiten und nur von ihm 
seinen Lohn oder die Befriedigung seiner Bedürfnisse empfangen. So 
kam man bei der Gemeiuschaftslehre als der ,.wahrcn und besten'' 
an. In dem gebieterischen „muss" lag der Keim des socialen Ter- 
rorismus: jedes selbstständige Interesse verbannen, hiess die Mannig- 
faltigkeit des sich selbst bestimmenden socialen Lebens bis zur todes 
gleichen Einrörmigkeit nivelliren. Man zog der Freiheit den Boden 
unter den Füssen weg in dem Augenblick , wo man zugleich mit der 
„Freiheit" die absolute „Gleichheit* und „Unität" proclamirte. Denn 
indem man die Ungleichheit für immer aufliob , erstickte man die 
Freiheit , die ja die xmerschöpfliche Quelle der Mannigfaltigkeit und 
daher mit der absoluten Gleichheit unvereinbar ist ; und indem man 
an die Stelle der allgemeinen Concurrenz. als des Zieles der socialen 
Bewegung, die unitarische Gemeinschaft der Interessen treten Hess, 
kehrte man , statt die sociale Gleichberechtigung zu verwirklichen, 
in der Wirkung zu dem zurück , was der Emancipationstrieb so eifrig 
zu bekämpfen und zu verhüten beflissen war , zimi socialen Absolu- 
tismus, zu dem grossartigsten Verbots- oder Prohibitiv-System, zu 
einem neuen allumfassenden Monopol des Gemeinwesens. 

Alle socialistisch - commnnistischen Lehren wuchsen aus der Kluft 
hervor, welche inuiier schrofter Reichthum und Armuth, Kapital und 
Arbeit schied ; aber nicht alle trugen das gleiche freiheitswidrige 
Gepräge. Zwar die eigentlich commnnistischen oftcubarten sämmtlich 
den Charakter des Herrschtriebes ; denn individuelles Eigenthum und 
individuelle Freiheit sind untrennbare Begriffe ; ner das eine nicht 
anerkennt, erkennt auch die andere nicht an, und umgekehrt. Die 
socialistischen dagegen waren von äusserst ungleicher Tragweite , wie- 
wohl sie alle den Zweck verfolgten , die „pulverisirten Elemente der 
bürgerlichen Gesellschaft wieder in geschlossene Massen zu vereinigen.*' 
Die einen , indem sie nur , mit dem ehemaligen St. Simonisten 
Chevalier, die freie Associirung der Eiuzelinteressen zu bestimmten 



— 158 — 

Zwecken, zu wecliselseitigcr Unterstützung verlangten, oder die des 
Kapitals und der Arbeit, die freie Bildung agrarischer, gewerblicher 
mid commercieller Vereine zu gemeinsamem Erwerb als Heilmittel 
empfahlen, huldigten dem Systeme der „Freiwilligkeit" und traten 
daher nicht den Grundsätzen der Freiheit entgegen, die eben jegliche 
Concurrenz, also auch die der Associationen zulässt. Die andern aber, 
die llauptrichtung bildend , schlugen entschieden in den Ilerrschtrieb 
um, indem sie die „Concurrenz", d. i. die sociale Freiheit, die freie 
Bewegung der Arbeit, die einzige Gewähr des freien Eigenthums, 
als ein „System der Vernichtung" proscribirten und den Zweck ver- 
folgten , sie „verschwinden zu lassen durch die Concurrenz des 
Staates", der demnach gleichwie im Communismus die Bestimmung 
bekam, alle Prisatarbeit zu verdrängen, sich zum alleinigen Arbeit- 
geber aufzuwerfen. Diese zweite Art des Socialisnuis , die wir als 
den unitarischen bezeichnen dürfen , war vom Communismus nur da- 
durch unterschieden, dass sie die Gemeinschaft nicht auf den Güter- 
besitz ausdehnte, den Staat als einzigen Unternehmer noch nicht zum 
einzigen Eigenthümer erhob , also die letzte Folgerung noch nicht 
zu ziehen wagte. Die absolute Gemeinschaft der Arbeit und der 
Interessen war das durchgreifende Merkmal, das die Grenze zwischen 
Freiheit und Despotismus bildete, oder worin der unitarische 
Socialismus von dem freiwilligen sich unterschied und mit den 
Strebungen des Communisnuis zusammenfiel. Der unitarische Socia- 
lismus ist nur der unentwickelte Communismus , und der Communismus 
ist die schliessliche Consequenz des unitarischen Socialismus : d. h. die 
Entwicklung des Systems der Gemeinsamkeit nach allen Richtungen 
hin, bis zur Gemeinschaft der Güter und selbst der AVeiber. Auch 
würde der socialistische Staat in jenem Sinne kaum eine Spanne 
Zeit bestehen können, ohne in den vollkommen communistischen über- 
zugehen und neben der Sonderarbeit zugleich auch das Soudereigen- 
thum aufzuheben. 

Daher trat denn auch der rücksichtslose Commiuiismus mit seinen 
einfachen Folgerungen nicht nur überhaupt in der Geschichte zuerst 
zii Tage, schon zur Zeit des griechischen Alterthums , sondern tauchte 
auch in den neuesten Zeiten eher auf als der lavircndc unitarische 
Socialismus mit seinen Halbheiten. Baboeuf hatte schon im vorigen 
Jahrhundert die „Gütergemeinschaft" als das einzige Mittel der „all- 
gemeinen Wohlfahrt" gefordert ; es müsse „endlich der empörende 
Unterschied zwischen lieichen und Armen verschwinden", es dürfe 
„kein besonderes Eigenthum" mehr geduldet werden ; denn — sagte 
er mit den Worten Rousseau's — „ die Erde gehöre Niemanden und 



— 159 — 

die Flüchte Allen". Daher warf auch der Cabet'sche Communisrnus 
den soclalistischen Lehren Halbheit und Verinittelmigsabsichten vor, 
und beschuldigte namentlich den Fourierismiis, weil dieser neben der 
Arbeit noch die Facturen des Kapitals und des Talentes bestehen 
liess , eines „aristokratischen" Spaltung«- und Ciassificationsgelüstes. 
Während der Socialismus bis auf die letzten Jahre herab in zahllose 
Unbestimmtheiten zerfloss , fasste sich der Communisrnus zur schnei- 
denden Schcärfe des kategorischen Imperativs zusammen. Und wie 
der Anarchismus sich schliesslich zu der schmetternden Antithese 
emporgipfelte : „Anarchie ist Ordnung", so der Communisrnus zu dem 
donnernden Machtspruch : „Eigenthum ist Diebstahl". 

Das despotische Wesen des Communisrnus und des unitarischen 
Socialismus offenbarte sich nach dem Bisherigen in doppelter Weise. 
Einmal in dem Charakter der Zwan gsgemeinschaft aller Interessen. 
Denn so unzweifelhaft Avie es im Begrifie der socialen Freiheit liegt, 
dass jedem Einzelnen das Recht zustehen müsse, sich einer commu- 
nistischen oder soclalistischen Privatgemeinschaft anzuschliessen — ein 
Recht, das Amerika und England stets anerkannt haben, ebenso un- 
zweifelhaft ist es auch , dass dieses Recht Niemanden zur Pflicht 
gemacht , der Anschluss an eine solche Gemeinschaft niemals der 
Gesammtheit aller Einzelnen oder der Staatsgesellschaft als einzige 
HcilsAvahrheit octroyirt werden darf, wenn nicht die Freiheit eben in 
Despotismus umschlagen soll. AVie daher der Anarchismus auf den 
Krieg Aller gegen Alle hinauslief, so die Gemeinschaftslehre auf die 
Knechtung Aller durch Alle. Sie begründete , der Richtung des 
Mittelalters entsprechend , die Idee einer neuen Art von Feudalismus 
und Leibeigenschaft, eines allgemeinen socialen Klosterthums. Das 
Einzige was sie dem Einzelnen freigab, -war die Wahl der Arbeit; 
aber die Arbeit selbst sollte keine freie , keine selbstständige sehi ; 
die Kraft nicht dem Arbeiter gehören, sein Fleiss dem „Faulen" zu 
gute kommen; der „Starke durch den Schwachen ausgebeutet" wer- 
den. Und wenn es dem Einzelneu je im Freiheitsdrange gelüsten 
möchte, diesem beengenden Verh.iltniss zu entfliehen, sich auf die 
eigenen Füsse zu stellen : er darf und kann es nicht, und wenn er 
es könnte, so würde iiiu doch nur das Schicksal des Wahnsinnigen 
oder des Rebellen erwarten. 

So hob der Communisrnus und nicht minder der unitarische Socialis- 
mus in Wahrheit das Wesen der Socialität ganz auf. Denn eine Zwangs- 
gemeinschaft, eine solche, der man sich nur anschliessen, nicht entziehen 
darf, stellt nicht mehr den Begriff einer Gesellschaft, einer Societät oder 
Association dar, sondern im Gegcntheil den Begriff der Sklaverei. 



— 160 — 

Das zweite Kennzelchou des Dcs])oti*miis , mit dem ersten \m- 
trennbar verbunden , bcth.ätigte sich in dem äussersten Grade der 
Centralisation , in der Allmacht des Gemeinwesens. Allerdings 
bedarf jeder Staat conimunistischer Grundlagen und Institutionen ; 
aber in eben dem Grade mehr oder weniger, je näher er dem Abso- 
lutismus oder der Freiheit steht. Das Wesen der Demokratie war 
daher unendlich viel entfernter vom Wesen des Communismus als 
die unumschränkte Monarchie. In dieser sucht das Gemeinwesen 
immer mehr Bestandtheile der Thätigkeit sich anzueignen ; in jener 
so viele wie möglich der Gesellschaft, dem freien Betriebe zu über- 
geben. Im Allgemeinen wies der freiheitliche Standpunkt in erster 
Linie dem Staate nur die Aufgabe zu , für die äussere und innere 
Sicherheit , für den Schutz der Freiheit zu sorgen ; der Betrieb der 
militärischen und der polizeilichen Thätigkeit musste daher dem Ge- 
meinwesen anheimfallen. Erst in zweiter Linie sollte auch der Staat 
berufen sein , die allgemeine Wohlfahrt zu fördern , d. h. die Selbst- 
anstrengungen aller Einzelnen oder der Gesellschaft für Hebung ihres 
eigenen Wohls zu erleichtern ; dies konnte namentlich geschehen 
durch Vertretung und Wahrnehmung ihrer Interessen anderen Staats- 
gesellschaften gegenüber, durch Anknüpfung von Handelsverbindungen, 
durch Eröffnung neuer .Absatzwege und neuer Erwerbsquellen ; dem- 
nach musste auch die gesandtschaftliche und consularische Thätigkeit 
auf gemeinsamer Veranstaltung beruhen. in dritter Linie endlich 
konnte dem Staate noch das facultative Recht eingeräumt werden, 
da wo die Privatconcurrcnz hinter dem Bedürfniss zurückbleibe , ent- 
weder jene durch die Mittel der Gesammtheit aufzumuntern , oder 
dieses duioh die Staatsconcurrenz zu decken ; also mit anderen Worten : 
dasjenige in die Hand zu nehmen , was die Privatspeculation abweise 
und doch die Gesellschaft fordere. Daher darf, doch nur unter ent- 
sprechenden Umständen , die Vermeiirung und der Betrieb z. B. des 
Schulunterrichts oder der Communicationsmittel in grösserer oder 
geringerer Ausdehnung, je nach Bedürfni.ss und Verlangen der Gesell- 
schaft selbst, als staatliche Veranstaltung erscheinen. 

Wie weit aber ging nun nicht über diese Machtlinie der Gemein- 
schaft der Communismus , der unitarische Socialismus hinaus ! Sein 
Staat -wollte oder sollte durchaus Alles sein , Alles an sich ziehen, 
sämmtliche Bestandtheile der gesellschaftlichen Thätigkeit sich an- 
eignen. Nicht die Gesellschaft sollte , wie in dem freien Gemein- 
wesen , den Staat als ihren Beauftragten nuterhalten , sondern der 
Staat sollte seinerseits , als Auftraggeber der ganzen Gesellschaft , der 
Gesammtheit aller Bürger Unterhalt gewähren. Nicht .\ckerbau. 



— IGl — 

Ilrtiiilel und Gewerbe nur, sondern ancli Ivunst, Wisscnsoliaft und 
Itcssc, sowoit man sie noch duldete, wurden zu ausscldiessliclien 
Staatsanstidtcn. Die Gcsaninitlieit der Bürger erschien als eine unter- 
schiedslose Heerde von Beamten oder Ilandlaiigern des Staats. Von 
Concurrenz , von Handels- und Gevverbefreiheit , von öffentlicher Mei- 
nung imd rressfreiiicit konnte nicht mehr die Rede sein. -Wir wollen 
keinen Handel midirl"' erklärte schon Conthon im vorigen Jahrhundert. 
"Was würde es den kampfesniuthigen lleerschaaren der Literaten 
nützen , wenn sie das Recht auf .\rbeit und gleichen J^ohn auch für 
sich erstritten V Einquartiert in eine Kaserne oder ein Fourier'sche» 
Phalansterium, eingepfercht in eine amtliche Kaste, unter dem Staats- 
joch einhertrabend , müssten sie sammt und sonders zu der zahmen 
Demuth officieller Schreiber sich verdammt sehen. Und wehe ihnen, 
wenn es je ihnen einfiele, ihre conununistische Unifonn durch revolu- 
tionäre oder oppositionelle Grundsätze zu schänden , wenn .sie .sich 
nach verflogenem Rausche und getäuschter Erwartung beikommen 
Hessen, den Comraunisnius öftcntlich für freiheitswidrig oder gar für 
Knechtschaft zu erklären I Ihre Grundsätze würde die Staatspolizei, 
ihre Erklärungen die Staatscensur unterdrücken, und iine Personen 
eben nur wieder entweder dem Staatsirrenhaus oder dem Staatsgeföng- 
niss verfallen. Und sie hätten sich nicht zu beklagen ; denn die ver- 
meintliche absolute Wahrheit darf sich nicht selber morden , kann 
nicht die vermeintliche Lüge dulden ; mit ihrer Alleinherrschaft ist 
die Freiheit, mit ihrem Alleinrecht die Gleichberechtigung der Mei- 
nimgen nicht mehr verträglich. 

So mussten denn wohl die Wege des socialen L'nitarisnius und 
des socialen Freiheitstriebes nothwendig auseinandergehen. Während 
jener alle Privattliätigkeit durch den Staat absorbiren Hess , wollte 
dieser umgekehrt sie von jeder Bevormundung desselben emancipiren. 
Während der eine in dem heftigen Widerstreit der socialen Interessen 
eine Folge des Ueberflusses an Freiheit erblickte, sah der andere 
ihn vielmehr als eine Folge ihrer Unzulänglichkeit an. Und während 
daher der er.stere aller Concurrenz ein Ende machen will , ist der 
letztere im Gegentheil bedacht, die Uebel der beschränkten Concur- 
renz durch die unbeschränkte verschwinden zu lassen. Das ist es, 
was beide auf immerdar trennt. 

Der Communismus ist seinerseits die Incarnation des socialen 
Ekels. Eben weil er aller Controversen über Zünfte und Gewerbe- 
freiheit, über Schutzzoll und Freihandel, über Privilegium und Con- 
currenz überdrüssig ist, weil ihm die Kämpfe der verschiedenen 
socialen Interessen und Triebe , der Wünsche und Meinungen zuwider 



— 162 — 

sind, will er sie insgesammt, will er sie ein für allemal zerstampfen. 
Sociale Freiheit und socialer Zwang sind ihm Eins, so sehr, dass er 
eben selbst ein Zwitter beider ist; von jener nur den Schein, von 
diesem die Seele entlehnte. 

Zugleich aber tibertrug der Commmunismus seinen Widerwillen 
auch auf die anderen Gebiete des Kampfes. Alle staatsrechtlichen 
Fragen sind ihm verächtlich; er will nichts wissen vom politischen 
Gezänk; die staatliche Freiheit flösst ihm keine Theilnahme ein, nnd 
das Extrem des politischen Freiheitstriebes, sein Ebenbild, der Anar- 
chismus, erfüllt ihn sogar mit Abscheu, weil das Ziel desselben dem 
seinigen anscheinend diametral widerspricht. Denn in der Anarchie 
haftet ja Recht und Gewalt an dem Einzelnen , und ihm gegenüber 
steht die Gesammtheit ohnmächtig und rechtslos da , während im 
Communismus imigekehrt die Gesellschaft allmächtig ist und ihr gegen- 
über der Einzelne in ewiger Unselbstständigkeit verharrt. Dort ver- 
schlingt das Individuum die Befugnisse des Staats, hier der Staat 
die Befugnisse des Individuums. 

So wenig aber wie mit der Anarchie, so wenig war der sociale 
Unitarisraus mit den Zwecken der politischen Freiheit vereinbar. 
Denn was ihn allein zusammenhalten , das Widerstreben des socialen 
Freiheitstriebes bändigen kann , ist die Vollgewalt der Autorität. 
Daher erscheint in dem Cabet'schen Communismus der „Ausschuss" 
als ein „Alles vorsehender" und mit „despotischer" Macht bekleidet. 
Daher will selbst der Blanc'sche Socialismus der „Regierung" eine 
„grosse Gewalt" eingeräumt wissen. Daher ruhten alle thatsächlichen 
Experimente Owen's und Anderer auf der Grundlage des persönlichen 
Ansehns, der patriarchalischen Herrschaft. Die politische „Demokratie" 
erschien dem Communismus gei-adezu als „Bornirtheit" oder, wie 
Froudhon sich ausdrückt , als „Vernichtnng aller geistlichen und 
weltlichen Gewalt"; höchstens wollte man, wie Cabet, sie als ein 
Provisorium, als ein „Uebergangsregiment" von „kurzer Dauer" gelten 
lassen ; auch in England wurde der politische Radicalismus von Nie- 
mand heftiger angegriffen und bitterer verhöhnt als von dem Com- 
munisten Owen. 

Weit eher könnte sich der sociale Unitarismus mit dem politischen 
Absolutismus vertragen, wofern dieser nur im Geiste des erstem thätig 
wäre. Trafen doch beide in ihren Anschauungen und Bestrebungen 
vielfach überein : beide verpönten die Concurrenz als Anarchie; beide 
möchten das gesammte Land als Staatseigenthum , als Domäne be- 
trachten; beide wollen sich der Erziehung, des Unterrichts ausschliess- 
lich bemächtigen und die Privatthätigkeit in eine staatliche verwandeln ; 



— 163 — 

selbst der Grundsatz der „Brüderliclikeit aller Menschen" war auch 
von der heiligen Allianz im ersten Artikel ihres Grundvertrages pro- 
clainirt worden. Daher hatte denn schon der platonische Staat, trotz 
der Güter- und Weibcrgcnieinschaft, nicht nur ein geistiges Prohibitiv- 
system, sondern auch einen ^König" an seiner Spitze. Daher warca 
die communistischen Utopien der neueren Jahrhunderte von Thomas 
Morus an meist patriarchalisch - monarchisch gegliedert. Daher stand 
selbst Gäbet sinnend und zweifelnd vor der Frage : „Ist die Demo- 
kratie, die Republik besser für uns als die Monarchie?" und legte 
das Bekenntniss ab: „Ich glaube nicht, dass die Avahrhafte Ursache 
des Unglücks der Völker die monarchische Staatsform ist." Daher 
hielt es auch Owen weit mehr mit Kaisern und Königen, mit Fürsten 
und Regierungen , als mit den Vertretern der Gleichberechtigung. 
Daher galten endlich dem Bazard'schen Saint - Simonismus alle Ent- 
wicklungen des Herrschtriebes wie die des Mittelaltei's als „organische", 
alle Entwicklungen des Freiheitstriebes wie die der neueren' Jahr- 
hunderte als „zerstörende" Erscheinungen; er ist ein grundsätzlicher 
Anhänger der „Legitimität", der „einheitlichen" Autorität, der Lehre 
vom „Gehorsam", und dagegen ein abgesagter Widersacher der Frei- 
heit, des „Individualismus", der ihm als die Quelle alles „Elends" 
erscheint, aller „Irreligiosität", aller „Feindschaft" gegen das „gött- 
liche Staatsgebäude", oder mit anderen Worten : als die „vollkommene 
Auflösung der ganzen gesellschaftlichen , politischen und religiösen 
Ordnung". 

Wenn dennoch der Communismus und der unitarische Socialismus 
mit den bestehenden Gewalten mehr und mehr zerfielen, so kam dies 
daher, weil sie erkannten, dass die heilige Allianz nuter der Brüder- 
lichkeit aller Menschen im Grunde doch nur die Brüderlichkeit aller 
Fürsten verstehe, imd dass von dem guten Willen der legitimen 
Monarchen für sie ebensowenig zu hoffen sei, v.ie von dem Siege der 
Demokratie. Von dem Augenblicke dieser Erkennfniss an entwickelte 
sich der sociale Unitari^'mus mehr und mehr zur taktischen Speculation. 
Er warf sich seinem verhassten Gegenfüssler , dem Anarchismus, in 
die Arme und schloss sich überall der politischen Opposition an ; 
aber nicht um irgend einer der politischen Parteien zu dauerndem 
Bestände zu verhelfen , sondern nur um in rascher Stufenfolge eine 
durch die andere zu verdrängen. Die „sociale Bornirthelt* der legi- 
timen Monarchie sollte durch die Republik, die der Aristokratie durch 
die Demokratie, die der Republik aber und der Demokratie durch 
die Anarchie gebrochen werden. Schliesslich hoffte man dann im 
Ringen mit der ebenso einfältigen Anarcliie dieser Herr zu werden, 



— 1G4 — 

vind auf ihren Tnimmern den neuen Absolutismus des socialistisch- 
communistischen (iemcinwesens zu proclarniveii. 

Der unitarische Charakter der socialistischeii und coninuuiistisolien 
Bestrebungen Avar ferner die Ih-sache, warum diese niclii nur dem 
Atheismus, der Religionslosigkeit, als der individualistischen Auf- 
lösung des religiösen Lebens, sondern gleicherweise auch der Reli- 
gionsfreiheit und der Kirchenfreiheit griuidsätzlich entgegentraten. 
Absolute ^Unität- und H emeinsamkeit war es aucli hier, was ihnen 
am meisten oder allein zusagte. Dalier vertrugen sie sich von jeher 
mit der Idee einer alleinherrschenden Staatskirche. Daher wollte 
Cabet selbst die religiösen Fragen durch die sociale Gemeinschaft 
entschieden wissen. Daher offenbarten manche Systeme der Gemein- 
schaftslehre sogar den Stempel tiefer Religiosität und mystischer 
Schwärmerei. Und daher endlich erschien ihnen fast durchgängig, 
nicht die Begründung der Religionsfreiheit , sondern die Stiftung einer 
neuen alleingültigen Kirche als eine nothweudige Aufgabe. Nur 
waren freilich die verschiedenen Systeme über diese ,,neue Religion'' 
des Communismus noch nicht einig. Die neuchristliche Offenbarung 
Saint-SImon's gestaltete sich in Knfantin zur antichristlichen Theokratie, 
in Cabet zum Cultus der „Natur" und in Owen zur ,,^'ernunftreligion". 

Dieselben Conse(iuenzen aber , die den Communismus wider 
Willen in das Lager des Anarchismus trieben, drängten ihn auch in 
das atheistische hinüber. \"erzweifelnd an der freiwilligen Umformung 
der bestehenden (!ulte in eine imitarische Socialreligion, eutscliloss 
man sich mit Owen , zunächst im Bunde mit dem Atheismus für die 
^Abschaffung aller Religionen" zu kämpfen, aber nur, um auf ihren 
Trümmern, auf dem ebenen Boden der Religionslosigkeit, die Religion 
der ^Wahrheit" und der ^IMoral^, das neue Papsthum des Commu- 
nismus in voller Alleinherrlichkeit aufzurichten. 

So gedachte denn die Gemeinschaftslehre in der That, auf reli- 
giösem sowohl wie auf socialem und politischem Gebiete das Leben 
der Menschen in absolutistischer Weise zu uniformiren. Fand sie 
daher da oder dort in weiteren Kreisen der Gemüther Eingang, so 
konnte dieser Anklang nur entweder auf einer Verkennung ihres frei- 
heitswidrigen Wesens beruhen , oder er war ein Zeichen tiefwurzelnder 
absolutistischer Gesinnung im Volke. 

Zwar hatte der Communismus seit der episodischen Herrschaft 
der Wiedertäufer im 16. Jahrhundei't , in der sich thatsächlich reli- 
giöser, politischer und socialer Terrorisraus zur Dreieinigkeit entfaltet 
hatte , noch nicht wieder Gelegenheit gehabt , seinen despotischen 
Charakter in der Wirklichkeit zur Anschauung zu bringen : denn 



— 165 — 

nirgend gelang es ihm, sich an die Stelle der Staatsgesellschaft zu 
drängen , das suciale Geblot für sich allein in Besclilag zu nehmen. 
Der einzige Anlauf dazu im vorigen Jahrhundert, die ßabceufsclie 
Verschwörung in Frankreich zur Zeit des Dircctoriums, war völlig 
gescheitert. Das 19. Jahrhundert sah an vcrscliicdenen Punkten, in 
England inid Amerika, wd die sociale Freiheit am meisten entwickelt 
ist, allerdings zahlreiche coinnnmistische Gemeinden versuchsweise 
entstehen; doch nirgends vermK'hte da? System über diese Linie 
seiner wirklichen Berechtigung Iiiuauszukommen ; und überall fielen 
selbst dergleichen Versuche aus Mangel an Lebensfähigkeit in sich 
zusammen, oder endeten in anarchischer Auflösung, sobald die Auto- 
rität, die sie geschaflen, aus ihrem Mittelpunkte verscliv.and oder sich 
erschöpft hatte. 

Dennoch erschien unter allen Zwiftergeburten des Freiheits- nnd 
Herrschtriebes der Communisinus , sowie der unitarische Socialismus, 
als die am meisten entwickelte, und durfte wegen seines positiven 
Wollens noch am ehesten als sieges - und lebensfähig gelten. Immer 
aber könnte die Bahnlinie, die er. in der Geschichte beschriebe, nur 
ein absolutistisches Stadium bezeieimen. Und trüge er selbst so viel 
Spannkraft in sich, um die erste zu unitarisehen Bildungen aufsteigende 
Phase eines neuen Weltalters zu begründen , das die Verwirklichung 
der socialen ,, Wohlfahrt" oder, wie schon Platu sieh ausdrückte, der 
,, Idee des Guten" zum Zwecke hätte, so Avürde dieser doch sicher, 
wie dem Mittelalter die Neuzeit, eine andere absteigende Entwicklung 
folgen, die das Joch wiederum zerriebe und den gesellschaftlichen 
Interessen die freie Selbstbestimmung, die gleiche Berechtigung nnd 
die allgemeine Concurrenz in desto vollkommenerem Maasse zurück- 
gjlbe. 

Schon ist dem Commuuisnius und unitarischen Socialismus, nicht 
in der physischen Macht der Regierungen und ihrer Armeen , sondern 
in dem socialen Freiheitstriebe selbst sein mächtigster Gegner er- 
wachsen. Denn der heutige Uekono m i sm us , mit dem er nach 
der Februarrevolution die Bänke der Opposition in scheinbarer Ge- 
meinschaft theilte, ist es doch zugleich, der durch die Gewalt der 
Ueberzeuguiig am eifrigsten nnd am erfolgreichsten ihm entgegeuAvirkt. 
In England durch das praktische Wirken Cobden's, in Fraidaeich 
durch das theoretische Bastiat's vertreten , forderte der Oekonomismus 
nieht nur den Freihandel, sondern überhaupt die freie ^'erfügmlg des 
Einzelnen über seine Person nnd über die Frucht seiner Arbeit, die 
Vollständige Befreiung des Erwerbes und damit des Eigcathums, Zu- 
rückdrängung des Staatseinflusses aus der Bewegung der gesellschaft- 

Wisseuschaftliclie Moiiatssclirift. 12 



— 166 — 

liehen Thätigkeit, Verbilliguiig der Regierung und Siclierlieit der 
bürgerlichen Freiheit, damit Jeder nach eigenem Ermessen sein eigenes 
Bestes wahrzunehmen vermöge. Die Begriffe Freiheit und Eigenthum 
sind dem Oekonomismns fast gleichbedeutend ; Alleinrechte und Vor- 
rechte , communistisclie und protectionistische Bestrebungen erscheinen 
ihm gleicherweise , wie als Beeintrcächtigungen der Freiheit , so auch 
als Beeinträchtigungen des Eigenthums ; die einen wie die anderen 
als Systeme der „Ausbeutung", der „Beraubung". Ja, der Communis- 
mus ist ihm nichts anderes , denn die folgerichtige Erweiterung des 
Schutzsystems selber. In dem Oekonomismus keimt daher eine sociale 
Richtung, die bestimmt zu sein scheint, einer communistischen Ent- 
wicklung der Dinge entweder vorzubeugen oder nachzufolgen. 

Wir können dieses wichtige Gebiet nicht verlassen, ohne schliess- 
lich jener seltsamen Sprachverwirrung zu gedenken, die, aus der 
Unklarheit und dem Nichtverständniss des Socialismus hervorgegangen, 
in den vierziger Jahren sich entwickelt hat und noch lieute, wiewohl 
minder in Deutschland als in den übrigen Grenzläudern Frankreichs, 
ziemlich weite Kreise beherrscht. Es leuchtet ein : alle socialistischen 
Theorieen sind zugleich sociale , aber nicht alle socialen sind socia- 
istische. Dennoch wurden beide Ausdrücke mit einander verwechselt 
und der Name Socialismus , trotz der eigenthümlichen Bedeutung die 
ihm in seinem Geburtslande Frankreich anhaftete, auf alle socialen 
Bestrebungen überhaupt angewandt. Jedes Begehren die Lösung der 
gesellschaftlichen Fragen in den Vordergrund treten zu lassen , jeder 
Versuch dem Pauperismus zu steuern oder dem Nothstande der ar- 
beitenden Klassen abzuhelfen, jedes Trachten nach einer Vermittelung 
zwischen Kapital und Arbeit oder nach einer besseren Organisation 
des Armen- und Auswanderuugswesens galt nunmehr, weil es sich 
dabei um sociale Zwecke handelte, als Socialismus. Männer mit den 
allerunschuldigsten socialen Ideen wurden ohne Weiteres als Socialisten 
bezeichnet, oder gaben sich selbst wohlgefällig dafür aus. Aber 
noch mehr! Das Allerentgegengesetzteste wurde durch diese Sprach- 
vei'wirrung unter Einen Hut gebracht. Denn vielfach findet man nun 
auch, und namentlich in der Presse, sogar diejenigen volkswirth- 
schaftlichen Lehren mit dem Namen „Socialismus'' beehrt, die das 
gerade Gegentheil des Socialismus , seiner centralistischen und unita- 
rischen Bestrebungen erzielen, die sich ausdrücklich als dessen W^ider- 
sacher bekennen, und für die eben der Name Oekonomismus schon 
längst in Frankreich selbst zur Geltung gekommen ist. So hat man 
denn auch Kossuth in demselben Augenblicke zum „gründlichen 
Socialisten" getauft, wo er sich in England als Anhänger der ökono- 



— 167 — 

niisti.sclieii Sti-ebungcn aussprach und ausJriicklicli gegen den Socia- 
litiiniis und Communisnuis protostirte. Mit glcicliem Fug würde also 
diese Zwangstaufc selbst über Cobden und den zu früh verstorbenen 
liastiat ergehen können. Was kann es helfen , dass man demokrati- 
scherseits , zur notligedrungenen Unterscheidung von dem wirklichen 
Bycialisnius, die Grundsätze des socialen Freiheitstriebes, wie freie 
Bewegung der Arbeit und freie Entwicklung ihrer Hülfsquellen, unbe- 
schränkte Concurrenz und Freihandel, zum „eigentlichen" oder „wohl- 
verstandenen Socialismus" stempelt, da er vielmehr als ein sehr 
uneigentlicher und missverständlicher sich darstellt. Denn hatten nun 
einmal jene socialistischen Lehren , gleichviel ob mit Recht oder 
Unrecht, den Ausdruck Socialismus für sich in Beschlag genommen, 
so durfte er am allerwenigsten auf die ihnen feindlich entgegenstehen- 
den übertragen werden. Die Vertreter der socialen Freiheit oder des 
Oekonomismus als „Socialisten" bezeichnen, hiess die Bezeichnung 
aus dem Gegensatze, den lucus a non lucendo ableiten. Sollte indessen 
diese Sprachverwirrung, statt abzunehmen, vielmehr zu einer allge- 
meinen werden , so würde freilich auch das bessere Verständniss sich 
ihr anbequemen müssen, ebenso wie wir trotz des besseren Wissens 
noch tagtäglich die Sonne auf- and untergehen lassen. Allem Anschein 
nach wirkte übrigens bei jener, neben dem Missverständniss , auch 
auf der einen Seite die Absicht mit, den socialen Freiheitstrieb selber 
durch den Titel seiner gegnerischen Zwittergeburt zu verdächtigen, 
und auf der andern Seite die falsche Schaam mancher seiner eigenen 
Anhänger, nicht wenigstens dem Namen nach auf der äussersten 
Linie der Entwicklung stehen zu sollen. Und doch ist nicht nur der 
Socialismus selbst im Verhältniss zum Cummunismus eine schwäch- 
liche Halbheit, sondern die Geschichte wird es auch erst zu entschei- 
den haben, ob in den Kämpfen der Zukunft nicht vielmehr der Oeko- 
nomismus bestimmt ist, dem Socialismus und Conmiunismus gegenüber 
die äusserste Linke zu bilden. 

4. Der Kos.mopolitismus. 
Am wenigsten sieges - und lebensfähig unter allen extremen 
Freiheitsbestrebungen ist der K o s mop ol i t i sm u s, der Zwitter des 
internationalen Freiheitstriebes. Wir meinen aber nicht jenen idealen 
Kosmopolitismus, der alle Nationen mit gleicher Liebe umfasst, son- 
dern denjenigen, der alle nationalen Unterschiede gleichmässig hasst. 
Zum System entwickelt trug er die Lehre vor : Um die Yölkerfreiheit 
zu begründen, müssten die Völker selbst abgeschafft werden. 
Es erging ihm wie allen extremen Freiheitsbestrebungen : er verwech- 



— 168 — 

Seite die völkerrechtliche Freiheit, auf die es allein ankam, mit der 
völkerrechtlichen Wahrheit nnd idcntificirte heide mit der Aufhebung 
oder dem Entbehrliehmaclicn des Völkerrechts. Die bisherige Abhän- 
gigkeit der Völker von einem cin/.Igcn Staate oder von einer Melu'- 
heit von Staaten betrachtete njan nänüich wiederum als absolute Lüge, 
während es nothwendige und mitliin berechtigte Stufen der völlver- 
rechtlichen Entwicklung waren; und statt daher diese fortzuführen, 
die Selbstständigkeit für jegliches Volk zu erstreben, gab man sich 
gleicherweise dem Glauben hin, dass man die vermeintliche Lüge nur 
umzukehren brauche, um zur absoluten AVahrheit zu gelangen; dass 
man überhau2)t, um die Völker walirhaft frei zu machen, das Völker- 
dasein beseitigen müsse. Es sollte keine unterschiedlichen Nationen, 
keine selbsständigcn Völker, keine staatlichen Grenzen mehr geben, 
sondern nur noch ein allgemeines Menschenthum. Die Nationalität, 
das Volksthum sollte auf immer proscribirt, die INIannigfaltigkeit des 
Völkerlebens zu einem uniformen Weltbürgerthum nivellirt werden. 
Die Idee der Völkerfreiheit hatte im Kampfe gegen die Alleinherr- 
schaft Eines Staates oder Volksthums, und gegen das aristokratische 
Regiment einer Mehrheit von Staaten, nach einer Conföderation .aller 
Völker auf der Grundlage der gleichen Berechtigung gerungen. Wie 
aber alle extremen Freiheitsbestrebnngen nur das Gegentheil dessen 
erzeugten , was die Freiheit begehrt — der Anarchismus eine neue 
Absolutie, der Atheismus ein neues Papstthum, der Communismus ein 
neues Staatsmonopol — : also erzeugt auch der Kosmopolitismus gerade 
das, w'as der nationale oder internationale Freiheitstrieb vor allem 
zu verhüten und zu bekämpfen bedacht ist, statt des freien Völker- 
bundes einen Universalstaat. Sein Ende ist mithin nur der umge- 
kehrte Anfang. 

Der Kosmopolitismus versinnlicht den nationalen oder inter- 
nationalen Ekel. Er ist der Befreiungs- wie der Eroberungskriege 
satt ; er mag nichts hören von Vaterlandsliebe und nationalen Bestre- 
bungen , so wenig wie von Gross- und Kleinmächten, vom Ueber- 
gewicht oder Gleichgewicht der Staaten. Und eben weil ihm alle 
Kämpfe der Völker zuwider sind , will er jene dadurch beseitigen, 
dass er diese in einen uniformen Brei auflöst, oder sie zu einem 
universalen Gemeinwesen unterschiedslos zusanunenmengt. Die Täu- 
schung liegt auf der Hand. Denn die Gesammtheit der Völker mag 
es endlich wohl dahin bringen, dass sie als freie, selbstständige und 
gleichberechtigte Individuen zu einem dauernden Bunde sieh vereinigen 
und ihre Streitigkeiten auf friedlichem Wege durch Congresse, richter- 
liche ürtheilssprüehe und schlimmsten Falls durch Executionen schlichten; 



— 169 — 

aber der kosmopolitische Weltstaat, auch wenn er vorübergehend 
möglich wäre , miisste sofort wieder in eine Anarchie der Volksthümer 
zerfallen und statt des Weltfriedens den gegenseitigen Vernichtungs- 
krieg herbeiführen. 

^lit dem Küsmopolitismus schliesst sich die Summe der extremen 
Freiheitsbestrebungen ab. Wir betrachteten bisher nur das naturge- 
setzliche Wie ihrer Entstehung. Aber auch dem Wann und AVo Ihres 
Ursprungs liegt eine Regel, ein Gesetz zu Grunde. Wir sehen sie 
nie zu einer Zeit oder in einem Räume entstehen, wo der Herrsch- 
trieb noch unangefochten waltet ; daher weder zur Zeit des Mittelalters, 
noch in der gegenAvärtigen absolutistischen Weltschicht Asiens. Und 
ebensowenig erlangen sie zu Zeiten und in Räinnen Geltung , wo der 
Freiheitstrieb sein höchstes Ziel erreicht hat, oder wo die Gleich- 
berechtigung ein Gegebenes ist; denn wer sich im wirklichen Genüsse 
der Freiheit weiss, fühlt kein Bedürfniss, sich selber neue Ketten zu 
schmieden ; sich einem Extreme und damit das Gewisse an ein Un- 
gewisses hinzugeben; wer Alles hat, kann nicht ein Mehr verlangen. 
Daher kennt Nordamerika die systematischen Herrschaftsbestrebungen 
des Anarchismus und des Atheismus gar nicht und bot für die aus- 
wärtige Propaganda des praktischen C'ommunisraus, wie des theore- 
tischen Kosmopolitismus , nur den allerungünstigsten Boden , den des 
Gleichmuths dar. Wenig stärker ist der Anklang, den die Extreme 
des Freiheitstriebes finden, da avo der Freiheitskampf in seinem ersten 
Stadium begriffen ist, oder wo die aristokratiscJien Elemente mit den 
monarchisch - absolutistischen , der Drang nach Vorrechten mit dem 
Alleinrecht ringt , also in der Osthälfte Europa's ; denn die Freiheits- 
ansprüche sind hier noch genügsam, zwar auf mehr als Nichts, aber 
auf weniger als Alles gerichtet. 

Dahingegen ist das zweite Stadium des Kampfes , die Zeit und 
Oertlichkeit, wo die Demokratie gegen die Aristokratie, die Idee der 
Rechtsgleichheit gegen das Vorrecht kämpft, nothwendig der Boden, 
auf dem die extremen Ansprüche erwachsen. Denn da erwacht die 
Lust mich mehr als Allem, wo man nur Etwas hat und Alles haben 
will ; wo man , ohne die volle Freiheit ans eigener Erfahrung zu 
kennen, die Grenze finden soll, über die hinaus die Freiheit nicht 
mehr zu-, sondern wiederum abnimmt. Die Wiege aller extremen 
oder zwitterhaften , nicht freien , sondern freiherrischen Bestrebungen 
war daher die Westschicht Europa's; nur von hier aus leckten sie 
propagandistisch, wie westwärts nach Amerika, so auch ostwärts nach 
Mitteleuropa , namentlich nach Deutschland hinüber. Am compactesten 



— 170 — 

entwickelten sie sich in Frankreich unter Ludwig Philipp , bei wach- 
sender Reaction regellos und ungeberdig ; nächstdem in England, jedoch 
— bei stetigem Wachsthum der Freiheit auf dem Wege der Reform — 
ohne Schaden und Gefahr zu bringen ; in mehr versprengter Weise 
tauchten sie auf in Belgien , in Spanien und unter den fremden Ele- 
menten der Schweiz, die an sich ein ebenso ungünstiger Boden für 
sie war wie Nordamerika. 

Den eigentlichen Fociis in der Bewegung der Zwittertriebe bil- 
dete der Communismus. Denn er war es der, wie schon in der 
Lehre Babceufs , so auch im Bekenntniss der „Gleichheitsarbeiter" 
die anarchischen und atheistischen , die kosmopolitischen und commu- 
nistischen Bestrebungen zu einem einzigen System zusammenballte 
und in Einem Athemzuge alle Regierungen und Städte, alle Kirchen 
und Religionen, alle staatlichen Existenzen, alle Privatinteressen und 
alles Eigenthum, oder mit anderen Worten : jegliche Autorität und 
jegliche Freiheit, auf ewig in Bann that. ^ 



Wie sich der Kampf zwischen dem Freiheits - und dem Herrsch- 
triebe plänkelnd bis zum Jahre 1848 fortspann, wie er dann unter 
den Stürmen der Revolution gewaltig anschwoll, und wie am Ende 
auf allen Feldern die Freiheitstriebe mehr und mehr geschlagen wur- 
den oder ermattet in sich zusammensanken : dies zu schildern liegt 
uns nicht ob. Gewiss ist, dass dem Fortschritt der Freiheit die 
meisten Hemmnisse und Vereitelungen aus den Zwittertrieben der 
Bewegung erwuchsen , dass sie trotzdem einzelner Erfolge in Nord - , 
Mittel- und Südeuropa sich rühmen durfte, und dass überdiess auch 
die entschiedensten Niederlagen keine Beweise des Unrechts oder der 
Nichtberechtigung sind. Napoleon I. schlug alle Völker nieder und 
dennoch siegten schliesslich die Geschlagenen. 

Käme es übrigens darauf an, im Detail die Entwicklung der 
Dinge, den Kampf der prinzipiellen Mächte seit der Julirevoliition 
darzustellen : so würde man mit Recht Alles diesem Kampfe fern 
Liegende ausscheiden dürfen. In der Spezialgeschichte hat jedes 
Land und jedes Ereigniss gleiche Berechtigung; die Weltgeschichte 
aber, weil sie auf den Höhen der Civilisation sich fortbewegt, hat 
nur in soweit von den niederen Gegenden Auskunft zu geben , als 
sich ihr von jenen Höhen ans durch Seitenthäler der Blick in die 
Tiefe eröffnet. Wer wollte die Bildungskeime Australiens , der Süd- 
seeinseln und Afrika's, deren Aufbruch einer späteren Zukunft vor- 
behalten ist, mit dem gleichen Maasse messen, wie Asien, Europa 



— 171 — 

und Amerika, die Träger der weltgeschichtlichen Bewegung, die pon- 
derirenden Mächte der Gegenwart ! Und wer dürfte wiederum dem 
despotisch ersclilafFten Asien dieselbe Bedeutung beilegen oder mit 
derselben Theilnahme zuschauen , wie dem unennüdlich ringenden 
Europa , oder dem siegreich schaffenden Amerika ! 



DIB INDIVIDUALITÄT IN DER NATUR 

MIT 

VORZÜGLICHER BERÜCKSICHTIGUNG DES PFLANZENREICHES. 

Von CARL NÄGELI. 



Die gegenwärtige Zeit, bewegt von dem Streite zwischen Spiri- 
tualismus und Materialismus , sucht in jeder etwas allgemeineren 
Kundgebung auf naturwissenschaftlichem Gebiete, Gründe für oder 
gegen die eine und andere Ansicht. Auch der nachstehende Vortrag, 
im Februar 1856 vor einem gemischten Publikum gehalten, wurde 
von diesem Standpunkte aus beurtheilt, obgleich mir eine Tendenz 
ganz ferne gelegen hatte. Vielleicht gerade desswegen glaubten die 
Einen darin eine Huldigung, die Andern eine Verwahrung gegen den 
Materialismus zu erkennen. — Wenn nun auch beim ruhigen Lesen 
ein Missverständniss nicht möglich ist, wie beim flüchtigen Anhören, 
so wird es doch zum genauen und vollkommenen Verständniss bei- 
tragen , wenn ich vorher meinen Standpunkt als Naturforscher bezeichne. 

Um zuvörderst den Gedankengang in dem Vortrage kurz anzu- 
deuten , so verweise ich einleitend auf die Thatsache , dass die Ent- 
wicklungsgeschichte des Menschengeschlechtes durch den Wechsel von 
geistigen Individuen stattfindet, welche an der grossen Aufgabe des 
Fortschrittes sich ablösen. Aus der Vergänglichkeit der Personen für 
die Weltgeschichte folgt aber noch niclits für die Natur des Geistes 
überhaupt, so wie für seine Dauer; und ich verweise ausdrücklich 
andere Seiten der Frage an andere Gebiete wissenschaftlicher For- 
schung (Theologie, Philosophie). Der ganze Vortrag sucht dann zu 
zeigen, dass in ähnlicher Weise, wie das Menschengeschlecht durch 
den Wechsel seiner Individuen der Vervollkommnung entgegenstrebt, 
die materielle N.itnr durch individuelle Rtidungeu , die entstehen imd 
vergehen , in stetem Entwicklungsdrange und in nothwendiger Stufen- 
folge sich auf den höchsten Punkt der Ausbildung erhebt. 



^ 172 — 

Wie verhält es sich aber, fragt man so oft den Naturforscher, 
mit dem Wesen der geistigen Individuen ? Ist Geist und Materie 
unauflöslich mit einander verkettet, oder bis auf einen gewissen Grad 
von einander unabhängig? Icli glaube, dass dieses Problem von den 
Naturwissenschaften nicht gelöst werden kann, weil dieselben nach 
verschiedenen Seiten hin auf unübersteigliche Scliranken treffen. 

Wir machen die sinnliche Wahrnehmung, dass ausser uns eine 
Welt von Gegenständen cxistirt. Aus den Eigenschaften, Veränder- 
ungen , Be^vegungeu , die wir mit unsern Sinnen an den Körpern 
bemerken, leiten wir die Gesetze ab, denen sie unterworfen sind. — 
Erkennen wir aber alle ihre Eigenschaften, alle Kräfte, die in ihnen 
wirken? Wir wissen es nicht, imd wären dessen nur sicher, wenn 
wir die Körper a priori ableiten, oder wenn wir durch Rechnung die 
Nothwendigkeit ihrer Totalität sammt allen Einzelheiten nachweisen 
könnten. Denken wir uns , wir hätten zwar den Gesichtssinn , aber 
es mangelte uns der Farbensinn, ferner das Gehör, der Geruch, der 
Geschmack, so würden uns gewiss wesentliche Eigenschaften der 
Aussenwelt verborgen geblieben sein. Wir wüssten wenig von der 
Brechung der Lichtstrahlen und nichts von den Schallwellen. — 
Ebenso wäre es möglich, dass uns Avcgen der UnvoUkommenheit un- 
serer sinnlichen Wahrnehmung jetzt noch vielleicht Eigenschaften und 
Kräfte der Körper entgehen , deren Wirksamkeit weniger auffällige 
Resultate hervorbringt, als es die Schwerkraft, die Elektrizität, die 
chemische Afünität thut. Die Mangelhaftigkeit des Subjektes erlaubt uns 
also keineswegs eine absolute Erfassung der Aussenwelt, so dass wir 
unsere Erkenntuiss als abgeschlossen erklären und behaupten könnten, 
es gebe nichts, was ausser oder über derselben liege. 

Diese Reflexion wird unterstützt durch eine Betrachtung über 
die Natur des Objektes. Die neuere Atomistik fängt an, viel tiefer 
in das Wesen der Stoffe einzudringen, als es bis jetzt möglich war. 
Ich gehöre selber zu denen, welche von der .V^tomenlchre die grössten 
Aufschlüsse für das Zellenleben , für Umwandlungen und Gestaltungen 
der Stoffe erwarten , und welche der Ueberzeugung leben , dass sie 
sich zu einer der schönsten Disciplinen unter den Naturwissenschaften 
ausbilden wird. Die Atome sind die ersten und einfachsten Bausteine, 
aus denen die Natur aufgebaut ist. Es ist möglich und Avahrschein- 
lich, dass die jetzigen chemischen Elemente selbst zusammengesetzt 
sind, und wir können uns denken, dass die Analyse dieselben einst 
in wenige Urstoffe zerlegen wird. Gelingt es in dieser Weise auf 
Atome mit einfacher Anziehung und Abstossung zurückzugehen , so 
müsste es, sollte man meinen, möglich werden, die Nothwendigkeit 



— 173 — 

der Eiitwickliing.sgcschiclite für uiiorg;ini.sche iiiul organische Körper 
iiaclizuwciscn. Allein nach zwei Seiten hin werden wir durch die 
Grenzen gehennnt, in denen die iMidliehkeit l)efangen ist. 

Zeit und Kaum sind relative Begriffe. Die ganze iii.storiache 
Zeit ist eine Sekunde in der Bildungsgeschichte der Erde, und die 
Dauer der Erde ein Augenhjick in der Ewigkeit, l'nser Sonnensystem 
macht in dem gestirnten Himmel ein winziges Sandkorn, und der ganze 
gestirnte Himmel in dem denkbaren AVcltenraume einen \crschwin- 
denden Punkt aus. .^ndercr.-eifr^ ist das Atom, dessen Chössc einem 
billionenfach gctheilten Sandkorn lange nicht gleichkonnnt , doch un- 
endlich gross; denn wir können es in (iedanken thcilcn, bis wir auf 
einen Theil kommen, welcher zum ganzen Atom sich verhält wie das 
Sandkorn zum gestirnten Himmel. Und die Schwingungen des Aether- 
atonis in der Lichtwclle, für deren ungeheure (Jesi'hwindigkeit wir 
nach unserer Zeit keinen BcgrifT haben , können wir wegen der un- 
endlichen Theilbarkeit der Bahn , für Wesen mit anders organisirter 
Wahrnehmung zur schleichenden Ewigkeit ausdehnen. 

Wir können also von keinen Atomen behaupten , dass sie wirk- 
lich einfach sind. Wenn Avir sie in ihrer Form und in ihrer Wirkung 
als einfache Körper betrachten, so heisst es nicht.- anders, als dass 
sie durch ihre individuelle Gestaltung wie Einheiten wirksam werden. 
Sie können darin den Weltkörpeni gleichen, welche, obgleich selbst 
unendlich zusammengesetzt, bei der Erhaltung der Ordnung im Weltall 
doch nur mit zwei sehr einfachen Kräften , der Schwerkraft und dem 
Beharrungsvermögen in der Bewegung, betheiligt sind. Desswegen 
wirken aber doch die Weltkörper auch durch andere Kräfte auf ein- 
ander ein (z. B. durch Licht und Wärme l, und so wäre es ebenfalls 
möglich , dass selbst die Aetheratome und die supponirten Uratome 
der wägbaren Stoffe noch durch andere Kräfte als die vorausgesetzte 
.Anziehung und Abstossung in Verbindung mit einander ständen. Wie 
wir uns die Atome ungeheuer gross denken können, so auch die 
Abstände zwischen ihnen; und wir wissen ferner gleichfalls nicht, ob 
diese Zwischenräume wirklich leer sind, oder vielleicht eine noch 
feinere Substanz enthalten, wie der Ivaum zwischen den Weltkörperu 
mit .\ether erfüllt ist. 

Es erlaubt denmach auch die Natur des Objektes nicht eine 
absolute Darstellung der Naturwissenschaften , wie es früher die Natui-- 
philosophie versuchte , und wie es neuerdings der Materialismus an- 
strebt. Wir wissen nicht, wann das Spiel der Atombewegungen 
begonnen hat , innerhalb welcher Grenzen des Raumes dasselbe gebannt 
ist, und ob es bloss durch die bekannten oder vielleicht auch noch 



— 174 — 

durch andere Natiirkräfte hervorgebracht wird. Nur wenn eine ein- 
zehie Naturerscheinung vollkommen in ihren ursächlichen Momenten 
erklärt werden kann , so sind wir .sicher , dass keine andern Kräfte 
Avenigstens in erheblichem Maasse dabei betheiligt sind. Diess ist in- 
dess bis jetzt nur in wenigen und einfachen Fällen möglich. Wie die 
Elektrizität, zwar überall vorhanden und thätig, doch nur selten unter 
gewissen Bedingungen zu bemerkenswerther Intensität sich sammelt, 
so könnten heute oder morgen erst sichere Spuren eines neuen Agens 
wahrgenommen werden , — über dessen Existenz man sich vielleicht 
lange stritte , und das zuletzt durch die Gesetze , die man für seine 
Wirksamkeit feststellt, erwiesen würde. 

Die Kräfte, über dei-en Natur und Dasein man jetzt ungleicher 
Ansicht ist, sind die Lebenskraft und die geistige Kraft. Diejenige 
Lehre, welche sie läugnet, bezeichnet man als Materialismus. Wir 
dürfen aber beide nicht mit einander vermengen ; wir können die eine 
verwerfen , die andere anerkennen. 

Wenn eine besondere Lebenskraft existirt , so verursacht sie, 
vereint mit den physicalischen und chemischen Kräften, in Pflanzen 
und Thieren die Formbiidungen und Umsetzungen. Sie wirkt, wie 
die unorganischen Kräfte, mit Nothwendigkeit und nach bestimmten 
(organischen) Gesetzen. Ueber das Vorhandensein einer solchen Kraft 
sind verschiedene Ansichten möglich ; ich meinerseits halte deren x\n- 
nahme nicht für hinreichend gerechtfertigt. Es ist zwar gewiss , dass wir 
selbst die einfachsten organischen Gebilde oder Prozesse noch lange 
nicht aus den unorganischen Agentien werden erklären können. Aber 
eben so wenig können wir daraus die Nothwendigkeit der Krystalli- 
sation herleiten. Die Entstehung eines Stärkekorns oder einer Zelle 
scheinen mir aber keine andern, sondern nur complizirtere Erscheinun- 
gen darzubieten , als die Bildung eines Krystalls ^). 



') Diess habe ich in meiner Schrift : .,Sj'Stematische Uebersicht der Er- 
scheinungen im Pflanzenreich" weiter ausgeführt, und zu zeigen gesucht, dass 
die Erklärung des Gestaltungsprocesses aus den bekannten Kräften auf die 
gleichen Schwierigkeiten stösst in der unorganischen und in der organischen 
Natur , nur dass sie in der letztern viel weiter zurückliegt , — dass im Unor- 
ganischen wie im Organischen die einzelnen Bewegungen oder Kräfte zu einer 
Gesammtbewegung oder zu einer Resultirenden zusammentreten , die wir als den 
innern Zusammenhang , als Qualität , Wesen , Idee , Lebenskraft bezeichnen 
können , — dass aber da wie dort die wahrhaft lebendigmachende Kraft oder 
der innere Grund der Dinge uns immer unbegreiflich sein wird. — Die natur- 
wissenschaftlichen Leser muss ich überdem auf eine demnächst erscheinende 
Schrift verweisen , in welcher der Versuch gemacht wird , die Entevicklungs- 
geschichte des Stärkekorns auf physicalisehe Prozesse zurückzuführen. 



— 175 — 

Die Vertheidiger der Lebciirtkraft wenden ein , dass wir im 
Laboratorium keine Zeilen, Nervenrölircn , Muskelfasern machen können. 
Ich will nicJit darauf antworten , dass wir es einmal dahin bringen 
werden; denn ich bin überzeugt, dass diess nie möglich ist. Aber 
wir können auch keinen Krystall machen. Wir können ihn nur 
entstehen lassen. Wir vermögen bloss Verhältnisse herbeizuführen, 
welche seine Bildung veranlassen. Wie wir den Kiystall nur auf 
dem Wege erhalten, den die Natur selbst geht, so werden wir auch 
Muskel und Nerv nur auf dem Wege erzeugen können , auf dem sie 
die Natur hervorbringt, nämlich durch den thierischen Organismus. 

Es scheint mir demnach, dass die Frage nur so gestellt werden 
kann : Unter welchen Bedingungen bringt die Natur organische Keime 
ausserhalb des Organismus hervor? und können wir diese Bedingungen 
auf künstliche Weise im Laboratorium herstellen? Dass das Letztere 
bis jetzt nicht möglich war, kann nicht als Beweis für die Lebens- 
kraft gelten, da Avir über das Erstere noch so selir im Unklaren sind. 

Der Gegensatz liegt aber überhaupt nicht sowohl zwischen leb- 
loser und belebter Natur; — denn es ist eigentlich Alles belebt; 
der Krystall hat seine eigenthümliche Bildungsgeschichte wie die 
Pflanze, und beide können gleich sehr oder gleich wenig aus den 
bekannten Naturkräften und den BeMegungen der Atome begriffen 
werden. Der Gegensatz besteht vielmehr zwischen Materie und Geist. 
In der Materie herrscht bewusstlose Nothwendigkeit , im geistigen 
Gebiete Bewusstsein und Freiheit. Sollte die Lebenskraft wirklich 
als ein besonderes Agens der organischen Natur nachgewiesen werden, 
so würde ich sie, da sie bloss den Gestaltungsprocess bewirkt, und 
im Stofflichen Bildung und Umbildung hervorbringt, mit den mate- 
riellen Kräften zusammen und samrat diesen den geistigen Kräften 
entgegenstellen. 

Ob die geistige Kraft selbstständig oder eine Function der 
Materie sei, diese Frage gehört zwar nicht in den Bereich des Pflanzen- 
physiologen. Indesö scheint mir nicht, dass eine sichere Entschei- 
dung in dem einen oder anderen Sinne von naturwissenschaftlichem 
Standpunkte gegeben sei oder gegeben werden könne. Um so mehr 
spricht die Wahrscheinlichkeit gegen die materialistische Ansicht. 
Denn es scheint aller Analogie zuwider, dass aus einer noch so com- 
plizirten Combination von Erscheiiunigen Thatsachen entstehen , die 
einer ganz andern Kathegorie angehören, dass aus Anziehung und 
Abstossung des Stofflichen Bewusstsein hervorgehe. Und es wider- 
spricht dem in der Natur ohne Ausnahme herrschenden Prinzip der 
Causalität oder dem Gesetze der Erhaltung der Kraft, dass materielle 



— 176 — 

Bewegungen, statt eine Resultireade von genau bestimmfer Richtung 
und Intensität zu erzeugen, einen Akt des freien Willens veranlassen 
sollten. 

Nehmen wir aber mit dem Materialismus an, die Freiheit des 
Willens sei eine Täuschung, und das Bewusstsein sei mit der Bewe- 
gung aller oder gewisser Molccüle und Atome verbunden, so stossen 
wir auf einen andern nicht zu lösenden Widersprach. Das Bewusst- 
sein wäre dann gleichsam der Schatten , welcher der materiellen 
Erscheinung folgen, oder das Spiegelbild, das sie begleiten würde. 
Bewusstsein und materielle Erscheinung niüssten einander genau pro- 
portional sein, sie müssten sich decken. Wir sollten uns daher, da 
der stoffliche Vorgang dem Causalitätsprinzip unterworfen ist , der 
Nothwendigkeit bewusst werden, statt dass Avir nun das Gefühl der 
Freiheit in uns tragen. 

Die Naturwissenschaften werden wohl nie im Stande sein , die 
Frage über die Existenz der geistigen Kraft entscheiden zu können. 
Die Möglichkeit dazu wäre nur dann , wenn auch erst für die ferne 
Zukunft, gegeben, wenn wir mit Grund annehmen dürften, dass die 
geistige Kraft sich wie eine materielle Kraft verhalte, dass sie sich 
in materielle Kräfte musctzen und durch Umsatz aus denselben ent- 
stehen könne. ICs ist aber möglich , und der ganze Gegensatz , in 
welchem sich der Geist zur Materie befindet, macht es wahrscheinlich, 
dass derselbe nicht dem Gesetz der Erhaltung der Kraft unterliegt. 

Die naturwissenschaftliche Emiiirie ist also überall in engen 
Grenzen festgehalten. Sie findet eine Schranke in der unvollkommenen 
sinnlichen AVahruehmung des menschlichen Organismus : sie steht macht- 
los vor der Ewigkeit des Raumes und der Zeit und vor der unend- 
lichen Theilbarkeit beider, und sie vermag die Schwelle nicht zu 
überschreiten, wo die geistige Welt beginnt, sei es die geistige 
Begabung des Endlichen, sei es die geistige Macht des EAvigen. Was 
ausserhalb der endlichen materiellen Erscheinung liegt, liegt auch 
ausserhalb der Macht der Naturwissenschaften; es fällt den Geistes- 
wissenschaften luid dein Glauben anhcim. 



— 177 — 



Wenn wir an doin Grabe dncs grossen Mannes .stehen, ergreift 
nns eine gewisse Welnmith. W'elehc Siunnie von Erfiihrung und 
Erkcnntni.ss gilit iii<r der mensc-lilielien Gesellschaft verloren. Ein 
ganzes Lehen liindurch hat der Geist Schätze gesammelt mannig- 
faltiger Art, und bei seinem Hinscheiden nimmt er sie alle mit sich 
fort. Der Staatsmann, der Künstler, der Gelehrte hinterlässt in seinen 
Werken Beweise seines Wissens, seiner geistigen Kraft, seines Fleisses. 
Aber mit ihm stirbt sein Scharfsinn, seine Piiantasie, seine Energie, 
seine Anfopferimgsfähigkeit. Die Produkte bleiben, das Werkzeug 
verschwindet. 

Ist diess eine weise Einrichtung der Natur ? drängt sich nur zu 
leicht die Frage auf. Ist dadurch auf genügende Art für die Ent- 
wicklung des Menschengeschlechtes gesorgt? Hängt so sein geistiger 
Fortschritt nicht vom Zufall ab; von dem Zufall nämlich, ob die 
Summe des Wissens, die Höhe und Tiefe der Erkenntniss in jedem 
Zeitpunkt wieder die geeigneten Träger finde, welche die Tradition 
forterhalten ? Denn die ganze Geschichte der geistigen Menschheit ist 
in der That Avesentlieh eine Tradition, eine Ueberlieferung von dem 
jeweiligen Geschlecht auf das Nächstfolgende. Wird nicht der Fort- 
schritt beeinträchtigt, wenn ein begabter Geist, nachdem er ein halbes 
Menschenleben und mehr darauf verwendete, nicht bloss auf die Höhe 
der geistigen Entwicklung zu gelangen , sondern darüber sich zu er- 
heben und sie selber zu fördern, den Schauplatz seiner beginnenden 
Thätigkelt verlassen muss? Stimmt diess mit der Weisheit und Zweck- 
mässigkeit überein , die sonst in allen Natm-einrichtungen herrscht V 

Warum hat das Leben z. B. nicht eine längere Dauer V Für 
den Trägen und Langsamen ist es gewiss zu kurz. Aber für den 
Thätigcn und Strebsamen ist es noch viel kürzer. Jede Arbeit bringt 
neue Gesichtspunkte , und jedes Resultat macht es dnppelt wünschens- 
werth , nach einem neuen höliern Kesultate zu streben. Gerade wenn 
der Geist sich am tüchtigsten zum Schaflen und Wirken fühlt, so 
beginnt die Abnahme, der Vorbote der gänzlichen Wirkungslosigkeit. 
Oder warum können wir auf die Kinder niclit die geistige und 
uiiiralische Kraft übertragen V Sie erlien von uns die körperlichen 
Anlagen, die sich ohne Mühe ausbilden. Sic erben auch die geistigen 
Anlagen; aber werden diese sich selbst überlassen, so ist keine 
(iarantie da, dass sie wirklich ein Erbe seien. Es bedarf jahrelanger 
Erziehung ; es bedarf der Anstrengung und des Kampfes von wenig- 
stens dem dritten Theil der Lebensdauer, um den Anlagen die Ent- 



— 178 — 

•wicklang zu geben , deren sie fähig sind. "Welch ungeheurer Gewinn 
wäre es wohl nicht für den Fortschritt des Menschengeschlechtes, 
wenn auf den Knaben unmittelbar das Wissen, die geistige Kraft und 
Gewandtheit, die moralische Stärke des Vaters, auf das Müdclien 
die Tugenden der Mutter übertragen würden. 

Daher bezeichnet auch die allgemeine Ansicht den Tod als einen 
Verlust, und lässt am Grabe grosser Männer und Frauen bald ganze 
Nationen, bald selbst das gebildete Menschengeschlecht trauern. 

Die Erkenntniss, dass die Einrichtung der Natur nicht bloss gut, 
sondern die beste sei , mag auf verschiedenen Wegen erlangt werden. 
Einen andern Gedankengang wird der Theolog , der Philosoph , der 
Ethiker, der Historiker verfolgen. Ich beschränke mich als Natur- 
forscher auf meine Sphäre. 

Doch bei dem Namen Naturforscher eriiurere ich mich eines Ein- 
wurfes , der mir gemacht werden kann. Die heutige Naturforschung 
hat es fast vei'pönt, von Zweckmässigkeit zu sprechen. Ein Verbot 
erfolgt in der Regel nur auf einen Missbrauch. In der That malte 
sich einst die Naturgeschichte die Schöpfung mit den idyllischen 
Farben der Zweckmässigkeit so bunt aus , dass die Reaktion einer 
mehr nüchternen Auffassung eintreten musste. Sie hatte mit allen 
Reaktionen gemein, dass sie nicht bloss von der Abweichung links 
zurückkam , sondern sich zu einer Abweichung rechts verleiten Hess, 
wie ein Pendel nicht bloss in die Gleichgewichtslage der richtigen 
Mitte zurückkehrt, sondern in entgegengesetzter Richtung darüber hin- 
ausgeht. 

Erlauben Sie mir, dass ich, um den Gegensatz zwischen der 
frühern und der jetzigen Naturfurschung anscliaulich zu machen, ein 
etwas plumpes Beispiel wähle. Unstreitig haben die Meerenge von 
Gibraltar und die Landenge von Suez auf die kulturgeschichtliche 
und politische Entwicklung der Welt einen ungeheuren Einfluss aus- 
geübt. Als Zweck betrachtet, konnte die alte Zeit mit Recht sagen, 
die Landenge sei da, um die Continente zu vereinigen, die Meerenge, 
um sie zu trennen. Die moderne Zeit der Dampfschiffscurse ist an- 
derer Ansicht; die Meerenge soll vereinigen, die Landenge von Suez 
hingegen ist ein unbequemes Hinderniss des Verkelirs , und daher nur 
da , um durchstochen zu werden. Denken wir gar das Schiff der 
Wüste, das Kanieel, welches die Landenge, den beuteverfolgcndou 
Hai, welcher die Meerenge durchzieht, den leichtbescliwiugten Zug- 
vogel, der kein Hinderniss kennt, und die uubehülflicheren Land- 
und Wasserbewohner, die da und dort eine Schranke ihrer Wanderung 
finden , denken wir uns alle diese Wesen mit dem Lichte des Bewusst- 



I 



— 179 — 

Seins begabt und zum Philu?n|iliiren geboren, jedes derselben ^\ürde 
von seinem Standpunkte aus einen andiin Zweck von Meer- und 
Landenge erkennen. Diese Naturbetraclitung nach Z \v e ckb egri f fen 
heisst die teleologische. — Der Geologe der Neuzeit aber , indem er 
die Ursachen der Ersclieinnng erfor.->elit , meint, die Meerenge sei 
vorhanden, nicht dass sie diesen oder jenen Zweck erfülle, sondern 
weil an jener Stelle die Erdrinde einsank, die Landenge, weil zwi- 
schen zwei Einsenkungen ein hervorstehender Kamm übrig blieb. 
"Wie der Zweck ein mannigfaltiger und verschieden fassbarer ist, so 
sind auch Hebung und Senkung aus einem Zusammenwirken von 
vielen Kräften hervorgegangen. 

Jede Naturerscheinung ist die Folge von bestimmten Ursachen. 
Die Aufgabe des Forschers ist es, von einer Thatsache die nächsten 
Ursachen zu ergründen , und liat er sie erkannt , zu den Ursachen der 
Ursachen vorzudringen. Jede Naturerscheinung wird aber selbst Ver- 
anlassung zu neuen Erscheinungen ; sie hat Functionen oder resul- 
tirende Zwecke. Sie ist somit ein Centrum , auf welches nicht 
bloss convergirend eine Vielheit von Ursachen zielte und sich da zu 
einer einheitlichen That sammelte , sondern von welchem aus hinwieder 
eine Mannigfaltigkeit von Wirkungen divergirend ausstrahlt, um in 
engern und weitem Kreisen fruchtbringend zu wirken. Der Forscher 
hat daher, wie einerseits die Gesetzmässigkeit nnd Nothwendigkeit, 
so andererseits auch die Zweckmässigkeit In der Natur aufzuzeigen. 
Er bleibt innerhalb seiner Sphäre , wenn er sich Immer nur die nächste 
Ursache und die nächste Folge zur Aufgabe stellt ; aber er geht 
darüber hinaus, wenn er den beabsichtigten Zweck zu ergründen 
wälnit. 

Um in die Absicht einzudringen, bedarf es der Einsicht In das 
ganze AVerk. An einer compllzirten Maschine, die uns unbekannt Ist, 
können wir wohl die Ursache der Bewegung und die Wirkung für 
jedes einzelne Rad, jeden Balken, jede Klappe ermitteln; der Zweck 
wird uns erst offenbar, wenn wir über die Anlage und den Plan der 
ganzen Maschine aufgeklärt sind. Von der ganzen grossen Natur 
sind uns nur winzige Bruchstücke zugänglich , bloss so viel um zu 
ahnen, dass Alles nach einem harmonischen einheitlichen Plan ange- 
legt Ist. Diesen Plan zu ergründen und zu einer teleologischen Er- 
kenntniss zu gelangen , Ist zwar das höchste und letzte , aber ewig 
unerreichbare Ziel menschlicher Forschung. 

Daher missglücken nothwendig alle teleologischen Versuche. Ein 
In dieses Gebiet gehörendes Gesetz ist das der Sparsamkeit. 
Nicht bloss die Gewaltigen dieser Erde legen den minder Gewaltigen 



— 180 — 

Luxiisgesetze auf*). E^ soll die Natur selbst mit gutem Beispiele 
vorangehend sich ein solches Gesetz gegeben haben, nach welchem 
sie mit Kraft und Stoff möglichst haushälterisch umgeht, und den 
grössten Nutzeffekt mit dem geringsten Aufwand von Anstrengung 
erreicht. Aber mit gleichem Recht Hesse sich ein Gesetz der Ver- 
schwendimg begründen , indem in eben so vielen Fällen mit dem 
grössten Aufwand von Kraft und Stoff nur ein winziges Resultat 
erzeugt oder ein nahes Ziel auf einem weiten Umwege erreicht wird^). 

Das Unlogisclie ist hiebei, dass wir menschliche Begriffe, wie 
die von Nützlichkeit und Schädlichkeit, Sparsamkeit und Verschwen- 
dung, Schönheit und llässlichkeit auf die göttliche Ordnung übertragen, 
dass wir das Unendliche mit einem endlichen Maassstabe messen 
wollen. So grossen Werth eine sinnige Naturbetrachtung , die sich 
die Welt nach Zweckbegriffen accomodirt , in ästhetischer und päda- 
gogischer Beziehung hat , so wenig ist es strenge exacte Natiu-- 
wissenschaft. 

Um zu meiner Frage zurückzukehren, kann es sich also nicht 
darum handeln , ob der Tod des Individuums an mid für sich zweck- 
mässig sei, oder ob damit eine bestimmte Absicht erreicht werde, 
sondern welche Folgen aus der beschränkten Dauer des geistigen 
Individuums auf den Fortschritt des Menschengeschlechtes sich ergeben. 
Ich will bloss von der Eiitw icklimg der Naturwissenschaften sprechen. 
Wie in keinem andern Gebiete kommt es hier auf die Kenntniss 
einer grossen Menge von Thatsachon an. Die ßeobachtimgen und 
Erfahrungen Anderer sind zwar in iln-en AVerken niedergelegt, aber 
gewiss nur der kleinste Tlieil wurde aufgezeichnet. Und dennoch 
häuft sich das überlieferte Material so ge-waltig, dass man von dem- 
selben erdrückt zu werden fürchtet ; dass ein Menschenleben nicht 
mehr ausreichen würde, um die Erfahrungen Anderer aufzunehmen 
und denselben noch eigene hinzuzufügen. „In einer empirischen 



') Der diesem Vortrag vorausgehende ötTeiitliehe Vuitrag des Herrn Prof. 
Dcrnburg liandelte von den „Luxusgesetzen''. 

2) Der Riesenstäubling (Lj'copcrdon Bovist.a hin.) ist ein kugeliger Pilz, 
der in Avenigen Tagen eine Grösse von zwei Fuss erreichen kann. Mit Aus- 
nahme einer sehr dünnen li.-iutartigon liinde, ist der ganze innere Raum mit 
dem Sporengeflecht erfüllt , welches fast ganz aus den winzigen , kugeligen 
Samen besteht. Die letztern haben einen Durchmesser von '/jqq Linie. Der Pilz 
enthält, wenn der zehnte Theil der Höhlung mit Samen gefüllt ist, deren mehr 
als 200 Billionen. Diess kann uns als ein wahrer Luxus erscheinen, da nur 
wenige Samen keimen, und da vielleicht der Pilz überhaupt der Fortpflanzung 
nicht bedarf, insofern er auch durch Urzeugung entstehen kann. 



— 181 — 

Wissenschaft siiul die Tiiatsachen die llainjtsache", ist ein vielfach 
au.sgesprochenes Axiom, aber nur so lange richtig, bis wir das Gesetz 
daraus abgeleitet haben. Dann werden die l'hatsaclien Nebensache ; 
nicht so, dass wir sie gänzlich in die Rumpelkammer dos wissen- 
schaftlichen Rüstzeuges werfen. Aber sie haben als Einzelne in ihrer 
Verschiedenheit keinen Werth mehr, da sie sännntlicli in dem Gesetz 
enthalten sind. Wir behalten daher nur eine oder wenige , welche 
das Gesetz am reinsten luid einfachsten wahrneinnen lassen, inid über- 
geben die übrigen unbetrauert der Vergessenheit. 

Eine andere Betrachtung, innig mit der eben gemachten verbunden, 
ist nocli wichtiger. Die Natur bleibt zwar dieselbe , aber sie erscheint 
uns fortwährend in einem andern Lichte. Wir machen andere sinn- 
liche Wahrnehmungen , wir entnehmen der Natur andere Thatsachen, 
als unsere Vorfahren. Untersuchungen auf die der grösste Fleiss und 
Scharfsinn verwendet Avurden, interessiren uns niclit mehr. Streitfragen, 
die die naturwissenschaftliche Welt spalteten , sind antiquirt. Mit der 
EntM'icklung des wissenschaftlichen Bewusstseins, mit der Entdeckung 
neuer Gesiclitspunkte und neuer Methoden wird auch die Aufgabe 
der Beobachtung eine andere. Jede Richtung muss bis auf einen 
gewissen Grad in die Breite verfolgt werden, und dann einer neuen 
Richtung Platz machen. Nicht dass wir uns im Kreise drehtun und 
vielgeschäftig heute das, morgen etwas Neues betrieben. Der Berg- 
steiger erhebt sich von Höhe zu Höhe; es eröftneu sicli ihm neue 
Blicke, die Rundschau wird weiter, die Luft reiner; er fühlt sich 
freier und gehoben durch das Bewusstsein, dem Treiben der Menschen 
ferne und nahe dem ewigen Aether zu sein. Aber um auf die Spitze 
des Berges zu gelangen , muss er mühsam sich von Stufe zu Stufe 
erheben. So sind die veralteten Methoden und die abgelebten Streit- 
fragen als die uothwendigen Durchgangspunkte für das sich ent- 
wickelnde naturwissenschaftliche Bewusstsein zu betrachten. 

Um diese Entwicklung zu fördern, ist es nothwendig, dass fort- 
während frische Kräfte und neue Ideen auf den Kampfplatz treten, 
und dass die alten Arbeiter die Durchführung einer andern Aufgabe 
neuen Forschei'u überlassen. Oft schon lebte eine Autorität zu lange 
für den Fortschritt der Wissenschaft, indem sie dieselbe mein- als 
gut war, in der eingeschlagenen Richtung gebannt hielt, und den 
Uebergang zu liöhern Richtungen hemmte. Es ist daher vollkcunmen 
vereinbar mit der Dankbarkeit , die wir den verdienten Männern jeder 
Zeit und jeder Avissenschaftlichen Entwicklungsstufe mit voller An- 
erkennung darbringen , wenn wir die Naturwissenschaften glücklich 
preisen, dass ihre Autoritäten nicht das Alter Methusalems erreichen. 

WlssenschaftUcbe Monatsschrift. 13 



— 182 — 

Desswegen ist es auch die weiseste Einrichtung der Natur , dass das 
menschliche Wissen und die menschliehL' Einsicht nicht unmittelbar 
geerbt werden können , sondern dass der Geist sich ans der allge- 
meinsten Anlage entwickeln nuiss. Ho kann er zur grössten Freiheit 
und Unabhängigkeit gelangen; er kann alles Ueberfliissige und Un- 
taugliche in Form und Inhalt abstreifen, und das (Jute gegen das 
Bessere vertauschen. Dadurch dass der Älensch nur Anlagen erbt, 
wird es ihm möglich, zur vollkommensten Individualität zu gelangen, 
und die Individualität ist uolhwendig der Träger alles geistigen Fort- 
schrittes. 

Wie in der geistigen Welt , so auch im Gebiete des Stofflichen. 
Die Individnen sind die Träger alles Naturlebens. Unter Individuum 
verstehen wir aber eine einheitliche Erscheinung , welche wir nicht 
theilen können , ohne ihr Wesen zu vernichten ; welche daher ein 
abgeschlossenes Ganze mit eigenthiimlicher Entwicklung und eigen- 
thümlichen Beziehungen zur Aussenwelt darstellt. Dass die Welt i)n 
Grossen nur aus Individuen besteht, darüber ist, seitdem der Nebel- 
streifen der Milchstrasse durch das Fernrohr in unendlich viele Welt- 
körper aufgelöst wurde, kein Zweifel mehr. »Sonnen, Planeten, Monde, 
Cometen , jeder mit eigenthünilicher Masse und Bewegung, erlialten 
das Gleichgewicht des Hinnnels , oder lassen, wie sich alte Astronomen 
ausdrückten , die Harmonie der Sphären ertönen. 

Trennen wir unser Auge von dem Zauber des gestirnten Himmels 
und werfen einen Blick auf unsere Erde , so tritt uns hier ein chao- 
tisches Gemenge verschiedener Stoffe entgegen , die aus continuirlichen 
Massen zu bestehen scheinen. Allein wie ein Stück Holz unter dem 
Vergrösserungsglas aus lauter kleinen individuellen Zellen besteht, so 
haben Chemie und Physik die unorganischen Stoffe in winzige indi- 
viduelle Theilchen oder Atome zerlegt. Und wie im Weltenraunie die 
unendlich grossen Weltkörper durch zwei einander entgegenwirkende 
Kräfte sich das Gleichgewicht halten , .so schweben die unendlich 
kleinen Atome in gewissen Entfernungen \on einander, festgehalten 
durch den Widerspruch ihrer Neigungen, gleichzeitig sich zu fliehen 
und zu suchen, ihre Anordnung und die Kräfte, mit denen sie auf 
einander wirken, bedingen die Eigenschaften der Substanzen'). 



') Bekanntlich sind Eis, Wasser und der Wasserdanipt'. welclier unsichtbar 
mit der Luft gemengt ihr die bh^ue Farbe verleiht , der gleiche Stüli'. Im Eis 
halten Anziehung und Abstossvmg in den kleinsten Theilchen sich das Gleich- 
gewicht, aber wirken in verschiedeneu Richtungen ungleich; daher widerstehen 
die kleinsten Theilchen einer Verschiebung; das Eis ist fest. Im Wasser haben 
die Atome gleichfalls eine ebenso grosse Neigung sich von einander zu entfernen 



— 183 — 

fiiisl'örniip;o und flüssige Stoffe treten als ]\raH!<en, iiiclit in indi- 
vidueller riirin Hul', OS sei denn dass die Letztem Tnipfcn und Nebel- 
hlä.sclien bilden können. Die (ef-ten Stofl'e aber, Menn sie aus dein 
flüssigen Zustande fest werden, stellen Individuen liöherer Ordnungen 
dar. Die kleinsten Theilelien legen sich in bestimmten Richtungen 
an einander, und bringen •wohl überall Krystalle hervor, wo hinläng- 
licher Raiun die freie Ausbildung gestattet, und wo sonst die günstigen 
J^cdingungcn vorhanden sind. Der feste Regen fällt als zahllose 
Schneekrystalle von zierlichster Form nieder ; aus Lösungen von Zucker 
"der Kochsalz scheiden sich beim Verdunsten oder Abdampfen Krystalle 
aus. Die letztem haben aber die Neigung, mit einander zu ver- 
wachsen. IL'iutig zeigt uns die feste Substanz bloss ein mehr oder 
weniger deutliches krystallinisches Gefüge, und wenn sie aus dem 
flüssigen oder geschmolzenen Zustand fest wird , so erscheint sie oft 
selbst ganz homogen , wie das Fett , das Blei. Die Neigung der 
Substanz, sich zu individualisiren, ist hier durch andere Kräfte gehemmt 
worden, und auf die Anfänge beschränkt geblieben. Statt einiger 
grosser Krystalle haben sich eine Unzahl von ebenso regelmässigen 
Atomcomplexen und Krystallanfängen gebildet , die mit einander ver- 
wachsen sind. 

So ist also überall im Unorganischen, auch da wo ■wir auf den 
ersten Blick nur chaotische Unordnung luid Verwirrung sehen , doch 
i'ine wundervolle Anordnung der kleinsten Theile und ein wunder- 
volles Gleichgewicht ihrer Kräfte. Mit Verachtung und Ekel berührt 
unser Fuss das fünfte Element'). Mit Geringschätzung und Abscheu 
spricht der einseitige und blinde Parteigänger der Lebenskraft von 
-materialistischem Schlamme". Aber in keinem Kunstwerke von Men- 
schenhänden ist eine solche Harmonie der Theile, in keinem eine 



als sieh zu nähern , aher keine Richtung ist bei ihnen bevorzugt ; desswegen 
sind sie verscliiebbar, und das Wasser ist flüssig. Im liiftförmigen unsichtbaren 
Wasserdampf, wie auch in der Luft selbst, überwiegt die Antipathie der kleinen 
Individuen gegen einander; daher fliehen sie sich und zerstreuen sich nach dem 
unendlichen Weltenraum hin, bis die Liebe, mit welcher die Erde sie durch 
die Schwerkraft fesselt, ihr gegenseitiges Widerstreben zu zügeln vermag und 
ihnen Friede gebietet. Dennoch ist die Abneigung der Lufttheilchen gegen ein- 
ander so gross, dass die Atmosphäre eine Höhe von 9 — 10 Meilen hat, wäh- 
rend sie im flüssigen Zustande (mit der Dichtigkeit des Wassers) nur etwa 32 
Fuss bedecken würde , dass also ihre Atome durchschnittlich etwa 7000 mal 
weiter auseinander liegen , als es im flüssigen Zustande der Fall wäre. 

') Eine locale Bezeichnung für das , was Zürich luid seine einen halben 
Fuss über dem Boden immer reizenden Umgebungen mit Paris (Lutetia) leider 
nicht selten gemein haben. 



— 184 — 

solche Regelniä.s.sigkcit und Gleichinässigkcit , wie in der Anordimng 
der Atome und Molecüle, welche die Stoffe des fünften Elements 
bilden. Aber in dem sogenannten materialistischen Schlamme ist alles 
individualisivt und gegliedert; die einfachem Individuen (Atome) treten 
zu immer complizirteren und hohem Individuen (zu Atomgruppen oder 
Moleciilen , zu Gruppen von Moleciilen , zu Krystallen , zu Krystall- 
drusen) zusammen, so kunstvoll und logisch, als mu- irgend ein 
gelehrtes Compendium seinen Stoff in Ober - und Unterabtheilungen 
mit I und 1 , A und a nebst Kreuzen und Sternchen anordnen kann. 

Wie aus dem Flüssigen eine neue Welt von höher individuali- 
sirten Individuen , die festen krystallinischen Gebilde sich ausscheiden, 
so erhebt sich auf der Grundlage des Unorganischen die Welt der 
organischen Individuen , die pflanzlichen und thierisclien. Ich will 
davon die ersteren etwas näher betrachten. 

Wenn wir eine höhere Pflanze analysiren , so zerfällt sie zunächst 
in Gruppen von Organen , wie die beblätterten Zweige , die Knospen, 
die Blüthenstände und Blüthen. Diese zerfallen in die einzelnen 
Organe ; die letztem gliedern sich oft äusserlich , und im Innern zer- 
fallen sie in Gewebe und Systeme, welche zuletzt aus den Elemeutar- 
organen oder den Zellen bestehen. Die Zelle , in der Regel dem 
blossen Auge nicht sichtbar , ist ein Bläschen. Wir können sie mit 
einer Seifenblase vergleichen, mit dem Unterschiede, dass die letztere 
eine Haut von Wasser besitzt, und mit Luft gefüllt ist. An der Zelle 
dagegen besteht die Haut aus Holz oder einer analogen Substanz, 
der Inhalt aus Wasser und aus festen und löslichen organischen und 
unorganischen Stoffen. Wenn Seifenblasen an einander stossen , so 
bilden .sie den Seifenschaum. Auf gleiche Weise stellen viele Zellen 
ein Gewebe dar, welches bei grösster Regelmässigkeit auch eine voll- 
kommene Aehnliehkeit mit den Honigwaben eines Bienenstockes haben 
kann. Die Zellen sind aber viel kleiner ; gewöhnlich bedarf es deren 
20 bis 50 und 100, die in einer Reihe neben einander liegen, um 
den Raum einer Linie voll zu machen. In dem fadenziehenden schlei- 
migen Wein fand ich sogar einen Gährungspilz , einzelne Zellen , von 
denen erst 2000 und 3000 den Raum einer Linie erfüllen. In einem 
Tropfen Wein (von IV2'" im Durchmesser) hätten 10,000 — 20,000 
Millionen dieser kleinen Zellen oder Pflänzchen Platz , wenn sie so 
dicht beisammen lägen, um sich zu berühren. 

So klein aber auch die Zelle sein mag, so ist sie doch .selber 
wieder ein complizirter Organismus, der aus individuellen Theilen zu- 
sammengesetzt ist. Diese Theile sind bald in der Zahl von Hunderten 
in einer Zelle beisammen, bald erkennen wir an ihnen, wenn sie 



— 185 — 

grösser sind, eine coinplizirtc Ziisammeusefzung. Dahin gehören die 
Stärkekörner, welche in grosser Menge beisammenlicgend das Mehl 
bilden, und von denen einzelne aus 50 bis 100 verschiedenen' Schichten 
bestellen. 

Alle die genannten Tlicile niederer und höherer Ordnung , aus 
denen ein Pflanzenstoek zusammengesetzt ist, sind individuelle CJebilde. 
In der Wissenschaft streitet man sich zwar noch darüber, was im 
Pflanzenreich als Individuum anzunehmen sei. Die altem Botaniker 
betrachteten den ganzen Baum als solches. Die neuere Schule be- 
hauptete, jede Knospe und der daraus hervorgehende Trieb sei das 
Individuum und der Baum ein Conglomei-at solcher Individuen. Die 
neueste Schule ging noch welter; sie wollte nur der Pflanzonzelle die 
wahrhafte Berechtigung auf Individualität zugestehen. Der Streit ist 
ungefähr der nämliche, als wenn es sich fragen würde, ob in der 
Geschichte der Menschheit der Völkerstamm, der Staat, die Gemeinde 
oder die Familie als Individualität zu betrachten sei. Alle haben im 
Allgemeinen den gleichen Anspruch; es kann aber der individuelle 
Charakter bald in dem einen, bald in dem andern vorwiegen. Im 
Pflanzenreiche ist sowohl der Baum als jeder seiner Theile individuell, 
was wir schon daraus sehen , dass sowohl die Knospe , als das Organ 
und die Zelle sich ablösen, selbstständig fortleben und zu einem 
neuen Baume sich entwickeln können. Auf den untersten Stufen des 
Pflanzenreiches bildet die einzehie Zelle eine Pflanze. Etwas höher 
treiben wir Wesen , die nur aus einem mehrzelligen Organ bestehen, 
die z. B. dem Haar oder dem Blatt einer Blüthenpflanze ähnlich sind. 
Je höher wir im Reiche ansteigen, desto complizirter wird der Bau, 
desto mehr verliert die Zelle und das Organ an Selbstständigkeit, 
desto mehr erstarkt die Individualität des ganzen Pflanzenstockes '). 



') Die Frage über die Individualität im Pflanzenreiche war und ist zum 
Theil jetzt noch Gegenstand resultatloser Debatten; rcsultatlos, weil man nach 
dem Pflanzenindividuuni sucht, welches zwei Eigenthümllchkeiten vereinigen soll, 
die nicht parallel gehen, sondern sich kreuzen. Dasselbe soll nicht bloss dem 
Begriffe nach einheitlich und abgeschlossen sein , sondern auch die Fähigkeit 
besitzen, selbstständig für sich bestehen zu können, wie diess mit der grossen 
Mehrzahl der Thierindividuen der Fall ist. Die ganze Pflanze konnte nicht das 
wissenschaftlich gesuchte Individuum sein , denn sie hat nirgends einen scharf 
begrenzten Begriff. AUmälig löst sie sich (durch Ausläufer wie bei der Erd- 
beere, durch Knollen wie bei der Kartoffel u. s. w. ) in zwei oder mehrere 
Individuen , ohne dass es möglich ist , eine feste Grenze zu ziehen ; und auf 
künstlichem "Wege kann man die Pflanze oder ihre Theile in Stücke schneiden, 
welche selbstständig fortleben und sich entwickeln. 

Um dem Begriffe Halt zu geben , sollte nach der Theorie von Gallesio die 



— 186 — 

Ohne auf die Verschiedenheiten in der Ausbildimg der ganzen 
Individualität und in der Gliederiuiu; nach individuellen Theilen näher 



ganze Entwicklung , welche aus einem Samen hervorgeht , das Individuum 
begründen , und die durch Theilung , Ableger , Ausläufer u. s. w. daraus ent- 
stehenden neuen Pflanzen sollten nur Theile desselben sein. Es wären also alle 
über Europa verbreiteten falschen Akazien (Robinia Pseudacaoia) mit dornlosen 
Zweigen zusammen nur ein einziges Individuum , ebenso alle Rosskastanien mit 
gefüllten Blüthen; denn jene und diese sind durch Theilung aus einer einzigen 
Pflanze entstanden. Diess musste indess das natürliche Gefühl allzusehr belei- 
digen. Wir können uns nicht an den Gedanken gewöhnen , dass die Trauerweide, 
welclic Napoleon's Grab auf St. Helena bescliattet, das gleiche Individuum sei 
mit dem Baum, dessen hängende Zweige sich in dem Teiche unsers Gartens 
spiegeln; — was wir annehmen müssten , da nahezu alle Trauerweiden Europa'.-; 
durch Stecklinge aus einem einzigen Baum hervorgegangen sind, welcher im 
vorigen Jahrhundert aus dem Orient nach England gebracht wurde. 

Um den Begriff besser mit der Realität in Einklang zu bringen , wurde von 
Darwin die Knospe und der daraus hervorgehende Trieb (Stamm, Ast, Zweig, 
Blüthe) als das Pflanzenindividuum, und der Baum als ein Conglomerat von 
vielen Individuen betrachtet. Dieser Ansicht sind wohl die meisten neuern 
Botaniker gefolgt. Sie könnte indess durch einen Baumzüchter in die gleiche 
Verlegenheit gebracht werden. Es gibt Bäume (z. B. die Tannen) , deren Stamm, 
so lange sie leben , an der Spitze durch die daselbst befindliche Terminalknospe 
in die Länge wächst. Xun kann aber die Spitze abgeschnitten und gepflanzt 
werden. Man erhält einen zweiten Baum, dem man wieder das Ende nehmen 
und daraus einen dritten erziehen kann. Würde diese Manipulation wiederholt, 
so ist es denkbar, dass die gleiche Terminalknospe veranlasst wird, nach und 
nach eine ganze Allee von Bäumen zu erzeugen. Und alle diese Baumstämme, 
jeder unabhängig vom Andern , jeder mit eigenen Wurzeln begabt , aber des 
AVipfels beraubt, wären zusammen nur Ein Individuum. 

Dass die Zelle das Individuum sei, wurde schon von Turpin ausgesprochen, 
besonders aber von Schieiden begründet. Wenn auch die Zelle in den meisten 
Fällen unsclbstständig und unfähig ist , für sich zu existiren , so stellt sie doch in 
der Regel ein abgeschlossenes Ganze dar. Indess treffen wir auch bei ihr auf die 
nämliche Schwierigkeit , wie beim Pflanzenstock. Es gibt Zellen (die einzelligen 
Pflanzen der Algengruppe Siphoneen und einige Pilze) , welche von fadenförmiger 
Gestalt unbegrenzt wachsen , sich verzweigen und allmälig in zwei oder mehrere 
Zellen zerfallen. Hier müsste man . nach Analogie der Knospe und des beblätterten 
Triebes bei den Iiöhem Pflanzen, jeden Theil oder Ast der Zelle als ein Individuum 
ansehen. 

Es ist also urmiöglicli . die Individualität iin Pflanzenreiche so zu begründen, 
dass sie zugleich einen einlieltlichcn . scharflaegrenzten Begriff" und eine unter sich 
zusammenhängende, im Räume abgeschlossene und selbstständige Erscheinung dar- 
stellt. Wir müssen diese beiden Seiten der Individualität aus einander halten; 
wir müssen , mit andern Worten , zwischen morphologischen und physiolo- 
gischen Individuen unterscheiden. In morphologischer Hinsicht sind die Zellen- 
äste, die Zellen, die Organe, die Knospen und beblätterten Zweige, die ganzen 
Bäume individuell ; denn jede dieser Erscheinungen hat ihren einheitlichen 



— 187 — 

einzutreten, will ich mich nur an das allen Gemeinschaftliche halten. 
Es ist der Wechsel im Individuum und der Wechsel der aufeinander- 
folgenden Individuen. 

Der Wechsel im Individuum, der so characteristisch das orga- 
nische Leben vou dem unorganisciien sclieidct, tritt am einfaclisten 
und mit Kücksiclit auf seine Ursachen am zugänglichsten bei den 
allereinfachsten organisciien Gebilden , bei Körnern des Zelleninhaltes 
auf. Stärkemehl und Zucker haben ganz die gleiche Zusammen- 
setzung. JJer Zucker krystallisirt wie ein unorganischer Körper; er 
nimmt dabei ungefähr den ISten Theil seines Gewichtes Wasser auf. 
Die kleinsten Thcilchen des Zuckers sind durch keine andern Sub- 
stanzen von einander getrennt ; sie können daher ihre vollen Mole- 
cularkräfte geltend machen, und dem ganzen festen Gebilde das 
scharf markirte Krystallgepräge aufdrücken. Wenn die Stärke fest 
wird, so nimmt sie ungefähr eine gleiche Menge von Wasser auf. 
Durch die Zwischenlagerung der Wassertheilchen wird die Energie 
der Molccular^\ irkung zwischen den festen Stärketheilchen gebrochen, 
und das aus wässriger Lösung sich ausscheidende Stärkekorn hat eine 
kugelige Gestalt, wie der Wassertropfen und das Nebelbläschen. — 
Wie der Zucker verhalten sich die unorganischen Krystalle, wie das 
Stärkekorn die organischen Bildungen *). 



b 



L'ispi'Uiig , ilii-e eigenthüniliclie Entwicklung , und gelangt zu einem innerlich 
liosininiten AbscLluss. Sie gehören aber verschiedenen Individualitätsgraden an. 
von denen die niedrigsten (^Zeilen und Zellenäste) die Pflanzen der untersten Stufen 
des lieiclics darstellen , indess die höchsten Pflanzen alle Individualitätsgrade in 
sich vereinigen. Ich habe diesen Gedanken in der „Systematischen Uebersicht der 
Erscheinungen im Pflanzenreich" weiter entwickelt. — In physiologischer Bezie- 
hung ist dasjenige als individuell zu betrachten, was selbstständig für sich leben 
kann. Bei den niedrigsten Pflanzen sind die Zellen individuell. Von allen Zellen 
eines Baumes dagegen können nur die Pollenkörner des Blüthenstaubes für sich 
bestehen , indess die übrigen Zellen , weiui sie aus dem Zusammenhang losgetrennt 
werden , zu Gruude gehen. Die meisten Organe sind ebenfalls keiner selbststän- 
digen E.xistenz fähig. Von den Knospen und beblätterten Sprossen zeigen sich 
physiologisch nur diejenigen individuell , welche grüne Blätter (Laub) bilden ; sie 
können , abgelöst , zu neuen Pflanzen sich entwickeln. Die Knospen , aus denen 
BUithenstände oder emzelne Blüthen hervorgehen, besitzen diese Eigenschaft nicht. 
') Es giebt auch unorganische Krystalle, welche so viel \Vasser als Sub- 
stanz enthalten , und dennoch von scharfen Ecken und Kanten und von ebenen 
Flächen begrenzt sind. Desswegen kann der ungleiche ^Vasserg■ehalt im Zucker- 
krystall und im Stärkekorn . verbunden mit eigenthümlicher Anordnung der 
Theikhen , doch wesentlich die Ungleichheit in der Form bedingen, da Zucker 
vmd Stärke gleiche Zusammensetzung haben. — Ferner kommen bekanntlich auch 
Krystalle vor mit gewölbten kugelähnlichen Flächen , wie der Diamant , der Bitter- 
kalkspath und andere. Diess thut aber jener Annahme ebenfalls keinen Eintrag, 



— 188 — 

Jlit dem Unterschied in der Form trifft der Unterschied in der 
Funktion znsammen. Die unorganischen Krystalle sind nicht von AVasser 
durchdrungen , sie können daher keine Stoffe in sich aufnehmen. Die 
Theilchen, welclie fortwährend aus der Flüssigkeit festwerden, hxgern 
sich schichtweise auf der Oberfläche ab ; die innerste Schiclit ist die 
älteste, die äusserste die jüngste. Der Krystall ist unveränderlich in 
seiner Substanz. 

Die Stärkekörner und alle festen organisirten Substanzen sind 
von Wasser durchdrungen. Mit dem Wasser dringen auch alle Stofle 
ein, welche in demselben gelöst sind. Das Wachsthum geschieht durch 
Stoffaufnalime in die Substanz, die Schichtenbildimg durch ungleiche 
Ernährung, durch Differenzirung im Innern ^). 

In die organischen Substanzen treten mit dem Wasser aber nicht 
bloss gleichartige Stoffe ein , welche sein Wachsthum veranlassen, 
sondern auch fremdartige, welche chemische Umsetzungen und Structur- 
veränderungen her\'orbringen. Die grösste solcher Umwandlungen 
geschieht dann, wenn ein solides Korn aus eiweissartigen Stoffen 
hohl und zur Zelle wird '^). 



da bei den genannten Krystallen die Kanten mehr oder -weniger deutlich vor- 
handen , und die gebogenen Flächen wahrscheinlich als eine Unzahl von kleineu 
Kanten zu betrachten sind, was beim Stärkekoru nicht der Fall ist. 

•) Man hat zwar bisher allgemein angenommen , dass die geschichteten orga- 
nischen Substanzen, gleichwie die Krystalle, durch Auflagerung von Schichten 
entstehen. Die Beobachtungen an Stärkekörneni , welche fast das einzige für 
solche Untersuchungen taugliehe Objekt liefern , haben mir aufs Entschiedenste 
gezeigt, dass das Wachsthum im Innern vor sich geht. Die Stärkelösung dringt 
in das solide Korn ein , und zwischen den festen Molecülen werden neue Molecüle 
eingelagert. Durch ungleiche Stoffaufnahme scheidet sich die ursprünglich homo- 
gene Substanz in Schichten von verschiedenem Wassergehalt. — Auch einige 
geschichtete Membranen haben bestimmt diesen Ursprung. — Die Schichtung der 
organischen Substanzen, wenigstens mancher, ist also das Resultat innerlicher 
Prozesse , während sie beim Krystall durch einen Niederschlag von aussen hervor- 
gebracht wird. 

*) Wenn die Zelle , nicht dinch Theilung schon vorhandener Zellen , sondern 
aus noch unorganisirten Stoffen neu entsteht , so tritt sie ziierst als eine kleine 
Kugel von halbflüssiger eiweissartiger Substanz (Protoplasma) auf, welche nicht 
bloss wie das Stärkekorn Flüssigkeit aufnimmt und dadurch sich ernährt und 
vergrössert. Sondern durch ein Uebermass von eindringender Flüssigkeit wird 
die Continuität der Substanz im Innern unterbrochen ; es bilden sieh daselbst 
hohle , mit Wasser gefüllte Käume , und zuletzt eine einzige gros.'^e Höhlung. Die 
solide Kugel ist zur Blase umgewandelt. Die Prozesse, die fortan in der Zelle 
stattfinden , sind in doppelter Beziehiuig innerliche ; sie geschehen einerseits in der 
eingeschlossenen Flüssigkeit , anderseits im Innern der umschliessenden Sub- 
stanzen. 



— 189 — 

Die Zelle und ihre Theile sind in einer steten Veränderung, in 
einem steten StofiVechsel begrift'en , so lange das aktive Leben dauert. 
Die Prozesse Averden alle durch das Wasser vermittelt . welches die 
Höhlung der Zelle erfüllt und ihre Theile durchdringt. Alle leben- 
digen Ptlanzentheile enthalten eine beträchtliclic Menge von Wasser; 
die Kartoflfeln z. B. , die doch zu den rclativfestorn und suhstanz- 
rcichern Theilen zu zählen sind , bestehen aus 70 Prozent Wasser 
nnd nur 30 Prozent festen Stollen. Oluie Wasser kein Leben. Wenn 
die Organismen austrocknen, so hört alle Thätigkeit auf. Dabei 
tritt in der Regel der Tod ein. Manche Pflanzen und Ptlauzentheile 
gehen iudess nur in einen scheintodten Zustand über; sie haben die 
Fähigkeit, sobald sie von Wasser durchdrungen werden, wieder ihre 
Lebensfunktionen beginnen zu lassen'). Es ist bekannt, dass Samen 
im trockenen Zustande viele .Jahre aufbewalirt werden kiinnen , das.s 
sich Getreide Jahrhunderte erhält. Im Jahr 1799 hätte Zürich, nebst 
Anderm , nicht auch einen Vorrath von Waizen und Dinkel von 
1000 Zentnern, die Ersparniss mehrerer .Jahrhundertc verloren, wenn 
derselbe nicht gut erhalten gewesen wäre. Er stammte vom Jahr 
154s, und war nie gedörrt ■worden. AVaizenkörner, die vor .3000 
Jahren den ägvptischen Mumien beigelegt worden , keimen nocli in 
unserer Zeit, — wenn anch nicht aller Mumienwaizen , der als solcher 
vci kauft wird, sich eines so ehrwürdigen Ursprungs erfreut. Moose, 
Flechten und andere niedere Gewächse , die an Felsen und Bäumen 
vorkommen , trocknen bei schönem Wetter ein , und leben mit jedem 
Regen wieder auf. Moose , welche hundert Jahre im Herbariiun 
gelegen haben , können befeuchtet wieder fortMachscn. Für ein ein- 
zelliges microscopisches AVasserpflänzchen ^i, das in Vertiefungen auf 
Mauerplatten nnd Felsen lebt , wo der Regen einige Zeit liegen bleil)t, 
ist sogar ein periodisches Austrocknen Bedingung der Existenz. Kul- 
tivirt man dasselbe iu einer AA'asserschüssel , so verkümmern nach 

•) Die meisten organischen und jedenfalls alle organisirten Substanzen haben 
das Vermögen , sich mit Wasser zu durchdringen (aufzuquellen) und an der Luft 
durch Verdunstung einzutrocknen. Im trockenen Zustande bleiben sie, wenigstens 
was die Structur betrifft , ziemlich unverändert. Das eindringende \Vasser bewirkt 
aber, wenn die Temperatur nicht allzu niedi-ig ist, sogleich chemische Umbil- 
dungen. Entweder sind dieselben die nämlichen wie vor dem Eintrocknen ; die 
organische Substanz , die sich nur in einem Zustande des latenten Lebens oder 
der Vegetationsruhe befand , lebt fort. Oder die Substanz hat beim Austrocknen 
und während des Trockenliegens eine bedeutendere Veränderung erfaliren , sie ist 
abgestorben ; die durch das Wasser hervorgerufenen chemischen Umbildungen 
leiten Gährung . Fäulniss , Verwesung ein. 

*) Chlamidococcus pluvialis. 



— 190 — 

und nach die Generationen und gehen dann an Nahrungsüberfluss 
und an Verweichlichung zu Grunde. Lä.s.-*t man aber zu rechter Zeit 
das AVasser auptrockuen , und siiclit man das A'olk die.ser kleinen 
Zellen mit Hungei'.snoth und Dürre heim , so leben sie nach Wochen 
oder Jaliren durch Wasser Mieder neugekräftigt auf. — Selbst kleine 
Thiere können eintrocknen , ohne ihre Lebensfähigkeit zu verlieren. 
Nach Jahren werden sie im Wasser wieder lebendig und tinnmeln 
sich herum , als ob sie nur ein vAenig geruht hätten '). 

In der j^thmze sind aber nicht nur alle lebenskräftigen Zellen 
in steter Veränderiuig und iu stetem Wechsel ihrer Theile begriffen. 
Die nämlichen Zellen dienen nur eine Zeitlang, selten mehr als drei 
und vier Monate, den Lebensfunctionen ; dann werden sie von andern 
Zellen desselben Organs abgelöst, oder an die Stelle der alten Organe 
treten neue. Zwei nahe liegende Beispiele mögen diess erläutern. 
Die Dahlien , welche bei mildem Herbstwetter gestern noch die Gärten 
mit ihrer Blütlienpracht schmückten, sind einem Nachtfrost erlegen; 
heute lassen sie lebensmüde die welken Blüthen und Blätter hängen, 
welche bald an der Sonne vertrocknen und schwarz werden. Selbst 
die härtern holzigen Stengel theilen das Schicksal des übrigen stolzen 
Baues. Nur die in der Erde liegenden Theile bleiben lebenskräftig, 
um jedes .lalir wieder neue Triebe zu entfalten , welche sich dem 
Strahl der Sonne zukeiu-en , im AVinde sich wiegen und vom Thau 
des Himmels gelabt werden. Aber aucli die in der Dunkelheit der 
Erde verborgenen Organe werden fortwährend erneuert. Während die 
Theile des vorhergehenden Jahres verwesen, bilden sich an dem 
unterirdischen Grunde des jeweiligen Stengels jährlich einige Knospen 
und verdickte AVurzeln ; die letztern nehmen die von den Blättern 
gebildeten Nahrungstoffe aul' und verwenden sie im Frühjahr für die 
Entwicklung der Knospen zu blättei' - und blütheureichen Trieben. 

Der Apfelbaum bildet jährlich neue Blätter, Blüthen, Früchte. 
Die Blütlien welken dahin, die Früchte werden gepflückt, die Blätter 
fallen im Herbst ab. Es bleibt das Stammgerüst and die Wurzeln ; 
aber an dem Stannngeriist entstellen jedes Jahr neue Triebe , welche 



') Die erwUliiiteii Tliatsaehen sind Folgen einer allgemeinen Erscheinung, 
der Periodiziiät im Leben der Gewächse. Die Pflanze und ihre Organe können 
liiclit uniiiiterbrocheu fortwachsen. Die Thätigkeit erleidet wenigstens jährlich 
einen Unterbruch , entweder durch Temperaturerniedrigung (^im Winter) oder durch 
Wassereutziehung (in der heissen Jahreszeit). Ueber den Grund, warum, diese 
Yegetationsruhe nothwendig ist , wissen wir nichts ; aber Thatsache ist , dass alle 
Pflanzen ohne Ausnahme jjeriodisch iu den Zustand der Ruhe übergehen. 



— 191 — 

Blust') und Belaubiing tracfen , und an der Wurzel neue Verlänge- 
rungen mid neue Seitcnzaseni , wcldu' dun Nalirnnsss-aft aufsaugen. 
Die z^vi^^t■hen den beiden Enden , den Zweigen und den Wurzel- 
spitzen befindliclien Theile (Wurzeläste, Stamm und Stammästei sind 
zwar die nämlichen; alier neue Gewebe übernehmen jährlich die Lei- 
tung des rohen Nahrungssaftes nach oben zu den Blättern, und die 
Leitung der assimilirten Nahrung nach unten zu den Wurzeln. Jedes 
.Jahr bildet sich an der äussern Fläche dos Holzes eine neue Jahres- 
schicht; nur der Splint (der äusserste Theil des Holzes, bestehend 
aus den letzten Jahrringen) und vorzüglich das ihn bedeckende Bil- 
dungsgewebe hat Leben. Die ganze innere Holzmasse (das Kern- 
holz) und das ^L^rk ist abgestorben. Ebenso vegetirt von der Rinde 
nur der innerste Theil. An dem ganzen Baum ist somit nur eine 
vcrliältnissmässig geringe Partie von Gewebe lebendig, die Spitzen 
der Zweige mit Blättern und BUithen, die Enden der Wurzeln und 
in den übrigen Theilen eine dünne Schiclif zwischen Holz und 
Rinde. — Die Linde beim Tiefenhof hit nach der Schätzimg eines 
Sachverständigen 15 Klafter dreifüssiges Brennholz, — möge das- 
selbe erst unsere Urenkel wärmen -) ; — ■ nach meiner darauf hin ange- 
stellten Berechnung besteht sie jetzt im unbelaubten Znstande ungefähr 
aus 2000 Billionen Zellen; davon sind 1980 Billionen todt und nur 
20 Billionen in voller Lebenskraft. Von diesen letztern , die in fort- 
währender Vermehrung begriften sind, sterben ebenso stetig die äus- 
ßersten und die innersten ab ; jene um die braune oder schwarze 
vertrocknende Rinde (Borke) zu bilden, welche den Unbilden von 
Sturm und Wetter ausgesetzt ist , denselben theilweise erliegt und 
häufig in Schuppen abfällt; diese, um als inner.-te Splintlage sich in 
reifes Holz zu verwandehi und zur Mumie zu werden, — geschützt 
durch die bedeckenden Theile vor der Einwirkung der Luft. Wird 
durch eine Verletzung das Holz blossgelegt, so geht es in Verwesung 
über, und der Stamm wird hohl. Aber der hohl gewordene Baum 
wächst eben so freudig fort ; denn er hat nur todtes Holz verloren. 



') Das Blust (Blulist) ist Collectivum und bezeichnet im Schweizerdeutsch en 
den ganzen Blüthenschmuck einer Pflanze, namentlich von Bäumen niid Sträu- 
chern. Es bildet den Gegensatz zu Laub. 

^) Die meisten der auswärtigen Tjeser. welche Zürich liij.«ui-lir luiliiii . keimen 
wahrscheinlich die Linde bei der Post und beim Hotel Baur. Silioii vor melirereii 
.lahren verlor sie in Folge von Terrainveränderungen viele ihrer Wurzeln, und 
nmsste desshalb eines grossen Theils der Ungeheuern Krone beraubt werden. 
Immer noch eine Zierde der Stadt . läuft sie ftefahr . nächstens durcli neue Bauten 
in ihrer E.vistenzfUhigkeit wieder beeinträchtigt zu werden. 



— 192 — 

Somit ist der Baum, ■wenn er auch als eine lebensvolle Masse 
erscheint, eigentlich ein grosses Leichenhaus, bewacht und bewahrt 
von wenigen lebendigen Wächtern; ein grosser Friedhof, über dessen 
Oberfläche die lebende Generation hinschreitet, und fortwährend ihren 
Tribut zu den bereits Vorangegangenen in die Erde versenkt. 

Das Leben der Pflanze ist in einer steten Wanderung begriffen; 
fortwährend geht es in neue Organe, und innerhalb des gleichen 
Organs in neue Gewebe und Zellen über. Daher wächst die Pflanze 
und bildet neue Theile, so lange sie existirt; ihre Forrabildung ist 
unbeschränkt. Anders verhält sieh das Thier und der Mensch; die 
Organe des ausgewachsenen Zustandes bleiben und functioniren , mit 
wenigen Ausnahmen, zeitlebens. Aber in der Substanz derselben 
findet eine unaufhörliche Erneuerung statt , indem durch den Stoff- 
wechsel Theilchen weggeführt und dafür ungefähr eben so viele neue 
eingelagert werden. So wird binnen wenigen Monaten der stoffliche 
Inhalt des Körpers ein anderer, in diesen Organen früher, in jenen 
später. Und die Redensart : Ich hörte mit andern Ohren , und : Ich 
sah das mit andern Augen, hat nicht bloss einen figürlichen Sinn. 
Denn unsere Augen und Ohren sind etwa mit gleichem Rechte die- 
selben, die wir vor einem Jahre hatten, wie ein Messer, an das wir 
heute eine neue Klinge und morgen ein neues Heft machen lassen, 
das nämliche bleibt. 

Pflanze und Thier sind darin von einander verschieden, dass 
jene die Substanz vermehrt, dieses sie wechselt. Die Pflanze lebt wie 
ein Geizhals ; sie nimmt imabänderlich mehr ein als sie ausgibt ; sie 
häuft, so lange sie lebt, Schätze, die sie selber und ihre Nachkommen 
nicht brauchen können. W^eil bei der Pflanze die Einnahmen die Aus- 
gaben übersteigen, so hat sie natürlich immer zu leben, und es droht 
ihr wenigstens von dieser Seite kein Ruin. Das Thier dagegen hat 
ein sehr genau berechnetes , und was mehr sagen will , ein nie über- 
schrittenes Budget. Bald mögen die Einnahmen, bald die Ausgaben 
etwas überwiegen; eine wesentliche Störung kommt im normalen Zu- 
stande nicht vor. Sobald aber der schlechte Haushalt beginnt, und 
die Ausgaben die Einnahmen übersteigen, so droht der Bankerott. 
Krankheit und Altersschwäche führen den Tod herbei. 

Pflanze und Thier haben das mit einander gemein, dass in beiden 
die Substanz sich fortwäln-end erneuert. Die Consequenz der Natur 
scheint eine andere zu sein, als die des Geistes. Jone besteht im 
Wechsel , diese suchen Avir im Beharren. Auch darin scheint eine 
Verschiedeiüieit zu ^valten , dass im Stofflichen der Inhalt sich ändert, 
während die Form bleibt oder in gleicher Weise reproduzirt wird; — • 



— l'JS — 

auf geistigem (rebicto erlaubt die Coiisequenz, die Form zu wechseln, 
wenn nur der Inhalt der nämliche ist. Indcss besteht dieser Wider- 
spruch zwischen Natur und (Icist nur so lange wir in beiden nicht 
die Totalität erfassen, so lange wir in der Natur das Bleibende oder 
die Idee, und ina Geistigen die Bewegung oder den nothwendigen 
Fortschritt nicht mit in Anschlag bringen. 

Der Wechsel im Individuum führt seinen Untergang herbei; die 
Zelle, das Organ, die Pflanze haben begrenzte Dauer. Es gibt 
Gewächse, die nur Stunden oder Tage leben. Indessen erreichen 
andere ein sehr hohes Alter , und sind scheinbar unbegrenzt. In 
Freiburg in der Schweiz wurde der unter dem Namen Murtner-Linde 
bekannte Baum im Jahr 1476 an dem Tage gepflanzt, an welchem 
man die Nachricht von dem Siege bei Murten erhielt. Eine andere 
Linde ebendaselbst war zu jener Zeit schon wegen ihrer Dicke 
und ihres Alters berühmt. Sie wurde zwar von Gerbern verstüm- 
melt , welche die Verwirrung während der Schlacht benutzten , um 
sie ihrer Rinde zu berauben. Allein sie ertrug den Eingriff, und 
hatte im Jahr 1831, 4 Fuss über dem Boden gemessen, 36 Fuss 
im Umfange. Bei Neustadt an der Kocher in Würtemberg steht indess 
die merkwürdigste Linde. Sie muss schon im Jahr 1229 sehr an- 
sehnlich gewesen sein; denn nach alten Urkunden wurde die Stadt, 
nachdem sie 1226 zerstört worden war, neu aufgebaut .,an der gros- 
sen Linde". Im 17. Jahrhundert unterschied man sie von ihren nicht 
wenig zahlreichen Namensverwandten nur als ..Neustadt an der grossen 
Linde". In einem alten Gedichte vom Jaln- 1408 heisst es : 

Vor dem Thore eine Linde staht. 
Die sieben und sechzig Säulen hat, 

steinerne Säulen . um die Aeste zu stützen. Die Säulen niussten 
indess vermehrt werden; jetzt sind e.» 106, trotzdem dass der Baum 
durch Sturm gelitten und Aeste verloren hat'). — Bekannt sind 
ferner durch ihr hohes Alter eine riesenhafte Tanne östlich von Cour- 
maycur auf dem Berge Bequö . von den Einwuhnern Gemsenstall 



') Aus der Zahl der Jahrringe an gelallten Baiimstäiumcn hat man ziemlich 
genau das V'crhältnise zwischen Alter und Dicke ermittelt. Von einigen Bäumen, 
wie namentlich von Linden . ist auch das .Vltcr historisch festgestellt . und daraus 
wurde die jährliche Zunahme berechnet. Bei der Linde wächst der Stamm um 
iy4 bis 2 Par. Linien jährlich in die Dicke. Die früher erwähnte Linde beim 
Tiefenhof in Zürich ist etwa 400 Jahre alt. Die iiltosten Li\nlcn erreichen bis auf 
1000 Jahre. 



— 194 — 

genä,niit, etwa 1200 Jahre alt, — mehrere Eibcnbäumc in England 
von 1200 hU 3000 Jahren, der berühmte.<te auf dem Kirchhofe 
Grasford in Nordwales^ , — ein ungelieiirer Ivastanienbaum, Castagna 
dei ccnto cavalli , auf dem Aetna. — die Riesencypresse zu Santa 
Maria del Tule in Mexieo , 124 .-ipanit^che Fus^ im Umfang, aus 
deren Stamm in der Höhe von 25 Fus.s, wo er sich in Aeste spaltet, 
eine Ouelle entspringt, — der (noch lebende) Draelicnbaum bei 
Orotava auf Teneriffa, in dessen hohlem Stamm schon im 15. Jahrn 
luüulerf ein kh-iner x\ltar -lufgerichtet war, an dem Mes.se gelese- 
wnrde. Seib.st in der Kultur können die Pflanzen ein hohes Alter 
erreichen. Ein Rosenstock beim Dom zu llihlesheim ist urkuudlicli 
über 800 Jalire alt; und als vor einigen Jaln-eu in der Orangerie im 
Tuileriengarten zu Paris die Kübel geräumt wiu-deu. »o zeigten die 
Bäume ein Alter von 300 — 700 Jahren. 

Die grössten und ältesten Bäume sind aber die Bertholletien in 
Brasilien und die Aflfenbrodbaume (Baobab) in Senegambien, letztere 
mit einer 170 Fuss breiten Krone, und mit Stämmen, die 80 bis 
90 Fuss Lmfang haben. In der Höhlung eine- derselben halten 
die Neger ihre (femeindcN ersammlungen. Man hat ihr Alter auf 
6000 Jahre und darüber geschätzt. ISIauehe darunter mögen nach 
historischer Zeitrechnung mit Adam .lahrgänger gewesen sein. 

Diese vegetabilischen Riesen, die unberüln-t v<uu Zahn der Zeit 
jährlich ilu- Laubdach neu und weiter bauen, ebenso manche kraut- 
artige Gewächse, welche jährlich und unermüdlich wie die Dahlien 
einen neuen Trieb nach oben und an dessen Grund in der Erde eine 
oder mehrere Knospen für das folgende Jahr anlegen , — geben 
Beispiele scheiubMr nicht endender Eebensdauer, imd mit Rücksicht 
auf dieselben hat sich in der Wissenscliaft ziemlich allgemein der 
Gedanke festgesetzt, dass manche Pflanzen der Zeit nach unbegrenzt 
seien, und dass sie nur durch zufällige Eingriffe ein Ende finden'). 
Damit steht, obgleich äusserlich verschieden, doch in innerer Bezie- 
hung die Ansieht mancher neuesten Physiologen, dass das Leben des 
thierischen und men.rchlichen Üiganismus unendlich dauern müsste, 
wenn es gelänge , durch geeignete Nahrung den täglichen Verlust voU- 



'i Die Ausirlitcii ülicr ilir l>;nici- des Prijoizc-iiindh iiluunis sind übrigens luitüvT 
Jich verschieden, je nachdem iii;ui den Begriff dieses letztem so oder anders fasst. 
So sagte de ('andollc. wclcliev die Knospe als pflanzliches Individmun betrachtete, 
die Dauer desselben betrage im Alluemeinen kamn ein .Tahr: wozu sein Uebersetzer. 
Köper, die Bemerkiino- macht : ..Im Allgemeinen würde unsterblich die Lebens- 
dauer des vegctabilisclicn Individuums richtiger bezeiidmcn . als einjährig. 



— lyfj — 

kommen zu ersetzen. E.« würde nach dieser Ansicht, um zur Un- 
sterblichkeit auf Erden zu gelangen, .--tatt der Genialität und des 
Verdienstes, aucii flu gutvordaiiendei- Magen ausreichen, — ein eben 
so sicheres Mittel, denn das Verdienst wird oft verkannt, und gewiss 
ein wohlfeileres. 

Die l''rage. idi das Individuum einer unbegrenzten Dauer fähig 
sei, ist zu wichtig für die Erkenntniss seines Wesens, als dass ich 
sie ganz übergehen könnte. Es versteht sich, dass die Lösung nicht 
auf empirisciieni Wege gefunden werden kann. Deim wenn es auch 
6000 und SOOOjährige Bäume gibt , die vielleicht schon die Wiege 
des Menschengeschlechtes besciiattot haben , so ist doch ihr Alter nur 
ein kurzer Abschnitt in der Zeitrechnung, welche die (ieologie iil)er 
die Geschichte der Erdoberfläche führt. Die Frage nuiss theoretisch 
entschieden werden. Stellen wir uns auf den mechanischen Stand- 
punkt, von welchem aus die unbegrenzte Dauer vertheidigt wird, so 
sind die Bediugimgen für eine Bewegung ohne Ende, dass sie ent- 
weder sich nicht ändert, oder periodiscli in doi vollkommen gleichen 
Zu.stand zurückkehrt. Beides v/äre absulutes Beharren, .somit absolute 
Ruhe. Jede Bewegung, die nicht kreisförmig in sich zurückkehrt^ 
und jede materielle Erscheinung, in der eine \'eränderung eintritt, 
nuiss früher udcr später in die Unmöglichkeit der Exi.stenz gerathen. 
Wir können daher allgemein sagen, dass das Endliche im Raum auch 
endlich in der Zeit sein miüsse; und wir köinien mit Grund den 
Wahrspruch wiederholen , der nirgends eine v\iirtlichere Anwendung 
findet: Es ist dafür gesorgt, dass die l5;inuio uiclit in den Hinnnel 
wachsen. 

Alle Organismen müssen als lebendige . da .sie in einer fort- 
währenden Veränderung begritien sind, einem durch innere Ursachen 
gesetzten Ende entgegengehen. In inniger Beziehung damit steht der 
Wechisel der Individuen, oder die Erscheinung, dass ein Organismus 
neue gleiche Organismen hervorbringt. Der Krystall iiat keine inner- 
lich begrenzte Dauer; er besteht, bis äussere Ursachen seine Auf- 
lösung oder seine Zersplitterung hcrbeiführcu. Was aus seineu 
Trünnnern wird , das hängt gänzlich von den chemischen und physi- 
kalischen Kräften ab, deren Einfluss sie anheimfallen. Es geschieht 
aber selten und vulikumnien ziil'ällig, wenn ein neuer gleiclu>r Jvrystail 
entsteht. 

In der organischen Natur ist dagegen die Fortpflanzung eine 
allgemeine Erscheinung; im Gewäch.sreiche finden wir sie bei allen 
individuellen Gebilden, es mögen ganze Pflanzen oder Theile der- 
selben sein. Die Körner des Zelleninhaltes, die Zellen, die Organe 



— 196 — 

und Organcomplexe pflanzen sich sehr oft fort, nnd das Wachsthum 
eines complicirten Organismus ist nichts Anderes , als die Fortpflan- 
zung und Vergrösserung der individuellen Theile, aus denen er besteht. 

Die Erzeugung neuer Individuen ist der letzte und höchste Akt, 
zu dem sich das Ptlanzenleben erhebt. Er setzt alle andern Erschei- 
nungen desselben voraus und schliesst sie ab. Die Fortpflanzung 
besteht darin, dass die individuelle Lebensbewegung auf einem Punkte 
anlangt, ähnlich demjenigen, von dem sie selber ausgegangen ist; 
dass sie eine Anlage hervorbringt, ähnlich derjenigen, aus der sie 
sich entwickelt hat. Die Folge der Individuen oder Generationen ist 
somit eine periodische oder eine Wellenbewegung, die bis zum Wellen- 
berge des ausgebildeten Zustandes sich erhebt, und dann immer wieder 
zurücksinkt in's Wellenthal der unentwickelten Anlage. Insofern gleichen 
sich alle durch Fortpflanzung verketteten Reihen organischer Wesen. 
Sie sind darin verschieden, dass in den einen die individuelle Lebens- 
bewegung einfach und beschränkt sich wenig über das Wellenthal 
erhebt, dass sie in andern dagegen reich und mannigfaltig sich zu 
einem hohen Wellenberge aufthürmt. 

Ich möchte hier ein Gesetz begründen , welches eine bestimmte 
Beziehung der individuellen Ausbildung zur Erzeugung neuer Indivi- 
duen ausdrückt, und das mir für die Pflanzenwelt von Bedeutung 
scheint. Je höher, complizirter und mannigfaltiger der Organismus 
ist, desto unabhängiger ist seine Individualität von dem erzeugenden 
Individuum, desto mehr ist seine Eigenthümlichkeit eigenes Verdienst 
nnd nicht ererbte Anlage. Den genauen Ausdruck hiefür finden wir 
in der materiellen Betheiligung des Individuums bei der Fortpflanzung. 
Einfache Organismen verw-enden einen verhältnissmässig sehr grossen 
Theil ihrer Substanz zur Anlage des neuen Organismus, welcher schon 
in seiner Entstehung ziemlich entwickelt ist. In den höhern und 
complizirteren Organismen dagegen dient nur ein winziger Theil zur 
Erzeugung, und bildet eine unentwickelte Anlage. Je länger die 
Lebensbewegung ist und je höher sie ansteigt, desto kleiner ist ver- 
hältnissmässig der Abschnitt, welcher eine neue Bewegung einleitet, 
desto weniger influenzirt ist somit die letztere von der erzeugenden 
Bewegung. 

Vergleichen Sie , zum Beweise , die niedrigsti'ii und die voll- 
kommensten Gewächse. Die allereinfachste Pflanze '; ist eine kleine 



•) Z. B. Chroococcus . ehi microscopisclies Pflänzchen , dessen Zellen , in 
grosser Menge beisammen liegend , auf Felsen und Mauern zuweilen dünne . apan- 
gi'üne oder rötblichgelbe Uobeizüge bilden. 



— 197 — 

kugelige Zelle, welche sich in zwei Hälften theilt. Jede HJilfte, oder 
jede der beiden Tocliterpflanzcn ist su zu sagen schon voUknnimen 
entwickelt, besitzt den gleichen ßan und die gleiche Function wie 
die Mutterpflanze , und nmss bloss noch sich vergrössern , um ihr 
\ollknnnnen gleich zu sein. — In andern einzelligen microscopischen 
Gewachsen •) besteht die Zelle durch eine tiefe Einschnürung aus zwei 
Hälften odci- Lapjjcn. Hei der Vermehrung bilden sich aus der 
Mutterpflanze ebenfalls zwei Tochterpflauzen. Es trennen sich dio 
beiden Lappen von einander; an jedem ist ein unentwickelter befestigt, 
der nach und nach zur vollständigen Form sich ausbildet. Hier erhält 
also die Tochter die unveränderte Hälfte ihrer Mutter und die Aidage 
zu einer neuen Hälfte '^). 

In dem ersten Beispiel erbt die Tochter ganz die Eigenschaften 
der Mutter; die eigene Tliätigkeit ist auf eine einfache Vergrüsserung 
auf das doppelte ^'olumen beschränkt. In dem zweiten Beisjjiel 
schaff"! sich die Pflanze doch eine neue Hälfte; aber die Entwicklung 
geschieht unter der steten und strengen Aufsicht der mütterlichen oder 
der von einer frühern Ahniu iierstaumienden Hälfte, und es ist dafür 
gesorgt, dass der Sprössliug keine allzugrosseu Sprünge in der Gel- 
tcndmacluir.g seiner Individualität Acrsucht. 

Ganz anders bei der Fortpflanzung eines hrdiern Gewächses. 
Die Linde beim Tiefenhof besteht nach der früher mitgetheilten 
Schätzung im (Jauzen etwa aus 2000 Billionen Zellen; darimtcr 
betindcn sich etwa 2<i Billionen lebenskräftige; wenn der Baum 
belaubt ist, so mögen noch etwa 10 Billionen lebender Zellen dazu 
kommen. Die Anlage der neuen Pflanze ist eine einzige solche Zelle, 
ein kugeliges , unsichtbar kleines Bläschen , imendliche Mal kleiner 
als die ausgebildete Pflanze und ihr in keiner Hinsicht ähnlich. In 
dieser Zelle liegen alle Eigenschaften des ganzen grossen Linden- 
banmes als Möglichkeit ; sie müssen sieh aber durch eine lange Reihe 



') Cosmarmm und die übrigen Desmidiaceen , in reinem süssem Wasser 
lebende Pflänzchen , die zu den zierlichsten microscopischen Objekten gehöx-en. 

*) Eine Pflanze theih sich in zwei ; jede derselben ist aus einer von der 
Mutter ererbten und einer selbst erzeugten Hälfte zusammengesetzt. Bei einer 
neuen Theihmg bilden sich aus den 2 Individuen 4; in zweien stammt die alte 
Hälfte von der Mutter . in zweien von der Grossmutter her. Die folgende Gene- 
ration zeigt 8 Pflanzen; 2 haben die Hälfte von der Urgrossmutter , 2 von der 
Urossmutter und 4 von der Mutter geerbt. Lassen wir die Theilmig sich fortsetzen, 
so finden sich unter der zahlreichen Nachkommenschaft immer zwei, deren eine 
Hälfte von der Urahnin herstammt . imd unter den übrigen sind alle Generationen 
repräsentirt. 

WiisenacbaftUcbe Monatsschrift. 14 



— 198 — 

von Bildungsstufen alhuälig entwickeln. So ist ein grosser Spiel- 
raum zur freien Entfaltung der Individualität gegeben. Zwar bleibt 
auch hier, eine kurze Zeit lang, die Entwicklung unter dem Einfluss 
der Mutterpflanze, insofern dieselbe die Anlage ernährt, bis sie zum 
tSamen sich umgewandelt hat. Der Einfluss ist aber nur ein mittel- 
barer, durch Mittheilung löslicher und somit gleichsam indifferenter 
Nahrungsstoffe \). 

Die höhern Gewächse können noch in anderer Weise sich fort- 
pflanzen, — dnrcli Knollen, Zwiebeln, Ausläufer auf natürlichem, 
durch Stecklinge , Ableger , Pfropfreiser auf künstlichem Wege. Wenn 
wir die beiden Fortpflanzungsarten ^) der nämlichen Pflanze mit einander 

') Von den dem blossen Auge verschwindenden , microscopischen einzelligen 
Pflänzclien , bis zu den grössten und am complizirtesten aufgebauten Gewächsen 
giebt es eine unendliche Menge von Abstufungen. Alle stimmen darin mit einander 
überein , dass die zur Erzeugung einer neuen Pflanze bestimmte Anlage eine ein- 
fache Zelle ist. Die letztere miiss dalier einen um so kleinern Bruchtheil des 
mütterlichen Organismus darstellen . je höher dieser entwickelt ist. Bei den 
sogenannten C'ryptoganieii trennt sich die Fortpfianzungszelle selbst (als Spore) 
von der Mutterpflanze los. Bei den Phanerogamon oder Blüthenpflanzen ent- 
wickelt sie sicli innerhalb des Organs, in welchem sie entstanden ist , zu einem 
vielzelligen Embryo . wie sich das Ei der Säugethiere im Mutterleib zum Fötus 
ausbildet. Man könnte daraus den Einwurf ableiten , dass bei den höhern Pflanzen 
und Thieren der mütterliche Organismus einen grössern Einfluss auf den Sprössling 
ausübe und materiell mehr auf denselben vererbe, als bei den niedern (sporen- 
bildenden) Pflanzen und (eierlegenden) Thieren. Denn die ganze .Substanz des 
Samens so wie des neugeborenen Thieres stammt von der Mutter her. Allein wir 
müssen zwischen Vererbung und Ernährung genau unterscheiden. Nur die erste 
Zelle (die einzellige Anlage oder die Fortpflanzungszelle) wird unmittelbar durch 
die feste organisirte Substanz des erzeugenden Organismus gebildet. Von da an 
geschieht die Entwickhnig selbstständig, gemäss der Organisation, welche die 
erste Anlage geerbt hat. Die sich entwickelnde Anlage wird durch gelöste (unorga- 
nisirte) Nahrungsstoft'e , welche die Mutter liefert , ernährt. Sie lebt gleichsam als 
Schmarotzer. Dass aber die Uebertragung von gelösten Stoffen , die den Organis- 
mus während seines Wachsthums ernähren , keinen sehr wesentlichen Einfluss auf 
dessen Eigenschaften ausübt, sehen wir an den wahren Sclimarotzern , z. B. der 
Mistel , welche während Jahrtausenden und durch viele Generationen liindurch 
von dem Apfelbaum ihre Substanz empfängt , ohne demselben ähnlich zu werden, 
— an den gepfropften Bäumen , wo die aus dem Edelreis hervorgehende Krone und 
der von dem Wildling herrührende Stamm sammt Wurzeln im Ganzen ihre 
Eigenthümlichkeiten bewahren , — selbst an dem menschlichen Säugling , welcher 
der Mutter ähnlich wird , er mag von der Amme oder der Eselin aufgefüttert 
werden. 

*) Man unterscheidet sie zuweilen auch als Fortpflanzung und Vermehrung. 



— 199 — 

vergleichen , so bemerken wii- recht eigentlich den verschiedenen 
Einfluss, den das Individuinn auf die individuelle Ausbildung der 
Naclikomnien hat, je nach der Art, in der es sich bei der Bildung 
der Anlage betheiligt. Die Pflanzen , welche aus Samen aufgehen, 
zeigen eine grosse Mannigfaltigkeit ; es sind darunter grosse und 
kleine Exemplare, unverzvveigte und vei'zweigte, mit wenig und mit 
vieliin Blättern und Bliithen , mit ganzen und mit getheilten, behaarten 
und kahlen Blättern , mit weissen und bunten, einfachen und gefüllten 
Bliithen. Schneidet man aber einen Zweig ab, steckt denselben in 
die Erde, lässt ihn Wurzeln schlagen, su entsteht eine Pflanze, die 
vollkommen der Mutterpflanze ähnlich ist und alle ihre individuellen 
Merkmale geerbt hat. 

Die Verschiedenheit der beiden Fortpflanzungsarten in der Ver- 
erbung der Eigenschaften ist für den Üeconomen und Gärtner von 
grosser Wichtigkeit. Von ihr stammen die unzähligen Obst- und 
Traubensorten , die Varietäten der Dahlien , Pensees , Calceolarien, 
Nelken, Tulpen. Von Birnen allein kennt man mehr als 1500 Sorten. 
Will man nun noch dazu neue Sorten erzielen, so wählt man Samen 
von einer besonders vorzüglichen Spielart, sät denselben aus und lässt 
die Bäumclien heranwachsen, bis sie Frucht tragen. Unter vielen 
Hunderten sind alle verschieden , nnd wohl keine zwei tragen ganz 
die gleichen Früchte. Der berühmte Obstbaumzüchter van Mons 
erhielt von den 10 Kernen einer einzigen Birne 10 verschiedene 
Surton. Aber die Früchte der meisten durch Aussaat erzogenen 
BSiirachen sind klein und sauer, wenn sie auch von den besten Sorten 
stAmmen. Vielleicht nur ein einziges unter einigen Hunderten bringt 
vorzügliche Frucht , und eine Frucht , die bisher noch nicht da war. 
Alle übrigen Bäunichen werden entfernt; dieses Einzige wird durch 
die zweite Fortpflanzungsait (durch Stecklinge, Ableger, Pfropfreiser) 
vennehrt , und man erhält dadurch eine beliebige Zahl von Bäumen, 
die alle die gleiche Frucht tragen und die zusammen eine neue Sorte 
bilden, — eine Sorte, die sich so lange erhält, als die Vermehnmg 
bloss durch Pfropfreiser geschieht. 

Ganz auf gleiche Art erzielt der Gärtner die neuen Varietäten 
der Zierpflanzen. Durch Samen erhält er einzelne ausgezeichnete 
Individuen , und durcii Stecklinge macht er aus einem Individuum 
'lausende. Durch Samen werden neue Varietäten erzeugt , durch 
Stecklinge oder Ableger vormehrt. So ist z. B. die Petersilientraube 
entstanden. So die falsche Akazie mit" sfachellosen Zweigen ; in einer 
Aussaat vom Jahr 1803 fand sich ein einziges E.\emplar. Dasselbe 
ist der Stammvater von Millionen Exemplaren, die jetzt in den An- 



— 200 — 

lagen sich befinden ^). Die cultivirten Bliitbuchen Europa's stammen 
von einem einzigen Baum in Thüringen ; ausgesät gibt sie meist die 
gewöhnlielie grüne Buclie, oder eine Mittelfarbe zwischen grün und roth. 

Nicht nur die Eigenschaften eines Individuums, selbst diejenigen 
eines einzelnen Theiles desselben können durch die ZAveite Fortpflan- 
zungsart fixirt werden. Zuweilen kommt es vor, dass an einer Pflanze 
ein einziger Zweig sich abnormal verhiilt , vielleicht krankhaft ist, 
z. B. an einer stacheligen Pflanze stachellos , an einer Pflanze mit 
ganzen oder einfarbigen Blättern getheiltblättrig oder buntblättrig, an 
einer Pflanze mit unregelmässigen Blüthen regelmässigblüthig. Sobald 
der Cultivateur eine solche Abnormität bemerkt, welche ihm der 
Ei-haltung werth scheint, so schneidet er den Zweig ab, und vermehrt 
ihn weiter durch Stecklinge oder Pfropfreiser. So sind die Trauer- 
eschen aus einem hängenden Ast entstanden. Ein Gutsbesitzer in der 
Nähe von Genf, Mr. Saladin de Bud(5, bemerkte an einer Ross- 
kastanie einen einzigen Ast mit gefüllten Blüthen. Er vermehrte 
denselben im Jahr 1824 durch Pfropfreiser, und seitdem hat sich 
die gefülltblülhige Rosskastanie über ganz Eurojaa verbreitet. Zur 
Stunde bringt jener Ast immer noch gefüllte, alle übrigen Aeste des 
Baumes einfache Blüthen hervor. 

Die Verschiedenheit zwischen den beiden Fortpflanzungsarten der 
gleichen Pflanze hat die nämliche Ursache wie die Verschiedenheit 
der Erzeugung bei hohem und niedern Gewächsen. Bei der Fort- 
pflanzung durch Samen durchläuft die Lebensbewegung ihre ganze 
Bahn , und sondert am Ende eine geriuge Menge von Substanz ab, 
welche einen winzigen Bruchtheil von der ganzen Summe ihr noth- 
wendig vorausgehenden Substanz ausmacht. Bei der Vermehrung durch 
Stecklinge oder Pfropfreiser durchläuft die Lebensbewegung nur einen 
kleinern Theil der Bahn , und überdem findet dabei eine beträcht- 
lichere materielle Betheiligung statt. Wir können die höhere Pflanze 
einem Gebäude vergleichen , in welchem eine Haupttreppe in den 
ersten Stock führt; dort theilen sich die Wege und mehrere Treppen 
führen in den zweiten, noch mehrere in den dritten Stock. Nicht 
alle Treppen , die von einem Stock in den andern führen , sind gleich ; 
die einen sind weiter und mehr für den allgemeinen Gebrauch be- 
stimmt, die andei'n verborgener, enger und mein- zn besondern Zwecken 
hergerichtet. Durch alle diese Treppen steigt die Lebensbewegung empor; 



weigen I 



') Aucli die Kugelakazie mit sonnenschirmavtig zusammengestellten Zw 
i^rAcaoia parasol) stammt von Samen der gewöhnlichen stacheligen Robinie (fal- 
schen Akazie) . und wird durch Pfropfen vermehrt. 



— 201 — 

bei der Fortpflanzung diircli Samen wird die oberste Stufe der ober- 
sten und abgelegensten iieimlichen Treppe, bei der Fortpflanzung 
durch Stecklinge oder Pfropfreiser wird irgend eine Stufe einer der 
Haupttreppen zum Anfange der Treppenordnung eines neuen Gebäudes. 
Denken wir uns die Stufe als lebendiges Bewegungselement , so muss 
die Möglichkeit zur Abweichung von der Treppenordnung des frühem 
Baues, also zu individueller Ausbildung, im ersten Falle viel grösser 
sein als im zweiten M. 



') Man kennt sehr wohl die Verschiedenheit im Resultat zwischen der Fort- 
pBanzung durch Samen und der Vermehrung durch Stecklinge, Knollen, Brutzellen 
u. s. w. Allein man fand bis jetzt keinen Ausdruck, welcher die beiden Erschei- 
nungen in ihrem Wesen scharf zu unterscheiden vermochte; noch wurde der Ver- 
such gemacht , die Abweichungen im Resultate zu erklären. Dass die eine Fort- 
pflanzung durch Befruchtung , die andere auf geschlechtslose Art vermittelt werde, 
passt nur auf die Phanerogamen. Dass die eine Fortpflanzung durch Samen , die 
andere durch Knospen geschehe , ist ebenfalls in ihrer Allgemeinheit unrichtig , da 
einmal die Samen selbst eine Knospe (Embryo) einschliessen , und da femer bei 
manchen niedern Pflanzen die Erzeugung durch Sporen (Samen) und Brutzellen 
(nicht durch Knospen) vor sich geht. 

Die von mir im Texte vorgeschlagene Begriffsbestimmung der beiden Fort- 
pflanzungsarten enthält zugleich auch die Erklärung ihrer Verschiedenheit. Jede 
Pflanze entsteht aus einer einfachen Zelle , aus welcher sie in regelmässiger Stufen- 
folge bis zur ausgebildeten Form sich entwickelt. Die vollkommenste Pflanze 
besteht aus Organcomplexen und Organen , aus Systemen von Zellgewebe und aus 
Zellen ; und der ganze Lebensprozess ist ein complizirtes Triebwerk , wo die 
Hauptbewegung zusammengesetzt ist aus untergeordneten Bewegungen , und wo 
jede dieser Letztern noch wiederholt in einfachere Prozesse sich gliedert. Bei der 
Fortpflanzung durch Samen sind es die Sprossen der letzten und am meisten peri- 
pherischen Ordnung ( Blüthcnstiele) , an diesen die letzten und obersten Seiten- 
organe (Staubgetässe und Fruchtblätter) und in denselben die Zellen der letzten 
Generation , welche die Anlagen für die neuen Pflanzen erzeugen. Die individuelle 
Lebensbewegung wird also dem Begriffe nach durch die Fortpflanzung abgeschlos- 
sen. Wenn sie nicht , wie bei den einjährigen Pflanzen , mit der Samenbildung 
wirklich erlischt , sondern fortdauert und jedes Jahr neue Samen hervorbringt , so 
erhebt sie sich dadurch nicht auf neue höhere Entwicklungsstufen , sondern sie 
wiederholt bloss die Erscheinungen des ersten Blüthenjahres. 

Bei der Fortpflanzung durch Stecklinge, Pfropfreiser, Knollen, Brutzwiebeln, 
Brutzellen u. s. w. sondert die Lebensbewegung, schon ehe sie die ganze Bahn 
ilurchlaufen hat , Keime für neue Pflanzen ab. Wenn auch diese Keime in ihrem 
Ursprung aus einer einfachen Zelle sich entwickelt haben , und insofern dem 
Embryo im Samen zu vergleichen sind , so bleibt doch die Verschiedenheit , dass 
diese Zellen einer frühern Generation von Zellen , einer frühern und mehr centralen 
Ordnung von Organen und Sprossen angehören. Bei den höhern Pflanzen wird 



— 202 — 

Ueberdem kommt noch eine wichtige Ersclieinung hinzu. Bei 
der Fortpflanzung der höhern Gewächse ans Samen wirken zwei 
Zellen zusammen, die eine von den Staubbeuteln, die andere von 
den Stempeln hervorgebracht. Wenn auch die Organe , welche die 
beiden Zellen liefern, meist der gleichen Bliithe angehören, so wird 
doch durch die Vermischung des Inhaltes zweier individueller Ele- 
mentarorgane die allzugrosse Bestimmtheit des einen und andern 
gebrochen. Der Anlagezelle, welche daraus entsteht, muss viel weniger 
ein charakteristischer individueller Stempel aufgedrückt werden , als 
Avcnn ein einziges Individuum , eine einzige Zelle sie materiell begrün- 
dete und ihre Bewegung einleitete. Es werden daher überall im 
Gewächsreiche , wo die Fortpflanzung durch das Zusammentreten 
zweier verschiedener Elemente gescliieht, indifl'erente Anlagen erzeugt, 
in denen die Möglichkeit einer mehr selbstständigen und von der 
Mutterpflanze unabhängigen Entfaltung liegt. 

Die Individuen , die aus einander hervorgehen , sind bis auf 
einen gewissen Grad einander gleich. Sie gehören der nämlichen 
Art oder Spezies an. Der Apfelbaum ist eine Art, der Binibaum 
eine andere. Die Ai'ten verwandeln sich nicht in einander. Wenn 
man Weizen aussät, so erhält man Weizen wieder, und in einem 
Taubenschlag wird nie ein Habicht ausgebrütet. Diese Constanz soll 
nach der Ansicht Mancher immer dauern. Aus der Trauercypresse 
soll ewig kein Lebensbaum eutspriessen ; das Bitterkraut soll nicht 
zum Süssholz werden ; Hellerkraut und Münze nicht zum Tausend- 
guldenkraut sich häufen , und der Waldgeselle ') nicht zum Waldmeister 
promoviren können. Man beruft sich für diese Ansicht auf die 



der Laubzweig, indem er Wm-zeln schlägt, zum selbststäiidigen Lidividuum ; oder 
eine Knospe , die unter andern Umständen zum Ast , zum Blüthenstand oder zur 
Blüthe sich entwickelt , trennt sich von der Mutterpflanze ; oder es bildet sich eine 
entwicklungsfähige Knospe in dem Gewebe der Wurzel , des Stammes und des 
Laubblattes. 

Es ist begreiflich , dass bei der Fortpflanzung auf einem der letztgenannten 
Wege die Abweichung von dem Alutterindividuum geringer sein muss , als bei der 
Fortpflanzung diurch Samen. Denn bei der erstem wird eine Zelle mitten aus der indi- 
viduellen Entwicklung heraus zur Anlage für die neue Pflanze ; bei der zweiten da- 
gegen ist es eine Zelle der möglichst getheilten und möglichst veränderten individuel- 
len Lebensbewegung. Bei der erstem mangeln dem sich entwickelnden Keim die 
frühsten Stadien der Pflanze , welche bei der zweiten durchlaufen werden müssen. 

Man könnte vielleicht passend die beiden Fortpftanzungsarteu als Fortpflan- 
zung durch Samen und vegetative Fortpflanzung unterscheiden. 

*) Galium sylvaticum , eine dem Waldmeister (Asperula odorata) verwandte 
und ähnliche Pflanze. 



— 203 — 

Erfahrung, dass manche Pflanzen sich seit zwei und drei Jahrtausenden 
nicht verändert haben. In den Besehreibungen der Griechen und 
Römer erkennt man cinzehie jetzt lebende Pflanzen wieder, selbst 
manche Namen haben sich im Neugriechischen mid im Italienischen 
erhalten. Alte Abbildungen und Ueberreste von Pflanzen , die in 
den ägyptischen Katakomben beigesetzt wurden, zeigen wohl für 100 
Arten deutlich, dass die Flora Aegyptens während 3000 Jahren 
dieselbe geblieben ist. 

Was ergibt sich aber aus diesem Zeitraum ? Wir haben gesehen, 
dass ein Alter von 6000 Jahi-en nichts beweist für die unbegrenzte 
Dauer des Individuums ; 3000 Jahre beweisen noch weniger für die 
Art, d. i. für eine Reihe von Individuen. In der That gibt uns 
das chronologisch geordnete fossile Herbarium , das zwischen den 
Schichten der Erdrinde eingeschlossen ist, andere Kunde über die 
Geschichte der Pflanzenwelt. Die Vegetation änderte sich von Epoche 
zu Epoche. Die Arten dauerten einige Zeit, um dann andern Arten 
Platz zu machen. Die Wei.«e , wie sie entstanden sind , bleibt der 
Vermuthung anheimgestellt. Es gibt eine Ansicht, nach der die 
frühern Arten ausstarben und statt ihrer neue geschaff'en wurden, 
entweder als Keime oder sogar im fertigen Zustande. Wie Pallas 
Athene gepanzert aus dem Haupte des Zeus entsprungen, so sollte 
der Eiclibaum mit Zweigen und Blättern , der Elephant mit Rüssel 
und Stosszähnen unmittelbar in die Welt gesetzt worden sein. Eine 
andere Ansicht lässt aus der untergehenden Art selbst die neue Art 
entstehen. 

Für das Letztere sprechen Gründe der Theorie und der Erfah- 
rung. Wenn auch die Art in historischer Zeit die nämliche bleibt, 
so ändern sich doch die Individuen , und es bilden sich constantc Typen 
aus , die wir als Ra9en bezeichnen. Es geachieht diess durch Vererbung. 

Die Individuen vererben auf ihre Nachkommen die Neigung, 
ihnen ähnlich zu werden; die Nachkommen sind aber den Eltern nicht 
vollkommen gleich. Es muss also auch die Neigung zur Veränderung 
vererbt werden. Es muss, wenn alle Umstände günstig sind, eine 
Anlage durch eine Reihe von Generationen hindurch sich immer weiter 
ausbilden können, wie ein Kapital, zu dem jährlich die Zinsen ge- 
schlagen werden, sich vergrössert. Denn jede Genei-ation erbt von 
der vorhergehenden nicht bloss die Möglichkeit, das Capital zu realisiren, 
sondern auch die Möglichkeit , demselben die Zinsen zuzufügen '). 



*) Von allen, oft unendlich vielen Individuen, die zu einer Art gehören, sind 
nicht zwei einander vollkommen gleich. Die mannigfaltigen Verschiedenheiten, 



— 204 — 

In der That lässt sich die Veredlung von Kulturpflanzen und Haus- 
thiereu nur auf diesem AV'cgc erklären. Man wählt Samen von dem- 
jenigen Pflanzenstock, welcher die schönsten Blüthen oder die grössten 
und wohlschmeckendsten Früchte trägt, und sät sie aus, in der selten 
getäuschten Hoffnung , dass wenigstens einige Sprösslinge der Aus- 
saat die von der Mutter ererbte Anlage weiter eutwickehi werden. 
Es liegt daher ein richtiges Gefühl darin , wenn der Araber für sein 



nach denen sie sich oft zu Varietäten und Rafcn gruppiren , sind aus zwei Ur- 
sachen hervorgegangen , den äussern Einflüssen und der Vererbung. ' Die klima- 
tischen Verhältnisse geben der Pflanze ein eigenthümliohes Gepräge; die gleiche 
Art sieht anders aus , wenn sie im Waldesschatten oder an der Sonne , im Sumpf 
oder am trockenen Abhang , in der Ebene oder auf Gebirgen wächst. Die Verer- 
bung besteht darin , dass das Individuum das Bestreben hat , dem erzeugenden 
Individuum gleich zu werden , ein Bestreben , das durch die äussern Einflüsse mehr 
oder weniger modifizirt werden kann. 

Die Vererbung wirkt aber nicht bloss von den Eltern auf die Kinder, sondern 
auch auf spätere Nachkommen. Wir erkennen das aus Erscheinungen , welche oft 
periodisch wiederkehren , z. B. nach der zweiten , dritten Generation , oder nach 
einer unbestimmten Zahl von Generationen. Bei niedern Pflanzen ist dieser so- 
genannte Generationswechsel nicht selten. Bei höhern Pflanzen gilt, wie bei den 
Thieren und dem Menschen die Regel , dass die Kinder meistens den Eltern , zu- 
weilen aber auch den Grosseltern, seltener den Urgrosseltern oder gar noch frühern 
Ahnen gleichen. Diese Thatsache kann die Veranlassung werden , um constante 
Rafen zu erzeugen. Es gibt z. B. Pflanzen , die gewöhnlich rothe Blüthen tragen, 
ausnahmsweise auch weisse. AVenn man die Samen einer rothen Blüthe aussät, 
so wird man nur sehr wenige weissblüthige Exemplare erhalten. Die Samen dieser 
letztern haben zwar das Bestreben , der Mutter zu gleichen ; allein die Neigung der 
Art überhaupt zur rothen Farbe , unterstützt durch diejenige , den Grosseltern 
ähnlich zu werden , überwiegt , und die Mehrzahl der jungen Pflanzen blüht noch 
roth. Wenn man aber durch viele Generationen hindurch immer nur die Samen 
der weissblüthigen Individuen aussät , so kann man oft eine Ra^e von grosser 
Beständigkeit erhalten ; denn die Pflanzen , sie mögen sich wie die Mutter oder 
wie irgend eine ihrer ^frühem .\hnen verhalten , werden immer weiss sein. 

In dem eben angeführten Beispiel verändern sich die Pflanzen nicht allmälig 
in ihren äussern Merkmalen, sondern es wird wahrscheinlich die chemische Be- 
schafi'enheit in der Art modifizirt , dass die Neigung , weisse Blüthen hervorzu- 
bringen, von Generation zu Generation grösser wird. In andern Fällen lässt sich 
die Verändenmg auch an den äussern Eigenschaften wahrnehmen. Die Ausbildung 
von Rafen innerhalb einer Art nöthigt uns zur Annabirie, dass gewisse Eigenthüm- 
Hchkeiten durch eine Reihe von Generationen hindurch allmälig sich ausbilden 
könen~, wobei das erzeugende Individuum nicht bloss seine sichtbaren Eigen- 
schaften auf die Nachkommenschaft überträgt , sondern auch die Tendenz , in 
einer Richtung hin sich weiter auszubilden. 



— 205 — 

Ra^onpfcrd einen Stammbaum führt, und auf das unvermiüchtc Blut 
seines Lieblings stolz ist, — und eine Anerkennung gegen die Er- 
fahrung , wenn das practische England die reine Abstammung seiner 
Rinder durch Heerdebücher documentirt. 

Bei der künstlichen Veredlung kann das Ziel derselben bestimmt 
werden, indem man zur Vermehrung nur diejenigen Individuen aus- 
wählt, in denen die Veränderung in einer bestimmten Richtung 
begonnen hat oder weiter gegangen ist. So sind aus der gleichen 
wilden Kohlpflanze die Kohlrabi entstanden , in denen die Wurzel- 
bildung, der Krauskohl , in welchem die Blattbildung vorherrscht, der 
weisse Kojjfkolil und Wirsing , an denen sich die Endknospe über- 
mässig entwickelt, der Rosenkohl, an dem sich viele Seitenknospen 
bilden , und der Blumenkohl , bei welchem der Blüthenstand sich 
stark verzweigt und fleischig wird. 

Die Ra9en haben eine gewisse Constanz, welche der Constanz 
der Arten oft nahe verwandt ist. Bei der Fortpflanzung w^erden 
Individuen der nämlichen Ra9e hervorgebracht. Kulturpflanzen und 
Hausthiere liefern viele Beispiele. Wir dürfen nur etwa einen eng- 
lischen Wettrenner mit einem Londoner Steinkohlenpferd vergleichen, 
und es wird uns nicht einfallen zu denken, dass ein Sprössling des 
Wettrenners sehr geeignet wäre, die Bierfässer von Barklay herum- 
zuschleppen, oder dass ein Sprössling des Kohlenpferdes den schmäch- 
tigen Jockey mit Anstand über die Barrieren der Rennbahn in Epsom 
tragen würde. 

Und selbst die Geschichte des Menschengeschlechts, wie könnten 
wir sie ohne den Factor der fortschreitenden Umbildung durch Ver- 
erbung begreifen. Mögen die Fragen über Entstehung der Ra^en so 
oder anders entschieden werden, mögen Neger, Indianer, Kaukasier 
schon ursprünglich vorhanden gewesen , oder im Laufe der Zeiten 
erst entstanden sein, so müssen wir doch zugeben, dass die Stämme 
und Nationen geschichtlich geworden sind , dass sich körperliche und 
geistige Anlagen, Gesichtsbildung und Sprache , Befähigung zu Handel 
und Industrie , oder zu Künsten , oder zu abstrakten Wissenschaften 
sich aus gleichartigen und indiflferenten Keimen nach und nach ent- 
wickelt haben. Die äussern (klimatischen und Nahrungs-) Verhält- 
nisse haben nicht allein die jetzt bestehenden körperlichen Verschie- 
denheiten , die Tradition nicht allein die geistige Entwicklung bewirkt. 
Ein wesentliches Moment ist die allmälige Veränderung, welche die 
Generationen durchzieht, indem das Individuum, welches ihr Träger 
ist, nothwendig eine Anlage hervorbringt, die zu einer bestimmten 
Entwicklung hinneigt. Desswegen bleibt der Typus der Juden unter 



— 206 — 

europäischen Verhältnissen unverändert. Und selbst innerhalb des 
gleichen Volkes zeigen sich diese DIftercnzen. Wer möchte in Ab- 
rede stellen , dass die körperlichen Anlagen der in Städten geborenen 
Kinder in etwas verschieden sind von denen einer Viehzucht treiben- 
den Bevölkerung, dass das 19. Jahrhundert seine Kinder geistig zu 
etwas anderm befähigt, als das zwölfte Jahrhundert, dass die Kultur 
namentlich auf die feinere iVusbildung des Gehirns und Nervensystems 
Einfluss gewinnt , zwar auch dasselbe schwächer und reizbarer macht, 
und dass Guttenberg der Stammvater einer erblichen Kurzsichtigkeit 
zu werden droht. 

Also hat nothwendig jede Art der organischen Welt eine Ge- 
schichte, im naturhistorischen Sinne. Aber die Geschichte wird um 
so ärmer sein , je einfacher die Organisation der Individuen und je 
weniger ausgebildet ihre Individualität ist. Die geschichtlichen Ver- 
änderungen der Art bewegen sich innerhalb gewisser Grenzen , so 
dass wir nach drei Jahrtausenden noch keine Abweichungen von dem 
spezifischen Charakter beobachten. Wenn aber die Umwandlung, wie 
wir sie bei der Ra9enbildung in historischer Zeit kennen , fortdauert, 
so muss sie sich endlich zum Uebergang in eine andere Art summiren. 

Die Möglichkeit, dass nach einer gewissen Dauer und unter 
günstigen Umständen eine Art in eine andere übergehe , liegt also 
vor. Mehrere Giäinde .sprechen für die AVahrscheinlichkeit. Die ganze 
Geschichte der Erdrinde ist das Ergebniss von nothwendig Avirkenden 
Naturgesetzen. Wir sind daher geneigt , auch die Veränderungen 
der organischen Natur auf naturgemässe Vorgänge zurückzuführen. 
Es ist aber natürlicher , dass die Pflanze aus der Pflanze , das Thier 
aus dem Thier entstanden , als aus unorganischen Stoffen neugeschaffen 
worden sei. Zwar scheint es, dass dadurch die Schwierigkeit nur 
zurückverlegt werde, indem ja doch einmal das Organische angefangen 
haben muss. Die Schwierigkeit wird aber zugleich vermindert; denn 
es ist wahrscheinlicher, dass aus den unorganischen Verbindungen 
organische Substanzen entstanden sind, dass aus den letztern sich 
die einfachsten einzelligen Pflanzen organisirt , und dass aus diesen 
sich in allmäliger Reihenfolge die höhern Gewächse herausgebildet 
haben. 

Die Vegetation der Erde war ursprünglich eine ganz andere als 
jetzt; sie näherte sich der jetzigen immer mehr, und die Pflanzen 
der letzten vorweltlichen Periode sind den jetzt lebenden oft so 
ähnlich, dass wir nicht wissen, ob es andere Arten oder bloss andere 
Varietäten und Ra^en der gleichen Art sind. Im Anfang, als das 
organische Leben entstand , erschienen niedrige , einfach gebaute 



— 207 — 

Gewächse ; mit jeder folgenden Periode traten höher organisirte 
Pfliinzen auf. An jedem Schöpfungstagc entwickelte sich das Reich 
eine Stufe höher. An jedem Schöpfungstagc wurden aber auch von 
den niedrigsten und einfachsten Pflanzen geschaffen. In unserer Zeit 
sind es die Schimmelpilze und Schwämme , welche nach meiner An- 
sicht täglich neu entstehen, während alle übrigen Gewächse nur aus 
Samen hervorgehen. 

Im Thier- und Pflanzenreiche können wir von den untersten zu 
den complizirtcren und höhern Organismen Reihen von analogen 
Arten unterscheiden, die wie die Stufen einer Treppe auf einander 
folgen , indem jeder höhere Organismus zu den frühem Stufen noch 
die nächste hinzufügt. Es kommt uns vor, als ob eine organisirende 
Thätigkeit in gemessenem und überlegtem Schritte die Stufen hinauf- 
gewandelt sei , auf jeder eine Zeit lang ausruhend und sich auf einen 
neuen Schritt vorbereitend. Wir müssen uns also für manche Fälle 
die Verwandlung der Pflanzenarten zugleich in der bestimmten Form 
einer Vervollkommnung, einer höhern Organisirung derselben denken. 
Eine Art, die sich in eine andere umändert, erscheint in ihr nicht 
bloss mit allen ihren Attributen , sondern fügt noch ein neues Merk- 
mal hinzu, und erhebt sich zu etwas Höherem. Die frühere Art 
tritt also in der folgenden als vorletztes Entwicklungsstadium auf, 
über das hinaus diese sich zum entwickelten Zustande erhebt. Eine Be- 
stätigung von Seite der Erfahrung liegt in der Thatsache, dass manche 
vorweltliche Thiere den Jungen jetzt lebender Thiere ähnlich, wie- 
wohl viel grösser waren. Eine Bestätigung von Seite der Theorie, 
dass die höchsten Organismen in ihrer individuellen Entwicklung die 
gleichen Stufen durchlaufen, wie das ganze Reich, und dass für die 
Pflanzen sogar ganz einfache und allgemeine Gesetze formulirt wer- 
den können , nach denen die höhern aus den niedern entstehen '). 

Wir werden also beinahe mit unwiderstehlicher Macht auf die 
Annahme hingewiesen, dass nicht etwa jede Art für sich und ohne 
causalcn Zusammenhang mit der übrigen organischen Natur entstanden 
sei, und ebenfalls spurlos und fruchtlos verschwinde; sondern dass 
die Organismen, wie sie anatomisch imd physiologisch verwandt sind, 
auch in genetischer Beziehung zu einander stehen. 

Den Uebergang von einer Art in die andere können wir uns 
als einen allmäligen oder als einen sprungweisen denken. Wir finden 
die beiden Formen des Uebergangs durch die ganze Natur, je nach- 



*) Ich habe die.^e Gesetze in der „Systematischen Uebereicht der Erschei- 
nungen im Pflanzenreich" entwickelt. 



— 208 — 

dem die unterscheidenden Faktoren durch ein Verhältniss der Zahl 
oder der Menge ausgedrückt sind. So geht Koldenoxyd nicht all- 
raälig in Kohlensäure , Eisenoxydul nicht allraälig in Eisenoxyd über, 
weil die Zahlen der Atomgewichte verschieden sind. Dagegen wird 
reines Wasser allmälig zu einer gesättigten Salzlösung, weil die 
Quantität des Salzes nach und nach zugesetzt werden kann. Es gibt 
Pflanzenarten, wo die einen Individuen 4-, die andern öblättrige 
Blumenkronen hervorbringen ; hier ist natürlich kein Uebergang möglich. 
Aber auch in andern Merkmalen, die wir noch nicht auf die Zahl 
zurückführen können , werden oft die Mittelformen schwer oder gar 
nicht hervorgebracht. So gibt es Arten , wo die einen Stöcke intensiv 
gefärbte, die andern weisse Blumen tragen; aber nie oder .selten 
kommen Individuen vor mit blassgefärbten oder mit panaschirten 
Blüthenblättern. 

Die Entwicklung des Pflanzenreiches geschah also wahrscheinlich 
so, dass in den einen Fällen Generation für Generation um einen 
unmerklichen Schritt sich weiter entwickelte und stetig zu einer an- 
dern Art wurde ; dass dagegen in andern Fällen die Generationen 
lange Zeit scheinbar gleich blieben , aber doch eine innere Verän- 
denmg erfuhren, Avelche, auf einen gewissen Punkt gediehen, mit 
Nothwendigkeit einen Umschlag herbeiführte. Analogieen für beides 
finden wir in der Entwicklung der Art, der Pflanze und des Orgaus. 

Es gibt Arten von kleinen einzelligen Wasserpflänzchen, welche 
durch hundert Generationen hindurch gleich bleiben. Dann tritt 
plötzlich eine Generation auf, Avelche sich von allen frühern dadurch 
unterscheidet, dass ihre Individuen mit ZM'ei Wimpern versehen sind, 
und wie Infusorien im Wasser herumschwimmen. Zur Ruhe gelangt, 
erzeugen sie wieder wimperlose und ruhende Generationen*). 

Bei andern ebenMls einzelligen Wasserpflänzchen werden die 
Individuen von Generation zu Generation kleiner, bis sie zuletzt 
winzige Zwerge geworden , die sich vorerst nicht vermehren können. 
Aber diese Zwerge fangen an zu wachsen ; sie werden zu Riesen ; 
dann erst sind sie fortpflanzungsfällig, und bringen Nachkommen her- 
vor, die wieder von Geschlecht zu Geschlecht an Grösse abnehmen 2). 

In diesen beiden Beispielen findet eine periodische Veränderung 
statt, die scheinbar zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Bei der Ent- 
wicklung des Pflanzenstockes wird durch eine Reihe von Zellen oder 
von Orgauen der Uebergang zu Zellen oder Organen einer höhern 



*) Z. B. Apiocystis, Mischococcus. 

2) Z. B. Cliaradum, Cystococcus. Vgl. Nägeli, Gattungen einzelliger Algen. 



— 2oy — 

Ordnung vorbereitet , welche durch viele Generationen sich wiederholen, 
um dann abermals zu einer nocli höhern Ordnung fortzuschreiten. Auch 
hier sinkt die Bewegung am Schlüsse der ganzen Periode auf die ein- 
fachste Stufe zurück. Bei der Ra^enbilduug dagegen tritt allmiilig oder 
plötzlicli eine Veränderung ein , und die neuerzengte Funn kann durch 
eine fast uncndlielie Zalil von Generationen sicli erhalten *j. 



•) Die Frage, ob die Arten aus einander entstanden sind oder nicht, ist von 
der höchsten Bedeutung, sowohl in theoretischer Beziehung, als auch in prak- 
tischer, nämlich mit Rücksicht auf die Geologie. — Innere Gründe sprechen 
durchaus für die Bejahung, wie im Text angedeutet wurde. Die Möglichkeit 
wird aber durch analoge Erscheinungen aus dem Leben des Individuums und 
der Art selbst erwiesen , und zwar sowohl die Möglichkeit einer allniäligen Ver- 
änderung , als auch einer sprungweisen. Beim Generationswechsel tritt entweder 
plötzlich eine Generation von abweichenden Individuen auf, oder der Ueber- 
gang findet nach und nach statt; aber in der Regel bleibt der Ty|jus der Ueber- 
gangsgeneration nicht erhalten , sondern bei der ersten Fortpflanzung entstehen 
wieder die ursprünglichen Individuen. Bei manchen "Wachsthumsprozessen aber 
wird der Wechsel dauernd . indem durch eine Reihe von Generationen eine Art 
von Zellen oder von Organen , und dann nach plötzlichem oder allmäligem 
Uebergang wieder diuxh viele Generationen hindurch eine andere Art von 
Organen hervorgebracht wird. In beiden Fällen kehrt die Bewegung zuletzt 
immer wieder dahin zurück , von wo sie ausgegangen ist. Nur bei der Ra^en- 
bildung besteht eine vollkommene Analogie für die l^mwandlung der Arten. 

Wenn der genetische Zusannnenhang aller Pflanzenarten angenouunen wird, 
so scheint zugleich die Annahme uoth wendig, dass der Uebergang von der 
einen in die andere meist plötzlich erfolgte , sei es durch einen Sprung , oder 
durch rasch auf einander folgende Mittelfornien. Man hört zwar etwa den Ein- 
wurf : Wie ist es denkbar , dass eine Art lange Zeit dieselbe bleibt , und dann 
plötzlich zu einer andern wird? Indess haben wir dafür eine Menge analoger 
Erscheinungen. Wenn bei den Desmidiaceen dxirch hundert Generationen hin- 
durch die äusserlich gleichen Individuen sich theilen , und dann auf einmal 
Fortpflanzung durch Conjugation eintritt ; wenn in andern Pflanzen die Zellen 
während hundert Generationen vegetativ bleiben und dann reproduktiv werden; 
wenn am Pflanzenstock dreissig auf einander folgende Sprossinternodien Nieder- 
blätter , dann dreissig andere Laubblätter und endlich die letzten dreissig Hoch- 
blätter hervorbringen; — so dürfen wir desswegeu nicht annehmen, dass in den 
beiden ersten Fällen die Zellen, im letzten die Sprossinternodien vollkommen 
gleich geblieben sind. Sie haben eine innere, äusserlich nicht wahrnehmbare 
Veränderung erlitten, welche nach einer gegebenen Zeit, wenn die übrigen 
Verhältnisse günstig sind , mit Nothwendigkeit eine höhere Entwicklung be- 
wirken. Der Ausspruch, dass die Art während einer geologischen Periode und 
in der historischen Zeit unverändert bleibt, ist daher nicht so zu verstehen, 
dass sie einem absoluten Stillstand unterworfen ist , sondei-u bloss , dass ihre 



— 210 — 

So Ist aLso die Art selbst ein Individuum, das durch fortwäh- 
renden Wechsel sich entwickelt , das durch diesen Wechsel eine 



A'eränderungen bestimmte Grenzen nicht überschreiten. Wie überhaupt keine 
natürliche Erscheinung, so kann auch, die Art nicht in vollkommener Ruhe 
beharren. Wie die Nachkommen des ersten Individuums von demselben etwas 
verschieden waren , so mussten auch die Keime , die sie erzeugten , in etwas 
von denen abweichen , aus denen sie selber hervorgingen. Es musste die Ver- 
änderung perennirend werden ; und diese Veränderung kann nicht anders , als 
zuletzt den Untergang der Art oder den Uebergang in eine andere herbeiführen. 

Im Grunde ist jeder Uebergang in der Natur ein sprungweiser. Da Alles 
aus individuellen Theilen besteht, so kann ein Gegenstand sich nicht ändern, 
als dass er selber oder Partieen desselben Theile verlieren oder gewinnen. Wir 
werden es aber einen Sprung neiuien , wenn die Veränderung bei einer geringen 
Zahl statt hat, wenn z. B. eine Blüthe 4 und özählig auftritt, einen allmäligen 
Uebergang dagegen , wenn vielleicht bei 1000 eüis hinzu oder hinweg kommt, 
und somit der Sprung verschwindend klein wijd. Es tritt aber sehr häufig die 
sprungweise Veränderung ein , wo die Natur des Gegenstandes eine allmälige zu 
gestatten scheint. Es ist oftenbar , dass die Pflanze oft mit Leichtigkeit Extreme 
hervorbringt, während sie nur schwer zu den Uebergängen gebracht werden kann. 
Wir beobachtCTi diese Erscheinung nicht nur mit Rücksicht auf Farbe, sondern 
auch mit Rücksicht auf Behaarung, Verzweigung, Gestalt, Bau. Die Ueber- 
gangsformen können z\iweilen durch Kreuzung erzeugt werden , so z. B. pana- 
schirte Blumen durch Kreuzung von roth- und weissblüthigen Rayen. Vielleicht 
sind auf gleiche Weise die Pomeranzen mit rothen und gelben Stücken , die 
roth - imd weissgestreiften Weinbeeren entstanden , und Aepfel , deren Hälften 
ungleichen Sorten angehören. 

Dass die Arten in der Regel in höhere , nicht in coordinirte oder selbst in nie- 
dere sich umwandelten , scheint daraus zu folgen , dass das Pflanzenreich selbst sich 
mit jeder Periode höher entwickelte , und dass auch im Leben des Individuums jede 
Metamorphose gewöhnlich zugleich eine vollkommenere Organisation ist. Im Indi- 
viduum gibt es ausnahmsweise BUdungsprozesse , die statt vorwärts zu schreiten, 
stille stehen oder selbst zurückgehen. Diese Erscheinung mag auch im Leben 
des ganzen Reiches vorkommen . und es mögen als Ausnahme Arten theils un- 
verändert, tlieils als verwandte Arten in einer folgenden Periode wiederkehren, 
oder selbst in tiefere Gattungen und Ordnungen übergehen. 

Die Aruiahme , dass in jeder Epoche wieder die aUereinfachsten Pflanzen ent- 
standen sind , folgt nothwendig aus der fortschreitenden Entwicklung der vor- 
handenen Arten und aus der Thatsache , dass jetzt noch auch die niedrigsten Ent- 
wicklungsstufen repräsentirt sind. Sie wird bestätigt durch die geologische Erfah- 
rung, dass die Diatomaceen, die als einzellig zu den einfachsten Gewächsen gehören, 
und wegen üires Kieselpanzers erhalten bleiben mussten, erst ziemlich spät auftreten. 

Uebrigeus verhalten sich -wohl nicht alle Individuen einer Art gleich. Wie 
an einem Buchsbaum mit gelbgesprenkelten Blättern ein einzelner grüner Zweig, 
oder an einem grünen Buchsbaum ein einzelner panasohirter Zweig vorkommen 



— 211 — 

Begrenzung findet und in dieser Begrenzung andere Arten erzeugt; 
ein Individuum, das wie der Baiun aus zahllosen entsclnvundenen 
und kommenden Generationen von Tlicilindivlduen besteht. 

Und somit kommen wir zu dem tSelilusse, dass Alles in der 
Natur individuell ist, von den unendlich kleinen Atomen, bis zu den 
unendlich grossen Weltkörpern und Systemen von Weltkörpern , von 
den unendlich einfachen Atomen, bis zu den unendlich zusammen- 
gesetzten Organismen und ganzen Reihen von Organismen , die wir 
als Arten, Gattungen und endlich als Reich zusammenfassen. Das 
Zusammengesetzte ist nur dadurch zusammengesetzt, dass es aus indi- 
viduellen Theilen besteht, und so lange es thätig und lebendig ist, 
befindet es sich in steter Bewegung und in stetem AVechsel seiner 
Theile ^). Das Individuum erneuert sich ohne Rast , es ist in jedem 



kann, wie an andern Bäumen zuweilen ein einziger Ast gefüllte Blüthen , dorn- 
lose oder hängende Zweige trägt , wie die Aussaat aus den Samen der nämlichen 
Kliithe verschiedene Rafcu hervorbringen kann , — so können beim Uebergang 
aus einer geologischen Periode in die andere von den Individuen einer Art viele 
zu Grunde gehen , die andern entwicklungsfähige Keime hinterlassen ; von diesen 
letztern ist die Mehrzahl vielleicht identisch und entwickelt sicli zu der nämlichen 
Art , indess aus Andern andere Arten hervorgehen. 

') Mau theilt gewöhnlich , gemäss den Ueberlieferungen der Schule , die Natur 
in zwei grosse Kategorieen , in die unorganische und die organische Natur. Die 
pflanzlichen und thierischen Individuen werden wegen der steten Veränderung und 
Bewegung im Innern lebendig genannt, im Gegensatz zu den todten Kry- 
Rtallen. Absolut ohne Bewegung sind nun zwar auch die letztern nicht; denn 
jeder Lichtstrahl , jede Schallwelle, jeder elektrische Strom, der den unorganischen 
Krystall durchzuckt , versetzt die kleinsten Theilchen in seinem Innern in Schwin- 
gungen; ebenso verändert jeder Stoss, jeder Temperaturwechsel die Lagerung der 
Moleciile. Allein wir dürfen diese Erscheinungen nicht dem organischen Leben 
parallel setzen , welches ausser den gleichen noch andere ihm eigenthümliche Er- 
scheinungen zeigt. Dennoch ist die Kluft zwischen den organischen belebten und 
den unorganischen leblosen Wesen nicht so gross , als es den Anschein hat. — 
Der Krystall verändert sich nur , so lauge er sich entw ickelt. Nach längerm oder 
kürzerm Unterbruche kann er luiter günstigen Verhältnissen wieder zu wachsen 
fortfahren. Während er wächst, können wir ilin lebend nennen. Wenn auch 
die ganze innere Masse in Form und Structur unverändert bleibt, so wirkt sie 
doch bestimmend auf die Anlagerung der neuen Schichten ein. Der wachsende 
Krystall zeigt Analogie mit <lem Baum, welcher ebenfalls nur in einer periphe- 
rischen Partie lebt und wächst , und im Innern aus todten Schichten besteht. — 
D.is Stärkekorn vermittelt den Uebergang zwischen Krystall und Zelle. Es ver- 
ändert sich ebenfalls nur so lange , als es wächst ; ist aber w ährend dieser Zeit in 
seiner ganzen Masse lebendig , weil es überall Substanz einlagert. Wenn es sich 
nicht mehr vergröisert , so befindet es sich in einem leblosen . den unorganischen 



— 212 — 

Augenblick ein anderes, als es noch vorhin war. Es wird in jedem 
Moment theilweise, und zuletzt als Totalität \ernichtet. Wenn das 
geistige Individuum mit Stolz von sich sagt : „Icli bin , denn ich 
denke," so mag das materielle Individiunn mit Bescheidenheit ant- 
M' orten : „Ich bin, denn ich gehe zu Grunde.'- Aber es verschwindet 
nicht, ohne Keime zu hinterlassen, die fähig sind, eine gleiche oder 
eine höhere Bewegung einzuleiten. So erhebt sich immer ans der 
Asche ein Phönix; der Verlust wird ein Gewinn, und der Wechsel 
wird zum Fortschritt. 

Ueber die Trümmer der Verniclitang schreiten siegreich die 
ewigen Ideen , deren Spiegelbild der Naturforscher als Gesetze fest- 
zustellen sucht ; sie begründen das einzig Reale ; denn die materiellen 
Erscheinungen sind nur die inhaltslosen Durchgangspunkte einer 
Bewegung, die unaufhöilich einem bessern Ziele zustrebt. Aber ob 
auch die materielle Form schwindet, die Idee bleibt, 

Und ob Alles in ewigem Wechsel kreist. 
Es beharrt im Wechsel ein ruhiger Geist. 



Körpern vollkommen niialogeii Zustande. — Die Zelle lebt nicht bloss wälirend 
der Zeit des WachstLiuns ; es dauern nachher noch die Umbildungen in ihrem 
Innern fort. Aber auch sie geht während der Yegetationsruhe (im Winter) in 
einen Zustand über, welcher sich nicht von dem Dasein des Krystalls und des 
Stärkekorns , wenn dieselben nicht wachsen , unterscheidet. — Krystall , Stärke- 
kom und Zelle sind alle drei lebendig, wenn sie sich verändern ; sie haben alle 
drei das Vermögen , in einen Zustand lebloser Ruhe überzugehen , und unter 
günstigen Verhältnissen wieder zu neuer Thätigkeit und Veränderung zu er- 
wachen. Nur ist das Leben verschieden in Mannigfaltigkeit , Ausdehnung und 
Intensität. Beim Krystall sind nur die Theilchen der sich ansetzenden Schicht 
in Bewegung; beim Stärkekorn nur die eintretenden StofTe, die sich zwischen 
die schon vorhandenen einlagern ; bei der Zelle können auch alle schon vor- 
handenen Stoffe umgebildet, aufgelöst und weggeführt werden. Will man zwi- 
schen todten und lebendigen Wesen , und nicht bloss , wie mir richtiger scheinen 
würde , zwischen leblosen und belebten Zuständen unterscheiden , so muss es 
zweifelhaft sein, ob man die Stärkekörner zu den einen oder andern stellen soll. 



— 213 



ÜEBER DIE DRUIDEN BEI GASAR 

(Bell. Gall. VI, 13. 14). 

Von FERDINAND HITZIG. 



Sehen wir für die Geschichte eines Volkes uns lediglich auf 
auswärtige Berichte angewiesen, so ist umsichtige Kritik der Quellen, 
ehe man sie benutzt, doppelte Pflicht, sofern der fremde Schriftsteller 
die nöthige Sachkunde nicht unmittelbar zur Hand hat, und liebe- 
volles Eingehn auf Dinge imd Personen sich bei ihm weniger voraus 
annehmen lässt, als Partheilichkelt gegen dieselben. Ein objektiver 
Standpunkt der Betrachtung kann auch schief zum Gegenstande und 
in zu grosser Entfernung eingenommen sein ; und dass z. B. von den 
heidnischen Religionen , welche das Christenthum verdrängte , der 
Kirchenschriftsteller ein richtiges und vollständiges Bild zeichne, darf 
man nicht verlangen ; denn wie die Eine Wahrheit gegen den viel- 
gestaltigen Irrthum , verhielt die christliche Religion sich gegen das 
Heidenthum feindselig und fasste natürlich dessen Schattenseiten in's 
Auge, wider welche der Angriff gerichtet war. Nun sind zwar über 
die Götterverehrung bei Griechen und Römern auch einheimische 
Nachrichten in Fülle auf uns gelangt ; unsere Kenntniss dagegen 
anderer alter Religionen müssen wir aus denselben „Klassikern" 
schöpfen , oder aber aus spätem Autoren , vielleicht einheimischen, 
die jedoch aufgewachsen im Christenthum. In diesem Falle kann die 
geschichtliche Wahrheit durch nationales Vorurtheil für und religiöses 
gegen gleich sehr beeinträchtigt werden; imd auch das Zeugniss der 
Klassiker , das als ein fremdes hier ohnehin weniger bedeutet , ist mit 
Misstrauen aufzunehmen, weil ihre Aussagen durch christliche Abschrei- 
ber an uns übermittelt sind, und somit vor ihrer Glaubwürdigkeit 
erst noch deren Echtheit oder Unversehrtheit Prüfung fordert. Ueber 
das ursprüngliche , nicht erst aufgefrischte Druidenthum , über die alte 
keltische Religion besitzen wir keine Angaben ihrer Bekenner ; wir 
haben uns an römisch - griechische zu halten , und der hauptsächlichste 
Gewährsmann ist Cäsar, — wofern nämlich die Echtheit der ihm 
zugeschriebenen Aussage keinen Zweifel leidet. Diess ist es, was im 
Nachstehenden untersucht werden soll. 

Wenn das Christenthum , als es sich ausbreitete imd um sich 
auszubreiten , häufig , statt die heidnischen Formen zu zerbrechen , sich 
ihnen anschmiegte , Personen der Mythologie unter neuem Namen 

WissensehaftUche Monatsschrift. 1» 



— 214 — 

gewähren Hess, vorfindlichen Gebräuchen und Festen nur eine christ- 
liche Bedeutung unterlegte : so dürfte sich vielleicht zeigen , dass, 
wie man praktisch die Religion Christi dem Heidenthum angepasst 
hat, so etwa auch einmal letzteres jenem verähnlicht wurde. Ganz 
gleichgültig scheint die Frage nicht , ob wirklich die katholische 
Hierarchie in Gallien nur frühere naturwüchsige Zustände in anderer 
Form wiederherstellte , oder aber das Zeugniss , woraus Solches her- 
vorgienge, gefälscht ist; und wer um die Religionsverfiissung eines 
Culturvolkes , wie die Kelten eines waren , sich etwas annehmen mag, 
wer schliesslich auf Reinheit der Texte hält, dem sollen die folgenden 
Erörterungen an das Herz gelegt sein. 



Wenn unsere Untersuchung des Namens der Germanen (S. 142 f.) 
diese selbst und die Gallier auseinanderhielt , so hatte das nicht 
die Meinung , die Gallier oder Kelten nun auch nach alter Art mit 
den Gälcn oder Kymren zusammenzuordnen; wir erkennen unumwun- 
den an, dass die Urbevölkerung Britanniens mit den Kelten ursprünglich 
nichts gemein hat ; und diese Vei'schiedenheit hei'vorgehoben und 
naclidrücklich betont zu haben , ist kein geringes Verdienst der be- 
kannten Schrift lloltzmann's (S. 56 — 61). Es folgt hieraus aber 
nicht , dass die Britten keine Druiden , keinen druidischen Gottes- 
dienst hatten; oder wenn auch, so konnte Tacitus, wie Holtzmann 
selber einsieht S. 71., die brittischen Priester einmal Druiden nennen, 
indem er sich ungenau ausdrückte; und so scheint mir Holtzmann 
ohne Noth, wie denn auch im Verfahren gewaltsam , Tacit. ann. 14, 30. 
die Druiden aus Mona weggeschafft zu haben. Ja vielleicht hat 
Tacitus mit seinen Druiden vollkommen Recht. Von Cäsar bis zu 
Nero hin hatte der Verkehr zwischen Gallien und Britannien Zeit 
und Veranlassung gehabt, sich zu entwickeln; im Agrikola C. 11. 
lässt Tacitus Gallier gelandet, lässt er indirekt sie ihre Religion 
mitgebracht haben; und dass die „wilde Horde* vom „Culturvolke 
der Kelten" ( Holtzm. S. 60. vgl. S. 77.) dessen Religion annahm, 
finden wir ganz in der Ordnung. Freilich widersprechen einander 
Tacitus und Cäsar; denn der Stelle bell. gall. 6, 13. zufolge soll die 
Druidenreligion in Britannien aufgekommen und von da gen Gallien 
verpflanzt worden sein. Und wenn nun auch Beide darin einig gehn, 
dass sie in Britannien und Gallien die gleiche Religion finden, so 
bleibt der Widerspruch gleichwohl aufreclit , und zwar zu Ungunsten 
Cäsars, indem bis zu Nero hin eher belderorts einerlei Religion sein 
konnte , und vom rohern Volke ein gebildeteres seine Götterverehrung 



— 215 — 

nicht empfangen wird. Wofern nämlich in der That die Dritten ein 
wildes , von den Kelten grundverschiedenes Volk gewesen sind. 
Gegen diesen , wie wir glauben , richtigen Satz verhält sich die Stelle 
Cäsars noch weit feindseliger, als Tacitus ; und so hat Holtzmann 
vollen Anlass , zugleich aber auch , da sie mit einer andern desselben 
Schriftstellers bell. gall. 4, 20. nicht übereinstimmt, alles Recht, nun- 
mehr auch ihr kritisch zu Leibe zu gehn. 

Die entscheidenden Worte dort bei Tacitus schreiben wir : — 
Furiaruiii, quuni i-este ferali crinibus dejectis faces prceferebant. Drui- 
dceque circum etc. Die handschriftliche Lesart ist : Furiarum veste ; 
der vorhergehenden Sylbe halber fiel quum aus. Da uns die Druiden 
hier nicht belästigen, so verweilen wir auch nicht bei der Stelle, 
sondern wenden uns zu der betrefifenden bei Cäsar. Noch B. 4., C. 20. 
sagte er , im Allgemeinen sei Britannien den Galliern unbekannt, 
indem nicht leicht jemand Anderes hinkomme ausser Kaufleute , und 
auch diese nur die Küste kannten und die Gallien zunächst gelegenen 
Gegenden ; er findet in Gallien Niemand , der wüsste , quibus insti- 
tutis Britanni uterentiir : wie kann nun derselbe Cäsar 6, 13. berich- 
ten, das Druidenthum solle von Britannien her nach Gallien verbracht 
sein , kann er aussagen , noch zu seiner Zeit reise von Gallien dort- 
hin , wer es genauer kennen lernen wolle? (vgl. Holtzm. S. 76.) Die 
Kritik Holtzmann's kommt darauf hinaus, es werde mit Britannia 
eine der Inseln des britannischen Meeres gemeint sein, und vielleicht 
habe Cäsar Germania geschrieben. Allein derselbe Cäsar sagt schon 
6, 21. : Die Germanen haben keine Druiden; und wenn er C. 14. 
behauptet, manche Jünger der Druiden verharreten zwanzig Jahre 
hindurch in der Schule , natürlich diess diejenigen , welche die Lehre 
diligentius cognoscere volunt, so sollten sie doch nicht nöthig haben, 
für diesen Zweck noch auf Reisen zu gehn. So die Angabe verstehn 
wird Niemand wollen , als ob Cäsar die wissenschaftliche Reise in"s 
Ausland bei den 20 Jahren einrechne : dann aber grenzen zwei wider- 
sprechende Aussagen C. 13. zu Schlüsse und C, 14 Eingangs hart 
an einander; und dieser Anstoss wird durch Holtzmann's Kritik 
nicht aus dem Wege geräumt. Die Stelle C. 13. widei'streitet zugleich 
auch jener 6 , 20. ; und wir sehn uns dergestalt gemüssigt , sie mit 
ihrem ganzen Zusammenhang in nähere Erwägung zu ziehn. 

Auf Unterricht , durch die Druiden ertheilt , kommt der Verfasser 
zweimal zu sprechen : C. 14. befähigt er den Lehrling, welclier 
manchmal 20 Jahre aushält, selbst Druide zu werden; C. 13. oben 
muss es anders gemeint sein , nämlich dass den jungen Leuten Lesen 
und etwa Schreiben beigebracht wurde, doch nicht als Voi-bereitung 



— 216 — 

auf den geistlichen Stand. Die zwanzig Jahre bestätigt Mela ^) ; und 
wenn C. 14. der Inhalt der Lehre desshalb nicht niedergeschrieben 
wurde, um ihn nicht zum Gemeingute zu machen, so erhellt : das 
gemeine Volk (vidgus) kann lesen; und hinter den Vielen, welche 
C. 14. sich zum Druidenthum vorbereiten, schaart sich die grosse 
Zahl Jünglinge C. 13., welche im Laienstande verharrt. Wir können 
darüber wegsehn, dass Mela nobüissimos gentis schreibt, wo Cäsar 
„Viele" freiwillig oder auf Geheiss der Eltern und Verwandten her- 
beikommen lässt; auch stört es wenig, dass C. 13. am Schlüsse 
früher von Solchen die Rede wird , welche die Disciplin genauer 
kennen lernen wollen, als davon, dass man überhaupt diefelbe zu 
erlernen bedacht sei. Allein es werden auch im Ausdrucke die bei- 
den Arten Schule und Schüler nicht geliörig aus einander gehalten : 
der magmis adolescentium numerus C. 13. wird C. 14. nur desshalb 
durch multi ersetzt , weil magnum vev&uum nwnerum folgen sollte ; 
und die Bemerkung : a parentlbus propinquisque mittuntur würde 
passender bei jenen Knaben hinzugefügt , welche die gewöhnliche 
Schule besuchen. Fliessen dergestalt die beiden disciplincB in ein- 
ander, so werden sie, die neben einander stehn sollten, dagegen im 
Räume getrennt; und der letzte Satz C. 13. hebt an mit discipUna 
in Britannia reperta ff. , während im Vorhergehenden nicht von Ge- 
heimlehre der Druiden, sondern von ihrer Herrschaft und Gerichts- 
barkeit gehandelt ist, und, wo einmal discipUna oben vorkommt, das 
Wort den Schulunterricht bezeichnet, welcher den Laien, die Solches 
bleiben, ertheilt wird. Das dünkt mich keine lichtvolle und geord- 
nete Darstellung, ist nicht Cäsars Schreibart; und wollte man be- 
haupten , beiderorts sei von derselben discipUna die Rede , so wäre 
die Unordnung nur noch ärger. 

Die lernbegierigen Jünglinge des 13. Cap. werden nicht dieselben 
sein wie C. 14.; denn da würde magnoque ii sunt apud eos honore 
seltsam klingen , wenn demnach gesagt wäre : in hohem Ansehn 
stehn bei ihnen, die das sind, was sie selber werden 
wollen. Es folgt eine Begründung, jedoch kein Realgrund; denn 
nicht, was nachkommt, hohe Richterwürde und Strafgewalt über die 
Mitbürger bedingen das Ansehn des Lehrers bei den Schülern , son- 
dern durch das erläuternde nam etc. wird die Aussage nachgewiesen 
und gerechtfertigt. Von der Kategorie magnus Jionos wird der Inhalt 
entwickelt: darin dass sie, die Druiden, Streit schlichten, lohnen 



*) Lib. III, C. 2. : Docent multa nobüissimos gentis clam et diu, vicenis 
annis in specu aut in abditis saltibus. 



— 217 — 

und strafen ii. s. w. , kommt eben das Ansehn, welches sie beim 
Volke genies.sen , zur Erscheinung. Ja beim ganzen Volke ; aber 
nachgewiesen werden soll ihre liohe Geltung bei den Jünglingen, 
auf welche allein {apud) eos zurückgehen kann. Doch hiemit ist 
des Unzutreffenden noch nicht genug. Der Satz beginnt : ad hos 
magnus adolescenthim numerus discipUnce caiissa concurrit — wer sind 
diese ad gicos? Man sollte meinen : hinter Uli, welches auf die 
Druiden gieng, beziehe hos sich auf die Ritter; allein deutlich stehn 
die Druiden auch hier in Rede. Es muss scheinen : Jemand, für 
den dieses Ortes nur die Druiden existirten , nicht auch der Gegen- 
satz der Ritter, habe die betreffenden Worte geschrieben; und da 
kurz vorher jene Entgegensetzung ausgesprochen wird, und ad hos 
selber heischt, dass Rede von den Druiden unmittelbar und zuletzt 
vorhergehe : so nimmt auch eben hier mit ad hos das Glossem 
seinen Anfang. Zunächst fragt sich nun, wie weit dasselbe sich 
erstrecke. 

Lesen wir uns weiter hinein, so setzt zum ersten Male die Rede 
neu an mit den Worten disciplina in Britannia reperta etc. ; aber 
gerade dieser Satz war ja der hauptsächliche Stein des Anstosses. 
In eine zweite Fuge trifft der neue Capitelanfang ; allein die Worte 
Druides a hello abesse consuerunt konnten nicht unmittelbar hinter 
einem Satze folgen, in welchem die Druiden selber ebenfalls Subjekt 
sind. Die Fortsetzung des echten Textes muss an ihn, an die Worte 
religiones interpretantur sich schlicht und einfach auschlieösen ; und 
hiefiir eignet sich zuerst wieder der Satz , neque fas esse existimant 
ea litteris mandare. Und siehe da, hier würde stillschweigend (!) 
das Subjekt gewechselt; und in dem Neutrum ea verräth noch eine 
Spur der ursprünglichen Verbindung, dass die jetzige nur hinterher 
bewerkstelligt Avorden. Diesem ea fehlt eine passende Rückbeziehung ; 
ist die Disciplin oder die Menge von Versen gemeint, so sollte man 
eam oder eos versus erwarten; dagegen hinter dem Satze : Uli rebus 
divinis intersunt , sacrißcia publica ac privata procurant , religiones 
interpretantur, war die Wahl des Neutrums am Platze, weil das Für- 
wort zumal auf res, sacrißcia^ religiones: Wörter verschiedenen Ge- 
schlechtes zurückgeht. Das Zwischenstück rundet sachlich sich dadurch 
ab, dass es zu Ende wiederum wie Eingangs vom Schulunterrichte 
handelt , sprachlich in sofern , als der magnus nu7nerus vom Anfange 
her am Schlüsse zurückkehrt ; und alle Bedenken oder Zweifel , welche 
uns beim Lesen aufgestiegen sind, berühren den Text innerhalb dieser 
Grenzpunkte. Wir beanstanden in dem fraglichen Abschnitte über- 
haupt Styl und Sprachgebrauch. Wenn wir ii apud eos oder zu 



— 218 — 

Schlüsse von C. 13. eam rem nicht eben sehr gewählt, indess zu- 
lässig finden , so befremdet uns weiter eine gewisse Eintönigkeit der 
Wendungen , und der Redefortschritt hat etwas Gehacktes : in Beidem 
offenbart sich schriftstellerische Armuth. Die beständige Wiederkehr 
von habere in den gleichartigen Verbindungen habet autoritatem, 
controversias habent, habent hnmunitatem, wie auch C. 16. wieder 
im Glossem shmdacra habent hinter habent instituta , macht nicht den 
Eindruck , wie wenn dem Verfasser der Reichthura der Sprache frei 
zu Gebote stünde; wogegen wir z.B. C. 23. an demselben habere 
in keinerlei Weise anstossen. Die Formulirung si quod est admissum 
etc. ; si qui aut i^ivatus ; si qui ex reliquis zählt im ganzen Cäsar 
kaum so viele Beispiele wie hier; und dass viermal hinter einander 
der Satz mit dem Demonstrativ anhebe , in folgender Weise : his autem 
Omnibus ; hoc mortuo ; hi certo anni tempore ; huc omnes U7idique, 
darnach würde man sich bei Ctesar vergebens umsehn. Unklassisch 
ferner ist adlegere in siiffragio Druiduin adlegitur für deligere ge- 
braucht, vielleicht seitdem in clerum adlegere, wie bei Hiei'onymus, 
gewöhnlich geworden war. Und nun vollends in den Worten si qui 
aut privatus aut publicus eorum decreto non stetit das Substantiv 
^t«5?«c?<5^) = Magistratsperson, öffentlicher Beamter: Sprach- 
gebrauch der lex Longobardoruui , der leges Luithprandi! 

Wenn andererseits das Stück sich auch wieder an die Ausdrucks- 
weise Ciesars anschliesst, so beweist diess lediglich, dass der Fälscher 
das Werk de bello gallico gelesen hat, was ohnehin gewiss ist, imd 
etwa noch, dass er sich es einige Mühe kosten Hess, sein Machwerk 
dem ächten Gute zu verähnlichen. Auch dass die gelehrte Reise sich 
mit den zwanzig Unterrichtsjahren kaum vertragen will, zeugt noch 
nicht für Echtheit der einen beider Stellen ; sondern der Dichter 
merkt eben den Widerspruch nicht , weil diesen kein wirklicher Sach- 
verhalt voraus abschneidet, während die Dichtung ihre einzelnen Züge 
von da und dort abschattet und zusammenzieht. Dagegen für unsere 
Annahme, die ganze Stelle sei ein Einschiebsel, zeugt auch der 
Umstand, dass nunmehr der Bericht über die Druiden von seinem 
Umfange verliert und so sein Missverhältniss zu demjenigen über die 
Ritter sich wenigstens sehr verringert. Q^ui discant sowohl wie in 
primis hoc volunt persuadere knüpft nun an jenes letzte 7'eUgiones 
interpretantur an ; nach Maassgabe des echten Textes , welcher so 



*) Man wollte populus lesen , gegen die Autorität der Handschriften ; und das 
Folgende iis omnes decedimt etc. lehrt, dass es sich nur um Einzelne handelt. 
Vom Banne, nicht vom „Interdikt" ist die Rede. 



— 219 — 

oben wie unten (juventuti transdunt ) vom Lehren spricht , legte dann 
der Fälscher ebenfalls Rede vom Unterricht an den Anfang wie auch 
an das Ende. 

Die Ueberzeiigung von der Unechtheit des Zwischenstückes wird 
verstärkt, wenn anderwärts bei Ciesar, wenn vielleicht gar in der 
Nähe sich noch weitere Einschiebsel entdecken lassen. C. 16. könnten 
Einem die aus Flcchtwerk verfertigten Ungethüme, av eiche mit leben- 
digen Menschen angefüllt und dann angezündet werden '), seltsam 
vorkommen; allein weit mehr, als der Kern der Erzähhmg, befremdet 
uns ihre Schale. Alii, heisst es, simulacra habent — in diesem Satze 
ist jedes Wort anstössig. Wie kann der Schriftsteller sagen : sie 
haben welche, als wären es ständige Götzenbilder (in der Mehr- 
zahl) , da man sie doch verbrennt , und zu diesem Ende wahrschein- 
lich sie im jedesmaligen Falle kurz vorher anfertigte? Von der Sache 
selber handelt auch Strabo (B. IV., C. 4., §. 5.) 2) : man verfertigte 
einen Strohkoloss , schichtete Holz in denselben und verbrannte so 
Vieh, allerlei Thiere und Menschen. Von dieser Darstellung weicht 
diejenige bei Cäsar wesentlich ab , kann aber doch auf ihr beruhen, 
so dass die Phantasie das Mehrere hinzugefügt hätte. Der Schreiber 
hier denkt sich den Koloss offenbar noch kolossaler, so dass auch 
Arme und Beine desselben mit Menschen (nur Menschen) vollgestopft 
worden seien ; und für diesen Zweck wählt er auch ein festeres 
Material, vimina statt XOQtog, welches jedoch zum Brennen nicht 
gleich tauglich. So die Sache betrac'^' :, ergibt sich naturgemässer 
Fortschritt. Diodor, zu dessen Zeit der reuel noch bestand, spricht 
nur von nvQul TrafiiieyeO-eig (V, 32.). Die Römer stellten alle 
Menschenopfer ab ; und Strabo , von Vergangenem i'cdend , macht die 
nvQa zum y.oXoaaog. Pseudo - Cäsar endlich weiss Genaueres von 
„den Kolossen" und dem ganzen Hergange des Opfers. Die simu- 
lacra entsprechen jenem xo/offffot,', der kein eigentliches Götzenbild, 
sondern ein Strohmann war : sollen sie nun ebenfalls nicht für Götter- 
bilder gelten, so würde sehr impassend C. 17. zu Anfang von den 
Bildsäulen des Mercur dasselbe Wort gebraucht sein ; trägt dagegen 
der Verfasser Götzenbilder im Sinne , so hat Strabo's Angabc die 
Wahrscheinlichkeit offenbar für sich , und doch sollte Cäsar besser 



•) Alii immani magnitiuline simulacra habent, quorum contexta viminibus 
membra vivis homiiiibus complent, quibus succensis circumventi flanima exani- 
mantur homines. 

2) Die monstra Plin. li. n. XXX ,1,4. gehören kraft des ganzen Zusammen- 
hanges nicht hieher. 



— 220 — 

denn Strabo Bescheid wissen. — Wer endlich sind die alü? Aver zu 
diesen Andern die Einen ? Doch nicht die Kranken , denn diese sind 
zufällig vereinzelte , und alü kann nicht so gemeint sein , dass jeder 
Einzelne sein simulacrum habe und Menschen verbrenne. Die Krieger 
köiinen diese Einen auch nicht sein , denn die Menschen , welche 
verbrannt werden , ihrer zugleich eine Mehrzahl , sind wohl meist 
Kriegsgefangene, und von den Kriegern heisst es oben dessgleichen • 
sie opfern Menschen. Da diese hier im hohlen simulacrum verbrannt 
werden, so sind sie ohne Zweifel auch Opfer, und von Menschen- 
opfern ist vorher die Rede , nicht jedoch von einer besondern Art 
des Verfahrens, der das Verbrennen im Weidengeflecht entgegenzu- 
setzen wäre ; wogegen bei Strabo allerdings vei'schiedene Arten des 
Menschenopfers zusammengestellt sind. Wären aber unter alü andere 
als die Gallier zu verstehen, obgleich von diesen auch nachher wie- 
der gehandelt wird , so würde der Angabe Strabo's vollends wider- 
redet ; und sein Zeugniss vermag alsdann auch den Bericht hier nicht 
mehr zu beglaubigen. Es liegt am Tage : der Satz ist ein Ein- 
schiebsel. Auch im Uebrigen schlecht abgefasst, indem die Beziehung 
von quibus schielt und so die Aussetzung des Subjektes homines 
nöthig macht, lässt er sich ohne Nachtheil aus dem Zusammenhange 
herausnehmeu, welcher dadurch nur straffer wird, indem düs immor- 
talibus auf deorum immortalium zurückschlägt und durch gratiora 
supplicia das numen desto kräftiger placatur. Der Schreiber schöpfte 
aus Strabo. In dem queeren unbegreiflichen alü scheint wirklich nur 
xat alXa de von dorther nachzuklingen ; und xoXoooog Hess an eine 
Göttei-bildsäule denken gleich der rhodischen. Sind die Worte aber 
unecht, so rühren sie möglicher Weise von einem Christen her; und 
solchen zumal kostete es nur noch einen Schritt, um den Götzen 
Moloch sich einfallen zu lassen, in dessen Innerem Feuer brennt und 
die Menschenopfer verzehrt. Der Gleiche scheint nun auch C. 17. 
von Quce superaverint an (lies mit Clarke quum superaverunt) alles 
Folgende geschrieben zu haben. Wie C. 16. Art und Weise des 
Opfers, wird hier diejenige der devotio beschrieben; und gerade die 
Menschen (vgl. Tacit. ann. 13, 57.) übergeht hier der Schreiber, weil 
er, was mit diesen geschehe, schon oben C. 16. gesagt hat, obgleich 
das dort der Brauch war bei „Andern"! Wie C. 16. an den Moloch, 
so werden wir hier an das alttestamentliche Verbannungsgelübde 
erinnert. Auch die Israeliten tödteten alles Lebendige (5 Mos. 20, 16. 
Jos. 6, 21.); die übrige Beute fiel dem Tenipelschatze anheim (Jos. 

6, 24.); und auf Verheimlichung stand gleichfalls Todesstrafe (Jos. 

7, 15. 24 f.) Nun weiss zwar auch Diodor (V, 27.) von vielem Golde, 



— 221 — 

das in den Heiligthümern der Götter niedergelegt sei , und an dem 
sich aus religiöser Scheu Niemand vergreife ; aber er spricht nur von 
Golde , gar nicht von Kriegsbeute , und schweigt auch von jeder 
Strafandrohung : sonderbar , dass unser Text gerade da , wo er sich 
von Diodor entfernt, auch in den Kreis biblisch-christlicher Anschauun- 
gen eintritt! Auch Strabo erwähnt nach Posidonius der Tempel- 
schätze in Tulosa (IV, 1, 13.), und die Sache verhält sich soweit 
gewiss richtig (vgl. auch Sueton. Cäsar C. 54.); dagegen sind, wie 
C. 16. der Koloss sich vergrösserte , so die cumuli hier zu tumuli 
aufgedunsen, in Uebereinstimraung damit, dass zum Golde hier noch 
andere Dinge hinzukommen, und mit locus consecratus zunächst ein 
or^xog unter freiem Himmel verstanden sein soll. Uebrigens fand sich 
dieser Ausdruck, der ganz theologisch klingt, schon C. 13. vor gegen 
Schluss , und ist anderwärts bei Cäsar nicht zu entdecken. Ei rei, 
geringe Rede und an jenes eain rem C. 13. gemahnend, mag hin- 
gehn. 

Je grösser an Umfang ein solches verdächtiges Schriftstück, je 
belangreicher sein Inhalt, desto weniger ist auch anzunehmen, dass es 
einem müssigen Spiel seine Entstehung verdanke, dass lediglich eine 
Laune oder eine zufällige Ideenverbinduug dasselbe an die Hand gab. 
In dem Maasse wie es sich ausdehnt und in's Gewicht fiillt, wird 
auch wahrscheinlich, dass desshalb den Schreiber die Mühe nicht 
verdross , weil er einen Zweck verfolgte ; dass er sehr wohl wusste, 
was und warum er es that. Soll daher unser Argwohn gegen das 
fragliche Stück C. 13. 14. zur Gewissheit werden, so wird nachzu- 
weisen sein, dass das Einschiebsel Absichtlichkeit verräth; widrigen- 
falls würden wir uns nie vollkommen beruhigt fühlen und würde der 
Zweifel immer wiederkehren, ob nicht der Schein doch täusche, ob 
nicht bloss ein unglückliches Zusammentreffen von luzichteu , von 
denen einzeln keine beweist , denselben geschafifen habe. In der That 
vermögen wir nicht nur einen Zweck der Fälschung anzugeben : Zu- 
stände , wie sie der Verfasser gerne verwirklicht sähe , und die er 
darum durch das Beispiel der Druiden empfiehlt , sondern es lässt 
sich auch zeigen , aus welchem Grunde das Unkraut aufwucherte, 
nämlich aus M-elchem thatsächlichen Anschauungskreise, der Vorstufe 
des Ideals , das Schriftstück hervorgieng. Ja sogar der örtliche Boden 
seines Ursprungs scheint angedeutet, und ebenso das ungefähre Zeitalter. 

Mit Recht stellt man an eine Hypothese das Verlangen der 
Sparsamkeit ; wo wir auskommen können mit Einer Person z. B. , da 
sollen wir nicht mehrere in den Dienst rufen : also nehmen wir an, 
das Einschiebsel C. 13. 14. theile mit jenen C. 16. und 17. denselben 



— 222 — 

Urheber. Letztere befinden sich in nächster Nähe, und einige Aehn- 
lichkeit im Ausdruck wurde bereits angemerkt; somit aber würde es 
auch C. 13. 14. ein Christ sein, der hier die Hand im Spiel hatte. 
Durch die Untersuchung des Stückes selbst wird diess bestätigt 
werden. Wenn ein Christ, war der Schreiber ein verhältnissmässig 
gebildeter, vielleicht gelehrter Mann; und sollten wir in die Zeiten 
heruntergehn müssen, da die lateinische Sjjrache ausgelebt hatte, so 
wird man in ihm am füglichsten einen Kleriker sehn, da je länger 
je mehr alle Gelehrsamkeit, Keuntniss der Kirchensprache und Fähig- 
keit sie zu schreiben , ausschliesslich den Geistlichen anheimfiel. Für 
einen Solchen am ehesten hatte auch die Analogie aus der Heiden- 
welt, das Driiidcnthum, etwas Anziehendes ; und so ist denn schlie.ss- 
lich auch die Vermuthung gestattet , dieser christliche Kleriker sei 
selber gallischer Abstammung oder Gallien sein Vaterland gewesen. 
Vielleicht war er dann ein Franke , höchst wahrscheinlich aber kein 
Arianer, sondern katholisch. 

Betrachten wir nunmehr den Bericht über die Druiden genauer, 
so finden wir : In ihrer Hand liegt der Volksunterricht, sie sprechen 
Recht in Civil- imd Strafsachen, und schliessen von der Theilnahme 
am Gottesdienst aus ; sie haben ferner ein (nicht erbliches) Oberhaupt, 
entrichten keine Abgaben, und sind frei vom Kriegsdienst wie auch 
von allen übrigen Lasten. Dieses Bild sieht ganz so aus , als sei es 
von der Stellung abgeschattet, welche die katholische Kirche im 
Mittelalter theils wirklich einnahm , theils mit mehr oder weniger 
Glück anstrebte ^). Unter der dünnen Hülle lassen sich die Kloster- 
schulen , Kirchenbann und Papst , und — das Wort selber ist ge- 
braucht — die geistlichen Immunitäten deutlich erkennen. Die 
Angabe C. 14., wie man um der äusseren Vortheile willen, die der 
geistliche Stand bot, sich zu demselben zudrängte, lautet, als wäre 
sie entlehnt aus der Kirchengeschichte seit Constantin ; und von der 
Schilderung, wie einen Ausgeschlossenen (cui sacrificiis est inter- 
dictum) Jedermann flieht, alle Berührung mit ihm meidet, um nicht 
Schaden zu nehmen u. s. w. , passt Zug für Zug zur kirchlichen 
Excommunikation , auf welche der Satz : neque (Jis) honos ullus com- 
municatur vielleicht anspielen will. Allerdings erscheint bei unserer 



•) „Die Einrichtung des Draidenwesens hat viel Aehnlichkeit mit der römi- 
schen Hierarchie", sagt M o n e (Gesch. des Heidenthums im nördl. Europa II, 391.) ; 
und auch Mommsen (Rom. Gesch. III, 216.) spricht den Eindruck wesentlich 
des Berichtes bei Cäsar mit den Worten aus : Man war nicht fem von einem 
Kirchenstaat if. 



— 223 — 

Hypothese der Begriff Druiden schillernd und zweideutig, denn Schule 
gehalten wird von den Klostergeistlicben , mit dem Banne belegt der 
Bischof, frei von der Wehrpflicht sind, Mönche mitinbegriffen , alle 
Kleriker ; allein wenn in eine einfacher umrissene Vorstellung eine 
mannigfach gegliederte eingezwängt wird , so niuss das Bild unver- 
meidlich in's Schwanken gerathen. 

Wenn diess Alles von Cäsar wirklich geschrieben wurde, so 
muos im höchsten Grade auffallen , dass dergleichen specifische Dinge 
wie Bann, Oberdruide, Immmiität kein anderer Schriftsteller, weder 
Diodor , noch Strabo , noch Ammian u. s. w. bezeugt oder aber be- 
streitet ; dass Keiner von Cäsar's Aussage irgend Kenntniss zu haben 
scheint. Von Unterricht, welchen die Druiden ertheilen , spricht Cäsar 
selbst im echten Texte, und dass sie mit dem Richteramte in Privat - 
und öffentlichen Angelegenheiten betraut waren, namentlich zu erkennen 
hatten über Mord, gibt auch Strabo an; aber in demselben Satze 
macht dieser sie zu Schiedsrichtern im Kriege (s. auch Diodor V, 31.), 
und jene Druiden auf Mona nahmen an der Schlacht Theil. Hier- 
nach wird die Behauptung , Drindes a hello abesse consuerunt , min 
destens zu beschränken sein. Was unmittelbar vorhergeht , das 
Druidenthum sei aus Britannien gen Gallien verbracht, haben wir 
wegen des Widerspruches gegen Cäsar selbst und Tacitus schon oben 
beanstandet; der Völkerzug geht von Ost nach West : welche Religion 
hätte denn vorher in Gallien gegolten ? Die Notiz ferner von den 
jährlichen Versammlungen im Mittelpunkte des Landes mag auf echter 
(indess dann wie alter ?) Ueberlieferimg beruhn ; allein es fällt schwer 
zu glauben, dass „überallher Alle, die eine Streitigkeit haben, dort 
zusammenkommen", um Recht zu nehmen. Diese controversice könnten 
doch wohl nur die wichtigeren Prozesse sein , oder in letzter Instanz 
zu entscheidende. Und wer gewinnt, wird dem Spruche willig ge- 
horchen ; also nimmt sich eorum decretis Judiciisque parent sonderbar 
aus , fast wie ein Beispiel aufgestellt zur Nachahmung , als Geschichte, 
die erbaulich sein will. AVie soll man es schliesslich reimen , wenn 
der Verfasser nach dem Satze fere de omnibus controvcrsüs publicis 
privatisque constituunt als etwas Neues mit et ausser den Criminal- 
fallen si de hcereditate , si de finibus controversia est hinzufügt ? 
Ordnen sich denn die Erb - und Grenzstreitigkeiten nicht imter jene 
controversia privata' oder etwa auch die publica' f Nemlich bei Strabo 
folgen auf die idiimixal XQiaeig xai xoiiai die (fovixai dixai. Beides 
wiederholt der Schreiber hier; weil er aber den Gedanken des Andern 
nur nachschrieb und nicht selber scharf dachte , so lässt er nun, was 
sich zum erklärenden Beispiel eignet, als selbstständige Kategorie 



— 224 — 

auftreten. Diesen Unzusammenhang verschuldet entweder eine Gedan- 
kenlosigkeit, wie sie einem Cäsar nicht zuzutrauen, oder er geht eben 
aus jener Zweiheit des Bewusstseins hervor : in dem einen wie im 
andern Falle ist die betreffende Stelle unecht. 

Um hiefür den Beweis zu Ende , nämlich einzelne Aussagen auf 
ihr Substrat zurückzuführen, übrigt noch, dass soweit möglich die 
Zeit genauer und die Heimath des Schriftstückes bestimmt werde. 
Die Grenze , bis zu welcher hin es in den Text hereinkam , wird durch 
das Zeitalter der ersten Handschrift bezeichnet , welche dasselbe 
bereits enthält: man setzt sie, die erste Bongai-sische , in das 9. Jahr- 
hundert. Betreffend den Zeitpunkt, von wann an, so hängt sich die 
Frage mit derjenigen nach dem Orte zusammen. Wir fanden bereits, 
dass um des Gegenstandes willen zunächst an Gallien , einen Bewoh- 
ner Galliens zu denken sei. Hier wahrscheinlich wurden ja auch die 
falschen Dekretalien ausgeheckt; hieher, an Karl den Grossen, adres- 
sirte sich Constantin's angebliche Schenkimgsurkunde ; hier im frän- 
kischen Reiche wurde Pseudodionysius Areopagita hochgehalten und 
übersetzt *). Dass die Verbindung impius et scelevatus sich ganz 
eigentlich in un impie, un sc^l^rat erhalten habe, wird nicht zu 
sagen und nichts darauf zu bauen sein ; und wenn unter Karl dem 
Grossen die Geistlichkeit durch die Bischöfe als Stand neben dem 
Adel erscheint, z. B. auf Reichsversammlungen, so möchten wir nicht 
einzig desshalb bis in den Anfang des 9. Jahrhunderts heruntergehn. 
Jenes Verhältniss war in Anlage und auch in der Wirklichkeit schon 
seit dem 6. der Art vorhanden, dass bei den Worten de his duobus 
generibus alterum est Druidwn, alterum eqidtum die Aehnlichkeit der 
Gegenwart auffallen konnte. Andererseits trifft das Einschiebsel gewiss 
nicht über das 7. Jahrhundert hinauf. Eine Schule eröffnete zwar 
schon Benedikt selbst, und mit dem Ausdruck unserer Stelle heisst 
es: ccepere ad euni conciirrere^). Das war aber auf Monte 
Cassino ; und von Klosterschulen , wie sie hier sich Aviederspiegeln, 
findet sich die erste Spur lange nach Cassiodor in der regula magistri 
aus der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts ^). Ist ferner duijch den 
Oberdruiden der Papst abgebildet, so führt uns die Stelle freilich 
mit Nothwendigkeit nur bis auf Leo, den Grossen, herunter, und das 
Gesetz Valentinians III, welches auch die gallikanischen Bischöfe der 
Autorität des papa urbis cetermce unterordnete *) ; und wenn angemerkt 



') S. Gieseler, K.-G. II, 1, 162 

2) Gregor. M. dial. II, 3. 

5) Gieseler , K.-G. 1 , 2. S. 424. 

*) Gieseler, K.-G. I, 2. S. 226. 



— 225 — 

wird , es komme zwischen den Bewerbern bisweilen zum Kriege , so 
muss dieser Apologie nur eben der Fall des Daniasus vorgelegen 
haben. Wenn aber hier zwischen den Druiden und ihrem Oberhaupte 
durchaus keine Mittelstufe angedeutet wird , so darf daran erinnert 
werden , da.ss der Metropoliten Ausehn und Einfluss , wiederum von 
Pseudo-Isidor befehdet, im fi. und 7. Jahrhundert fort und fort sank; 
seit der Mitte des letztern gab es bei den Franken gar keine Erz- 
bischöfe mehr. Freilich übte damals, wie später, Gewalt über die 
Bischöfe nicht der Papst, sondern der König; hiedurch jedoch konnte 
die geschichtlich und in der Sache begründete ideale Forderung nicht 
beeinträchtigt werden. Was im Weitern die weltliche Gerichtsbarkeit 
der Druiden anlangt, so wird sie, wie wir sahen, von Strabo 
bezeugt ; aber von der Sache Meldung thun wollte unser Mann dess- 
halb , weil seit Chlotars constitiitio generalis vom Jahr 560. die 
Bischöfe alle Gerechtigkeitspflege zu überwachen hatten. Das dritte 
Concil von Toledo vom Jahr 589. ordnet sogar eine jährliche Zu- 
sammenkunft am 1. November an (vgl. certo anni temjyore!), in 
welcher die Richter sich vor dem sacerdotale concüium zu rechtfer- 
tigen und Weisungen zu empfangen haben. Bürgerliche Nachtheile 
knüpfte an die Excommunikation schon sechs Jahre nachher ein Erlass 
Childeberts *) ; und wenn nur allmälig die Kirchengüter Abgabenfreiheit 
erlangten , so kam die Immunität hiemit doch in Gang. Den kirch- 
lichen Besitzthümeni lag bis auf Chilperich nicht ob , Militär zu 
stellen , und auch nachher waren nur die vom Könige verliehenen 
hiezu verpflichtet. Die Verpflichtung erscheint aber nicht als eine 
persönliche der Kleriker selbst ; dass Bischöfe mit in den Krieg ziehn, 
wird als Ausnahme der Merkwürdigkeit wegen berichtet ^j. — Haben 
wir schliesslich die Aussage, das Druidenthum sei von Britannien 
nach Gallien gekommen, für ungeschichtlich erklärt, so müssen wir 
uns auch da nach einer Thatsache umsehn, welche in jener Behaup- 
tung reflektirt erscheine. Die „ disciplina " wäre christliche Wissen- 
schaft ; und die Worte sind einfach darauf zu beziehn , dass von den 
brittischen Inseln gelehrte Mönche herüberkamen nach Bm-gund und 
hier wissenschaftliche Bildung verbreiteten. Columban und Gallus, 
zeitgenössisch mit Gregor dem Grossen uud jenem Childebert, sind 
dem Verfasser also bereits dagewesen ; und so gelangen wir auch auf 
diesem Wege herab wenigstens in die erste Hälfte des 7. Jahrhunderts. 
Ob wir nun aber hierselbst stehn bleiben sollen V Das Einschiebsel 



') S. Gieseler a. a. 0. 447. 48. 

*) Gregor v. Tours IV, 43. vgl. Gieseler a. a. O. S. 444. 



— 226 — 

stellt in der Hauptsache ein Ideal auf, welches zum Theile bereits 
verwirklicht ist, zum Theil es werden sollte und allmälig auch ward. 
Die kirchlichen Einrichtungen befestigten sich ; das Streben des Klerus, 
sich vom Drucke der weltlichen Gewalt zu befreien und vielmehr 
selber über den Staat zu herrschen, blieb stets das gleiche, und die 
Kirche griff immer weiter um sich : je mehr nun Bestandtheile der 
Schilderung als in Wirklichkeit bestehendes Verhältniss angesehen 
Averden , desto tiefer muss man auch heruntergehn , bis in die Nähe 
des vermuthlichen terminus ad quem. Einem Schreiber im 9. Jahr- 
hundert standen auch die Vorbilder des siebenten zur Verfügung. 
Aus Britannien herüber kam , wie Columban und später Johannes 
Scotus, auch Winfried; wissenschaftliche Bildung sowie den Volks- 
unterricht zu heben , bemühte sich Karl der Grosse ; und unter Lud- 
wig dem Frommen erhielten die Pfarreien von Abgaben befreiten 
Grundbesitz ; auch nahm er einer Klasse von Klöstern die Lehnspflich- 
der Heerfolge ab, andern ausserdem alle übrigen Leistungen^). Wäht 
rend die Geistlichkeit immer mehr sich dem weltlichen Gericht entzog, 
erhielten viele Kirchen durch die Karolinger Gerichtsbarkeit nicht 
bloss über ihre Colonen ; und unter Karls schwachen Nachfolgern 
„strebten die Bischöfe dahin, den Pa})St zu ihrem Richter zu erhalten 2)." 
Die Excommunication endlich wurde bis in das 9. Jahrhundert nach 
ihren bürgerlichen Wirkungen dem Bilde hier bei Cäsar stets ähn- 
licher. Nullo militice secularis uti concilio nullamque reipublicce debent 
administrare dignitatem beschloss die Synode von Pavia (v. J. 850.) ; 
auch unterschied man jetzt allgemeiner einen höhern Grad , das Ana- 
thema, welches die Getroffenen als putrida ac desperata membra vom 
Kirchenleibe wegschnitt ^). — Nach solcher Lage der Akten wird man 
geneigt sein, das Schriftstück etwa in die erste Hälfte des 9. Jahr- 
hunderts zu setzen. Wenn es aber an sich schwer halten dürfte, 
eine endgültige Entscheidung zu treffen , so wird überdiess das Ur- 
theil noch durch das Alter unserer Handschrift I. bedingt; und dieses 
genauer zu bestimmen , bleibt Andern vorbehalten , die Gelegenheit 
haben, das Buch einzusehn. 



«) S. Gieseler, K.-G. II, 1, 75. 53. 
ä) A. a. O. S. 76—78. 
ä) A. a. 0. S. 169. 



227 — 



BEITRAG ZUR LEHRE VOM VERSUCH DES VERBRECHENS. 



Von E. OSKNBRrOGEN. 



I. Es kommen nicht selten Entscheidungen in Strafrechtsfällen 
vor, die dem allgemeinen Rechtsgefühl anstössig sind. Wiederholen 
sich solche Fälle in derselben Richtung, oder drehen sicli mehrere 
Fälle der Art um denselben Punkt, so darf die Wissenschaft sich der 
Aufgabe nicht entziehen, zu untersuchen, welche Bewandtniss es mit 
dem zur Anwendung gebrachten Gesetze oder Rechtssatze habe ; denn 
wenn auch das, was allgemeines Rechtsgefiihl genannt Avird, eine 
sehr unbestimmte Grösse ist, und wenn demselben nur das Recht zu 
fühlen, nicht aber zu urtheilen , zugestanden werden kann, so mag 
es doch, wie überhaupt den Menschen oft das, was ihm sein Gefühl 
sagt, zum weiteren Nachdenken hinfülirt, die Veranlassung abgeben, 
das juristische Denken zu impelliren. 

Einige neuere Entscheidungen höchster deutscher Gerichte, die 
sieh um eine schon alte Controverse aus dem Gebiete des Versuchs 
der Verbrechen drehen, haben Bedenken bei Juristen und Nichtjuristen 
erregt und es lohnt sich wohl, diese Controverse in der von den 
anzuführenden Entscheidungen gegebenen Beziehung wieder in's Auge 
zu fiissen. 

Um meine Leser sogleich über das Thema zu orientiren , be- 
merke ich, dass in einer bekannten Abhandlung über den Vei-such 
eines Verbrechens von Bauer unter dem Gesichtspunkt der „an sich 
tauglichen Versuchsliaudlungen wider einen zur Vollbringung des 
beabsichtigten Verbrechens nicht geeigneten Gegenstand" auch 
der Fall aufgeführt ist, wo Jemand „zum Stehlen einstieg und den 
Schrank erbrach, worin das Geld, welches er stehlen wollte, auf- 
bewahrt wurde, dieses jedoch vom Eigenthümer unmittelbar vorher 
ausgeliehen worden war." Dass solche Fälle häufig vorkommen, 
wird Niemand bezweifeln ; wie die neuere Praxis sich zu ihnen stellt, 
zeigen folgende Beispiele : 

1) In Preussen wurden einige Angeklagte wegen Diebstahls- 
versuchs verurtheilt, weil sie in eine Scheune eingebrochen waren, 
um Roggen zu stehlen, und an der Ausführung dieses Diebstahls 
nur dadurch verliindert wurden, dass gar kein Roggen in der Scheune 
Avar. Die Angeklagten wurden jedoch, unter Vernichtung des unter- 
gerichtlichen Urtheils, durch das Urtheil des Obertribunals vom 



— 228 — 

22. Februar 1854 freigesprochen , weil ein auf einen bestimmten 
Gegenstand gerichteter Diebstahl, wie hier festgestellt, bei dem Nicht- 
dasein des Gegenstandes ohne besondei'e, hier nicht erhellende Um- 
stände überhaupt keinen Anfang nehmen könne , der Versuch eines 
Verbrechens aber nach §. 31. des Strafgesetzbuches nur dann straf- 
bar sei , wenn derselbe durch Handlungen an den Tag gelegt sei, 
welche einen Anfang der Ausführung enthalten. 

2) Das Oberti-ibunal sprach gleichfalls (Urtheil vom 29. Sept. 
1854) einen Angeklagten frei, der eine verschlossene Kammer mit 
Nachschlüsseln eröffnet hatte, in der Absicht, sich daraus Brod an- 
zueignen und an der Ausführung der That nur dm*ch den Umstand 
gehindert war, dass in der Kammer sich kein Brod vorfand. 

3) Dieselbe Theorie , der das preussische Obertribunal im Kampf 
mit den Untergerichten huldigt, hat in einem früheren Falle das 
Ober-Appellationsgericht zu Dresden geltend gemacht*). A. war in 
ein Institutsgebäude eingeschlichen, um ans dem ihm als ehemaligem 
Zöglinge des Instituts bekannten Schreibzimmer des Directors Geld 
zu entwenden, hatte dieses Zimmer aufgesucht, war jedoch, nachdem 
er ein Zimmer geöffnet, welches früher das Schreibzimmer gewesen, 
jetzt aber als Schlafzimmer des Directors diente, verscheucht worden. 
„In diesem Schlafzimmer hat das Pult (in welchem der Director Geld 
zu haben pflegte, imd auch jetzt mindestens 20 Thaler sich befanden) 
nicht gestanden und ebensowenig geht aus der Aussage des Directors 
hervor, dass er in dem Schlafzimmer Geld aufbewahrt habe" ; unter 
diesen Umständen, erkannte das Ober-Appellationsgericht zu Dresden, 
sei die Bestimmung des Art. 27 massgebend. Die untere Instanz 
wollte den Art. 26 über Versuch des Verbrechens zur Anwendung 
bringen. Der Art. 27 des Strafgesetzbuches von 1838 lautet : „Konnte 
an dem Gegenstande, gegen welchen die gesetzwidrige Handlung 
gerichtet war, eine Rechtsverletzung nicht begangen werden, so ist 
der Thäter mit einem -dem Grade der an den Tag gelegten Bös- 
willigkeit angemessenen Strafe bis zu vierjährigem Arbeitshause zu 
belegen". 

4) Der grossherzoglich hessische Cassationshof (12. Juli 1852) 
dagegen nahm in einem ähnlichen Falle Versuch eines ausgezeich- 
neten Diebstahls an. Der Schuhmachergeselle G. hatte sich in die 
Wohnung des Schuhmachermeisters S. in Worms, bei welchem er 
früher in Arbeit gestanden, unter dem Vorwande, daselbst wieder in 
Arbeit zu treten , eingeschlichen , dort einen Commodepult mittelst 



«) Neue Jahrbücher für sächs. Strafrecht, VH (1852), S. 107. 



— 229 — 

einer Zange gewaltsam eröffnet und eine Commodeschiiblade auf gleiche 
Weise zu eröffnen versucht, in der von ihm eingestandenen Absicht, 
Geld , welches früher in dieser Commode aufbewahrt gewesen , daraus 
zu entwenden; die Ausführung wurde nur durch den Umstand ver- 
eitelt, dass sich zu dieser Zeit kein Geld mehr in der Commode 
befand. Um nicht ganz leer auszugehen, nahm G. ein Paar Pan- 
toffeln des S. aus dem Zimmer mit. 

Die angeführten Fälle sind zwar in ihrem Detail nicht gleich, 
die Entscheidung dreht sich jedoch in allen um denselben Hauptpunkt; 
da aber diese Entscheidung bei verschiedenen so angesehenen deut- 
schen Gerichten so verschieden ausfällt, so liegt darin für die Doktrin 
eine starke AuflForderung , die Sache von Neuem in Angriflf zu nehmen. 
Die Urtheile des preussischen Obertribunals uyd des sächsischen Ober- 
Appellationsgerichts haben wohl das allgemeine Rechtsgefühl gegen 
sich, allein das beweist an sich solchen Gerichten gegenüber, die 
juristischen Gründen zu folgen pflegen, eben so wenig etwas, als die 
hie und da von Juristen gegen eine solche Auffassung gemachte Ein- 
wendung, dass ja in Fällen, wie es die genannten sind, ganz klar 
ein Diebstahlsversuch vorliege. Eine Behauptung ist kein Gegen- 
beweis. 

In dem Worte „ver - suchen* ist „ver" (wie das lateinische per) 
die so gewöhnliche Verstärkung (verhindern, vermeiden etc.). Wer 
etwas sucht, ist thätig es zu finden, hat es also noch nicht gefunden. 
In dem Worte „versuchen" ist aber die ursprüngliche Bedeutung des 
„suchen" nicht festgehalten, sondern ein sehr verwandter, erweiterter 
Sinn substituirt. Wer etwas versucht, ist thätig damit etwas werde, 
zum Dasein komme ; so lange der Versuch dauert , ist es nicht ge- 
worden, aber der Versuchende •' at es schon in seiner Vorstellung, 
es ist das Ziel, dem er zustrebt, und seine Absicht ist darauf ge- 
richtet. Einen unabsichtlichen Versuch gibt es nicht. 

Versuch des Verbrechens ist demnach das Thätigsein zur 
Hervorbringung des Verbrechens, auf welches die Absicht gerichtet 
ist, oder genauer, da Verbrechen einen Complex von subjectiven und 
objectiven Momenten enthält, zur Hervorbringung der beabsichtigten 
Rechtsverletzung, durch welche der Begriff des Verbrechens erfüllt 
wird. Wenn wir also von der Absicht ausgehen und die Beziehung 
zu ihrem rechtlichen Object festhalten, so ergibt sich für den Ver- 
such des Verbrechens ein positives und ein negatives Moment: die 
Absicht ist objectivirt, aber nicht verwirklicht. 

„Objectivirt" ist nicht gleich mit -,manifestirt". Manifestation 
der Absicht ist Kundmachung der Absicht, d. h. Aufschluss über das 

WissenschaftUche Monatsschrift. \^* 



— 230 — 

Innere ; sie kann geschehen dui-ch das Geständniss und die eigne 
Aussage dessen, der sie hegt oder hegte; diese Aussage ist aber 
kein Thätigsein zur Hervorbringung der Rechtsverletzung, kein Ver- 
such des Verbrechens, so wenig als die Drohung, ein solches begehen 
zu wollen. Objectivirung der Absicht ist Ausführung derselben ; das 
Innere geht in's äussere Dasein über. Verwirklicht ist die Absicht erst 
dann , Avenn ihr Aeiisseres an ihre , des Innern , Stelle getreten ist '). 

1. Die Absicht ist objectivirt durch das gewählte Handeln. 
Dieses ist das Mittel zum Zweck. Wer ein Verbrechen hervorbringen 
will, muss sich nach einem zweckmässigen Mittel umsehen und sich 
zum Handeln in Stand setzen (Vorbereitung); in das Stadium des 
Versuchs tritt er erst durch das die Absicht objectivirende Handeln, 
oder die Anwendung des Mittels zur Verwirklichung seiner rechts- 
widrigen Absicht. Der Versuch des Verbrechens befindet sich also 
zwischen den beiden in Relation stehenden, durch die Absicht und 
die Rechtsverletzung fixirten Punkten. 

2. Die Absicht ist nicht verwirklicht. Sie ist diess eben 
so wenig bei dem beendigten Versuch, als dem nichtbeendigten ; in 
beiden Fällen ist ein Thätigsein, welches nach einem Ziele hinstrebte, 
aber es nicht erreicht hat. Das Handeln, welches als Mittel zur 
Verwirklichung der Absicht gewählt wurde , ist bei dem beendigten 
Versuche nicht bloss aus dem Innern (Vorsatz) heraus in die Wirk- 
lichkeit gesetzt , sondern bis zu dem Punkte geführt , der sich als 
Endpunkt des Versuchs dem Anfangspunkte gegenüberstellt. Die 
Objectivirung der Absicht hat in diesen beiden Punkten ihre feste 
Grenzbestimmung und ausserhalb ihrer Grenzen liegen sowohl nach 
der einen Seite hin die Voi'bereitungshandlungen, als nach der andern 
Seite hin die wirkliche Verletzung des Rechts , auf welche die Absicht 
gerichtet war. Diese Verletzung, als aus der Handlung hervorgegan- 
gen, ist ihr Erfolg, aber das auf die Verwirklichung dor rechts- 



*) E. Ilerrmanii nennt iu seinem Aufsatze „über Absicht und Vorsatz" (Archiv 
des Criminah-echts , 1856, S. 9.) meine ersten Andeutungen über den Unterschied 
von Vorsatz und Absicht und die Relationen von Vorsatz und Handlung , Absicht 
und Erfolg (in meiner Monographie über die Brandstiftung S. 197.) Behauptungen, 
die „sicher falsch , ja in der That unbegreiflich" seien. Gegen seinen Ausspruch, 
dass ihm etwas unbegreiflich sei , kann ich natürlich nichts einwenden , so wenig er 
eine Einwendung machen kann gegen meine Erklärung, dass mir die Phrasenfülle in 
seinem Aufsatze bogreiflich sei. Allein unbegreiflich ist es mir , wie er aus meinen 
kurzen , gar keine Phrase enthaltenden Sätzen hat herauslesen können , dass ich 
glaube, „Absicht und Erfolg gehörten der objectiven Sphäre an", während ich 
dieses von dem Erfolge des Handelns , auf den die Absicht gerichtet sei , aussagte. 



— 231 — 

widrigen Absicht bezielte Handeln hat häufig einen andern Erfolg, 
der hinter jener Verwirklichung zurücksteht und noch dem Gebiete 
des Verbrechensversuchs angehört. 

Fragen wir in den Fällen des Verbrechensversuchs nach dem 
Grunde der Nichtverwirklichung der durch das Handeln objectivirten 
Absicht, so liegt er entweder in dem Willen des Handelnden (frei- 
williges Abstehen vom Versuch) oder ausser demselben. Nur der 
letztere Fall hat eine Beziehung zu unserem Thema. 

Wenn dem Handelnden sich äussere Hindernisse entgegenstellen, 
die er nicht überwinden kann oder mag, so liegt in dem Abstehen 
kein freier Wille, sondern auch in dem Falle, wo er die äusseren 
Hindernisse hätte überwinden können , aber nicht überwinden mag, 
ist der Wille bestimmt durch die Hindernisse und diese sind der 
Grund des Abstehens vom Versuch. Hieran reiht sich auch der Fall, 
wo ein Handeln als Mittel zur Verwirklichung der Absicht gewählt 
wurde, welches nicht geeignet ist, dahin zu führen, der sogenannte 
Versuch mit untauglichen Mitteln (s. oben S. 39.) und ebenfalls der 
sogenannte Versuch am fehlenden oder untauglichen Object. 

Einen Anhalt für die Behandlung des letzteren Thema's bietet 
uns das römische Recht, denn es heisst 1. 43. §. 5. (vgl. §. 10. 11.) 
D. de furtis : „Quodsi dominus id dereliquit, furtum non fit ejus, 
etiamsi ego furandi animum habuero , nee enim furtum fit, nisi sit cui 
fiat ; in proj^osito autem nuUi fit, quijjpe quum placeat Sabini et 
Cassii sententia existimantium , statim nostram esse desinere rem, 
quam derelinquimus". Ferner 1. 6. D. expil. hered. : „Si rem heredi- 
tariam , ignorans in ea causa esse , surripuisti , furtum te facere re- 
spondit. Paulus : rei hereditariffi furtum non fit , sicut nee ejus , quae 
sine domino est, et nihil mutat existimatio surripueutis". Wir sehen 
aus diesen Stellen, dass die Römer über die betreffende Frage Zweifel 
hatten , dass aber für den Diebstahl die Ansicht durchdrang , dass 
dem Glauben des Contrectantcn gegenüber die Qualität der Sache 
entscheide. Daraus folgt nun zwar noch nicht der allgemeine Satz, 
dass (gemeinrechtlich) der sogenannte Versuch bei fehlendem oder 
untauglichem Object straflos sei, aber es ist doch jene Entscheidung 
sehr beachtenswei'th. 

Im Wort und Begriff „Absicht" liegt immer die Beziehung auf 
ein Ziel. Bei dem Verbrechen der Tödtung ist das Ziel die Ver- 
nichtung eines Menschenlebens , also der Gegenstand des Handelns in 
concreto ein lebender Mensch. Welchen Vorsatz derjenige auch fixsse 
und welche Handlung er unternehme, der einen Menschen tödten will, 
welcher nicht getödtet werden kann, weil er schon todt ist, so fehlt 



— 232 — 

das nottwendige Correlat zu der Absicht. Wei- nach Utopien reist, 
der schweift in der Irre, welchen Weg er auch einschlagen mag, 
denn es führen alle Wege nach Rom , aber keiner nach Utopien. Das 
Handeln befindet sich in jenem Falle nicht als Mittel auf der Bahn, 
auf welcher sich der Versuch des Verbrechens zu bewegen hat, denn 
es fehlt einer der beiden Punkte, bei deren Vorhandensein ein Mittel 
allein denkbar ist. Darnach liegt hier ebensowenig ein Verbrechens- 
versuch vor, als in den Fällen, wo ein als Mittel zur Realisirung 
der Absicht untaugliches Handeln gewählt ist. 

Bei der Behandlung der beregten Frage wird regelmässig das 
Beispiel gebraucht, dass jemand einen Menschen tödten will, der 
schon todt ist. Vollkommen sichere Fälle der Art sind nicht häufig. 
Dagegen ist es keine Seltenheit, dass bei vermeintlicher Schwanger- 
schaft Abortivmittel gebraucht oder gegeben werden; nur kommen die 
meisten solcher Fälle nicht zur gerichtlichen Cognition. In beiden 
Fällen fehlt es sowol an dem Gegenstande der Aeusserung des ver- 
brecherischen Handelns , einem lebenden Mensclien und einem leben- 
digen Fötus, als auch an dem rechtlichen Object des Verbi'cchens, 
einem Menschenleben und einem Fötusleben. Weim wir aber die 
Unterscheidung des Gegenstandes des Handelns und des rechtlichen 
Objects des Verbrechens (s. oben S. 29. 30.) für den Diebstahl fest- 
halten, so stellt sich die Sache anders. Das rechtliche Object dieses 
Verbrechens ist das fremde Vermögen, der Gegenstand der Aeusserung 
des rechtswidrigen Handelns ein bestimmtes, bewegliches Vermögens- 
object. Traf A. , Avelcher sich den Diebstahl vorgenommen hatte, das 
erwartete Vermögensobject des B. nicht an, so kann das Contrectiren 
an diesem Object nicht ausgeübt werden, aber damit ist nicht gesagt, 
dass nicht das Vermögen des B. existirt. 

Um diese Unterscheidung hier nutzbar zu machen, ist damit ein 
anderes Verhältniss in Verbindung zu setzen. 

Wir finden zwar in den römischen Rechtsquellen Aeusserungen 
über den rechtlichen Schutz, den das Haus den Bewohnern gewährte, 
namentlich in der 1. 18 D. de in ius vocando : „Flerique putaverunt, 
nuUum de domo sua in ius vocari licere, quia domus tutissimum 
cuique refugium atque receptaculum sit etc."; allein so wie die Natur 
den Germanen anwies , gegen ein rauheres Klima im Hause Schutz 
und Schirm zu finden, so hat sich auch bei den germanischen Völkern 
der „Heimfrieden" zu einem Rechtsbegriff gestaltet, wie wir nichts 
Aehnliches bei den Römern finden. Haus imd Hof standen nach 
allgemeiner germanischer Auflassung in einem höheren Frieden; in 
seinem Hause und in seinen vier Pfählen genoss ein Jeder einen 



— 233 — 

besonderen Rechtsschutz^), und der Engländer hat in seinem „my house 
is my Castle" einen schönen alten Rechtsbegriflf gewahrt. Jene alte 
Anschauung des Heimfriedens ist uns zwar nicht geblieben, aber dass 
Jemand Herr ist in seinem Haus und Hof und dass er in seiner 
AVohnung zunächst die Herrschaft über sein Vermögen übt, — ubi 
quis larem rerumque ac fortunarum summam constituit, 1. 7. C. de 
incolis — diese Auflfassung ist uns sehr geläufig und dass zu den 
Gebäuden, resp. bewohnten Gebäuden auch ,der dazu gehörige ge- 
schlossene Hofraum nebst allen darin befindlichen Baulichkeiten jeder 
Art zu rechnen" sei , ist für den durch Einsteigen , Einbruch etc. 
ausgezeichneten Diebstahl auch durch die neue Strafgesetzgebung 
(Sachsen 278 a. E. , Baden 381 etc.) anerkannt. Sollte es nun nicht 
gerechtfertigt sein, einen Schritt weiter zu gehen und in dem Ein- 
gehen oder Einschleichen in Jemandes Haus uud Hof oder Wohnung 
von Seite dessen, der die Absicht hat, dort zu stehlen, schon einen 
Angriff auf die fremde VermögenssjDhäre zu sehen? Die Frage, ob 
der Mensch jene Absicht hatte, deren Beantwortung der Ermittelung 
im Strafprocesse angehört, darf hier nicht auf die Frage im materiellen 
Strafrecht störend einwirken. 

Als eine Stütze der aufgestellten Ansicht kann benutzt werden, 
dass derjenige, welcher einen heimlich in sein Besitzthum Eingedrun- 
genen mit Gewalt wieder austreibt, sich in rechter Nothwehr befindet 2), 
weil in dem Eingedrungensein ein Angriff liegt, den der dadurch 
Angegriffene abzuwehren berechtigt ist. 

Auf Grundlage meiner Ansicht ergibt sich für den ersten der 
angeführten preussischen Fälle der Versuch eines ausgezeichneten 
Diebstahls nach §. 218, Nr. 3, und für den zweiten nach §. 218, 
Nr. 4 des Strafgesetzbuches. 

Nach dem Art. 230. des sächsischen Strafgesetzbuches von 1838 
(jetzt Art. 278, Nr. 4) ist es ein ausgezeichneter Diebstahl, wenn 
derselbe „dadurch ausgeführt worden ist, dass der Dieb, um zur 
Nachtzeit zu stehlen, sich in bewohnte Gebäude eingeschlichen hatte." 
A. hatte sich zwar in das Institutsgebäude eingeschlichen, aber es ist 
nicht gesagt, dass er dieses gethan habe, um daselbst zur Nachtzeit 
zu stehlen, also kann von dem Versuch des ausgezeichneten Dieb- 
stahls nicht die Rede sein. Was er gethan haben würde, wenn er 



*) Vgl. Wilda , das Strafrecht der Germanen , S. 241. 781. und in Weiske's 
Rechtslexikon Vi, S. 270 flf. Geib, im Archiv des Criminalrechts , 1847, S. 374 S. 

*) Köstlin, System des deutschen Strafrechts, I, S. 84; C. Leviia, das Recht 
der Nothwehr, S. 181 , Anm. 20. 



— 234 — 

nicht verjagt wäre, ob er andere Vermögensobjecte genommen haben 
würde , statt des nicht gefundenen Geldes , das können wir nicht 
wissen und kommt nicht in Betracht , aber gewiss ist es , dass er mit 
der rechtswidrigen Absicht ein fremdes Vermögen zu verletzen , schon 
in dem fremden Vermögenskreise sich bewegte und an dem recht- 
lichen Objecte des Verbrechens des Diebstahls, einem bestimmten 
fremden Vermögen, fehlte es hier durchaus nicht. 

In dem grossherzoglich -hessischen Falle ist ausser dem einfachen 
vollendeten Diebstahl, der hier nicht fraglich ist. Versuch eines durch 
Innern Einbruch ausgezeichneten Diebstahls nach Art. 366. 368. des 
Strafgesetzbuches. 

II. Mit der behandelten Controverse hängt eine andere aus dem- 
selben Gebiete eng zusammen. 

Die Handlung , welche als Mittel zur Realisirung der rechts- 
widrigen Zueignungsabsicht dient, ist bei dem einfachen Diebstahl 
das Ansichnehmen der fremden Sache, das contrectare. Wer in diesem 
Handeln unterbrochen wird oder von diesem schon begonnenen Han- 
deln aus freien Stücken wieder ablässt, bevor er die Sache wirklich 
an sich genommen hat, der ist nicht über den Versuch des Diebstahls 
hinausgekommen. Die zeitliche Ausdehnung dieses Handehis wird 
meistens gering sein; allein unzweifelhaft steht derjenige im Stadium 
des Versuchs , welcher einen Sack mit Korn zwar angefasst hat, aber 
noch nicht im Stande gewesen ist, denselben in seine Gewalt, etwa 
auf seine Schulter zu bringen. Wie nun aber, wenn das Ansich- 
nehmen noch gar nicht begonnen hat , sondern der Mensch nur noch 
eingestiegen oder eingebrochen war in ein Gebäude, um dort zu 
stehlen und dann ertappt wird? Ist das Einsteigen oder Einbrechen 
nur noch eine Vorbereitungshandlimg oder schon Versuch des Dieb- 
stahls? Eine Antwort scheint zu liegen in der 1. 21, §. 7. D. de 
furtis ; „Qui furti faciendi causa conclave intravit, nondum für est, 
quamvis furandi causa intravit. Quid ergo? qua actione tenebitur? 
Utique injuriarium aut de vi accusabitur, si per vim introivit." Vom 
römischen Standpunkt bei der Behandlung des Privatdelicts furtum 
ist diese Entscheidung des Uljjianus richtig, aber nicht ohne Weiteres 
für das Verbrechen des deutschen Diebstahls. Die actio furti konnte 
gegen jenen nicht angestellt werden, weil kein Schaden vorlag, nach 
welchem der Anspruch sich bestimmen Hess. 

Der deutsche Diebstahl ist ein einfacher oder ausgezeichneter. 
Ausgezeichnet ist der Diebstahl mit Einsteigen und Einbruch, und 
zwar ist die Auszeichnung hier begründet durch ein Handeln, wel- 
ches zu dem Ansichnehmen (contrectare) hinzukommt, so wie das 



— 235 — 

Handeln des Räubers sowohl das Vergewaltigen der Person , als das 
Ansichnehmen der Sache lunfasst. In dem Verlauf desjenigen Han- 
delns, welches als Mittel zur Rcalisirung der Absicht dient, bewegt 
sich der Versuch (s. oben S. 230). Darnach ist in jenem in Frage 
gestellten Falle ein Versuch des Diebstahls vorhanden, sobald nur 
dem Eingestiegenen oder Eingebrochenen , Einsteigenden oder Ein- 
brechenden die rechtswidrige Absicht bewiesen werden kann, welche 
auch das Contrectiren, das an sich rechtmässig sein kann, in den 
Kreis des Verbrechens bringt. Auch derjenige, welcher „mit Wafifen, 
damit er Jemand, der ihm Widerstand thun wollt, verletzen möcht, 
zum Stehlen eingeht" (Peinliche Gerichtsordnung Art. 159) befindet sich 
in diesem Handeln schon in dem Stadium des Versuchs, so wie nach 
den Strafgesetzbüchern, welche das Einschleichen in ein bewohntes 
Gebäude , um daselbst nach eingetretener Nachtruhe zu stehlen , als 
einen Grund der Auszeichnung des Diebstahls hinstellen, ein solcher 
Einschleichender oder Eingeschlichener. Nach dem neuen sächsischen 
Strafgesetzbuch ^vt. 279. ist der Diebstahl sogar „für beendigt zu 
achten", wenn auch nur noch das Einsteigen , Einbrechen etc. ge- 
schehen ist. Das steht in einem starken Widerspruch mit der Er- 
klärung des beendigten Versuchs im Art. 40 desselben Gesetzbuchs : 
„Der Versuch ist ein beendigter, sobald der Verbrecher Alles gethan 
hat, was er zu thun für nöthig hielt, um die von ihm beabsichtigte 
Rechtsverletzung herbeizuführen". Es ist daher zu vermuthen , dass 
jene Wendung „für beendigt zu achten" nm- nicht gut gewählt sei, 
statt „ist dem beendigten Versuche gleich zu achten". 

Zur Veranschaulichung des Unterschiedes der Vorbereitungen 
zum Diebstahl und des Versuchs desselben kann ein Fall dienen, den 
Weiss') aus einem dem Königreich Sachsen benachbarten Lande 
anführt. Ein zuvor schon übel berüchtigter Dieb war eines Abends, 
auf verdächtige Weise sich benehmend , in der Nähe eines noch 
oflfenen Verkaufslocals betroffen imd festgehalten worden. Man fand 
in seiner Tasche einen frischen Abdruck in Wachs, von der OefF- 
nung des Schlosses zum Verkaufslocal entnommen. Es war daher 
anzunehmen, der Angeschuldigte habe sich diesen Abdruck zu dem 
Zwecke verschafft, sich nach demselben einen Schlüssel zu fertigen, 
um später aus dem Local Waaren oder Geld zu stehlen. Obgleich 
der Angeschuldigte dessen nicht geständig war, wurde er der Fer- 
tiS"iig jenes Abdrucks in diebischer Absicht für überführt erachtet 
und von der ersten Instanz zu einer fünQährigen Detention verurtheilt. 



') Criminalgesetzbucli für das Königr. Sachsen (2 Aufl.) S. 140. 



— 236 — 

Der Gerichtshof zweiter Instanz setzte diese auf eine zweijährige 
herab und fügte als Entscheidnngsgrund bei : „dass ein sti'afbarer 
Versuch vorhanden sei, unterliege keinem Zweifel, doch sei derselbe 
so entfernt, dass das Gericht die in erster Instanz erkannte Strafe 
so, wie geschehen, herabzusetzen sich bewogen gefunden habe". 
Wir wissen nicht , ob nicht in dem Gesetze des betreffenden Staats 
die Vorbereitungshandlungen als entfernter Versuch bezeichnet sind 
oder waren, in welchem Falle das Erkenntniss des Oberrichters von 
dieser Seite nicht zu tadeln wäre; aber nach der obigen Theorie und 
überhaupt nach der jetzt gangbaren Lehre vom Anfange des Ver- 
suchs der Verbrechen kann in dem Handeln jenes Menschen nur eine 
Vorbereitung zum Stehlen gesehen werden. Seine rechtswidrige Zu- 
eignungsabsicht (s. oben S. 33 ff.) konnte aus der Sachlage geschlossen 
werden, aber sein Handeln war noch keine Objectivinmg dieser 
für den Begriff des Diebstahls entscheidenden Absicht , sondern 
Objectivii-ung der Absicht sich zum Stehlen in Stand zu setzen; er 
befand sich auch noch ausserhalb des Kreises des bestimmten Ver- 
mögens , das er künftig durch Stehlen zu verletzen die Absicht gefasst 
hatte. 

Auf die Beantwortung der Frage nach der Grenzscheide von 
Versuch und Vorbereitungshandlungen beim Diebstahl darf die andere 
Frage , ob imd welche Vorbereitungshandlungen zu diesem Verbrechen 
strafbar seien, nicht störend einwirken, sondern jede der beiden 
Fragen ist für sich zu beantworten. Hier hatten wir es nur mit der 
ersteren Frage zu thun. 



LITERATUR. 

Lehrbuch der plastischen Anatomie von Prof, Dr. E. Harless. 
Mit Illustrationen. Iste Lieferung. Stuttgart, Verlag von Ebner 
und Seubert. 1856.*) 

Die Resultate anatomischer Studien für den Künstler und dessen Darstel- 
lungen nutzbar zu machen, ist der Zweck dieses Lehrbuches. Es soll für jenen, 
wie der Verfasser sagt: „aus der Erkenntniss der Gesetze, nach 'welchen die 
Natur die Formen bildet und die Beweglichkeit der Glieder regulirt , die Fähig- 
keit gewonnen werden , aus dem weiten Kreise natürlicher Möglichkeiten mit 
selbstbewusster Freiheit zu wählen , unabhängig von dem Zwange stereotyper 
Muster". — Das erste bis jetzt erschienene Heft behandelt den Kopf, das zweite 
den Rumpf und die Extremitäten, das dritte endlich soll sich mit der ganzen 
Figur beschäftigen. 

Die Darstellung ist hübsch , klar und Terständig , wie überhaupt der Ver- 
fasser gerade in dieser Hinsicht , einer populären und doch gründlichen Dar- 
stellung , ein eigenthümliches Talent beurkundet. Den eingedruckten Holzschnitten 
wäre hier und da etwas mehr künstlerische Vollendung zu wünschen. 
H. F. 

*) Vorräthig bei Meyer & Zeller. /, • <:'■? "-.s^V/.N^ 

/ i' ■ifit:^^^'^^ '„' \ 



Bei Illeyer & Zeller in Zürich ist erschienen: 

ZEICHNUNGEN 

von ausgeführten, 

in verschiedenen Zweigen der Industrie angewandten 

Maschinen, Werkzeugen und Apparaten neuerer Gonstrnction. 

Gesarumelt und mit erläuterndem Texte bearbeitet 

J. H. KRONAUEß, 

Ingenieur, Professor an der Indastriesehule in Zürich. 

III. Band. Ate Lieferung. 

5 Tafeln in Imperialformat mit Text. Preis 4 Fr. 

Allen Mechanikern , Lehrern der Mathematik und Mechanik können wir dies 
Werk angelegentlichst empfehlen, da es mit grosser Sachkenntniss und höchst sauber 
gearbeitet wurde. 

Geschichte 

EUROPÄISCHEN STAATENSYSTEMS 

vom 

Zeitalter der Reformation bis zur ersten französischen 
Revolution 

von 

D' gans Jdnrifh ^öjgeli, 

Professor der Geschichte an der obern Industrieschule in Zürich, 
Privatdoceut an der Universität. 



Erste Abtheilung^. 

Vom Zeitalter der Reformation bis zur Selbstherrschaft von Ludwig XIV. 

(1519—1661.) 

41 Bogen gr. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. oder 3 fl. 20 kr. oder 5 Fr. 60 Ct. 

Die Geschichte des Europäischen Staatensystems ist der wichtigste Theil der 
Weltgeschichte; denn die Völker unsers Erdtheils bestimmen das übrige Menschen- 
geschlecht. Jedes Glied dieses Staatenvereins wird in diesem Werke mit Liebe und 
darum mit Eingehen in seine Eigenthümlichkeit behandelt ; der Herr Verfasser zeigt, 
wie jede Nation , jeder lebenskräftige Staat Europa's aus innersten Trieben sich ent- 
wickelt , welchen Bau , welche Ordnungen sein Staatsleben sich schuf und wie das 
gegliederte , mit Vermögen begabte staatliche Geschöpf durch einzelne Menschen und 
durch Gesammtheiten auf die Genossen des Lebens, auf seine Nebenstaaten einwirkte. 
Wir sehen , wie die in Zeit und Raum neben einander bestehenden Gesellschaften 
gemäss ihrer eigenthümlichen Entfaltung Einflüsse aufeinander ausüben , durch welche 
die politischen Gedankenkreise luid die Stimmungen jedes Zeitraums entstehen. Weil 
alle Glieder des Europäischen Staatensystems die Aufgabe haben , die in ihnen vor- 
findlichen Keime zu möglichst vollkommenem Dasein zu bringen , nehmen wir wahr, 
wie sowohl Einzelne als Bünde jeweilig derjenigen Macht entgegen treten, welche 
diess ihnen verkümmern könnte , auch wenn sie selbst noch nicht unmittelbar be- 
droht sind. 

Die Erzählujig fördert diess in strenger chronologischer Ordnung zu Tage; und 
in Beziehung auf die Geschichtschreibung als Kunst , ist das Werk der erste Versuch, 
die Geschichte so mannigfaltiger Erscheinungen , wie das Europäische Staatensystem 
sie darbietet , nach ihrer Aufeinanderfolge einheitlich in ununterbrochenem Zusammen- 
hange darzustellen und eben dem thatsächlichen Verlaufe beim Wechsel der Europäi- 
schen Staatsangelegenheiten die gänzliche Hingabe des Geistes zu widmen. 



-»^0^^ 




Monatsschrift 

des 

WISSENSCHAFTLICHE]! VEREIHS 

in 

ZÜRICH. 

Herausgegeben von dem Eedactionsausschuss desselben : 

j Ferdinand Hitzig, Eduard Osenbrüggen, Heinrich Frey, 
Adolf Schsiidt, Eduard Bobrik. 



(Hauptred.: Adolf Schmidt.) 









ZÜRICH, 

Verlag von Meyer & Zellei 

1856. 



-6-O-f- 



Preis fSr den Jahrgnng 4 Thir. = 14 Fr. 




Der HauptbestandtheiJ dieser Zeitschrift ist selbstständigen, von den Ver- 
fassern unterzeichneten Aufsätzen aus allen Zweigen der Wissenschaft gewidmet, 
mit dem Zweck: die Ergebnisse gründlicher Forschimg in möglichst anziehender 
und anregender Form darzulegen und dergestalt, wie eine unmittelbare Förde- 
rung der Wissenschaften, so namentlich auch eine Vermittlung derselben unter 
sich anzustreben. Grössere Recensionen sollen nur in selteneren Fällen Platz 
finden, kurze Notizen aber und gelegentliche UrtheUe über neue Erscheinungen, 
sowie Berichte und Aufragen in dem Anhang mitgetheilt werden. 

Oedanhen über die Verbreitung der Seuchen. Von Dr. Meter- Ahrens . 237 

lieber die römische Luxusgesetzgehung. Von Dr. Dernbuko 261 

Ueber die Häretiker Epiphanes und Adrianus. Von G. Volkmar . . . 276 

Der Name üelvetier. Von F. Hitzig 282 

Exegetisches. Von F. Hitzio , 283 



Die nächstfolgenden Hefte werden Beiträge enthalten von Lebert, Bobrik, 
Schmidt, Fritzsche, Frey, Vischek, Volkmar und Anderen. 



Zusendungen an die Redaction werden portofrei oder auf dem Wege des 
Buchhandels erbeten. 



dtgmhjärtige PttglicbEr l&ts Missmstljaftlwl^m st^tmns: 

J. J. HoTTiNGER, Präsident. Alex. Schweizer, Vicepräsident. Dernburg, Sekretär. 
Bobrik. Clausius. Escher v.d. Linth. Ad. Fick. H.Frey. Fritzsche. Heer. 
Hildebrand. Hitzig. Ferd. Keller. Kym. Lebert. v. Marschall. H. Meyer. 
Meyer v. Knonatj. Meyer-Ochsnee. Mousson. Müller. Nägeli. Osenbrügoek. 
Eaabe. Schlottmann. Ad. Schmidt. H. Schweizer. G. Semper. Städeler. 
F. Vischer. Volkmar. E. Wolf. G. v. Wyss. 



Druck von E. Kieslin» in Zürich. 



DIE VERBREITUNG DER CHOLERA 

in den Jahren 1854 und 1855, 

MIT AUSSCHLUSS DES ORIENTALISCHEN KRIEGSSCHAUrLATZES. 



fJescIiildurt von Dr. MEYER- AHRENS. 



Die geheimnissvollen Gesetze, nach denen sich die Verbreitung 
der endemischen und epidemischen Krankheiten richtet, sind Pro- 
bleme, an deren Lösung sich schon die tüchtigsten Kräfte versuchten. 
Aber ungeachtet die Naturwissenschaften in diesem Jahrhundert so 
ungeheui'e Fortschiütte gemacht haben , sind die Bestrebungen der 
Aerzte, jene Gesetze zu erforschen, doch fruchtlos geblieben. Ich 
habe in einem frühern Hefte dieser Zeitschrift meine Ansichten über 
die Verbreitung der Seuchen im Allgemeinen ausgesprochen und dort 
auf die cosmischen Influenzen hingedeutet, deren Combination wahr- 
scheinlich die Verbreitung der Seuchen bedingen dürfte. Aber eben 
diese Combinationen , diese wahrscheinlich auf höchst mannigfaltige 
Weise sich ändernden und modifizirenden Combinationen sind es, welche 
die Enträthselung der erwähnten Gesetze fast unmöglich machen. 
Verfolgt man nur einzelne und isolirte Momente , die muthmasslich 
auf die Verbreitmig der Seuchen influiren dürften, so gelangt man, 
davon habe ich mich durch vorläufige , sehr mühsame und zeitraubende 
Untersuchungen überzeugt, zu keinem Ziel; denn kein einzelnes sol- 
ches Moment , wie z. B. die Temperatur für sich allein , infiuirt constant 
auf die Verbreitung der Seuchen im Allgemeinen , oder auf ihren 
Gang im Einzelnen, wenn es auch manchmal den Anschein hat, dass 
solches geschehe , und es auch durchaus nicht zu leugnen ist , dass es 
in einzehicn Fällen geschieht ; freilich sind auch in diesen Fällen die 
Resultate oft gerade entgegengesetzt und sich widersprecliend. Ich bin 
übrigens nicht abgeneigt, anzunehmen, dass die Eigenthüralichkeiten 
jener Complexe cosmischer Influenzen auch die Verschiedenheiten der 
epidemischen Krankheiten bedingen mögen. 

Wissenschaftliche Monatsschrift. l5 



— 238 — 

Mir wird es nämlich immer wahrscheinlicher, dass alle seuchen- 
artig auftretenden Krankheiten in einer inneren Verwandtschaft zu 
einander stellen. Die ausserordentliche Aehnlichkeit mancher derselben, 
z. B. der rothfleckigen Exantheme, die Combination solcher Exan- 
theme mit Typhus , die ungemeine Aeluüichkeit der Miliaria, be- 
sonders der in Frankreich vorkommenden Suette miliaire mit dem 
englischen Schweisse des löten und 16ten Jahrhunderts, die häufige 
Combination eines miliaren Exanthemes mit Typhen und anderen 
Exanthemen , das eigenthümliche Verhältniss der Suette miliaire zur 
Cholera asiatica, — alles dieses lässt ahnen, dass jene sämmtlichen 
Erscheinungen wohl Eine Wurzel haben möchten. Ich will jedoch ver- 
meiden, mich zu weit in Hypothesen zu vertiefen. Wahrscheinlich 
werden wir den letzten Grund dieser geheimnissvollen Erscheinungen 
nie erkennen. Es scheint uns der Schöpfer hier ebenso das Eindrin- 
gen in seine geheimste Werkstätte zu ver^^ehren, wie noch in Bezug 
auf manche andere, dem menschlichen Geiste wahrscheinlich auf ewig 
verborgene Mysterien. Forschen müssen wir aber dennoch immer; 
wie die Ameisen sollen wir es nicht verschmähen, Hölzchen und 
Sandkörnchen zusammenzutragen, um vielleicht die Grundlage zu einem 
Baue der Zukunft zu sichern. 

Ein solches Sandkorn sei auch die vorliegende Arbeit. — "Den 
orientalischen Kriegsscliauplatz habe ich davon ausgeschlossen , weil 
die Zeitungsnachrichten hier gar zu unsicher sind und wissenschaftliche 
Nachrichten über die Verbreitung der Cholera auf dem Kriegsschauplatz 
im Orient mir nicht zu Gebote gestanden haben. Es ist leicht begreif- 
lich , dass eine derartige Ai-beit nicht genau zu sein vennag ; aber 
immerhin kann sie eine willkommene Grundlage zu einer späteren, 
genaueren und detaillirteren historischen Darstellung bieten, und dürfte 
jedenfalls geeignet sein, auch dem nichtärztlichen Leser einen interes- 
sajiten Ueberblick über die Verbreitung der Seuche in den beiden 
letzten Jahren zu geben. 

Epidemie vom Jahre 1854 *). 

Am Schlüsse des Jahi-es 1853 finden wir die Cholera in Paris, 
Portugal (St. Vigo) und auf einigen westindischen Inseln (namentlich 
St. Thomas), auf welchen sie sehr verheerend geherrscht zu haben 
scheint. Um das Ende des Februar aber war sie aus den nördlichen 
Inseln ganz verschwunden; dagegen kamen jetzt auf Jamaika verein- 
zelte Fälle vor. In Paris war die Cholera in den ersten beiden 



*) Die Epidemie vom Jiilire 1855 , die so manclie anziehende Seiten dar- 
bietet, wird in einem der folgenden Hefte geschildert werden. 



- 239 — 

Monaten des Jahres 1854 bereits so ziemlich erloschen, als sie zu 
Anfang des März von Neuem in zahlreicheren Fällen sich zu zeigen 
begann. 

Gleichzeitig ereigneten sich auch mehrere unzweifelhafte Cholera- 
falle in der Fabrikstadt Leeds in der englischen Grafschaft York. 
Die englischen Contagionisten behaupteten nun, sie sei mittelst einer 
Quantität Flachs aus Kiga eingeschleppt worden. — Anfangs Mai finden 
wir die Cholera in Mexiko's Hauptstadt und anderen Städten des 
mexikanischen Hochlandes, wo sie mit entschieden bösartigem Charakter 
auftrat. Namentlich in der ersten Hälfte des Juni wüthete sie aufs 
Heftigste ; an manchen Tagen fielen ihr an 200 Menschen zum Opfer. 
Am 17. Juni raffte sie die Gräfin Rossi, die ehemalige Sängerin 
Sonntag, hinweg. Während sie bei ihren frühem Besuchen bloss unter 
dem Proletariat ihre Opfer gesucht hatte, kehrte sie jetzt, allen Stan- 
desunterschied vergessend, häufig bei Leuten ein, denen es weder 
an Pflege noch an ärztlicher Hülfe fehlte. — Auf Jamaika hatte die 
Cholera gegen die Mitte des Mai noch keine bedeutende Ausbreitung 
erlangt, indem bis dahin bloss zwei Fälle vorgekommen waren; doch 4 
nahm sie bis gegen die Mitte des Juni auch hier an Ausbreitung zu, 
und während sie zuerst nur die farbige Bevölkerung ergriffen 
hatte, war sie nun auch unter der weissen Bevölkerung ausge- 
brochen. Bis gegen Ende Juni erreichte sie eine furchtbare Intensität. — 
Auch auf Barbodos wüthete die Seuche mit andauernder Heftigkeit. 
Sie raflfte hier namentlich viele Militärpersonen hinweg. Strassen und 
Werfte waren menschenleer ; der Gouverneur hatte alle Gefängnisse 
öflfnen lassen. Am 28. Juni wurden 311 Leichen verscharrt und 
während der vorhergegangenen 14 Tage sollen 5000 Menschen an 
der Cholera gestorben sein. Auch hier wüthete die Seuche vorzüglich 
imter der schwarzen Bevölkerung, Aväbrend unter den Weissen die Sterb- 
lichkeit nur gering war. Vom 15 — 16 Juli starben 15,000 Menschen, 
der neunte Theil der Bevölkerung. — Gegen den 11. «Funi war die 
Cholera nebst „anderen bösartigen Krankheiten" auf der Insel Mau- 
ritius im indischen Ocean ausgebrochen und i-affte täglicii 100 — 150 
Menschen weg. Zwischen 5- und 6000 Einwohner hatten Port- Louis 
aus Furcht vor der Ansteckung verlassen. Bis Ende Juli, wo sie ab- 
nahm, tödtete sie 15,000 Menschen, grösstentheils Schwarze. 

Mittlerweile (im Juni?) war die Seuche in St. Petersburg und 
zu Ende des Juni in Kronstadt ausgebrochen, und liatte sich auch 
auf der englischen Ostseeflotte in sehr beunruhigender Weise gezeigt. 
Der Kapitän Gloss von dem englischen Iviiegsdampfer Vulture erzählte 
bei seiner Durchreise durch Kopenhagen, dass, als sich die englische 



— 240 — 

Flotte etwa 1 V2 Meilen von Kronstadt befunden habe , sich bei 
einem Ostwinde einige Cholerafiille am Bord des Admiralschiffes 
„Duke of Wellington" gezeigt hätten ; als aber die Flotte bald darauf 
westwärts gesegelt sei, habe es geschienen, als wolle die Krankheit ihre 
Herrschaft wieder aufgeben. Noch um die Mitte des Juli scheint sie 
keineswegs erloschen gewesen zu sein, sondern bis Anfang August 
gedauert zu haben. Sie wiithete namentlich in den Zwischendecken ; 
es gab eine Zeit, wo der Austerlitz 150 Fälle an Bord hatte. Nach 
spätem Berichten soll der Verlust auf dem Austerlitz im Ganzen 
75 Mann betragen haben; einige englische Schifife sollen die Hälfte, 
andere zwei Dinttheile, eins ersten Ranges von seinen 1200 Mann 
450 verloren haben. In Kronstadt soll nach gewissen Berichten die 
Seuche grosse Verheerungen angerichtet haben, was freilich später 
von St. Petersburg aus als eine schwere Verläumdung aufs Bitterste 
und Heftigste bestritten wurde. — In St. Petersburg nahm sie Ende 
Juli zu. 

Anfangs Juli ungefähr erschien die Cholera in Canada zu Quebec 
und Montreal und bald hernach (um den 8. Juli) zu New- York, wo 
schon die ersten Fälle so grosse Bestürzung verursachten, dass beide 
Opern geschlossen wurden. Heftiger trat sie um dieselbe Zeit zu 
Philadelphia, Boston und St. Louis auf. In St. Louis starben in 
Einer Woche 207 Menschen. 

Die französische Ostseeflotte blieb auch nicht verschont. Schon um 
den 11. Juli ging in Stockholm das Gerücht, dass die Seuche an Bord 
der französischen Schiffe ausgebrochen sei. Merkwürdig ist es , dass 
die Segelschiffe ganz verschont blieben ; man schrieb es ihrer leichtern 
Lüftbarkeit zu, indem man glaubte, dass die ungenügende Luft- 
eraeuerung in den Maschinenräumen der Dampfschiffe der Cholera 
Nahrung gebe. 

In St. Petersburg nahm sie um den 10. Juli noch immer zu; 
es starben jetzt täglich durchschnittlich 50 Menschen daran. 

Mittlerweile hatte die Seuche auch in Frankreich grosse Ver- 
heerungen angerichtet, namentlich im Departement der obern Marne. 
Anfangs der zweiten Woche des Juli linden wir die Krankheit auch im 
südlichen Frankreich, und den 10. Juli begann _ sie sich zu Strass- 
burg zu zeigen. 

Um den 12. Juli traten in Rom verdächtige Erkrankungen 
ein. Man schrieb sie zum Theil den schlechten Getränken zu, welche 
der gemeine Mann geniessen musste. Der Wein stieg mit jeder Woche 
im Preise , während die andern Lebensmittel wohlfeiler waren. Ein 
G las unverfälschten Tischweines zu bekommen , war fast nicht mehr 



— 241 — 

möglich. Um den 9. Juli hatte sich die Cholera auch zu Neapel 
gezeigt; die ersten Fälle waren im Hafen und in den volkreichsten 
und ungesundesten Theilen der )Stadt vorgekonunen. 

Um die Mitte des Juli trat die Cholerine zu Kopenhagen in 
besorgnisserregender Weise auf; in Zeit V(in 8 Tagen kamen nämlich 
an 400 Erkrankungen vor. 

Im südlichen Frankreich war es besonders Marseille , das die 
ganze Wuth der grossen Weltseuche in sclirecklichem Maasse fühlen 
musstc. Es herrschte aber auch in der armen Seestadt ein pani- 
scher Schrecken. Um den 17. und 18. Juli wurden über 1500 Pässe 
ausgestellt ; davon mehr als die Hälfte nach der Schweiz. Alles , was 
die Mittel dazu hatte, floh, so dass noch um den 22. Juli, obgleicli 
die Seuche abzunehmen begonnen hatte, alle Lehranstalten geschlossen 
waren. Die Behörden niussten strenge Maassregehi ergreifen, mn wenig- 
stens nur die Beamten auf ihren Posten festzuhalten. Auch in der 
Nähe von Lyon wüthete um den 22. Juli die Seuche sehr stark. 

Um dieselbe Zeit ungetahr war die Cholera zu Nizza und auf 
Malta (etwa gegen den 19. Juli) ausgebrochen; ebenso hatten sich im 
Militärspital zu Alessandria einige Cholerafälle gezeigt. Da nun auch 
zu Genua verschiedene Fälle von Typhus und zwei choleraähnliche 
Erkrankungen vorkamen , so ergriff auch diese Stadt ein um so pani- 
scherer Schrecken, da die in Marseille herrschende Bestürzung auf 
diese zurückwirkte. 

In Rom hatte die Cholera, trotz der früher vorgekommenen ver- 
dächtigen Ei'krankungen, längere Zeit sich nicht entschieden manifestirt; 
doch Hessen die Behörden, jeden Augenblick des unheimlichen Fein- 
des gewärtig, in aller Eile soviel als möglich Strassen und Cloaken 
reinigen; und auch nicht umsonst, denn sclion um den 23. Juli war die 
Seuche wirklich ausgebrochen. Auch hier floh, wer da konnte, aufs 
Land; doch herrschte kein so panischer, kein so allgemeiner Schrecken, 
wie in Genua, weil der Papst und das heil. Concilium sich nicht 
ängstlich in ihren Wohnungen einschlössen und die Stadt nicht ver- 
lassen zu wollen erklärten. 

Gleichzeitig sollen in einigen Spitälern zu Turin verdächtige 
Erkrankungen vorgekommen sein. Auch hier erliess man ein Süu- 
berungs- und Reinlichkeitsreglement. 

Bevor wir den Verlauf der Krankheit im südlichen Europa weiter 
verfolgen, blicken wir einen Moment nach dem Nordwesten Europa's, 
nach Grossbritannien. Die Seuche scheint in England und Schottland 
schon seit längerer Zeit verbreitet gewesen zu sein. So hatte sie, nament- 
lich nach Berichten aus London vom 25. .luli, schon einige Zeit zu 



— 242 — 

Glasgow und in der sich durch ungewöhnliche Unreinlichkeit aus- 
zeichnenden Stadt New - Castle am Tyne und in deren Umgebungen 
gespukt. Auch in London selbst zeigte sich die Seuche um den 
25. Juli in dem östlichen Districte Limehouse, dem es fast ganz an 
Abzugskanälen fehlt. Es war daher kein Wunder, wenn auch auf 
den von England abfahrenden Schiffen die Seuche ausbrach; wie 
dieses auf dem am 21. Juli von London mit Truppen nach Bombay 
abgegangenen Auckland der Fall war, in Folge dessen das Schiff 
am 31. Juli wieder in Plymouth einlaufen musste. 

Möglich, dass im Juli die Cholera auch in Tunis herrschte. Es 
ist wenigstens auffallend, dass unter den tunesischen Truppen, die 
um den 29. Juli bei Malta landeten, mehrere Cholerafälle vorkamen; 
freilich herrschte ja auf Malta selbst die Cholera. 

- Mittlerweile war in Genua die Cholera ebenfalls entschieden 
ausgebrochen. Am 25. Juli hatten sich 7 — 8 Fälle im Hospital und 
mehrere andere in der Stadt gezeigt. Die aristokratischen Familien 
bereiteten sich zur Abreise. 

In Turin kamen um diese Zeit leichte Cholerinefälle vor; die 
Furcht vor der Seuche war gross. 

In Rom erliess man nun ein eigenes Reinlichkeitsedict in Bezug 
auf die Bearbeitung der Seide , die nach dem dortigen System vom 
Augenblicke des Siedens der Cocons bis zum Abhaspeln eine schmutzige 
Beschäftigung ist. 

Um den 26. Juli zeigten sich auch in Livorno einige cholera- 
artige Fälle, und um den 28. Juli sollen auch in Florenz solche 
vorgekommen sein. 

In Genua herrschte Ende Juli grosse Bestürzung. Die von 
Doppelraaschinen geführten Eisenbahnzüge reichten kaum hin, Alle 
zu befördern, die sich aufs Land, in's Innere, oder in's Ausland 
begeben wellten. Es waren bereits 5000 — 6000 Pässe verlangt wor- 
den ; die Theater hatte man geschlossen. 

In Neapel war die Seuche um den 29. Juli ebenfalls in weiterer 
Ausbreitung begriffen. Während sie sich, wie wir oben bemerkten, 
Anfangs nur in den ungesundesten und volksreichsten Quartieren 
gezeigt hatte, breitete sie sich in der letzten Woche des Juli auch 
in den übrigen Stadttheilen aus , und raflfte mehrere den höhern 
Classen angehörende Personen rasch hinweg. Einzelne Fälle zeigten 
sich auch in der Umgegend, in Castelamare , Sorrento, Caserta. Die 
Bevölkerung war von einem panischen Schrecken ergriffen. Wer 
immer konnte, floh. Nur allein am 22. Juli wurden 2200 Pässe 
ausgefertigt. Die Civil- und Militärspitäler litten noch wenig, da 



— 243 — 

hier alle möglichen Reinlichkeits - Vorkehrungen getroffen worden 
waren. 

In den östlichen Deiiartements von Frankreich begann unsere Seuche 
um den 28. JuU abzunehmen, und ebenso seheint sie auch in Marseille 
gegen den 31. Juli immer mehr abgenommen zu haben. Im Elsass, 
namentlich in Strassburg , spukte sie in den letzten Tagen des Juli 
noch fort. 

Am 27. Juli kam der erste Cholerafall in München vor. 

In Westindien richtete die Seuche bis Ende Juli fortwährend furcht- 
bare Verheerungen an. Auf Barbodos z. B. hat sie bis zum 27. Juli 
16,817 Menschen weggerafft, und dennoch wüthete sie im Innern der 
Insel mit noch fast ungeschwächter Kraft fort. Sie hatte den ganzen 
westindischen Archipel durchzogen und verheert. 

Im August änderte die Cholera ihren Schauplatz nicht wesentlich ; 
nur dass sie jetzt im Piemout und dem Ligurischen Küstenlande an Inten- 
sität zunahm und sich auch in Baiern mehr ausbreitete. 

Auf der englischen Flotte war die Krankheit Anfangs August ziem- 
lich gewichen. Welche Verheerungen sie auf derselben angerichtet haben 
soll, haben wir schon gesehen. 

In Strassburg herrschte sie zwar allerdings; doch war hier der 
Lärm und Schrecken bei weitem grösser als die Gefahr, da die Seuche 
hier nm- sehr massig auftrat und die Zahl der Genesungen verhältniss- 
mässig gross war. Schon am 4. August konnte man die Krankheit fast 
als erloschen betrachten. Sie scheint ihren Schauplatz vorzüglich auf 
einige Gässchen concentrirt zu haben. 

In Marseille war um den 5, August die Zahl der Opfer schon unter 
100 pro Tag gesunken, während eine Zeitlang täglich 200 Personen gestor- 
ben waren. Die Wohlhabenden standen den Armen mit enormen Geld- 
opfern bei. Bis zum 7. August wurden 82,000 Franken gesteuert. Da- 
gegen musste zwei Bäckern und 15 Fleischern die Gewerbsgerechtigkeit 
entzogen werden, weil sie die Stadt verlassen und iln-e Laden geschlos- 
sen hatten. Im Ganzen war aber die Cholera um diese Zeit (gegen den 
9. August) noch über einen grossen Theil von Frankreich verbreitet. 
Sie herrschte in Nord-, West- und Südfrankreich, einem Theil der 
Franche-Comtö und Lothringens. — In den Vorstädten von Lyon 
hatte sie sich nach einem Berichte vom 12. August ebenfalls gezeigt. 
Um den 13. August hauste sie in Aix in hohem Maasse. Es hatten 
sich so viele Einwohner aufs Land geflüchtet, dass der Erzbischof 
ersucht wurde, miter freiem Hiimnel Messe zu lesen. Von Montpellier 
mussten Aerzte nach Aix gesendet werden. 

Die Schweiz diesseits der Alpen war bisher noch niemals von der 



— 244 — 

Cholera heimgesuclit worden; aber nun sollte auch sie erfahren, dass 
sie keine absolute Immunität besitze ; hatte doch auch die Pest einst 
die höchsten Alpenthäler betreten. Am 13. August ereignete sich 
in Aarau der erste Todesfall an Cholera und von da verbreitete sie 
sich im Lauf von 8 Wochen über 14 andere Ortschaften des Kantons, 
die aber alle so ziemlich in Einer Richtung, Einer Linie liegen, deren 
äusserste Punkte Menziken und Oeschgen bilden und welche der 
Meridian von Aarau in der Richtung von Südost nach Nordwest 
schneidet. 

Bevor wir von hier aus weiter schreiten , werfen wir noch einige 
Blicke auf die Verheerungen , welche die Seuche in der ersten Hälfte 
des Augustes in Italien anrichtete. In Genua gewann sie eine schreck- 
liche Ausdehnung; am 1. August erkrankten 264 Personen und starben 
120. Die Auswanderung war massenhaft. Man hielt Spezialcholera- 
gottesdienste , Betstunden, Prozessionen, bei denen sich namentlich das 
weibliche Geschlecht zahlreich betheiligte; was um so schlimmer war, 
da die Theilnehmenden barfuss auf Stein und Mannor dahinschreiten 
mussten , wesswegen auch die Aerzte sehr gegen diese Prozessionen 
eiferten ; aber freilich vergeblich. Trotz dieser religiösen Uebungen 
mangelte es aber an wahrem religiösem Sinne , an religiöser Ergebung, 
und an der Ueberzeugung, dass eine höhere Hand auch den Seuchen 
Gesetze vorschreibt , und so herrschte denn auch hier die ebenso 
schreckliche als thörichte Vergiftungsfurcht. Manche Kranke wären 
vielleicht geheilt worden , wenn sie nicht aus Furcht , von den Aerzten 
vergiftet zu werden , die ärztliche Hülfe ausgeschlagen hätten. Die 
Stadtbehörden thaten alles Mögliche, um die Aufregung imd Bestür- 
zung zu mindern. Die Armen und die Arbeiter bekamen wohlfeileres 
Brot ; die Fleischsteuer wurde erraässiget ; man theilte sogar unent- 
geltlich Eis aus. Wo die Krankheit am heftigsten auftrat, verpflanzte 
man die armen Familien in bessere Wohnungen; denn die Seuche 
forderte ihre meisten Opfer in den engen, zusammengedrängten, dem 
Luftzuge unzugänglichen Gässchen. Aber aller Massregeln spottend, 
griff die Seuche immer mehr um sich ; Bestürzung , Angst und 
Schrecken gewannen in immer grösseren Kreisen die Oberhand. Am 
4. August hatten bereits 35,00U Personen die Stadt verlassen, von 
denen 25,703 auf der Eisenbahn landeinwärts geflüchtet waren. Die 
Fui'cht wüthete mehr als die Seuche ; die Arbeiten hatten aufgehört, 
Magazine imd Laden waren geschlossen ; in manchen Stadttheilen 
konnte man sich mit dem Gelde in der Hand nicht einmal die noth- 
wendigsten Lebensbedürfnisse verschaffen. Mehr als einmal mussten 
die Thüren gesprengt werden, um zu den Leichen zu gelangen, die 



-^ 245 — 

von Ihren Angehörigen verlassen worden waren. Ein Appellations- 
rath , ein Richter erster Instanz , ein Sekretär des Handelstribunals, 
ein Armcnadvokat mussten abgesetzt werden , weil sie ohne Urlaub 
die Stadt verlassen hatten. Der König Victor Emaniicl hingegen war 
in der Nacht vom 3. auf den 4. August, von zwei Ministern und dem 
Conseilspräsidenten begleitet, muthvoll nach Genua geeilt , um durch 
sein Erscheinen die Furchtsamen zu ermuthigen und der verderblichen 
Flucht auf diese Weise Einhalt zu thun. Auch der Erzbischof von Genua 
kehrte, sowie er hörte, dass die Cholera in der Stadt ausgebrochen 
sei , aus Savoyen , wohin er sich begeben hatte , in seinen Sprengel 
zurück, gestattete für die Dauer der Seuche den Genuss von Fleisch 
an Freitag imd Sonnabend und verbot das Läuten der Prozessions-, 
Zug - und Sterbeglocken , das Herumtragen der Sacramente zu den 
Sterbenden mit der Schelle. Die Feier der kirchlichen Feste ferner 
wurde verschoben , und der tägliche Gottesdienst auf die früheste 
Morgenstunde verlegt. Auch in Genua brachten die Wohlhabenden den 
Armen grosse Geldopfer, so dass in Zeit von zwei Tagen man 80,000 
Franken sammelte. Merkwürdiger Weise zählte die 5000 Mann starke 
Garnison bis zum 3. August erst 37 Erkrankungen und 10 Todesfälle, 
während im Ganzen bis zu diesem Tage 1588 Personen erkrankt und 
654 gestorben waren. Am 5. August war die Zahl der Erkrankungen 
bereits auf 2000 , diejenige der Todesfälle auf 900 gestiegen. Nun 
aber scheint die Seuche abgenommen zu haben. Am 6. August zählte 
man noch 159 Erkrankungen und 94 Todesfälle. Victor Emanuel's 
Erscheinen zur Zeit der Seuche hatte sehr wohlthätig auf die Gemüther 
gewirkt. Er hatte sich 8 Stunden in der bedrängten Stadt aufgehalten, 
5 Choleraspitäler besucht und die am schwersten heimgesuchten Stadt- 
theile zu Fusse dui'chwandert. Nun wurden die Strassen wieder 
etwas belebter (um den 7. August), die Magazine öffneten sich und 
man fasste den Vorsatz, wieder an seine Geschäfte zu gehen. Am 
8. August erkrankten noch 133 Personen und starben 75; am 9. August 
wurden 107 ergriflPen und starben 69; am 13. August erkrankten 110 
imd starben 58 Menschen. — Das Volk in der Nähe von Genua 
zeigte sich sehr abergläubisch. Als der Maire in St. Piez d'Arena 
ganz nahe bei Genua zwei französischen Marktschreiern , welche Uni- 
versahnittel gegen die Cholera verkauften , ihren Handel untersagte, 
da er in Erfahrung gebracht, dass Tags zuvor einer ihrer Kunden 
gestoi-ben war, rottete sich der Pöbel zusammen, ergriff für die Charla- 
tane Partei und schrie: „Tod den Aerzten!" An einem andern Oiic 
wurden zwei Aerzte und ein Apotheker vom Volke geschlagen, weil 
man glaubte , die Aerzte seien gedungen , die Armen zu vergiften ; 



— 246 — 

die Aerzte mussten sich daher in Zukunft durch Soldaten auf ihren 
Gängen begleiten lassen. 

In Turin dauerte es lange, bis die Cholera förmlich zum Ausbruche 
kam. Noch bis zum 1. August war mit Ausnahme des Ritters Adrian 
Revel, der von Genua zurückgekehrt war, kein eigentlicher Cholera- 
fall daselbst vorgekommen, obschon im buchstäblichen Sinne des 
Wortes alle verfügbaren Räume von flüchtigen Genuesem jeden Alters 
imd Geschlechtes besetzt waren. Revel war in der Nacht vom 31. Juli 
auf den 1. August gestorben. Er hatte übrigens bereits seit einigen 
Tagen Unterleibsbeschwerden gefühlt, als er sich nach Genua bege- 
ben hatte. Sechs imd dreissig Stunden später war noch kein weiterer 
Fall vorgekommen. Bis zum 3. Angust jedoch folgte ein zweiter 
fulminanter Fall, der ebenfalls ein von Genua gekommenes Individuum 
betraf. Am 3. August ereignete sich ein dritter Fall wieder bei einem 
aus dem gleichen Orte zugereisten Individuum. Bis zum 5. August 
sollen dann abermals zwei Genueser Flüchtlinge in einem Gasthofe er- 
krankt, und am Morgen des 5. Angust in dem ärmsten Quartiere der 
Stadt einige Fälle vorgekommen sein. Am 11. August wusste man 
von 16. Erkrankungen und 9 Todesfällen, von denen die ersteren 
grösstentheils Genueser Flüchtlinge betrafen. Uebrigens sind die Nach- 
richten über Turin sehr widersprechend. Auch hier bestrebte man 
sich nun plötzlich , alten Uebelständen abzuhelfen. Ueberall ward 
gescheuert, gewaschen, gereinigt. 

Mittlerweile waren in verschiedenen Orten der Riviera verein- 
zelte Fälle vorgekommen, ferner in Novi, Alessandria, Valenza, Asti, 
und zwar, wie es scheint, allenthalben bei flüchtigen Genuesern. In 
Asti setzte sich die Bevölkerung in den Kopf, der daselbst wohnende 
protestantische Geistliche habe die Seuche über sie gebracht mid 
wollten ihn desshalb tödtcn und sein Haus verbremien. Es ist un- 
glaublich, wie abergläubisch sich die Masse in der Riviera und sogar 
in Genua selbst zeigte. An vielen Orten mussten die Aerzte die 
Hälfte der Arzneien austrinken, als Bürgschaft, dass sie kein Gift ent- 
halten; an anderen Punkten ordneten Maires nächtliche Feldpatrouillen 
der Nationalgarde an, indem man fest glaubte, die Krankheit werde 
in der Nacht gesäet , mittelst Raketen zugeschleudert und in der Form 
eines Schlangen und Ki-öten abgezapften Wassers in die Häuser ge- 
spritzt. Die Superklugen behaupteten einfach, man wolle sich der 
Armen entledigen, habe hiezu die Aerzte gedungen und zahle den- 
selben für jeden Gelieferten 20 Franken. Aber wie erstaunen wir 
erst, wenn wir lesen, dass die Erzbischöfe in Genua und Turin zwar 
die Aerzte von dem auf ihnen lastenden Verdachte zu befreien ver- 






— 247 — 

sucht, dagegen die Schuld auf die Protestanten und die Presse ge- 
schoben haben!! Um den 8. August wüthete die Cholera längs der 
ganzen Riviera, von Nizza bis la Spezzia und Lerici. 

Nicht minder hatte die Seuche auch im Grosäherzogthum Toskana 
an Ausbreitimg gewonnen. Noch um den 3. August war man in 
Livomo über den Charakter der schon seit zwei Wochen (wie ein 
späterer Bericht lautet) hier vorgekommenen verdächtigen Erkrankun- 
gen im Ungewissen. Am 2. August erklärte sie der Monitore für 
Cholcrafalle ; es sollten bis ziun 2. August 41 solcher Fälle vorge- 
kommen und 26 Personen an der Cholera gestorben sein , während 
die von der Sanitätsbehörde den abfahrenden Schiffen übergebenen 
Papiere nur auf „verdächtige Fälle" lauteten, und die ausserordent- 
liche Sanitätscommission am 3. August den Gesundlieitszustand für sehr 
befriedigend erklärte. Immerhin herrschte auch hier Angst und Be- 
stürzung; wer konnte, floh; das Volk meinte, die Milch sei vergiftet. 
Die Behörden Hessen Krankenlokale einrichten, schlechte Nahrungsmittel 
confisciren und die Strassen reinigen, wozu es in der That hohe Zeit 
war, denn aus einem späteren Berichte ergibt sich, dass denn doch 
am 2. und 3. August 9 Choleraerkrankungen vorgekommen waren. 

Auch im Luccesischen , so in Viareggio und Camajore, hatte 
sich die Seuche gezeigt. Um den 4. Augu&t war kein Zweifel mehr, 
dass die Cholera in Livorno ausgebrochen war. Es waren meistens 
den niederen Stauden angehörende Leute, die dasebst zuerst erkrank- 
ten. Die Eisenbahn beförderte fortwährend eine grosse Zahl von 
Flüchtlingen aus Livorno, welche meist in Pisa, Siena und Florenz 
eine Zuflucht suchten , in welcher letzteren Stadt die angeblich da- 
selbst früher ausgebrochene Seuche wenigstens keine weitere Verbrei- 
tung erlangt zu haben scheint. Auch viele flüchtige Familien aus 
Neapel und dem südlichen Frankreich befanden sich in Florenz. 

In Rom forderte die Seuche Anfang August täglich einige 
Opfer, und die Abendzeitung vom 2. August gestand endlich ein, 
dass schon vor elf Tagen im Hospital San Spirito einige Cholerafalle 
vorgekommen seien. Es war jedoch Thatsache, dass auch in der 
Stadt ausser den Krankenhäusern Todesfälle sich ereignet hatten, 
die nach Angabe gewissenhafter Aerzte durch die asiatische, nach 
Anderen durch „eine Art Cholera" veranlasst worden waren. Gewiss 
war es jedenfalls, dass eine Krankheit herrschte, an der man nach 
wenigen Stunden starb. Die Behörden ergriffen alle möglichen Maass- 
regeln , um die Ausbreitung der Ki-ankheit zu verhüten ; man ordnete 
die nöthige Strassenreinigung an; Hess, imi Zusammenhäufung grös- 
serer Menschenmassen zu verhüten, die kleinen Theater schliessen. 



— 248 — 

Der Generalvikar rief zu öffentlichen Gebeten auf; dessenungeachtet 
flohen die Römer massenhaft in's Gebirg, der Pabst aber zeigte sich 
täglich in den Messen. Die Seuche machte jedoch in Rom nur 
langsame Fortschritte ; dennoch hatte sich um den 7. August die 
Bevölkerung der Stadt bereits wohl um ein Drittheil durch die Flucht 
vennindert. Vom 26. Juli bis 7. August waren 75 Menschen erkrankt. 
Nebenbei forderten die endemischen Fieber manches Opfer; im Hos- 
pital San Spirlto allein befanden sich am 8. August 1015 männliche 
Fieberkranke, und noch weit grösser war die Zahl dieser Patienten 
in den übrigen Spitälern und Privathäusern. 

Auch noch späterhin, gegen die Mitte Augusts, trat die Seuche 
in Rom sehr gelinde auf. 

In Neapel dagegen wüthete die Cholera mn so heftiger. Ain 
2. August starben hier 395 Menschen. Nahe an 7000 Personen 
waren geflohen; am 5. August starben 377, am 6. August 334, am 
7. August 316 Kranke. Um den 13. August nahm die Seuche noch 
zu, und die ausserordentliche Auswanderung dauerte fort. 

Aus Portugal erfahren wir wenig Sicheres; um den 8. August 
war das ganze linke Guadianaufer in Cholera- Contmnaz erklärt. 

Während auf diese Weise der Süden Europa's aufs Heftigste 
bedrängt war, sollte auch ein Theil von Süddeutschland die Wuth 
der Seuche erfahren. In München erkrankten bis zum 13. August 
338 Personen und sollen etwa 150 gestorben sein. Daneben waren 
Diarrhoeen allgemein in der Stadt verbreitet. Am 6. August brach 
die Seuche im Regierungsbezirk Schwaben aus, und zwar zu Augs- 
burg und in den Amtsbezirken Günzburg, Göppingen imd Roggen- 
berg. Verdächtige Fälle zeigten sich zunächst in den Landgerichten 
Buchion, Burgan, Donauwörth, Füssen, Göppingen, Günzburg, Im- 
menstadt, Kaisersheim, Kaufbeuren , Kempten, Laiungen , Linden, 
Neuberg, Ottobeuren, Roggenburg, Schwabenmünchen, Zunnarthausen. 
Um den 10. August erschien die Seuche im Regierungsbezirk Mittel- 
franken, namentlich in Nürnberg mid Fürth; dann in den Amtsbezir- 
ken Dinkelsbühl, Erlangen, [Heidenheim, Neustadt, Schwabach und 
Weissenburg. Im Regierungsbezirk Oberfranken kamen zunächst in 
Bamberg, dann in der Strafanstalt Ebrach, den Amtsbezirken Bai- 
reuth, Culmbach und Kranach einige Fälle von Cholera vor, die aber 
lange vereinzelt blieben. Um den 11. August erschienen in der Pfalz 
vier verdächtige Fälle im Dorfe Sondernheim (Landgericht Germers- 
heim) ; dieser Regierungsbezirk war von mehreren Seiten von der 
Cholera umgeben. Um den 12. August trat die Seuche in Ingol- 
stadt auf 



— 249 — 

Der Norden von Deutschland .sclieint noch frei gewesen zu sein ; 
doch sollen sich bis zum 10. August in Berlin einige Cholcrafälle 
ereignet haben. 

In St. Petersburg hatte die Cholera mittlerweile abgenommen. 

In der zweiten Hälfte des Augusts wüthete die Cholera theils in 
Italien fort, theils verbreitete sie sich sowohl in diesem Lande als 
in Baiem weiter. 

Um die Mitte des Augusts dehnte sie sich in der Provinz Genua 
immer weiter aus. Sie wüthete vornehmlich zu Sj^ezia, Lerici, Sar- 
zona, Arquate, Serravalle. In Genua erkrankten am 14. August 
noch 107 und starben 78 Personen und um den 18. August zählte 
man noch immer ein halbes Hundert Sterbefalle pro Tag und darüber. 
Leider begegnen wir auch jetzt wieder, wo wir auch hinsehen mögen, 
elender Feigheit und unseligem Aberglauben. Aus Lerici entwichen ver- 
hältnissmässig mehr Menschen als aus Genua, und vor Allen flohen 
die Civilbeamten. Die sonst so belebte Gegend von Sarzona, wo die 
Cholera mit ausserordentlicher Heftigkeit wüthete, war zum Kii'chhof 
geworden. lu Alessandria hatten sich am Morgen des 10. August 
ein Dutzend Weiber unter lautem Geschrei und Geheul zusammen- 
gerottet, weil, wie man ihnen in der Predigt gesagt hatte. Mittags 
die Cholera mit furchtbarer Heftigkeit ausbrechen sollte. Sie mussten 
mit Gewalt auseinandergetrieben werden. 

Auch in die Alpengegenden Savoyens verbreitete sicli die Seuche. 

In Tm-in bewahrte sie immer ihren milden Charakter ; denn bis 
zum 18. August zählte man hier bloss 40 Todesfälle. Im Allgemei- 
nen nahm die Krankheit um den 21. August im Königreich Sardinien 
an Extensität immer noch zu , an Intensität aber ab. Nur in der 
Armee, in der sie jetzt erst aufgetreten war, forderte sie noch viele 
Opfer und wüthete jetzt in Orten und Gegenden , die zu den gesun- 
desten des Landes gehörten. 

Um den 17. August hatte die Seuche nordwärts auch die Schwei- 
zer Grenze überschritten , indem sich um diese Zeit im Tessin einzelne 
Fälle zeigten. 

Um den 19. August begann die Cholera an der Westküste der 
italienischen Halbinsel aufzutreten und bedrohte nun endlich auch 
Sicilien. 

In Neapel sah es migemein traurig aus. Nicht die mindesten 
Vorsichtsmassregeln wurden getroffen ; die Behörden kümmerten sich 
weder um Krankenpflege , not-h Reinlichkeitspolizei , Beerdigung u. s. w. 
In fatalistische Lethargie versunken, bot diese Stadt das Bild eines 
durch die Pest verheerten asiatischen Ortes dar. 



— 250 — 

Um die dritte Woche des Augusts richtete die Cholera in Bar- 
celona grosse Verheerungen an. 

In Marseille war die Seuche um den 16. August im Erlöschen 
begriffen ; dagegen wüthete sie noch in Toulon und vielen andeini 
Punkten im Süden und Osten Frankreichs mit Heftigkeit. 

Jenseits des Mittelmeeres hatte sich die Cholera um den 17. 
August in Algier, Philipp eville, Oran und Bona eingestellt. 

In England dauerte die Seuche fort. — Am 21. August finden 
wir sie ferner auf den Alandsinseln. 

In Baiern mehiien sich die Erkrankungen in der dritten Woche 
des Augusts. In München waren bis zum 22. August 1450 Menschen 
erkrankt und 491 gestorben. Die grösste Zahl von Todesftillen im 
Verhältniss zur Zahl der Erkrankungen war am 12. August vorge- 
kommen, die geringste am 16. August (27). In Augsburg erkrankten 
vom 19. — 20. August 101 imd starben 42, vom 20. — 21. August 
erkrankten 83 und starben 34, vom 21. — 22. August erkrankten 
92 und starben 36. In Nürnberg wurden vom 8. — 22. August 93 
ergriffen und starben 34. Um den 16. August brach die Cholera 
in Regensburg aus ; bis zum 20. August erki-ankten 9 und starben 
3 Personen. 

In der letzten Woche des Augusts sehen wir die Cholera im 
Königreich Sardinien vornehmlich in Asti , Pignerolo , Susa , Chivasso 
mehr oder minder heftig wüthen. In Nizza verschwand sie um den 
29. August. 

Um den 23. August herrschte die Seuche rings um Lucca; so in 
Viareggio, Comajore, Pietra Santa u. s. f. In Livorno war die Zahl 
der Erkrankungen auf 57 an Einem Tage gestiegen; vom 21. an 
ungefähr schien sie jedoch hier abnehmen zu wollen. Bis zum 24. 
August starb die Hälfte der Erkrankten, die mit ganz wenigen Aus- 
nahmen den untersten Volksschichten angehörten. Auch hier ver- 
weigerte Mancher aus unseligem Vergiftungswahn die ärztliche Hülfe ; 
doch fielen hier keine Unruhen vor. 

In Neapel nahm die Cholera vom 6. August an beständig ab. 
Vom 21. Juli bis 21. August starben hier 6018 Pei'sonen. In den 
letzten zehn Tagen des August starben 752, während in den voran- 
gegangenen zehn Tagen 1593 Menschen unterlegen waren. Auch hier 
herrschte der schreckliche Vergiftungsglaube. Sogar die Schweizer 
Jäger, von denen verhältnissmässig Viele der Seuche erlagen, hatten 
sich in den Kopf gesetzt , durch Wein vergiftet Avorden zu sein und 
wollten desswegen alle Tavernenbesitzer lunbringen. Es bedurfte der 
äussersten Anstrengungen der Offiziere, den drohenden Aufruhr zu 



( 



— 251 — 

beschwichtigen. Allerdings miissten die Soldaten , da seit drei Jahren 
in Neapel die Traubenkrankheit herrschte, viel verfälschten Wein 
trinken, — und die schweizerischen Soldaten in Neap6l sind eben keine 
Verehrer der Mässigkeitsvereine. Die Polizei schritt wenigstens gegen 
die Vei-breiter der Vei-giftungsidee energisch ein. Uebrigens war die 
Cholera um den 24. August über das ganze Königreich Neapel und 
Sicilien verbreitet. In Messina , wo die Seuche zwischen dem 25. 
imd 31. August ihre Höhe erreichte, heiTSchte ein Zustand, von dem 
man sich nur schwer einen Begriff machen kann ; denn hier wüthete 
sie mit furchtbarer Heftigkeit. In Einer Woche sollen 5000 Per- 
sonen gestorben sein. Aerzte, Geistliche, Wärter, selbst Todtengrä- 
ber mussten von Neapel geholt werden. Am 31. August starben 500 
Menschen. Auch in Palermo forderte die Seuche ungeheure Opfer. 

In der letzten Woche des Augusts soU die Cholera auch auf 
der Insel Sardinien ausgebrochen sein. Doch scheint sie dieses Jahr 
daselbst nur massig aufgetreten zu sein, da uns weitere Nachrichten 
fehlen. 

Um die Mitte Augusts scheinen auch in Mailand drei verdächtige 
Erkrankimgen mit tödtlichem Ausgange vorgekommen zu sein. 

In den Pariser Spitälern wurden seit dem Ausbruche der Cholera 
im November 1853 bis zum 27. August 1854 5268 Fälle behandelt, 
von denen 2689 mit dem Tode endigten. Man schloss aus dieser 
Zahl auf 16,000 Erki-ankungeu und 8000 Todesfälle in der ganzen 
Stadt. — In Strassburg forderte die Cholera, nachdem sie bereits fast 
ganz erloschen gewesen, aufs Neue einige Opfer; um den 23. August 
war sie von Neuem verschwunden. Vom 10. Juli bis 23. August 
waren 475 Cholerakranke in ihren Wohnungen behandelt worden imd 
194 in den Spitälern. Von jenen waren 107, von diesen zwei Dritt- 
theile gestorben. Auch in Genf waren bis zum 26. August einige 
bedenkliche (Cholerine - ?) Fälle vorgekommen ; die Stadt war übrigens 
voll von Choleraflüchtlingen aus Marseille , Genua und Neapel. 

Aus den Vereinigten Staaten erhalten wir nur sehr vereinzelte 
Nachrichten; doch scheint sich die Krankheit in den nördlichen Thei- 
len derselben weit ausgebreitet zu haben. So war sie nicht nur, wie 
wir schon früher gesehen haben, in Quebec und Montreal, sondern 
auch in Niagara imd in Neubraunschweig aufgetreten. 

In London nahm die Seuche lun den 24. August zu. Vom 8. 
Juli bis 19. August waren die Zahlen der wöchentlichen Todesfölle 
gewesen: 5; 26; 133; 399; 644; 729. Ausserdem starben sehr 
viele Leute an „Diarrhöe" (v. 12. — 19. August 192), welchen Durch- 
fall die Londoner Statistik immer von der Cholera getrennt hielt. Vom 



— 252 — 

19. — 26. August starben au Cholera 847 und 214 an Dian-höe. 
Die Seuche zeigte sich um so bösartiger , je tiefer die Wobnstätten 
lagen und es kamen äusserst fulminante Fälle vor, in denen die 
Befallenen binnen 10 Minuten gesund und todt waren. 

Im Norden erchienen um den 24. August einzelne Choleratalle 
zu Stockholm. 

In München erkrankten am 23. August 205 und starben 83 
Personen; am 24. August sank die Zahl der Erkrankungen auf 115, 
die der Todesfälle auf 75; am 25. August stieg die Zahl der Er- 
griffenen auf 203 , die der Todesfälle blieb auf 75 ; vom 28. an 
nahm die Zahl der Befallenen rasch ab, verhältnissmässig weniger 
die der Todesfälle. Die ersteren fielen bis Ende Augusts auf 111, 
die letzteren auf 51 — 61. 

In Augsburg erkrankten vom 23. auf den 24. August 73 und 
starben 33 Personen. Bis zum 31. August erhielt sich die Zahl der 
Erkrankungen mit Schwankungen fast auf derselben Höhe, die der 
Todesfälle schwankte sehr. 

In Nürnberg erkrankten am 23. August 9, am 24. August 6, 
am 25. August 5, am 27. August 7, am 28. August 14, vom 30. 
auf den 31. August 10 Personen. Bis zum 24. August waren hier 
105 Menschen erkrankt und zwar auf der dichter bewohnten südlichen 
Stadtseite 79; bis zum 31. August waren 173 ergriffen und 84 ge- 
storben; daneben waren ebenso viele Cholerlnefälle vorgekommen. In 
der ersten Hälfte des Septembers nahm die Seuche in München be- 
deutend ab; am 1. September zählte man 138 Erki-ankungen , am 
7. September 83, am 13. September 44; die Zahl der Todesfälle 
wechselte sehr, doch nahm sie auch entschieden ab, ebenso in Augs- 
burg. Von Ingolstadt hatte sich die Cholera über mehrere Gemeinden 
des gleichnamigen Landgerichtsbezirkes mit grösster Heftigkeit aus- 
gebreitet; namentlich wurde Geimersheim stark heimgesucht. 

In Nürnberg hatte sie am 4. und 5. September ihre Höhe er- 
reicht. Bis zum 4. September waren in Baiern am stärksten heim- 
gesucht worden die Regierungsbezirke Oberbaiern und Schwaben*). 
In Niederbaiern hatten bis zum 4. September nur vereinzelte verdäch- 
tige Fälle stattgefunden. In Unterfranken dagegen war sie in dem 
Orte Gräfendorf im Landgerichte Gmüuden in grösserer Verbreitung 
aufgeti'eten. In der Pfalz waren bis zum 4. September nur 4 vei'- 
dächtige Todesfälle vorgekommen, nämlich in Sondernheim. 

*) Der Raum ist mir so bestimmt zugemessen, dass icli mich in meinen 
Angaben über Baieru nur auf das Allgemeinste bescliränken muss. 



— 25a — 

Um den 10. September begann die Seuche in \\"nm zu lienscheii. 

Auch in Dannstadt kamen (wahrscheinlich in der ersten Woclie 
des Septembers) vereinzelte Cholerafalle vor, ebenso in Rastatt. 

Auf der französischen Ostseeflotte scheint die Krankheit in der 
ersten Hälfte des Septembers auch noch geherrscht zu haben ; bis zum 
1. September soll dieselbe 600 Mann an der Cholera verloren und 
der „Milan", eine Dampffregatte, seine Mannschaft bis auf fünf Mann 
eingebüsst haben. 

In London waren vom 19. — 26. August 847 ^ vom 26. August 
bis 2. September 1287, vom 2. — 9. September 2050 Menschen an 
der Cholera gestorben; in der Woche vom 9. — 16; September starben 
1549 Menschen an dieser Seuche. Uebrigens waren zu dieser Zeit 
so ziemlich fast alle grossen Städte Englands und Schottlands von der 
Cholera ergriffen , die sich jedoch , London und Glasgow in Schott- 
land ausgenommen , nur in vereinzelten Fällen zeigte: 

In Spanien nahm die Seuche am 10. September ab; in Barce- 
lona hatte sie jedoch noch um den 4. September heftig gewüthet. lu 
Cadix starben um den 5. September täglich 10 Menschen; 

In Westindien wüthete unsere Krankheit um den 12» September 
in einigen Theilen Jamaica's noch immer ziemlich heftig. 

In Messina waren am 1. September 650 Menschen gestorben; 
beinahe 1 Prozent der durch Flucht von etwa 84,000 Seelen auf 
60,000 Seelen zusammengeschmolzenen Bevölkerung. Auch hier war 
natürlich Alles geflohen, was hatte fliehen können, sogar Postbeamte, 
Aerzte, Apotheker. Man musste Aerzte u. s. w. von Palermo zu Hülfe 
senden. Bäder, Theater, Gerichte waren geschlossen; die Strassen 
beinahe leer. Um den 4. September aber scheint die Seuche nach- 
gelassen zu haben ; die Zahl der Todesfalle war jetzt auf 235 ge- 
sunken. Bis zum 13. September waren mit Ausschluss der Garnison 
12,000 Menschen in Messina an der Cholera gestorben. Von der 
Besatzung soll beinahe die Hälfte umgekommen sein. — In Palermo 
hatte die Seuche schon seit dem 22. August bedeutend abgenommen. 
Im Ganzen waren hier vom 10. August bis 1. September 4240 
Menschen unterlegen , etwa 2V3 Prozent der durch die Flucht auf 
160,000 Einwohner zusammengeschmolzenen Bevölkerung, und doch 
waren hier von den Behörden zweckmässige Maassregeln getroffen 
worden. Die Aerzte lagen muthvoll, rastlos thätig und uneigen- 
nützig ihrem schweren Amte ob; die Einwohner aller Klassen be- 
nahmen sich einsichtsvoll und vernünftig, wenn schon auch hier 
Manche flohen und man sogar von Personen, die nicht immer den 
untersten Schichten angehörten, das Wort „Gift" vernahni. Unter 

Wisaeuschaftliche Monatsschrift. J (j 



— 254 — 

der 15,000 Mann betragenden Besatzimg, besonders dem über 2200 
Mann starken Schweizerregiment, richtete die Seuche arge Verheerungen 
an. Letzteres soll gegen 7 "/o verloren haben, was man vor Allem der 
Trunksucht dieser Leute und dem Genuss vielleicht unreifer Früchte 
imd anderer roher Speisen zuschrieb. Uebrigens wurde in Palenno die 
öffentliche Ordnung nicht einen Augenblick gestört. 

In Neapel belief sich die Zahl der täglichen Todesfälle um den 
4. September auf etwa 30 ; sie betrafen meist früher erkrankte Indi- 
viduen. Die Theater waren wieder geöffiiet und wurden auch ziem- 
lich besucht. 

In Rom behielt die Seuche Anfangs Septembers noch immer einen 
milden Charakter. In nicht wenigen Fällen hatten sich die Erkrankten 
durch Unmässigkeit die Krankheit so recht eigentlich „an den Hals 
geworfen"; die Polizei hatte daher den Verkauf der Wassermelonen 
lu s. w. imtersagt; das Volk sti-ömte nun aber nach den Weingärten 
ausserhalb der Thore, um sich an den verbotenen Früchten zu laben, 
wesshalb die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle unmittelbar nach 
einem Festtage um das Doppelte stieg. Es mussten daher reitende 
Gensdarmenpatrouillen abgesendet werden, um die Menge von den in 
den Weingärten für Spottpreise feilgebotenen Cocomeri fern zu halten. 
Auch jetzt noch erkrankten Viele am Fieber. Um den 11. September 
aber nahm die Seuche in Rom zu. Vorher hatten sich nur die Wohl- 
habenden entfernt; jetzt begannen auch die Aermeren in Menge zu fliehen 
und man verschmähte selbst nicht in Malaria - Orten eine Zuflucht zu 
suchen, und merkwürdigerweise waren in keiner Ortschaft, wohin seit 
fünf Wochen römische Flüchtlinge geeilt waren, auch nicht innerhalb 
der Malariabezirke, Cholerafalle vorgekommen. Die Osterlen ausser- 
halb der Thore Roms wurden nun geschlossen um den Genuss schäd- 
licher Früchte und verfälschten Weines zu verhüten. 

Im Grossherzogthum Toscana trat die Cholera sehr milde auf. In 
Livorno war der Schrecken viel grösser gewesen, als die Gefalir und 
der Sehaden; die Cholera hatte hier meist nur unter den unteren Klassen 
um sich gegriffen. Um den 4. September war die Seuche hier schon 
beinahe erloschen. In den übrigen der Küste nahegelegenen Ortschaften 
war die Abnahme noch weniger merklich; doch war sie auch in diesen 
mit Ausnahme von Viareggio von Anfang an gelinde aufgetreten. In 
Pisa waren am 4. September nur 10 Cholerakranke in Behandlung. 

In Florenz waren bis zum 5. September 6 Erkrankungen vor- 
gekommen, und zwar in den engsten, imreinlichsten Strassen der Stadt; 
sie scheinen sich von da an etwas gemehrt zu haben. 

Im Königreich Sardinien nahm die Cholera zu Anfang des Septembers 



j 



255 — 



bediniteiul ab; in Genua starben am 3. September nur noch 3 Per- 
sonen; in Turin, wo sie jedoch später ausgebrochen war, als in jener 
Stadt, kamen am 5. Septembei- 31 Todesfälle vor. 

Im .südlichen Frankreich wiithete die Seuclie Anfangs Septembers 
noch fort. In Paris war sie schon seit dem August in zwar langsamer, 
aber stetiger Abnahme begriffen. Vom November 1853 bis 1. Se])tember 
1854 waren in ganz Frankreich ungefähr 73,500 Menschen an der 
Cholera gestorben ; in Paris innerhalb desselben Zeitraumes 6002 Per- 
sonen erkrankt und 3075 gestorben. In Strassburg dauerte die Krank- 
heit auch noch an; doch forderte sie um den 11. September nur 
noch sehr selten ein Opfer. Im Bürgerspitalc fanden sich nur noch 
höchst wenige Cholerakranke. 

Wir konmien nun zur zweiten Hälfte des Septembers. 

In München schwankte die Zahl der Erkrankungen vom 14.-22 
September zwischen 37 und 24, die der Todesfälle zwischen 30 und 
13; zwischen 21. und 30. dieses Monats sank die Zahl der Erkrankun- 
gen auf 5, diejenige der Todesfälle auf 2 hinunter. 

In Augsburg schwankte die Zahl der Erkrankungen vom 14.— 30 
Septembers zwischen 48 und 19, die der Todesfälle zwischen 14. und 
22. September zwischen 17 und 7; vom 22. — 30. September fiel die 
Zahl der Todesfälle auf 6. 

In Nürnberg scheint die Seuche Mitte Septembers erlosche.i 



zu seni. 



Am Bodensee sollen sich in dieser Periode Cholerafälle gezeigt haben. 

Ende Sei)tembers soll die Krankheit auch in Hamburg, Glückstadt 
und Kopenhagen ausgebrochen sein. 

In Stockholm, wo schon vom 24. August an einzelne Cholera- 
fälle vorgekommen waren, raff^te sie um den 15. September täglici, 
mehrere Opfer weg, besonders unter den ärmeren Klassen. Am 18 
September wurde offiziell bestätigt, dass sie in Stockholm ausgebrochen 
sei, und am 2(^ September nahm sie zu. — Am 22. September wnsste 
man von mehreren Fällen, die in der Nähe von Christiania vorge- 
kommen waren. 

In St. Petersburg begann die Seuche schon Mitte Septembers zu 
erlöschen. 

In London starben zwischen 16. und 23. September 1294 Men- 
schen an der Cholera. 

Im nördlichen Irland hatte sie um den 28. September nachge- 
lassen und in Dublin und dessen Nachbarschaft ganz zu herrschen 
aufgehört; m Schottland dagegen scheint sie noch besonders hart- 
nackig m Glasgow gewüthet zu haben. 



— 256 — 

In den Vereinigten Staaten dauerte die Cholera fort. In Pittsburg 
raffte sie einmal an Einem Tage 900 Personen weg. Sie scheint über 
die ganze Union verbreitet gewesen zu sein. 

In Frankreich verminderte sich die Seuche. 

In Spanien trat die Cholera noch gegen Ende des Septembers 
an manchen Orten mit beispielloser Wuth auf; in Madrid nahm sie ab. 

In Italien Hess die Seuche nach mit Ausnahme von Rom. In 
Messina wurden gegen den 20. September neue Erkrankungen immer 
seltener. — Im Königreich Sardinien war die Cholera um den 23. 
September bis auf den Bezirk Pignerolo, wo sie namentlich in der Stadt 
gleichen Namens mit grosser Heftigkeit aufgetreten war, im Erlöschen. 
— In Genua war sie schon am 19. September verschwunden, während 
sie zu dieser Zeit in Turin, weder ab- noch zunahm, obgleich die Opfer, 
die sie forderte, im Verhältniss zur Bevölkerung kaum nennenswerth 
waren. In Genua waren vom 23. Juli bis 16. September 2608 Per- 
sonen an der Cholera gestorben. — In Rom dagegen machte die 
Seuche trotz des schönsten Wetters, ungeachtet ein crystallheller Tag 
auf den andern folgte, um den 1 6. September immer noch Fortschritte ; 
auch am 18. September war die Zahl der Erkrankungen, wenn sie 
auch Schwankungen machte, doch noch immer im Steigen. Nach dem 
25. September aber, nachdem 2 — 3 Tage ein heftiger, kalter Orkan 
geherrscht hatte, fiel die Zahl der Todesfälle auf etwa 15 täglich; 
doch soll diese Angabe nach Privatangaben um die Hälfte zu klein 
gewesen sein. Mehr als früher zeigte sich die Krankheit um den 25. 
September in den Klöstern ; indessen kamen verhältnissmässig die 
meisten Todesfälle im französischen Lazarethe vor. 

Gehen wir nun zur ersten Hälfte des Octobers über, so finden 
wir, was zunächst Baiern betrifift, die Cholera zu Anfang des Monats in 
München erloschen. Zu Augsburg erkrankten am 1. October noch 5 
Personen und starben 3. Am 5. October löste man die letzten Besuchs- 
anstalten auf. Von 3600 seit dem 6. August Erkrankten waren nahezu 
1200 gestorben. In Augsburg waren die wohlhabenderen Klassen zuerst 
und erst später die ärmeren Einwohner heimgesucht worden. Um den 
10. October wurde in Augsburg die Cholera als erloschen erklärt. 
Um den 8. October war die Seuche auch in Nürnberg im Erlöschen 
begriffen. Seit dem 8. August waren 536 Personen erkrankt und 289 
(meist rasch) gestorben. 

In dieser Periode kamen auch in Berlin noch Cholerafälle vor. 
In Wien hatte sich die Cholera um den 5. October schon ziem- 
lich verbreitet; es waren bereits 290 Erkrankungen und 138 Todesfälle 
vorgekommen. Bis zum 7. October hatten sich die meisten Erkrankungen 



I 



— 257 — 

in den Vorstädten Mariahilf, Leopoldstadt und öcliotteufeld ereignet. 
Vom 7. — 8. Octobcr zählte man GO Todesfälle. — Em Innthal, wo 
die Krankheit bisher noch nie aufgetreten war, waren bis zum 7. October 
vereinzelte Fälle vorgekommen. 

In London sank die Zahl der Todesfälle auf 750 in der Woche. 

In Madrid war die Seuche um den 8. October beinahe er^. 
loschen. 

In den sardinischen Provinzen nahm sie um den 4. October fort- 
während ab; nur in Turin wollte sie noch immer nicht weichen. 
Selbst am 12. October hatte sie diese Stadt noch nicht verlassen. 

In Livorno feierte man lun den 12. October ein Dankamt für das 
Aufhören der Epidemie, obgleich sie noch keineswegs ganz erloschen 
war; doch hatte die Stadt wieder ihr gewohntes Aussehen angenommen. 

In Rom war die Zahl der Erkrankungen um den 2. October 
wieder verhältnissmässig grösser, als sie in den leztvorangegangenen 
Tagen gewesen war, was die Aerzte dem Leichtsinne zuschrieben, 
womit Viele, welche diu Krankheit, weil sie nachlassen zu wollen 
schien, als nicht mehr \üi'hauden betrachteten, ihrer Ess- und Trink- 
begierde rücksichtslos den Zügel schiessen Hessen. Um den 9. October 
aber ging die Krankheit doch auch hier ihrem Erlöschen entgegen. — 
Dagegen scheint sie sich in den übrigen Theilen des Kirchenstaates 
in der ersten Hälfte des Octobers noch mehr ausgebreitet zn haben. 
So erschien sie in der Stadt Kecanati ( Delegation Macerata ) und 
deren Umgegend , in Palestrina ( Delegation Rom ) und dem nahen 
Zagarolo, Veroli, sowie anderen Orten der Delegation Frosinone. 

In der zweiten Hälfte des Octobers finden wir in Deutschland 
die Cholera fast nirgends mehr. Nur in Canstatt kamen eine Anzahl 
Erkrankungen vor. Am 22. Oct(jber waren hier sechs Erkrankte 
in Behandlung; doch waren es nur vereinzelte Fälle, die sich fast 
nur auf zwei Häuser beschränkten. — In München hielt man am 17. 
October ein feierliches Dankamt für das Erlöschen der Cholera. — 
Dagegen brach die Seuche um den 28. Octuber in Ulm aus. 

In Wien nahm sie in dieser Periode immer mehr überhand; 
besonders am 14. und 15. October fand ein starker Zuwachs von 
Kranken Statt. Bis zum 15. October waren bereits 1333 Personen 
ergriffen und 556 gestorben. Doch war die Seuche selbst bis zum 
20. October (40 Tage nach ihrem Ausbruche) noch keinesweges in 
allen Theilen der Stadt „epidemisch" — verbreitet. Der bei weitem 
grösste Theil der bisher gefallenen Opfer gehörte den westlichen und 
südwestlichen Vorstädten und der inneren Stadt an; die südlich ge- 
legene Vorstadt Wiedcn und die östliche Voistadt Landstrasse waren 



— 258 — 

bis jetzt fast gänzlich verschont geblieben. Selbst in den ergriffenen 
Bezirken hatte sich die Seuche sprungweise auf kleinere Kreise und 
einzelne Strassen ausgebreitet und gewisse Häuser der inneren Stadt, 
wie das Trattner'sche am Graben , hatten durch die Menge und den 
meist tödtlichen Ausgang der darin fast gleichzeitig vorgekommenen 
Erkrankungen eine traurige Berülmitheit erlangt. Am 20. October stieg 
die Zahl der Erkrankungen noch immer; doch war der Verlauf und 
Ausbruch jetzt weniger stürmisch, die Krankheitsform in der Regel 
gutartig. Am 21. October war der Zuwachs besonders beträchtlich, da 
210 neue Erkrankungen vorkamen. Diese ^'enllehrung schien indessen 
grossentheils daher zu rühren , dass die Epidemie sich in den letzten 
Tagen einiger bis dahin noch nicht ergriffener Bezirke bemäclitigt 
hatte. Schon am folgenden Tage trat ein Nachlass ein. Vom Aus- 
bruch bis zum 29, October waren 3222 Personen erkrankt und 1055 
gestorben. 

In London war die Zaiil der Todesfälle an „(,!holera" auf 24it 
und 163 (in der Woche) gesunken. 

In Stockliolm erkrankten vom 15. — 21, October 89 Persimen ; 
jedoch war die Epidemie um den 21. October bereits bedeutend in 
der Abnahme begriffen. 

In Spanien wüthete die Seuche besonders in Corunna und zwar 
in furchtbarer Weise, hauptsächlich in den höheren Ständen, in den 
Getangnissen und Casernen; die Todteu blieb en in den Häusern liegen 
weil Nieniand da vvar, um sie zu begraben. 

In Koni war die Cholera um den 17. October, wie man meinte, 
bereits bis auf die Erinnerung verschwunden und man hatte am 22. 
eben das dreitägige Dankamt für ihr Erlöschen beendigt, als sie sich 
in mehreren Stadttheilen von Neuem zeigte. Dieses Wiederaufleben 
schien luit dem eingetretenen Wechsel der französischen Garnison im 
Zusannnenhange zu stehen, denn als einige Tage zuvor zwei Bataillone 
des 14. und 21. Infanterieregimentes aus Civita Vecchia eingetroffen 
waren, hatten sich gleich darauf unter diesen neuen Trupi)en fünfzehn 
Erkrankimgen gezeigt, und alsbald hatte man auch von neuen Ei'- 
krankungen in der Stadt gehört ; doch verliefen diese Fälle, die ver- 
einzelt blieben, fast alle günstig. 

Mit dem Schlüsse des Octobers werden die Notizen über die 
Cholera imn^er spärlicher, und wir können schon daraus entnehmen, 
dass ihre Herrschaft fast allepthalben ihrem Ende entgegenging. Nur in 
einzelnen Städten , die erst später befallen worden waren , sehen wir 
sie noch ihre Opfer suchen. — Wie das Feuer zuerst einen leichten 
Stoff rasch verzehrt, daim allmälig die Flamme erlischt, das Feuer 



— 259 — 

aber doch noch iniiner in der halbverbrannten Kohle von Stelle zu 
Stelle kriecht und immerfort glimmend die letzten Restchen des Stoffes 
vollends in Asche verwandelt, so ergreift die Cholera zuerst fast mit 
Einem Sclilage einen grossen Ländercomplex, ja einen I<]rdtheil an den 
verschiedensten Stellen und sucht dann, nachdem sie die Gegenden 
oder Orte, die ihr den empfanglichsten Brennstoff geboten, verheert 
hat, immer noch weiter kriechend, gleich glimmendem Feuer, die Orte 
auf, deren Bewohner mit grösserer Resistenzkraft begabt waren, biö- 
endlieh auch dieser Brennstoff verzehrt ist. 

In Baiern kamen im November in der Pfalz , Oberpfalz , Unter- 
und Oberfranken keine neue Erkrankungen mehr vor ; wohl aber m 
Mittelfranken, in Schwaben, Nieder- und Oberbaiern (3U4 Erkrankungen 
und 185 TodesföUe, wovon auf München 133 Erankungen und 93 
Todesfälle trafen). In München ereigneten sich noch bis zum 24. De- 
cember einzelne Todesfälle. Im Ganzen starben hier im, DeceojJber noch 
32 Personen an der Cholera. Die letzte Erkrankung hatte am 13. J;inuar 
1855 Statt. 

In Wien erkrankten am 2. November 112; und starben 30 Per- 
sonen; bis zum 3. November waren 3864 Personen befallen und 1244 
gestorben. Um den 11. November begann die Cholera abzunehmen. 
Im Ganzen war kein namhafter Bezirk der Stadt verscüont geblieben. 
Die später ergriffenen Vorstädte hatten naetträglich ein ziemlich star- 
kes Contingent zu den Opfeni geliefert. Uebrig.ens scheinen die Wiener 
die Italiener in ihrer Furcht einigermassen nachgeahmt zu haben. Die 
Angst war „epidemisch", die Muthigen wacea nur „sporadische Er- 
scheinungen". Eine nicht unbedeutende Zahl dien wohlhabenden Classen 
angehörender Familien, die eben am Sclüusse der Sommersaison vom 
Lande zurückgekehrt waren, machten sofort „Kehrt um !", als sie die 
Stadt von der Seuche ergriffen sahen, und Andere suchten nun erst 
ein Asyl auf dem Lande gegen den bösen Feind. Die Theater waren 
wenig besuclit, die Bierhäuser ziemlich verwaist; in den Kaffeehäusern 
fand man nach 10 Tjhr Abends nur noch wenige Gäste. Die Ehe- 
männer und Junggesellen entwickelten auf Ein Mal einen grossen Sinn 
für Häuslichkeit; Frauen und Männer, die Wochen lang nicht aus- 
gingen, oder deren Nahrung zumeist aus Präservativmitteln bestand, 
begegneten dem Arzte in der Praxis alltäglich. 

In Ulm erlosch die Seuche um die Mitte des Novembers. 

Während die Kranklieit in Deutscldand allenthalben aufhörte, drang 
sie noch in der zweiten Hälfte des Decembers in Böhmen ein ; doch 
trat sie luu- in vereinzelten Fällen auf. Zuerst ereigneten sich mehrere 
Fälle im Budweiserkrcis ; dann kamen auch in Prag und dessen Um- 



— 260 — 

gebungen solche vor; ferner brach sie unter den Arbeitern an der 
neuen Kohleneisenbahn in Kralup aus. 

In Westindien erreichte die Cholera im December ihr Ende. 

In Marseille war die Seuche schon Ende Octobers gänzlich 
erloschen. 

In Turin nahm sie um den 5. November langsam , aber doch 
stetig ab. 

In Savoyen scheint die Cholera noch nicht ganz verschwunden ge- 
wesen zu sein, da sie in Charabery um den 5. November noch zunahm. 

In Rom wurden die Erkrankungen unter der eigentlichen römi- 
schen Bevölkerung um den 11. November immer seltener, Im Hospital 
San Spirito lagen fast nur Landleute , die aus ihren inficirteu Woh- 
nungen nach Rom geeilt und hier von der Seuche befallen worden 
waren; dagegen kamen in Tivoli und höher hinauf im Gebirge, nach 
der neapolitanischen Grenze hin, noch vereinzelte Erkrankungen vor. 

Auch in einigen Orten im Inneren von Toscana, wie in Fistoja, 
dauerte die Seuche noch fort. 

Auf den nach Amerika eilenden Schiffen ereigneten sich im 
November noch sehr viele Fälle. — In dieser Beziehung werden 
einzelne sehr interessante Thatsachen erzählt, die ich nicht gern über- 
gehen möchte. Zwei Linienschiffe fuhren von Bremerhaven, wo der 
Gesundheitszustand nichts zu wünschen übrig Hess, in See. Unterwegs 
erschien auf beiden die Cholera. Auf 8 in den letzten Qctobertagen 
in New-York eingelaufenen Schiffen, die aus Havre, Rotterdam und 
Liverpool kanten (von welchen Städten wenigstens Rotterdam bestimmt 
gesund gewesen sein soll), starben nicht weniger als 213 Passagiere 
auf hoher See an der Seuche. Auf dem Schiffe ^ Südcarolina " von 
Rotterdan] kamen 50 Todesfälle vor. Auf sämmtliehen Schiffen brach 
die Krankheit ganz plötzlich aus, raffte eine Anzahl Menschen weg 
und verschwand nachher wieder wie im Nu. — Zwei Schiffe, die 
nicht nebeneinander segelten, wurden genau unter derselben Breite 
und Länge von der Seuche befallen. Es wird aber hervorgehoben, dass 
H\\ci\ zwei Schiffe neben einander fahren können, ohne dass das gesunde 
von dem angegriffenen angesteckt wird, wenn zwischen beiden ein 
scharfer Wind weht. Zuweilen werden Schiffe zu ganz verschiedenen 
Zeiten ap derselben Oertlichkeit im Ocean von der Seuche ergriffen, 



261 — 



GESCHICHTE DER RÖMISCHEN LÜXUS-6ESETZ6ERÜNG. 

Von H. di:rnhuro. 

Worin liegt das Geheimniss der Grösse Roms V warum erlahmten 
unter seinem Arm die Staaten und zerbröckelten unter seinem Tritt 
die Nationalitäten zu Staub ? woher stammt die Macht des römischen 
Geistes, die dem Erdball ihr Gepräge aufdrückte? Nie wird eine 
Antwort diese Frage völlig erschöpfen. Vollends wäre es Thorheit 
zu hoflfen, dass uns ein Wort, gleich einem Talisman, die Tiefe er- 
schliessen könne ? 

Doch einzelne mächtige Pfeiler, anf denen der Bau ruht, entdecken 
sich unschwer dem Auge. Vor Allem ist es die Selbstbeherrschung, 
deren der Römer fähig war, die er übte, wodurch Rom gross wurde. 
Sie blieb ein Erbtheil der Ahnen bis in Zeiten der Verderbniss hinein. 
Es ist nicht bloss Blasirtheit, wenn Sulla, nachdem er im Besitz der 
unumschränkten Macht war, dieselbe niederlegt und ruhig als Privat- 
mann vom Marktplatze nach Hause geht; es ist nicht bloss Schwäche, 
wenn Pompejus, nachdem er aus dem mithridatischen Krieg zurück- 
kehrt und die Herrschaft in seiner Hand liegt, ohne weiteres zu 
Brundisium seine Legionen entlässt. 

Daneben steht als Grundlage römischer Grösse das System der Frei- 
heit, der Selbstherrlichkeit des Einzelnen, welches Recht und Verfassimg 
durchzieht. Mit allem Recht wird in neuester Zeit auf diesen Grundzug 
der öffentlichen Einrichtungen in Rom von den geistreichen Forschern 
in unseru Gebieten das grösste Gewicht gelegt. Weder im öffentlichen 
Recht noch im Privatrecht findet sich ein ängstliches Bevormimden, 
ein kleinliches Zuschneiden von Rechten und Gewalten, wie dies schwä- 
cheren Zeiten räthlich scBeint. — Die Befugnisse des Magistrats sind 
gesetzlich masslos weit: er selbst setzt sich seine Schranken nach Lage 
der Dinge. Kein Hofkriegsrath sehreibt dem Imperator, der im Felde 
steht, seine Massregeln vor; keine Ephoren oder Nobili begleiten ihn, 
um, etwa wie in Sparta oder Venedig, seine Schritte zu überwachen. 
Auf seinen vSchultern liegt die Verantwortung allein. Daher finden sich 
so häufig gewaltige Fehler, aber auch gewaltige Thaten; es bilden sich 
Charaktere und zuletzt bleibt der Sieg stets Rom. Noch entschiedener 
ist das System der Selbstregierung in privatrechtlichen Dingen durch- 
geführt. Der Römer verfügt unbedingt über Alles was ihm gehört, er 
schaltet völlig frei über Haus und Hof, die Person seiner Sklaven, 



— 262 — 

seiner Schuldner, seiner Kinder. Er kann sie verkaufen, ja tödten. 
Er kann im Leben das Stamragut veräussern, nacli seinem Tod sein 
Vermögen vergeben wem er will, selbst Sohn und Enkel enterben. 

Aber daneben, und es ist grade heutzutage einer gewissen Ein- 
seitigkeit gegenüber nothwendig dies zu betonen, ist wieder die Re- 
pression gegen Ausschreitungen, die nicht zu dulden scheinen, gewaltig, 
rücksichtslos. Unbedingt steht die Sorge für die Gesammtheit erhaben 
über dem Privatwohl. — Nur schwer, nur langsam entschliesst sich 
die römische Gesetzgebung die persönliche Freiheit zu beschränken. 
Wo aber das Recht des Bürgers dem Gemeinwesen gefährlich zu 
werden droht, wo die Selbstbeherrschung des Einzelnen nicht ausreichend 
befunden wird, da schreitet die Gesetzgebung auf's energischste ein. 
Jene Unbedingtheit, die das Individuum frei gewähren Hess, 
verwandelt sich dann in Schonungslosigkeit, welche die äusser- 
sten Mittel nicht scheut. So steht neben der grössten Freiheit das 
drückendste Macht gebot. 

Das zeigt sich recht bei der Gesetzgebung über den Luxus. Es 
ist nicht imangemessen dieselbe grade in jetziger Zeit in ihrer Ent- 
wicklung etwas genauer zu verfolgen, damit die Rechtsgeschichte nicht 
über Betrachtung der einen Seite die andere ausser Augen verliere. 
Auch kennen wir keine Bearbeitimg, die des Gegenstandes nur einiger- 
massen würdig wäre*). 

Versetzen wir uns zuvörderst in die gute , alte Zeit der 1 2 Tafeln. 
Eng sind die Gränzen des Staates, in wenig Stunden zu erreichen. 
Noch hat man für das Nothwendige zu sorgen, für das Ueberflüssige 
ist weder Geld noch Zeit da, noch bietet die Bauernrepublik dem 
Leichtsinnigen wenig Verführung. — Doch einem notorischen Ver- 
schwender tritt man bereits gegenüber und sorgt wenigstens theilweise 
für seine Kinder. Der Prätor kann ihm die Veräusserung des ererbten 
Vermögens untersagen und ihn von Handel und Wandel ausschliessen. 
Weil du dein väterliches und ererbtes Vermögen verscliM'endest, lautete- 



*) In. früherer Zeit waren die leges sumtuarice beliebter Gegenstand juristischer 
Dissertationen. Sie bleiben noch unter dem Niveau dieses Genre von. Schriftstel- 
lerei. — Ich kenne Trescherus persuasoria legum sumt. 1 694. Wo möglich noch 
nnbedeutender : Quintelius de leg. sumt. 1724. — Besser: Plattier 2 Abh. 1752. 
de leg. sumt. — van Assendelef de legibus sumtuar. 1755. — Sehr unbedeutend 
auch Wolffhardt de leg. cibariis post legem Fanniam 1737. Aus neuerer Zeit 
kenne ich Boscher in einer Abhandlung über den Luxus in Eau's Archiv. — 
Vielleicht existirt das Eine oder Andere von philologischer Seite, was mir un- 
bekannt blieb , für welchen Fall ich um Entschuldigung bitte. 



— 2G3 — 

die Formel, und deine Kinder in Dürftigkeit stürzest, desswegcn unter- 
sage ich dir die Verfügung über dein Vermögen und freien Verkehr. 
(Piiul rec. sent. III, 4ti § 7). 

Es ist merkwürdig und in den Rechtsgeschichten nicht gehörig 
hervorgehoben, dass selbst dem Verschwender ursprünglich Niemand 
entziehen konnte, was er sich selbst erworben hatte. Der Krieger, der 
den Beuteantheil erhalten hatte, durfte daher das leicht Gewonnene, 
wie er wollte, wieder vergeuden. Auch in Bezug auf das, was dem 
Verschwender nicht durch gesetzlichen Erbgang, sondern durch Testa- 
ment zugefallen war, sollte sich der Staat ursprünglich nicht einmischen. 

In einem Punkt traten aber sogar schon in jener Zeit Polizei- 
bestimmungen dem Luxus sehr bestimmt und speziell entgegen. — 
Je nüchterner ein Volk in gewöhnlichen Zeiten lebt, desto ausgelasse- 
ner begeht es seine seltenen Feste, und dazu werden in alter Zeit 
immer Leichenbegängnisse gerechnet. Es ist als wolle man sich ent- 
schädigen für die lange Entbehrung und grade die Trauer über ein 
schmerzliches Ereigniss durch das Extrem bekämpfen. Das erste Luxus- 
gesetz, das in Deutschland nöthig schien, richtet sich daher gegen die 
prassenden Gelage bei Leichenbegängnissen, „die sich mehr zu Hoch- 
zeiten als zn Trauerbegängnissen eigneten" (Worms 1220). Auf den 
gleichen Gegenstand bezieht sich das erste römische Verbot, das sich 
in den 1 2 Tafeln findet und der solonischen Gesetzgebung entnommen ist. 

Diese bestimmen (Cic. de leg. II, 23), die Holzscheite zum Schei- 
terhaufen sollen nicht erst mit der Axt geglättet werden ; nur mit drei 
Kleidern imd Papierstreifen, nur mit zehn Flötenbläsern soll man den 
Todten hinaustragen. Die Weiber sollen sich die Wangen nicht auf- 
kratzen und kein Klagegeschrei erheben. Es soll nicht — es war dies 
ein sehr charakteristischer Unfug — zweimal die Leichenfeier statt- 
haben. Das Salben durch Sklaven (servilis unctura?) und alles Rundtrin- 
ken wird verboten. Kostbare Besprengimg durch mit Myrrhen versetzten 
Wein ( Fest. v. murrata ) , lange Kronen , Weihrauchkästchen werden 
untersagt. Jedoch wenn sich Jemand selbst eine Krone verdient hat» 
oder durch sein Besitzthum (durch seine Sklaven oder seine Pferde) 
gewann, so hat er selbst, so wie auch seine Erzeuger, das Recht mit 
der Krone ohne Gefährde sowohl im Haus als auch beim Leichenzug 
geschmückt zu werden (Plin. bist. nat. 21 c. 5). Gold soll dem Todten 
keins auf den Weg gegeben werden. Wenn aber Jemanden — eine 
sehr merkwürdige Bestimmimg für jene Zeit — die Zähne mit Gold 
befestigt sind, so darf man ihn damit ohne Gefährde verbrennen und 
begraben. 

Aehnliche Bestimmungen wurden noch in weit späterer Zeit, wie 



— 264 — 

wir gleich jetzt bemerken, in Bezug auf Bestattungen für nöthig ge- 
halten. So hatten später die Aedilen ein Edikt über die Leichenbe- 
gängnisse aufgestellt. Und nur in seltenen Fällen, wenn Männer von 
grösstem Verdienst beerdigt wurden, beschloss der Senat, dass davon 
zu dispensiren sei. Dies geschah z. B. auf den Antrag Cicero's beim 
Leichenbegängniss des Sulpicius Rufus (Cic. Phil. IX, 7). 

Aufwand bei Leichenbegängnissen ist etwas echt nationelles. 
Der Ehrgeiz, der in der Brust eines jeden Römers flammend lebte, 
trieb ihn, trieb seine Kinder noch nach dem Tod sein Gedächtniss 
wach zu halten. Daher stammte denn auch die, an und für sich nicht 
unedle, Sitte Schaaren von Sklaven ft-eizulassen , die dem Leichenzug 
mit dem Hut auf dem Kopf folgten, als lebende Zeugen der liberalen 
Gesinnung des Verstorbenen. Die Sache wurde zu solchem Excess 
getrieben, dass unter Augustus Beschränkungen nöthig schienen und 
das Furisch-Caninische Gesetz unter anderem als Maximum der testa- 
mentarischen Freilassungen die Zahl hundert feststellte (Gaj. I, 42). 

Nicht ganz ist bei Darstellung der alten Zeit, zu der wir zurück- 
kehren, zu übergehen, dass damals Weintrinken der römischen Frau 
nicht nur als Fehler, sondern als todeswürdiges Verbrechen zugerechnet 
wurde. Wehe ihr, wenn sie dem Mann die Kellerschlüssel entwandt. 
Sie wurde vom Hausherrn mit Zuziehung der Verwandten gerichtet 
und litt unbai'mherzig den Hungertod. Dies änderte sich freilich in 
späterer Zeit. Da war es nicht mehr Mode, dass eine Dame von 
Welt nur ätherisch am Glase nippte, sie musste an den materiellen 
Genüssen Theil nehmen und sich ordentlich darauf verstehen. Aber 
noch der alte Cato polterte, das Recht, das jeder Vetter zu Rom hatte,, 
seiner Base zur Begrüssung einen Kuss zu geben, habe keinen andern 
Zweck gehabt, als zu riechen, ob sie Wein getrunken habe. Das haben 
dann Philologen alter und neuer Zeit für baare Münze angenommen 
und ruhig nacherzählt. 

Die einfachen Verhältnisse Roms entwickelten sich schnell und 
in grossartigem Maasse. Man unterwarf sich Unteritalien und die Sitze 
griechischer Ueppigkeit und Verschwendung. Der Kern der Nation 
blieb davon unberührt. Zu erwerben, nicht zu geiiiessen war noch 
das Ziel. — Wer sich versucht fühlte von alter Strenge und Tüch- 
tigkeit abzuweichen, dem drohte das Ehrengericht des Ceusors. Freilich 
konnte derselbe nur Rügen und Minderungen politischer Rechte aus- 
sprechen ; aber bei einer so ehrgeizigen und stolzen Bevölkerung war 
dies genügend, auch den Leichtsinnigsten in Schranken zu halten. — 
Dabei nahm der Censor auf die intimsten Privatverhältnisse Rücksicht, 
es galt als seine Aufgabe , die ganze Persönlichkeit des Bürgers zu 



— 265 — 

schätzen. Wer daher seinen Acker verwildern Hess, ihn nicht cultivirte, 
pflügte und reinigte, wer sich um seiuc Bäume, um seine Weinstöcke 
nicht kümmerte, der wurde bestraft und unter die Aerarier versetzt 
(Gell. IV, 12. Plin. 18, 3). Ja im Jahr 479 stiessen die Censoren 
den P. Cornelius Rufinus, der zweimal Consul und Dictator gewesen 
war, aus dem Senat, angeblich weil er 10 Pfund Silber zum Tafel- 
geschirr verwendet hatte (Gell. XVII, 21); — eine Geschichte, die 
den spätem Römern viel StofiF zu Declamationen gegeben hat. 

Doch die Zeit kam , in der die Mahnungen der Censoren nicht 
mehr genügen sollten. Die Zeiten des zweiten punischen Kriegs, der 
entscheidend für die äussern Geschicke der Republik war, sind wie 
uns scheint, auch ein Wendepunkt gewesen für ihre innere Geschichte. 
Wohl erinnern wir uns an die ruhmreiche Standhaftigkeit , das gross- 
artige Vertrauen, das sich die Besten Roms in den schlimmsten Lagen 
erhielten und wodurch sie das Vaterland retteten. Doch nicht auf 
Alle machte das Unglück jener Tage den gleichen Eindruck. Wenn 
eine schreckliehe Pest wüthet und verheerend AUes hinzuraffen droht, 
emancipirt sich die Masse oft von den Schranken, in denen sie sich 
bisher bewegte; so suchten auch damals Viele im Genuss des Augen- 
blicks die drohenden Gefahren zu vergessen. Einzelne gelegentlich 
angeführte Züge beweisen, Avas die patiüotischen Geschichtschreiber 
gern verschweigen; sie beweisen aber auch mit welcher Energie man 
damals einschritt. 

Ein Banquier, L. Fulvius, wurde in jenen trüben Zeiten beschul- 
digt mit einem Rosenkranz auf dem Haupte, den er wohl zechend 
aufsetzte, am lichten Tage aus seinem Comptoir auf das Fonmi hinaus- 
gesehen zu haben. Er wurde nach eingeholtem Senatsbeschluss in's 
Gefängniss geworfen und darin bis zur Beendigung des Kriegs fest- 
gehalten (Pliu. lib. 21 c. 6). 

Damals im Jahr 539 der Stadt (Q. Fabio Tit. Sempronio css. 
Liv. 34, 1) im Jahr nach der verhängnissvollen Schlacht bei Cannae, 
nach dem Abfall Campaniens und Unteritaliens wurde auch das Oppische 
Gesetz gegen den Luxus der Frauen erlassen. — Gern verweilen die 
Historiker dabei, wie in den Tagen der Noth Senat imd Ritter ihr Silber 
dem Staatsschatz zuschickten, wie die Matronen iliren Schmuck darbrach- 
ten, um die erschöpfte Kasse zu füllen. Doch nicht Alle müssen den 
patriotischen Aufschwung getheilt, nicht Alle den Ernst der Zeit be- 
griffen haben. Sonst hätte nicht das überaus strenge Gesetz nothwendig 
geschienen, welches verordnete : Dass keine Römerin mehr als eine 
halbe Unze goldnen Schmuck habe (etwa ein Loth), dass keine bunt- 
farbne Kleider trage, dass keine zu Stadt und Dorf und im Umkreis 



— 266 — 

einer römischen Meile zu Wagen fahre, ausser wegen öfifentlicher 
Opfer. 

Zwanzig Jahre später gab dieses Gesetz Veranlassung zu heftigen 
Kämpfen. Um ihre unmittelbare Veranlassung und geheimeren Trieb- 
federn zu verfolgen, müssen wir einen Blick auf die Stellung der 
politischen Parteien werfen, die wälirend des zweiten punischen Kriegs 
entstanden waren. 

Mitten im Getümmel des Krieges bildete sich mehr und mehr 
eine Partei, die sich grieclilscher Aufklärung und Sitte zuneigte und 
von der nüchternen Sittenstrenge der Vorfahren abwich ; an ihrer 
Spitze stand der geniale Scipio. Die Opposition der Altgesinnten war 
heftig und verbittert durch die Eifersucht auf den grossen Gegner. 
Q. Fabius, der Zauderer, galt als ihr Haupt; entschieden hatte sich 
an sie angeschlossen M. Porcius Cato. 

Scipio war in Sicilien und bereitete die Expedition nach Carthago 
vor, Cato begleitete ihn als Seckelmeister. Scipio war , nach seiner 
Weise, nachsichtig und liberal gegeu die Soldaten und kümmerte sich 
nicht um die Vorstellungen Cato's, dass er das Heer corrumpire. Ich 
werde dem römischen Volk von meinen Thaten , nicht von meinen 
Ausgaben Rechenschaft geben, meinte er (Plut. Cato maj. c. .3). 

Da kehrte Cato nach Rom zurück und setzte durch seine Berichte 
über die Verschwendung Scipio's, seine Ueppigkeit, sein Herumlungern 
in Ringschulen und Theatern Himmel und Hölle in Bewegung, so 
dass Volkstribunen nach Sicilien zur Untersuchung geschickt wurden. 
Sie fanden indessen die Rüstungen in Ordnung, Scipio segelte nach 
Afrika und erzwang Sieg und Frieden. 

Sieben Jahre später (559 n. R. E.) wurde Cato zum Consul ge- 
wählt. Und unmittelbar darauf beantragten die Tribunen Fundanius 
und L. Valerius Abschaffung des vor 20 Jahren erlassenen Gesetzes 
über den Schmuck und die Kleidung der Frauen. — Die Zeit war 
nicht schicklich gewählt; man wusste, dass der Consul sich opponiren 
werde. Allein offenbar war der Zweck des Antrags grade der , dem 
Consul, dessen Wahl man nicht hatte hintertreiben können, maliciöser- 
weise Schwierigkeiten zu schaffen. Entweder musste er seinen Grund- 
sätzen untreu werden , oder er konnte der Unpopularität , der sichern 
Niederlage nicht entgehen. 

Die Republik gerieth in eine wunderbare Agitation ; unübertrefflich 
hat hier Livius geschildert (Liv. 34 c. 1). Einige Tribunen widersetzten 
sich dem Vorbringen des Gesetzesvorschlags. Die angesehensten Männer 
stritten sich vor den anwachsenden Volksmassen für oder gegen das 
Gesetz. Eine erregte Menge füllte den Markt. Die Frauen Hessen sich 



— 267 — 

nicht zurückhalten, in Masse waren sie auf die Strasse herabgestiegen 
und nahmen Theil an der Discussion. Sie versperrten die Zugänge 
zum Marktplatz und flehten die Männer an um Abschaffung des ver- 
hassten Gesetzes. Ihr Zudrang wurde täglich grösser, sie eilten herbei 
von den Dörfern, vom Land her. Schon nahten sie sich ohne Scheu 
den Consuln und drängten die Liktoren sammt Ruthen imd Stecken 
zur Seite. 

Indessen der Consul M. Porcius Cato war nicht der Mann, der 
einem solchen Sturm wich. Ihn bewegte nicht die Gunst der Frauen. 
Der rothhaarige, grünäugige, bissige Cato, hiess es von ihm, sei so 
hässlich, dass ihn nicht einmal Proserpina in die Hölle aufiiehmen 
werde. Die Fehler wie die Vorzüge des ächten Römers traten in 
diesem Mann, der der Träger und die Seele der Repressivmassregehi 
dieses Zeitalters war, in starkem Licht hervor. Er sagte oft: Göttlich 
ist der Mann, der für seine Ivinder mehr hinzuerwarb, als er ererbt 
hat. Für das, was nicht nothwendig sei, auch nur einen Heller zu 
depensiren , war Sünde in seinen Augen. Unbefangen ertheilt er den 
Rath , die Sklaven , so lange sie arbeiten könnten , ordentlich zu 
halten, wenn das Alter komme, sie rasch zu verkaufen — wie jetzt 
ein Kutschpferd — damit man sie nicht füttern müsse. So liess er 
denn auch das Streitross, das ihn in Spanien zu Schlacht und Sieg 
getragen hatte, dort zurück, damit es die Republik nicht zu ernähren 
brauche. Am meisten ärgerten ihn drei Dinge : dass er einmal un- 
nöthigerweise zur See statt zu Land fuhr, dass er einmal einer Frau 
ein Geheimniss vertraute und dass er einmal einen Tag lang müssig 
war. Er war ein guter Hausvater, brummte aber dabei, es sei viel 
schwerer ein guter Ehemann zu sein, als ein grosser Staatsmann. Er 
suchte eine nationalrömische Litteratur zu gründen, seine Verdienste 
darum sind bekannt. Er hasste und verachtete das Griechenthum, das 
die neuen windigen Moden brachte, wie etwa ein ehrsamer Patriciei 
einer deutschen Reichsstadt im vorigen Jahrhimdert Franzosenthum und 
Franzosen hasste. Alles dies machte ihn bei den soliden Bürgern populär 
und imponirte den Frivolen imd Leichtfertigen. Heute aber war sein 
Ansehen vergebens, vergebens rief er dem Volke zu: ^Alle Menschen 
regieren ihre Weiber, wir regieren alle Menschen, wir selbst aber 
lassen uns dm-ch unsere Weiber regieren." (Plut. Cato maj. c. 8). 

Die Frauen belagerten die Thüren der Tribunen, welche sich 
dem Vorbringen des Gesetzesvorschlags widersetzten; endlich gaben 
diese nach. Das Volk wurde zur Abstimmung berufen. AUe Tribus 
stimmten für Abschaffung des Gesetzes. Es hatte nm- zwanzig Jahre 
gedauert und nie mehr wurde ein Gesetz erlassen , wodurch man direkt 



— 268 — 

in die Sphäre des weiblichen Putzes, in dem Schönheit und Geschmack 
allein den Scepter zu führen hat, eingriflf. — Ein Hauptgrund der 
Abschaffung des Gesetzes war, dass es den Bewohnerinnen der be- 
nachbarten latinischen Städte nicht verwehrt war in Gold und bunten 
Kleidern umherzustolziren. Es verdross die Römer nicht wenig, dass 
die Frauen der Herrscher der Welt den Bundesgenossinnen nach- 
stehen sollten. 

Cato war wüthend über diese Niederlage. Er legte sein Haupt- 
quartier sofort aus der Stadt und schiffte mit Flotte und Landheer 
nach Spanien , dessen aufrührei-ische Bevölkerung er unterwarf. Als 
er siegreich zurückkehrte , begann er mit erhöhtem Nachdruck den 
Kampf gegen Corruption und Verschwendung. 

Indessen führten die Scipionen die römischen Legionen (564 d. St.) 
in die reichen Länder Kleinasiens. Ungeheure Schätze fielen in die 
Gewalt der Sieger. Mit Beute beladen, kehrten sie zurück. Sie hatten 
die Genüsse einer überreifen Civilisation kennen gelernt und ergaben 
sich ihnen mit Leidenschaft (Liv. 36 c. 6). Das Werk der Eroberung 
schien gethan, die clvilisirte Welt lag zu den Füssen der Römer, kein 
Feind war mehr zu fürchten. Die Zeit des Genusses brach an. Wohin 
das aber führte, zeigte bald der Bacchanalprozess (568), der die greu- 
lichsten Schandthaten eines wahnwitzigen Muckerthums enthüllte. 

Mit aller Leidenschaft stemmte sich dem neuen Geist Cato ent- 
gegen. Es gelang ihm für das Jahr 570 mit seinem alten Freund und 
Gesinnungsgenossen L. Valerius Flaccus Censor zu werden. Er verfuhr 
mit beispielloser Heftigkeit. Dem Lucius Scipio, dem Bruder des Afri- 
canus , nahm er sein Ritterpferd. Sieben Senatoren stiess er aus dem 
Senat, unter anderen den Quintius Flamininus, gewesenen Consul. Der 
Censor hatte die Steueransätze zu fertigen. Da bestimmte Cato, dass 
Schmuck und weiblicher Putz und Wagen über den Betrag von 15,000 
Assen hinaus (800 Frcs.) besonders eidlich anzugeben wären; ebenso 
Sklaven und Sklavinnen unter 20 Jahren, die in den letzten 5 Jahren 
um 10,000 Asse oder mehr gekauft waren. Alles dies schätzte er 
zehnmal höher als der wahre Werth betrug und bestimmte ausserdem, 
dass von dieser verzehnfachten Sunnne eine dreifache Steuer entrichtet 
werden solle. Die Reichen waren wüthend, aber die Bürger bejubelten 
ihn und setzten ihm eine Statue im Tempel der Wohlfahrt, weil er 
als Censor den Staat, der sich zur Sittenverdcrbniss neigte, durch 
Strenge und heilsame Einrichtungen wieder geordnet habe (Liv. 39, 42, 
Plut. Cato maj. c. 18). 

Wirksamer beschränkte freilich den Luxus der Frauen das Vo- 
conische Gesetz, das 15 Jahre später erlassen wurde und das verbot. 



— 269 — 

Frauen im Testament zu Erben einzusetzen. Cato schon 65 Jahre 
alt , sprach dafür mit gewaltiger Stimme. (Cic. de sen. c. 5.) Da hei- 
rathet ihr, rief er dem Volke zu, eine Frau, die euch eine grosse 
Mitgift mitbringt, einen grossen Theil des Vermögens aber xmter 
ihrer Verwaltung behält. Ihr macht bei ihr Schulden. Wenn sie dann 
einmal bös wird, lo lässt sie euch durch ihre Sklaven durchprügeln. 
(Gell. 17, 6.) 

Indessen gefahrlicher als der Luxus der Frauen waren für die 
Republik die Gelage, die Schlemmerei, die Tnmksucht der Männer. — 
Im dritten Jahr nach der Censur Gates (573) wurde das erste Gesetz 
gegen das Tafeln (die lex Orchia) angenommen. — Dasselbe war 
nach alter Weise sehr weitschweifig stilisirt, seine Bestimmungen wa- 
ren noch nicht umfangreich. Es beschränkte nur die Zahl derer, die 
zu einem Gelag geladen werden durften. (Macr. sat. II, 13.) 

Die Genussucht war noch nicht verfeinert. In Zeiten roher Ver- 
schwendung sucht man weniger durch den Inhalt der Tafel, als die 
Zahl der geladenen Gäste und etwa die Menge der Schüsseln zu glänzen. 
Und so haben auch die Hochzeitsordnungen des Mittelalters zunächst 
die Zahl der Hochzeitsgäste bescliränkt; erst später beschäftigte man 
sich mit dem Speisezettel selbst. 

Es ist ims nichts Spezielles darüber berichtet, wie gross die Zahl 
der Gäste nach dem Gesetz sein durfte. Indessen finden wir, dass 
nach spätem Gesetzen drei Gäste an gewöhnlichen Tagen, fünf an 
Festtagen geladen werden durften. (Athenteus dcipnosophistOB lib. 6 
in fine von der lex Fannia.) Es ist kaum ein Zweifel, dass diese 
Zahl unserm Gesetz entnommen ist. 

Ein neuerer Schriftsteller meint (Platner in der cit. diss.) das 
orchische Gesetz sei wohl von Cato beantragt und müsse also eigent- 
lich das porcische heissen. Das ist verkehrt. Dass aber Cato es 
unterstützt hat, ist zweifellos. Jedenfalls räsonnirte er in seinen Re- 
den fleissig darüber, dass fort und fort mehi- Gäste als das Gesetz 
erlaubte zur Tafel gezogen würden. Und als man wie es scheint 
(Fest v. obsonitavere) einen Versuch machte, dasselbe zu mildern, trat 
er dafür aufs heftigste in die Schranken. 

Die Gourmandise der feinern Welt war durch die neue Ordnung 
nicht gehindert. In Gesellschaft Weniger konnte man zechen, soviel 
man wollte. Die Zeit der feinen Diners und Soupci'S begann. 

Daher erklärt sich, dass unter dem Consulat von C. Fannius und 
M. Valerius Messala (593) ein Senatusconsult nothwendig schien, in 
Folge dessen die Vornehmem , die sich an den Megalensischen Spielen 
herkömmlicher Weise zu bewirthen pflegten , bei den Consuln schwören 

WissenscbaftUclio Monatsschrift. 17 



— 270 — 

mussten, dass sie für das Mahl nicht mehr ausgeben wollten als 120 
Asse (etwa 6 Frcs.) ausser für Gemüse , Brod und Wein , dass sie 
keinen fremden sondern nur einheimischen Wein consumiren wollten, 
dass sie nicht mehr als 100 Pfand Silbergeschirr aufsetzen würden. 

Und bald darauf wurde dann vom Consul Fannius selbst ein Ge- 
setz beantragt, welches das Maass der Ausgaben für jede Tafel und 
die einzelnen Gerichte , die aufgetragen werden durften , bestimmte. 
Es existirt noch ein Stück der Eede, durcli wclclic ein gewisser 
C. Titius ziemlich derb den Vorschlag unterstützte. 

Da sitzen sie , duftend von Pommade, mit ihren Dirnen und wür- 
feln. Wie es gegen Abend geht, schicken sie einen Sklaven auf den 
Marktplatz zu hören , was es da Neues gebe , wer für oder gegen das 
Gesetz gesprochen habe, welche Tribus dafür, welche dagegen war. 
Dann gehen sie selbst hin, damit sie sich nicht den Prozess, über 
den sie zu urtheilen haben, anhängen. Auf dem Weg findet sich nir- 
gends ein Wirthsschild, dass sie nicht anhalten und einen Schoppen 
leeren. Endlich kommen sie auf den Markt, ganz jämmerlich; der 
Richter heisst die Partheien anfangen . . Diese plaidiren ; er ruft die 
Zeugen vor ; inzwischen geht er zur Seite ; wie er zurückkömmt, 
sagt er, er habe schon Alles gehört. Er betraclitet sich die Be- 
weisurkunden ; kaum kann er noch vor Wein die Augen auflialten. 
Er zieht sich zur Berathung mit den Andern zurück. Da ist sein Re- 
süme. Was liegt mir an all den Possen, weit lieber wäre mir ein 
Schoppen griechischer Wein oder ein fetter Kraraetsvogel, ein guter 
Fisch, so ein richtiger Hecht, der zwischen den Brücken gefangen ist. 

Der alte Cato erlebte die Freude, dass das vorgeschlagene Ge- 
setz und zwar mit grossem Enthusiasmus angenommen wurde. Es 
erneuerte die Bestimmungen über die Zahl der Gäste und schrieb vor, 
dass man in einem Monat höchstens dreimal Einladungen erlassen 
dürfe. (Athenaeus deipnosoph. lib. 6 in f.) Es bestimmt ausserdem, dass 
man an gewissen Festtagen und den Saturnalien bis zu 100 Assen 
(5 Frcs.) depensiren dürfe , dass man je an zehn Tagen im Monat bis 
zu 30, an gewöhnlichen Tagen aber höchstens 10 Asse ausgeben 
könne, (Gell II, 24) Geflügel wurde verboten, höchstens sollte ein 
Huhn, das nicht gemästet sei, aufgetragen werden. Eine Bestimmung, 
die sich in allen folgenden Tafelgesetzen wiederholte. (Plin. 10, 71) 
u. s. f. . — Zur Ausführung solcher Vorschriften musste man freilich 
bald vorschreiben, dass Jeder bei ofiener Thüre speisen müsse. Die 
Strafe, die diese Gesetze gegen die Uebertreter vorschrieb, wird lei- 
der nirgends erwähnt. 

Bezeichnend für die Zeit ist, dass in denselben Tagen, in denen 



— 271 — 

das neue Tafelgesetz erlassen wurde, durch ein Senatusconsult alle 
fremden Philosojihen aus der Stadt verwiesen wurden, weil sie die 
Jugend mit neuen Ideen erfüllten und ihr Verachtung gegen vater- 
ländische Religion und Sitte beibrächten. 

Ueberhaupt suchte die damals herrschende Parthci durch ein gan- 
zes System von Gesetzen und Verordnungen der hereinbrechenden 
Auflösung einen Damm entgegenzusetzen, und einen gesunden, ein- 
fachen Mittelstand zu erhalten. Man hatte durch das Cincische Ge- 
setz Schenkungen ausser an Verwandte für ungültig erklärt, theils um 
verschwenderische Freigebigkeit zu hemmen, theils um Bestechungen 
zu verhindern; durch das gleiche Gesetz hatte man verboten, dass 
die Partheienbeistände sich ihre Bemühungen bezahlen Hessen. Man 
hatte (durch eine lex Publicia Macrob. sat I, 7) sogar die Grösse der 
Festgeschenke an den Saturnalien geregelt. Man hatte das Erbrecht 
der Frauen beschränkt, man untersagte zu grosse Vermächtnisse, man 
verbot Glücksspiele aller Art. — In dieser Kette von Gesetzen Ova- 
ren die Tafelgesetze ein natürliches Glied. Und sie sind gewiss nicht 
ohne Wirkung geblieben. Denn die Gesetzgeber, die Angesehensten 
im Staate glaubten an sie und befolgten sie noch selbst. Ein Mann 
wie der alte Cato wirkte gleichermassen durch sein Beispiel, wie 
durch die Gesetze, die er unterstützte. 

Für die Dauer konnten sie freilich den Lauf der Dinge nicht 
bestimmen, die Genusssucht nicht bändigen. Und es ändei'te daran 
nichts als in der gi-ossen Hungersnoth des Jahres 611, mit der eine 
schreckliche Pest Hand in Hand gieng, die Strafen, die bisher nur 
dem Gastgeber gedroht hatten , auf die geladeneu Gäste und alle, 
die bei einem gesetzwidrigen Gastmahl gegenwärtig waren , ausgedehnt 
wurden, und dass das Fannische Gesetz für alle Italiker bindend 
wurde, (lex. Didia , Macr. 1. c. 2, 13) 

Dabei blieb die Sache eine Zeitlang, Mit ganz anderen Mitteln 
suchten die Gracchen eine radikale Heilung des ki-ankenden Staates 
herbeizuführen. Ihre Bestrebungen scheiterten, sie mussten sie mit 
dem Tode büssen. Die Verwilderung nahm zu, politischer Mord war 
an der Tagesordnung, die Ausgelassenheit wurde immer grösser. 

Die herrschende Parthei glaubte etwas thim zu müssen, man sah 
ein, dass man am Rande des Abgrundes stehe. Da grijBf man wieder 
zu den Luxusgesetzen, die während so wichtiger Ereignisse schnell 
antiquirt waren. Aber es war nicht mehr die innere Ueberzeugung 
von der Schlechtigkeit des Luxus , die zu den Gesetzen trieb , es wa- 
ren politische Massregeln, die man adoptiren zu müssen glaubte, ohne 
dass man ein rechtes Zutrauen zu ihnen hatte oder sie selbst befolgte. 



— 272 — 

Die Gesetzgeber, ein Sulla, ein Cäsar, ein Antonius achteten ihrer 
Gesetze am wenigsten; sie selbst lebten in schamlosester Ueppigkeit. 
Der Erfolg war natürlich. Alles Avas sie feststellen Hessen, blieb ein 
leerer Buchstabe. 

Zimächst suchte M. Aemilius Scaurus (639) als Consul gewisse 
Delicatessen von den Tafeln zu entfernen. Und so beschäftigte sich 
ein Gesetz des römischen Volkes mit Spitzmäusen u. dergl. (lex Ae- 
milia, Gell. II, 24. Plin. h. nat. VIII, 57). Sallust hat diesen Gesetz- 
geber, den Scaurus, treffend genug gezeichnet (Jug. c. 25). Er war 
ein thätiger Parteimann, Haupt des Senats, begierig nach Macht, Ehre 
imd Reichthum, Heuchler erster Sorte. Nur desshalh stellte er sich 
gegen Jugurtha spröde, um sich hernach um einen desto höheren 
Preis zu verkaufen. — Vielleicht mehr Ernst hatte Publius Licinius 
Crassus, der um 651 eine durchgreifende neue Ordnung vorschlug. Der 
Satiriker Lucilius freilich (t 651), der ziemlich scharf sah, scheint 
sich keiner Illusion hingegeben, sondern sich über die Sache lustig 
gemacht zu haben. Der Senat aber war oder stellte sich so enthu- 
siastisch dafür, dass er beschloss, den Gesetzesvorschlag schon vor 
der Annahme durch das Volk zu halten , wie wenn er bereits zum 
Gesetz erhoben wäre. Es wurde durch dies neue Gesetz gestattet an 
Hochzeiten 200 Asse auszugeben, an Festtagen 100. — An ganz 
gewöhnlichen Tagen sollten nur drei Pfund trocknes Fleisch, ein Pfund 
Fische aufgetragen werden. Gemüse, Obst, Wein gingen frei aus. 

Um dieselbe Zeit kaufte aber L. Licinius Ci-assus 10 hy mettische 
Säulen , die er in der Vorhalle seines Hauses anbrachte , mn hundert- 
tausend Sestertieu (20000 Fr). Niemand konnte etwas dagegen einwen- 
den, worüber sich schon Plinius moquirt (bist. nat. 36 c. 3). Dagegen 
einen gewissen Duronius, der als Volkstribun durch Volksschluss die 
Tafelgesetze ganz oder theilweise aufheben Hess, stiess man desswegen 
aus dem Senat (Val. Max. 2, 9, 5). Und im Jahr 665 d. St. bestimmten 
die Censoren P. Licinius Crassus und L. Julius Csesar, dass Niemand 
Griechischen oder Amminäischen Wein höher verkaufen dürfe als um 
8 Asse das Mässchen (Plin. 14, 16), ja dass der Verkauf wohlrie- 
chender Salben überhaupt verboten sei (Plin. 13, 3). 

Sulla, obgleich vollendeter Bonvivant und Gourmand, glaubte 
doch, nachdem er sich zum Restaurator der alten Zeit aufgeworfen 
hatte, gleichfalls wieder ein Repressivgesetz gegen das Tafeln er- 
lassen zu müssen. Auch den Begräbnissluxus schränkte er ein. Er 
selbst gehorchte seinen Gesetzen am wenigsten. — Ausserdem stellte 
er ein Maximum für die Delicatessen - Verkäufer auf; Macrobius, 
der Tins davon berichtet, ist ordentlich lüstern über all' die kost- 



— 273 — 

baren, seiner Zeit unbekannten Fische und Leckerbissen [Macr. sat. 
2, 13]*). 

Es scheint, dass die Kochkunst in allen diesen Gesetzen nur 
einen neuen Stachel fand. Cicero jammert in einem seiner Briefe, wie 
übel ihm die Luxusgesetze mitgespielt hätten. Der Augur Lentulus 
wollte die Gemüse, die in den Gesetzen erlaubt waren, zu Ehren brin- 
gen. Seine Köche bereiteten Schwämme und Kohl so deliciös, dass 
Cicero des Guten zu viel tliat und bedenklich erkrankte (Cic. ad 
fam. 7, 26). 

Im Allgemeinen aber Avar die Vemachlässigimg dieser Gesetze 
ganz sprüchwörtlich geworden. Der reiche Verschwender zahlte etwa 
auch die Strafsumme ohne weiteres an den Staat und that dann was 
er wollte (Cic. ad Att. 12, 35). 

Es war mehr ein Protest gegen den Zeitgeist als eine wirksame 
Maassregel, als noch einmal ein patriotischer Tribun, Aidius Restio, 
die alten Bestimmimgen einschärfte und namentlich auch allen Beamten 
verbot Einladimgen zu Diners anzunehmen. — Schon hatte der alt- 
gesinnte Patriot keinen Platz mehr in der modernen Welt. Restio ass 
später, wie erzählt wird, niemals mehr ausser dem Hause, damit er 
nicht Zeuge sei, wie man das Gesetz missachte, das er zum Wohl 
des Staates beantragt hatte (Macr. sat. 1, 13). 

Cäsar, in Bezug auf geschlechtliche Verhältnisse Libertin, sonst 
nüchtern und enthaltsam, scheint thörichterweise geglaubt zu haben, 
er könne durch Polizeimassregebi den Luxus dämmen. Vielleicht wollte 
er sich auch nur in den Ruf eines strenggerechten Monarchen bringen. 
Jedenfalls verfuhr er mit Energie. Er legte Zölle auf ausländische 
AYaaren. Er gestattete den Gebrauch von Sänften, piirpumen Kleidern, 
Edelsteinen nur gewissen Personen von einem bestimmten Alter und 
an bestimmten Tagen. Er exequirte die Speisegesetze mit solcher 
Strenge, dass er nicht nur auf dem Markt durch Polizeidiener dafür 
sorgen Hess, dass Niemand gegen das Verbot Speisen kaufe, sondern 
dass er sogar nicht selten durch seine Lictoren und Soldaten verbotne 
Speisen von den Tafeln selbst vor den Augen der lüsternen Herren 
wegtragen liess (Sueton. Caes. c. 43). 

Es ist ganz characteristisch , dass dann auch Antonius, der be- 
rühmte Schlemmer, es für angemessen hielt — ein Edikt gegen den 
Luxus zu erlassen (Macr. sat. 1, 13). Auch Augustus nahm in den 



*) Wenn Macrobius sat. H, 13 auch dem Consul Aemilius Lepidus 676 nach 
Sulla ein Luxusgesetz zuschreibt, so beruht dies auf einer Verwechslung mit dem 
639 erlassenen Gesetz. Das ist schon aus der politischen Stellung des Lepidus klar. 



— 274 — 

Codex seiner Polizeigesetze ein Liixusgesetz auf. Es scheint nicht, dass 
er grossen Werth darauf legte, wenn er auch die hergebrachte Tractande 
nicht ganz fallen lassen wollte. Die Ansätze waren natürlich unendlich 
liberaler als früher. An gewöhnlichen Tagen mochte man 200 Sestertien, 
an Festtagen 300, bei Hochzeiten und Gelagen 1000 Sestertien (etwa 
200 Frcs.) depensiren. Als man sich damit nicht zufrieden gab, ge- 
stattete ein Edikt bis zu 2000 Sestertien auszugeben (Suet. Octav. 
c. 34. Gell. II, 24). Auch die alte Tracht suchte Angustus wieder 
herbeizuzaubern , aber die neuen Moden Hessen sich nicht verdrängen 
(Sueton. c. 40). 

Ueberhaupt schien es jetzt, nachdem Rom eine Monarchie gewor- 
den war, kaum mehr im Interesse der Regierung, altrepublikanische 
Sittenstrenge zu fördern. Wer von Gemüse und Brod lebt, ist unab- 
hängiger und darum gefährlicher als wer eine ungeheure Menge von 
Bedürfnissen hat. Doppelt schwierig war jetzt die Durchführung ge- 
worden. Denn die republikanische Liebe der Bürger zum Gesetz war 
gewichen und nur durch feile Angeber und Gewaltmassregeln konnte 
die Ausführung ermöglicht werden. 

Tiberius sah dies ein. Er war zwar persönlich zu einer nüchternen 
Strenge geneigt und traf darnach manche Massregeln. Er beschwerte 
sich bitter, dass der Preis für Corinthischc Vasen in's Unendliche an- 
schwelle und dass man für drei Barben 30000 Sesterzen zahle; er 
sprach sich dahin aus, dass der Verschwendung im Hausrath ein 
Maass zu setzen sei. Er selbst ging mit gutem Beispiel voran und 
liess bei öffentlichen Mahlen oft vom vorigen Tag her aufgewärmte 
oder bereits angeschnittene Gerichte, etwa auch einen halben Eber 
auftragen, wobei er äusserte, der Eber schmecke eben so gut wenn 
er halb, als wenn er ganz servirt werde. — Es war Mode geworden, 
dass man sich beim Begegnen auf der Strasse küsste ; Tiberius verbot 
dies, um dem überhoben zu sein. Und da man ihm den ganzen Januar 
hindurch Neujahrsgeschenke offerirte, die er erwiedern musste, unter- 
sagte er solche Geschenke nach dem Neujahrstag zu bringen (Sueton. 
Tib. c. 34). 

Als aber die Aedilen klagten, Niemand achte die Luxusgesetze, 
der Preis von Möbeln steige mehr und mehr über das gesetzliche 
Maass , als sie strengere Massregeln verlangten und der Senat die 
Meinung des Kaisers einholte, wies dieser jedes Einschreiten ab. 

Es war die Zeit des berühmten Gourmand Apicius , der eine 
förmliche Schule der Gourmandise errichtet hatte imd wie Seneka — 
der Stoiker — klagte, weit mehr Schüler fand als ein stoischer Phi- 
losoph. Dieser Apicius hatte, wie erzählt wird, hundert Million Se- 



— 275 — 

stertleii für die Küche verwendet und da er von seinen Gläubigern 
zur Zahlung gedrängt wurde, die Bilanz gezogen. Da er mm fand, 
dass ihm nur zehn Million Bcstertien (etwa 2 Million Frcs.) restirten, 
vergiftete er sich aus Desperation (öen. cons. ad Helv. c. 10). 

Solchen Zuständen, bekannte Tiberius — in einem überaus merk- 
würdigen Schreiben an den Senat, dessen Hauptinhalt Tacitus wohl 
getreu wiedergibt — sei die Gesetzgebung nicht gewachsen (ann. 3, 
c. 53). Wo solle sie anfangen? meinte er; solle sie die ungeheuren 
Bauten und Landhäuser beschränken oder die Massen, ja Völkerschaareu 
von Sklaven, oder die aufgehäuften Goldschätze, oder die Bildwerke 
und Gemälde, oder die weibische Kleidung der Männer und die Männer- 
kleiduug der Weiber, oder den Schmuck der Frauen , welche fremder 
Steine wegen massenweise italisches Gold zu feindlichen Völkern gehen 
Hessen? Wohl wisse der Kaiser, dass man in Soireen und bei Soupers 
über dergleichen Dinge zu raisonniren pflege; aber wie gross werde 
erst das Geschrei werden, wenn man ein Gesetz erlasse und strenge 
Strafen einführe ; da werde es erst recht heissen, der Staat werde auf 
den Kopf gestellt, es sei aitf Vernichtung der Reichen abgesehen und 
dergleichen mehr. Die Alten seien durch Enthaltsamkeit gross gewor- 
den, weil Jeder sich selbst beherrscht habe. Die Zeiten hätten sich 
geändert. Und der Kaiser fühle sich nicht geneigt durch Strenge Hass 
auf sich zu laden, ohne dass er doch helfen könne. 

Dabei blieb es denn auch. Aber über die Ausgelassenheit und 
Entfesselung aller sittlichen Bande, wie sie damals bei den Grossen 
in Rom sich fand, brach alsbald, erzeugt aus ihr selbst, ein fürchter- 
liches Gericht hervor. Scheusale wie Caligula, der frivolste Lotterbube, 
der je auf dem Thron sass, und Nero lösten den finstern schrecklichen 
Tiberius ab. Unter ihnen ward die römische Aristocratie vernichtet 
oder doch ruinirt. Die Kinder büsstcn ihre und ihrer Väter Frevel. 
Nie ist eine Drachensaat fürchterlicher aufgegangen. 

Nach Nero ergoss sich wieder reineres Blut in die römische vor- 
nehme Welt. Neue Männer aus den Municipien, Colonien und Provinzen 
wurden in den Senat aufgenommen und brachten grössere Einfachheit 
und Sparsamkeit aus ihrer Heimath mit. Einzelne Kaiser wie Vespasian 
gingen mit dem Beispiel alterthümlicher Strenge voran. — Aber auch 
das Maass der Tüchtigkeit sank mehr und mehr. Unter August und 
selbst noch unter Tiberius hatte man sich immer noch mit den Män- 
nern der republikanischen Zeit verglichen und beschämt den jetzigen 
Zustand hinter den früherer Jahrhunderte gestellt. Das hatte nach 
imd nach aufgehört; man blickte niu: noch mit todtem Erstaunen auf 
die alten Zeiten. — Das sittliche Bewusstsein fiel von Jahrhundert 



— 276 — 

zu Jahrhundert. Man gewöhnte sich au die Libertinage und sah darin 
nichts mehr Auffallendes. Grade darum sind eigentliche Luxusgesetze 
nicht mehr erlassen worden. Denn eine ernste Bedeutung haben na- 
türlich die Narrheiten des Kaisers Heliogabals nicht. Er berief einen 
Senat von Frauen und diese fassten Beschlüsse darüber, welche Frauen 
sich putzen durften und welche nicht (Lampr. Heliog. c. 5). — Der 
Plan des Kaisers Severus, alle Beamten je nach ihrem Rang zu uni- 
formiren und den Sklaven eine eigene Kleidung zu geben, gehört einem 
ganz andern Kreis von Ideen an als dem, welchem die bisher erwähnten 
Gesetze entstammten (Lampr. AI. Sever. c. 27). 

Wie denn aber bei der immer tiefer fallenden Temperatur der 
Sittlichkeit immer grössere Auflösimg der Staatsbande und Anarchie 
eintrat, wie Despotie folgte, und mit ihr Mangel an Vaterlandsliebe 
und Aufopferungsfähigkeit mehr und mehr eintrat, wie in Folge dessen 
das römische Reich eine Beute der Germanen wurde, dies zu schildern 
liegt jenseits der Schranken unserer Aufgabe, 



OBER DIE HÄRETIKER EPIPHANES UND ADRIANÜS. 

Von G. VOLKMAB. 

Zu Same auf Kephallene feierte man bei jedem Neumond (xara 
veo/iirjviav) die Neugeburt des männlich oder mannweiblich gedachten 
Mondgottes in einem ihm geweihten Tempel mit einer Festlichkeit, bei 
welcher wie bei allen Mond-Culten das wahr wurde, was die spätere 
Gnosis lehrte, xoivug eivui rag yvvcclxag. Die Mondgottheit wurde hier 
wie gewöhnlich gefeiert, aber von der gewöhnlichen antiken Anschauung 
abweichend männlich gefasst, als wirklicher Man (/»?;», eig. der Sinnende), 
und zwar als Mond- Jüngling, spezieller unter der Vorstellung eines 
Hermaphi-oditus oder gleichsam Aphroditus *). Schon so früh, „im 17ten'' 
Jahre, sagte die Fersonification, musste er hinsterben, wie er denn auch 
schon bald nach der Hälfte des Monats hinstirbt. Dieser Mondjüngling 
hiess daher auch nicht ^eXi]vog oder Lunus [Lucinus], „der Leuch- 
tende", denn er war kein Vollmond, sondern er war der Neumond, „der 
Erscheinende", der Wiedererscheinende, Ejiicfavrg. (Vgl. Clem. Strom. 
III, 2. ed. Sylb. p. 183 f.) 



*) Wie denn umgekehrt der Sonnengott aucli im Orient schon (mann-) weiblich 
gedacht worden ist. Vgl. Kcem. XI, 4 tt] BacX und Meyer (ed. ü) z. d. St. 



— 277 — 

Nun gab es aber nach liasilides ein gnostisches Buch ETliqxxvr^s 
TtBQi dixaioovvi^g, welches unter Anknüpfen an griechische Philoso- 
pheme (besonders Plato De Re Publ.) die Gerechtigkeit in die absolute 
Gleichheit und Gemcinscliaftlichkeit setzte und daher auch Weiber- 
Gemeinschaft lehrte (Clem. Str. a. a. 0. bei Stieren ed. Iren. I, p. 
904 sq.) ganz wie Carpocrates. Möglicherweise ist der Name Pseudo- 
nym, wenigstens wechselt er bei Clemens mit dem Sohne des Basilides, 
Isidorus, -ab (s. bei Stieren p. 905), dessen rd^ixa (p. 907 sq.) ähn- 
liche Lehren darboten oder darzubieten schienen. Mit Sicherheit haben 
Avir also nur zwei verschiedene Bücher Hd-ixa laiöwQOV und ETCifpavrfi 
TiEQt öixaioaivr^g, aber auf die geschichtliche Persönlichkeit nur des 
Isidorus zu rechnen. Für Clemens aber ward dieser Epiphanes nicht 
blos fragelos eine geschichtliche Person, sondern er wm'de auch von 
ihm, gemäss dem so ganz parallelen Isidorus, der ein Sohn des Ba- 
silides war, nun gleichfalls in eine nähere Beziehimg zu dem zweiten 
Hauptlehrer der Weibergeraeinschaft, zu Carpocrates gesetzt. Er ward 
als dessen Geisteskind dessen Sohu. Zugleich aber verschmolz für 
Clemens' Anschauung der hellenische (kephallenische) Epiphanes (der 
Jüngling), der Weiber-Gemeinschaft stiftete, mit diesem hellenischen 
(griechisch gebildeten) Epiphanes (tisqI diy.aioavvr^g), der dieselbe ganz 
„nach" Carpocrates lehrte, zu einer Person. Wie konnte es denn auch 
anders sein, als dass es ein Mensch war, den die Kephallenier so 
toller Weise vergöttert hatten und wirklich echt epiphanisch feierten? 

War dies für Clemens resultirt, so stand es für die Folgezeit 
als gegeben fest, so für Epiphanius (Haer. 32, § 3 ff.), der dessen 
Angaben fast wörtlich wiedergiebt, auch seine Quelle nennt (§ 6), und 
für Theodoret ( Haer. Fab. I, 5 ), der den Epiphanes kurz als „Sohn 
des Carpocrates" bezeichnet, der dessen Lehre noch erweitert habe. 

Epiphanius aber hat sich dabei nicht beruhigen können. Der 
Haupt-Leitfaden für seine und alle folgende Ketzerbestreitung, L-enseus, 
musstc doch sicher auch diesen so alten und nach Clemens so wohl- 
bekannten Eniffttvrß (TteQi öixaioavvrß) gekannt haben. Die Abhand- 
lung über seine dualistische Haupt-Gnosis (die Valentin's) sagte ja 
aber auch nach Erwähnung des ei'sten Schülers von Valentin, der 
über die Emanation der ersten Teti-as schon vom Meister abwich 
(I, 11, 2), nach Secundus: aXlos öe rig xal ETtKfavr^g aiv diöasxdXos 
aiTWV . . . xiv TCQWTT^v reTQüda UyeL ovTiog, war da nicht deutlich 
auf den ETiufavrg angespielt? Epiphanius säumte daher nicht, nach 
Massgabe seiner Haupt-Autorität, seines eigentlichen Leitfadens, das, 
was er bei Clemens Näheres vom ^ETticpävi^g gelernt hat, auf diesen 
„Nachfolger des Secundus" überzutragen ; „der Sohn des Carpocrates, 



— 278 — 

der von den Kephalleniern so toll, aber echt carpocratianisch gefeiert 
war" (cf. Clemens), ist näher (cf. Irenajus) auch ein Secundianer (Hser. 
32, 3 — 5). Er weiss denn auch so bestimmt anzugeben, dass dieser 
Sohn des Carpocrates später zu Secundus übergegangen sei [er ist das 
ja wirklich für ihn und bei ihm durch IrenjeusJ, mit dessen Härese 
verknüpft iavv}]/iqi£vov r/j aiQäaet tu TtQoeiQt^fdvov ^exovvdov), dass 
diese Angabe sich auch bei den folgenden Kirchenhistorikern fort- 
erhalten hat, selbst bis auf unsere Tage. 

Noch Stieren (ed. Iren. 1853, I, 132) theilt diese Ansicht, wenig- 
stens so weit, dass unter dem alius quidam, welcher bei Iren. I, 11, 3 
nach Secundus eine abweichende Ansicht über die erste Tetras vor- 
bringt, ein Epiphanes eingeführt werde, wie wir „ex Theodoreto et 
Epiphanio discimus". 

Dieses ist jedoch ganz unrichtig. Für Theodoret ist Epiphanes 
lediglich Carpocratianer (Hasr. Fab. I, 5), und hat nichts mit Valentin 
gemein, dessen Schule erst weiterhin (I, 7 sq.) abgehandelt wird. Auch 
sonst steht ihm des Epiphanes Verbindung mit Carpocrates und nur 
mit diesem fest. Im Prooem. zum zweiten Buch seiner Epitome (ed. 
Schulze, p, 327) führt er unter den altem Ketzern schliesslich diese 
Reihe auf: xal BaatUdov xccl ^[aidcjoov, xal KaQTtoxQcczovg xal ^Eni- 
q)avovg, während er von dem Valentinianismus erst später redet. Er 
folgt hierbei ganz, aber auch lediglich dem Clemens AI., dem er auch 
sofort noch (I, 6) eine dritte noch schamlosere Secte der Weiber- 
Gemeinschaft (Prodicus und Adamiten) entlehnt unter Citiren seiner 
Quelle {tovxov (.iccQTVQtt tov ^TQiofiazea JtaQ£^of.iai KXr f^ievra). Ja 
sehen wir näher zu, so wird der Einfall des Epiphanius, unter dem 
allos TIS f«* irCKfuvrg bei Iren, nach Secundus sei dieser Epiphanes 
(des Clemens) zu verstehen, von Theodoret sogar negirt, was Stieren 
ganz übersieht. Denn jene Stelle seines Haupt-Leitfadens (I, II, 11, § 3) 
giebt Theodoret (H. F. I, 8 fin.) sofort in Verbindung mit dem, was 
alsbald bei Iren, folgt (§ 5) »aXXoi d' av . . rivig . . . aXlot de« so 
wieder: yMi aXXoL fivQioi ivTev&sv av£<pvi;aav alQsaeiog ccqxijyoi, 
Koaaittvog, QeodoTog, ^HQaxXsoyr, mit Ptolemjeus und Marcus geht 
er nämlich auf Irenaeus' eignen weitern Context (c. 12. 13) über. 
Hat er also jenem aXXog Tig xal eiVKfavr^g einen Namen substituirt, 
so ist es der des Koaaiavog*). 



*) Doch auch dieses wäre ein Fehlschluss. Er ergänzt nur seine Haupt- 
quelle, wo sie keinen Namen weiter bot, mit den von seiner Nebenquelle, Clemens, 
gebotenen Yalentinianer-Namen : Jul. Cassianus (Strom. III, 19 p. 199 Sylb. ), 
Heracleon (IV, 9 p. 215) und Theodotus, dessen Excerpta dem Stromateus an- 



- 279 — 

Theodoret negirt so factisch seines Vorgängers Auffassung von 
den Irenäus- Worten aV.og rig inicfavrg. Dazu kommt, dass er den 
Epiplianius zwar nirgends nennt, aber doch evident wiederholt abge- 
schrieben hat, wo er ihm Entsprechendes bot (wie über die Archontici, 
I, 11), In diesem Festhalten an Clemens über Epiphanes liegt also 
ein factischer Protest gegen seines Vorgängers ( und Gegners ) Con- 
jectur , der Carpocratianer sei auch Valentinianer , ein „Nachfolger* 
des Seciindus. Epiphanius steht darin allein. 

Doch ruft Dodwell (Diss. IV, § 25) den Irenasus selbst dafür 
auf. Pearson habe den Text aus dem Interpr. „alius vero quidam qui 
et clarus est magister ipsorura" mit Recht so wiederhergestellt: AXXog 
de TIS xai ETiicpavr^g didagxalog avziöv. Hierin aber sei deutlich 
auf den Namen des Mannes angespielt, und nur Missverstand sei es, 
wenn der Interpres dies ^Enupavrg, was eigentlich ErcKfuvr^g heisse, 
durch clarus wiedergebe. Er habe den Namen durch dies clarus nur 
verdunkelt, wie ja auch TertuUian (adv. Valent. c. 37) beim Ausschrei- 
ben der Stelle mit seinem „insignioris apud eos magistri" geirrt habe. 

Inzwischen will auch Stieren dies nicht mehr unterschreiben, lässt 
es aber nun in der Schwebe. Und doch glaube ich, kann es darin nicht 
bleiben. Der Schein einer Anspielung auf einen Namen wird nur durch 
Pearson's Conjectur 6 xal tniffavig geboten. Es soll mit diesem 6, wie 
es scheint, des Interpres qui wiedergegeben werden. Aber es führt 
qui et clarus est magister eorum lediglich auf den oben angegebenen 
Text, nämlich auf ein xal innpavr^g w v didugxaXog. Irenäus will so 
nur sagen: Secimdus lehrte über die Tetras so, ein anderer Valen- 
tinianer aber, der bei ihnen sogar eine Autorität ist, lehrt 
wieder anders darüber. 

Ein Irrthum liegt also hier vor, warum aber nicht auf des Cypii- 
schen Gelehrten Seite, der ja überall seiner Zeit gemäss auf Namen 
vor Allem aus ist und ein zu natürliches Bestreben hatte, den Epi- 
phanes der Nebenquelle schon beim Vater der Häresiologie zu finden ? 
Seine Composition ist hier so einfach wie etwas ; auch kann man nicht 
mit Stieren über den Passus „alius vero quidam . . . magister eorum" 
sagen, Graeca omisit Epiphanius. Er hat diesen Passus nicht so selt- 
sam abweichend von seiner sonstigen Weise ausgelassen, nur recht 
umfänglich (§ 3 — 5) exegesirt, indem er die Nebenquelle für einen 
iTiiq>avr^g heranzog, ausschrieb, darüber seine Reflexionen machte und 
dann ganz fest den Haupt-Leitfaden wiedergab ( § 6 ). 



gehängt sind (ed. Sylb. p. 338 f.), wie es schon Theodoret scheint vorgefunden 
zu haben. 



— 280 — 

Dass er aber mit dieser Exege.se und Epexegese im Irrthum ist, 
zeigt nun vollends der uns seitdem bekannt gewordene, auch ihm nicht 
gewesene älteste Benutzer des Irenäus-Textes *), nämlich Irenäus' eigner 
Schüler, Hipiiolytus in seiner grössern Häresiologie, den Philosophu- 
menis**). Ueber die Schule Valentins ist auch ihm Irenäus der eigent- 
liche Leitfaden***), und diesen streng einhaltend fährt er nach Secundus 
(Philos. VI, 38 p. 198) so iort : ^'A?log de rig iTiufccvrs didägxalog 
avtwv ovTiog liyei. Abgekürzt hat er, nämlich xal und wv weggelassen, 
aber sonst ganz wörtlich sich angeschlossen, an dieser Stelle wie im 
ganzen Zusammenhang. Ein 6 ^ETiKpavrß hat er also weder vorge- 
funden noch daran nur gedacht f). 

*) Denn „Tertull." adv. Valentin, ist doch allzudeutlicli nur ein späterer, 
mit des grossen lat. Vaters Mameu geschmückter Tractat ganz nach Irenaeus, 
wie schon Semler ed. Tertull. Vol. VI gezeigt hat. 

**) Gegen den von mir (Hippolytus und die römischen Zeitgenossen oder die 
Philosophumena -und die verwandten Schriften nach Ursprung, Quellen und 
Composition untersucht. Zürich 1855. S. 72 ff.) geschärfter gegebenen Beweis 
hiervon hat zwar Baur seine frühere Ansicht , dass der Zeitgenosse Caius der 
Verfasser sein möge, noch nicht ausdrücklich aufgegeben. Er spricht (Theol. 
Jahrb. 1856. I, 4) noch immer blos vom „Verf. d. Philosoph.". Und Hilgcnfeld, 
der diese Ansichr adoptirt, hat sogar immer noch dieselbe als die wahrscheinlichere 
festhalten wollen (im Liter. Centralbl. 1855. Apr. Vgl. Theol. Jahrb. 1856. I, 3). 
Aber so interessant auch dieser Versuch ist, die Hippolytus-Ansicht zu bestreiten, 
so löst er sich doch bei jeder nähern Betrachtung nach allen Beziehungen als 
ganz unhaltbar auf. Selbst die Entstellung ist ihm beim Bemühen, hier immer 
noch die von Baur adoptirte Ansicht festzuhalten, mituntergelaufen, als habe ich 
auf dem Schriften- Verzeichniss der Hippolj'tus-Statüe die Aufführung der Philos. 
selbst vermisst. Ganz im Gegentheil. Vgl. S. 79. 148. 
***) Vgl. a. a. O. S. 153. 

f) In seiner frühern, kleinern Häresiologie, die wir latinisirt und Im Auszug 
in dem libellus adv. omn. heer. finden, welcher der Schrift Tertullian's de prsescr. 
hier. (c. 45 ff.) angehängt ist (vgl. m. Hippolytus S. 84 ff. S. 148 ff. gegen Bunsen 
und Döllinger) hat er auch kernen Gedanken daran gehabt, das xal iTlig)avr^g 
sei als nom. propr. zu fassen, indem er zwar freier, aber vollständig die c. 11. 12 
vortretenden Valentinianer-Namen aufführt, post hunc (Valentinum) e.xtiterunt 
Ptolemseus et Secundus ; preeterea kennt er nur noch über Irenjeus hia den Hera- 
cleon. Unglücklicher hat also wohl nichts sein können als der Versuch von Bunsen, 
die Abstammung der Philosoph, von Hippolyt ( ausser durch die Inschrift an der 
räthselvollen Statue) durch Photius' Notiz über das „ßlßXldaQlOV Hippolyt's 
gegen 32 Häresen" zu begründen. Unsere Philosophumena (die 10 Bücher) machten 
ja nur einen massigen Band aus, und es seien 2 Abhandlungen daraus weggefallen 
— nämlich über den Colarbasus und (den Valentinianer) Epiphanes! Dem erstem 
bat er vollkomen genug gethan, der andere existirt nicht für ihn. 



[ 



— 281 — 

Sämmtllclie andere Benutzer des Irenäus- Textes zeigen also den 
Seciindianismiis des Epiphanes als einen blosen, unglückliclien Einfall 
des eifrigen Ketzerrichters, der auch sonst so mannichfach ein bioser 
Ketzerraacher ist. So gelungen ihm seine Combination erscheinen 
mochte, so kann er doch selbst nicht das ganz Verschiedene verber- 
gen, welches er blos nach dem Wortklang zusammengemengt hat. 
Schon Tlieodoret hat diese Vermengmig mit allem Recht verworfen, 
nur hätte dessen Kritik offener und dann auch weiter greifend sein 
sollen, um vom Epiphanes des Clemens nicht blos „den Jüngling von 
Kephallene" abzuthun, wie Theodoret gleichfalls im Stillen schon gethan 
hat, sondern auch »den Sohn des Carpocrates" als ein Werk gleicher 
Combination in Anspruch zu nehmen. 

Aber wenn Theodoret hier auch etwas kritischer gewesen ist als 
sein letzter Vorgänger , der sogar drei ganz verschiedene enicpavsTg 
(einen Apparens-Lunus, einen Basilidianer ETiicpavr^g imd einen alius 
quidam clarus imter den Valentinianern) in ein Ketzerhaupt vereinigt 
darbietet, so ist er doch auch nicht frei von solchen Fictionen, selbst 
auf noch äusserlicliere Gründe hin. 

Am Schlüsse seiner Epitome über Simon magus sagt Theodoret, 
aus dieser bittern Wurzel seien hervorgegangen KXeoßiavoi, JoGi- 
d-savüi, roQ&r]voi, Magßo&eoi, l^ÖQUcviazal (I, 1 p. 288 ed. Schulze). 
Niemand anders kennt eine Häresis von A d r ia n i s t e n , sie ist aber 
auch nur durch den Schreibfehler eines Exemplars von Eusebius' Kirchen- 
geschichte hervorgegangen. Hegesipp bei Eusebius (11, 22) machte 
nämlich fünf aiQioeig (Secten, Abtheilungen) von Samaritanern nam- 
haft: Simonianer, Kleobianer, Dositheaner, Gortheaner und Masbodeer*). 
Da die Simonianer dann auch eine christliehe Härese geworden waren, 
Simon magus sogar als Haupt aller Ketzerei gilt, so scheint schon 
Hegesippus auch die andern vier Samaritaner-Classen als solche Urketzer 
zu betrachten, von denen dann die Gnostiker der Hadrianischen Zeit 
ausgegangen seien: ano roiTiov, sagt er, Mtvavö Qiavioral xai 
MuQxuonovcd xai KaQnoyQaziavoi xai OvaXemviavoi xcil BaOiXsi- 
öiavoi xal ^axOQViXiavoL Dies gab Eusebius wieder. Nun liest Nice- 
phorus (IL E. IV, 7) an der Stelle duo tovxiov fisv^JtÖQiaviotul, 
xmd danach Cod. Med., Mazar., Fuket., Bodlej. u. Dresd. einfach ano 
TOVTWV ^ÖQiccvigza l**). So hat auch Theodoret gelesen und darin 
eine sechste schon längst vei'schollene Urketzer- Classe gesehn. 



*) Unwillkürlich denkt man dabei an die fünf Männer der Samariterin Ev. 
Joli. 4, 18. 

**) Vgl. Schwegler ed. Euseb. 1852. p. 146. 



— 282 — 

Es ist dies aber nicht etwa blos eine falsche Lesart in seinem 
Texte für Anhänger des Menander, bei welchem Scheine es Schwegler 
lässt, sondern Theodoret ist noch den Schritt weiter gegangen, aus 
diesen „verschollenen" Adrianisten nun auch ein neues Ketzer-Haupt, 
Adrianus hervorzubilden, sogar neben Menander. Im Procem. zum 
zweiten Buche seiner Epitome (p. 327 ed. Schulze) sagt er, dass von 
den alten Ketzereien zu seiner Zeit die meisten schon völlig zu Grund 
gegangen seien, dies be^viesen die Orte tcov 2ifi(OVog xai tc5v Mavav- 
ÖQOv, xal KXeoßlov xcd Joai^kw xai roQd-iov xal Ad Qiavov, «al 
^uTOQviXov y.al Baaüddov xai ^laidiOQOv, xal KaQnoxqazovs xal 
EmqxxvOvg, wogegen nur Spuren von Marcionitismus und Valenti- 
nianismus zu seiner Zeit übrig wären. Er hat hier dieselbe Stelle des 
Hegesipp d. h. seines Eusebius - Exemplares im Sinne, aber nicht 
mehr vor Augen. Er hat d esshalb aus eigner Kunde dem Simon 
sofort dessen bekanntesten Nachfolger (dafür von Iren. I, 23, 5 er- 
klärt, Simonis successor fuit Menander) hinzugefügt und das Uebrige 
bewahrt. Aus den ^^Magßwd-eot ano tovtcov ^Ad^iaviatai xai .... 
^üQTOvt.havoi^'^ aber hat er dem Magßwd^eog, den schon Hegesipp 
darbot, neben den Leuten dieses Namens, und gleich dem Saturninus 
nun auch ein Ketzei'haupt Adrianus construirt. Es ist dieser Häretiker 
also nur ein sprechendes Seitenstück zu seinem imd schon Früherer 
Ebion (Hippol. Philos. VII, 35. Epiph. Hsr. 30. Hser. Fab. II, 1) 
und zu seinem 2eov7]Qog (H. F. I, 21), der auch nur aus den Severis 
oder iyxQarels abstrahirt ist, wie wir umgekehrt von den Colorbasii 
des Theodoret imd Epiphanius gesehn haben*), dass sie nur dem Colar- 
basus, diesem andern Werk einer irrenden Text- Auffassung, nämlich der 
Kol-Arbas oder Tetras selbst ihr Dasein verdanken. 



Der Name Helvetier. 

Nachdem S. 143 £f. die Benennung Germani als keltisch auf Sanskrit zurück- 
geführt worden, sehe ich meine Meinung so weit durch den Umstand bestätigt, dass 
auch Hei V etil, der Name eines gallischen Volkes, sich ungezwungen aus dem 
Sanskrit ableitet. Dürfen wir nämlich glauben , dass auf dem weiten Wege west- 
wärts ursprüngliches p in h überging, so sind die Helvetier einfach Pärvatijäs 
oder Parvatij äs , was ein Awkliches Wort, d. i. Bergbewohner (von parvata = 
paru, Berg), und das sind sie ja in der That gewesen, gleichwie auch die Heivier 
im Gebirge, den Cevennen, sesshaft (Caesar b. Gall. 7, 8). Es kommt nur darauf an, 
jene Abwandlung nachzuweisen. Mit ihr würde der Umschlag des p in k wie in 
KaöfiOg aus padma und xaxos aus päpa zur Hälfte vollzogen sein; auch blieb 



*) Ygl. Zeitschrift für bist. Theologie 1855. lY. über die Colarbasus-Gnosis. 



— 283 — 

ähnlich in humus aus bhümi vom Lippenlaute nur der Hauch übrig; und im 
Armenischen, also wieder von Indien aus westlich, ist pitar oder eigentlich patar 
= Vater, liajr geworden. In Wahrheit aber aufmerksam machte mich der Name 
eines feuerspeienden Berges auf der Halbinsel Taman , welchen die Kleinrussen 
Pekla d. i. Hölle nennen*) : er führte mir den Vulkan Hekla zu; und nunmehr 
war auch an die Hand gegeben, dass die sylva Jlercynia vom altpreussischen Donner- 
und Regengotte Petkun den Namen trage. Bekanntlich müssen wir uns die Hercynia 
als Bergwald oder Waldgebirg vorstellen; — das eine wie das andere Mal trifft 
der Uebergang des p in h auf westlicher gelegenes Land ; der analoge „Donners- 
berg" vollends befördert uns an das gallische Ufer. 

Schon J. Grimm hat den Perkun mit dem indischen Parg'anja oder Par- 
j anj a zusammengebracht: sanskritisches p somit ist bis zum Rheine hin h gewor- 
den ; in einem andern Falle bedurfte es hiezu keiner so grossen Reise. Das zendische 
Zarvan, Zeit, — uns geläufig in der Verbindung zarvan akarana, vordem 
zeruane akerene ausgesprochen, ist ohne Frage das griechische %QOVOSj aber 
wie kann z in j( übergehn? und von welcher Wurzel käme das Zendwort selber? 
Zarvan entspricht dem sanskritischen parvan r= Zeitpunkt, AugenhlicTi u. s. 
w. ; Mittelglied war ein verlorenes har van, welches aber in VQOl'OS vfiederauf- 
taucht. Wenn sich dies also verhält, so hoffen wir, auch den ZendphUologen , 

IAA 

welche an g r (sprich dschri ) altern dachten, wie wenn nicht gerade die Zeit immer 
jung bliebe, komme unsere Miscelle nicht ganz aparvani. 



Exegetisches. 
1. 

Von einem Feinde, welcher in das Land Israel eingefallen ist, heisst es Ps. 10, 
9: — er lauert, um den Armen zu haschen; er hascht den Armen, 
indem er sein Netz zuzieht; eigentlich: indem er zieht mit seinem Netze , 
nach einem Hebraismus, wie wir etwa auch sagen : er warf mit einem Steine. Wenn 
dagegen die neueste, übrigens auch schon alte Auslegimgskunst übersetzt: indem 
er ihn in seinNetz zieht, so scheinen die Herren von dem betreffenden Her- 
gang und überhaupt von einem Vogelherd eine eigenthümliche Vorstellung zu hegen. 
Was hilft denn das Netz, wenn man Einen erst hineinziehn muss? und wozu ihn 
noch hineinziehn, wenn man ihn hat? Ein Schwarzwälder sah zum ersten Mal eine 
Lichtscheere. Mit den Worten : Das ist doch ein nettes Häusle ! klappte er dieselbe 
auf, putzte das Licht mit Hülfe der Finger, legte die Schnuppe fein säuberlich 
hinein und klappte zu. — Die Thorheiten der Erklärer humoristisch zu behandeln 
wird wohl noch erlaubt sein. Folgt darum 



Nehemia erzählt, wie man die Ringmauer Jerusalems baute, während jeden 
Augenblick ein feindlicher Ueberfall zu gewärtigen war. Ein Theil des Volkes 



*} S. AUgem. Zeitung v. J. 1846. N. S16. Beil. 



— 284 — 

stand unter dem Gewehr ; die Lastträger verricliteten bewaffnet ikr Geschäft ; die 
Bauleute hatten das Schwert umgegürtet ; und das Aufgebot vom Lande übernach- 
tete in der Stadt als Schutzwache. Nun sagt Nehemia am Schlüsse von c. 4 angeb- 
lich : (Weder ich noch meine Brüder noch meine Knappen noch die Männer der 
Wache, welche mir folgten, zogen unsere lüeider aus;) einem jeglichen war 
seine Waffe das Wasser. Das Wasser? Sehr wohl, wenn von Fröschen die 
Rede wäre ; denn die hüpfen, sobald Gefahr naht, in's Wasser zurück , um sich da 
zu bergen. Aber was thun Kriegsleute ? und wie ziehn umgekehrt unsere Ausleger 
sich aus der Patsche? Die Einen, z.B. Seb. Schmid na.ch. Luther, De Wette etc. 
erklären: seine Waffe diente ihm statt der Wasser des Bades, d. h. 
er blieb bewaföiet und badete nicht. Dagegen fassen mit der Yulgata Mehrere wie 
z. B. Vatablus das Wert sch^lach in ganz anderem Sinne, als wie es V. 11 vorkam, 
und deuten: jeder entkleidete sich nur zum Bade. Ewald: eines Jeden 
Kleidabziehn war, um (das) Wasser zu lassen; aber bedurfte es dessen 
hiezu? Dass der Text verdorben ist, liegt auf flacher Hand. Statt hammajim 
lies hallajil, womit sich der Sinn ergibt : nicht zogen wir unsere Klei- 
der aus, ein jeder seine Rüstung, des Nachts. Althebräisches L wird 
häufig, wie auch im Griechischen noch geschieht, mit M verwechselt; und an der 
seltenen Form 1 aj il für 1 a j 1 a stiess man um so eher an , weil die innere Verbin- 
dung eines zweiten Objectes mit dem Regens verkannt wurde. 



Spr. 25, 20 lesen wir in der rfeTFe^^e'schen Uebersetzung: Wer das Kleid 
auszieht am Tage der Kälte, Essig auf Potasche: so wer Lieder 
singt dem traurigen Herzen. Den selben Sinn d. h. Unsinn bieten uns auch 
alle andern Ausleger ; nur JEwald änsseit sich misstrauisch und vermuthet Essig 
auf eine Wunde. Das hebräische neter ist nicht Potasche, sondern ViTQOV, 
nitrum, was das selbe Wort ; und wenn man Essig über Nitrum giesst, sagen die 
Chemiker, so wird daraus weiter nichts. Giesst man ihn auf Potasche, so ergebe 
sich essigsaures Kali und Kohlensäure; aber was thun wir mit diesem Unrath? was 
soll auf mineralischem oder auf vegetabilischem Kali der Essig hier in der Ver- 
gleichung? — Ein kritischer Zeuge weist füi neter vielmehr jeter auf. Der ur- 
sprüngliche Text parallelisirte mit einem Solchen, der bei traurigem Gemüthe Lieder 
singt. Denjenigen, „welcher Schützen begegnet, deren Pfeil auf der Senne" (vgl. 
Ps. 11, 2), sofern er uemlieh heiter und unbefangen blicken muss, während ihm 
keineswegs wohl zu Muthe ist. — Führt man aber, vrie wir in diesen drei Fällen 
gethan haben, bisher nicht verstandene Aussagen der Bibel auf thatsächliche oder 
psychologische Wahrheit zurück, und weist man so ihre Richtigkeit oder Tiefe 
nach : da nennt diess Herr Ewald in Göttingen eine grobe und sinnliche Fassung ; 
und der grosse Haufe seinerseits, am Wortsinne ermüdend, will nicht noch weiter 
zur Sacherklärung mitgehn, sondern hofft dadurch zu gesunden, dass er unbegriffe- 
nes Bibelwort wie eine verdünnte Mixtur gläubig hinunterscliluckt. Gott besser's ! 






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LEHRBUCH DER ALGEBRA 

für 

INDUSTRIESCHULEN, GYMNASIEN UND HÖHERE BÜRGERSCHULEN 

von 

Professor der Mathematik in Frauenfeld. 
18 Bogen gr. S. Preis: 1 Tblr. oder 1 O. 43 kr. oder 3 Fr. 60 Ct. 



ZEICHNÜJ^GEN 

von ausgeführten, 

in verschiedenen Zweigen der Industi'ie angewandten 

Maschinen, Werkzengen nnd Apparaten neuerer Gonstmction. 

Gesammelt und mit erläuterndem Teste bearbeitet 
Ton 

J. H. KRONAUER, 

Ingenieur, Professor an der Industrieschule in Zürich. 

III. Band. 4te Lieferung^. 

Preis 1 Thlr. 5 Ngr. oder 2 ß. 6 kr. oder 4 Fr. 
Die beiden ersten Bände dieses Werkes fanden eine sehr günstige Aufnahme und 
die Nachfrage verringerte sich, obgleich diese Bände schon vor 10 und 8 Jahren er- 
schienen ; wir veranlassten deshalb den Herrn Verfasser, diese so vortreflfliche Arbeit 
fortzusetzen. — Vom III. Bande sind i Lieferungen erschienen , welche sich dadurch 
besonders auszeichnen , dass sie eine grössere Anzahl von Originalmittheilungen 
und neuen Maschinen enthalten, namentlich von solchen, welche an der Londoner 
und Pariser Weltausstellung figurirten. Der vorhandene Stoff machte eine manigfaltige 
Auswahl möglich, die sich indessen nur über solche Gegenstände erstreckt, welche sich 
in der Praxis als gut bewährten. Mechanikern und Lehrem der Mathematik und 
Mechanik empfehlen wir dieses vorzügliche Werk angelegentlichst. 



Bei Meyer & Zeller in Zürich ist erschienen : 

Geschichte 

des 

EUROPÄISCHEN STAATENSYSTEIS 

vom 

Zeitalter der Reformation bis zur ersten französischen 
Revolution 

von 

W fnns Jeinrirh ^öjgdl, 

Professor der Geschichte an der obern Industrieschule in Zürich, 
Privatdoceut an der Universität. 



Erste Abtbeilungr* 

Vom Zeitalter der Reformation bis zur Selbstherrschaft Yon Ludwig XTV, 

(1519 — 1661.) 

41 Bogen gr. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. oder 3 fl. 20 kr. oder 5 Fr. 60 Ct. 

Die Geschichte des Europäischen Staatensystems ist der wichtigste Theil der 
Weltgeschichte; denn die Völker unsers Erdtheils bestimmen das übrige Menschen- 
geschlecht. Jedes Glied dieses Staatenvereins wird in diesem Werke mit Liebe und 
darum mit Eingehen in seine Eigenthümlichkeit behandelt ; der Herr Verfasser zeigt, 
•wie jede Nation , jeder lebenskräftige Staat Europa's aus innersten Trieben sich ent- 
wickelt , welchen Bau , welche Ordnungen sein Staatsleben sich schuf und wie das 
gegliederte , mit Vermögen begabte staatliche Gescliöpf durch einzelne Menschen und 
durch Gesammtheiten auf die Genossen des Lebens, auf seine Nebenstaaten einwirkte. 
Wir sehen, wie die in Zeit und Raum neben einander bestehenden Gesellschaften 
gemäss ihrer eigenthümlichen Entfaltung Einflüsse aufeinander ausüben , durch welche 
die politischen Gedankenkreise und die Stimmungen jedes Zeitraums entstehen. Weil 
alle Glieder des Europäischen Staatensystems die Aufgabe haben , die in ihnen vor- 
findlichen Keime zu möglichst vollkommenem Dasein zu bringen , nehmen wir wahr, 
wie sowohl Einzelne als Bünde jeweilig derjenigen Macht entgegen treten , welche 
diess ihnen verkümmern könnte, auch wenn sie selbst noch nicht unmittelbar be- 
droht sind. 

Die Erzählung fördert diess in strenger chronologischer Ordnung zu Tage ; und 
in Beziehung auf die Geschichtschreibung als Kunst, ist das Werk der erste Versuch, 
die Geschichte so mannigfaltiger Erscheinungen , wie das Europäische Staatensystem 
sie darbietet , nach ihrer Aufeinanderfolge einheitlich in ununterbrochenem Zusammen- 
hange darzustellen und eben dem thatsächlichen Verlaufe beim Wechsel der Europäi- 
schen Staatsaugelegenheiten die gänzliche Hingabe des Geistes zu widmen. 



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91bfid)t bc« aScvfaffcrg obigen gc^rmittek^. 3)evfelbc fuc()t nonientltd) aud) ben bleuen @ctäd)U 
m^llcff auf baö SJcfbwenbige ju befcf)TänEcn unb bagegen ©toff jum Denfen iinb Äombtntrcn 
lü bieten, wobuvd) ber gccgvaptjifdjc Untervi(f)t crfi icbcn unb Sntcteffe geicinnt. 



-~a<5<s- 



Monatsschrift 

des 

WISSENSCHAFTLICHEN VEREINS 

in 

ZÜRICH. 

Herausgegeben von dem Redactionsausschuss desselben : 

Ferdinand Hitzig, Eduard Osenbrüggen, Heinrich Frey, 
Adolf Schmidt, Eduard Bobrik. 



(Hauptred.: Adolf Schmidt.) 
^itbttrtts unJ> at^fs ^cft. 







Verlag von Meyer & Zeller. 

1856. 



^>^ 



Prela für den Jahrgang 4 Thlr. = 14 fr. 



Der Hauptbestandtheil dieser Zeitschrift ist selbstständigen, von den Ver- 
fassern unterzeichneten Aufsätzen aus allen Zweigen der Wissenschaft gewidmet, 
mit dem Zweck : die Ergebnisse gründlicher Forschung in möglichst anziehender 
und anregender Form darzulegen und dergestalt, wie eine unmittelbare Förde- 
Tung der Wissenschaften, so namentlich auch eine Vermittlung derselben unter 
sich anzustreben. Grössere Eecensionen sollen nur in selteneren Fällen Platz 
finden, kurze Notizen aber und gelegentliche UrtheUe über neue Erscheinungen, 
sowie Berichte und Anfragen in dem Anhang mitgetheilt werden. 

|tt|raJt bw frorfitgcnkti fijßts: 

Die Beformhestrehungen des Kaisera Galba. Von Adolf Schmidt . . 285 
Theodoret und Origenes oder der letzte Freiheitsruf der orientalischen 

Kirche. Von G. Volkmar 308 

Die Handwerleer-Frage in unserer Zeit. Grundlinien zur Bettrtheilung und 

Behandlung derselben. Von Dr. Karl Knies S.*?? 

Ueber die Cholera in der Schweiz. Von Prof. Dr. Lebert 355 



Die nächstfolgenden Hefte werden Beiträge enthalten von Meter-Ahrens, 
H. Schweizer, Knies, Frey, Hitzig, Bobrik, Schmidt, Fritzsche, Vischer 
und Anderen. 



Zusendungen an die Redaction werden portofrei oder auf dem Wege des 
Buchhandels erbeten. 



(ijgenfoärtigf piitgliebtt hs Missjnstl^iaftlu^m ^ttnns : 

J. J. HoTTiNGER, Präsident. Alex. Schweizer, Vicepräsident. Dernburo, Sekretär. 
BoBRiK; Clausius. Escher V. d. LiNTH. Ad. Fick. H. Frey. Fritzsche. Gieskeb. 
Heer. Hildebrand. Hillebrand. Hitzig. Ferd. Keller. Ktm. Lebert. 
V. Marschall. H. Meyer. Meter-Ahrens. Meyer v. Knonau. Meter-Ochsner. 
MoussoN. Müller. Nägeii. v. Obelli. Osenbrüggen. Raabe. Schlottmann. 
Ad. Schmidt. H. Schweizer. G. Sempeb. Städeleb. F. Vischer. Volkmab. 
R. Wolf. G. v. Wyss. 



Druck von E. Riesling in Zürich. 



DIE REFORM-BESTREBUNGEN DES KAISERS 6ALBA'). 



Von ADOLF SCHMIDT. 



Unter fünf Regierinigen hatte Galba Erfahrungen gesammelt ; 
seine Erinnerungen reichten bis in die Zeit hinauf, da die Freiheit 
des Gemeinwesens noch in lebendigem Andenken stand. In Gesinnung 
und Denkweise wie in Sitten und Gebräuchen mit den Altvordern 
wetteifernd, liebte und verehrte er auch die Verfassung der alten Zeit, 
und wohl mochte die Wiederlierstellung des Freistaates der Inhalt 
seiner Jugendträume sein. Doch als mit zunehmendem Alter auch seine 
Erfahrung heranreifte, da erkannte er mit allen tiefer blickenden Zeit- 
genossen, dass jener Traum nur ein Wahn und die frühere Form eben 
zerbrochen sei durch die drängende Gewalt der neuen Zustände; dass 
die Römer der Gegenwart ebensowenig mehr einer völligen Freiheit 
wie einer völligen Knechtschaft fähig, und der unermessliche Staats- 
körper nicht ohne Einheit des Regimentes in Bestand und Gleichge- 
wicht zu erhalten wäre *). 

Nicht die Republik also gedaclitc er zurückzurufen, sondern die 
Monarchie von den Gebrechen zu heilen, die er selbst unter den vier 
letzten Herrschern hatte keimen und zu so riesenhafter Grösse auf- 
ßchiessen sehen, dass sie den Staat mit völliger Entsittlichung bedrohten. 
War diese Heilung sein Wunsch, so durfte er auch den Thron nicht 
zurückweisen, in dessen Besitz ja die alleinige Möglichkeit '^ der VoU- 
bringiing lag 2). 

Durch Despotismus, Soldatengunst und Verschwendung der frühern 
Höfe waren die wichtigsten Zweige der ^"erwaltung verwildert ; ent- 
kräftet die Justiz, verderbt das Militair, zerrüttet die Finanzen; 



*) Die folgende Abhandlung, Bestfindtlieil einer grösseren Arbeit, wurde 
Bchon im Jahr 1839 entworfen. Da sie wesentlich auf der aus Aegypten stammen- 
den griechischen Inschrift des Tiberius Julius Alexander fusst und diese , meines 
Wissens, noch immer nicht von historischer Seite ausgebeutet ward : so wird 
auch jetzt noch ihr Erscheinen berechtigt sein. Nur die zahlreichen Anmerkungen 
erläuternden, kritischen und polemischen Inhalts habe ich beseitigt, weil sie mir 
hier nicht am Orte schienen. 

') Galba's Rede b. Tac. Hist. 1 , 16. 

*) Plut. Galb. 29. Die Cass. b. Xiphilin. 64 . 2. 
■Wlssenscliaftliche Monatsäclirift j jiJ 



— 28C — 

in Allem für Reformen der Spielraum unermesslich, ein abschreckendes 
Aveil gefahrdrohendes Labyrinth. Galba wagte, es zu betreten, aber er 
verirrte sich, weil er die leitenden Fäden nicht fand, oder Aveil die 
gefundenen fremde Tücke bald verwirrte, bald zerriss. 

Um die Reformen zu wollen, bedurfte es der Liebe zur Gerech- 
tigkeit, Strenge und Sparsamkeit. Galba besass diese Eigenschaften 
und daher den Willen; allein zur Ausführung gebrachen ihm die 
vermittelnden Kräfte : Scharfsinn im E^rkennen , Selbstständigkeit im 
Beschliessen, und Entschlossenheit im Handeln. 

I. Justizverwaltung. 

Verworren waren zumal , bei der Umkehrung aller natürlichen 
Begriffe, die Verhältnisse des Rechts; denn als Uebelthäter 
galt zu Nero's Zeit der Unbescholtene, der Lasterhafte als loyaler 
Unterthan ; jener ward verpönt und verfolgt, dieser belobt imd ange- 
spornt zu immer grösserer Frcchlieit durch Ehren und Gewinn ^). An 
schwindelndem Abgrund hing der Staat, umgetrieben durch die lech- 
zende Gier der Angeberei. Herein bracli dieses Uebel, seit die Straf- 
gesetzgebung den Geld-Interessen dienstbar ward, seitdem man in ent- 
zogenen und erledigten Gütern (hona erepta, vacantia), im Caducitäts- 
Rrincip (bona caducaj, in der Einziehung des Eigenthums der Verur- 
theilten (bona damnatoruin) Mittel zur Bereicherung des Schatzes suchte. 
Es wuchs, je mehr der Unterschied zwischen Staats-Aerar und Kron- 
Fiscus sich verwi.schte oder zu einem bloss äiisserlichen ward, je mehr 
man dem letzteren zuwandte was ursprünglich dem ersteren zustand. 
Es erreichte den höchsten Grad von Umfang und Tiefe durch die 
Ausbildung der Majestätsgesetze , durch das Streben Hochverrath zu 
entdecken und die Willfährigkeit Entdeckungen zu belohnen 2). Daher 
das ekle Gewirre delatorischer Umtriebe in der bürgerlichen und cri 
minellen Gesetzgebung. 

Schon zur Zeit des Tiberius war das schleichende Gift kaum 
vorübergehend in vereinzelter Richtung hemmbar, das Papisch-Poppäische 
Gesetz allein hinreichend, durch einträgliche Ausspürungen das Glück 
und die Sicherheit jedes Hausstandes zu gefährden ; und nicht in Rom 
bloss, in ganz Italien, in allen Provinzen, so weit nur römisches Bür- 
gerrecht galt. Jede Art von Schlechtigkeit Avar im Gefolge dieses 
imheilbringenden Gewerbes, das bei so vielfältigem Stoffe überall 
Nahrung, doch nirgend Sättigung fand, und der Majestät halber an 



') Tac. Hist. 1, 2. 

-) Pliu. Panegyr. 42. Tac. Ann. 4, 30. 



— 287 — 

der Verläugnung alles menschlichen Gefühls keinen Anstoss nahm. 
Nicht der Verwandte schonte des Verwandten , nicht der Frennd des 
Feindlosen , nicht der Sohn des greisen Vaters. Verhöhnt wurden 
die geselligen Verhältnisse, zerrissen die Bande der Pietät; sorglos 
entschlüpfte Worte lauernd aufgefangen. Nirgend mehr Vertrauen, nur 
Schrecken und Furcht; Jeder mied den Andern; mit dem Guten hielt 
es Niemand, mit dem Bösen der Bösewicht'). Während wirklich Un- 
schuldige durch Verläumdung zu Grunde gingen , wurden wahrhafte 
Verbrecher durch Collusioncn häufig geborgen. Jene gereichte dem 
Fiscuä zum Vortheil, Scheinklage und Rücktritt aber zum Schaden. 
Deshalb war das Remmische Gesetz der Republik, welches Strafe 
gegen die Verläumder verhängte, nach und nach unter den Kaisem 
aus der Uebung gekommen und zu Nero's Zeit fast schon verschollen ; 
während zu Gunsten der kaiserlichen Interessen der unterwürfige Senat 
zunächst einen Strafbeschluss gegen die Tergiversatoren auf Betrieb 
des Petronius Turpilianus, und hierauf auch einen zweiten gegen die 
Prävaricatoren erliess, auf welche , wie zur Ironisirung des Begriffs, 
die Strafe der Verläumder übertragen ward 2). So musste augenschein- 
lich, als Nero fiel, das Uebel noch strotzender wuchern, als da Tiberius 
Kaiser war. Derselbe Jammer in der Provinz, wie in Rom und Italien ; 
dieselben Klagelaute durch die Denkmäler Aegyptens, wie durch die 
Berichte des Tacitus verewigt. Schon, heisst es dort, sei Alexandria 
fast verödet, jeglicher Hausstand erschüttert durch die zahllose Menge 
unermüdlicher Angeber ^i. 

Und diesem Uebel nun wollte Galba lindernd, hemmend, vertilgend 
in den Weg treten ; sicher, bei den Bessern, auch Avenn sie der Gefahr 
glücklich entgangen, schon allein um der Sache Willen Anklang und 
Unterstützung zu finden; während alle Unterdrückte das plötzlich ent- 
fesselte Rachegefühl zu höchstem Eifer antrieb. Ohne Zweifel hatte 
Galba seine Absicht schon vor seiner Ankunft in Rom durch Pro- 
clamationen und Edicte, sowohl den Bewohnern Italiens, wie den Pro- 
vinzen kund gethan. 

So kam bald nach Nero's Tode unter Galba's Auspicien ein 
Senatsbeschluss zu Stande von rückwirkender Kraft : „Eine Unter- 
suchung solle eröffnet, die einzelnen Ankläger aus der Neronischen 
Zeit belangt und die der Verläumdung schuldig befundenen Delatoren, 



') Tac. Ann. 3, 25. 28. 4, 28—30. Keimar. ad Dion. Cass. 62 n. 122. 
') Tac. Ann. 14, 41. vgl. Cic. pro Rose. Amer. c. 19. Marcian. in Dig. 48, 16. 
») Edict. Tib. Jul. Alex. lin. 40. 41. Tgl. Rudorff, Rhein. Mus. Jahrg. n. 
Heft 2. S. 182 ff. 



— 288 — 

ihre Helfershelfer und Mandatare nach dem Brauche der Vorväter 
bestraft werden ')." Dadurch mag manche Besthnmung des Remmischen 
Gesetzes wieder- volle Gültigkeit erlangt haben. Aber die Sühne 
Einzelner genügte nicht, gesteuert musste dem Uebel für die Zukunft 
werden. Dass auch dies versucht ward, bezeugt zunächst für Aegypten 
und mittelbar wohl für alle Provinzen , für den Gesammtstaat , das 
Edict, welches der Statthalter Tiberius Julius Alexander am 6. Juli 
68 in Alexandria ausschrieb und der Unterpräfect der thebaischen 
Oase, Julius Demetrius , unter dem 28. September veröffentlichte 2). 
Danach sollte einmal dem Angeber nicht gestattet sein, eine durch 
den Prokurator des Fiscus schon durch Freisprechung entschiedene, 
gleichviel ob criminelle oder rein pecuniäre Sache, nochmals zu de- 
nunciren, widrigenfalls derselbe unwiderruflich in Strafe verfallen würde; 
denn kein Ende sei der Angebereien, wenn durch Freisprechung Ent- 
schiedenes immer wieder und so lange vorgebracht werden dürfe, bis 
endlich einmal ein verdammendes Urtheil erfolge. Ferner sollte fortan 
der Angeber, welcher als abgeordneter Mandatar eines Dritten auf- 
trete, diesen seinen abordnenden Mandator namhaft machen, damit 
derselbe, wofern die Delation falsch sei, gleichfalls zur Strafe gezogen 
werden könnte. Endlich sollte, wer im eigenen Namen dreimal denun- 
cirt und keinmal seine Angabe bewiesen habe, nicht nur nie wieder 
als Angeber auftreten dürfen, sondern überdies der Hälfte seines Ver- 
mögens verlustig gehen; denn völlig ungerecht sei es, dass derjenige, 
welcher das Vermögen und die bürgerliche Ehre so vieler Anderen 
blosstelle, selbst aller Verantwortlichkeit überhoben sei^). 

Dennoch war die Gesammtheit dieser Maassregeln nur ein Pal- 
liativ. Um eine dauernde Abhülfe, wie man sie beabsichtigte, zu be- 
wirken, hätten die Heilmittel mehr negativ als positiv sein müssen; 
denn der eigentliche Grund des Uebels lag in der frühera Gesetz- 
gebimg^). Hier musste man also revidiren, und namentlich die fiscalischen 
oder Kron-Interessen, welche zur Begünstigung und Aufmunterung des 
Gelichters der Angeber den schlimmen Regenten regelmässig Sporn 
und Lockung waren, so viel als mögÜLh aus dem Criminal- und Pri- 
vatrechte ausmerzen — ein Weg, den späterhin Hadrian betrat, indem 
er wenigstens die Güter der Verurtheilten, die Tiberins zuerst in den -/ 
Fiscus geleitet, diesem wieder entzog und dem Staats-Aerar überwies ^). 

') Tac. Hist. 2,10. 4, 42. Zonar. (nach Dio) p. 571 C. 

2) Edict. Tib. AI. lin. 1—3. 

8) Lin. 38—44. cf. Ed. Capitonis lin. 29. 30. 

*) Vgl. Tac. Ann. 3, 25. 

') Historia Aug. in Adrian. 7. vgl. Tac. Ann. 16, 2. 



— 289 — 

Damals aber, anstatt das alte Unkraut, damit nicht die neue Saat 
gleich einem verderbten Boden anheimfalle, bis auf die Wurzeln aus- 
zujäten, begnügte man sich im Wesentlichen nur die äusserlich sicht- 
baren Theile desselben wegzuschneiden; und auch das gelang nicht 
vollkommen. Der Natm* der Sache gemäss ward jener Senatsbeschluss 
vielfach missbraTicht und lungangen, bald aufs Strengste gehandhabt, 
bald völlig entkräftet ; je nachdem der Belangte hüWos oder mächtig 
war, und die Majorität des Senates, dem Verhör, Untersuchung und 
Entscheidung zustand, ein grösseres Interesse dabei hatte , zu verur- 
theilen oder freizusprechen. Zwar gerieth zuweilen die Bosheit so in 
die Enge, dass der Schuldige durch den Schuldigen fiel; doch ent- 
gingen auch der Gefahr Leute wie Aquilius Regulus, Marcellus Eprius 
und Vibius Crispus, welche als Vorbilder in der Angeberzuuft be- 
trachtet wurden '). Dabei war die Lage des Kaisers zwiefach bedenk- 
lich. Denn gerade bei den bedeutsamsten Fällen wurden die meisten 
und angesehensten Personen blossgestellt. Drang er mm mit Strenge 
durch, so war des Gewirres kein Ende und die Folge vielfaltiger 
llass ; schlug er aber die Untersuchung nieder, dann konnte er nicht 
dem Vorwurf der Ungerechtigkeit von Seiten der Widerpart und der 
Parteilosen entgehen. So geschah es auch, als Helvidius Priscus sich 
als Rächer seines Schwiegervaters des berühmten Thrasea stellte und 
den Angeber desselben, den Marcellus Eprius anklagte. Zwar begann 
der Streit mit grosser Erbitterung und Beider Reden bewunderte die 
Nachwelt als etwas Ausgezeichnetes. Allein da sich im Senate Partei- 
lichkeit geltend machte, weil der Fall des Marcellus den vieler Andern 
nach sich gezogen hätte, und da eben deshalb auch Galba in Zweifel 
gerieth und die Beilegung der Sache zu wünschen schien : so gab 
Helvidius endlich den Vorstellungen eines grossen Theils der Sena- 
toren nach und stand für den Augenblick von der Anklage ab ^). Er 
war so eben erst auf Galba's Veranlassimg aus der Verbannung heim- 
gekehrt, durch die er unter Nero den Vorzug gebüsst, Thrasea's Eidam 
und seiner würdig zu sein. 

Denn dieselbe Gesinnung, aus welcher die Verfolgung der falschen 
Angeber floss, bedingte von Seiten Galba's zwei andere mit jener eng 
verschwisterte Massregeln. Einmal nämlich wurden alle der Majestät 
wegen unter Nero Verwiesene amnestirt und dem Vaterlande, dem sie 
meist wie Helvidius zur Zierde gereichten, wiedergeschenkt. Andrer- 
seits aber wurden die Sklaven , welche bei der fi'üheren Zerrüttung 



') Tac. Hist. 2, 10. 4, 6. 42. 

*) Tac. Hist. 4, 6. Schol. ad Juven. 5, 36. 



— 290 — 

aller Familienbande durch Thaten oder Worte — was jede bessere 
Zeit verpönte — -wider ihre Herren aufgetreten waren, diesen zu 
strenger Ahndung überantwortet. Doch obgleich für beifallswürdig 
erachtet, gab wider Galba's Erwartung das Erstere dennoch zu üblem 
Gerede, das Letztere nicht zu vollem Danke Anlass ^). Denn meist 
ohne alle Habe kehrten die Edlen sammt Weib und Kindern heim, 
hoffend, neben der Wiederherstellung ihres Rufs auch den Wiederbesitz 
ihres frühern Eigenthums oder Entschädigung zu erlangen; allein die 
ehemals confiscirten Güter waren grössteutheils längst verschleudert, 
die gänzlich erschöpften Staatsfonds der Uebernahme so grosser Ver- 
pflichtungen nicht gewachsen, und Galba daher wenigstens vor der 
Hand wohl nur Wenigen zu willfahi-en im Stande. Was die Regu- 
lirung dieser Angelegenheit verzögerte, bis endlich die drängende Fluth 
der Ereignisse sie vollends unterbrach, war durchaus nicht eine ab- 
sichtliche Voreuthaltung , wie böser Leumund vielleicht behaupten 
mochte, sondern die unüberwindliche Menge eigenthümlicher Schwie- 
rigkeiten, welche sich in der Geschichte unter ähnlichen Vei'hältnissen 
jederzeit wiederholen. Die Sklaven aber wies Mancher ganz zurück, 
es vorziehend lieber keine als schlimme Knechte zu besitzen ^). 

Auch Nero's verbrecherische Freigelassene und Günstlinge sollte 
das Strafgericht ereilen. Der Volkswuth waren nicht wenige entronnen ; 
jetzt fielen die meisten der noch Uebrigen durch Henkershand zur 
Sühne der Ordnung und Gesetzlichkeit, die sie tausendfach gehöhnt ; 
unter ihnen Patrobius, Polykletus, Vatinius, Elius, Petinus, Narcissus 
und die Giftmischerin Locusta. Als man sie gebunden durch die 
Strassen und über den Markt hin zur Richtstätte führte, jauchzte das 
Volk, pries den gottgefälligen Aufzug, lobte den Rächer. Als man 
jedoch unter den Verurtheilten den verhasstesten und verworfensten 
der Neronianer , den Tigellinus , vermisste : da stutzte man , heischte 
auch seinen Tod und schmähte den Schützer. Denn Galba glaubte 
Nero's schändlichsten Genossen schonen zu müssen , um nicht in ihm 
dessen mächtigsten Verräther, den eigenen Parteigänger zu strafen. 
Der Minister Vinius aber versteckte bei seinen Befürwortungen hin- 
ter dem Scheine gutherziger Dankbarkeit die gemeinste Habsucht. 
Dass Tigellinus ihm einst die Tochter gerettet, schützte er bei Galba 
mit Ruhmredigkeit als Grund seiner Theilnahme vor; dass er aber 
für diese Theilnalnne im Voraus Geld empfangen und im Fall des 
Gelingens noch mehr erwarte, behielt er als Geheimniss für sich. Als 



I 



1) Zonar. (nachDio) p. 571 D. Tac. Hist. 2, 92. Plut. Oth. 1. 
«) Dio Cass. in Nov. Coli. II. p. 216. 



— 291 — 

nun das Volk von seiner blutigen Forderung nicht abliess, sondern 
bei jeder öffentlichen Gelegenheit, in Theatern und Rennbahnen sie 
stünnisclier wiederholte : da erschien endlich ein Edict des Kaisers, 
worin das Benehmen der Menge als rücksichtsloser Blutdurst und 
unbeugsamer Eigensinn ausgelegt ward. ^Schon stehe Tigelliuus am 
Rande des Grabes, hinwelkend durch zehrende Krankheit ; nicht möge 
man trachten, des Kaisers Regierung in eine grausame Tyrannei zu 
\erwandeln." 

Dem betroffenen Volke zum Hohn feierte Tigelliuus seine Rettung 
durch Dankojjfer und ein glänzendes Bankett. Hier erschien denn auch 
Viuius mit seiner verwittweten Tochter Crispina. Der bewies der greise 
Wüstling eine dankbare Galanterie ; dass er ihr 250,000 Drachmen 
zugetrunken und seine vornehmste Concubine auf sein Geheiss ihren 
Halsschmuck von 150,000 Drachmen an Werth als Geschenk derselben 
umgehäugt, ward ebenso allgemein geglaubt als erzählt. Tigellinus 
aber war nicht der einzige Gerettete. Aehuliche Bösewichter wui'den 
auf ähnliche Weise geschützt, ja befördert, namentlich der berüchtigte 
Verschnittene Halotus, welchem seit des Chiudius Tode der Verdacht 
des Kaisermordes anhaftete; jetzt erhaschte er ein ansehnliches Amt. 
Auch der Freigelassene Crescens blieb nnangetastet sammt seinen 
Reichthümem, die ihn nachmals in den Stand setzten, durch Fütterung 
des carthagischen Pöbels alle Städte der Provinz Afrika zur schnellen 
Anerkennung Otho's zu veranlassen^]. 

Neben dem Senate als oberstem Gerichtshof in Criminalsachen, 
war unter der Leitung der Prätoren sowohl für Criminal- als Civil- 
Justiz der eigentliche Richterstand wirksam. Dieser brachte bei Galba 
eine Petition ein, welche uns auf die Art seiner geschichtlichen Ent- 
wicklung zurückweist. 

Erst mit der Bildung bleibender Cioscliworneugerichte, wie zu- 
nächst das Calpurnische Gesetz über die Repetunden in Folge der 
sich häufenden Fälle im Jahre 605 der Stadt sie anordnete, konnte 
derselbe als eine eigenthümliche Corporation in's Leben treten ^j. An- 
fangs waren nur Senatoren walilfähig. Seit den Gracchischen Gesetzen 
aber wurde die Competenzfrage ein so ausgezeichnetes Object des 
Factions-Eifers, dass wohl kaum irgend ein anderes Institut in seinem 
Bildungsgange so grossen und so vielen Wechselfallen unterlag. Jedes 
folgende Decenniura des 7ten Jahrhunderts d. St. Aveist ein oder mehre 

') Tue. Hist. 1, 37. 47. iO. 72. 76. Ami. 14, 51. 15, 37. Suet. Galb. 20. 15. 
Plut. Galb. 17. Dio Cass. l>. Xiph. 64, 3. 62, 13. 63, 15. in ^'ov. Coli. U. p. 215. 
*) Vgl. Klenze fragm. leg. Servil, proleg. p. X. 



— 292 — 

Gesetze auf; welche je den AVahlmodus der frühern umstiessen oder 
modificirten. Fast alle nur möglicheu Phasen wurden durchlaufen, und 
bald die Ritter, bald die Senatoren allein , bald beide Stände , bald 
zugleich auch der dritte, der plebejische, zur Aufnahme in das Album 
berechtigt. 

Zu Ende der Bürgerkriege war der Richterstand in drei Decurien 
eingetheilt, wobei die Zahl der Ritter überwog. Durch Augustus wurde 
die ganze Gerichtsbarkeit neu organisirt und zur Erleichterung der 
allerdings vielfältigen und mühseligen Geschäfte sowohl eine vierte 
Decurie hinzugefügt, als partielle und allgemeine Ferien bewilligt. 
Jede Decurie sollte abwechselnd ein Jahr und alle insgesammt während 
der Monate November und December von der Ausübung ihres Amtes 
suspendirt sein*). Die wachsende Menge der Prozesse bewirkte im 
Verlaufe noch weitere Erleichterungen. Cajus Caligula errichtete eine 
fünfte Decurie 2), und Claudius gestattete für den Winter und den 
Jahresanfang den Richtern Vacation ^). Als diese nun auch bei Galba, 
gleicher Nachgiebigkeit gewärtig, die Anordnung einer neuen sechsten 
Decurie beantragten : da ward nicht nur dies Gesuch völlig abge- 
schlagen, sondern ihnen auch die von Claudius bewilligte Ferienzeit 
wieder entzogen ''). Denn dem Kaiser düukten diese Gerichtsferien ein 
Missbrauch und jene Forderung ein Beweis von Lässigkeit und üblem 
Willen. Seine unerwartete reformatorische Strenge aber musste auch 
in dieser Sphäre Unzufriedenheit erregen. 

IL Finanzverwaltung. 

Gleichzeitig richtete Galba sein Augenmerk auf die Finanzen. In 
die Verwaltimg derselben hatten sich durch das ganze Reich mannig- 
fache Missbräuche und Anmassungen eingeschlichen. Die Geschichte 
hat uns die allgemeinen Klagen der Gesammtheit des Reichs^), sowie 
einzelner Theile : Galliens^), Spaniens''), Britanniens^), Aegyptens aus 
der Neronischen Zeit aufbewahrt. Im Besondern aber ist es wieder 
nur Aegypten, welches uns über diese drückende Lage der Provinzen 
und zugleich über die Mittel Aufschluss gibt, die unter Galba's Re- 



») Suet. Oct. 32. PHn. H. N. 33, 2. 
s) Plin. H. N. 33, 2. Suet. Calig. 16. 
») Suet. Galb. 14. Claud. 23. 
*) Suet. Galb. 14. 
») Tac. Ann. 13, 50. 
6) Dio Cass. 63, 22. 
») Plut. Galb. 4. 
«) Zonar. p. 570 B. 



— 293 — 

gieriing zur Abhülfe angewandt wurden. Es kann keinem Zweifel 
unterliegen, dass die Durchführung der Reformen von Seiten der Statt- 
halter auf Grund kaiserlicher Edicte und Instructionen geschah. Ueber 
die Art derselben können die Verhältnisse Aegyptens grossentheils 
zum Beispiel und Maasstab dienen. Manche schwülstige Aeusserungen 
in dem Edicte des Statthalters Tiberius Alexander, sowohl zu Anfang 
wie am Schlüsse, über Glück und Heil der neuen Gegenwart sind 
freilich nur Floskeln , doch insofern nicht ohne Bedeutung und ein 
Zeugniss für Galba's kraftvolle Gesinnung, weil die Schmeichelei sich 
hier nicht als Begleiterin der Schlaffheit, sondern strengen Handelns 
kundgibt. 

Eine der Hauptbeschwerden betraf den Zwang zu Staatspachtun- 
gen. Der Natur der Sache gemäss war die Abschliessung eines Pacht- 
Contractes mit dem Staate dem freien Willen eines Jeden anheimge- 
stellt*). Nichts desto weniger wurden die Alexandriner und Aegypter 
häufig ohne Weiteres genöthigt, die Pachtung der Zölle sowohl als 
der Staatsdomainen zu übernehmen ^). Diesen Zwang nun , der nicht 
nur der Ordnung und dem Rechte, sondern sogar den Interessen des 
Fiscus zuwiderlief, insofern dieselben auf solche Weise oft unerfahrenen 
und missmuthigen Subjecten preisgegeben wurden, hob der Statthalter 
Tiberius Alexander für die Zukunft auf, betheuernd , dass er selbst 
sich dieses Mittels nie bedient'). 

Ein anderer Klagegrund betraf den Missbrauch des fiscalischen 
Schuldrechts durch Anwendung desselben auf Forderungen der Pri- 
vaten. Die römische Gesetzgebung hatte im Laufe der Zeit von ihrer 
uralten Strenge gegen die Schuldner, wie sie im Zwölf-Tafelgesetz sich 
ausspricht, zu mildern Grundsätzen sich bekehrt und endlich durch 
das Julische Gesetz, welches später vennöge kaiserlicher Constitution 
auch auf die Provinzen ausgedehnt ward, jede persönliche Haft in dem 
Fall aufgehoben, dass der Schuldner sein Vermögen freiwillig den 
Gläubigern zum Verkauf darbiete. In wieweit damals schon dies Pri- 
vilegium den verschiedenen Provinzen zu Statten kam, ist nicht aus- 
gemacht. In Aegypten wenigstens war völlig unbedingte persönliche 
Freiheit des Schuldners schon seit uralten Zeiten rechtlich anerkannt, 
und von Augustus, wie es scheint, durch eine Constitution für alle 



') L. 8 § 1. u. L. 11 § 5 de publicanis. L. 3 § 6 de jure fisci. Rudorfif, a. a. O. 
S. 161. 

*) Denn den Equitlbus Born, illustr., die in andern Provinzen die Publicanen 
bildeten, war ja der Zugang in Aegj'pten aus Politik verwehrt. Tac. Ann. 2, 59. 

') Ed. Tib. AI. lin. 10—14. 



— 294 — 

Privatbeziehnngen ohne Einscliräiikung bestätigt Avorden. Nur dem 
Fiscus stand das Recht zu, seine Forderungen mittelst persönlicher 
Execution zu verfolgen, seine Schuldner in ein eigenes Schnldgefäng- 
niss, das Praktorium, einzusperren und vielleicht nuch härtere, körper- 
liche Zwangsmittel anzuAvenden * ). 

Nun nahmen es sich aber die Beamten des Fiscus nicht selten 
heraus, ihre Frivat-Schuldner als fiscalische zu behandeln und sie in's 
Praktorium oder auch in besondere, für diesen Zweck hergerichtete 
Gefängnisse einzusperren; ja sie gingen sogar so weit, sich von Andern 
Schuldforderungen cedireu zu lassen, um sie auf diese Weise zu ver- 
folgen. Auch dieser Misabrauch ward jetzt streng verboten und von 
Neuem eingeschärft, dass der Privatgläubiger sich gemäss der Verord- 
nung des Augustus nur an das Vermögen, nicht an die Person des. 
Schuldners halten dürfe, dass Beamte fernerhin weder auf den Namen 
des Fiscus sich Anderer Privatfordernngen sollten cediren lassen, um 
einen Vorwand zu persönlicher Execution zu erlangen, noch dass sie 
eigene und ursprüngliche mittelst dieses fiscalischen Vorrechtes sollten 
verfolgen dürfen. Das Praktorium sei nur für Schuldner des Fiscus, 
aber kein Freier, mit Ausnahme des Verbrechers, irgend einer persön- 
lichen Haft unterworfen 2). 

Hiermit genau verbunden waren die Verordnungen gegen die 
widerrechtliche Ausdehnung des fiscalischen Privilegium exigendi oder 
der Protopraxie , mittelst Anmassung eines stillschweigenden 
Pfandrechts und eines rückwirkenden Vorzugs gegen andere Gläu- 
biger, wodurch aller Verkehr und Wandel, Credit und Recht unter- 
graben Avurde. Es hatten nämlich nicht selten die Beamten des Fiscus 
von einem andern Gläubiger des fiscalischen Schuldners ein ihm von 
diesem gesetzlich überantwortetes Pfand oder eine schon verabfolgte 
Schuldzahlung zurückgefordert, sowie auch Sachen, die ein fiscalischer 
Schuldner verkauft, von den Käufern in Anspruch genommen ^). Die 
schreiendsten Ungerechtigkeiten mochten auf diese Weise verübt, die 
frechsten Bereicherungen bewirkt worden sein , indem man entweder 
mehr noch erpresste als die Forderung selbst betrug, oder indem man 
um der Erpressung willen irgend ein Schuldverhältniss fingirte und 
zum Vorwand nahm. 

Um nun zugleich jedem Missbrauch der Art zu steuern und die 
fiscalischen Interessen doch möglichst zu schützen, wurde den Procura- 



») Ed. Tib. AI. liii. 16—18. Vgl. Dio Cass. 1, 79. 
ä) Lin. 15—18. 
•) Lin. 18—21. 



— 295 - 

toreu aufgetragen : wenn ein dem Fiscus Verpflichteter in Betreff der 
Zahlungsfähigkeit verdächtig erscheine, entweder seinen Namen zu be- 
legen d. h. durch öffentliches Ausschreiben vor Verträgen mit ihm zu 
warnen, oder einen Theil seines vorhandenen Guts als Pfand öffentlich 
zu deponiren. Sei keine dieser Vorkehrungen getroffen, wodurch allein 
später eingegangene Obligationen, Verpfändungen und Käufe ungültig 
würden : dann dürfe kein anderer Gläubiger in seinem gesetzlich er- 
worbeneti Pfandrecht beimruhigt, oder die Rechtmässigkeit der von 
ihm empfangenen Zahlungen bestritten, kein Käufer in dem Besitz des 
Erkauften gefährdet werden. Ueberdiess verstehe es sich von selbst, 
dass den Bestimmungen von Augusts Constitution gemäss, beim Con- 
curs oder der Immission die Dotalforderung der Ehefrau vor den 
Ansprüchen des Fiscus den Vorzug habe , da der Werth der Mitgift 
nicht zum Nettovermögeu des Mannes gehöre ^). 

Drückend war auch die mannigfache Willkür in der Besteuerung 
und in der Uebertragung öffentlicher Aemter, Leistungen oder Litur- 
gien. Denn keine hierauf bezügliche lossprechende Entscheidung früherer 
Kaiser imd Präfecten wurde geachtet. Seit langer Zeit bestanden in 
Aegypten, sowohl für ganze Städte wie für einzelne Privatgrundstücke, 
vielfach allgemeine oder theilweise Steuerfreiheiten in Betreff einer 
jeden der Abgaben — unter denen die Grundsteuer in Geld und 
Früchten obenanstand. Mochten diese Privilegien auch Manchen ge- 
hässig dünken : sie durften nicht ohne Weiteres eigenmächtig und 
ungesetzlich aufgehoben werden; vollends wenn ihre Aufhebung nicht 
sowohl dem Staate als der Habsucht Einzelner zu Statten kam. Dennoch 
hatten die Statthalter von Flaccus an , der Allen das Beisj^iel gab, bis 
Posturaus, ohne Rücksicht auf die Exemtionen das regelmässige Steuer- 
quantum eingetrieben. Kaiser Claudius hatte zwar durch einen Erlass 
an Postumus die Steuerfreiheiten der Verletzten bestätigt, mancher 
spätere Präfect aber nichts destoweniger das ungerechte Verfahren des 
Flaccus wiederum befolgt. Nur Vestinus und Balbillus waren dem 
Mandate des Claudius treu geblieben. 

Neuerdings ward dasselbe, wie es scheint, durch Cfecina Tuscus 
verletzt. Auf die Klagen darüber und auf das dringende Ansuchen 
um Aufrechthaltung der Privilegien stellte jetzt Tiberius Alexander in 
Galba's Namen das rechtliche Verhältniss wieder her, doch so, dass 
die Steuern den Privilegirten zwar für die Zukunft erlassen sein, die 
schon erhobenen aber nicht wieder herausgegeben werden sollten 2). 

') Lin. 21—26. 
') Lin. 26—29. 



— 296 — 

Insbesondere ward auch die Iramuniträt freier Grundeigenthümer 
von bäuerlichen Lasten anerkannt und hergestellt. Namentlich hatte 
man noch aus der Zeit von Flaccus und Postumus her von denen, 
welche damals Grundstücke für den vollen Werth dem Fiscus abge- 
kauft, mithin nur zu der gewöhnlichen Grundsteuer verpflichtet waren, 
gegen alles Recht noch ausserdem bäuerliche Grundzinsen eingetrieben 
— als wären sie unfreie kaisei-liche Colonen, oder doch blosse Pächter 
ohne volles bonitarlsches- Eigenthum an ihren Grundstücken. Tiberius 
Alexander erliess nun auch gegen diesen Missbrauch, nach dem Vor- 
gange des Vestinus, ein Verbot, natürlich ebensowenig von rückwir- 
kender Kraft in Betreff des schon Entrichteten'). 

In Bezug auf die öffentlichen Aemter und Leistungen ward 
bestimmt, dass den Privilegien der Kaiser gemäss, den eingebornen 
Alexandiünern, welche ihres Geschäfts halber in Alexandria wohnten, 
keine fremdartigen Aemter aufgednuigen werden sollten ; namentlich 
keine landschaftlichen, wohin zum Beispiel die Strategien über die 
ägyptischen Nomen gehörten. Diese sollten also nur an nicht-alexandri- 
nische Provinzialen übertragen werden, und zwar, wie ausdrücklich 
bestimmt ward, nur nach ermittelter Befähigung und immer nur auf 
drei Jahre. So waren alexandrinische und ägyptische oder landschaft- 
liche Dienstleistungen und Aemter aufs Schärfste gesondert. Alexandria 
war, wenn nicht die erste, doch die zweite Stadt der Welt, jedenfalls 
der gi'össte Handelsmarkt der Erde, der blühendste Mittelpunkt der 
Gewerbthätigkeit, die regsamste Fabrikstadt des Orients , in welcher 
Niemand zum Müssiggang Zeit hatte. Daher ihre Wichtigkeit für Rom ; 
daher die mannigfache Bevorzugung ihrer Bewohner vor denen der 
Landschaft ; daher endlich für den Aegypter die alexandrinische Civität 
die unumgängliche Mittelstufe zur Erlangung der römischen 2). 

Um nun aber in allen administrativen Angelegenheiten überhaupt 
der Ungerechtigkeit jeden Schleichweg zu versperren, jede Intrigue 
der Habsucht zu verhindern, und in Betracht der unheilvollen Wir- 
kungen, welche schon zeither die Quälereien und Chikanen der Fi- 
nanzbeamten herbeigeführt, indem viele Privatpersonen es für einen 
geringern Verlust erachteten , ihrem Eigenthum ein für alle Mal zu 
entsagen, als sich nie endenden Drangsalen, imablässigen Forderungen 
zu unterziehen : ward der allgemeine Grundsatz aufgestellt, dass, 



») Lin. 29—32. 

2) Lin. 32—35. Vgl. Diod. 1, 50. Strab. p. 798. 758. Hadriani epist. ap. 
Vopisc. Saturn, c. 8. Joseph, c. Apion. 2, 3 — 5. Philo in Flacc. p. 750. Plin. 
ep. 10 , 22. 



— 297 — 

wenn irgend eine Finanz- oder Steuersache schon einmal von irgend 
einem Präfecten ahsohitorisch entschieden sei, sie nicht wieder unter- 
sucht, und wenn dieses von zweien bereits geschehen, der Finanz- 
beamte, der sie zum dritten Mal vorbringe, sogar zur Strafe gezogen 
werden solle. Derselbe Grundsatz ward, wie wir schon früher sahen, 
nur mit noch schärferen Modificationen und unter anderen Nebenbe- 
ziehungen auch gegen die Angebereien, sowohl in Bezug auf Finanz- 
ais Criminalsachen in Anwendung gebracht ^). 

Endlich richtete sich die Reform gegen diejenigen Arten von 
Erpressungen, welche erst in der letzten Vergangenheit Wurzel gefasst 
und denen bisher noch durch keine gesetzliche Verordnung gesteuert 
worden. So hatten die geldgierigen Beamten überall, nicht nur in ent- 
legenen Landschaften, wie die Thebais, und in den entfernteren Nomen 
des Delta, sondern selbst unter den Augen der Präfecten in der Um- 
gebung Alexandria's und in dem Mareotes eigenmächtig neue Auflagen 
eingeführt oder den Betrag der Grundsteuern, Natural-Lieferungen und 
Geldabgaben nach Gutdünken erhöht. Von allen Seiten her waren 
Klagen der Landleute eingelaufen; und selbst die Interessen der Ale- 
xandriner waren dabei im Spiel, insofern die Zufuhren der Hauptstadt 
von der Blüthe und dem Verfiill, also von den Erleichterungen und 
den Bedrückungen des Ackerbaues abhängig waren. Um jenem Un- 
wesen ein dauerndes Ziel zu setzen , beauftragte Tiberius Alexander 
die Strategen der einzelnen Nomen : wofern etwa in ihrem Districte 
oder in Theilen desselben während der letzten fünf Jahre ordnungs- 
widrige Auflagen oder Steigerungen eingeführt wären, die Eintreibung 
derselben sofort abzustellen und Alles wiederum auf den alten Fuss 
zurückzubringen 2). 

Die Willkür der Eklogisten oder Steuereinnehmer war, trotz aller 
frühern Beschränkungen, immer noch eine maaslose geblieben. Allge- 
mein waren namentlich die Beschwerden über ihre eigenmächtigen und 
betrügerischen Aenderungen der Steuersätze, wodurch sie sich auf 
Kosten der Wohlfahrt und Ruhe Aegyptens bereicherten. Desshalb 
ward nunmehr von Neuem und aufs Strengste eingeschärft : bei keiner 
Steuervertheilung fernerhin Aenderungen ohne Wissen der Präfecten 
vorzunehmen. Und damit die gute Absicht nicht dennoch durch Col- 
lusionen zwischen ihnen und den Strategen oder Unterpräfecten ver- 
eitelt werde, wurde diesen verboten, ohne des Präfecten Zustimmung 
von Jenen irgend ein Geschenk anzunehmen. Auch die übrigen Beam- 



*) Lin. 35—45. 

ä) Lin. 5—7. 45—48. 



— 298 — • 

ten, als Controleure, Buchführer und Schreiber sollten verantwortlich 
sein, lind wenn sie ii-gend einer ähnlichen Betrügerei oder Fälschung 
überwiesen würden, sowohl den dadurch benachtheiligten Privatleuten 
den vollen Ersatz zahlen, als auch vom Staate zur Sti'afe gezogen 
werden ^). 

Ein besonderer, schon ziemlich eingenisteter Missbrauch der vor- 
besagten Art war die sogenannte synoptische Repartition. Während 
)iämlich rechtmässiger Weise das Quantum der jährlichen Grundsteuer 
sich nach der jedesmaligen Beschaffenheit der Nilüberschwemmung 
richten musste, berechneten die Steuerbeamten aus mehren altern Ueber- 
schwemmungen den mittlem Durchsclmitt und veranlassten, indem sie 
nach diesem unveränderlichen Maasstab die Steuern eintrieben, um so 
zahlreichere Ungerechtigkeiten, je veränderlicher die Natur jener Er- 
scheinung selbst war. Häufig blieben wasserlose Grundstücke reichlich 
besteuert, reichlich bewässerte dagegen steuerlos. Dem letzteren Zufall 
beugte mau wohl beim Calcul des Vortheils wegen möglichst vor. 
Der arme Landmann aber war entmuthigt, sein Eifer für den Acker- 
bau erkaltet, der ihm weniger Früchte, als Sorgen und Verluste bringe. 
Da schritt nun wieder die Keformgesetzgebung ein. Jene ungesetzliche 
Steuervertheilung, so Avard verfügt, solle fortan nie mehr stattfinden; 
und wer der Uebertretung dieses Verbotes überführt werde, das Drei- 
fache des fälschlich Eingeforderten in die Staatskasse als Busse zahlen. 
Ein Ersatz an den Privatmann ward wohl desshalb nicht verheissen, 
weil die Hoffnung auf Entschädigung für erlittene Ungerechtigkeiten 
der Vorsicht gegen dieselben hinderlich sein konnte ; denn eben der 
That wollte man ja vorbeugen'^). 

Eine andere von den Finanzbeamten beabsichtigte Willkürmaasregel 
ganz neuer Art wurde, noch ehe sie zur Ausführung kam, vereitelt. 
Es verlautete nämlich : das sogenannte alte Land im Alexaudrinischen 
und im Menelaites, welches einem uralten und anerkannten Grundsatze 
gemäss bisher noch vom Messseil und also auch von Steuern verschont 
geblieben, würde nunmehr vermessen, demnach katastrirt und besteuert 
werden. Schon hatte dies Gerücht Viele besorgt gemacht, als Tiberius 
Alexander die Aufrechterhaltung jenes rechtlichen Grundsatzes ihnen 
jetzt durch die Versicherung verbürgte: dass eine Vermessung so 
wenig geschehen werde, als sie bisher geschehen sei; — wodurch 
denn der Habgier der Beamten wiederum eine Hoffnung abgeschnitten 
ward. Auch bestimmte er, dass das jüngere dort zugeschwemmte Land 



«) Lin. 48—55. 
«) Lin. 55—59. 



— 299 — 

in seinem alliniihligen Anwaclis durch ein allgemeines Privilegium vor 
etwa beabsichtigten Neuerungen geschützt sein und bleiben solle*). 

So ward den Bodrücknngen des ägyptischen Volkes, den Gcld- 
erpressnngen der Beamten gesteuert. 

Auftallend könnte es scheinen, dass hier überall nur gegen Miss- 
bräuche des Steuersystems, nicht des Zollsystems angekämpft wird. 
Allein die Willkür der Zollpächter muss wirklich nachgelassen haben, 
seit Nero die Veröffentlichung der früher geheim gehaltenen Zolltarife 
befahl. Die desfallsige Verordnung war der letzte Nachhall einer An- 
wandlung von Milde, die in ihrem ei'sten excentrischen Rausche den 
Traum einer allgemeinen Zollfreiheit zu verwirklichen verhiess ^). 

Für Tiberius Alexander blieb in Aegypten gewiss noch Manches 
und wohl nicht Unwesentliches zu thun übrig ; allein nicht unum- 
schränkt war des Präfecten Amtsgewalt; er musste Entscheidung, 
Vollmacht erst vom Kaiser einholen 3). Galba's Geneigtheit aber durch- 
greifende Maasregeln zu bestätigen oder zu empfehlen, lässt bei seiner 
übrigen Weise sich ebensowenig bezweifeln , als dass auch anderen 
Provinzen ähnliche Erleichterungen und auf ähnlichem Wege zu Theil 
wurden. 

Aber nicht nur dem ungesetzlichen Druck in der speciellen Er- 
hebung xmd Verwaltung der Steuern trat Galba hemmend entgegen. 
Trotz seiner ökonomischen Sparsamkeit glaubte er sogar die gesetz- 
lichen Lasten des Volkes verringern zu dürfen. Zwar fand er den 
Staatsschatz völlig geleert; bloss an Schenkungen hatte Nero 2200 
Millionen Sesterzien (110 Millionen Thaler) vergeudet, die meist nur 
Komödianten, Fechtern und Leuten ähnlicher Art zu Theil geworden. 
Allein Galba gedachte dadurch allmälig wieder Ordnung in die Fi- 
nanzen zu bringen, dass er die Ausgaben mögliehst beschränkte, ohne 
das bisherige Quantum der ordentlichen Einnahmen zu erhöhen oder 
es auch nur beizubehalten, wenn dessen Beschränkung den Unterthanen 
Wohlthat sei. In diesem Sinne geschah es ohne Zweifel — nm nicht 
solcher Steuererlasse zu gedenken, wie der gallischen, welche mehr 
als Belohnung gelten müssen — dass er die unter dem Namen Qua- 
dragesima bekannte Abgabe aufhob. Diese war zwar schon von Nero 
Anfangs abgeschafft, später aber wiederum von ihm eingeführt worden. 
Sie diente in der That minder dazu den Staatsschatz als die Staats- 
pächter zu bereichern ; während durch ihi-e mit Chikanen aller Art 



') Lin. 59—62. 

2) Tac. Ann. 13, 50 sq. 

') Ed. Tib. AI. lin. 64. 65. cf. lin. 8—10. 



— 300 — 

verknüpfte Eintreibung in allen Theilen des Reichs Handel und Wandel 
vielfältig behindert oder doch beunruhigt ward. Durch eine auf diesen 
Steuererlass geprägte Denkmünze ward das Gedächtniss von Galba's 
Freigebigkeit und Milde der Nachwelt überliefert '). Immer dringender 
stellte sich jedoch die Nothwendigkeit heraus, nicht blos für die Zu- 
kunft, sondern auch für die Gegenwart zu sorgen und das ungeheure 
Deficit durch eine ausserordentliche Maasregel möglichst schnell zu 
decken. Der finanzielle Organismus der Staatsmaschine war in Ver- 
wirrung und Stocken gerathen; die künftigen Abgaben waren Im Voraus 
verkauft, die jüngsten Einnahmen, Kauf- und Pachtgelder noch unter Nero 
verschleudert worden, und doch die laufenden Ausgaben höchst beträchtlich. 
Die damalige Zeit verstand es nicht, durch Papier- und Anleihe-Systeme 
eine Finanz-Krisis zu b"eenden oder zu vertagen ^). Confiscationen wie 
die der Einkünfte von Lugdunum konnten die Kasse nicht füllen und 
waren überdies gewiss unter Galba verhältnissniässig etwas Seltenes. 

Um dem Staatsbankerotte vorzubeugen, erschien dem Kaiser daher 
als der gerechteste Ausweg, die Quelle des Mangels zu verfolgen und 
das Geld von dorther zurückfliessen zu lassen, wohin es in maasloser 
Breite abgeflossen war. Alle Schenkungen Nero's sollten, bis auf den 
zehnten Theil, wieder eingezogen werden. Wohl musste den Armen 
und redlich Gesinnten, denen der tägliche Anblick jener unwürdigen 
Creaturen, die bisher auf Kosten darbender Völker und geplünderter 
Bürger im Ueberflusse geschwelgt, ein Stein des Anstosses war, diese 
Verordnung billig erscheinen ; imd sie frohlockten , dass die vom 
Tyrannen Beschenkten nun bald ebenso arm sein würden als die von 
ihm Beraubten. Allein bei der Ausführung, welche einer Commission 
von 30 römischen Rittern übertragen Avard, sah man sich bald in ein 
undurchdringliches Netz von Schwierigkelten verstrickt. Man hatte es 
nicht gehörig bedacht, wie gerade bei Personen solchen Gelichters, als 
Komödianten, Tänzern und Possenreissern, am allerwenigsten auf eine 
Stagnation zufluthender Reichthümer zu rechnen sei. An eine lockere 
Lebensart gewöhnt, hatten die Meisten Alles ebenso schnell verprasst 
wie gewonnen. Als man sich nun hiervon überzeugte, und auf dem 
bisherigen Wege nur verliältnissmässig höchst winzige Summen zu 
erlangen waren : da Hess man sich endlich verleiten , das Verfahren 
auch auf alle Diejenigen auszudehnen, welche irgend etwas von Jenen 



») Tac. Hist. 1, 20. Plut. Galb. 16. Suet. Galb. 15. Vgl. Reimar. ad Dion. 
64 p. 728 § 9. 

*) Doch kommt später einmal, unter Vespasian, das Project einer Anleihe bei 
Privatpersonen vor. Tac. Hist. 4, 47. 



— 301 — 

gekauft oder sonst empfangen hatten. Es scheint als ob damals aus 
diesem Grunde, Avegen der Vermehrung der Geschäfte, die Zahl der 
untersuchenden Ritter auf 50 erhöht worden. Lästig war, sagt Tacitus, 
diese neue Art von Amt durch Umtriebe und Menge. Wie Mancher 
mochte seinen Besitz verleugnen, seine Güter bei sich oder Anderen 
verstecken oder vergraben, wie Mancher durch Bestechung oder im 
freundschaftlichen Eiuverständniss mit den Suchenden das Gesuchte 
bergen oder zu bergen trachten ! Endlos war die Verwicklung und 
Verwirrung ; durch Klagen, Vorladungen und Termine die ganze Stadt 
in Bewegung gesetzt; überall Gewühl der Versteigerungen, der Käufer 
der Speculanten. Selbst über Rom hinaus erstreckte sich die Nachfor- 
schung. Den Kampfrichtern zu Olympia wurden die 250,000 Drachmen 
abgefordert, durch die Nero einst für schmeichlerische Siegeskrönung bei 
missglücktem Wagenrennen sie belohnte; der Pythia die 100,000 Drach- 
men abgenommen, die ein Spruch nach seinen Wünschen ihr eingebracht. 
Dennoch scheiterte, wie es scheint, im Wesentlichen die Bemühung, und 
das erwachsende Resultat war minder eine Füllung des Staatsschatzes als 
verunglimpfendes Gerede gegen die höchste Gewalt. Zwar mehr noch 
als gegen den Kaiser richtete sich der Betheiligten Erbitterung gegen 
Vinius. Er hiess der Urheber solcher Dinge; er stimme den Herrscher 
zu so filziger Kleinigkeitskrämerei gegen alle Anderen , Avährend er doch 
selbst in unersättlicher Habgier Alles an sich reisse und feilböte *). 

Ob und wie übrigens das Verfahren juristisch gerechtfertigt werden 
konnte — ob es auf den Gesetzen über die Repotunden, an deren 
Grundsätze es wenigstens einen Anklang bietet, fussen durfte — und 
ob endlich die niedergesetzte Commission zu den stehenden Geschwor- 
nengerichten (qucestiones perpetuce), die zwiefache Zahl der Ritter zu 
den damaligen fünf Richter -Decurien in irgend einem Verhältnisse 
stehe : diese Fragen kann ich nur aufwerfen, nicht entscheiden. 

III. KlilitärweseD. 

Durch die Folgen am bedeutsamsten war die Strenge, mit welcher 
Galba das Militärwesen zu reformiren trachtete. Die Kraft der Monarchie 
bestand in der Treue der Heeresmacht. AVohl erkannten dies die ersten 
Kaiser ; allein die Mittel, die Treue zu erhalten, suchten sie nicht in 
der unerbittlichen Handhabung der Subordination, wie sie der Blüthe- 
zeit der Republik eigen war, sondern in der Gunsterschleichung durch 
kostspielige Buhlkünste, wie sie zu üben beim Siechfhume der Freiheit 

') Tae. Hist. 1, 20. Plut. Galb. 16. Suet. Galb. 15. Ner. 24. Dio (Xiph.) 63, 
14. Exe. Peiresc. p. 694. Zonar. p. 571 D. 

Wissenschaftliche Monatsschrift, |Q 



— 302 — 

dem ringenden Egoismus der Gewaltmänner als ein Gebot der Noth- 
wendigkeit erschien. Galba durchschaute richtig die Gefahren, welche 
die Zukunft bei so fortgesetzter Entwickelung der Dinge endlich her- 
beiführen musste. Sollte die Monarchie nicht völlig vom Soldaten, 
dann musste der Soldat völlig von der Monarchie abhängig werden ; 
und dies zu bewirken, das war sein Zweck. 

Ueberschwer war die Aufgabe; der Krieger, vornelimlich der 
Prätorlanei", durch Verwöhnung entartet imd ungebunden , seine her- 
kömmlichen Pflichten durch angemaaste Rechte überflügelt und ver- 
drängt; was er meist nicht zu träumen vermocht, allmälig aber als 
Gnade erhalten oder erbeten : das wagte er jetzt schon zu ertrotzen ; 
mid die Willkür selbst begann als Recht zu gelten. Kam es nun 
darauf an, durch Unterdrückung der vermeinten Rechte die wahren 
Pflichten, durch Bestrafung jedweder Zuchtlosigkeit den unbedingten 
Gehorsam wieder zurückzuführen : so schien vor Allem nötliig, einmal 
die Vergabungen und Belohnungen abzuschaffen, andrerseits die Reihen 
der Krieger von allen verderblichen Bestandtheilen zu säubern. 

Der Sold, den die verschiedenen Truppengattungen und Corps 
empfingen, dünkte dem sparsamen Kaiser auch schon aus ökonomischen 
Rücksichten mehr als hinreichend. Die Summe desselben für die Le- 
gionare, die Prätorianer und die Stadtcohorten belief sich allein schon 
auf 864 Millionen As oder nahe an 43 Millionen Francs *). Durch 
die ausserordentlichen Geschenke aber war unter den frühern Regenten 
das Militär-Budget vollends zu einer so furchtbaren Höhe angeschwollen, 
dass es auf ihr nicht erhalten werden konnte, ohne den Ruin des 
Staates zu bedingen. So vom finanziellen und vom disciplinarischen 
Gesichtspunkt zugleich geleitet, wagte er es zunächst, jene ungeheuren 
Versprechungen des Nymphidius unbeachtet zu lassen, der jedem Krie- 
ger der Hauptstadt 7500, jedem auswärtigen 1250 Drachmen angelobt 
hatte. Dann, bei schon hcrabgespannteu , wenn auch laut und keck 
geäusserten Hotfinmgen der Prätorianer und Stadtsoldaten, ging er 
Aveiter, erklärte jene unbefugten Versprechungen geradezu für nicht 
bindend, lehnte jede Art der Vergabung entschieden ab und sprach 
unverliolen den Grundsatz aus : „Er erwähle den Krieger, erkaufe ihn 
nicht." Auch die Erwartung der Legionen, welche ebenfalls auf Geld- 
spenden gerechnet, blieb unerfüllt ^j. Nicht die Lockungen des Ge- 



') Ich habe diesen Gegenstand näher behandelt im 9. Bde. meiner ^eitschr. f. 
Geschichte S. 491 ff. 

2) Tac. Hist. 1, 5. Plut. Galb. 18. 22. Suet. Galb. 16. Dio (Xiph.) U, 3 sq. 
u. in Nov. Coli. II. p. 216. 



— 303 — 

winnes, sondern des Kaisers Wille allein sollte, wie einst der Wille 
der Commune, dem Soldaten Regel und Richtschnur sein. So trat in 
schneidendem Wechsel an die Stelle der bisherigen Gefallsucht der 
J^ürsten ein systematischer Rigorismus, der entschlossen schien, nie 
das Geringste zu gewähren, immer nur zu verweigern, ja jede Forderung 
wie jeden Widerspruch als solche zu verdammen, und eher selbst 
gegen die eigene Ueberzeugung zu handeln als soldatischem Trotze 
sich zu beugen. 

Noch zwar war, bei grösserer Thätigkeit oder gei-ingeresn Müs- 
siggange, der Legionär nicht so verderbt wie der Prätorianer und 
Stadtsoldat; doch verderbt genug, um auch seinerseits vor den Reor- 
ganisationsplänen Galba's zu erschrecken. Und schon stand Allen ein 
blutiges Beispiel von der Festigkeit seines Willens vor Augen : die 
Niederraetzelung jener widerspenstigen Marinesoldaten bei seinem Ein- 
züge in Rom. Seitdem freilich , scheint es, schwankte der Kaiser in der 
Wahl zwischen durchgreifenden und allmäligen Reformen. Endlich 
wandte er sich diesen zu, indem er nach und nach sowohl unter den 
Officieren jedes Ranges als unter den Gemeinen diejenigen auszumerzen 
suchte, die in der Vergangenheit sich irgendwie aufsässig, vorlaut und 
verdächtig gezeigt. In Betreff der Prätorianer, der Stadtcohorten und 
der Nachtgarden wird dies ausdrücklich gemeldet; in Rücksicht auf 
die Legionen lässt es sich mit Zuversicht erwarten , und von den 
germanischen wird wenigstens gesagt: dass sie einem Gerüchte zufolge 
die Entlassung der kecksten Centurionen erwarteten ^). 

Als bedeutsamste Aeusserungen der Energie aber musste die Auf- 
lösung ganzer Truppenkörper erscheinen. Dies Schicksal widerfuhr den 
aus Germanen bestehenden Leibcohorten der früheren Cäsaren ^). Mehr- 
fach hatten sie ihre Anhänglichkeit an das regierende Haus bewährt. 
Dicht bei den Gärten des Cnojus Dolabella war ihr Standquartier. 
Galba hegte überhaupt Misstrauen gegen sie und, dem besonderen 
Verdacht Raum gebend, als ob sie insgeheim dem Dolabella ergeben 
wären, entliess er sie bald nach seiner Ankunft in Rom ohne irgend 
eine Entschädigung in ihre Heimath. Ebenso wurden späterhin in 
Afrika die Makrische Legion und die Cohorten, welche Clodius Macer 
ausgehoben, auf Galba's Befehl aufgelöst und entlassen^). 



') Suet. Galb. 16. Tac. Hist. 1, 20. 51. Vgl. 3, 57. Auch die Uebertreibungen 
der Othonischen Rede (Hist. 1, 37) lassen als Wahrheit hindurchschimmern: dass 
derartige Maasregeln der Strenge sich auf alle Theile der Militärmacht bezogen. 

") Suet. Galb. 12. cf. Aug. 49. Calig. 58. 

«) Tac. Hist. 2, 97. 



— 304 — 

Ob nun solche Maasregeln nur die Uebergänge zu durchgreifen- 
deren Umwandlungen sein sollten , oder ob Galba der Gefährlichkeit 
halber Weiterem entsagt hatte, lässt sich bei der Kürze der Regierung 
nicht mit Gewissheit entscheiden. Jenes ward jedoch von Seiten des 
Militärs allgemein befürchtet. Denn indem Einzelne und ganze Glieder 
der Armee ausgestossen wurden, hielt sich keiner für sicher ; allerhand 
Gerüclite kamen in Umlauf: den Prätorianern insgesanimt drohe Herab- 
setzung im Kriegsdienst, die germanischen Legionen würden deciniirt 
werden. Ging Galba wirklich mit diesen oder ähnlichen Plänen um, 
wie sie seinem Charakter allerdings nicht widersprechen : so gediehen 
sie doch niemals zur Reife ^). Die kraftvollen Anfänge aber und jene 
Gerüchte über die Art, wie ferner Galba die alte Strenge der Dis- 
ciplin wieder geltend machen Averde, dienten bei liebgewonnener Zucht- 
losigkeit imd lockerer Lebensansicht nur dazu, sowohl unter den Trup- 
pen der Hauptstadt als auch in denjenigen Heeren , die sich keines 
eifrigen Galbianisnius bewusst waren, namentlich in den germanischen, 
vermittelst des Schreckens einen mächtigen Hang zu Revolutionen zu 
gebären , an dem zuletzt alle Reformen und der Reformator selbst 
scheiterten. 

Ueberdies lag in der Consequenz, mit der Galba für sich als den 
Herrscher unbedingte Treue und Gehorsam der Soldaten in Anspruch 
nahm, insofern eine Inconsequenz, als er die dem Nero bewiesene Er- 
gebenheit überall als Verbrechen verfolgte und bestrafte, ungeachtet 
dieselbe doch pflichtgemäss war; dessen nicht zu gedenken, dass nicht 
selten bei einzelnen Anlässen der Art eine blinde Laune des Alters 
ihn bestinnneu mochte. Eine solche war es wohl auch hauptsächlich, 
und zwar — im Gegensatz zu seiner gewohnten Weise — eine An- 
wandlung überaus milder Gesinnung, welche ihn bewog, den in Rom 
garnisonirenden germanischen Rotten eine ganz absonderliche Vorliebe 
zu schenken. Von Nero nach Alexandria vorausgesandt, ohne Zweifel 
als er in seinen Aengsten den Entschluss fasste nach Aegypten zu 
entfliehen, von dort aber auf die Todesnachricht heimkehrend und auf 
der langen Seefahrt erkrankt, wurden sie von Galba auf dem Vorhofe 
des Freiheitstempels einquartiert und mit der grössten Sorgfalt gepflegt^). 
Mochte ihre freiwillige Rückkehr ihm als Zeichen der Ergebenheit 
gegolten und sein Wohlwollen bedingt haben : in dem Augenblick der 
Entscheidung beeilten sie sich nicht, dasselbe zu vergüten und sein 
Vertrauen zu rechtfertigen. 



') Tac. Hist. 1, 20. 25. 51. Suet. Galb. 16. 
2) Tac. Hist. 1, 31. Suet. Galb. 20. 



— 305 — 

Wie übrigens Galba die überkommenen Truppen nach seinen 
Interessen zu reinigen unternahm, so suciite er zugleich durch eigens 
geschaffene für diese Interessen eine besondere Stütze zu gewinnen. 
In Spanien , heisst es , warb er neue Legionen ; dieser Ausdruck ist 
freilich allgemein und unbestimmt, das aber gewiss, dass er die 7te, 
nach ihm die Galbianische benannt, dort conscribirte ; sie wurde unter 
dem Oberbefehl des Antonius Primus nach Pannonien verlegt. Die 
ihm gleichfalls zugeschriebene Errichtung der „Ersten Hülfreichen" ist 
dagegen jedenfalls ein Irrthum^). 

Entschieden abhold war der Kaiser allen erschlaffenden Gewohn- 
heiten im Militärleben. An dem Mangel der Disciplin war nach seiner 
Auffassung wesentlich die eingerissene Verweichlichung schuld. Sollte 
aber der Kriegerstand seinem Berufe ents^^rechen und melir als Zierrath 
sein : so durfte er nicht verzärtelt werden. Grosse Märsche, Strapazen, 
Entbehrungen jeglicher Art, strenge Gebote , ernste Uebungen waren 
zur Seltenheit, die bequeme Transportirung der Truppen zu Schiffe, 
sowohl bei kleineren wie bei grösseren Entfernungen, nach Campanien 
wie nach Achaja, zur Sitte geworden. Nun sollte das Verhältniss wieder 
umgestaltet, die gemächlich faule Weise wieder mit der anstrengenden 
vertauscht werden. Ein entschiedenes Beispiel hatte Galba gleich nach 
seiner Erhebung gegeben, da die spanische Legion mitten in der heissen 
Jahreszeit zu Fusse, in beschwerlicher AVaffenrüstung und unter man- 
nigfaltigen Entbehrungen, den Weg zur Hauptstadt zurücklegen musste, 
durch ungeheure Länderstrecken, über die steilen Höhen der Pyrenäen 
und der Alpen. Auch dergleichen Neuerungen erregten natürlich 
vielfaches Murren ^). 



Dies sind die erheblichsten Beziehungen, nach welchen wir Galba's 
Regierung zu würdigen haben. Zwar Avar seine Thätigkeit auch auf 
andern Feldern fühlbar ; doch ist die Ueberlieferung zu fragmentarisch 
um ein vollständiges Bild zu gewinnen. Wir begnügen uns daher, zur 
Ergänzung des Vorstehenden, mit einigen Schlussbemerkungen. 

Nicht selten standen bei Galba Handlungen und Grundsätze im 
Widerspruch. Unzweifelhaft wollte und erstrebte er das allgemeine 
Beste. Kein Zug charakterisirt vielleicht die herbe Rüchsichtslosigkeit 
seines WoUens treffender als die Nachrieht : er sei damit umgegangen, 
die Dauer der dem Senatoren- und Ritterstande zustehenden Aemter 

«) Tac. Hist. 2, 11. 86. 3, 22. 25. Dio 55, 24. 
ä) Tac. Hist. 1, 23. 



— 306 — 

auf zwei Jahre festzusetzen und sie grade nur Solchen anzuvertrauen, 
die sie ungern und sträubend übernähmen '). Allein in der Praxis 
verwechselte Galba oft genug seinen subjectiven Vortheil mit dem 
objectiven Nutzen oder dem allgemeinen Interesse des Staats. Er hielt 
sich für den alleinigen Mittelpunkt ; Alles sollte von ihm ausfliessen, 
und Alles auf ihn sich beziehen. Indess er überschätzte sich; er ver- 
kannte seine Mängel, deren Mitthätigkeit beim Bestimmen und Handeln 
auch die Ausflüsse und Bezüge nicht selten als mangelhaft erscheinen 
lassen musste. So geschah es, dass seine Maasuahmen oft der allge- 
meinen Wohlfahrt nur halb oder gar nicht entsprachen , ja zuweilen 
selbst ihr graden Wegs zuwiderliefen. 

Zumal in der Besetzung sowohl der Civil- als der Militär-Aemter 
berücksichtigte Galba durchaus nur sein Interesse, förderte nur seine 
wirklichen oder scheinbaren Anhänger; wenigstens waren Tauglichkeit, 
Würdigkeit und uneigennützige Liebe zum Gemeinwesen wohl niemals 
das oberste Kriterium seiner Wahl. Auch Selbsttäuschung kam hinzu. 
So glänzten in seiner nächsten Umgebung Leute wie Vinius, Otho, 
Laco und Icelus, die weit eher angethan waren den Staat zu verderben 
als emporzuheben ; Männern wie Hordeonius Flaccus, denen die Mann- 
heit gerade am Meisten gebrach, wurde das Commando von Heeren 
übergeben, an deren Spitze ein Kraftcharakter Avie Verginius gestanden. 
Nicht über alle Wahlen freilich dürfen wir den gleichen Tadel aus- 
sprechen. Die Verwaltung Spaniens wurde nach Galba's Abgange 
dem Cluvius Rufus anvertraut, einem Manne redlichen Sinnes, in den 
Wissenschaften und allen Friedenskünsten erfahrener als im Kriege; 
das Celtische oder Lugdunensische Gallien nach des Vindex Tode dem 
Junius Bläsus. Der sanfte Valerius Marinus , der Unbilden eher zu 
tragen als zu ahnden vermochte, ward zum Consul designirt. Galpur- 
nius Asprenas erhielt die Provinzen Galatien und Pamphylien zur 
Verwaltung; Lucejus Albinus, neben dem von Nero übergebenen Cä- 
sarischen Mauretanien , auch noch die Provinz Tingitana ; Primus 
Antonius, wegen Fälschung unter Nero verurtheilt, nicht nur wiederum 
den Senatorrang, sondern sogar den Oberbefehl über die 7te Galbia- 
nische Legion; Cornelius Fuscus, Chef einer Colonie als er Galba's 
Partei ergriff, ward mit einer Procuratur belohnt. Zu den ihres Amtes 
Entsetzten gehörte auch der Stadtpräfect Flavius Sabinus, Vespasian's 
Bruder, in dessen Stelle Decennius Geminus einrückte. Auch in diesem 
Fall verleitete die Besorgniss zu einem Missgriff^j. 



1) Suet. Galb. 15. 

*) Ygl. Tac. Hist. 1, 8. 14. 46. 59. 2, 9. 58. 71. 86. Dio (Xiph.) 65, 9. Plut. Oth. 5. 



— 307 — 

Galba war durchaus conservativer, ja reactionärer Natur. Seine 
Reformbestrcbungen bezweckten wesentlich die Zuriickfiihruiig der alten 
in jeder ]iczichung strengen und maashaltendcu Zeit. Daher eben war 
er so karg mit Bewilligungen jeder Art. Daher beschränkte er auch 
namentlich die Ertheilung des römischen Bürgerrechts, obgleich er von 
diesem Grundsatz in der Praxis zuweilen auch wieder abirrte, wenn 
es — wie bei seinem gallischen Anhang — darauf ankam, geleistete 
Dienste zu belohnen. Daher trat er auch der eingedrungenen Fluth 
bürgerlicher Vorrechte entgegen und schaffte unter Andern die Ver- 
leihung des Drei-Kinder-Rechts, womit so viel Missbrauch getrieben 
worden, fast gänzlich ab und selbst wo er es ausnahmsweise zugestand, 
geschah es nur auf eine gewisse vorherbestimmte Zeit ^). Besonders 
Hess er es sich angelegen sein , mit eigenem Beispiel vorangehend, 
dem eingerissenen Luxus und dessen Verheerungen zu steuern. Und 
wirklich datirt mit ihm eine Abnahme desselben ^j. 

Andrerseits ging Galba augenfällig, und mehr wie seine Vorgänger, 
darauf aus, wahrhafte Bildung zu fördern, und die Ehrfurcht vor der 
alten Religion wieder zu beleben. Selbst wissenschaftlich gebildet, war 
er es, der den berühmten Quintilian von SjDanien nach Rom führte 
und dadurch dem höhern rhetorischen Unterrichte daselbst einen so 
mächtigen Aufschwung gab, dass schon in kürzester Frist die Wirk- 
samkeit öffentlicher besoldeter Lehrer sich als ein allgemeines Bedürf- 
niss kundgab. 

Nichts war in den letzten Zeiten alltäglicher geworden, als Ver- 
höhnungen und Verbrechen gegen den Cultus. Nero selbst war mit 
dem übelsten und gewaltthätigsten Beispiel vorangegangen. Schon durch 
die grosse Feuersbrunst in Rom mochte vielfacher Tempelraub veran- 
lasst worden sein. Später hatte Nero kein Bedenken getragen , die 
Heiligthümer ihrer kostbarsten Weihgeschenke zu berauben. Goldene 
und silberne Götterbilder, unter andern selbst die der Penaten, Hess 
er umschmelzen; und manche werthvolle Tempelschätze gei'iethen in 
der Verwirrung der Zeit in fremde Hände , die sie als weltliches 
Eigenthum handhabten. Galba entwickelte auch auf diesem Felde eine 
ebenso grosse Energie als Pietät. Nicht nur stellte er vor Allem die 
Götterbilder der Penaten wieder her; sondern er verordnete auch eine 
strenge Revision der Tempelschätze. Diese übertrug er dem gewesenen 



1) Suct. Galh. U. Ygl. Tac. Hist. 1, 43. 

ä) Tac. Ann. 3, 55 giebt dies zu, obwolil er, flavianiscli gesinnt, fast alles Ge- 
wicht auf Yespasian legt. Freilich war des Letztern Eegicrung wirksamer, weil 
dauernder ; aber das fürstliche Beispiel an sich nicht grösser. 



•— 308 — 

Prätor Cn. Julius Agricola, der dann auch mit so eifriger Gewissen- 
haftigkeit allen Entwendungen naehrspürte , dass v/enigstens keines 
Anderen als Nero's Tempelraub auf dem Staate lasten blieb ^). 

Galba's Regierung war zu kurz, um aus ihren Keimen zu ent- 
nehmen, was sie bei längerem Bestände hätte werden können. Un- 
zweifelhaft aber bezeichnet sie, nach langen traurigen Zeitläufen, den 
Aufbruch einer Reformperiode, die — mit einer einzigen Unterbrechung 
— ein Jahrhundert besserer Regenten und glücklicherer Zustände 
bezeichnete. 



THEODORE! und ORIGENES 

ODER 

DER LETZTE FREIHEITSRUF DER ORIENTALISCHEN KIRCHE. 

Von G. VOLKMAR. 
I. 

Theodoret, seit 410 u. Z. Bischof von Cyrus im obern Syrien, 
war einer der geisteskräftigsten, gelehrtesten und eine Zeit lang ein- 
flussreichsten Häupter der orientalisch griechischen Kirche. Ausgezeich- 
net war er vor Allem als Exeget des A. T.'s ; mit einer philologischen 
Genauigkeit, wie sie für die damalige Zeit überhaupt möglich war, 
verband er den rationalen Sinn, durch den die Antiochische Schule 
hervorragte. 

Für uns aber ist er durch seine Fortsetzung der Kirchengeschichte 
von Eusebius bis auf seine Zeit besonders wichtig geworden; es ist 
eine bleibend unentbehrliche Hülfsschrift , wie seine Briefe zu den 
wichtigsten Quellen für die Geschichte seiner Zeit selbst gehören. Am 
unmittelbarsten hat er jedoch auf diese durch eine Reihe dogmatischer 
Lehr- und Streitschriften eingewirkt, welche die grosse Frage jener 
Periode, des vierten ökumenischen Concils (431) im Besondern be- 
treffen, wenn sie auch für uns wesentlich nur noch durch die zahl- 
reichen Belegstellen aus altern, uns sonst verlornen Werken von Be- 
deutung sind, durch welche er die von ihm vertretene Partei-Ansicht 
zu unterstützen suchte. 

Die letzte Schrift aber von ihm ist die sonderbarste , auch die 
noch am wenigsten verstandene, und doch für die ältere Dogmen- 



") Tac. Ann. 15, 45. Agric. 6. Suet. Ner. 32. Dio (Xiph.) 63, 11. 



— 309 — 

geschichte wichtigste, sein Compendium rlor Ketzerei (al^eriitis xccxo- 
fiuO-lus iTXizofir). 

Schon die Abtheilung der altern, vomicänischen Häresen 1) in 
Leugner der Einheit Gottes, wie Gnostiker und Manichäer, 2) Leugner 
der Göttlichkeit Christi, wie Ebioniten und Verwandte, und 3) solche, 
die zwischen beiden liegen, sagt er, in der That zu keiner der beiden 
Classen gehören sollen, hat etwas Aufltallendes. Er hat hier die diverse- 
sten, wie Nicolal'ten, die Weibergemeinschaft lehrten, die Anhänger der 
obsolet gewordenen judenchristlichen Oster-Sitte (Quartodecimaner), die 
Montanisten mit blossen Neuerungen in Disciplin und Cultus, aber auch 
die fest an der Apokalypse haltenden Chiliasten des dritten Jahr- 
hunderts zusammengefasst. Als wenn die Nicolaiten nicht an den 
Carpocratiauern der ei'sten Kategorie ihre besten Brüder hätten. 

Noch sonderbarer ist, dass er die Noetianer zu diesen diversen 
Secten rechnet, die doch, nur etwas früher dasselbe versuchten als 
Sabellius, die Einheit Gottes und die Göttlichkeit Christi in pantheisti- 
scher Weise durchzuführen. Wie konnte er die Sabellianer unter die 
zweite Kategorie bringen, die frühern Pantheisten der Art davon 
trennen? Wie kommt er überhaupt zu der corrupten dritten Classe? 

Wollte man darin mehr Ungeschick, und die natürliche Folge 
jedes abstracten Schematisirens in geschichtlichen Dingen erblicken, 
so finden sich nun die merkwürdigsten Abweichungen bei ihm in der 
Lehr-Darstellung selbst. Da soll Cerinth kein Dualist sein, sondera 
nur die Göttlichkeit Christi leugnen, während alle Frühern ihn gerade 
als Urgnostiker darstellen ; da soll Marcion sogar vier Grundwesen 
gelehrt haben, während er sonst als der reinste, schrofiste Dualist gilt. 
Und welche Neuigkeiten über die Schlangenbrüder, die Kains-Verehrer 
die Peraten, den Monoimos u. s. f. bringt er! Die Abweichungen aber 
von dem Vater der Häresiologie selbst reichen so weit, als er ihm 
folgt, d. h. so weit dessen Bericht selbst reicht. Auch über die 
Häresen, welche nach Ireuäus hervorgetreten sind, hat er bei aller 
Annäherung an Eusebius' kirchengeschichtlichen Bericht imd die darein 
gefassten bekannten Quellen so viel Eignes. 

Das Ansehn hiervon wird aber um so imponirender, als der ge- 
lehrte Bischof im Besitze der ältesten, uns sonst ganz oder fast spurlos 
verlornen Schriften sclieint. Aus Justin dem Märtyrer, sagt er schon im 
Vorwort, habe er mit geschöpft. Und dessen Schrift gegen die Häresen 
ist schon Eusebius nicht mehr bekannt gewesen ! In den Abhandlungen 
über die einzelnen Irrungen aber, am Ende so vieler Capitel, führt er 
noch eine ganze Reihe von Bestreitern der altern Irrlehre an, Werke 
welch hohen Alters, von welchem Gewicht für uns, wenn er auch 



— 310 — 

nur Einiges aus dem uns verlornen dogmengeschichtlichen Schatze 
gerettet hätte ! 

Da ist Agrippa Castor gegen den neuerdings so in Frage ge- 
kommenen Basilides, (I, 4), Theophilas von Antiocliien gegen Marcion 
und Hennogeaes (I, 19, 25), ein Musanus gegen die Eukratiten (I, 21), 
Caius wichtige Schrift gegen den Montanisten Proclus (III, 2), und 
Theodoret sagt ganz neu, auch gegen den räthselhaften Cerinth (II, 3), 
Dionysius' von Alexandrien gleich wichtige Briefe , das viel berufene 
„kleine Labyrinth" gegen die Artemoniten, eine uns jedenfalls verlorne 
Schrift Hippolyt's gegen die Nicolaiten (III, 1), Philippus von Gor- 
tynä gar, den Eusebius nur durch Hörensagen kennt, sowie Modestus 
(I, 25), sümmtliche Schriftsteller gegen die Montanisten, von denen 
Eusebius nur Fragmente oder nur solche Hörensagen giebt (III, 2). 
Ja er weiss noch mehr als Eusebius , kennt noch mehrere Anti-Mon- 
tanisten (III, 2), weiss, Apollinaris habe auch gegen die Enkratiten 
geschrieben (I, 21), nach Jacobi kennte er auch eine ganze Reihe von 
Schriftstellern gegen Apelles (I, 25), nach DöUinger und Banr beson- 
dere Schriften gegen Menander und Satnrninus (I 24), und Musanus 
habe speciell gegen die Severianer, nicht gegen Tatian geschrieben 
(I, 21). Welch eine bedeutungsvolle Gelehrsamkeit! Aber es bleibt 
nicht bei der gewöhnlichen Bewunderung seines Fleisses *). Ja wenn 
Theodoret Ephrfem's des Syrers Schriften (I, 22), oder den nachnicä- 
nischen Dialog gegen die Marcioniten, „Adamantius" , die Bestreiter 
des Maniclijeismus aus demselben Jahrhundert, auch einige von Hip- 
polytus' Schriften mehr kannte als später gewöhnlich, da sie in der 
orientalischen Kirche besonderes Ansehn genossen haben, so ist das 
ganz begreiflich: aber auch Schriften aus der christlichen Urzeit, dem 
2. Jahrhundert, sollte er im 5. überhaupt nur noch gehabt haben? 
Selbst solche , die schon im 4., selbst einem Eusebius zum Theil ent- 
kommen waren? 

Das Räthscl Wcächst aber noch , wenn man die Citate auch der 
Schriftsteller beachtet, die er nicht blos recht wohl kennen konnte, 
wie Irenäus, sondern auch evident unmittelbar benutzt hat. Freilich 
die gewöhnlich , wie von Jacobi und Döllinger aber auch von Banr 
angenommenen Merkwürdigkeiten, Irenäus habe nach Theodoret beson- 
ders gegen Menander geschrieben, oder es seien so Viele speciell ge- 
gen Apelles genannt u. s. f. , hören alsbald auf, wenn man ihn nur 
näher betrachtet. 

Die Capitel-Abtheilung rührt zwar sichtbar von ihm selbst her, 



') Ygl. Garner in den Dissertat. in Theodoret. 



— 311 — 

abei* er fasst doch gcwölmlich mehrere Capitel zu einer Unter-Ab- 
theilung in jedem seiner Bücher zusammen; und an deren Schhiss 
fügt er dann dij Citate hinzu. So führt er scheinbar Irenäus und 
Justin M. blos gegen Menander statt gegen die Simonianer überhaupt 
(c. 1. 2), nur scheinbar so Viele blos gegen Apelles auf (c. 25), 
statt gegen Marcion und die Marcioniten überhaupt ( c. 24. 25 ) ; 
ebenso sind alle gegen die Severianer genannten auch auf Tatian, die 
gegen Saturnin auch gegen Basilides , als nächste Simon-Verwandte, 
gerichtet, das von den Nazarfeeni (II, 2) Gesagte, ■worin Baur ein 
Falsum fand, geht auch auf die Ebioniten (II, 1), womit das Falsum 
aufhört. 

Aber doch wie sonderbar: den Irenäus nennt er also gegen Si- 
monianer (I, 1. 2), gegen nächste Simon-Verwandte (c. 3. 4), gegen 
die Valentinianer (c. 19), die Marcioniten (c. 24. 25), die Ebioniten 
insgesammt (II, 1. 2), auch gegen die Nicolai'ten (III, 1); warum 
aber nicht weiter, nicht gegen die Enkratiten, die doch Irenäus (adv. 
hser. I, 18) ebenso bekämpft hat, warum nicht gegen Marcos, den er 
hauptsächlich bestreitet? Wie geringfügig sind dagegen die Capitel 
des Irenäus über die Ebioniten und Nicolai'ten; nur kurz referirend; 
und doch soll er ein Hauptkämpfer gerade dagegen sein? 

Justin M. aber war wohl ein Hauptstreiter gegen Marcion, auch 
gegen Simon und Simonianer zu nennen, warum aber nun nicht eben 
so gut gegen Valentin, und die Nächst-Simon- Verwandten nach seiner 
Kategorie, Saturnin und Basilides, die der ehr. Philosoph ja als gleich 
dämonisch bekämpft hat (Apol. Maj. c. 26) ? Wie in aller Welt aber 
kommt Justin dazu (II, 2), gegen die Ebioniten beider Arten als 
Gegner zu gelten, ja gegen sie als Hauptstreiter vorangestellt zu wer- 
den? Er kennt sie ja notorisch selbst in seinen spätem Werken (den 
Apologieen und dem Dialog) noch gar nicht als häretisch, also am 
wenigsten in der frühern Schrift gegen Irrlehrer. 

Den Gipfel aber erreichen alle diese Räthsel durch Theodoret's 
zahlreiche Anführungen des Origenes. Im Vorwort ist er nur neben- 
bei, ohne besondere Auszeichnung genannt, in der Schrift selbst be- 
gegnet uns der Name fast überall; erstens fost gegen Alle, wogegen 
auch Irenäus genannt ist, mit einziger Ausnahme des Carpocrates, 
dann noch gegen Hermogcncs (c. 19), sämmtliche Enkratiten (c. 21) 
uud die Elcsaiten (II, 7). 

Ja, der grosse Alexandriner hat in allen seinen Werken (über 
die Principien, gegen Celsus , den Haupt- Verleumder des Christen- 
thums zu seiner Zeit, in den Homilien und den Commentarien) alle 
Zertheilung des göttlichen Wesens gründlich bekämpft, allen ihm vor- 



— 312 — 

angegangenen Dualismus der Gnosis, jeden Simonianisraus *), besonders 
Valentin's und Marcion's ; ebenso alle Herabsetzung des christlichen 
Wesens, -wie die ebionitische Leugnung der Göttlichkeit Christi 2), das 
starre Judencliristenthum überhaupt, wovon er auch schon zwei Arten 
unterscheidet, wie es Eusebius ihm nachthut und Theodoret noch mehr 
ausführt 3). Er hat ebenso entschieden jede unsittliche Doctrin verwor- 
fen, wie man sie Nicolaiten nachsagte, und Avodureh die Gnostiker so 
berüchtigt waren, als gegen den halb ebionitisch-essäischen, halb gno- 
stischen Pietismus der Enkratiten gestritten*). Auch wissen wir durch 
Eusebius (H. E. VI, 38), dass er in einer seiner uns sonst verlornen 
Homilien die ebionitische Secte der Elcsai'ten mit ihrer leichten Sün- 
denvergebung durch Wiederholung der Taufe noch besondei-s bekämpft 
hat. Aber über die Nicolaiten selbst, über Cerinth und Hermogenes 
ist uns kein specielles Wort von Origenes bekannt oder erhalten 
worden "), und doch citirt ihn Theodoret auch hierbei , dagegen nicht 
wider Montanisten und Noetianer, warum auch nicht wider die Sitten- 
losigkeit des Carpocrates? 

Die Seltsamkeit der Origenes - Citate in Theodoret's gelehrtem 
Werke ist von jeher aufgefallen. Man ist um so mehr geneigt gewesen, 
eine oder die andere speciell anti-häretische Schrift von Origenes als 
nur ims verloren anzunehmen, als er im Prolog des Theodoret mitten 
unter solchen genannt wird, die eine solche Thätigkeit entwickelt haben. 
Von Justin M. und Irenäus ist es bekannt, aber auch Eusebius hat 
in der Kirchengeschichte sich diese Aufgabe , die Ketzer möglichst 
vollständig zu zeichnen, besonders gestellt ; Clemens' Stromata haben 
wesentlich diese Bedeutung; Adamantius und Rhodon haben speciell 
gegen lläresen und gegen mehrere geschrieben; Eusebius „der Cilicier" 
d. h. der aus Emesa, hat im 4. Jahrhundert die fort sich erhaltenden 
Marcioniten und die neuen Manichäer in Angriff genommen. Obendrein 
hat Origenes in einem von Eusebius erhaltenen Briefe eine Andeutung 
der Art gegeben, er wolle sich mit griechischer Philosophie gegen die 
Häresen rüsten (H. E. VI, 19). 



') Vgl. z. B. Contra Cels. Y. VI. T. II. p. 626 ff. ed de la Rue. 

2) Vgl. in Joann. T. I. Vol. IV, 22. T. XX ib. p. U7. T. XXII ib. p. 247 f. 

3) Contra Cels. L. II. Yol. II. p. 385 f. L. V. ib. p. 625 ff. 

*) C. Cels. YI. Yol. III, p. 628. Comm. ad Rom. Lib. X. Yol. lY, p. 667. 

') Denn der Hermogenes , der in der Hom. in Num. Yol. 11 , p. 345 von 
ibm erwähnt wird, ist der typiscbe Name der Gnostiker überhaupt, wie er von 
den Pastoral-Briefen eingeführt ist, wo Origenes (bekanntlich sehr verzeihlich) 
II Tim. 1, 18 mit I Tim. 1, 20 verwechselt hat und es keiner Text-Aenderung 
bedarf, wie De la Rue wollte. 



— 313 — 

Hiernach und, wie es scheint, mit wegen jener gehäuften Ori- 
genes-Citate in Theodoret's Härcsiologie hat man von jeher ein in 
melirern Manuscripten erhaltenes Fragment, „I'hilosophumena sive om- 
nium hajreseon rufutatio Lib. I" dem Origenes zugeschrieben, und als 
nun endlich der Rest dieses Werkes von Lib. IV bis X aus seinem 
Grab im Alhos-Kloster an's Lieht gefördert wurde, hat zwar nur ein 
Philologe, wie Miller, einen Augenblick diesen Gedanken behalten 
können, da nach Lib. IX ein römischer Schismatiker darin zu uns 
spricht, aber könnte nicht Theodoret dies Werk, das er so viel benutzt 
hat, wenn auch irrend, doch so gut wie das übrige Alterthum dem 
Altmeister selbst zugeschrieben und desshalb ihn so oft citirt haben ? 
Er hat die Philos. über Hermogenes und die Elcsaiten z. B. speciell 
ausgeschrieben, und eben da nennt er speciell den Origenes. 

Baur hat diese Annahme lebhaft unterstützt '), DöUinger sie eben 
so lebhaft bekämpft ^), beide mit allem Grund. Denn auf dem Verhalten 
des Theodoret zu der neuentdeckten Schrift beruht am Ende die Ent- 
scheidung über ihren Ursprung überhaupt. Zwar scheint der Verfasser 
durch die Anführung einer Schrift über das All, welche auf der Hip- 
polytus-Statüe mitgenannt ist, sofort sich als den h. Hippolytus selbst 
zu erklären; aber diese Statue selbst ist ziemlich zweifelhafter Art, und 
umgekehrt giebt nun Photius nach Ueberlieferung einen andern römi- 
schen Kirchenlehrer, der auch ein eifriger Bestreiter der Härese war, 
den Caius, als Verfasser dieser Schrift über das All an, soM'ie eines 
antihäretischen Werkes, das er zwar „Labyrinth" nennt, das aber un- 
verkennbar auf unsere Philosophumeua passt. Doch ist auch dabei 
nicht Alles klar genug. — Wie wichtig wird nun Theodoret, der 
jedenfalls der erste bestimmte und zweifellose Zeuge für ihr Dasein 
ist! Wie schlagend gegen die Beziehung auf Hippolytus, den Theo- 
doret sonst so gut kennt, wäre es, Avenn auch er das Wort nicht 
als eins der hippolyteischen kennte, oder wenn auch irrend doch den 
Origenes für den Verfasser hielte! Eine nähere Erforschung der für 
die ganze Kirchen- und Dogmengeschichte so wichtigen Frage 3) hat 
daher vor Allem Theodoret's Verhalten zu den Philosoph, näher zu 
bestimmen gehabt. 

Hiermit aber hat Theodoret's Härcsiologie selbst eist begonnen 
in ein näheres Licht zu treten. Ein guter Theil der Räthsel, die sie 
sachlich darbietet, ist damit alsbald gehoben worden. Die meisten 



') Theolog. Jalirb. 1853. I, 152 ff. IV, 428 ff. 

") Hippolytus und Callistus. Regensburg 1853. S. 2G9 ff. 

') Hippolytus und die römisclien Zeitgenossen. Zürich 1854. S. 12 ff. 



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Neuigkeiten, die Theodoret aus Wunder wie vielen und welch selbst- 
ständigen Quellen zu haben sclieint — über die Peraten, Monoimus, 
einzelne Passus über Simonianer, Ophiten, Kainiten — hat er höchst 
einfach aus dem Summarium abgeschrieben, welches der Verfasser der 
Philosoph, seinen neun Büchern allgemeiner Ketzerbestreitung als ein 
zehntes angefügt hat. 

Auch das Räthsel löst sich nun, wie er die Noetianer von den 
Sabellianern d. h. die Einheit suchenden Pantheisten von Einheit suchen- 
den Panthei'sten hat trennen, unter eine ganz andere Kategorie, zu den 
Montanisten stellen können. Es liegt an der eigenthümlichen Stellung 
des römischen Philosophumenos zu beiden Irrungen, dass er in seinem 
Summarium von den ihm nahe befreundeten Montanisten zu den für 
ihn feindlichsten Noetiauern überging, und Theodoret hat diese Epi- 
tome für die seinige so sehr zu einem zweiten Leitfaden gemacht, dass 
er ihr hier sogar gedankenlos nachgeschrieben und so nur gezeigt hat, 
wozu auch die Gelehrtesten, wenn es pressirt, im Stande sind. 

Auch die räthselhafte Neuigkeit bei Theodoret über Marcion's 
Lehre, wie so manche Abweichung von Irenäus und den altern Quellen 
überhaupt zeigt sich nur als das Werk ziemlich leichtfertiger Combi- 
nation dieses Sumraariums mit jenen. 

Der Credit der Theodoretischen Häresiologie ist dadurch nicht 
sehr gestiegen, um so bedeutender aber ist ihr Gewicht für die Kritik 
selbst geworden. Ist nun Baur's Annahme oder DöUinger's hitziger 
Streit dagegen im Rechte ? Ich habe gefunden, dass das Recht dies- 
mal auf keiner von beiden Seiten liegt ; dass diese Bestreitung von 
Confiision und Irrthum wimmelt, aber auch Baur's Annahme völlig 
unhaltbar ist. 

So imponirend es scheint, dass überall, wo er den Origenes nennt, 
auch die Philosophumena einen Anhalt bieten, und dass er den Ale- 
xandriner in jenen beiden Fällen allein oder so gut wie allein nennt, 
wo er das Summarium der Philosophumena evident ausgeschrieben hat: 
so fehlt doch dieser Name auffallend, auch wo er dies gethan hat (bei 
den Noetianern, und, wie ich auch gefunden habe, bei den Montanisten). 
Doch ist dies für sich noch hülflos , da man keine volle Consequenz 
im Citiren vorauszusetzen braucht. 

Entscheidend aber wird die Einsicht, dass Theodoret das Sum- 
marium der Philosophumena nicht etwa blos bevorzugt, sondern über- 
haupt davon allein gekannt hat. Da dies nun blos kurz über die 
Häresen referirt, sie nicht (mehr) bestreitet, so wäre es schon seltsam, 
wenn Theodoret den Verfasser gerade davon als einen Haupt- imd 
eifrigen Ketzer-Gegner oder Vertheidiger der Wahrheit aufgeführt hätte. 



— 315 — 

Dann lebt Theodoiet zu sehr in der Lehre des grossen Alexan- 
driners und weiss den Styl desselben genau zu unterscheiden. Es gab 
z. B. eine anonyme Schrift gegen die altern Veifeeliter ehier starren 
Einheit Gottes (die Artemoniten) mit dem Spotttitel „Kleines Labyrinth 
(nämlich von LTthum und exegetischer Willkür)". Diesen Titel kennt 
Theodoret noch, hatte aber davon bei seiner Arbeit nichts weiter vor 
sich, als die Paar Fragmente, welche uns Eusebius aufbewahrt hat. 
Auch diese antihäretische Schrift hatte man schon vor Theodoi'et dem 
Origenes zugeschrieben; er sagt aber sofort, das ist unrichtig, ^das 
ist nicht der Charakter des Origenes". Unsere Philosophumena haben 
nun wohl dem Istcn Buche nach, das über die griechischen Philosophen- 
Schulen wesentlich referirend sich verhält, von ungenauem Lesern dem 
gelehrten Alexandriner zugeschrieben werden können. Noch unbedacht- 
samere haben dies sogar beim 9ten Buch festgehalten (wie der Ab- 
schreiber des Athos-Codex und dessen blos in Lesarten vertiefter erster 
Herausgeber), aber auch das kleinste Fragment des löten Buches mit 
seinem breiten, redseligen Ton und gespreizten Styl, geschweige die 
ganz eigne Doctrin am Schlüsse hätte einen Kenner des Origenes wie 
Theodoret sofort überzeugt: „hier mag jeder Andere aus dem 3ten 
Jahrhundert verborgen sein , nur nicht Origenes". Theodoret könne 
also, schloss ich, beim wiederholt Nennen des Origenes am Avenigsten 
an diese seine Quelle gedacht haben. Er habe sie lediglich im Vor- 
wort unter „die Andern" gefasst, die er nicht nennen konnte oder 
wollte. Das Sumraarium war Fragment, so aber auch anonym geworden, 
und Theodoret hat auch keinen Namen dafür gerathen. 

Hiermit aber gehen um so mehr die Augen darüber auf, dass 
auch Piiotius und seinen Yoigängern von dem' Werke, das in seiner 
Totalität d. h. dem IXten Buche nach für die römische Kirche so ver- 
letzend ist, nur Fragmente bekannt geblieben sind. Sie haben nur das 
philosophisch referirende Lib. I und das ebenso kirchlich harmlose 
Lib. X gehabt, das Photius nun nach den AnfongSAvorten rar yJaßr- 
Qivi}ov {züv aiQäoeiov diaQQi^^uvieg) allein zu bezeichnen im {Stand 
gewesen i.st. Nur nach diesen anonymen Fragmenten hat die frühere 
Zeit geurtheilt, nur danach entweder auf Origenes oder Caius rathen 
können und gerathen, ohne aus besondern Gründen dafür an Hippo- 
lytus denken zu können. So natürlich aber diese Annahmen sowohl 
über das antihäretische Büchlein als über die darin citirte, wirklich 
ursprünglich anonym ausgegangne Schrift waren, so irrelevant sind sie 
für unsere vollständigere Kenntniss der Sache geworden, und mm erst 
tritt das indirecte Zeugniss der Hippolytus-Statüe unangefochten ein. 

Inzwischen ist diese Erörterung von mir bis dahin nicht so 



— 316 — 

glücklich gewesen, als frühere. Man hat jetzt in Deutschland viel 
Höheres und Tieferes zu fragen und zu „bespi-echen" , variata oder 
non variata Augustana, Lutherthum und Union, innere Mission, das 
„Wesen des Protestantismus". Dieses hat man zwar um Alles nicht 
zu bethätigen, aber doch zu Vielerlei darüber zu sagen, als dass man 
Zeit und Sinn hätte für kirchen- und dogmengeschichtliche Forschung. 
Lieber Gott ! wie kann man nur noch über die urchristliche Entwick- 
lung, oder auch nur über den Hervorgang des Trinitäts-Dogma's strei- 
ten, nachdem es einmal da ist, oder über die Art der Entzweiung in 
der alten römischen Kirche, nachdem sie einmal so mächtig geworden 
ist! Ueberhaupt, wozu Geschichte mit aller ihrer Mühe, da es so viel 
leichter ist, über die Kirche der Gegenwart zu discutlren oder über die 
Zukunft zu phantasiren, ohne über den Ursprung der Kirche und aller 
dieser Fragen auch im Geringsten klar zu sein ! Hat denn nicht auch 
schon Bunsen so anziehend es festgestellt, dass die Philosophumena 
lediglich dem Helden der Hippolytus - Statue angehören, wenn diese 
auch etwas zweifelhafter Natur ist ? Stimmt nicht selbst Döllinger und 
alle Welt auch in England ein, ausser etwa dem Starrkopf Baur und 
seinem „Anhang"^)? 

Unter diesen Umständen kann ich es nur als ein Verdienst aner- 
kennen, wenn meine unbefangnere Würdigung der sehr gerechten Beden- 
ken Baur's und Hilgenfeld's gegen alle jene „Beweise" von Bunsen und 
Anti-Bunsen, diese, wenn auch noch so geistvollen und phantasiereichen, 
doch blossen, sich widerstreitenden Hypothesen, respective Gewaltthaten 
nicht ganz unbegreiflich erschienen ist ; wenn diese, für die Gegenwart 
allerdings fast zu harmlos rein historische Untersuchung Avenigstens 
Eine, etwas näher eingehende Prüfung gefunden haf^j. Um so interes- 
santer aber ist diese, als sie in dem Bestreben besteht, auch der Unter- 
suchung gegenüber, die als ein wissenschaftlicher Fortschritt anerkannt 
wird, ja mit Hülfe derselben die Sache gerade umzukehren. Auch die 
kritisch gewonnene Ansicht vom Wesen des bis dahin halb gespenstig 



') „ Blätter für literarische Unterhaltung " durften das dreist aussprechen 
(wie 1855 Juni), um so geärgerter, als ja das frühere Werk schon als ab- 
schliessend so gepriesen war. Wenn aber auch ein „Repertorium für deutsche 
und ausländische Literatur, von Gersdorf (1855 August) nichts anders gekonnt 
hat, als — Jahnen, so hat das nur die Bedeutung aufs neue zu zeigen den 
zahnlosen Mund, den die Helden der non variata so ungescheut aufzuthun pflegen. 
Andere thun blos, als wenn sie die in Zürich erschienene Schrift über Hippolytus 
auch gelesen hätten, es ist aber an ihrem kritiklosen Gerede über Sainte Hippo- 
lyte nicht das Geringste davon zu verspüren. 

2) Hilgenfeld, Literar. Centralblatt. 1855 Mai. 



— 317 — 

gewesenen h. ITippolj'tiis , welche ebenso sehr das rationalistisch-, als 
das papistiscli- apoLigetisclie Zureehtraaclien des neuen Kirchenvaters 
verwehrt hat, soll zu einer blossen Hippolytus-FIypothese herabgesetzt 
werden. Und wirklich beruht ihre Begründung am Ende allein auf 
dem neu entdeckten Werke, beziehuugsweis dessen ältester bestimmter 
Bezeugung — also mit auf Theodoret und Photius ! 

Es Avird anerkannt, dass man das Zeugniss des letztern gegen 
Hippolytus' Autorschaft an dem Räthselbuche früher nur misshandelt, 
nur mit Gewaltthat und Unsinn zugleich todt zu schlagen versucht 
habe, aber auch der nun tiefer angesetzte Hebel soll versagen. Es bleibe 
nach Allem, was ich selbst gegen Bmisen, DöUinger und. Ritschi er- 
innert und mit aller Offenheit erst an's Licht gestellt habe, das Wahr- 
scheinlichere, dass Theodoret doch die Philosophumena ganz und zugleich 
unter dem Namen des Origenes gekannt habe, wonach er ihn citire ; 
warum sollte also auch Photius nur ein oder das andere Fragment 
des Werkes gekannt, warum nicht das Ganze mit allem Bewusstsein, 
nach älterer Ueberlieferung, dem andern römischen Vater jener Zeit, 
dem als so gelehrt bekannten Gegner des Montanismus , Caius, zuge- 
schrieben haben ? Es ist auch dabei recht viel Scheinbares geltend 
gemacht worden. Ich muss aber doch gestehen, mit so liebenswürdiger 
Leichtigkeit, dass ich es ruhig jedem Leser meiner Schrift überlassen 
kann, diese Argumente näher zu würdigen; nur ein einziges Moment ist 
darin über meine eigne Erörterung hin neu erinnert worden: (xal av- 
Tol) aloezmcoieoot {OQiyeg) heissf „arge Ketzer", das stimme ganz zu 
dem Ketzergegner Caius, gegen den, wie ich selbst mit Recht gezeigt 
hätte, halbmontanistischen Hippolytus ! — Es eilt mit einer nähern 
Beleuchtung dieser Apologie nicht. Hier genügt es, zuzugestehen, dass 
die Grundlage meines Beweises : „Theodoret hat nur Lib. X gekannt, 
nie Lib. IX und das Uebrige", mit zwei textkritischen Conjecturen 
über die Beschaffenheit unseres Codex der Philosophumena und so auch 
des Summariums davon zusammenhängt. Ich fand es überwiegend wahr- 
scheinlich, es seien daraus zwei Notizen , die Theoderet noch darin 
vorfand [über Alcibiades von Apamea als Förderer der Elcsaiten und 
über Theodotus von Byzanz als Haupt einer eignen Art Monarchianer] 
— beide am Ende eines Capitels stehend — , ebenso durch die spätem 
Abschreiber ausgefivUen, als evident eine ganze Reihe aus einem frühern 
Buche der Philosophumena. (Vgl. m. S. 50 ff.) 

Hierüber lässt sich natürlich noch streiten. Aber es ist falsch, 
dass mein Beweis von dieser textkritischen Entscheidung abhänge, 
statt umgekehrt diese von jenem unterstützt wird und das Wahrschein- 
lichere in jedem Falle bleibt. Mag Theodoret seine Notiz über Alcibiades 

WisseuachaftUche Monatsschrift. 20 



— 318 — 

her haben, woher er will — denn die über Theodotus ist von mir 
auch sonst direct nachgewiesen — ans dem Lib. IX der Philosophu- 
mena hat er sie so gewiss nicht, als er sonst nicht den argen Verstoss 
begangen hätte, einen Callistus, der nur darin als Papst von Rom 
erkläi't war, harmlos als einen beliebigen Ketzer aufzuführen, um von 
den sonstigen unzweifelhaften Judicien der völligen Unbekanntschaft 
Theodoret's mit Lib. IX nicht weiter zu reden, die man wohl advo- 
catiseh übergehen, aber nicht aus der Welt bringen kann (S. 46 ff.). 

Nur die eine Notiz bei Theodoret, Hermogenes habe gelehrt, „der 
Leib Christi sei in der Sonne niedergelegt", welche Lib. VIII der 
Philosophumena darbietet, das Summarium nachweisbar nie enthalten 
hat, könnte den noch irren, dem eine nähere Betrachtung der speciellen 
Sachlage zu beschwerlich ist. Denn diese zeigt, dass Theodoret über 
den eigenthümlichen Dualismus des Hermogenes, wonach es dem reinen 
Geiste gegenüber eine ewige Materie giebt, zuerst das Summarium 
ausgeschrieben hat, dann aber noch eine besondere, uns nicht sonst 
mehr erhaltene Quelle, möglicherweise dieselbe, die auch der Verfasser 
der Philosophumena für seinen eigenthümlichen, aber sprachlich wie 
sachlich abweichenden Bericht gehabt hat *). Dies ergiebt sich schon 
sachlich als das Wahrscheinlichere, noch ganz abgesehn von den Ci- 
taten Theedoret's dabei , und der Apologet kann dies wieder nur um- 
gehen ; im Zusammenhange mit allen andern Indicien aber ist es das 
allein Denkbare, dass Theodoret auch dies Lib. VIII, den Elenchns 
der Philosophumena überhaupt nie, nur das Summarium ge- 
kannt hat. 

Könnte aber auch die Oberflächlichkeit noch durch die beiden 
Notizen von Alcibiades von Apamea und von dem in der Sonne nie- 
dergelegten Leib Christi, zweifelhaft Averden, ob nicht Theodoret das 
Summarium blos vorzugsweise benutzt , den Elenchus jedoch auch ein- 
mal gehabt, aus Lib. IX jene, aus Lib. VIII diese Notiz entlehnt, also 
zwar diese im Kopf behalten, aber die Hauptsache von Lib. IX, dass 
der Noetianer Callistus nichts Geringeres als römischer Bischof war, 
miraculöser Weise vergessen habe : so heisst das doch den Theodoret 
complet unsinnig machen, ihn, gerade ihn auch nur einen Augenblick 
den Gedanken fa'ssen zu lassen , Origenes habe ein Werk verfasst, 
dessen Urheber (im Lib. IX) sich laut als römischen Cleriker 

') Im Besondern hat Theodoret seinen weitem Zusatz , nach Hermogenes 
werde der Teufel endlich in die Materie (woher er stamme) zurückgeführt wer- 
den, gar nicht in den Philosoi^humenu finden und noch weniger selbst daraus 
entwickeln können (S. 25 fif.). 



— 319 — 

erklärt. Man kann so etwas übersehen, wenn man die Sache zum 
ersten Mal in die Hand nimmt, wie Baur, wenn man dabei überhaupt 
mehr in Suchen von Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten als von 
Gewissheit sich bewegt. Aber nachdem das einmal erinnert war, dennoch 
das nicht sehen, dennoch es für möglich, ja das „Wahrscheinlichere" 
erklären, Theodoret habe die Philosophumena ganz, im Besondern auch 
Lib. IX gekannt und sie (also Lib. IX mit) im Auge gehabt, wenn 
er Origenes citire, wie soll man das eigentlich nennen ? Dergleichen 
ist nicht im Stand, den gegenwärtigen Zustand der Kirchenhistorie in 
Deutschland, über den sich Hilgenfeld wie angegeben noch ganz aner- 
kennbar erhebt , in ein besonders günstiges Licht zu stellen. Man 
hätte für dergleichen leichtbeschwingte, und ebendamit so hochfahrende 
litei-arische Ritte früher andere Namen gehabt. 

Die Philosophumena helfen schlechterdings nicht dazu, die Räthsel 
der Origenes-Citate Theodoret's irgend zu lösen. Eine kritiklose An- 
sicht früherer Zeit wird durch ein forcirtes Wieder-AufAvärmen in einer 
Zeit, welche das Material vollständiger hat und auf das Einschlagende 
schon aufmerksam gemacht ist, nur erst abgeschmackt. Nur im Zu- 
sammenhange mit den sonstigen Seltsamkeiten, welche Theodoret's Ver- 
halten im Citireu überhaupt darbietet, können auch jene Räthsel ihre 
Lösung, — so diese unumgängliche Quelle der Dogmengeschichte über- 
haupt erst das Licht finden, das sie bis dahin noch völlig entbehrt. 

Eine nähere Vergleichung derselben mit allen altern Häresiologen 
führt nun zu dem überraschenden Resultat, dass Theodoret's ganze Arbeit 
nur den Schein der umfassendsten und complicirtesten Forschung er- 
regt, in der That, so weit es die altern Abweichungen von der katho- 
lischen Lehre, die drei ersten Bücher betrifft, eine ganz leichte und 
ziemlich schnellfertige war. 

Er hat Nichts gethau, als aus drei Handbüchern 
oder Leitfaden der Häresiologie — nämlich L-enreus adv. 
omn. ha;r. Lib. I, uuserm Summarium, und seinem Handbuche der altern 
Kirchengeschichte, aus Eus^bius — unter Hin zu nähme einiger 
weiterer Leetüre (der Stromata des Clemens und des Epiphanias, 
seltener schon des Origenes selbst), einiger Erinnerungen aus 
früherer Leetüre (von seinem Landesgenossen Ephrasm , dem 
Adamantios genannten Dialog und einer oder der andern Schrift des 
Hippolyt) und etwas eigner Erfahrung (über noch in seiner 
Gegend fortbestehende Ebioniten, Montanisten und Marcioniten) — einen 
Tieften Leitfaden herzustellen, nur mit neuer Vertheilnng des 
Stoffes und mit manchen leicht fertigen, aber gleich zuvcrsichtlic'ucn 
Combinationeu d. h. Fictionen. 



— 320 — 

Der Ketzer-Index des Irenäus ist seine Haiiptquelle und, so -weit 
er reicht, auch sein massgebender Leitfaden, nur dass er die drei 
erwählten Haui^tkategorien dabei durchzuführen suchte und gelegentlich 
das einfügte, was der Stromateus, des Epiphanius und des Eusebius 
Handbuch und unser Summarium „entsprechend" Neues darbot. Wo 
Irenaäus ausging (bei seinem zweiten und dritten Buche), da wird dies 
Summarium oder Eusebius der Leitfaden, der noch kürzer ausgezogen 
und mit einigen Reminiscenzen oder blossen Vermuthungen bereichert 
und so nicht gerade sehr verbessert Avird (S. 22 ff.). 

Aus dem Handbuch des Eusebius hat er auch alle seine so ge- 
lehrt scheinenden literarhistorischen Notizen abgeschrieben; 
ausser Ii-enäus selbst, Clemens Str., Ephrtemus und Hippolytus kennt er 
alle von ihm citirten oder auch wirklich excerpirten Schriftsteller des 
2ten und 3ten Jahrhunderts lediglich aus Eusebius, und nur mit Ori- 
genes scheint es noch eine eigne Bewandtniss bei ihm zu haben ^). 

Es ist hier nicht am Orte, auch nach dem schon von mir Ge- 
zeigten nicht nöthig, weiter in's Detail zu gehen. Es gehört zur dog- 
mengeschichtlichen Aufgabe selbst, deren Weg nun um so geebneter 
und vereinfachter ist, die Paar Momente eigner Erfahrung und der 
Leetüre aus uns nicht erhaltenen Schriften näher zu bestimmen, durch 
welche Theodoret, ausser seiner nicht geringen Bedeutung für Herstel- 
lung des Urtextes von Irenäus, allein noch den Werth einer Autorität 
für die ältere dogmengeschichtliche Entwicklung hat. Es genügt, an 
seinen Citaten sein Verhalten überhaupt näher zu charakterisiren. 

Welch eine Reihe von Gegnern der gefährlichst gewesenen aller 
gnostischen Häresen, des Marcionitismus, weiss er (I, 25) aufzuführen! 
Aber in welch sonderbarer Folge ! Justin M. , Theophilus , Philippus 
von Gortyna, Irenäus, Modestus, Origenes, Rhodon, Adamantius, Hip- 
polytus, Eusebius von Emesa. Das sieht ganz chronologisch aus, den 
ältesten voran, den aus dem vierten Jahrhundert zuletzt: aber Rhodon 
ist ein Zeitgenosse Tatian's, und der erst nach Origenes? Adaman- 
tius d. h. jener Dialog de recta in deum fide ist nachnicänisch und 
doch vor einem Manne des 3ten Jahrhunderts wie Hippolyt ? Die 
Sache ist einfach: er hat sein Handbuch der Kirchengeschichte vor 



*) Für die Testes - Herstellung bei Irenäus , unserm Summarium und bei 
Eusebius, wo er wirklich ziemlich gut abgeschrieben hat, ist also sein Buch 
auch hinsichtlich der altern Häresen von bleibendem Werth; dagegen hat man 
sich zu hüten , den Text des Clemens selbst sofort nach ihm constituiren zu 
wollen, da er mehrfach, auch wo er ihn nennt und angeblich abschreibt, doch 
bequemer die Auszüge in seinem Handbuche, dem Eusebius vorgezogen hat. 



— 321 — 

sich und schreibt der Reihe nach die gegen Marcion speciell aufge- 
führten Namen aus, und da Eusebius chi-onologisch verfährt, so auch 
seine Reihe so weit. Wo es aber bei Eusebius eine Lücke giebt, da 
pflanzt er seine eigne Kunde ein, also: Eusebius H. E. IV, 11: J,Ju- 
Btin M.", c. 24 : „Theophilus", c. 25: „Philippus Gortyn., Irenäus, 
Modestus" (gerade in der Reihe); nun folgt ein Zwischenraum, also 
der erste der Seinigen, Origenes; bei Eus. V, 13: „Rhodon" ; nun 
wieder eine Lücke, also ein zweiter (s])täterer) Kunde von ihm, Ada- 
mantius; bei Eus. VI, 21: „Hippolytus, auch adv. Marcionem", und nun 
schliesst er mit der letzten eignen Kunde dieser Art, dem Emesener. 

Dies Verfahren charakterisirt seine ganze Arbeit, nicht blos sein 
Citiren, So hat er denn auch die Literatur von Anti-Montanisten ledig- 
lich aus demselben Handbuche (IV, 26. 27. V, 16 — 19), selbst die 
Reihenfolge: Apollinaris, Miltiades, Apoll onius. Als wenn der Zweite 
hiervon nicht älter wäre als Apollonius ! Eusebius kennt ihn nämlich 
erst durch diesen imd so kommt er natürlich erst nach ihm darauf 
zu sprechen. Theodoret leichthin excerpirend, macht ihn danach zum 
Nachfolger. »Die andern" Schriftsteller aber, die er noch gegen die 
Montanisten erwähnt, sind nicht „Asterius, Urbauus u. A.", wie Schulze 
(p. 342) so gemüthlich schreibt, auch nicht der eine Asterius Ui'banus, 
den Apollinaris (Eus. V, 16) noch erwähnt; sondern Theodoret steht 
hier bei V, 19, es ist also der Serapion, aus dem Eusebius noch Eini- 
ges nachholt, angemessen multiplicirt ; „und Andere" statt „und ein 
Anderer" zu sagen , war nach seinem sonstigen Verfahren nichts zu 
Schweres. 

Ueber Tatian und die Enkratiten hat er. allerdings seinen Stro- 
mateus (I, p. 359. II, 186. III, 553. VII, 900 ed. Sylb.) unmittelbar 
gekannt, den alten Musanus aber nur aus Euseb. IV, 28, und nur 
aus Versehn hat er den von Eusebius nahe vor Musanus genannten 
wackern Gegner gegen alle Feinde des Kirchenthums (Heiden, Juden, 
Montanisten) mit diesem auch hierher gezogen'). 

Auch vom „kleinen Labyrinth* giebt er — wie bemerkt — ge? 
rade so viel und Nichts mehr als das Handbuch (V, 28). Ueber uud 
aus Caius hat er nichts Anderes, als schon bei Eusebius (II, 2. III, 28) 
zu finden war, und seine Hochschätzung des Handbuches geht so weit, 
dass er eine und dieselbe Stelle darin zweimal benutzt, den Caius auch 
gegen Cerinth als Streiter aufführt ( II, 3 ), weil er im Kampf gegen 
den Montanismus diesen anerkannten Ketzer und dessen angebliche 



*) Die patrologische Kunde von einer Schrift des Apollinaris gegen Tatian 
und Severi wird also völlig abfällig. 



— 322 — 

ccjxoxulvlpeig mit ]enem. parallelisirt '). Aucli über Theophilus von 
Antiochien hat er Alles aus Ensebius (IV, 24), und so oft er auch 
den Dionysius von Alexandrien aufruft — gegen den Pantheismus des 
Sabellius, gegen den Rigorismus der Novatianer ( III, 5 ), gegen den 
Chiliasmus des Nepos (III, 6), soAvie über Cerinth (II, 3) — er weiss 
nichts mehr als ihm die Fragmente des Ensebius geben. Selbst die 
nähere Charakteristik einzelner Streiter, wie des ApoUinaris , er sei 
nicht blos in der Theologie (yrcöoig rwv d-ikov), sondern auch in der 
Philologie (r e^iod-ev Tiaiöfia) wohl bewandert (III, 2), hat ihm nur 
Eusebius (IV, 26) angegeben. 

Er hat so das seinige dazu beigetragen, um den Schein Wimder 
welcher Gelehrsamkeit und grossen Forschung zu erregen. Denn er 
deutet sein ziemlich wohlfeiles Verfahren nirgends an und erwähnt die 
Haupt-Quelle für seine Citate auch im Vorwort nur so beiläufig, dass 
sie als solche völlig unkenntlich wird. „Auch aus den beiden Eu- 
sebius habe er geschöpft , sowohl dem Palästinenser [ das ist die 
Kirchen-Geschichte, sein Orakel überall], als dem Phönizier [dem 
Emesener, den er doch nur e inmal , über die Manichäer, vor sich hatte]." 

Doch wenn er auch sein Verfahren nirgends ausspricht und einen 
andern Schein factisch erregt, er thut dies auch nirgends mit Worten. 
Vielmehr muss man ihn nur recht streng bei seinem Wort nehmen, um 
den von ihm erregten Schein alsbald zu überwinden. 

Unter den Speciäl-Citaten sind nämlich die am Schluss einer Ab- 
theilung („Gegen diese schrieben vortrefflich") gar nicht Angabe seiner 
Quellen oder Autoren, sondern nur der Autoritäten für die Kir- 
chenlehre gegen die Abweichungen, wo er selbst nicht weiter streiten 
will. „So viel treffliche, gelehrte Männer, Vertheidiger der Wahrheit, 
seien schon vor ihm gegen diese Ruchlosigkeiten aufgetreten , haben 
ihm die Mühe der Widerlegung abgenommen" (Procem. Lib. I. IL); 
imd nur zufällig kann es sich treffen, dass er solche wie Ire- 
näus und Clemens auch unmittelbar benutzt hat. Diese Schluss- Citate 
sind also wohl von denen zu unterscheiden, welche er im Contexte 
selbst giebt. Dieses sind wirkliche Citate; damit, aber damit auch 
allein macht er die Autoren specieller Darstellungen bemerklich 2). Er 



*) Also auch diese, nocli von Döllinger, RitscU u. A. als selbstständig 
unterstellte Schrift des Caius fällt ab. 

2) Er ist dabei also noch yiel treuer, als so manche „Kritische" oder andere 
Untersuchungen der neuem Zeit verfahren , welche den Schein umfassendster, 
eigenster Quellen-Kunde erregen, indem sie sich mit einer Last von Citaten be- 
decken und ausschmücken, die doch nur aus Cotelier's Noten zu den Patr. App., 



— 323 — 

ruft dann immer „zu Zeugen* auf. So den Irenäus (I, 5), dass die 
Schamlosigkeit der Carpoeratianer von ihm nicht erdichtet sei, den 
Clemens Str. (I, 6) über die noch grössere der Adamiten, eben diesen 
(III, 1) über die bessere Auffassung des Nicolaus im Unterschied von 
der Ruchlosigkeit der Secte seines Namens, das „kleine Labyrinth" 
(II, 5) über die textkritischen und praktischen Vergehn der Theodo- 
tianer (so weit dies nämlich von Eusebius geboten war), den Eusebius 
selbst endlich (III, 2) darüber, dass die Ebioniten (und Nazaräer) erst 
„unter Trajan" aufgetreten sein sollten. (Wie oft ist nun dies Zeug- 
niss schon gegen die kritische Ansicht aufgeführt, dass die Ebioniten 
mit ihrer Annahme von Jesu als blossem Menschen nichts anders als die 
Urchristen selbst seien ! Und doch wie irrelevant ist es, da Theodoret 
nur die, schon Eusebius nothwendig gewordene Degradirung der Ebio- 
niten zu einer spätem Secte dankbar annimmt, diese Annahme zu einer 
sichern Angabe erhebt! Abschreiber können das Dasein, nicht die 
Wahrheit einer Kunde bestätigen.) 

Aber die Untreue besteht auch hierbei nur im Nie ht- M ehr- 
Sagen. Was Th. über seine Autoren sagt, ist richtig und so hebt sich 
sofort eine weitere Anomalie als blos scheinbar, dass er den Origenes 
einmal (bei den Carpocratianern) nicht erwähnt, wo doch den Irenäus. 
Dies geschah nur im Context, nur weil er diesen als besondern Zeugen 
der Ruchlosigkeit und so als Quelle seiner Angaben zu citiren nöthig 
fand. Am Schlüsse der Abtheilungen, da, wo er nicht seine Autoren, 
sondern blos Autoritäten für die Kirchenlehre nennt, da erscheint Ire- 
näus nirgends allein, immer mit Origenes. 

Ebenso ist es nur scheinbar eine Abweichung von seiner Regel, 
wenn er über die Ebioniten neben der Trias Justinus, Irenäus, Origenes 
noch den Eusebius aufführt. Er hat diesen zwar über die Ebioniten 
direct ausgeschrieben (den Irenäus selbst nur mittelbar durch iim) und 
ihn mit der eignen Kunde über eine sich Nazaräer nennende Partie 
dieser Judenehristen ergänzt ; aber ganz consequent nennt er ihn auch 
hier nicht als die Quelle seines Auszugs, sondern nur als den Autor 
für jene specielle — ihm wichtige — Angabe, dass diese Leugner 
der Gottheit Christi erst so spät (im Beginn der Häresci überhaupt), 
unter Trajan, aufgetreten seien ; die drei andern Namen sind dagegen 
für ihn die Autoritäten von der Ruchlosigkeit dieses Widerspruchs 
gegen seine katholische Doctrin. 

Innerhalb der Bücher gibt er also nur seine Quellen an, wo er 

oder Credner's Beiträgen oder Baur's Pastoralbriefen u. 8. f. einfachst abgeschrie- 
ben sind ohne Angabe der Quelle. 



— 324 — 

Einen speciell als Zeugen aufzuführen sich gedrungen sieht; ausserdem 
nennt er seine Quellen als solche nur noch im V orw ort zur ganzen 
Epitome. 

So grossartig es nun klingt, wenn man hört, „auch aus Justin M. 
und Rhodon", ja „auch aus den Andern" (was ganz so lautet als 
aus allen Andern) habe er seine Weisheit, so wenig Wahrheit dies 
enthielte, wenn man dabei an unmittelbare Benutzung denken 
wollte, so berückend ausser dem vielen Citiren überhaupt im Besondern 
auch dies Vorwort für harmlose Leser werden kann : so hat er doch 
in der That dabei nichts Unwahres gesagt. Mittelbar hat er alle 
zusammen, die er nennt, und selbst „die" Andern benutzt — durch 
sein Handbuch Eusebius, das sie alle schon excerpirt enthielt, oder 
durch Erinnerung aus früherer Leetüre, selbst den Irenäus und Clemens 
mehrfach nur so mittelbar. 

Es ist also nur der Schein besonderer, umfassender Quellenkunde, 
den Theodoret's Häresiologic erregt; aber eben damit erhebt sich nur 
ein neues Räthsel: der Mann, der c. 380 geboi-en, 452 u. Z. dies Buch 
geschrieben hat, war ein 7 2jähriger Greis. Wie kann er nun 
einen solchen Schein der Grossthuerei erregt haben , und wie kommt 
er überhaupt zu dieser, für einen Jüngern Mann nahezu frivolen Arbeit? 
Wie zu seiner curiosen, solches Zwingen und Entstellen herbeiführenden 
Abtheilnng? Wie zu den so unnöthigen Anführungen, die ja durch 
Eusebius längst bekannt waren ? Wie im Besondern zu den eigen- 
thümlichen Aufführungen des L'enäus, auch wo man es am wenigsten 
denken sollte, während er gerade gegen Marcos ihn nicht nennt? Wie 
dazu, den Märtyrer Justin zu einem Hauptkämpfer gegen Ebioniten zu 
machen, die dieser als solche noch nicht kennt, während er bei Valentin 
und Basilides von ihm schweigt ? Warum aber gar nennt er den 
Origenes so häufig, auch wo man es nicht erwarten sollte, und doch 
gegen einige nicht, wo man es erwarten durfte ? 

Alles dies löst sich, sobald wir noch ein anderes, das letzte der 
Räthsel hinzunehmen, die Theodoret durch das Citiren in seinem letzten 
Werke uus aufgiebt. Es zeigt sich dann, dass dies , auch dies Werk 
lediglich als eine Tendenz -Schrift aufgefasst sein will, und zwar 
diesmal welch schmerzlicher, tragischer Art ! — Die „Tendenz-Kritik" 
F, Ch. Baur's und seiner Schule wird noch so schief angesehn, wird 
ja jetzt selbst von Jüngern angeklagt. Und siehe, hier, auch hier führt 
sie erst zum Ziele, zur geschichtlichen Klarheit, zum menschlichen 
Verständniss sonst unverständlicher Dinge. 



— 325 



II, 



Theodoret hat seine Ketzerbestreitung im Jahre nach dem grossen 
Concll zu Chalcedon verfasst, im zweiten danach herausgegeben [453] ^). 
Epiphanias aber Avar mit seinem Panarium, dem grossen Rüstzeug 
gegen alle Härese schon über ein halbes Jahrhundert vorausgegangen 
(c. 390 u. Z.), und doch citirt ihn Theodoret nirgends. Ja 
wenn er Tertullian nicht nennt, so liegt dies einfach daran, dass er, 
geborner Syrer und unter einer syrisch sprechenden Bevölkerung, des 
Lateinischen so wenig mächtig war, wie er selbst gesteht ^) ; der latei- 
nische Vater ist dem griechischen Orient überhaupt Barbar geblieben. 
Dass aber Theodoret den doch auch griechisch schreibenden Vorgänger 
und Nachbar (den Bischof auf Cyprus) , der durch dies „schlagende* 
Werk sogar heilig geworden ist, selbst im Proömium nicht nennt, hat 
man mit Recht schon früher bewundert^). Garner sucht es einiger- 
massen durch Theodoret's Freundschaft für Chrysostomus zu erklären, 
dessen Gegner ausser andern Mönchen und Mönchshäuptem der ehr- 
würdige Epiphanius auch war *). Aber Chrysostomus war ja schon so 
lauge seinen Leiden entrückt, und dann hat man bisher noch nicht 
bemerkt, dass Theodoret des Epiphanius Buch (evident wenigstens 
über die Archontici, aber auch sonst, wie über die Colorbasii) gerade 
so gut benutzt hat als den Clemens Strom. , ja noch viel mehr und 
unmittelbarer als die übermeisten, die er nennt. Auch war Epiphanius 
nach Irenäus der bedeutendste, wenigstens eifrigste und umständlichste 
Streiter gegen alle Häresen ; war dieser Thatsache nicht Rechnung zu 
tragen ? Er hätte ihn mindestens im Proömium nicht übergehn dürfen. 

Die Absichtlichkeit dieses Schweigens gerade über den Haupt- 
Ketzerrichter liegt also evident vor, sie ist aber nur die Kehrseite 
davon, dass er umgekehrt den Origenes nicht genug 
nennen kann. Beide Räthsel lösen sich, sobald man sie zu- 
sammen fasst. Sein so Viel-Nennen des Einen und Gar-nicht-Nennen 
des Andern ist eins und dasselbe und führt uns zur Einsicht in 
die innerste Seele der ganzen Theodoretischeu Arbeit. 



') Dies steht durch Prooem. und Briefe so fest (vgl. Garnerii Dissert. I a. 
a. O. und 11, ed. Schulze V, 393), dass Döllinger (Hippolyt S. 274) nur aus 
Versehn „gegen 440" hat angeben können. 

*) Graec. affect. cur. Disp. V. ed. Seh. lY, p. 482. 

8) S. Schulze V. lY, p. 272 und Garneri Diss. H, 6, 2 ed. Seh. V, 396. 

*) Vgl. über die schamlose Verfolgung auch des edelsten Mannes durch die 
Verleumdungen der Frau Eudoxia und ihrer Eu-doxen Neander's Werk „Job. 
Chrysostomus und seine Zeit« (ed. H.) Bd. H, S. 121 ff. 



— 326 — 

Theodoret war einer der bedeutendsten Vertreter der antlochenl- 
schen Schule, ihr unmittelbarer Jünger und einer der Wenigen aus 
ihr, welche wenigstens bei ihren Lebzeiten nicht absolut der Ver- 
ketzerung anheimfielen. Diese Schule hatte von vorne an einen gewissen 
Rationalismus, um so zu sagen, gegen die mystische Ueberschweng- 
lichkeit Aegyptens und die lateinische Förmlichkeit Roms behauptet, 
Strenge in der Exegese gegen Allegoi-isiren, aber auch Gedankenstrenge 
im Dograatisiren gegen jegliche Mystik und blossen Formalismus. Auf 
der zweiten grossen Synode 381 u. Z. war endlich zu Konstantinopel 
nach langen Kämpfen und vergeblichen Vermittlungs -Versuchen das 
Nicänum sanctionirt und nur noch geschärft. Jeder Rückfall auf Aria- 
nismus, in diese Ai't Rationalismus, oder in's Judenthum der An- 
schauung nach, war damit verwehrt. Die wirkliche substantielle Gött- 
lichkeit Christi war so endlich in der langen Gährung ein fester Kern 
geworden, der Anfang der schliesslichen Krystallisation des Dogma's. 

Es konnte sich nur darum noch handeln, Avie dieser Gott-gleich- 
wesenliche {o/.ioovaiog) Christus, der nicht geschaffen war gleich jedem 
andern Geschöpf, sondern ein Gott, geboren aus Gott, — wie dieser 
Gottmensch in sich selbst , — wie seine Menschheit zu seiner Gött- 
lichkeit sich verhalte. Welche Differenzen waren dabei denkbar, und 
je mehr die dogmatische Zuspitzung in die Höhe ging, um so ernster 
und grimmiger konnten diese Differenzen sich einander gegenübertreten. 

Es kam für das clmstliche Bewusstsein darauf an , sowohl die 
Göttlichkeit als die echte Menschlichkeit, aber auch die persönliche 
Einheit Jesu Christi, des Gottmenschen festzuhalten, — wie ? das war 
die Frage. 

Die Aegyptier ( Cyrill von Alexandrien an der Spitze) betonten 
die Einheit des Gott -Menschen und waren dadurch nahe daran, die 
Menschheit, die Wirklichkeit zu verlieren; die Antiochener behaupteten 
den Gott-Menschen, sie wollten über die Gottheit nicht die wirk- 
liche Menschheit zu Grunde gehen lassen. Es war damit eine Zweiheit 
von Naturen indicirt, durch die es dahin kommen konnte , dass man 
den Ausdruck „Maria Jesu Mutter ist Gott e s-Mutter" unerträglich 
fand. So hatte es Nestorius kühn ausgesprochen, so dachte aber die 
ganze Antiochische Schule überhaupt, deren bedeutendster Lehrer Theo- 
dorus von Mopsvestia gewesen war. Die ägyptische Partei betonte 
dagegen die d-eoroxog, oder die Gottheit auch des Mensch -gebornen 
Christus, bot aber damit nur das Vage oder Mystische blosser, nicht 
denkend eingehender oder vermittelnder Anschauung, die natürlich mit 
der Einheit ebenso schnell fertig ist als überschnell. Sie war den 
unterscheidenden (und sofern rationalistischen) Antiochenern oder 



— 327 — 

Orientalen unerträglich. Rom dagegen sah der Sache, dem hitzigen 
Streife ruhig zu, und foiinalisirtc dann : keiner hat Recht, sondern die 
Wahrheit liegt in der Mitte d. h. diesmal zwischen Alexandrien und 
Antiochien — in Rom. 

Genug, Theodoret war sofort ebenso geistvoll als scharf (nur zu 
scharf, und das hat ihn endlich, wenigstens nach seinem Tode noch 
zum Ketzer gemacht) gegen die ägy])tische Mystik des Cyrillus auf- 
getreten für seinen Freund und halben Lehrer, Nestorius. Denn dieser 
hatte in seiner Stellung als Metropolit das ( auch wieder zu scharf) 
nur ausgesprochen, was die ganze antiochische oder orientalische Schule 
dachte: „keine Frau der Welt kann Mutter Gottes heissen!" 

Und dennoch ist sie es, sagte Rom und verdammte den Nestorius, 
so viel er auch sagen mochte, er habe das gar nicht so gemeint. Den 
Menschen Jesus Christus von dem Sohne Gottes Jesus Christus irgend- 
wie auseinanderhalten, wie die Rationalisten von Antiochien wollten, 
ging nicht an. Nestorius wurde von Rom aus und nicht ohne alles 
Recht verurtheilt [431 n. Chr.] *), aber auch nicht so begründet, dass 
nicht die Antiochische Schule noch Alles hätte in Bewegung setzen 
können, um dagegen zu remonstriren. 

Dies ist die besondere Aufgabe Theodoret's gewesen. Weg mit 
dieser jämmerlichen alexandrinischen (eigentlich gnostischen) Mystik 
von einer ( — natürlich göttlichen — ) Natur des Gottmenschen, 
freilich auch weg mit jeder Z^veiheit von Wesen (Personen) ! 

Es kam endlich zum Concil von Chalcedon, wo der Bischof von 
Rom zum ersten Male die erste Stellung in der kirchlichon Oikumene 
einnahm, präsidirte. Man verwarf hier die ägyptische Exti-avaganz 
(des Dioscurus imd Eutyches), wonach vor lauter Betonung der Gott- 
Menschlichkeit die Menschheit Christi „verschlungen", alterirt, aufge- 
hoben wurde. So weit siegte die orientalisch - antiochenische Seite, 
Theodoi'et im Besondern, so viel Anfechtung er vorher von Dioscurus 
hatte ertragen müssen. Aber man bestand auch beharrlich darauf, dass 
Theodoret den Nestorius gleichfalls absolut verfluchen sollte 2). 

Er wand sich zuerst und sagte: „ja, ich verwerfe ihn Avie jeden, 
der den einen Sohn Gottes in zwei Söhne auflösen will" (das hatte 
nämlich Nestorius nie gesagt). Man rief, hinaus mit ihm, dem Nesto- 
rianer, dem Ketzer^). Es hiess, den Nestorius einfach (simpliciter) 



') "Wie man gegen die herkömmlichen Entschuldigungen, auch Luthers fest- 
halten muss. 

*) Die aperte anathema Nestorio et iis [z. B. Theodoret selbst] qui ea, 
qu» eius sunt, sapiunt. (Garn. a. a. O. V, 198). 

') Iste Nestorianus est, hsereticum foras mittite. Ib. 



— 328 — 

anathematisiren. Theodoret that es, überwältigt, allerdings mit eini- 
gem Zusatz, aber genügend, um in Rom's und so der Synode Augen 
als ortbodox, wenn auch etwas als „reuiger Sünder" zu erscheinen. 
Er ward feierlich von der Synode wieder eingesetzt, aufgenommen als 
katholischer Vater. Er konnte froh sein, wenigstens beim Leben nicht 
excommunicirt, nicht abgesetzt worden zu sein. Aber wie war diese 
Orthodoxie erkauft? Er hatte zwar noch nicht seiner Schule, aber 
doch seinem Freund und so auch ihr, Avenigstens ihrer Dogmatik, auch 
der des Chrysostomus imd Theodorus geflucht. 

Es litt ihn nicht mehr am Orte der Qual. Er eilte nach diesem 
für ihn schrecklichen „anathematizo Nestorium" von Chalcedon hinweg, 
wie schon Garner bemerkt, „denn die Menschen fliehen den Ort, wo 
sie reuig geworden sind". Aber man traute der Reue dieses Haupt- 
Vertreters des von Rom und Aegypten geschlagenen Antiochismus 
nicht, und der Legat des Kaisers zum Concil (Sporacius) rieth ihm, 
ein Buch zu schreiben, mit dem er jeden Schein von Ketzerei von 
sich abwälzen könne. Er that es in unserer „Epitome aller häretischen 
Schlechtrednerei * . 

Keiner der alten Häresiologen hat ohne besondere Noth geschrie- 
ben, jeder war entweder durch die Gefährlichkeit einer bestimmten 
Irrlehre getrieben, sie mit aller zusammenzufassen , so Irenäus durch 
die Marcosier, Hippolytus in der kleinern Häresiologie durch die 
Uebermacht des (altern) Pantheismus in Rom*), oder er wollte sich 
selbst von dem Verdacht der Theilnahme an einer Irrlehre reinigen, 
wie Hippolytus in der grössern Häresiologie, seitdem der (pantheisti- 
sche) Monarchianismus in Callixtus ihn excommunicirt hatte 2). Aber 
wohl keine dieser Häresiologlen ist ein solches Angst- und Noth-Kind 
geworden. Sie alle sind naturgemäss gegen ihre Gegensätze grimmig 
und wüthend genug , aber in keiner steckt so viel verbissener 
Grimm, soviel Wuth und Weh, ohne es sagen zu dürfen, als 
in diesem Specimen orthodoxiae Chalcedonensis. 

Schon die Dogmen-Geschichtsforschung der altera Theologie, die 
Patristik, hat nicht umhin gekonnt, in dieser Häresiologie, die Theodoret 
nach seiner „Bekehrung" zu Chalcedon schrieb, trotz aller objectiven 
Haltung eine verkappte Tendenz zu suchen. „Durch Alles habe er versteck- 
ter Weise seinen Nestorianismus, seine Zweitheilung der Person Christi 
bemänteln, das Ganze seiner Darstellung doch durchsetzen wollen 3)." 



I 



1) Vgl. m. Hippolytus S. 148. 

2) Vgl. daselbst S. 151. 

ä) Vgl. Garneri Diss. I, 12, 3. Ed. Schulze V, 199 f. u. TL, 6, 2 S. 393 ff. 



— 329 — 

Es ist das eine Entstellung, aber doch auch nicht so ganz grundlos, 
als man es hat erklären wollen *). Seine — wie bemerkt — so ver- 
unglückte Dreitheilung der alten Häresen beruht wesentlich auf seiner 
Zweitheiiung „Gottes einiges Wesen und des Menschen Jesu Christi 
Göttlichkeit", wobei denn die andern altern Secten nur die Bedeutung 
von Secundärem erhielten, „diverse" wurden, auch Gewaltthat unaus- 
bleiblich war 2). 

In der Darstellung der nach-nicämschen Häresen konnte er nun 
seinem Grimme gegen das mönchisch -ägyptische Wesen genugthun, 
indem er den Haupt-Satelliten des Dioscurus, den (beinah monophysi- 
tisch gewordenen) Eutyches als ärgsten Ketzer brandmarkte ^). Aber 
das musste furchtbar theuer erkauft werden : er musste nun auch den 
Nestorius als argen Ketzer verurtheilen, den Freund schlecht machen, 
den brandmarken, für den er zwanzig Jahre hindurch gekämpft und 
gelitten hatte ; den Haupt-Gegner aber, den er für Nestorius so leiden- 
schaftlich bekämpft hatte, den Cyrillus, dieses Haupt der ägyptischen 
Schule, musste er unangefochten stehen lassen. 

Man hat es später bezweifelt, ob das Capitel gegen Nestorius von 
ihm selbst herstamme. Es sei in seine Epitome erst später von einem 
Freunde eingeschwärzt. Denn auf dem letzten ökumenischen Concil 
galt es, den wenn auch längst zum ewigen Frieden eingegangenen 
Hauptgegner des trefflichen Aegyptiers (Cyrillus) doch noch trotz aller 
„Reue" zu Chalcedon zu verdammen. Da habe denn ein Anhänger 
der orientalischen Partei wenigstens das Andenken dieses Vertreters 
noch durch ein Schwarzmachen des einmal unrettbar verdammten Ne- 
storius in seinem Namen zu retten versucht. Und wer möchte es nicht 
aus rein menschlichen Gründen wünschen, dass es so sei ? Dieses 
Brandmarken eines Freundes , dieses von Grund aus Schlechtmachen 
des Mannes, für den er nur zu leidenschaftlich gekämpft und so männ- 
lich gelitten hatte, blos um sich jetzt zu retten, ist gar zu schmählich. 
Aber es ist nicht anders : Theodoret hat das über sich gebracht^), 
wenn auch mit noch do viel Grimm und Weh, Er hatte mit seinem 



*) Schulze ed. Theod. Vol. lY, 282. 

*) Im Besondern zeigt sicli nun seine Darstellung von Cerinth als eine so 
willkürliche Zustutzung, damit er doch einigermassen in sein System passe. 

') Daher er die „Eutychisten" auch gleich von vornherein als den Endpunkt 
aller schändlichsten Ur- und Hauptketzer darstellte, indem er sie den Ka'inisten 
gleichsetzte. Tgl. m. Hippolytus S. 69 f. 

*) Garner. Cavl. Oudinus. Ed. Seh. IV, 368. 

») DuPin Bibl. Ant. Eccl. IV, 103. cf. ib. 



— 330 — 

greisen Kopf nicht blos einwilligen müssen in das Anathema gegen 
das Haupt seiner Partei, er hatte es auch zu bewähren. Das mönchische 
Aegypten hatte einmal durch Rom's Macht, wenn auch selbst bluten 
müssen, doch soweit die Uebermacht über sein Antiochien erhalten. 

Er war dazu gezwungen, in diesen hierarchisch-mönchischen Ban- 
den ; aber dennoch sagte und stampfte er : e pur si muove ! Ja der 
Dogmatik Antiochiens hafte er mit jenem entsetzlichen Anathema 
ein vale sagen müssen: die Theologie, die Schule Antiochiens 
sollte oben bleiben, trotzdem anerkannt und gepriesen werden. Nur 
durfte er dies „tamen vivat Antiochia !" nicht laut sagen, aber wenn 
auch verstohlen, imi so lebhafter nnd so weit nur möglich. 

Epiplianius, Bischof von Cypern , war wie geographisch so auch 
theologisch ein merkwürdiges Zwischenstück zwischen Aegypten (der 
Phantasterei) und Rom (der hierarchischen Form) gegenüber Antiochien 
(dem verständig denkenden und forschenden Glauben). 

Auch nachdem das Central-Dogma auf der zweiten grossen Synode 
381 abgeschlossen war, bestand in allem Andern hier noch eine ziem- 
lich freie Bewegung fort, namentlich in Gregor von Nazianz, Theodor 
von Mopsvestia, Chrysostomus. Zwar war die Antiochische Schule mit 
Origenes gar nicht darüber einverstanden, wie das A. T. auszulegen 
sei, auch fanden seine eigenthümlichen dogmatischen Ansichten nur 
vereinzelt Anklang, am wenigsten dauernden. Aber es war das geistes- 
freie, das denkende, dies rationalistische (z. B. auch antichiliasti- 
sche) Wesen des grossen Alexandriners, warum ihn Antiochien, trotz 
dem eben Alexandrien , das Mönchsthum Aegyptens ihn verdächtigt 
und verketzert hatte, auf den Schild hob, ihn um so mehr feierte, als 
er verketzert wurde. 

Um so eher glaubte Epiphanius , das bischöfliche Haupt dieses 
Möuchthums am Ende des vierten Jahrhunderts, der freiem Theologie 
das Haupt abzusclilagen , indem er die Verketzerung des Origenes 
durchzuführen suchte. Diesen Kampf hatte er In seinem Panarion gegen 
alle Häresen dadurch eröffnet, dass er in den index der Häresen 
(Hffir. 63. 64) den Origenes und die Origenianer förmlich und feier- 
lich, ja vornehmlich sie aufgenommen hatte. Es war dies sogar der 
Hauptgrund und Zweck seines ganzen mönchisch gelehrten und mön- 
chisch gemeinen oder beschränkten Ketzer- Werkes. 

Von da an (seit c. 394 u. Z.) suchte er diese theoretische That 
auch praktisch durchzuführen. Er erschien in einem Hauptsitze der 
Origenianer, Palästina, persönlich imd wusste genug einzuschüchtern. 
War es ihm aber auch gelungen, den Hieronymus (schmählich genug) 
zum Rückzug auf seinen Mönchs-Standpunkt zu bringen, so blieb doch 



I 



— 331 — 

im Orient noch so viel Anhänglichkeit an den grossen Denker, er war 
so sehr das Schiboletli der rationalen Schule von Antiochien geworden, 
dass erst im 6ten Jahrhundert, erst unter Justinian seine Verdammung 
durchgesetzt werden konnte, dann aber auch nur gleichzeitig mit 
Theodoret, dem letzten namhaften Älanne dieser Schule. 

Wir begreifen nun, nun er^t die sonderbaren Citate des Theodoret. 
Sie sind nur die Einleitung, die zahlreichen Origenes -Anpreisungen 
sind gleichsam nur die Entschuldigung, oder sollen sein die Paraly- 
sirung seines schauderhaftesten Arbeits-Stüekes, der Verdammung seines 
Nestorins. 

Musste er auch den rechten Arm seiner Schule und 
Partei aufgeben, aufs Schmerzlichste a m p u t i r e n : so sollte doch 
um so mehr das Haupt davon, ihr Schiboleth erhoben werden, Ori- 
genes. Und durfte er den Groll gegen Cyrill und seine Genossen nicht 
äussern, so sollte doch diese Partei so weit möglich getroflfen werden. 
Ihr früheres, und selbst heilig erkläi-tes Haupt, dieser erste Haupt- 
Gegner der freiem Theologie, der Verketzerer des Origenes, 
sollte als Ketzerriehter , factisch wenigstens durch die neue, voll- 
ständigere Ketzerbestreitung abgesetzt werden: er wurde des Na- 
mens gar nicht werth erklärt. Um so lauter pries er nun aber 
den Origenes als den Schützer der rechten Kirchenlehre gegen alle 
mögliche Ketzerei, ja gegen alle Haupt- Ketzerei von Anbeginn an. 

Das ist der Grund warum er den Epiphanius unter allen frühern 
Ketzer- Gegnern allein nicht nennt; dessen Feindschaft gegen 
Chrysüstomus ist also nur ein kleines , aber für sich kaum bewusstes 
Moment in dieser Stimmung und Tendenz überhaupt. Es ist derselbe 
Grund, warum er nun gerade den Origenes, obwohl dieser keine 
eigentliche Häresiolugie geschrieben hatte, nicjit genug nennen d. h. 
nicht genug preisen kann. Und jeder Gedanke an eine besondere 
Ketzerbestreitung, die dem Origenes nicht einmal angehörte, wird nun 
wohl ein völliges Ende haben. Die Origenes- Citate haben im Ganzen 
nur diese allgemeine Bedeutung. 

Die Tendenz dabei, in Origenes wenigstens seine Schule, so sehr 
er sie auch hatte verketzern müssen , zu feiern , hat ihn aber so be- 
herrscht, dass sie ihm selbst zu einer Art Terminologie für seine ersten 
Bücher ausgeschlagen ist, so weit nur Origenes' Leben reichte. Seine 
ganze Compo.<ition, selbst seine Disposition hängt damit eng zu- 
sammen. Er bezeichnet durch die besondere Art seiner 
Origenes-Citate die Abtheilungen seines Werkes, im Lib. I bis 
zu den Unterabtheilungen hin. 

Seine Sti'eiter gegen die ältere Irrlehre zerfallen nämlich in drei 



— 332 — 

Classen für ihn 1) in Steme erster Grösse; dies ist ihm allein „Justi- 
nus der Philosoph und Märtyrer", wie er ihn immer wieder imd in 
Variationen preist, Irenäiis „der Pfleger und Erleuchter Galliens, der 
apostolische Mann, der Nachfolger der Apostel", und — Origenes „der 
Hochgelehrte". "Weiter darf er im unmittelbaren Preis hier nicht gehen, 
braucht es aber auch nicht, da er ihn zwei apostolischen Männern zur 
Seite gesetzt, ihn damit gleichgestellt hat. 

2) Ketzergegner zweiten Rangs, Wohlbekannte sind für 
ihn nur solche, die er unmittelbar kennt, so Clemens Stromateus, 
^der durch reiche Kenntnisse so Viele übertrifft", dann der Adaman- 
tius gegen Marcion (cf. Procem. u. I, 24), Hippolytus „der Bischof 
und Märtyrer" (III, i, welches letztere Prädicat er nur I, 24 aus 
Abhängigkeit von Eusebius nicht hervorhebt) und Ephrtem der Syrer 
(7iavev(pijf.iog I, 22). Dessen Name hat überall einen guten Klang, 
will er sagen, wie nur leider Origenes nicht, so viel höher der steht. 

3) Solche, die ihm nur durch Eusebius bekannt sind, 
sonst Verschollene, Rhodon, Apollinaris, Theophilus von Antio- 
chien, Dionysius Alex., Cajus, Castor, Musanus, der anonyme Verfasser 
des kleinen Labyrinths u. A. , wenn ihm auch darunter einige beson- 
ders werth sind, wie Rhodon (cf Procem.) und Apollinaris (cf. III, 2). 
Diese führt er denn auch n u r duixh Eusebius veranlasst besonders auf. 

Wenn er nun die drei Sterne erster Grösse zusammen nennt, so 
hebt er damit die H aupt- Abtheilungen seiner Häresiologie hervor. 
Er thut dies zu Anfang des ersten Buches ( I, 2 ) gegen die Simo- 
nianer, die Urketzer der dualistischen Kategorie, wie zu Anfang 
des zweiten (II, 2) gegen die Hauptketzer der zweiten Kategorie, 
die die Göttlichkeit Christi verwarfen vor lauter Betonung des Einen 
Gottes. Gegen die Urketzer in Betreff der Sitte oder diverser Art, 
die Nicolaiten (III, 1) nennt er zwar den Justin nicht mit, aber blos 
desshalb nicht, weil er hierbei den Clemens Stromateus schon vorher 
speciell zu citiren ( „zum Zeugen aufzurufen" ) und desshalb mit dem 
„vorhergenannten Clemens" das Verzeichniss der Haupt - Kämpfer zu 
beginnen hatte. Er trat so an die Ehrenstelle des Justin ; ersetzt aber 
wurde das dadurch, dass nunmehr neben Irenäus noch ein anderer 
Stern zweiter Grösse, auch ein „Märtyrer", Hippolytus trat, dessen ab- 
weichende Ansicht über Nicolaus ihm erinnerlich war. Dies Zusammen- 
Nennen des Origenes aber mit den grössten , allgemein anerkannten, 
gefeiertsten , geradezu heiligen Ketzer-Gegnern gegen die Ur- 
ketzer jeder Kategorie, oder aller drei Bücher, hat nur die Bedeutung, 
den nur als „hochgelehrt" anerkannten, sonst so verleumdeten 
d. h. verketzerten Origenes als einen gleich apostolisch richtigen, 



bb'3 

gleich treuen Vertheidiger der kirchlichen Wahrheit, als einen glei- 
chen Stern sogar erster Grösse im Ijckänipfen der Häresie 
darzustellen. 

An alle Haupt- Ketzereien gehörten die drei grossen Sterne, er 
setzt sie auch nur an sie in dieser Reinheit ; alle drei gehörten daran, 
und nur an sie ^). 

So consequent ist der alte Manu im Preise seines Origenes ge- 
wesen, den nur Menschen wie ein Epiphanius und anderes Gezüchte 
gleich mönchischer x\rt verketzern könnten, wälirend er zu den grössten 
Sternen des Lichtes gegen alle Ketzerei gehöre, den grössten bei- 
zuzählen. 

Aber diese Anschauung und Tendenz reichte noch weiter. Das 
erste umfangreiche Buch von Dualisten verlangte Unter- Abtheilungen. 
AVie sie Theodoret gefasst haben will, sagt er lediglich durch 
eine zweite Ster n en -Gruppe, gleichsam am Rande, d. h. in den 
Anmerkungen zu jeder Gruppe. Die Haupt-Unterabtheilungen werden 
markirt durch „Irena us, Origenes und einige kleinere Sterne". 
Es sind, wie man auch noch nicht bemerkt hat, unter der Hauptab- 
theiluiig : Simon und Simonianer (I, 2) vier solcher Unterabtheilungen 
in den 25 Capiteln des ersten Buches zu unterscheiden A) nächste 
Simon-Verwandte, Saturninus, Basilides (Isidorus), c. 3. 4 nebst einem 
sittenlosen Anhang, Carpocratianern und Adamiten (c. 5. 6) , B) Va- 
lentin und Valentinianer c. 7 — 19 nebst einem Anhang von Valentin- 
Verwandten (c. 20 — 23), C) Marcioniten , die aber in ihrem ebenso 
schroffen als ganz sittlichen Dualismus von besonderer Eigenheit uud 
Gefährlichkeit besonders hervorzuheben waren (c. 24—25), D) Mani- 
chäer c. 26, die nun weder Irenäus noch Origenes erlebt hatte. 

Bei den nächsten Simon-Verwandten also c. 4, bei den Valen- 
tiniauern c. 19 und den Marcioniten c, 24 ist jene Bezeichnung zu 
erwarten und vorhanden. Richtig dort (c. 4) neben einem Stern 
zweiter Grösse, Clemens AI. , der auch den Isidorus angegeben hatte, 



') Nur zwei scheiubarc Ausnahmen giebt es dabei : er nennt die drei mit 
vielen andern gegen Marcion (I, 25) und sagt bei Cerinth (II, 3), ngegen diesen 
stritten ausser den (EL, 12) vorgenannten [Dreien] auch Caius und Dionysius" 
[laut Eusebius]. Bei Marcion aber ist er nur durch Eusebius zum Mitnennen des 
Justin geleitet worden, und bei Cerinth regt sieh nur sein Bewusstsein, dass der 
mit furecht so bei ihm in's zweite Glied gekommen sei, während er doch nach 
Irenäus gerade ein Urketzer sei. Er bezeichnet so nur selbst die Willkür, mit 
der er den Cerinth seiner von Chalcedon her ihm aufgedrungenen Theilung wegen 
umgestaltet hat. 

Wissenschaftliche Monatsschrift. 21 



— 334 — 

c. 19 gleichfalls neben diesem, der auch die Antitacten gegeben hatte, 
c. 25 al)er , gegen die Marcioniten , war jener noch höhere Ton an- 
zuschlagen. 

Weiter kommt aber diese Bezeichnung „Irenäus, Origenes und 
Andere" nicht mehr vor, weil im II. und III. Buch keine solche 
Unterabtheilungen zu machen waren. Desshalb also nun Ireuäus nirgends 
mehr sonst, Origenes aber, dieser eine Ilauptstern unter mehrern klei- 
nern nur noch in dem einen jener Anhänge (gegen die Enkratiten 
c. 21), wo ernstlicher zu bestreiten war, wesshalb er auch mehrere 
Autoritäten aufzuführen hatte. Origenes war zwar dabei auch sonder- 
lich ein Vertheidiger der kirchlichen Wahrheit gCAvesen, aber auch 
Irenäus. Doch konnte die Signatur für Haupt-Unterabtheilungen „Ire- 
näus, Origenes und Andere" nicht auf blosse Anhänge ausgedehnt 
Averdcn. Der andere Anhang aber (zu Basilides und Saturninus) , die 
Carpocratiancr und nächstes noch schamloseres Zubehör (c. 5. 6) war 
so toll, dass es da kein Wort der Bestreitung bedurfte, im Gegentheil 
nur ein Wort der Bezeugung, dass dergleichen je als christlich habe 
ausgegeben werden können. Dies hatte er hier allein zu thun, und er 
hat es so gethan wie gesehn: ernennt die im Context, die er dabei 
ausgeschrieben hat (c. 5. 6). 

Alle andern literarhistorischen Anmerkungen betreffen nur ver- 
einzelte Häresen, die gar nicht unter die Kategorie von Abtheilungen 
fallen. Da führt er nun entweder einzelne Gegner auf aus eigner 
Kunde (wie Ephriera gegen Bardesanes c. 22, die genannten gegen 
die Manichäer c. 25, Diodorus Cilix gegen Photinus II, 11), oder so 
weit sie ernsterer Bestreitung werth schienen, nach dem, was ihm sein 
Handbuch darüber bot (das kleine Labyrinth gegen die Artemoniten 
II, 5, Dionysius gegen Sabellius II , 9 und gegen Nepos III , 6, die 
Antimontanisten des Euseb. III, 2). 

Ganz unter diese Kategorie stellen sich nun die beiden Häresen, 
bei welchen Theodoret ausserdem nocli Autoritäten hinzugefügt hat : 
die ebionitische der Elcsaiten ( II , 7 ) und die halb-gnostische des 
Hermogenes mit seiner Behauptung einer ewigen Materie (I, 19). Sie 
sind nur vereinzelte Abarten , waren aber erheblich oder berückend 
genug, um gegen sie speciell eine oder die andere Autorität anzu- 
führen. Dort wird Origenes allein, hier Origeues und Theophilus von 
Antiochien genannt. 

Was können wir nun nach seinem ganzen Citir - Verhalten hier 
erwarten ? Er hat diese Männer hier zwar auch nicht genannt , u m 
seine Quelle damit anzugeben, aber er wird doch dabei wie in allen 
jenen parallelen Special- Fällen je eine wirkliche Schrift von 



— 335 — 

Origenes, bezieh. Theophiliis im Auge gehabt haben, in der diese, 
lläresen bestritten waren, sei es mm dircct (wie bei den Anti-Mona- 
cliäern) oder indirect, im Gedächtniss (wie bei Ephraim es scheint), 
oder durch Eusebius (wie gewöhTilich). 

Uingc-kehrt ist nun, freilich auch nun erst mit Bestimmtheit zu 
schliessen : so gewiss die Noetianer erheblich genug M'aren, um auch 
dagegen eine Autorität anzuführen, wenn er eine kannte, so gewiss 
hat er nun das Summarium, welches er darüber ausschrieb, nicht zu 
benennen gewusst, den Veifassor der I'hilosophumcna überhaupt nir- 
gends genannt. 

Dies zusammen führt zu dem Resultat : nach Maasgabe seines 
ganzen, so consequenten Citirens hat er den Origenes bei Hermogenes 
und bei den Elcsaiten nicht desshalb genannt, weil er dabei vor Allem 
seinen Leitfaden, das Summarium der Philosophumena, ausgeschrieben 
hat, sondern weil er eine besondere, wirkliche Schrift von Origenes 
im Auge hatte, sei es nun durch eigne Kunde oder durch Eusebius. 
jNIit andern Worten, es ist schon so, noch abgesehn vom materiellen 
Verhalten, allein zu erwarten , dass er die Notiz über Hermogenes, 
die er mit Lib. VIII der Philosophumena gemein hat, aus einer beson- 
deru Origenes-Quelle entlehnte. 

Das factische Verhalten über die Elcsa'iten bestätigt dies voll- 
kommen. Hier hat er erst das Summarium abgeschrieben und dann 
das, was Eusebius aus einer Homilie des Origenes darüber angab : 
desshalb nennt er hier noch besonders den grossen Meister. Ebenso 
evident hat er über Hermogenes zuerst das Summai'ium ausgeschrieben 
und dann eine eigne Schrift, wahrscheinlich eine andei'e uns verloi-ne 
Homilie des Origenes, aus der er die Zusätze erfuhr. „Dieser sagte 
[auch] , der Leib Christi sei in der Sonne niedergelegt, der Teufel aber 
werde auf die Materie zurückgeführt." Den Eusebius nachschlagend 
fand er dann den Theophilus gegen Hermogenes aufgeführt : aus der 
eignen Kunde fügte er nun hinzu: „auch Origenes". 

Was also schon aus innern Gründen der Darstellung und der 
Sache als das Wahrscheinliche, aus dem Gesammt-Verhalten Theodo- 
ret's zu den Philosophumcnu als das allein Mögliche sich ergab, dass 
er die eine Notiz über Hermogenes, bei der er neu einsetzte, irgend 
woher, nur nicht aus dem Lib. VIII der Pliilüsophumena, — dass er 
überhaupt dieses wie Lib. IX nie gekannt hat, das wird nun durch die 
Einsicht in die Natur aller seiner Citate so völlig bestätigt, dass ich 
es jeder noch beliebigen Besti-eitung der Hippolytus - Ansicht ruhig 
überlassen darf, auch hier noch von blosser Conjectur in den Tag 
hinein zu reden d. h. sich noch weiter bloszustellen. 



— 336 — 

Wenn irgend, so haben wir in den Worten Theodoret's (I, 19) 
„dieser sagte ct." mit aller Gewissheit ein neues Fragment von 
einer r i g i n a 1 - S cli r i f t des r i g e n e s erlialten. 

Es ist dies aber zugleich das- einzig Neue, was Theodoret 
trotz aller zahlreichen Anführungen des grossen Namens sicher nach- 
Aveisbar über Eusebius hin von ihm aufgenommen hat, und nur 
möglich bleibt es, dass die eigne Quelle, aus der er (I, 25) den 
Pithon (oder Peithon) neben Prepon als Marcioniten kennen gelernt 
hat, gleichfalls eine Origenes-Schrift war. Eine weitere Bestimmung 
dessen, was er über ältere Häreseu Neues darbiete, das nicht blos auf 
seinen Combinationen der uns auch noch vorliegenden frühern Quellen 
beruhe, liegt hier aus dem Gesichtskreis. Genug, dass mit Auflösung 
des letzten Sclieins von Anomalie in seinem Citiren sein ganzes Werk 
zu seinem Licht gekommen ist. 

Aber umgclichrt hat auch erst die nicht mit blossen Wahrschein- 
lichkeiten zufriedene, eine wirklich gcschiclitliche Forschung durch die 
Seltsamkeiten liin , welche gerade in dem letzten Werke Theodoret's 
so gehäuft, im Besondern aber durch sein Namen -Nennen und Nicht- 
Neunen sieh aufdrängen, zur Einsicht in die bestimmte Tendenz, in 
das Leben geführt, aus dem dies ganze Schmerzenskind hervorge- 
gangen ist. Man hat das auch gar nicht anders finden können, denn 
dircct oder laut konnte sich der von allen Seiten eingeengte Mann 
gar nicht mehr äussern, nur noch in dieser Form, indem er theils den 
Schein von Ketzerei abwehren wollte — im Gegentheil will er sagen, 
mit den ältesten und anerkanntesten Vertheidigern kirchlicher Wahrheit 
stehe ich, seht nur! zusammen gegen alle Dualisten wie gegen alle 
Leugner der Gottheit Christi vorab — theils seinem Schmerz und 
Grimme Luft, das Recht der freiem Theologie trotz der durch die 
fürchterliche Unterschrift gebundenen Hände geltend zu machen suchte. 
Li dem ganzen, darum auch so flüchtig hingeworfenen Bericht, im 
Besondern in der Art, wie Theodoret seine Streiter gegen die frühere 
Irrlehre aufführt, haben Avir wesentlich ein erstes, nur noch verstohlenes 
„et tamcn niovetur" trotz aller Bande, das merkwürdigste Denkmal 
seines Lebens, ein merkwürdiges Denkmal dieser Zeit überhaupt, in 
der eine einseitige Christologie das alleinbeherrschende, aber so 
mönchisch-hierarchische Verknechtung unabwendbar Avurde. 

Es ist in der Geschichte des Kampfes der freiem Theologie 
hiergegen, dessen Beginn unter Chrysostomus Neander so anziehend 
geschildert hat, gar Manches lehrreich, im Besondern aber der Zug, 
Avie die Antiochische Schule mit solcher Entschiedenheit und Festigkeit 
gerade diesen Mann zum Panier erhoben hat, — je mehr er verketzert 



— 337 — 

wurde, um so beharrlicher erhoben hat als ein Haupt ehristlich freien 
Denkens und Glaubens überhau^Jt, wäln-end dessen specielle Spcculation 
gar nicht mehr die ihrige war, dessen alexandrinische Methode (im 
Besondern das Allcgorisiren) der ihrigen sogar entgegenstand. Sie 
haben eingeschn, dass wo Ein Glied leidet, alle leiden, oder wenn die 
freie Bewegung, das Dringen auf ein geistiges Verständniss des Chri. 
stenthums an einem Puncte unterdrückt nnd mit Erfolg verketzert wird, 
die Unterdrückung und Verdächtigung bald und nur zu bald viel 
weiter droht und um sich greift. Daher Theodoret's beharrliches „Und 
doch Origenes!" 

Aber man kann aus jener Zeit noch Specielleres lernen. Damit, 
dass die Antiochische Schule unterdrückt, erdrückt wurde, ist die 
orientalische Kirche immer tiefer verwest und was endlich geworden? 
Die Magd eines Knechtes! . . . Und was geschieht jetzt mit Antiocheu 
d. h. der Schule philologischer wie philosophischer Strenge und des 
Schrecklichsten — historischen Ernstes? Von den Illiberalen wird sie 
verketzert oder verwünscht, rmd von den Liberalen? 



DIE HANDWERKER-FRAGE IN UNSERER ZEIT. 

GRUNDLINIEN ZUR BEURTHEILUNG UxNI) BEHANDLUNG DERSELBEN 



Dr. KARL KNIES , 
ord. Professor der Staatswirtliscliaft zu Freiburg i. B. 



I. Artikel. 

Auch auf dem Gebiete der wirthschaftlichen Lebcnserscheinungen 
werfen sich von Zeit zu Zeit „brennende" Fragen des Tages, und 
— man könnte sagen — europäische Fragen empor. Unbeachtet 
in ihrem mäligen und stetigen Heranreifen fesseln sie plötzlich auf einer 
um einen Schritt weiter vorgerückten Entwicklungsstufe die Aufmerk- 
samkeit Aller. Man muss denn gegenüber auch einer solchen Frage zu 
einer bestimmten Antwort vordringen, muss für die Aufgabe, welche 
sich die Theilnahme stellte, eine Lösung anstreben, vorab für das Ur- 
theil durch die Analyse der massgebenden Bedingungen. 

Auch rücksichtlich der „Handwerkerfi'age" finden wir leicht, dass 
die Elemente, welche sie combiniren, weder ein ausschliessliches noch 
ein sprungweise vorgebrochenes Erzeugniss der letzten paar Jahre sind. 



— 338 — 

Aber auf jene Tagesordnung der brennenden Fragen ist sie mit einem 
Male in dem Jahre 184:8 gestellt worden. Die Bewegungen jener Zeit 
waren auch hier den Triebkräften zu vergleichen , welche die uni- 
schliessende Decke über der seit lauge herangeschwellten Knospe spren- 
gen und wie mit einem Stosse durch die gleichgiltig betrachtete grüne 
Hülle brennende Farben an das Tageslicht drängen. 

Es war eine unerquickliche Blüthe, welche sich hervorhob. Zu- 
stände der Noth, Aussichten der Verarmung — mit diesen 
Worten schien das Loos der kleinen Gewerbsleute in Gegenwart und 
Zukunft am besten bezeichnet. Das Bewusstsein des Nothzustandes, 
die Besorgniss einer unabwendbaren Verarmung arbeitete längst in 
vielen Kreisen der Handwerker. Beides wurde nur gefestigt durch die 
Theilnahme, welche der kleine Gewerbsmann damals bei den Einzelnen 
in den höheren Ständen, bei Gemeinde- und Staatsbehörden fand. 
Wohlmeinende und heuchlerische Freunde regten ihn zu energischer 
Kundgebung seiner Bedürfnisse und Forderungen an , die denn als 
leidenschaftlichen Stimmungen entsprungen sich weit mehr das Wünsch- 
bare als das Mögliche vorhielt und sicherer auf den Vortheil des 
Handwerksmannes als auf den Gemeinnützen Aller gerichtet war. 

Diese Erhitzung In den Gemüthern ist verrauscht, aber der Eifer, 
den Druck in den Zuständen des kleinen Gewerbsmannes zu unter- 
suchen und wenn möglich eine Besserung seiner Lage und Aussichten 
herbeizuführen, ist nicht erkaltet. Er wirkt ununterbrochen in vielen 
Männern ausserhalb des Handwerkerstandes, sei es dass sie durch eine 
Gemüthslage bestimmt werden, sei es dass sie erkennen, wie immer 
das Gemeinwesen leidet, wenn ein Theil in demselben kränkelt. Aber 
auch die Staatsgewalten können und wollen sich nicht einer von ihnen 
beanspruchten Mitwirkung entziehen. 

Die Handwerkerfrage muss man entschieden sondern von jener 
Frage des „Schutzes der nationalen Arbelt" gegen die Concurrenz des 
Auslandes. Bei dieser sind alle Prcductiouskrelse unmittelbar interessirt 
und die sog. grosse Industrie strebt regelmässig — die Schweiz macht 
beispielsweise eine Ausnahme — mehr nach den Gaben jenes Schutzes 
wie das Kleingewerbe. 

Wer immer in unserer Angelegenheit Anderen gedrängte Mit- 
theilungen machen will, wird es gegenwärtig für überflüssig halten 
dürfen, dass man zuvörderst noch überhaupt erst die Thatsache einer 
unter dem Handwerkerstande verbreiteten Noth erweise. Diese That- 
sache wird auch gar nicht durch den Nachweis erschüttert, dass in 
unserer Zeit eine entschiedene Verbesserung der Lage der unteren 
Stände überhaupt gegen früher eingetreten ist. Es handelt sich ja hier 



— 339 — 

nur um die besonderen und verhältnissmässigen Zustände 
einer einzelnen Classe, deren verschlimmerte Lage durch ihren allge- 
meinen Nothschrei wie durch ihre Hast im Zugreifen nach dargebote- 
nen Rettungsmitteln gleichmässig bezeugt wird. Obendrein muss man 
sie als ein mathematisch sicheres Ergebniss von Kräften erwarten, welche 
als Grundbedingungen der Erzeugung und des Absatzes wirthschaft- 
licher Güter in der neueren Zeit vor unseren Augen in Wirksamkeit 
sind. Es ist übrigens nicht nur nicht nothwendig, sondern — in Folge 
eben jener ursachlichen Kräfte unserer Erscheinung — nicht einmal 
möglich, dass jede Art von Handelsgeschäft in gleich starker Weise 
oder auch nur überhaupt geradezu bedenklich heimgesucht sei. Aber 
so viel wird man immer finden , dass wenn einmal eines überhaupt 
in dieser Kategoiüe steht, es auch regelmässig für alle Meister und 
überall in derselben steht. Und dann bricht die Bedrängniss eben bald 
mit einem Ruck über ganze Reihen von Haudwei-ksgeschäften, bald 
über einzelne nach und nach herein. Ein Handwerk wie z. B. die 
Bäckerei wusste bis in den Anfang unseres Jahrzehnts wenig Beson- 
deres zu erzählen. Im Gegentheil schienen an so vielen Orten neben 
den bekümmerten Gesichtern anderer Gewerbsraeister die glänzenden 
Mienen des Bäckers zu bekunden, dass es noch Handwerke mit ^gol- 
denem Boden" gebe. Aber schon die Consumvereiue der Jahi-e 1853 
und 1854 konnten einige bedenkliche Schatten werfen und die Brod- 
fabriken seit 1855 und 1856 werden ein tieferes Dunkel hinzufügen. 

In der That ungemein wichtig und lehiTeich ist die Thatsache, 
dass die bedrängte und bedrohte Lage des Handwerker- 
standes durchaus allgemein und überall auftritt in den 
civilisirteren Ländern unseres Er dt heiles. Sie muss ohne 
Zweifel für die germanischen und die germanisirten romanischen Völ- 
ker als eine euroj^äische Frage erscheinen. Local liegt sie und etwa 
weiter entwickelt, schärfer ausgeprägt vor, immer aber genau in dem 
Grade mehr als der unaufhaltsame Drang in der Bewegung der mo- 
dernen Güterproduction zum Durchbruch gelangt ist. Es giebt kaum 
ein Land in Oesterreich, keines in Deutschland, kein Departement in 
Frankreich, keine Provinz in Belgien, wie keinen Kanton in der Schweiz, 
dem diese Angelegenheit eine fremde, auswärtige geblieben wäre und 
in diese Lage rücken immer mehr Territorien ein. Weit entfernt, dass 
uns diese Verbreitiuig verwirrt und bestürzt machen dürfte, ist sie 
vielmehr ein sicherer Wegweiser, der von der Bahn der Thorheit und 
des Wahnes im Urtheilen wie im Begehren hinwegleitet. 

Diese allgemeine Verbreitung kann uns zunächst Aufschluss geben, 
was davon zu halten ist, wenn wir auf die Sorgen und Klagen, welche 



— 340 — 

in so vielen Arbeitsstellen den Genuss des täglichen Brodes begleiten, 
von „fixen" Leuten die Antwort hören : „diese Handwerker sind an 
ihrer beklagten Lage selbst schuld und allein schuld. Trägheit, Schlen- 
drian, Beschränktheit, Mangel an Ordnungsliebe, wohl gar noch Ge- 
nusssucht führen sie ihrem Untergang zu, sie mögen nur fleissiger sein 
und besser hausen, dann wird es auch wieder besser mit ihnen stehen" 
u. s. w. Das sind Schläge in's Wasser ! Wenn wirklich jener Druck 
und jene Aussicht auf eine trübe Zukunft ganz allgemein über den 
Geschäftsbetrieb des Handwerkerstandes gekommen ist, so kann unter 
verständigen und unparteiischen Menschen keine Rede mehr davon 
sein, dass nur in den Untugenden von Handwerkern das Uebel liege. 
Man mag immerhin auf einzelne oder viele Ideine Städte oder auf 
einzelne Arbeitsstellen hinweisen, um Belege hervorzustellen. Doch ist 
es ein dreister Wahn von Leuten , die von dem Handwerkerstand so 
viel wissen als sie sich über ihn einbilden, dass es nicht auch gerade 
in unserer Zeit und wohl in jedem Orte eine Menge von Handwerks- 
stätten giebt, in denen angestrengter Fleiss, Sparsamkeit, Ordnung, 
Rührigkeit und der beste Wille und Muth herrscht : wenn es irgend^ 
wie erreichbar sei, nichts zu verabsäumen, wodurch das Geschäft und 
die Zukunft von Weib und Kind auf ein solides Grundgestell gebracht 
werde. Aber auch auf Meistern dieser Art lastet der Druck, Avir hören 
nicht niu- auch von ihnen ähnliche Klagen, sondern sie sind auch hin- 
länglich befähigt uns vorzurechnen, dass sie auch mit dem Gesammt- 
aufgebot ihrer Kräfte nur langsamer verkommen wie Andere, die es 
trotz der Nothzeichen bei dem gewöhnlichen Mass haben bewenden 
lassen. 

Es ist jene Thatsache der allgemeinen Verbreitung dieses Druckes 
aber auch wohl geeignet, die Handwerker selbst und manche heiss- 
blütlge Freunde derselben zu fruchtbaren Schlussfolgerungen hinzulei- 
ten. Wenn wir es abweisen müssen, eine überall sichtbare Bedrängniss 
auf die doch immer nur stellenweise verbreiteten Untugenden der 
Handvverker allein zurückzuführen , so darf man es auch diesen nim- 
mermehr zugestehen, wenn sie Ihrerseits glauben, die Ursachen Ihrer 
Leiden gerade auf Ihren Wohnort, ihre Kunden, Ihr Land, ihre Obrig- 
keit w, s. w. werfen zu dürfen, und dass es den Landesregierungen 
ein Leichtes sei zu helfen, „wenn man nur wolle". Es wird Immerhin 
an den meisten Orten auch schon einmal Veranlassung zu besonderen 
Klagen geben und solche MIsstände rein localer Natur können dann 
durch Specialmassregeln ihre Erledigung finden. Aber die Hauptsache 
liegt gegenwärtig nicht in ihnen, kann nicht In ihnen liegen, well die- 
selben Klagen auch da erhoben und begründet werden , wo man von 



— 341 — 

solchen localen ÄHsständen nichts weiss. Und am „guten Willen" 
zu helfen fehlt es in der That am wenigsten ; wo vielmehr die Schwie- 
rigkeit liegt, kann man für verständige Menschen mit vollkommener 
Sicherheit erweisen. Das geschichtliche, praktische Leben lässt uns 
keinen Augenblick darüber in- Zweifel, dass die \'erhältnisse des Ge- 
werbebetriebes immer mit den Verhältnissen der übrigen Erwerbszweige 
in einer ganz innigen Verbindung stehen, und ebenso innig ist stets 
der Gesammtkreis der wirthschaftlichen Thätigkeiten in das Gesammt- 
leben eines Volkes verschlungen, an welche Aeusserungen desselben 
wir auch denken mögen. Sind dcsshalb die Nothstände des Hand- 
werkerstandes Ergebniss einer ganz allgemein verbreiteten Ur- 
sache, so lässt sich mit Sichei-heit erwarten, dass diese Ursache nicht 
nur in das allgemeine Getriebe des gesammten Güterlebens ver- 
flochten ist, sondern dass sie auch überhaupt ein Element in der 
allgemeinen Entwicklung unserer Zeit sein wird. Ein 
Kampf gegen sie wird also dann einen Kampf gegen die allgemeine 
Lebens- und Denkweise der Gegenwart einschliessen. 

Stellen wir ims nun vor, der Handwerkerstand sei aufgefordert, 
alle seine anklagenden Gedanken und Vorwürfe, alle eigenen Erfahrun- 
gen über den obwaltenden Druck klar auszusprechen, so wird Niemand 
es bezweifeln, dass er mit dem AVorte: Coucurrenz antworten wird! 
Ja die Concurrenz in ihren immer sich mehrenden, immer neuen For- 
men. Die Concurrenz der Dorfhandwerker, die Concurrenz anderer Landes- 
städte, die Concurrenz des Auslandes ; die Concurrenz der unbefugten 
Handwerksgenossen, die Concurrenz der befugten Meister, die in andere 
Gewerbe hinübergreifen, die Concurrenz zu vieler oder zu billiger 
Innungsgenossen, die Concurrenz der Handelsleute, welche Handwerks- 
artikel verkaufen, die Concurrenz der Maschinenarbeit und des Gross- 
betriebes- überhaupt. So kommen denn auch regelmässig die Vorschläge 
der Handwerker zur Beseitigung der sie bedrängenden Misstände auf 
Beschränkungen der Concurrenz hinaus. Und wie man von der frülieren 
Zimftverfassung der Gewerbe hauptsächlich nur diese Seite im Ge- 
dächtniss bewahrt, so sind es auch Concurrenz - Beschränkungen , an 
welche der Handwerker selbst fast ausschliesslich denkt, wenn die 
Rede von einer Gewerbeordnung ist, welche noch kommen soll. 

Es ist principiell entscheidend, dass man sich vollständig klar 
maclit, wie von dieser Concurrenz im Allgemeinen ganz genau das 
gilt, was vorlier als Merkmal einer ganz allgemein verbreiteten Ursache 
der Bedrängniss des Handwerkbetriebes bemerkt M-orden ist. Einmal 
ist sie nämlich eine Erscheinung, welche dem Handwerkerstand wirklich 
in allen civilisirtercn Ländern Europa's sich gegenüberstellt. Freilich 



— 312 — 

nicht so, dass sie überall ganz in demselben Grad und Umfang sich 
geltend machen kann, aber doch regelmässig schon so weit, dass durch 
sie die Schutzmauern des früheren Gewerbebetriebes gründlich erschüt- 
tert sind und jedenfalls gehen die Klagen der Masse unter den Hand- 
werksmeistern ihrem Vorschreiten parallel. Sodann liegt die hochbe- 
deutsarae Wahrheit unbestreitbar vor, dass diese Concurrenz, der neue 
Mitbewerb von Personen, welche nach früher giltigen Monopol- und 
Privilegien - Bestimmungen zu Gunsten einer kleineren Zahl von be- 
stimmten Erwerbsthätigkeiten ausgeschlossen waren, nicht von ferne 
und für die kleinen Gewerbsleute eingetreten ist, dass sie 
vielmehr als ein allgemeines Princip für alle wirth- 
schaftlichen Thätigkeiten zur Anwendung gebracht wird. Ja 
man muss den Handwerksmann schon selbst daran erinnern, dass viel- 
leicht gerade er, der einzelne Klagende, nur in Folge der Beseitigung 
alter Concurrenz-Beschränkungen in das Handwerk hat eintreten kön- 
nen; dass ganze Reihen von Gewerken allein desshalb den selbst- 
ständigen Handwerkern zugefallen sind, weil die Staatsgewalt die 
Concurrenz der Privaten an die Stelle der eigenen Regalien setzen 
wollte ; dass auf demselben Grundsatz die freie Bewegung und Ent- 
schliessung beruht, deren sich jetzt der Handwerker in seiner Geschäfs- 
führung erfreut, während ihn früher überall Vorschriften der Regierungen 
mit hohen Strafandrohungen umgaben u. s. av. Dazu halte man nun, 
dass gerade so wie im Handwerksbetrieb auch im Handel und 
Ackerbau und weiterhin nicht im Geringsten minder auf dem Ge- 
biete der persönlichen Dienste früher die Privilegien 
und Beschränkungen herrschten und in der neuern Zeit die 
Grundsätze der freien Concurrenz zur Geltung gekommen 
sind ! Als die Concurrenz-Beschränkungen für die Handwerkergeschäfte 
noch überall an der Tagesordnung waren, bestanden nicht nur auch 
Gebote und Verbote in Beziehung auf den Anbau des Bodens, sondern 
man gewährte auch — wenigstens da , wo nicht geradezu die Land- 
bevölkerung von der städtischen oder zu Gunsten derselben beherrscht 
wurde — Korueinfuhrverbote zu Gunsten des Landvolkes. Nun schreien 
wir Städter schon genug in Theurungszeiten selbst über niedrige Fi- 
nanzzöile, die auf die Korn- und Mehleinfuhr gelegt sind, wie würden 
wir uns geberden, wenn es sich um beträchtliche Schutzzölle handelte 
oder am Ende gar keine Fnicht über die Grenze herüber kommen 
dürfte, damit die Grundbesitzer des Inlandes nicht geschädigt würden. 
Ebenso gab es eine Menge von Beschränkungen in dem Handelsbe- 
trieb, es gab privilegirte Handelshäuser, privilegirte Handelsgesellschaf- 
ten u. s. w. und die Tausende von Handwerkern, welche heutzutage 



— 343 — 

trotz ihrer Vorwürfe gegen den Ilandelsstand selbst Handclslente sind 
und die von Anderen verft-rtigten Artikel ihres Geschcäfte.s mit so 
gutem Erfolg verkaufen, weil sie die beste technische Kenntniss des- 
selben haben, sie würden ohne diese freie Concurrenz übel wegkommen. 
Ueberall hat man der Concurrenz Raum verschafft, es ist nicht von 
ferne so gekommen, dass man nur den Gewerbebetrieb mit ihr hätte 
„heimsuchen" wollen. Und gilt denn nicht dieselbe Regel für die 
Inhaber anderer von dem Handwerker so oft beneideter Stellungen ? 
Die Concurrenz ist auch an den Adel, an die Patrizier herangekommen, 
deren Söhne nicht mehr in dem Besitz von Civil- und Militärstellen 
gegen den Mitbewerb der Bürgerlichen geschützt sind, an die Nach- 
kommen der Pfründenbesitzer, an die Söhne der „Studirten" und Be- 
amten, an deren Bestrebungen um Staatsstellen der Handwerker- und 
Bauernsohn theilnimmt, sie ist an uns Alle herangetreten, eben weil 
sie ein Grundton in den Lebensverhältnissen der Gegenwart geworden 
ist. Denn wie in den Erscheinungen und Folgen so tritt auch in den 
Triebkräften und Ursachen jener innige Zusammenhang zwischen den 
wirthschaftlichen und allen übrigen Lebensweisen hervor. Es ist helle 
Thorheit zu glauben, dass die den Klagen und Leiden der meisten 
Handwerksmeister zu Grund liegende Concurrenz nur die Folge eines 
wirthschaftlichen Raisonnements sei, Avelches in diesem oder jenem 
einzelnen Gesetz über den Gewerbebetrieb seinen Ausdruck gefimden 
habe. Es erscheint uns heutzutage als ein reinmenschlicher imd men- 
schenwürdiger Gedanke, dass Derjenige, welcher bestimmte Arbei- 
ten verrichten will, sie verrichten kann und bei denen, welche sie gelei- 
stet wünschen und bezahlen müssen, willkommen ist, von dieser seiner 
Ernährungsquelle nicht abgedrängt werde. Wir denken gewiss unmittel- 
bar zunächst nur an die Grundsätze der Rechtsgleichheit, an poli- 
tische Rechte, wenn man uns erzählt, dass der Bewohner des platten 
Landes, welcher ebenso wie der Städter Steuern entrichten, Militär- 
dienste leisten muss u. s. w. , Handwerksproducte verfertigen dürfe, 
wie umgekehrt dem Stadtbewohner der Ackerbaubetrieb nicht versagt 
ist. Und wer darf sich berechtigt halten es in Abrede zu stellen, dass 
in der steigenden Beseitigung internationaler Verkehrsschranken auch 
eine Verwirklichung des tiefchristlichen Gedankens der Völkerliebe 
und Länderverbrüderung wahrgenommen werde "? Soll gerade der warm- 
religiöse Mensch es als eine Lebensfrage der Menschheit ansehen, dass 
das geistige Brod der Bibel an keiner Landesgrenze eine unübersteig- 
liche Barriere finde und als ganz gleichgiltig, wenn man den Hunger 
eines „Aiislandes" nach dem leiblichen Brode der Kornfrucht als ein 
irrelevantes Phänomen behandelt? 



— 314 — 

Mit Alledem soll natürlich dem streng wirthschaftlichen Raison- 
nement bei Staatsb liörden wie bei den Consnmenten über die Mehr- 
leistung der Production unter der den Handwerker drückenden Con- 
currenz gar kein Abbruch geschehen. Aber so wichtig auch die 
Thatsache ist, dass weit mehr Güter erzeugt werden und dass insbe- 
sondere der Consument inmitten der beklagten Concurrenz die von 
ihm begehrten Waaren theils billiger, theils besser, theils billiger und 
besser zugleich erhält — wir brauchen doch bei ihr nicht weiter zu 
verweilen , weil sie der Hauptsache nach eben unbestritten ist und 
überhaupt als Voraussetzung der ganzen Beschwerdeführung dasteht. 
Auch dem Handwerker selbst fällt es ja durchaus nicht ein, seine 
Freude über die freie Concurrenz in der Production der Güter zu 
verbergen, soweit er Consumtionsinteressen hat; ja er lässt sich auch 
als Producent durch sie noch recht gern fördern, sie soll nur an der 
Stelle aufhören, wo er schliesslich die Arbeitshand anlegt und als 
Verkäufer auftritt. 

Es ist eine unselige Folgerung aus einem richtigen Vordersatze, 
dass die — förderliche — Berücksichtigung der concreten Bedingun- 
gen des Einzelnfalles das Absehen von allgemeinen Principien, den 
Verzicht auf allgemein principielle Stellungen in sich schliesse. In 
Gegensätzen von so principieller Natur, wie siein dem mittelalterlichen 
und dem gegenwärtig ausgebildeten oder sich vordrängenden Gewei-be- 
betrieb gegeben sind, muss gerade der gewissenhafte und vielentschei- 
deude Staatsmann am entschiedensten zuerst über die Alternative: ob 
rückwärts, ob vorwärts — eine klare zuversichtliche Anschauung ge- 
winnen. Erst hernach kommt die Frage: wie am besten rückwärts 
oder vorwärts, also wie mit billiger Schommg der thatsächlich ge- 
gebenen Zustände zu verfahren sei, wo der Anfang liege, wie die 
Weiterentwicklung zu denken, was gar nicht mehr, was zeitweilig noch 
zu dulden sei u. s. w. Jene Forderung wiederholt sich auch für jede 
grundsätzlich bedeutsame Einzelnmaassregel. Man muss zunächst ihren 
allgemeinen Charakter, die Bedeutung derselben im Lichte einer all- 
gemeinen Verbreitung, unter der Annahme einer energischen und folge- 
richtigen Durchführung vor sich stellen und durch die Zusammen- 
fassung ihrer Wirkungen dem Unheil begegnen, dass man mit freiem 
Entschluss einen Theil in die Hand nimmt imd von dem Ganzen ge- 
schlagen wird, den Anfang wählt und über den Fortgang erschrickt 
und jammert. Unter den Handwerkern selbst ist vielfältig mit grosser 
Bitterkeit die Meinung verbreitet, die Staatsobrigkeit könne, „wenn sie 
nur dem Handwerk freundlich gesinnt sei", so leicht »wie man die 
Hand herumdreht", eine ganze Reihe von förderlichen Beschränkungen 



— 345 — 

der Conciirrenz eiiifüliren, „weil sie ja doch früher auch einmal be- 
standen hätten". Aber nur das allgemeine Wort ^Conciirrenz" hält 
sie ziisauimen, und während sie nicht beachten, wie sehr der Hand- 
werksbetrieb selbst schon auf einem neuen Boden festgewurzelt ist, 
denken sie bei der beklagten Concurrenz an ganz verschiedene, häufig 
sich geradezu widersprechende Wünsche. liegt man die Vorstände ver- 
schiedenartiger Geschäftsbetriebe an, ihre Forderungen speciell auszu- 
prägen, so wünscht wohl der Eine eine ganze Reihe von Maschinen- 
arbeiten hinweg, aber bei Leibe nicht die eine oder die zwei, dje 
gerade er „unentbehrlich" nöthig hat, auf die sein Geschäftsbetrieb ge- 
stellt ist. Gerade diese letztern sind aber einem Anderen im Wege, 
während er aus jener Reihe andere beizubehalten wünscht. Während 
ein Dritter für eine Waare, an der er schon gearbeitet hat, alle mög- 
liclicn Ausfuhrbegünstigungen verlangt, will der Vierte, für welchen 
eben diese Waare Rohmaterial ist, die Ausfuhr derselben behindert 
sehen, damit sie billiger von ihm gekauft werden könne und nicht von 
den Handwerkern über der Grenze verarbeitet werde u. s. w. — wie 
es der Schreiber dieser Zeilen luehr als einmal an einem mit Hand- 
werksmeistem besetzten Tische selbst erlebt hat. Freilich wird man 
über solche Erfahrungsbeweise hinaus, sobald es sich eben auch um 
eine principielle Entscheidung über die Beurtheibmg der Maschinen- 
arbeit, des freiereu internationalen Verkehrs u. dgl. handelt, immer 
noch aus dem engbegrenzten Horizonte der localen , partiellen, tem- 
porären Beurtheilung auch hinaufsteigen zu der freieren Höhe, welche 
das Ganze, den weiten Raum imd die Bewegung durch Jahrhunderte 
überschauen lässt. An einer Entdeckung wie der Buchdruckerkunst 
sind die Interessen des Menschengeschlechtes und aller Zukunft be- 
theiligt, sie werden deshalb erobert werden, auch wenn wir in herz- 
licher Pflege in dem Orte \ oder B der armen Abschreiber gedenken 
wollen, die zunächst brodlos geworden sind. Die Entdeckung, das 
„sinnlose AValteu der rohen Kräfte" der Elemente dem Menselien in 
der Maschinenarbeit dienstbar zu machen und zu organisiren, bewegt 
alle Geister als ein Triumph des ^Menschengeschlechtes , als ein Eck- 
stein für die Betriebspläne aller Zukunft. Wo zehn über die Errungen- 
schaft klagen, sinnen Tausende emsigst auf neue Eroberungen ! Welche 
Hoffnungen werden durch das ganze Land hin rege, wenn die uns 
umgebende auswärtige Welt uns eine neue Brücke baut, auf welcher 
wir ihr unsere Produkte frei zuführen können. Aber wir haben auch 
schon gelernt, dass : zweimal zwei ist vier — nicht gewisser ist als 
die AVahrheit, dass wir dann auch den Auswärtigen zu uns her eine 
neue Brücke schlagen müssen! Das bekräftigt dann aber natürlich 



— 34G — 

ebenso sicher den umgekehrten Satz, dass Avir eine bestehende Brücke, 
die zu uns hinführt, nicht abbrechen können, ohne dass an einer an- 
deren Stelle auch eine solche verödet, auf welcher wir hinauszugehen 
gewuhnt waren. Dass man vielleicht nur das Eine will und voraus- 
sieht, hinderte das Andere am Entstehen nicht. Ja wir können die 
gleichzeitige Verödung dieser zweiten uns anerkannt werthvolleu Ver- 
kehrsbrücke alsbald wahrnehmen, aber weil sie vielleicht an einer von 
der ersten weitentfernten Stelle liegt, schweben uns ganz andere Ur- 
sachen vor als die thatsächliche von uns selbst erwii-kte. Aber freilich 
heisst denn: sich im Sinne der Handwerker gegen die von ihnen be- 
klagte Concurrenz principiell entscheiden — heisst das nicht auch : 
sich gegen die Folgen der in unserer Zeit eingetretenen Verkehrser- 
leichterung durch Einführung der Maschinenai'beit für die Transport- 
leistung mittelst der Eisenbahnen entscheiden ? ! Das liegt auch im 
Allgemeinen vollkommen im Bewusstsein der Handwerker, wenn auch 
die Einzelnen mit ihren Begründungen wieder solchen Gegensätzen und 
Widerspi'üchen verfallen, wie wir sie vorher hinsichtlich der Maschinen- 
erzeugnisse bekräftigt haben. Viele Leute sind zwar nicht einsichtig 
oder unparteiisch genug, um neben dÄn Segnmigen, welche die Eisen- 
bahnen auch dem" Handwerksmann als Consumenten , dann auch als 
Produzenten, sei es für seinen bisherigen Geschäftsbetrieb , sei es für 
einen neuen oder veränderten bringen , das Zugeständniss zu machen, 
dass gerade auch erst diese modernen Transportmittel und möglicher- 
weise sie allein jene Concurrenz ihm zugebracht haben. Es ist das 
aber in der That ganz sicher nachzuweisen und die Wichtigkeit der 
Sache wird es rechtfertigen, wenn wir ausnahmsweise einmal wenigstens 
etwas ausführlicher begründen, als es uns sonst die Rücksicht auf den 
uns hier gebotenen Raum gestattet '). 

Wir wollen nicht einmal davon reden, was die Eisenbahnen für 
viele Handwerksleute dadurch bringen, dass sie tlieils im Grossen, 
theils local die bestehenden Richtungen der Verkehrswege ändern und 
dass diese neuen Trausportmittel auf einer andern Technik beruhen 
wie die früheren. Aber das muss hervorgestellt werden, dass die Ver- 
sendungsfähigkeit von Sachgütern jeder Art, Industrierzeugnissen wie 
Bodenproducten, abgesehen von Hindernissen der Gesetzgebung über 
den Verkehr, durch ihren Verkaufspreis am Erzeugungsorte, ihren Preis 



') Siehe einiges Ausführlicliere in meinem Aufsatz : „lieber die Störungen, 
welche die Eisenbahnen in dem Geschäftsbetrieb kleiner Leute hervorzurufen 
pflegen", in dem „Jahrbuch für Gewerbe, Industrie, Handel und Volkswirth- 
schaft. Oestreichischer Kalender auf 1855. Brunn 1851." 



— 347 — 

auf dem auswärtigen Markte und die Transportkosten zwischen 
beiden bestimmt wird. Güter können liöchstens so weit hin versendet 
werden, dass der erste mit den letzten zusammen dem zweiten gleich- 
kommt. Daher vermittelt jede Verminderung der Transportkoston eine 
Versendungsfiihigkcit der Güter auf grössere Entfernungen hin, andere 
macht sie zum ersten Male versendungsfähig, nämlich alle, deren Ver- 
kauf auf auswärtigen Märkten nur durch die früher bestehende Höhe 
der Transportkosten verhindert war. An den einzelnen Orten werden 
also jetzt Verkäufer mit ihren Waaren zum ersten Mal auftreten oder 
erst jetzt mit niedrigeren Preisen die Käufer für sich gewinnen kön- 
nen. Es wird eben eine Concurrenz eintreten können , Avelche , wenn 
sie wirksam sein soll, irgend einen Vorzug des neuen Verkäufers zur 
nothw endigen Voraussetzung hat, weil der am Ort befindliche Hand- 
werker immer noch den, wenn auch stark verminderten Satz der Trans- 
portkosten für sich hat. Dieser Vorzug des auswärtigen Concurrenten 
kann freilich auf sehr verschiedenen Dingen beruhen. Einmal auf bes- 
seren persönlichen Leistungen desselben als Geschäftsführers und Ar- 
beiters. Er liefert wohl bessere Waare, weil er solider, aufhierksamer, 
geschickter arbeitet; er liefert Willkomm nere Waare, weil er aus- 
schaut nach den Wünschen der Abnehmer; er liefert billigere Waare, 
weil er mit rascherem Fleiss arbeitet, den Fortschritten in der Technik 
seines Gewerbes folgt, häuslicher wirthschaftet. Die mehrfache Art und 
Weise, wie die Eisenbahnen den Transport erleichtern, bringt es mit 
sich, dass von einer derartigen Concurrenz gar viele Gewerbe heim- 
gesucht werden können. Weil jetzt der Transport viel rascher und 
häufiger sich vollzieht, verliert z. B. der Bäcker und der Metzger, der 
Conditor, der Gemüsegärtner den Schutz, welchen sie an der raschen 
Vergänglichkeit ihrer Waare besassen. Weil jetzt der Transport für 
schwere und voluminöse Gegenstände verhältnissmässig noch mehr 
erleichtert ist, als der für leichtere, so sind die Schreiner, die Instru- 
mentenmacher und so viele Verfertiger von Eisen-, Holz- und Stein- 
waaren nicht mehr durch das grosse Gewicht ihrer Handwerksproducte 
beschirmt. Weil jetzt selbst die unterste Volksklasse weit mehr und 
billig reist, so kann auch der auswärtige College des Schneiders oder 
Schuhmachers an Ort und Stelle blasse nehmen. — Es kann aber auch 
mittelst der neuen Transporterleichterung an einem Orte zum ersten 
Male eine solche von auswärts kommende Concurrenz auftreten, welche 
besondere Vortheile in der Güte oder Wohlfeilheit des Rohstoffes oder 
in der Niedrigkeit des Arbeitslohnes für ihren Geschäftsbetrieb voraus 
hat. Es ist freilich wahr, dass unsere Transporterleichterungen auch 
entschiedene Ausgleichung der Arbeitslölme für Gesellen und Gehülfen 



— 348 — 

begünstige! '"'(id den Bezug des besseren Rohstoffes aus der Ferne 
mit weit geringeren Kosten möglich machen. Immer aber wird doch 
miter den zutreffenden Bedingungen ein gewisser Vorsprung des aus- 
wärtigen Verkäufers verbleiben können, mid mag dieser Vorsprung 
auch klein sein, die Bedingungen der concurrii-enden Production sind 
heutzutage der Art, dass kleine, aber unerreichbare Vorsprünge auf 
dem Vei-kaufsmarkte entscheiden. Weiterhin kann auch noch die neu 
auftretende Concurrenz von capital stärkeren Geschäftsunternehmungen 
ausgehen, gleichviel in welchen besonderen Formen die Wirkungskraft 
des grösseren Capitales von ihnen ausgebeutet wird. Natürlich ist die 
Geltendmachung der Vortheile eines solchen Betriebes nicht erst eine 
Folge des Auftretens der Eisenbahnen. Sie hat sich lange vor ihnen 
gezeigt, aber die mit den Eisenbahnen herbeigeführte Transporterleich- 
terung begünstigt sie ausnehmend, indem sie theils auswärtigen, theils 
selbst einheimischen Unternehmungen den grossen Absatzmarkt ver- 
schafft, dessen sie eben bedürfen. — Man sieht nun gleich, dass wir 
dem Handwerker gegenüber diese Fälle nicht in dasselbe Licht stellen 
können. Wo er blos zum ersten Male mit der vorzüglicheren persön- 
lichen Thätigkeit des Ausheimischen concurriren muss, werden wir ihm 
zurufen, er möge es auch so machen, er habe auf dem Wohnplatze 
immer noch die geographischen Vortheile für sich und finde ja gerade 
so für sich Gelegenheit, dem Ausheimischen Concurrrenz zu machen. 
Für die anderen Fälle wäre diese Rede unverständig. Nichts desto- 
weniger sehen wir gleich, dass es den Consumtionsinteressen des Vol- 
kes gleichgiltig sein wird, auf welcher speciellen Bedingung die Er- 
leichterung nnd Verbesserung beruht, die so wohlthätig verspürt wird, 
und wir können kaum glauben , dass in einem gemeinverständigen 
Menschen der Gedanke erklungen sei, ein Volk werde Hunderte von 
Millionen dazu verwenden, den Transport und Verkehr zu beschleuni- 
gen und zu verwohlfeilen, um sich hinterdrein — — den Effect der 
Transpoi'terleichterung wieder zu beseitigen! 

Bei einem Ueberblick der Gesammtlage der Dinge mag mau also 
schon bereit sein, nicht nur die Thatsache eines über die kleine Ge- 
werbsarbeit in Folge der modernen wlrthschaftlichcn Entwicklung her- 
eingebrochenen Druckes anzuerkennen, auch denselben keineswegs allein 
in die verkümmerte Leistungsfähigkeit der Handwerker setzen mögen, 
nichts desto weniger wird man die Ueberzeugung gewinnen, dass es 
sich hier um die Ergebnisse, um die Wirkung eines auf dem Gesammt- 
geblete unseres Lebens zur Herrschaft gelangten Grundtriebes handelt, 
den man durch einen Rückgriff zu den Beschräukungsmassregeln für 
den gewerblichen Betrieb, welche mit einer früheren Periode standen 



— 349 — 

und fielen, ebenso vergeblich wie gcincinschädlich bekämpfen würde. 
Sieht man von Kleinem und Einzelnem ab, sowie von oft so lebhaften 
Zänkereien iimerhalb der städtischen Handwerksbetriebe selbst über 
stricte Abgrenzung der Leistungen der Gewerke u. s. w., so gewahrt 
man, dass die Forderungen von Concurrenzbeschränkungen auf per- 
sonalem Gebiet sich gegen den Thatbestand unserer allgemenschlichen 
Ueberzeugungen imd politisch rechtlichen Grundsätze erheben ; dass 
die von localer Art unser Yolksgefühl gegen sich haben und den 
Alles durchdringenden Zug nach Verkehrs- und Transporterleichterun- 
gen mit seinen schon eingetretenen unabsehbaren Erfolgen bekämpfen 
müssen ; dass die mit dinglichem Charakter wähnen den Triumph 
der Entdeckungen des Menschengeistes über die Wirkungskräfte des 
Capitales und insbesondere auch die Maschinenkräfte in den Händen 
des Arbeitenden aufhalten zu können, imd dass sie alle sich gegen 
den wirthschaftlichen Vortheil der Consumenten erheben und das grosse 
Grundgesetz für die moderne Production verletzen: den Eigen vor- 
theil durch Leistungen für die Bedürfnisse der Andern, 
für den Gemeinnutzen zu erzielen. 

So muss denn auch insbesondere der Handwerkerstand selbst 
darauf verzichten, in solchen Concurrenzbeschränkungsmassregeln eine 
ausgiebige und dauernde Hilfe gegen die Gefährdung seines Erwerbes 
erfassen zu wollen, die Zukunft seines Geschäftes auf sie allein zu 
stellen. Es haben ja schon in der That manche dem Handwerkerstand 
durchaus wohlmeinende Männer der Wissenschaft, wie auch Regierun- 
gen, erschreckt durch die Verkümmerung so vieler ehrenwerthen Haus- 
haltungen, grosse Anstrengungen gemacht, um dem Handwerker auf 
jenem, ihm regelmässig so erwünschten Wege Hilfe zu bringen. Aber 
die Erfolge sind ausnehmend gei-ing ausgefallen. Die widerstrebenden 
Kräfte brachen sich bald wieder geradeaus oder auf Umwegen freie 
. Bahn. Der Handwerker selbst blieb durchaus unbefriedigt und erhebt 
nur immer wieder den Kuf: neue Beschränkungen, weiter rückwärts! 
Und dieses ,,immer weiter rückwärts", diese nothMendige Consequenz 
einer kräftigen principiellen Entscheidung ist es eben vorzugsweise, 
auf welche imsere Grundlinien zur Beurthellung dieser Frage hin- 
zuweisen haben. Bedeutsame Umbildungen wollen Zeit haben ; sie 
vollziehen sich oft langsam imd stellenweise, intermittirend und nicht 
Erfolge des reagirenden Gegenstosses — aber doch unaufhaltsam. Die 
Menschen haben sich in imserer Zeit daran gewöhnt , die politischen 
Ordnungen und Einrichtungen des Staates als ein grosses Ganze an- 
zusehen. Man findet es naturgemäss, dass die in dem politischen Ge- 
meinwesen tonangebenden Grundideen und Kiäfterichtungen an jeder 

Wissenschaftliche Monatsschrift. 22 



— 350 — 

Stelle zum Durchbruch gelangen und begreift leicht die Forderung, 
dasä das Einzelne und Kleine an jeder Stelle sich dem Grossen 
und Ganzen unterordne, mit ihm in Uebereinstimmung setze. Man 
weiss und hat es erfahren, dass Widerstand an vereinzelter Stelle 
sich aufgeben muss oder gebrochen wird. Auf dem Gebiet der wirth- 
schaftlichen Erscheinungen setzt sich in jeder Zeit ein ähnlicher Zu- 
sammenklang durch zwischen dem , was man die tonangebenden 
Grundrichtungen und epochemachenden Thatsachen nennen kann und 
allen jenen tausendfältigen Kreisen, in denen Menschen im Kleinen 
und wie vereinzelt an der Gesammtaufgabe der ökonomischen Tliätig- 
keiten mitwirken. Dieser Zusammenhang zwischen Grossem und Klei- 
nem, zwischen dem Ganzen und allen Theilen in der wirthschaftlichen 
Welt ist noch nicht Gemeingut für das Verständniss der Zeitgenossen 
geworden und wir sind weit davon entfernt, eine nothwendige Ent- 
wicklung zu beherrschen, indem wir uns mit Willen und Bewusstsein 
in ihre Lehren stellen. Man streitet sich gewisser und länger, ob es 
auch möglich sei , dass grosse Veränderungen in dem Hergebrachten 
gewaltige Ersclieimmgen einer „allgemeinen" Verbesserung an einzel- 
nen Stellen auch Leid und Noth hervorrufen können, als man sich 
beeilt, diese blos zu legen, zu analyslren und zu mildern, und hat 
mehr Muth und Geduld , sich in einem Kampf gegen das Eindringen 
des Neuen zu zerarbelten als Entschlossenheit und Freude , den Segen 
desselben gerade auch für die verwundeten Stellen fliessen zu machen. 
Der Handwerkerstand wie wir ihn im Grossen in unserer Zeit vor 
uns sehen, hält noch ziemlich unentwegt zu seinen bald weiteren bald 
engeren Forderungen von Concurrenzbeschränkungen als der Haupt- 
sache und dem dauernden Heil für Ihn. Aufgewachs